Erstes Kapitel.
Der Geburtstag.

Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken.

»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!«

Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten, eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.

Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf, sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten, sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die Eltern und Geschwister versammelt waren.

Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und schier erschrocken stehen.

Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten – kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.

Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen« schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!«

Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet, dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen.

Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:

»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.«

»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte, da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den Boden und schluchzte und schrie:

»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!«

Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat:

»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf, sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.«

Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen« geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt, das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie sich schon so lange gefreut hatte.

So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand; all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren, vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken.

Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus und fing von neuem an, bitterlich zu weinen.

»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor. Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte:

»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.«

»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?«

»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst:

»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird. Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann. Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden, so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter, wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen, Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe. Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen gehören, mein Aennchen?«

»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen dasaß.

»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf dich.«

Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde! Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen:

»Aennchen, Aennchen!«

»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich kaum vor Freude und die Geschwister riefen:

»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.«

Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem Vergnügen teilnehmen.

Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr:

»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so unartig gewesen bin?«

Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort.