Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe.
Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten. Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«
Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.
So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh« näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara, bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist, ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern! Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen, was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle.
So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend:
»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen, mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:
»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?«
Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen:
»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«
»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier; mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß du ihn auch kennen lernst?«
Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen, aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:
»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm, während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes Gesichtchen war von Thränen überflutet.
»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat dringend:
»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?«
»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«
»Aber?« frug ich dazwischen.
»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –«
»Weil – – –?« drängte ich sie.
»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer, hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen, daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte.
Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm spielten und ihre Possen treiben.
Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten.
Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte zuletzt, wie sie sagte:
»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.«
Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt, der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18 Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies wunderte mich sehr.