Fußnoten:
[1] Die Bezeichnungen starke und schwache Deklination sind ebenso wie das Wort Umlaut von Jakob Grimm gebildet.
[2] Einige Wörter, wie Auge, Bett u. a., werden in der Einzahl stark, in der Mehrzahl schwach dekliniert. Diese faßt man als gemischte Deklination zusammen.
[3] Mit Ausnahme von Friede und Gedanke, die im Mittelhochdeutschen (vride, gedanc) zur starken Deklination gehörten.
[4] Auch der Nominativ Felsen neben Fels ist auf diese Weise entstanden; das Wort gehört ursprünglich der starken Deklination an, daher ist gegen die Dativ- und Akkusativform Fels (Vom Fels zum Meer) nichts einzuwenden.
[5] Etwas andres ist es in Fällen, wo die falsche Form die alte, richtige aus dem Sprachbewußtsein schon ganz verdrängt hat, wie bei Braten, Hopfen, Kuchen, Rücken, Schinken u. a., die im Mittelhochdeutschen noch brate, hopfe usw. hießen.
[6] Der Apostroph sollte nur da angewandt werden, wo er eine Verwechslung verhüten kann, z. B. zwischen dem Präsens rauscht und dem Imperfektum rauscht’ (Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll), oder zwischen der Einzahl Berg und der Mehrzahl Berg’ (über Berg’ und Täler). Hier bedeutet er wirklich etwas, und hier kann man ihn bei gutem Vorlesen sogar – hören!
[7] Diese schwache oder aus schwacher und starker gemischte Deklination der Eigennamen war früher noch viel weiter verbreitet. Nicht bloß Schwarz und Schütz wurden dekliniert Schwarzens, Schwarzen, Schützens, Schützen, weshalb man aus den casus obliqui nie entnehmen kann, ob sich der Mann Schwarz oder Schwarze nannte; auch von Christ, Weck, Frank, Fritsch bildete man Christens, Christen, Weckens, Wecken, Frankens, Franken, Fritschens, Fritschen (Leipzig, bei Thomas Fritschen). Daher findet man in antiquarischen Katalogen Christs Buch „Anzeige und Auslegung der Monogrammatum“ meist unter dem falschen Namen Christen, Wecks Beschreibung von Dresden meist unter dem falschen Namen Wecken aufgeführt; auf den Titelblättern steht wirklich: von Christen, von Wecken. Die berühmte Leipziger Gelehrtenfamilie der Mencke, aus der Bismarcks Mutter abstammte, war durch ihre casus obliqui so irre geworden, daß sie schließlich selber nicht mehr wußte, wie sie hieß; deutsch schrieben sie sich Mencke, aber latinisiert Menckenius. Aber auch bei solchen Genitiven auf ens richtet der Apostroph oft Unheil an. An Stieglitzens Hof am Markt in Leipzig steht über dem Eingang in goldner Schrift: Stieglitzen’s Hof – als ob der Erbauer Stieglitzen geheißen hätte. Und welche Überraschung, wenn einem der Buchbinder auf einen schönen Halbfranzband gedruckt hat: Hans Sachsen’s Dichtungen!
[8] Wie lange soll übrigens noch in der deutschen Schrift der Zopf der römischen Ziffern weitergeschleppt werden? Warum druckt man nicht Heinrichs 8., Ludwigs XIV.? Auch in andern Fällen werden die römischen Ziffern ganz unnötigerweise verwandt. Warum nicht das 12. Armeekorps, warum immer das XII. Armeekorps? Fast alle unsre Historiker scheinen zu glauben, es klinge gelehrter, wenn sie schreiben: im XVIII. Jahrhundert. Eigentlich sollte man im Druck überhaupt Ziffern nur für das Datum und für rechnungsmäßige, z. B. statistische, finanzielle, astronomische Angaben verwenden, also nicht drucken: Unser Leben währet 70 Jahre. Vornehme Druckereien haben sich auch früher so etwas nie erlaubt. Von den Zifferblättern unsrer Uhren verschwinden erfreulicherweise die römischen Ziffern immer mehr.
