[152] Sehr komisch ist es, wenn unwillkürlich einmal die gesunde Natur durch die Manier durchbricht, wo es zu spät ist. Dann entstehen Sätze wie: es ist zu bedauern, was für ein Aufwand von Zeit und Mühe darauf verwendet worden ist – die Erfahrungen, die man in Dresden mit dieser Einrichtung gemacht hat, dürften den Beweis für die Notwendigkeit derselben genügend bewiesen haben – eine telegraphische Nachricht, wonach die Möglichkeit einer persönlichen Begegnung für möglich erachtet wurde.
[153] Schon als Knaben haben mich die Verse nachdenklich gemacht: Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz. Dann heißt es weiter: fordert keine andre Liebe – wo mir wieder fordert wie ein zweites Prädikat zu Schwesterliebe erschien.
[154] Wenn aber Sigismund Breslauer anzeigt, daß er für alte Kleider staunend hohe Preise bezahle, und Sigismund Cohn, daß er zu staunend niedrigen Preisen verkaufe, so ist das natürlich wieder eine Verwechslung; sie meinen erstaunlich hohe und niedrige Preise.
[155] In Leipzig wird ein Hauskauf nicht ins Grundbuch geschrieben, sondern grundbücherlich (so!) verlautbart.
[156] Das niedrige Volk sagt jetzt auch: da hört sich alles auf! offenbar, indem es die Redensart: das gehört sich – damit zusammenwirft.
[157] Im Friseurladen redet man jetzt von amerikanischer Kopfwäsche. Wenn jemand im Neuen Testament von Jesu Fußwäsche reden wollte!
[158] Im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von Unterrichtung. Als dafür Unterricht aufkam (anfangs gewiß auf der letzten Silbe betont), muß sprachfühlenden Leuten ähnlich zumute gewesen sein wie uns heute beim Vollzug und beim Entscheid.
[159] Bei dem jetzt so beliebten entfallen mag wohl das lateinische dis vorgeschwebt haben, das in distrahere die Trennung, in distribuere die Verteilung bedeutet.
[160] Ein Fehler ist es übrigens, diese Präfixe abzutrennen und zu betonen, wie An- und Verkauf, be- und entladen, Be- und Entwässerung. Getrennt und betont werden können immer nur echte Präpositionen: auf- und absteigen, Ab- und Zugang; dagegen Ankauf und Verkauf.
[161] Auch mit den Präpositionen springen sie in derselben Weise um wie mit den Präfixen. In der Sprache des gewöhnlichen Lebens wird ein neues Haus gedeckt, eine neue Kirche gewölbt, eine Straße gepflastert, Sandsteinfiguren werden an einem Hause angebracht, Bilder werden eingerahmt, und wenn man eine Stube tapezieren läßt, so werden die Möbel vorher zugedeckt; sowie aber der Architekt davon spricht, wird das Haus eingedeckt, die Kirche eingewölbt, die Straße abgepflastert, die Figuren werden aufgebracht, die Bilder gerahmt, und die Möbel – abgedeckt! Gewöhnlich werden Farben gemischt, und zu einer Lotterie werden auch die Lose gemischt. Der Farbenfabrikant aber empfiehlt seine Ausmischungen sämtlicher Farbentöne, und die Lotteriedirektion spricht von der Einmischung der Lose. Gewöhnlich wird ein Vogel von der Stange abgeschossen, und unnütze Sperlinge werden weggeschossen; sowie aber der Herr Landrat davon spricht, werden die Sperlinge abgeschossen. Der gewöhnliche Mensch begnügt sich damit, etwas zu liefern. Im Bauwesen aber werden Steine, Kalk, Ziegel angeliefert, und bei der Post werden Briefe, Postkarten, Pakete, Zeitungen sogar aufgeliefert! Der gewöhnliche Mensch beschneidet in seinem Garten einen Trieb, der Gärtner aber kürzt ihn ein usw.
[162] Höchstens Wollust und Jawort ließen sich vergleichen.
[163] Auch Wörter wie Pflegemutter, Betschwester, Schreihals, Singvogel, Stechapfel, Stinktier machen nur scheinbar eine Ausnahme, auch Beißkorb und Klapperdeckchen, denn sie bezeichnen Dinge, die den Zweck haben, Beißen und Klappern zu verhüten. Nur Bratheringe, Röstkartoffeln und Schlagsahne haben ihren Zweck schon erfüllt, sie sind schon gebraten, geröstet und geschlagen.
[164] Die früheste Anwendung von voll und ganz, freilich in gehaltvollerem Sinne als in Parlaments- und Festreden, wiewohl auch schon ein wenig als Lückenbüßer, steht in Tiecks Übersetzung von Shakespeares Antonius und Kleopatra (I, 3):
Dingelstedt gebraucht es 1851 in seinem Gedicht „Christnacht“, worin er den Heiland des Jahrhunderts herbeiwünscht, aber nicht als Kind,
schon ironisch. In einer Erinnerung an Gottfried Keller (Berliner Tageblatt vom 13. April 1891) wird erzählt, Keller habe, als in der Unterhaltung mit ihm jemand voll und ganz gebraucht habe, ausgerufen: „Voll und ganz! Hm, hm! Da sieht man, was ihr für Patrone seid! Phrase, nichts als Phrase! Voll und ganz ist das charakterloseste Wort, das es gibt, trotz seiner Fülle!“
[165] Als der junge Goethe 1773 seine kecke Schrift „Von deutscher Baukunst“ hatte drucken lassen, schrieb der wackere kurf. sächsische Hofbaumeister Krubsacius eine Kritik darüber. Darin spricht er auch von der „neumodischen Schreibart“, die schon so vielfältig ausgespottet worden sei und trotzdem immer weiter um sich gegriffen habe. Daran knüpft er die wahrhaft klassischen Worte: „Ein Mißbrauch wird nicht anders als durch sich selbst ausgerottet, wenn er nämlich zu einer solchen Höhe anwächst, daß ein jeder, der nicht zu stumpfe Sinne hat, das Ungeheure davon gewahr werden kann.“
[166] Abgesehen natürlich von Infinitiven, die ganz zu Substantiven geworden sind, wie Leben, Essen, Vergnügen, Vermögen, Wohlwollen u. a.
[167] Seitdem dieses Kapitel veröffentlicht worden ist, ist der Mißbrauch erfreulicherweise bedeutend zurückgegangen. Trotzdem mag es unverändert hier wieder abgedruckt werden – als sprachgeschichtliches Zeugnis.
[168] Neuerdings wird das Wort sogar für anfertigen, schaffen gebraucht: er hat sich ein Paar neue Stiefel fertigstellen lassen – eine Sonate ist mit weniger Zeit und Mühe fertigzustellen als eine Symphonie!
[169] Von festen Körpern nur in dem Sinne von zerkleinert; klarer Zucker, klares Holz.
[170] Soll vielleicht auch weiter gezählt werden: die zweitmalige, drittmalige usw.?
[171] Eine Leipziger Zeitung schrieb neulich: das Rathaus besitzt denselben Baumeister wie die Pleißenburg!
[172] Anders in „Künstlers Erdewallen“, wo es von dem Kunstschatz des Reichen heißt: „Und er besitzt dich nicht, er hat dich nur.“
[173] Das t ist dasselbe unorganische Anhängsel wie in jetzt, selbst und Obst. In Leipzig sagt das Volk auch anderst, Rußt, Harzt.
[174] Früher hieß es im Namen des Königs, aus Mangel an genügendem Angebot, jetzt nur noch namens des Königs – mangels genügenden Angebots. Schon der häßliche Gleichklang, der ganz unnötigerweise durch die Häufung der Genitiv-s entsteht, hätte von solchen Bildungen abhalten sollen. Aber die Leute sind ganz vernarrt in solche Genitive; man denke auch an: anfangs (!) Oktober (vgl. S. 8).
[175] Ein solches s drängt sich freilich gar zu gern ein, man denke an vollends, bereits, öfters, nirgends, zusehends, durchgehends, allerdings, schlechterdings (um 1700 noch aller Dinge, schlechter Dinge), „neuerdings“ auch folgends. Bei den meisten dieser Wörter fühlen wir gar nicht mehr das Unorganische des s, höchstens noch bei öfters. Wir fühlen es aber sofort wieder, wenn wir das häßliche süddeutsche und österreichische weiters und durchwegs hören: ein selbständiges, durchwegs auf Erfahrung begründetes Urteil – oder wenn wir unversehens und unbesehens lesen: der Zuhörer steht unversehens vor dem Dämonischen – er hätte dieses Argument nicht so unbesehens hinnehmen sollen.
[176] Bezüglich ist Präposition und bedeutet dasselbe wie hinsichtlich, rücksichtlich.
[177] Auf einige häßliche Austriazismen ist schon in der Formenlehre und in der Satzlehre hingewiesen worden. Vgl. S. 17 und 58.
[178] Manche Kaufleute behaupten, in dem ab liege ein besondrer Sinn; es solle ausdrücken, daß der Übergang einer Ware aus dem Besitz des Kaufmanns in den des Käufers an der angegebnen Stelle (ab Bahnhof, ab Lager) geschehe; der Bahnhof, das Lager sei der „Erfüllungsort“. Davon hat aber doch der harmlose Käufer, der so etwas in der Zeitung liest, keine Ahnung.
[179] Unsre Professoren lachen heute, wenn sie in einem Buche des achtzehnten Jahrhunderts lesen: die iniquitaet ist manifest oder: wir müssen diese difficultaeten superiren. Mache sie es denn aber um ein Haar besser?
[180] Freilich gehen Technik und Wissenschaft mit bösem Beispiel voran. Vgl. Taxameter, Automobil, homosexuell (dessen erste Hälfte auch „gebildete“ Leute für das lateinische homo halten!), Telefunken u. ähnl.
[181] Sehr bitter spottete einmal darüber ein junger französischer Student in Leipzig. Die deutschen Mädchen, sagte er, glauben, sie müßten Colliers tragen, weil jeder Hund ein Halsband trägt. In Paris trägt aber doch jeder Hund ein Collier!
[182] Ein vortrefflicher deutscher Schriftsteller, August Apel, nennt (1815) einen eingebildeten Kunstkenner einen Connaisseur und fügt hinzu: Ich liebe fremde Worte, um die affektierende Abart zu bezeichnen.
[183] Weiß der Leser, wie konstatieren entstanden ist? Durch Anhängen der Endung -ieren an das lateinische Impersonale constat. Fast unglaublich, aber Tatsache. Und dabei ist in 999 von 1000 Fällen konstatieren nichts weiter als ein ganz überflüssiger Henkel für einen Aussagesatz. Man sagt nicht: der Hund hat einen Schwanz, sondern man konstatiert, daß der Hund einen Schwanz hat.
[184] In einem längern Aufsatze, worin Moment und Faktor jedes etwa ein Dutzend mal vorkamen, machte ich mir den Spaß, sie regelmäßig miteinander zu vertauschen. Als ich die Druckkorrektur des Verfassers erhielt, sah ich, daß er nicht das Geringste davon gemerkt hatte. Was müssen das für Wörter sein, mit denen man sich solche Scherze erlauben kann! Ein rechtes Kreuz sind die gesetzgebenden Faktoren; könnte man die doch irgendwie los werden!
[185] Schon Schiller schreibt 1797 an Goethe: Sie müssen eine Epoche gehabt haben, die ich Ihre analytische Periode nennen möchte.