Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wiedervereinigung.

Woche um Woche floß dahin in St. Clare's Hause, und die Wellen des Lebens nahmen wieder ihren gewöhnlichen Lauf an, wo jener kleine Nachen untergegangen war; denn wie gebieterisch, wie kalt, wie gefühllos, wie gleichgültig bewegt sich nicht das tägliche Leben fort! Wir müssen essen, trinken, schlafen und wieder erwachen — wir müssen handeln, kaufen, verkaufen, fragen und antworten, — kurz, tausend Schatten verfolgen, obgleich jedes Interesse in ihnen längst verschwunden ist; denn die kalte, mechanische Gewohnheit des Lebens bleibt, nachdem jedes lebendige Interesse längst geflohen ist.

Alle Hoffnungen und jedes Interesse in St. Clares Leben hatten sich ihm unbewußt um dieses Kind gewunden. Für Eva verwaltete er sein Eigenthum; mit Rücksicht auf Eva hatte er die Eintheilung seiner Zeit getroffen; und dies oder das für Eva zu thun, — zu kaufen, zu verbessern, zu verändern und anzuordnen, — war seit so langer Zeit seine Gewohnheit gewesen, daß es ihm jetzt, wo sie nicht mehr da war, schien, als habe er an nichts mehr zu denken, nichts mehr zu thun.

Zwar gab es noch ein anderes Leben, — ein Leben, das, wenn einmal daran geglaubt wird, als eine so heilige, bedeutungsvolle Ziffer vor den sonst so bedeutungslosen Zahlen der Zeit steht, daß sie einen geheimnißvollen, unaussprechlichen Werth dadurch empfangen. St. Clare wußte dies, und glaubte in mancher müden Stunde die zarte, kindliche Stimme zu hören, wie sie ihn zu sich rief, und die kleine Hand zu sehen, wie sie ihm den Lebensweg vorzeichnete; aber es lag ein schwerer, lethargischer Schmerz auf ihm, er konnte sich nicht erheben. St. Clare hatte nie versucht, sich durch religiöse Vorschriften leiten zu lassen, denn eine gewisse Feinheit seiner Natur hat ihm einen Blick in die weite Ausdehnung der Erfordernisse des Christenthums gegeben, so daß er im Voraus davor zurückbebte. So inconsequent ist die menschliche Natur, besonders im Gebiete des Geistigen, daß es ihr besser erscheint, ein Unternehmen überhaupt gar nicht zu beginnen, als darin nicht ganz erfolgreich zu sein.

Dennoch war St. Clare in mancher Beziehung ein andrer Mensch geworden. Er las in der Bibel seiner kleinen Eva ernstlich und aufrichtig; er dachte mehr und reichlicher über das Verhalten gegen seine Dienstboten nach, — eine Betrachtung, die ihn im höchsten Grade unzufrieden mit seiner bisherigen und gegenwärtigen Verfahrungsweise machte; und er that, gleich nach seiner Rückkehr nach New-Orleans, die nöthigen Schritte, um Tom's Freilassung zu bewirken, welche erfolgen sollte, sobald den nöthigen Formalitäten genügt worden war. Inzwischen schloß er sich jeden Tag mehr und mehr an Tom an. Nichts in der Welt schien ihn so sehr an Eva zu erinnern wie Tom; und so verschlossen und unzugänglich er sonst mit seinen tieferen Gefühlen war, so legte er sich in Tom's Gegenwart so wenig Zwang an, daß er beinahe laut dachte. Auch würde sich Niemand darüber gewundert haben, der den Ausdruck von Liebe und Ergebenheit sah, mit dem Tom seinem jungen Herrn überall folgte.

»Nun, Tom,« sagte St. Clare am Tage, an welchem die gesetzlichen Förmlichkeiten seiner Freilassung begonnen hatten, — »ich will Dich jetzt zu einem freien Menschen machen; — Du kannst also nur Deinen Koffer packen, und Dich zur Abreise nach Kentucky vorbereiten.«

Die plötzliche Freude, die in Tom's Gesicht aufleuchtete, während er seine Hände erhob, und sein Ausruf: »Gesegnet sei der Herr!« kränkten St. Clare gewissermaßen. Es gefiel ihm nicht, daß Tom so bereitwillig war, ihn zu verlassen.

»Du hast doch so sehr schlimme Zeit hier nicht gehabt, daß Du in solches Entzücken darüber gerathen mußt, Tom,« sagte er trocken.

»Nein, nein, Master!, das ist es nicht, — es ist ›ein freier Mensch sein.‹ Darüber freue ich mich.«

»Wie, Tom, glaubst Du nicht, daß Du, was Dich allein betrifft, es hier besser gehabt hast, als wenn Du frei gewesen wärest?«

»Nein, Master St. Clare,« sagte Tom mit aufloderndem Enthusiasmus, — »nein, o nein!«

»Wie, Tom, hättest Du durch Deine eigene Arbeit Dir solche Kleider und solchen Unterhalt verdienen können, wie ich Dir gegeben habe?«

»Weiß das, Master St. Clare; Master ist zu gut gewesen; aber, Master, ich will lieber schlechte Kleider, eine kleine Hütte, und Alles dürftig haben, und es mein nennen, als das Beste haben, was einem Andern gehört. — Ich möchte 's so, Master, — ich denke, 's ist natürlich, Master.«

»Ich denke, Tom, Du wirst ungefähr in einem Monat gehen, und mich verlassen können,« sagte St. Clare etwas unzufrieden. »Aber warum solltest Du 's auch nicht? — kein Mensch kann es sagen,« fuhr er plötzlich in heiterem Tone fort, und stand auf, und begann im Zimmer auf und abzugehen.

