[72] An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mit um zu niemals angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. Wenn auf Konzertprogrammen steht: Das Belegen der Plätze, um solche Späterkommenden zu sichern, ist streng untersagt – so ist das ein Schnitzer.

[73] Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen: zu hoffend, zu fürchtend, anzuerkennend, die durch Anhängen eines unorganischen d aus dem Infinitiv mit zu entstanden sind.

[74] Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart bedeuten, z. B. das von mir bewohnte Haus (d. i. das Haus, das von mir bewohnt wird). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem verstorbenen Rentier Sch. bewohnte Wohnung ist zu Ostern anderweit zu vermieten – kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: die bewohnt gewesene.

[75] Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang mit Vorliebe der Spruch gestickt:

Geblüht im Sommerwinde,
Gebleicht auf grüner Au,
Ruht still es nun im Spinde
Zum Stolz der deutschen Frau.

Gebleicht ist richtig; aber daß das geblüht den Stolz der deutschen Frau nicht verletzte, war zu verwundern.

[76] In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich sogar von demnächst stattzufindenden Revisionen, und in Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedern zu bestehenden Jury!

[77] Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man von gestandnem Wasser (im Gegensatz zu frischem).

[78] Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende, teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand: abgelehnte Schreiben, auf der andern: angenommene Schreiben. Ich fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.

[79] Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her von particeps, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist. Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort übersetzt.

[80] In Ermanglung ist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.

[81] Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das Hauptwort auf ung von einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetzt in Entsprechung eines Gesuchs (vgl. S. 243). Eine Behörde schreibt: In Begegnung von (!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen: um Vorgängen zu begegnen (vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.

[82] In Leipzig empfiehlt man freilich auch echt Madeirahandarbeiten, echt Gose und echt Bütten (nämlich -papier)!

[83] Manche Leute sind in diese Formen auf er so vernarrt, daß sie sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen sind. So redeten die Leipziger Förster früher vom Rosentäler, vom Kuhturmer und vom Burgauer Revier, statt vom Rosentalrevier, Kuhturmrevier, Burgauenrevier. Ob sies auch heute noch tun, weiß ich nicht.

[84] Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt sind, ist auch eine Lützowstraße, eine Schenkendorfstraße, eine Gneisenaustraße. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die großen Kinder? Eine Lützower Straße, eine Schenkendorfer Straße, eine Gneisenauer Straße! Wir haben ferner eine Senefelderstraße. Auch die wird im Volksmunde als Senefelder Straße verstanden. Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch die Fichtestraße, als sie neu war, sofort als Fichtenstraße verstanden, und ein unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant zur Fichte“!

[85] Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen: Dresdnerstraße, Grimmaischestraße, Hohestraße usw., obwohl in allen amtlichen Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung befindet sich noch heute auf der Reudnitzerstraße!

[86] Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts: uf der nuwestrasse (auf der Neuen Straße).

[87] Auf der einen Seite schreiben sie: Kaiser Park, Hôtel Eingang, hier werden Kinder und Damenschuhe gemacht, auf der andern Seite: Grüne-Waren, Täglich-frei-Konzert u. ähnl.

[88] Nachdem die Sprachdummheiten erschienen waren, redeten auch andre von Sprachsünden, Sprachleben, Sprachgefühl usw. Wären die Sprachdummheiten nicht vorangegangen, so kann man sicher sein, daß die andern von sprachlichen Sünden, sprachlichem Leben, sprachlichem Gefühl geredet hätten.

[89] Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!

[90] Fühlt man denn gar nicht, daß bei der silbernen und der goldnen Hochzeit das silbern und golden nur ein schönes Gleichnis ist, wie beim silbernen und goldnen Zeitalter? und daß dieses Gleichnis durch Silberhochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft auch von der Goldhochzeit und vom Goldzeitalter reden? Wir reden von einem Bronzezeitalter, aber in wie anderm Sinne! Daß schon Goethe einmal das Wort Silberhochzeit gebraucht – in einem Brief an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, Produkte einer Silberhochzeit“ –, auch Rückert einmal (in trochäischen Versen, wo silberne Hochzeit gar nicht unterzubringen gewesen wäre), will gar nichts sagen.

[91] Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva – gebildet sind sie ja richtig –, sondern in ihrer falschen Anwendung.

[92] Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber das Wort Damen wollte er als Fremdwort nicht gebrauchen, Frauen auch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die ers besonders abgesehen hatte, Frauen und Mädchen aber auch nicht, denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht für erwachsene Personen weiblichen Geschlechts!

[93] Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten Jahrhundert erteilte, wer mit seinem halben Bruder im Streite lag, einem Anwalt volle Macht, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf der Leipziger Messe von kurzen Waren gesprochen.

[94] Neuerdings hat man es durch Uraufführung ersetzt, kein glücklicher Ersatz.

[95] Daher Ortsnamen wie Karlsruhe, Ludwigsburg, Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind als Karls Ruhe usw.

[96] Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien: Henckell Trocken, Kupferberg Gold u. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren: Trocken und Gold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint ist Henckellscher Schaumwein, Kupferbergscher Schaumwein. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec, dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, denn Gold soll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.

[97] Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. Bei Gesellschaft und Verein z. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eine Aktiengesellschaft oder eine Immobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einen Eisverein und eine Vereinigung von Förstern einen Forstverein zu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einem Papierverein zusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einen Fleischverein nennen.

[98] Schokolade und Tee – deutsch geschrieben! Manche verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wie Atelier-Strauß, Tee-Meßmer, was doch nur Männer bezeichnen kann (der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch selber lächerlich machen, wie: Butter-Bader, Gold-Richter, Fahrrad-Klarner, Zigarren-Krause, Schokoladen-Hering.

[99] Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof die Abfahrtei nennen oder die Kopierstube im Amtsgericht die Abschriftei.

[100] Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet: die.

[101] Die englische in einzelnen Fällen, wie: the now king, the then ministry, the above rule, die aber nicht von allen englischen Grammatikern gebilligt werden.

[102] Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiser in fast Lebensgröße, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (in fast statt fast in).

[103] Im Stephansdom in Wien ist etwas bei sogleicher Wegweisung verboten.

[104] Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.

[105] Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die Apposition voranstellt: von Privatdozent Dr. Albert Schmidt, von ordentl. Professor E. Max, was doch unzweifelhaft von ordentlicher (!) Professor gelesen werden soll.

[106] In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und Familiennamen einen Bindestrich zu setzen: Horst-Schulze, Hermann-Könnecke.

[107] Der Deutsche sagt dafür Renommage, ein Wort, das es im Französischen gar nicht gibt!

[108] O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.

[109] Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf gehalten werden, daß kein ejus und eorum mit desselben und derselben übersetzt werde.

[110] Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtig derartig, dermaßen, dergestalt usw.

[111] Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten und feierlichsten Sprache: selbst die, die die wissenschaftliche Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest überzeugt, daß außer mir kein Mensch die drei die gehört hat, obwohl Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.

[112] In der Dichtersprache wird auch rufen noch wie im alten Deutsch bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruft mir? Gellert: Er ruft der Sonn’, er schafft den Mond). Auch hier ist aber dann ein Bedeutungsunterschied; rufen steht hier im Sinne von zurufen, gebieten.

[113] In der ältern Sprache hatte auch berichten den Akkusativ der Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich den Kurfürsten mit Lügen berichteten, die hohe Schule zu Wittenberg wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze verbunden werden kann, das verhältnismäßig junge benachrichtigen.

[114] Nur mit den Bildungen auf bar nimmt man es nicht so genau, wie unentrinnbar zeigt.

[115] Eine ähnlich merkwürdige Bildung wie voller ist Maler, Stücker, Tager, Jahrer in Verbindungen wie: ein Maler drei, ein Stücker drei, ein Jahrer fünf, ein Tager sechs u. ähnl. Hier ist das er der Rest eines rasch und nachlässig gesprochnen oder: ein Stück oder drei. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der Umgangssprache an.

[116] Nur in Verbindungen wie: ein Kaffee erster Sorte, ein Künstler zweiten Ranges, ein Wagen dritter Klasse, ein Stern vierter Größe bleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.

[117] Hierher gehört auch der beliebte Fehler: aus aller Herrn Länder, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelte ern schien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ hinter aus, man schreibe nur, wie sichs gehört: aus aller Herren Ländern.

[118] Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie: im Stande, im Begriff, im Interesse, im Sinne, im Lichte, im Spiegel, zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanen in dem Lichte der urgeschichtlichen Forschung – Napoleons Tod in dem Spiegel zeitgenössischer Dichtung – wir sind in dem Begriff, abzureisen – ich bin nicht in dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wieder in Stand gesetzt worden, und: der Verfasser will uns in den Stand setzen, selbst an der Forschung teilzunehmen. Bei dem bloßen in Stand (d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl. in Händen haben, in Kauf nehmen).

[119] An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber woher? Büchmann gibt keine Auskunft.

[120] Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch von hoch für oben und zugleich für hinauf, herauf, empor, in die Höhe, z. B. hoch kommen, hoch gehen, hoch holen (eine Flasche aus dem Keller); wenn ich einmal hoch bin, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch von oben für hinauf, z. B. oben gehen. In anständigem Deutsch geht man weder hoch noch oben, sondern hinauf.

[121] Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch geschrieben wird: zwischen 1670 bis 1710. Offenbar hatte einer geschrieben: zwischen 1670–1710, ein andrer schrieb das ab und wollte ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich als und lesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt Wörter.

[122] Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nur einmal alle hundert Jahr, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von hundert Jahren einmal blühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist das einmal ganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blüht aller hundert Jahr.

[123] Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen in der Zeitung bekanntzumachen, daß nächste Mittwoch Abend 8 Uhr eine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den altmodischen Leuten, die Mittwoch noch für ein Wort weiblichen Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es natürlich besser wußte, nächste Mittwoch Abends daraus gemacht, bis ich mirs endlich verbat.

[124] Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird er zurückkehren? (Den) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt? Am Donnerstag.

[125] Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung des Wörtchens und gebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen, sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische Wörtchen et. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind glückselig, wenn sie schreiben können: Calw et Stuttgart, Max et Johann Schneider, Tricotagen et Strumpfwaren, Conditorei et Café, Schnitzel mit Schoten et Karotten. Als ob nicht und eben so kurz wäre!

[126] Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage: Nicht alle Bücher dieses Verzeichnisses sind eingebunden, oder: Alle Bücher dieses Verzeichnisses sind nicht eingebunden. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß das ganze Programm nicht aufgeführt wird – eine schöne Aussicht! Die Direktion will aber sagen: es ist möglich, daß nicht das ganze Programm aufgeführt wird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen: Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird keine Gewähr übernommen.

[127] Freilich war kein ursprünglich gar kein verneinendes, sondern ein unbestimmtes Fürwort (irgend ein). Luther hat es sicherlich noch so gefühlt.

[128] Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehr traurig sagen, sondern unfroh.

[129] In der Schiffersprache geht man in See, an Land, an Bord, auf Deck, und der Soldat zieht auf Wache. Neuerdings ist es aber auch fein geworden, nicht mehr auf die Jagd zu gehen, sondern auf Jagd (oder vielmehr auf Jacht, natürlich nachdem man vorher ein Stück „mitm Zuch jefahren is“), und der junge Leutnant wird auf Festung kommandiert oder geht auf Kriegsschule. Schließlich geht man vielleicht auch noch auf Universität, setzt sich auf Stuhl und klettert auf Baum.

[130] Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten in die Mehrzahl zu setzen: hierüber sind neuerdings Klagen geführt worden. Man führt nur Klage, aber nicht Klagen.

[131] Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie die bekannten scherzhaften Wortverbindungen: geo- und arithmetisch – teils aus Frömmig-, teils zum Zeitvertreib – der heutige Tag wird mir ewig denk- und gegenwärtig bleiben.

[132] Vollends arg sind Zusammenziehungen wie: unsre Arbeit und Streben. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren; für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.

[133] Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramen an – sie traten aus der Landeskirche aus – man warf ihn aus dem Zimmer hinaus – das Gymnasium geriet in einen innern Widerspruch hinein – dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Gesetz hindurch – wir können uns schlechterdings nicht darum herumdrücken. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.

[134] Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage, ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der Gegenfrage geantwortet habe: muß es denn jetzt alleweile gleich in demselben Momente sein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen Eintritt ausschließlich nur allein für Damen.“

[135] Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daß brauchen mit dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl. S. 61.)

[136] Ein neutraler Begriff ist Lage. Ich bin in der Lage – kann ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier muß die besondre Art der Lage durch ein können oder müssen näher bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben: er wird in die Zwangslage gebracht, sich mit einer Stellung zweiten Ranges begnügen zu müssen. Vereinzelt wird übrigens auch der umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten, dazubleiben – wo es heißen muß: dableiben zu wollen, denn in erklären liegt noch nicht der Begriff der Absicht.

[137] Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag, nicht erfunden!

[138] Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird; so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger einsandte, heißt: jede jährliche Ernte seines Fleißes und Talentes hat er in den Hof des befreundeten Hauses eingefahren.

[139] Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen: Lichtenbergs Mädchen. Da fragt doch der Leser sofort: das oder die?

[140] Das Mitglied Eugen Richter des Reichstags habe ich wirklich gedruckt gelesen.

[141] Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nach denn und nämlich; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich werden.“

[142] Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit dem Messer essen. Tu es nicht wieder!

[143] Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten das sich heraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt; alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten. Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der Verfasser bei der ersten Niederschrift das sich an die richtige Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte – niemals das umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung des sich das natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt, aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.

[144] Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter müssen sich darein finden, daß die Kinder sie verlassen. Aber ist etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich geltend, gleichviel ob sie die Juristen definieren können oder nicht? Wird hier jemand die Juristen für das Objekt halten?

[145] Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.

[146] Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das ist gar ein merkwürdiger Mensch, das ist ganz was feines.

[147] Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen!

[148] Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb: mit Zumherunterlassen eingerichteten Fenstern!

[149] Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze, da wo wir ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze da, wo wir usw.

[150] In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2).

[151] Bedingungssätze statt mit wenn mit dem Verbum anzufangen ist an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich muß eilen, will ich den Zug nicht versäumen – ein gewissenhafter Mann darf, will er seinen Ruf nicht gefährden – es ist manches verschwiegen, was gesagt werden müßte, sollte die Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt man wenn, so mündet der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt | noch fast gar nicht | gegeben hat.