Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen. Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der Mutter Schutz sucht.
Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es wohl da unten zu schauen gebe.
Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner einem kleinen Herrenhütchen bestand.
Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die Thür des Hauses trat.
»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –:
»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«
Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen.
Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an, dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:
»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?«
»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.«
»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«
Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie hinüber nach Deutschland zu begleiten.
»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte, während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot.
»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten.
»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante, indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb zerstreut ein.
»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«
»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen Schutz!«
»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,« erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben können!«
»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft.
»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.«
»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde haben, dich so allein zu wissen.«
»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.«
»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen, durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt, daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle, herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.
Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.
»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«
»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.