[9] Daher schreibt man auch auf Büchertiteln: Von Pfarrer Hansjakob, von Prof. A. Schneider (statt von dem Professor), wo bloß der Titel gemeint ist.
[10] Geschmacklos ist es, vor derartige Appositionen, wo sie wirklich den Beruf, das Amt, die Tätigkeit bedeuten, noch das Wort Herr zu setzen: der Herr Reichskanzler, der Herr Erste(!) Staatsanwalt, der Herr Bürgermeister, der Herr Stadtverordnete, der Herr Vorsitzende, der Herr Direktor, der Herr Lehrer (die Herren Lehrer sind während der Unterrichtsstunden nicht zu sprechen), der Herr Königliche Oberförster, der Herr Organist, der Herr Hilfsgeistliche, sogar der Herr Aufseher, der Herr Expedient, die Herren Beamten usw. Wenn das Herr durchaus zur Erhöhung der Würde dabeistehen soll, so gehört es unmittelbar vor den Namen: der Abgeordnete Herr Götz, der Organist Herr Schneider, der Hilfsgeistliche Herr Richter usw. Fühlt man denn aber nicht, daß der Reichskanzler, der Bürgermeister und der Direktor viel vornehmere Leute sind als der Herr Reichskanzler, der Herr Bürgermeister und der Herr Direktor? Wie vornehm klangen die Theaterzettel der Meininger, wie lächerlich klingt eine Liste der Prediger des nächsten Sonntags, wenn sie alle vom Superintendenten bis herab zum letzten Kandidaten als Herren aufgeführt sind! Das allerlächerlichste sind wohl die Herren Mitglieder. Wie heißt denn davon die Einzahl? der Herr Mitglied? oder das Herr Mitglied?
[11] Obwohl sich schon im fünfzehnten Jahrhundert in Urkunden findet: das Haus, das Peter von Dubins (Peters von Düben) oder das Nickel von Pirnes (Nickels von Pirne) gewest, als das Gefühl für den Ortsnamen noch viel lebendiger war als bei unsern heutigen Adelsnamen.
[12] In München und in Wien fahrt man in Wägen! Die Nägel, die Gärten u. a. sind freilich schon längst durchgedrungen, während es im sechzehnten Jahrhundert noch hieß: die Nagel, die Garten.
[13] Ausgenommen sind nur Mutter und Tochter, die zur starken, und Bauer, Vetter und Gevatter, die zur gemischten Deklination gehören. In der Sprache der Technik aber, wo Mutter mehrfach im übertragnen Sinne gebraucht wird, bildet man unbedenklich die Muttern (die Schraubenmuttern).
[14] Vereinzelt ist auch in Fachkreisen die alte Form lebendig geblieben. Der Leipziger Zimmermann sagt noch heute: die Bret, die Fach, nicht die Bretter, die Fächer.
[15] Als die Schlösser aufkamen, müssen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwa dasselbe gefühlt haben, was man heute fühlen würde, wenn jemand von Rössern reden wollte.
[16] Faß e mal das Ding an den Dingern hier an, daß die Dinger drinne nich gedrückt werden. D. h. fasse den Korb an den Henkeln hier an, daß die Hüte drin nicht gedrückt werden.
[17] Auch bei Lohn sind seit alter Zeit beide Geschlechter üblich: aber auch hier hat das Neutrum jetzt einen niedrigen Beigeschmack. Dienstmädchen verlangen hohes Lohn, Gesellen höheres Macherlohn oder Arbeitslohn; aber jede gute Tat hat ihren schönsten Lohn in sich selbst.
[18] Wenn ein Hauptwort in seinem Geschlecht schwankt, so hat das Neutrum nicht selten etwas gemeines. Es hängt das damit zusammen, daß nicht bloß der ungebildete Fremde, der des Deutschen nicht mächtig ist, alle deutschen Hauptwörter im Zweifelfalle sächlich behandelt (das Bruder, das Offizier, das Kutscher), sondern auch der ungebildete Deutsche ebenso mit Fremdwörtern verfährt. Man denke nur an die unausstehlichen Neutra unsrer Handlungsreisenden, Ladendiener, und Ladenmädchen: das Firma, das Fasson, das Etikett, das Offert, das Makulatur! Das neueste ist das Meter, das die Handlungsdiener und Ladenmädchen doch wahrhaftig nicht dem griechischen μέτρον zuliebe plötzlich als Neutrum behandeln!
[19] Vielleicht ist es dort über die Niederlande aus dem Französischen eingedrungen; dann würde es schließlich auch auf die romanische Quelle zurückgehen.
[20] Von Wörtern weiblichen Geschlechts wird immer der Plural gebildet: zwei Mandeln Eier, drei Ellen Band, sechs Flaschen Wein, zehn Klaftern Holz, vier Wochen alt.
[21] Wenn aber ein Antiquar in einem Katalog von einem wertvollen alten Druck sagt: Sechs Blatt sind stockfleckig, so ist das natürlich falsch.
[22] Genau genommen wird freilich auch nicht vereiteln, verändern gesprochen, sondern vereitln, verändrn, l und r werden gleichsam vokalisiert. Aber gemeint ist doch mit dieser Aussprache eln, ern, nicht len, ren. Eigentlich gehören auch noch die Wortstämme auf en hierher, wie rechen, zeichen, orden, offen, eben, eigen, regen (vgl. Rechenschaft, Eigentum, Offenbarung). Die Infinitive können da natürlich nur rechnen, ordnen, eignen lauten; die flektierten Formen aber, die wir jetzt leider allgemein zeichnet, zeichnete, öffnete, gerechnet, geordnet, geeignet schreiben, lauteten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert noch überall schöner: zeichent, gerechent, geordent, geeigent. Der Volksmund spricht auch heute noch so, selbst der Gebildete sagt – er mag sich nur richtig beobachten –: es regent, es regente, es hat geregent (genau genommen freilich auch hier wieder regnt, geregnt, mit vokalisiertem n). Nur wer sich ziert, wer „wie gedruckt“ redet, sagt: ausgezeichnet! Net, womöglich nett! Man muß ja förmlich eine Pause machen und Kraft sammeln, um das net herauszubringen! Unsre besten und hervorragendsten Zeitschriften brauchten nur einmal die vernünftigen Formen zeichent, öffent, zeichente, öffente, gezeichent, geöffent eine Reihe von Jahren beharrlich drucken zu lassen, so wären sie wieder durchgedrückt. In atmen (Stamm atem) hat natürlich das Stamm-e ausgeworfen werden müssen, weil atemn niemand sprechen kann; für atmet hört man aber im Volksmunde auch oft genug atent, wie denn auch schon in der ältern Sprache Aten neben Atem erscheint, (und wie auch bodem, gadem, besem, busem zu Boden, Gaden, Besen, Busen geworden sind).
[23] Auch wenn ein Schriftsteller die schönen, kräftig klingenden Formen geschrieben hat, werden ihm in den Druckereien stets die garstigen weichlichen Formen oder gar die Formen mit zwei e daraus gemacht, die gar niemand spricht (anderen, unseren). Die Schriftsteller sollten sich das nur ernstlich verbitten, dann würde dem Schlendrian schon ein Ende gemacht werden. Zu Schillers und Goethes Zeit waren in allen Druckereien noch die Formen mit vollem Wortstamm das selbstverständliche.
[24] Früher hat man freilich auch so gesagt. Im siebzehnten Jahrhundert: nach gepflogner reifen Beratschlagung; Lessing: aus eigner sorgfältigen Lesung.
[25] Das vernünftigste wäre natürlich, man setzte den Artikel und sagte: Verein der Berliner Künstler. Es brauchten doch deshalb nicht alle dabei zu sein. Wer nicht mittun will, läßts bleiben.
[26] Der Fehler ist, wie die ganze Phrase und wie so vieles andre heute in unsrer Sprache, eine Nachäfferei des Englischen. Im Englischen wird on board mit dem Akkusativ verbunden (to go on board a ship – on board Her Majesty’s ship Albert). Aber was geht das uns an?
[27] Beim Dichter läßt man sich gefallen: drum komme, wem der Mai gefällt, und freue sich der schönen Welt und Gottes Vatergüte (statt der Vatergüte Gottes).
[28] Völlig unsinnig ist natürlich: es gibt kein leicht verdaulicheres Mehl als Rademanns Kindermehl.
[29] Aus diesen Genitiven sind dann, indem man sie als Nominative auffaßte (mein wie klein) und nun aufs neue deklinierte, die besitzanzeigenden Eigenschaftswörter mein, dein, sein, unser, euer, ihr entstanden. Früher nahm man an, daß auch in den Anfangsworten des Vaterunsers das unser der nachgestellte Genitiv von wir sei (nach dem griechischen πάτερ ἡμῶν). Wahrscheinlicher ist, daß es hier doch das besitzanzeigende Eigenschaftswort ist (nach dem lateinischen Pater noster), das in der ältern Sprache auch nachgestellt werden konnte (in der gotischen Bibelübersetzung: atta unsar).
[30] Genitiv und Dativ von Eure Majestät, Eure Exzellenz heißen natürlich Eurer Majestät, Eurer Exzellenz. Völliger Unsinn aber ist, was man darnach gebildet hat: Eurer Hochwohlgeboren!
[31] Das Dativ-m hat Ungebildeten immer großen Respekt eingeflößt. Schrieb und druckte man doch sogar im achtzehnten Jahrhundert in Leipzig: der Gasthof zum drei Schwanen, der Riß zum Schlachthöfen. Man meinte natürlich zun d. i. zu den, getraute sich das aber nicht zu schreiben.
[32] Leute, die altertümlich schreiben möchten, z. B. Verfasser historischer Romane oder Schauspiele, greifen gern zu zween und zwo, haben aber gewöhnlich keine Ahnung von dem Unterschied der Geschlechter und machen sich deshalb lächerlich. Darum wohl gemerkt: zween war männlich, zwo weiblich, zwei sächlich.
[33] Auch diese Ausdrücke stammen von Jakob Grimm.
[34] Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, zurückführen.
[35] Das Niederdeutsche hat auch jug gebildet von jagen. Doch wird ein Unterschied gemacht. Bismarcks Vater brauchte jagte von der Jagd, jug von schneller Bewegung, z. B. schnellem Fahren. In Hannover sagt der gemeine Mann: ehe der Polizist die Nummer merken konnte, jug der Bengel um die Ecke.
[36] Viel zu ihrer Verbreitung haben wohl Scheffel und Freytag beigetragen, die sie beide sehr lieben.
[37] Die Grenzboten veröffentlichten 1882 ein hübsches Sonett aus Süddeutschland, das sich über das Vordringen der falschen Formen lustig machte. Es begann mit der Strophe:
Eine Anzahl von Zeitungen brachte dann elende Gegensonette, aus denen nichts weiter hervorging, als daß die Verfasser keine Ahnung von den Anfangsgründen der deutschen Grammatik hatten, und daß ihnen die falschen Formen schon so in Fleisch und Blut übergegangen waren, daß sie für das Richtige alles Gefühl verloren hatten.
[38] Wenn freilich Kindern, die im Elternhause noch richtig fragt und fragte gelernt haben, in der Schule das dumme frug in die Arbeiten hinein„korrigiert“ wird, dann ist nichts zu hoffen.
[39] Als eine Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß die Leipziger Buchbinder sagen: das Buch wird bloß geheftet, dagegen die Leipziger Schneider: der Ärmel ist erst gehoften.
[40] Diese Unterscheidung sitzt im Sprachgefühl so fest, daß mir sogar ein vierjähriges Kind auf meine bedauernde Frage: Du bist wohl gefallen? seelenvergnügt erwiderte: Ich bin nich gefallen, ich hab gehuppt.
[41] Bei brauchen darf natürlich zu beim Infinitiv nicht fehlen. Das hättest du ja nicht sagen brauchen – ist Gassendeutsch.
[42] Ebenso bei bleiben und haben: er ist sitzen geblieben (eigentlich: sitzend) – ich habe tausend Mark auf dem Hause stehen (eigentlich: stehend) – hat keiner einen Bleistift einstecken? (eigentlich: einsteckend). In der ältern Zeit schrieb man sogar: ein Büchlein, das man in Kirchen gebrauchen ist (statt gebrauchend) – wir sind euch dafür danken (statt dankend).
[43] Apotheker und, was man im Volke auch hören kann, Bibliotheker ist anders entstanden, es ist verstümmelt aus apothecarius und biliothecarius. Attentäter wurde anfangs nur als schlechter Witz gebildet (es hätte auch Täter genügt); aber törichte Zeitungschreiber haben es dann in vollem Ernst nachgebraucht.
[44] Kreidezeichnung, Höhepunkt und Blütezeit haben wir ja schon längst, und doch wurden auch sie anfangs richtig gebildet: Kreidenstrich, Höhenpunkt, Blütenzeit.
[45] Ein Jammer ist es, auf Weinkarten und Weinflaschen jetzt Liebfraumilch lesen zu müssen! Wahrscheinlich zur Entschädigung dafür schmuggelt man dann das en in den Niersteiner ein und nennt ihn – höchst verdächtig! – Nierensteiner (Nierstein ist nach dem Kaiser Nero genannt). Visitekarte, Manschetteknopf, Toiletteseife soll vielleicht Visittkarte, Manschettknopf, Toilettseife gesprochen werden – gehört habe ichs noch nicht, man siehts ja immer nur gedruckt; aber wozu die französische Aussprache?
[46] Freilich finden sich auch solche Zusammenleimungen schon früh. Schon im fünfzehnten Jahrhundert kommt in Leipziger Urkunden die Parthenmühle als Pardemöl vor. Im Harz spricht man allgemein und wohl schon lange vom Bodetal und vom Ilsetal.
[47] Ähnlich verhält sichs mit dem neuen Modewort Anhaltspunkt. Früher sagte man: ich finde keinen Anhaltepunkt, d. h. keinen Punkt, wo ich mich anhalten könnte (vgl. Siedepunkt, Gefrierpunkt). Daneben hatte man in demselben Sinne das Substantiv Anhalt; man sagte: dafür fehlt es mir an jedem Anhalt. Aus beiden aber nun einen Anhaltspunkt zu bilden, war doch wirklich überflüssig. Wahrscheinlich hat man geglaubt, damit einen feinen Unterschied zu schaffen zu den Anhaltepunkten auf den Eisenbahnen. Als ob Anhaltepunkt nicht ebensogut die Stelle bedeuten könnte, wo man sich anhält, wie die, wo man anhält!
[48] In Leipzig hält man sich ein Kindermädchen, auch wenn man nur ein Kind hat, in Wien eine Kindsmagd, auch wenn man sechs Kinder hat.
[49] Wofür man in Süddeutschland auch Wartsaal, Singstunde sagt, wie neben Bindemittel auch Bindfaden steht. Schreibpapier und Schreibpult spricht sich schwer aus, weil b und p zusammentreffen; man hört immer nur: Schreipapier. Darum ist wohl Schreibepapier vorzuziehen.
[50] Jean Paul hat schon 1817 einmal den Versuch gemacht, diese s-Krätze, wie er es nannte, zu bekämpfen, merzte auch aus einer neuen Auflage seines Siebenkäs alle falschen s aus. Es ist aber vergeblich gewesen. Und ebenso vergeblich wird es sein, daß es jetzt der Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Die Zukunft wieder versucht. Die Mitarbeiter sollten sich das einfach verbitten.
[51] Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt die greulichen Zusammensetzungen nicht.
[52] Unter den Hunderten mit Liebe gebildeten Zusammensetzungen haben nur wenige das s nicht: liebreich, liebevoll, liebeglühend, liebetrunken, liebedienerisch, Liebedienerei, einige wohl deshalb, weil hier mehr ein dativisches Verhältnis gefühlt wird.
[53] Wie man auch das Haus eines Mannes, der Plank hieß, das Plänkische Haus nannte, die Mühle in dem Dorfe Wahren die Währische Mühle.
[54] Daneben freilich auch schon vom Manesse-Kodex! Es wird immer besser. Vielleicht wird nächstens auch noch der Farnesische Herkules in einen Farnese’schen verwandelt, und der Borghesische Fechter in einen Borghese’schen.
[55] Auch die guten Pfefferkuchen, die Aachner Printen, sollen früher in Aachen selbst Aacher Printen geheißen haben. In vielen ursprünglich undeutschen (lateinischen, slawischen) Ortsnamen gehört das n zum Stamm; die bilden dann natürlich richtig Bozner, Dresdner, Meißner, Posner usw. Aber die guten Gießer hätten sich keine Gießener Neuesten Nachrichten aufnötigen zu lassen brauchen.
[56] Woraus die Kunsthistoriker „Hans Baldung, genannt Grien“, gemacht haben.
[57] Freilich sind Formen wie Jenaer und Geraer auch nicht besonders schön, so wenig wie die in Sachsen in der Schriftsprache beliebten Adjektivbildungen auf aisch: Grimmaisch, Tauchaisch, Bornaisch, Pirnaisch. In diesen Bildungen ist eine deutsche Endung an eine ganz unvolkstümliche, künstlich gemachte lateinische Endung gehängt. Der Volksmund kennt noch heutigestags nur die Städte Grimme, Tauche, Borne, Pirne und so auch nur die Adjektivbildungen Grimmisch, Tauchisch, Bornisch, Pirnisch, und es wäre zu wünschen, daß sich die amtliche Schreibung dem wieder anschlösse. So gut wie sich zu irgendeiner Zeit das Falsche amtlich hat einführen lassen, ließe sich doch auch das Richtige amtlich wieder einführen. Man pflegt jetzt eifrig die „Volkskunde“, sucht überall die Reste volkstümlicher alter Sitten und Gebräuche zu retten und zu erhalten. Gehört dazu nicht vor allem die Sprache des Volks?
[58] Der Unsinn geht so weit, daß man sogar feststehende formelhafte Verbindungen, wie: eine offne Frage, ein zweifelhaftes Lob, ein frommer Wunsch, blinder Lärm, auseinanderreißt, das Prädikat zum Subjekt macht und schreibt: die Frage, ob das Werk fortgesetzt werden sollte, war lange Zeit eine offne – dieses Lob ist doch ein sehr zweifelhaftes – dieser Wunsch wird wohl ewig ein frommer (!) bleiben – der Lärm war zum Glück nur ein blinder (!).
[59] Vgl. ein Schock frische Eier – ein Dutzend neue Hemden – eine Flasche guter Wein – mit ein paar guten Freunden – mit ein bißchen fremdländischem Sprachflitter.
[60] Den Inhalt eines Dramas kurz anzugeben, gehört zu den beliebtesten Aufgaben für deutsche Aufsätze in den oberen Gymnasialklassen. Es ist auch wirklich eine Aufgabe, bei der viel gelernt werden kann. Wie viel ärgerliche Korrektur aber könnte sich der Lehrer ersparen, wenn er bei der Vorbesprechung immer auch diese Tempusfrage mit den Jungen gründlich erörterte!
[61] Nur in Süddeutschland und Österreich wird welcher auch gesprochen, aber immer nur von Leuten, die sich „gebildet“ ausdrücken möchten. In deren falschem, halbgebildetem Hochdeutsch – da grassiert es. In Wien und München, dort sagen es nicht bloß die Professoren in Gesellschaft, sondern auch schon die Droschkenkutscher, wenn sie zusammengekommen sind, um zu einem neuen Tarif „Stellung zu nehmen“. Ja sogar der norddeutsche Professor spricht, wenn er nach Wien berufen worden ist, nach einigen Jahren „bloß mehr“ welcher. In Mittel- und Norddeutschland aber spricht es niemand.
[62] Um welcher zu verteidigen, hat man neuerdings ausgezählt, wie oft es unsre klassischen Schriftsteller schreiben, und hat gefunden, daß sie es – sehr oft schreiben. Aber was wird damit bewiesen? Doch weiter nichts, als daß auch unsre klassischen Schriftsteller von Kindesbeinen an im Banne der Papiersprache gestanden haben. Das braucht aber nicht erst bewiesen zu werden, das wissen wir längst.
[63] Wenn man nicht der der oder die die schreiben dürfte, dann dürfte man auch nicht schreiben: an andrer Stelle, ein einzigesmal, bei beiden Gelegenheiten, mit mitleidiger Miene. Sehr oft entsteht übrigens die so gefürchtete Doppelung nur durch falsche Wortstellung: ein persönliches oder reflexives Fürwort, das zwischen die beiden der oder die oder das gehört, wird verschoben und erst beim Verbum nachgebracht: alle Änderungen, die die Schule sich hat gefallen lassen – die Grundsätze, an die die Revision sich gebunden hat – die Aufgaben, die die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Zeit uns stellen. Man bringe das persönliche Fürwort an die richtige Stelle, und das Gespenst ist verschwunden: alle Änderungen, die sich die Schule hat gefallen lassen.
[64] Hier ist eine Apposition, die vor dem Relativpronomen stehen müßte, in den Relativsatz versetzt. Das ist vollends undeutsch, es ist ganz dem Lateinischen nachgeahmt.
[65] Nicht zu verwechseln hiermit ist natürlich ein Fall wie folgender: eine der größten Schwierigkeiten für das Verständnis unsrer Vorzeit, die meist gar nicht gewürdigt wird. Hier muß es wird heißen, denn hier bezieht sich der Relativsatz wirklich auf eine; der Sinn ist: und zwar eine, die meist gar nicht gewürdigt wird.
[66] Habe wäre ja ein Eingeständnis, daß der Vorwurf berechtigt sei, denn es kann eben nur als Indikativ gefühlt werden. Manchen Süddeutschen will das nicht in den Kopf, weil sie (in Schwaben) den dialektischen Konjunktiv des Präsens haben: ich häbe, wir häben, sie häben und daher den Konjunktiv ich habe, wir haben, sie haben, wo sie ihn gedruckt sehen, unwillkürlich als häbe verstehen und vielleicht auch so – aussprechen. Die mögen dann nichts davon wissen, habe durch hätte zu ersetzen, und behaupten, sie könnten hätte nur als Konditional fühlen. Mag sein. Wir in Mittel- und Norddeutschland fühlen eben anders.
[67] Im Konjunktiv Futuri von werden zu würden auszuweichen ist freilich nicht möglich, wenn der Hauptsatz im Präsens steht, weil dann würden als Konditional gefühlt werden würde, z. B. ein geschlagnes Ministerium kann dem Herrscher raten, das Parlament aufzulösen, in der Hoffnung, daß die Wähler eine seinen Ansichten günstige Mehrheit von Abgeordneten entsenden werden. In solchen Fällen kann man sich aber leicht dadurch helfen, daß man zum Singular greift: daß die Wählerschaft entsenden werde.
[68] Der Volksmund liebt es, eine irreale Bedingung in der Vergangenheit durch den – Indikativ des Imperfekts auszudrücken: wenn ich Geld hatte, kam ich. Das klingt aber der Angabe einer wiederholten Handlung in der Wirklichkeit (jedesmal, wenn ich Geld hatte, kam ich) so ähnlich, daß man es in der guten Schriftsprache besser vermeidet.
[69] Auch oft verkürzt, ohne Hauptsatz: daß ich nicht wüßte – nicht daß es dem Vater an trefflichen Eigenschaften gefehlt hätte.
[70] In einem der schönsten Brahmsschen Lieder, Feldeinsamkeit, das H. Allmers gedichtet hat, heißt es: die schönen, weißen Wolken ziehn dahin – durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; – mir ist, als ob ich längst gestorben bin (!) – und ziehe (!) selig mit durch ewge Räume. Das bringt man doch beim Singen kaum über die Lippen. – Natürlich kann ein Vergleich auch als wirklich hingestellt werden, z. B. hörten wir ein Geräusch, wie wenn in regelmäßigen Zwischenräumen ein großer Wassertropfen auf ein Brett fällt, d. h. wie man es hört, wenn ein Wassertropfen fällt (Schiller im Taucher: wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt). Hier ist selbstverständlich der Indikativ am Platze.
[71] In der älteren Zeit ist auch der Zweck, die Absicht durch das bloße zu ausgedrückt worden; die Ausdrucksweise mit um zu ist die jüngere.