Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.
Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng entgegen und faßte sie bei der Hand:
»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung vorbringen muß?«
»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.
»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.
»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, schlüpfte sie auf ihren Platz.
Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:
»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s sieht!«
Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?
»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.
»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«
»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn nicht gut verwahrt?«
»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich alles liegen und sprang davon.«
»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, »denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen können.«
Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!
In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.
Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.
»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«
»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«
Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.
Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte hämisch:
»Wie eine Gauklerin!«
Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen stürzte sie auf die Sprecherin zu:
»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich zurück!«
Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«
Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!
Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut gefiel Aennchen das schöne Lied:
Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als »treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!
Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, was man begehen könnte!«
So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus gebracht?«
Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr der Mutter und flüsterte:
»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«
Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun nichts werden.«
Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise: