Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie in der großen Prüfung gut bestanden hatte.
Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.
»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«
Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort auf des Herrn Kommissars Rede:
»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«
Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen Gelehrten getrunken wurde.
Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr mit vorrücken durfte.
Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.
Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.
Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer Tagesausflug veranstaltet werden.
Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.
Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie habe keine Lust, sich damit zu belasten.
Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über Stock und Stein davon.
Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte. Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in einem zierlichen Täschchen bei sich trug.
»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu genommen – da werden wir wohl reichen!«
Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese aber tröstete sie:
»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.«
»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück. »Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!«
Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen das schöne Wanderlied zu singen:
Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«
Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.
Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer entgegen.
»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«
»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. So brauchen sie sich nur zu wählen.«
»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«
Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und Aennchen kam und frug:
»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:
»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«
Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.
»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«
Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer Miene befahl:
»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«
Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem Mahle.
Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.
»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«
Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem Walde antraten.
Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern gegangen waren.
»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen für so junge Fräuleins.«
»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen sind.«
Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!
Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor Entzücken.
Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum hindurchzuwinden vermochten.
Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man sich auf einer Anhöhe befand.
»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«
»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.«
»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.«
»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um uns würde.«
Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten, es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten.
Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters. Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben schossen tief am Boden hin.
Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle, durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge, aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden, wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen.
Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken!
Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen begann:
»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie unheimlich das aussieht.«
»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde hinzufegen.
Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.
Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun langsam rieselnd zu Boden sickerten.
Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die Erde auszubreiten.
Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung, auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.
An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein kunstvolles silbernes Kruzifix herab.
Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden, die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland hinüber. – –
Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte Stimme des fremden Mannes frug:
»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«
Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den Kopf.
»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein; meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«
Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:
»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt, die uns das Frühstück besorgen soll.«
Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande, wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.
»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?«
Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.
»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch, was du kannst.«
Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich in einem Husch zum Davonlaufen.
»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf hinunter zeigen kannst.«
Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu erzählen anfing.
»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.«
»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach, was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus vorfand!«
»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein Stückchen begleiten!«
So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe. Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen Kräften bei.
»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft:
»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!«
Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand, dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen zurief:
»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause komme.«
Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem Finger darauf hinwies:
»Seht, da bin ich zu Hause!«
Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken:
»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich aber laufen, soviel ich kann.«
Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und rief munter:
»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie wird euch sicher willkommen heißen.«
Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und rief ihr ins Ohr:
»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie mit mir geschickt hat!«
»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.«
Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr gerne geladen sein.«
Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und rief:
»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«
Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf, zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom Tisch auf und rief:
»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird dann schon weiter für euch sorgen.«
Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC aufzusagen – abcdefghiklmnop, und die Stimme des Lehrers schallte oft verweisend laut dazwischen.
Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen:
»Herr Lehrer, es klopft!«
»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr habt nur wieder Dummheiten im Kopf.«
»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase, auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin- und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres Fortkommen sorgen möge.
»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden.
»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der Herr Lehrer sagte nur:
»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.«
So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank, während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne – die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu unterstützen.
»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein, Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte, stotterte unsicher: »A– A– – A– –«
»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam« schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle Fälle noch einen Gedenkzettel geben.«
Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter, welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz erschöpft innehalten mußte.
»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer Junge und sprang von seiner Bank auf.
»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’ der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres Aergernis entstehe.«
Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:
»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.«
Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach:
»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.«
Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren. Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien, Nachricht zu geben.
Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz atemlos zurückgelaufen:
»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt, den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand gedrückt.
»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.
Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden, nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses Gewissen.
»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem Perron.
»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte. So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten, aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien.
Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte, und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel ein Briefchen zusammen zu schreiben.«
Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.
Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja schon ganz gesprungen gewesen.
Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete: