Neunzehntes Kapitel.
Das Kränzchen.

Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig herauslugte.

»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf. In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten – das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern und Neuigkeiten auszutauschen!

»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum. Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die dampfende Schokoladenkanne herbei.

»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen, »Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute weiß ich von keiner.«

»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz der Kopf von dem vielen Denken.«

»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat zuletzt darin bestand, daß sie meinte:

»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.«

»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück selbstgebackenen Kuchens belohnen.«

»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen nicht.«

»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.«

»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber Papa haben, wenn er das erfährt.«

»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N. geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«

»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke, das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in ein Institut zu kommen.«

»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich werde ich euch entbehren!«

»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?«

»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute Stütze werden.«

»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten; dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend:

»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«

»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort. »Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt, und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch zeigen?«

Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte:

»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir rasch beginnen.«

Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!«

Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen. Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und vertraut schien.

»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief:

»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?«

»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«

»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das ist zu viel, zu viel des Glücks!«

Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging.

»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen. »Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?«

»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:

»Weiß es denn Mütterchen schon?«

»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.«

»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen, in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten.