Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum zweitenmale.
In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.
»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer wieder.
»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt, »ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.«
»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu, ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra, nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen Lebensziel entgegen.
Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten.
Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.