Zwölftes Kapitel.
Aus Marthas Tagebuch.

Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:

»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.

Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.«

Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens geben.«

Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst teilnehmen.

Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte Zeit einzuholen, nach Hause.

Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der Hand; da rief Mutter:

»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«

»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges Nötige herbei.

So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«

»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits dadurch ein reicher Mann geworden.

»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.

»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine erbitterte Rothaut schlug.«

Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. Mutter schauderte und rief ängstlich:

»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten Heimat zu verleben?«

»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«

Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:

»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf die Uhr und meinte:

»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor ich abreise.«

»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. »Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen vermöchte.«

»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:

»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«

»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft Schweres auferlegt, gern dankbar sein.