»Nicht, so lange Master St. Clare unglücklich ist,« sagte Tom. »Ich will bleiben, so lange Master mich nöthig hat, und ich von Nutzen sein kann.«

»Nicht, so lange ich unglücklich bin, Tom?« sagte St. Clare, traurig durch das Fenster blickend. — — »Und wann glaubst Du, daß mein Unglück aufhören werde?«

»Wenn Master St. Clare ein Christ ist,« sagte Tom.

»Und Du gedenkst wirklich hier so lange zu bleiben, bis dieser Tag kommt?« sagte St. Clare halb lächelnd, während er sich vom Fenster abwandte und seine Hand auf Tom's Schulter legte. »O Tom, Du guter, thörichter Bursche! Ich will Dich nicht bis zu dem Tage halten. Geh' heim zu Deinem Weibe und Deinen Kindern, und grüße sie alle von mir.«

»Ich weiß gewiß, daß dieser Tag kommen wird,« sagte Tom mit Wärme und mit Thränen in den Augen; »der Herr hat ein Werk für Master.«

»Ein Werk, wie?« sagte St. Clare; »wohl, Tom, so gib mir Deine Ansichten darüber, von welcher Art das Werk sein könne; — laß mich hören.«

»Wenn ein armer Mensch wie ich sogar ein Werk für den Herrn verrichten kann, — wie viel mehr kann Master St. Clare, der Gelehrsamkeit hat, und Reichthümer und Freunde, für den Herrn wirken!«

»Tom, Du scheinst anzunehmen, daß der Herr ein großes Wirken für sich nöthig habe,« sagte St. Clare lächelnd.

»Wir wirken für den Herrn, während er für seine Geschöpfe wirkt,« sagte Tom.

»Eine gute Theologie, Tom, besser als die, welche Dr. B.... predigt, — ich möchte darauf schwören,« entgegnete St. Clare.

Die Unterhaltung wurde hier durch Besuch, welcher sich anmelden ließ, unterbrochen.

Marie St. Clare empfand Eva's Verlust so tief, wie sie überhaupt etwas empfinden konnte; und da sie eine Frau war, die es verstand, Jedermann unglücklich zu machen, wenn sie es selbst war, so hatte ihre unmittelbare Umgebung noch besondere Gründe, den Verlust ihrer jungen Mistreß zu betrauern, deren sanfte Fürsprache so oft für sie ein Schild gegen die Tyrannei und den selbstsüchtigen Druck ihrer Mutter gewesen war. Besonders herzbrechend war der Schmerz der armen, alten Mammy, deren natürliche, häusliche Bande sämmtlich gelöst waren, und die in jenem liebenswürdigen Wesen ihren einzigen Trost gefunden hatte. Sie weinte Tag und Nacht, und war durch ihren übermäßigen Kummer weniger geschickt und gewandt in ihren Verrichtungen für die Person ihrer Mistreß, was einen fortwährenden Sturm von Schmähungen auf ihr schutzloses Haupt herab rief.

Miß Ophelia fühlte den Verlust; aber in ihrem guten, braven Herzen trug er Früchte des ewigen Lebens. Sie wurde gemäßigter, sanfter in ihrem Wesen, und obgleich eben so emsig und eifrig in ihren Pflichten wie früher, zeigte sie doch eine demüthigere, ruhigere Miene, wie Jemand, der nicht vergeblich mit seinem Herzen Rath gepflogen hatte. Sie verwendete noch mehr Fleiß auf den Unterricht Topsy's, — lehrte ihr aus der Bibel, — scheute sich nicht mehr vor ihrer Berührung und verrieth keinen Widerwillen mehr gegen sie, denn sie empfand keinen. Sie betrachtete sie jetzt durch das sanftere Medium, welches Eva zuerst ihren Augen vorgehalten hatte, und sah in ihr nur ein unsterbliches Wesen, welches Gott gesendet hatte, um durch sie zur Herrlichkeit und zur Tugend geführt zu werden. Topsy wurde nicht auf einmal eine Heilige; aber das Leben und der Tod Eva's hatten eine merkliche Veränderung in ihr bewirkt. Jene verhärtete Gleichgültigkeit war verschwunden, und an ihrer Stelle zeigten sich jetzt Empfänglichkeit, Hoffnung, Verlangen und Streben nach dem Guten, — ein unregelmäßiges und oft unterbrochenes, aber stets wieder erneuertes Streben.

Eines Tages, als Topsy von Miß Ophelien gerufen worden war, kam sie herbei, während sie eiligst etwas in ihren Busen steckte.

»Was machst Du da, Du unnützes Ding? Du hast gewiß etwas gestohlen,« sagte die herrschsüchtige, kleine Rosa, welche abgesendet worden war, um sie zu holen, während sie sie zugleich heftig beim Arm ergriff.

»Laß mich gehen, Rosa!« sagte Topsy, sich von ihr losreißend; »'s geht Dich gar nichts an!«

»Keine Ungezogenheit!« sagte Rosa. »Ich hab's gesehen, daß Du 'was versteckt hast, — ich kenne Deine Streiche!« Und mit diesen Worten ergriff sie ihren Arm von Neuem und versuchte ihre Hand in Topsy's Busen zu zwängen, während Topsy wüthend um sich stieß, und für das, was sie als ihr Recht ansah, tapfer focht. Das Geschrei und der Lärm des Kampfes zogen Miß Ophelien und St. Clare zur Stelle.

»Sie hat 'was gestohlen!« rief Rosa.

»'s ist nicht wahr!« schrie Topsy, leidenschaftlich schluchzend.

»Gib es mir, was es auch immer sein möge!« sagte Miß Ophelia mit Festigkeit.

Topsy zauderte; aber nach einem zweiten Befehle zog sie aus ihrem Busen ein Paket hervor, welches in den Fuß eines ihrer alten Strümpfe gewickelt war. Miß Ophelia öffnete es. Es zeigte sich ein kleines Buch, welches Topsy von Eva erhalten hatte und welches einen einzelnen Vers enthielt, der für alle Tage des Jahres eingerichtet war, und in einem Papiere die Haarlocke, die Eva ihr an jenem denkwürdigen Tage gegeben, an dem sie von Allen Abschied genommen hatte.

St. Clare fühlte sich heftig ergriffen beim Anblicke derselben. Das kleine Buch war in einen langen Streifen schwarzen Krepp's gewickelt, der beim Leichenbegängniß benützt worden war.

»Warum hast Du dies um das Buch gewickelt?« fragte St. Clare, den Kreppstreifen emporhaltend.

»Weil — weil — weil es von Miß Eva war. O, bitte, nehmen Sie's nicht fort!« sagte sie, und setzte sich nieder auf den Fußboden, zog ihre Schürze über den Kopf und begann heftig zu weinen.

Es war eine sonderbare Mischung des Pathetischen und Komischen, — der kleine, alte Strumpf, — schwarzer Krepp — das Textbuch — sanftes, blondes Haar, — und Topsy's heftiger Schmerz.

St. Clare lächelte; aber es schimmerten Thränen in einem Auge, als er sagte:

»Still, still, weine nicht! Du sollst Alles wieder haben!« und mit diesen Worten wickelte er Alles wieder zusammen, warf es in Topsy's Schooß, und zog Ophelien in das nächste Zimmer.

»Ich glaube wirklich, Du kannst aus dem Besteck noch etwas machen,« sagte er, mit dem Daumen rückwärts über die Schulter deutend. »Ein Gemüth, das wirklichen Schmerz empfinden kann, ist des Guten fähig. Du mußt versuchen, ob Du etwas aus ihr machen kannst.«

»Das Kind hat sich wesentlich gebessert,« sagte Miß Ophelia. »Ich hege große Hoffnungen mit ihr; — aber, Augustin,« fuhr sie fort, ihre Hand auf seinen Arm legend, »eins muß ich Dich fragen: wem soll das Kind gehören, — Dir oder mir?«

»Nun, ich gab sie Dir,« sagte Augustin.

»Aber nicht in gesetzlicher Form; — ich möchte sie in aller Form Rechtens besitzen,« sagte Miß Ophelia.

»Hoho! Cousine!« sagte Augustin, »was werden die Abolitionisten davon denken? Die werden einen Bußtag wegen dieses Abfalls halten, wenn Du eine Besitzerin von Sklaven wirst!«

»O Unsinn! Ich will sie nur deßhalb mein nennen können, um das Recht zu haben, sie mit mir nach den Freistaaten zu nehmen und ihr dort die Freiheit zu geben, damit nicht Alles verloren sei, was ich für sie zu thun versucht habe.«

»O Cousine, was für ein schreckliches ›Uebles thun, daß Gutes daraus komme‹ ist das! Ich kann das nicht unterstützen!«

»Du mußt nicht darüber scherzen, sondern die Sache vernünftig betrachten,« sagte Miß Ophelia. »Alle meine Bemühungen, dieses Kind zu einem christlichen Kinde zu machen, sind vergeblich, wenn ich es nicht gegen alle Zufälle und Gefahren schützen kann, die ihm von der Sklaverei drohen; und wenn es wirklich Deine Absicht ist, sie mir eigenthümlich zu überlassen, so mußt Du mir eine in gesetzlicher Form ausgestellte Urkunde darüber geben.«

»Gut, gut,« sagte St. Clare, »ich will es thun;« worauf er sich setzte, und eine Zeitung zu lesen begann.

»Aber ich wünschte, daß Du es gleich thätest,« fuhr Miß Ophelia fort.

»Wozu ist diese schreckliche Eile?«

»Weil jetzt grade die einzige Zeit ist, in der etwas vorgenommen werden kann,« entgegnete Miß Ophelia; »also komm', Cousin, hier ist Papier, Feder und Tinte; stelle mir eine Urkunde aus.«

St. Clare, gleich der Mehrzahl seiner Geistesgenossen, haßte jede Art gespannter Thätigkeit, und fühlte sich deßhalb nicht wenig gequält durch Opheliens Offenheit und Dringlichkeit.

»Aber was hast Du denn?« sagte er. »Ist Dir denn mein Wort nicht genügend? Man sollte glauben, Du wärest bei den Juden in der Lehre gewesen, daß Du so über einen Menschen herfällst!«

»Ich will meiner Sache gewiß sein,« entgegnete Miß Ophelia. »Du kannst sterben oder Dein Vermögen verlieren, und dann würde Topsy, aller meiner Bemühungen ungeachtet, fortgerissen und auf den Sklavenmarkt geschleppt werden.«

»In der That, Du bist außerordentlich vorsichtig. Gut, da ich sehe, daß ich doch einmal in der Hand einer Yanky bin, so muß ich nachgeben,« sagte St. Clare, und schrieb schnell eine Ueberweisungsurkunde nieder, was ihm, da er mit den gesetzlichen Formen genau bekannt war, leicht wurde, unterzeichnete seinen Namen mit großen Buchstaben und schloß mit einem mächtigen Schnörkel. »Da, ist das nicht Schwarz auf Weiß?« sagte er, als er es ihr einhändigte.

»Bist ein guter Junge,« sagte Miß Ophelia lächelnd, »aber muß es nicht von einem Zeugen mit unterschrieben sein?«

»O Plage! — ja. Hier,« rief er, die Thür von Marien's Zimmer öffnend, »Marie, Cousine bedarf Deiner Handschrift; komm', schreibe Deinen Namen hierher.«

»Was ist das?« sagte Marie, während sie das Papier überlief. — »Lächerlich! Ich dachte, Cousine wäre zu fromm für so schreckliche Dinge,« fügte sie hinzu, während sie nachlässig ihren Namen unterzeichnete, »aber wenn sie an dem Artikel Gefallen gefunden hat, so soll es uns willkommen sein.«

»Da, nun ist sie Dein mit Leib und Seele,« sagte St. Clare, ihr das Papier aushändigend.

»Nicht mehr mein, als sie es zuvor war,« entgegnete Miß Ophelia. »Niemand als Gott hat das Recht, sie mir zu geben; aber ich kann sie jetzt beschützen.«

»Wohl, so gehört sie Dir durch eine Fiktion des Gesetzes,« sagte St. Clare, während er in sein Zimmer zurückkehrte und sich wieder zu seiner Zeitung niedersetzte.

Miß Ophelia, welche sich selten lange in Mariens Gesellschaft aufhielt, folgte ihm in das Zimmer, nachdem sie zuvor sorgfältig die Urkunde fortgelegt hatte.

»Augustin,« sagte sie plötzlich, während sie sich mit Stricken beschäftigte, »hast Du nie daran gedacht, Verfügungen irgend einer Art zu Gunsten Deiner Dienstboten für den Fall Deines Todes zu treffen?«

»Nein,« entgegnete St. Clare, während er fortfuhr zu lesen.

»Dann kann sich alle Deine Nachsicht gegen sie am Ende als eine große Grausamkeit herausstellen.«

St. Clare hatte oft dasselbe gedacht, aber er antwortete nachlässig:

»Ich habe die Absicht, noch Verfügungen zu treffen.«

»Wann?« fragte Miß Ophelia.

»O, dieser Tage.«

»Wie aber, wenn Du früher stirbst?«

»Cousine, was meinst Du?« sagte St. Clare, sein Papier niederlegend und sie ansehend. »Glaubst Du, daß ich Symptome des gelben Fiebers oder der Cholera zeige, daß Du mit solchem Eifer von Verfügungen für meinen Todesfall sprichst?«

»»Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen,«« recitirte Ophelia.

St. Clare erhob sich, legte nachlässig seine Zeitung fort und trat in die offene Thür der Veranda, um einer Unterhaltung ein Ende zu machen, die ihm nicht angenehm war. Mechanisch wiederholte er das Wort — »Tod!« — und während er sich gegen das Geländer lehnte, und das Steigen und Fallen des Wassers im Springbrunnen beobachtete, und die Bäume und Blumen des Hofes wie durch einen feuchten Nebel betrachtete, wiederholte er wieder und wieder das Wort, welches in jedem Munde so gewöhnlich und doch von so furchtbarer Gewalt ist — »Tod!« »Sonderbar,« sagte er, »daß es ein solches Wort und einen solchen Gegenstand giebt, deren wir nie eingedenk sind; daß man heut lebendig, warm, schön, voll von Hoffnungen und Wünschen und morgen für immer dahin sein kann!«

Es war ein warmer, sonniger Abend, und als er zum andern Ende der Veranda ging, gewahrte er Tom, welcher eifrigst mit seiner Bibel beschäftigt war, jedes Wort mit dem Finger verfolgte, und sich selbst mit ernster Miene zuflüsterte.

»Soll Dir wohl ein Stückchen lesen, Tom?« sagte St. Clare, sich nachlässig an seine Seite setzend.

»Wenn Master so gut sein wollte,« sagte Tom dankbar, »Master macht es so viel deutlicher.«

St. Clare nahm das Buch, und begann eine jener von Tom mit großen Zeichen markirten Stellen zu lesen: Sie lautete folgendermaßen:

»Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle seiner Herrlichkeit; und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.«

St. Clare las mit erhobener Stimme, bis er an den letzten Vers kam:

»Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Linken: ›Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet.‹ Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: ›Herr, wann haben wir Dich gesehen hungrig, oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und wir haben Dir nicht gedienet?‹ Dann wird er ihnen antworten und sagen: ›Wahrlich, ich sage Euch: Was ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan.‹«

St. Clare schien von dem letzteren Theile der Stelle tief ergriffen zu sein, denn er las sie zweimal, — das zweite Mal langsam, als wenn er die Worte im Geiste überdächte.

»Tom,« sagte er, »die Menschen, die mit so strengen Maßregeln bedroht werden, scheinen gerade das gethan zu haben, was ich gethan habe, — ein behagliches, angenehmes Leben geführt, und sich nicht darum bekümmert, wie viele von ihren Mitbrüdern hungrig, durstig, krank oder gefangen seien.«

Tom antwortete nicht.

St. Clare stand auf und schritt gedankenvoll in der Veranda auf und ab, alles Andere über seine eignen Gedanken so sehr vergessend, daß ihn Tom zweimal daran erinnern mußte, daß die Glocke zum Thee gezogen worden sei, ehe er seine Aufmerksamkeit erwecken konnte.

St. Clare blieb während des Thee's abwesend und gedankenvoll. Nach demselben nahmen er und Marie und Miß Ophelia von dem Wohnzimmer beinahe schweigend Besitz. Marie legte sich auf einen Sopha, unter einer seidenen Moskitodecke, und war bald entschlafen. Miß Ophelia beschäftigte sich schweigend mit ihrem Strickzeuge, und St. Clare setzte sich am Piano nieder, und begann eine sanfte, melancholische Weise zu spielen. Er schien in tiefe Träumereien versunken zu sein, und durch die Musik mit sich selbst zu reden. Nach einer kurzen Pause öffnete er einen Kasten, und nahm ein altes Notenbuch hervor, dessen Blätter bereits gelb geworden waren, und schlug es auf.

»Dieses Buch,« sagte er zu Miß Ophelien, »gehörte meiner Mutter, — und hier ist ihre Handschrift, — komm', sieh' her. Sie kopirte und arrangirte dies von Mozart's Requiem.«

Miß Ophelia kam.

»Sie sang dies oft,« fuhr St. Clare fort; »mir ist, als hörte ich sie noch.«

Er schlug einige majestätische Accorde an, und begann die erhabene, alte lateinische Arie, »Dies Irae,« zu singen.

Tom, der sich in der äußeren Veranda befand, wurde durch die Klänge bis an die Thür gezogen, wo er eifrig horchend stehen blieb. Er verstand natürlich die Worte nicht; aber die Musik und der Gesang, besonders in den ausdrucksvolleren Stellen, schienen ihn tief zu ergreifen. Einen noch größeren Eindruck würde Beides auf ihn gemacht haben, wenn er den Sinn der schönen Worte hätte verstehen können:

Recordare Jesu pie, Quod sum causa tuae viae Ne me perdas illa die. Quaerens me sedisti lassus, Tantus labor non sit cassus.

St. Clare legte einen tief gefühlten Ausdruck in die Worte, denn der düstere Schleier der Jahre schien hinweg gezogen zu sein, und er glaubte noch die Stimme seiner Mutter zu hören. Stimme und Instrument schienen lebendig zu sein, und ließen im innigsten Einklange jene herrlichen Harmonien ausströmen, welche Mozart als sein eignes Sterbe-Requiem zuerst erdacht hatte.

Als St. Clare aufgehört hatte, lehnte er einige Augenblicke seinen Kopf in die Hand, und begann dann im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Welche erhabene Auffassung ist dies vom jüngsten Gerichte!« sagte er, — »eine Lösung aller moralischen Räthsel durch eine unwiderlegliche Weisheit! Es ist in der That ein herrliches Bild.«

»Es ist für uns ein schreckliches,« sagte Miß Ophelia.

»Ich glaube, das sollte es für mich sein,« sagte St. Clare stillstehend und gedankenvoll. »Ich las diesen Nachmittag Tom das Kapitel aus dem Matthäus vor, welches eine Schilderung davon enthält, und ich fühlte mich tief ergriffen. Man hätte schreckliche Abscheulichkeiten derjenigen als Grund annehmen sollen, welche von dem Himmel ausgeschlossen werden; aber nein, — sie sind verdammt, weil sie nicht positiv Gutes gethan haben, als wenn dies schon jedes mögliche Unrecht in sich schlösse.«

»So mag es sein,« sagte Miß Ophelia; »es ist unmöglich für Jemanden, der nicht Gutes thut, kein Unrecht zu thun.«

»Und was,« sagte St. Clare sinnend, aber mit tiefem Gefühle, — »was soll von Jemanden gesagt werden, der durch sein eignes Herz, seine Erziehung und die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft zu edlen Zwecken aufgefordert worden ist, und der als ein träumerischer, theilnahmloser Zuschauer bei den Kämpfen, Leiden und Schmerzen seiner Mitmenschen fortgelebt hat, während er hätte thätig für sie wirken sollen?«

»Ich würde sagen,« entgegnete Miß Ophelia, »daß er bereuen und von nun an beginnen solle.«

»Immer praktisch und zum Zwecke!« sagte St. Clare lächelnd. »Du läßt mir nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Cousine; Du stellst mich immer dicht vor die wirkliche Gegenwart; Du hast eine Art von ewigem Jetzt fortwährend im Geiste.«

»Jetzt ist auch die einzige Zeit, mit der ich etwas zu thun habe,« sagte Miß Ophelia.

»Meine theure, kleine Eva, — armes Kind!« sagte St. Clare, »sie gedachte in ihrer kleinen schlichten Seele ein gutes Werk für mich zu thun.«

Es war das erste Mal seit Eva's Tode, daß er so viele Worte über sie geäußert hatte, und er unterdrückte jetzt augenscheinlich, während er sprach, sehr heftige Empfindungen.

»Meine Ansicht vom Christenthume ist eine solche,« fuhr er fort, »daß ich der Meinung bin, kein Mensch kann sich consequenter Weise dazu bekennen, ohne sich mit aller Macht diesem abscheulichen Systeme von Ungerechtigkeit entgegen zu werfen, welches allen unsern gesellschaftlichen Zuständen zu Grunde liegt, und im Falle der Noth sich selbst im Kampfe dagegen zu opfern. Ich will damit sagen, daß ich selbst mich unter keinen andern Bedingungen einen Christen nennen könnte, obgleich ich mit vielen erleuchteten und christlichen Leuten Umgang gehabt habe, die es nicht gethan haben; und ich bekenne, daß die Gleichgültigkeit religiöser Leute über diesen Punkt, ihr Mangel an Empfänglichkeit für das Unrecht, welches mich mit Abscheu erfüllte, mehr dazu beigetragen haben, Unglauben in mir zu erwecken, als irgend ein anderer Umstand.«

»Wenn Du alles dieß wußtest,« sagte Miß Ophelia, »warum hast Du es nicht gethan?«

»O, weil ich nur diejenige Art von Wohlwollen besitze, welche darin besteht, daß ich auf dem Sopha liege und die Kirche und alle Geistlichen verdamme, weil sie nicht Märtyrer und Bekenner in diesem Sinne sind. Man kann natürlich sehr leicht sehen, wie Andere Märtyrer sein sollten.«

»Wohl, willst Du von nun an anders handeln?« fragte Miß Ophelia.

»Gott allein kennt die Zukunft,« entgegnete St. Clare. »Ich bin besser als ich war, weil ich Alles verloren habe; und der, welcher nichts mehr zu verlieren hat, kann sich leicht allen Gefahren aussetzen.«

»Und was willst Du jetzt thun?«

»Meine Pflicht, hoffe ich, gegen die Armen und Niedrigen, so weit ich sie erkennen kann,« sagte St. Clare, »und ich will mit meinen eignen Sklaven anfangen, für die ich bis jetzt nichts gethan habe; und zu einem späteren Zeitpunkte kann es sich vielleicht zeigen, daß ich etwas für eine ganze Klasse thun kann, — etwas, um mein Vaterland von der Schande jener unrichtigen Stellung zu befreien, in der es jetzt vor allen civilisirten Nationen steht.«

»Hältst Du es für möglich, daß eine Nation jemals von freien Stücken emancipiren werde?« sagte Miß Ophelia.

»Ich weiß nicht,« entgegnete St. Clare. »Es ist jetzt eine Zeit großer Handlungen. Heroismus und Uneigennützigkeit erheben sich hier und dort auf der Erde. Der ungarische Adel hat mit einem ungeheuren Geldverluste Millionen von Sklaven freigelassen; und vielleicht finden sich auch unter uns edelmüthige Seelen, die Ehre und Gerechtigkeit nicht nach Dollarn und Cents abschätzen.«

»Ich glaube kaum,« bemerkte Miß Ophelia.

»Aber angenommen, wir erhöben uns morgen und emancipirten, — wer würde diese Millionen erziehen, und ihnen lehren ihre Freiheit richtig zu gebrauchen? Wir selbst sind zu träge und unpraktisch, um ihnen eine Idee von der Industrie und Energie beizubringen, welche erforderlich sind, um sie zu Menschen zu machen. Sie werden nach Norden gehen müssen, wo Arbeit an der Tagesordnung, allgemeine Sitte ist; und sage mir nun, herrscht in Euren nordischen Staaten genug christliche Menschenliebe, um den Prozeß ihrer Erziehung und Heranbildung zu unternehmen? Ihr sendet Tausende von Dollarn nach fernen Missionen, aber würdet Ihr erlauben, daß die Heiden in Eure eignen Städte und Dörfer gesendet würden, und Eure Zeit, Ueberlegung und Geld daran wenden, um sie nach christlichen Principien zu bilden? Das ist's, was ich gerne wissen möchte! Wenn wir emancipiren, seid Ihr dann bereit zu erziehen? Wie viele Familien in Eurer Stadt würden wohl einen Neger oder eine Negerin in ihr Haus nehmen, sie unterrichten, und zu Christen machen? Wie viele Kaufleute würden sich wohl bereit finden lassen, den Adolph aufzunehmen, wenn ich einen Commis aus ihm machen, — oder Handwerker, wenn ich ihn ein Handwerk lernen lassen wollte? Wenn ich die Absicht hätte, Rosa und Jane in eine Schule zu bringen, wie viele Schulen würden sich in den nördlichen Staaten wohl finden, die sie annähmen, wie viele Familien, die sie in Kost zu nehmen bereit wären? Und dennoch sind sie so weiß wie irgend ein Frauenzimmer im Norden oder Süden. Du siehst, Cousine, ich will nur, daß man uns Gerechtigkeit widerfahren lasse. Wir befinden uns in einer bösen Lage. Wir sind die mehr sichtbaren Bedrücker der Neger, aber das unchristliche Vorurtheil des Nordens ist ein eben so harter Tyrann.«

»Ich weiß, es ist so, Cousin,« entgegnete Miß Ophelia, — »ich weiß, es war mir selbst so, bis ich es für meine Pflicht hielt, das Gefühl zu unterdrücken; aber ich hoffe, ich habe es unterdrückt, und ich weiß, daß es im Norden viele gute Menschen gibt, die über diesen Gegenstand nur belehrt zu werden brauchen, um ihre Pflicht zu erkennen und zu erfüllen. Es würde jedenfalls eine größere Selbstverläugnung sein, Heiden unter uns aufzunehmen, als ihnen Missionäre zuzusenden; aber ich glaube, wir würden es thun.«

»Du würdest es thun, das weiß ich!« sagte St. Clare. »Ich möchte wissen, was Du nicht thun würdest, sobald Du es für Deine Pflicht hieltest!«

»Ich bin nicht so außerordentlich gut,« entgegnete Miß Ophelia. »Andere würden es eben so wohl thun, wenn sie die Sachen so ansähen wie ich. Wenn ich nach Hause reise, soll Topsy mit mir gehen. Ich glaube gern, unsere Leute werden sich anfangs wundern; aber sie werden bald dahin gelangen, die Sache eben so zu betrachten wie ich. Ueberdieß weiß ich, daß es Viele im Norden gibt, die grade das thun, was Du sagst.«

»Ja, aber es ist nur die Minorität; und wenn wir jemals anfangen sollten, zu emancipiren, so würden wir bald von Dir hören.«

Miß Ophelia antwortete nicht. Es herrschte einige Augenblicke lang eine Pause, und St. Clare's Gesicht hatte einen melancholischen, träumerischen Ausdruck angenommen.

»Ich weiß nicht, was mich heut Abend so unaufhörlich an meine Mutter erinnert,« sagte er. »Ich habe ein sonderbares Gefühl, als ob sie mir nahe wäre; und ich denke fortwährend an Dinge, die sie mir gesagt hat. Woher kommt es nur, daß zuweilen vergangene Zeiten so lebhaft vor unsere Erinnerung geführt werden?«

Mehrere Minuten lang schritt St. Clare im Zimmer auf und ab, und sagte dann:

»Ich will einige Augenblicke die Straße hinauf gehen, und hören, was für Neuigkeiten es gibt.«

Er nahm seinen Hut und ging hinaus.

Tom folgte ihm bis in den Hof, und fragte ihn, ob er ihn begleiten solle?

»Nein, mein Junge,« sagte St. Clare, »in einer Stunde bin ich wieder zu Hause.«

Tom setzte sich in der Veranda nieder. Es war ein schöner, mondheller Abend. Er betrachtete das Steigen und Fallen des Springbrunnens, horchte seinem Plätschern und dachte an seine Heimath, und daß er nun bald ein freier Mensch sein werde, und nach Belieben dahin zurückkehren könne. Er dachte daran, wie er arbeiten werde, um seine Frau und seine Kinder loskaufen zu können; er befühlte mit einer Art Freude die Muskeln seiner sehnigen Arme, und dachte, daß diese ihm nun bald selbst gehören würden, und wie viel sie für die Freiheit seiner Familie würden arbeiten können. Dann dachte er an seinen edlen jungen Herrn, und als unmittelbare Folge davon sprach er das gewohnte Gebet für ihn; und dann wendeten sich seine Gedanken der schönen, kleinen Eva zu, die er jetzt unter den Engeln vermuthete; und dachte daran so lange, bis es ihm beinahe vorkam, als ob der goldene Kopf mit dem klaren Gesichtchen aus dem Schaume des Springbrunnens auf ihn nieder blicke. Und so sinnend schlief er ein, und träumte, er sehe sie, nach ihrer gewohnten Weise, zu sich gesprungen kommen, mit einem Jasminkranz im Haare, glänzende Wangen und vor Freude strahlenden Augen. Aber während er sie betrachtete, schien sie aus der Erde aufzusteigen; ihre Wangen waren bleicher, — aus ihren Augen leuchtete ein tiefer, göttlicher Strahl, ihren Kopf umgab ein goldener Heiligenschein, — und sie verschwand vor seinen Augen; und in demselben Augenblick wurde Tom durch ein lautes Pochen und den Klang vieler Stimmen aus seinen Träumen erweckt.

Er beeilte sich, das Thor zu öffnen, worauf mehrere Männer mit gedämpften Stimmen und schwerem Tritte eintraten, welche einen, durch ein schwarzes Tuch bedeckten und auf einer Bahre liegenden Körper trugen. Das Lampenlicht fiel auf das Gesicht desselben, und Tom stieß einen wilden, gellenden Schrei des Schreckens aus, der durch alle Gallerien scholl, während die Männer mit ihrer Bürde sich dem offenen Wohnzimmer näherten, wo Miß Ophelia mit Stricken beschäftigt saß.

St. Clare war in ein Caffehaus getreten, um die Abendzeitung zu lesen. Während er damit beschäftigt war, hatte sich zwischen zwei etwas berauschten Herrn im Zimmer ein Streit erhoben. St. Clare mit einigen andern der Anwesenden versuchte sie zu trennen, und empfing dabei einen Stich mit einem Jagdmesser, welches er einem der Streitenden zu entringen bemüht war.

Das Haus füllte sich mit Geschrei, Klagen und Lamentationen; und die Dienstboten rauften sich ihr Haar, und warfen sich auf den Boden nieder oder rannten wie wahnsinnig umher. Tom und Miß Ophelia allein schienen etwas Geistesgegenwart bewahrt zu haben, denn Marie lag in heftigen hysterischen Krämpfen. Auf Miß Opheliens Anordnung wurde eins der Kanapees im Zimmer zu einem Bettlager umgeschaffen, und die blutende Gestalt darauf gelegt. St. Clare war durch Schmerz und Blutverlust ohnmächtig geworden; allein, als Miß Ophelia Wiederbelebungsmittel anwandte, kam er wieder zu sich, schlug die Augen auf, und schaute sich aufmerksam im Zimmer um, während seine Blicke sinnend von einem Gegenstande zum andern wanderten, und endlich am Bilde seiner Mutter hängen blieben.

Der Arzt kam jetzt, und nahm seine Untersuchung vor. Es war in seinem Gesichte deutlich zu lesen, daß keine Hoffnung vorhanden sei; allein er begann die Wunde zu verbinden, und er fuhr mit dieser Arbeit, unter Miß Opheliens und Tom's Beihülfe, ruhig fort, während die erschreckten Dienstboten sich schluchzend und schreiend um die Fenster und Thüren der Veranda drängten.

»Jetzt,« sagte der Arzt, »müssen wir alle diese Geschöpfe entfernen, denn Alles hängt von der äußersten Ruhe ab.«

St. Clare öffnete seine Augen und blickte starr auf die trostlosen Wesen, welche Miß Ophelia und der Arzt aus dem Zimmer zu entfernen bemüht waren. »Arme Geschöpfe!« sagte er, mit dem Ausdrucke bitteren Vorwurfes gegen sich selbst. Adolph verweigerte positiv zu gehen. Der Schrecken hatte ihm alle Besinnung geraubt; er warf sich auf den Erdboden, und nichts konnte ihn vermögen, wieder aufzustehen. Die Uebrigen gaben Miß Opheliens dringenden Vorstellungen nach, daß das Leben ihres Herrn von ihrer Ruhe und ihrem Gehorsam abhänge.

St. Clare konnte nur wenig sagen; er lag mit geschlossenen Augen da, aber kämpfte augenscheinlich mit bitteren Gedanken. Nach einer Weile legte er seine Hand auf die Tom's, der an seiner Seite kniete, und sagte: »Tom! armer Mensch!«

»Was, Master?« sagte Tom mit innigem Tone.

»Ich sterbe!« entgegnete St. Clare, seine Hand drückend, — »bete!«

»Verlangen Sie vielleicht nach einem Geistlichen?« sagte der Arzt.

St. Clare schüttelte unruhig mit dem Kopfe und wiederholte in noch dringenderem Tone zu Tom gewendet: »bete!«

Und Tom begann zu beten, aus vollem Herzen, für die Seele, die im Begriff war zu scheiden, — die Seele, die so ruhig und so traurig aus den großen, melancholischen, blauen Augen blickte. Es war im eigentlichsten Sinne des Wortes »ein Gebet unter Schreien und Thränen.«

Als Tom aufgehört hatte, ergriff St. Clare seine Hand, und blickte ihn wehmüthig an, aber sagte nichts. Er schloß seine Augen, aber hielt seine Hand fest, denn vor den Thoren der Ewigkeit ruhen die schwarze und die weiße Hand mit gleich warmem Drucke in einander. Er murmelte leise und mit Unterbrechungen vor sich hin:

»Recordare Jesu pie —


Ne me perdas — illa die
Quaerens me — sedisti lassus.«

Es war deutlich erkennbar, daß die Worte, welche er am Nachmittage gesungen hatte, seinem Geiste vorschwebten, — Worte der Bitte an eine unendliche Barmherzigkeit gerichtet. Seine Lippen bewegten sich mit Unterbrechungen, während Bruchstücke der Hymne von seinen Lippen flossen.

»Sein Geist irrt umher,« sagte der Arzt.

»Nein, er geht endlich heim!« sagte St. Clare mit Nachdruck; »endlich! endlich!«

Die Anstrengungen, die er machte, um zu sprechen, erschöpften ihn. Allmählig überzog Todesblässe sein Gesicht; aber mit ihr nahmen seine schönen Züge einen sanften Ausdruck des Friedens an, wie den eines müden Kindes, welches einschlafen will.

So lag er einige Augenblicke. Die Umstehenden sahen, daß die mächtige Hand ihn bereits berührt habe. Kurz zuvor, ehe sein Geist entfloh, öffnete er seine Augen mit einem Glanze, aus dem die Freude der Wiedererkennung strahlte, und mit dem Ausrufe: »Mutter!« verschied er.