»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd:
»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte bei dir genieren den ganzen Tag.«
»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit trennten sich die Freundinnen.
Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte:
»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon.
Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst Sorge tragen.
Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube: »Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?«
»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus.
Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich darin aus.
Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen, ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne lustig in die Welt hinauswehte.
Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus hervor und dem Gaste entgegen.
»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:
»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«
Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das Zimmer.
»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,« sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz, was man sich nur denken kann.
Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber sah ganz gleichgiltig aus und meinte:
»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.«
»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.
»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit ihr fertig.«
Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie, »wo ist sie denn?«
»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«
»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf bestanden hat.«
Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben.
Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, in dem Heukasten.
»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über das seltsame Betragen dabeistand.
»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so stürmisch, wir könnten herausfallen.«
»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen. So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten hin die Räder und Kissen auseinander flogen.
Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall.
Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern.
»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte sie.
Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.«
Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu, daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen. Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:
»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif.
»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.«
Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und fragte:
»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?«
»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine Hand zum Kuß reichte.
»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –
»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften die Mädchen das Zimmer verlassen.
Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen:
»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?«
»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«
»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«
»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich:
»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu.
»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.
»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht da ist, so kann es uns niemand verbieten.«
»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.«
»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße, »du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte, es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann, ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie:
»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe.
Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte, an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn, bevor er sich selbst hinein schwang.
»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden Freundin am Boden.
»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche Gesichtchen betrachtend.
»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung nachfolgt.«
»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?«
»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich.
»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte das alles im Augenblick vergessen.
Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und behauptete, sich ganz wohl zu fühlen.
Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug, und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend. Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der verunglückten Kahnpartie verraten.
»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie es doch.
Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes Daheim und sprach leise vor sich hin:
»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«
Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.