Fünftes Kapitel.
Lehrstunden.

Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden, daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern.

So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden, wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit. Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es versuchen zu lassen.

Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus, und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.

In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar leicht dem Gedächtnis ein.

Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende ging, baten gar oft die Kinder:

»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.«

Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:

»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder »Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt ihrem Gesang.