Ein Sklavenhaus! ein Sklavenspeicher! Vielleicht machen sich manche unserer Leser eine schreckliche Vorstellung von einem solchen Orte, — halten ihn für eine schmutzige, finstere Höhle, einen schrecklichen Tartarus, »informis, ingens, cui lumen ademptum.« Aber nein, unschuldiger Freund; in jetziger Zeit hat man die Kunst gelernt, auf anständige Weise zu sündigen, so daß die Augen und Gefühle guter Gesellschaft nicht beleidigt werden. Menschliche Waare steht in gutem Preise, und wird deßhalb wohl genährt, wohl gereinigt und abgewartet, damit sie glatt, kräftig und gesund auf den Markt komme. Ein Sklavenhaus in New-Orleans unterscheidet sich äußerlich wenig von anderen Häusern und wird in reinlichem Stande gehalten. Vor demselben kann man täglich unter einer Art Schuppen Reihen von Männern und Weibern ausgestellt sehen, welche als Zeichen derjenigen Waare dienen, die innerhalb verkauft wird. Dann wirst du höflich eingeladen einzutreten und zu untersuchen, und wirst eine große Anzahl von Ehemännern, Weibern, Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern und jungen Kindern finden, die einzeln oder zusammen, je nachdem die Käufer es wünschen, losgeschlagen werden sollen; und die unsterbliche Seele, die einst mit dem Blute und der Todesangst des Sohnes Gottes verkauft wurde, als die Erde erbebte und die Felsen zersprangen, und die Gräber sich öffneten, kann jetzt verkauft, verdungen, verpfändet oder gegen Waaren jeder Art ausgetauscht werden, um den Bedürfnissen des Handels oder den Wünschen der Käufer zu genügen.
Es war, wie erwähnt, wenige Tage nach jener Unterhaltung zwischen Marien und Miß Ophelien, daß Tom, Adolph und ein halbes Dutzend anderer zur St. Clareschen Besitzung gehöriger Sklaven der menschenfreundlichen Fürsorge Mr. Skeggs' überwiesen wurden, welcher einen Sklavenhandel in der F....straße hielt, um in der am nächsten Tage Statt findenden Auktion zum Verkaufe gestellt zu werden. Tom hatte einen ganz ansehnlichen Koffer mit Kleidungsstücken bei sich, wie die meisten Anderen. Sie wurden für die Nacht in ein langes Zimmer geführt, in welchem sich viele andere Männer von jedem Alter, jeder Größe und Schattirung befanden, die ein Gebrüll von Lachen und sorgloser Fröhlichkeit erschallen ließen.
»Ah, ah! das ist recht. Nur zu, Jungens, — nur zu,« sagte Mr. Skeggs, der Verwalter. »Meine Leute sind immer lustig! — Sambo, ich sehe!« fügte er, an einen dicken Neger gewendet, beifällig hinzu, der durch Possen der niedrigsten Art das Gelächter erzeugte, welches Tom gehört hatte.
Wie sich leicht denken läßt, war Tom nicht in der Stimmung, an diesen Spässen Theil zu nehmen. Indem er deshalb seinen Kasten so entfernt wie möglich von der lärmenden Gruppe auf den Boden stellte, setzte er sich darauf nieder, und lehnte seinen Kopf gegen die Wand.
Die Händler mit menschlichen Waaren bemühen sich gewissenhaft, auf systematische Weise geräuschvolle Heiterkeit unter ihnen zu erhalten und zu befördern, als ein Mittel, jedes Nachdenken zu ertödten und sie gefühllos für ihre Lage zu machen. Der ganze Zweck der Zucht, unter welche der Neger von dem Augenblicke an gebracht wird, wo er auf dem nördlichen Markte verkauft worden, bis dahin, wo er nach Süden kömmt, ist darauf berechnet, ihn gefühllos und sorglos zu machen. Der Sklavenhändler sammelt sich eine Anzahl in Virginien oder Kentucky, und treibt sie nach irgend einem passenden, gesunden Orte, um fett zu werden. Hier werden sie täglich mit überflüssiger Nahrung versehen, und, weil Manche darunter sind, welche sich zum Gram hinneigen, wird eine Geige für sie gehalten, nach der sie täglich tanzen müssen; und derjenige, welcher es verweigert, heiter zu sein, — in dessen Seele vielleicht die Gedanken an Weib, Kind oder Heimath zu stark sind, um fröhlich sein zu können, — wird als tückisch und gefährlich bezeichnet, und allen Uebeln bloß gestellt, die der Unwille eines gefühllosen und von jeder Verantwortung freien Menschen ihm auferlegen kann. Gewandtheit, Munterkeit und Heiterkeit, besonders in Gegenwart von Beobachtern, werden ihnen fortwährend eingeprägt, nicht nur durch die ihnen vorgehaltene Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu bekommen, sondern auch durch die Furcht vor den Uebeln, welche der Händler ihnen zufügen darf, im Falle sie nicht verkauft werden können.
»Was macht dieser Nigger hier?« sagte Sambo, sich Tom nähernd, nachdem Mr. Skeggs das Zimmer verlassen hatte. Sambo war ganz schwarz, groß, sehr lebendig, gesprächig, und voll von Possen und Grimassen.
»Was machst Du hier?« sagte Sambo, zu Tom herankommend, und ihn scherzhaft in die Seite stoßend: — »nachdenken, he?«
»Ich soll morgen verkauft werden, — auf der Auktion,« entgegnete Tom ruhig.
»Verkauft — auf Auktion, — ho! ho! Jungens, ist das nicht ein Spaß? Wollte, ich ginge selbst den Weg! — sage Euch, wollt' ich sie nicht lachen machen? Aber wie, — die ganze Sippschaft hier soll morgen verkauft werden?« sagte Sambo, seinen Arm vertraulich auf Adolphs Schulter legend.
»Ich bitte, mich in Frieden zu lassen,« sagte Adolph grimmig, und sich mit dem Ausdruck des äußersten Abscheu's in die Höhe richtend.
»Ho, ho! Jungens, dieser hier ist einer von den weißen Niggers, — so 'ne Art Käsefarbe, riecht gut!« sagte er, sich Adolph nähernd und schniffelnd. »Herr! der 's gut für 'nen Tabacksladen!«
»Laß mich in Frieden! — verstehst Du?« rief Adolph wüthend.
»Sieh' Einer! wie empfindlich wir sind, — wir weißen Nigger! Sieh' uns nur an!« sagte Sambo, indem er Adolphs Manieren nachzuäffen suchte; — »wie graziös! wir sind in sehr guter Familie gewesen, — vermuthe!«
»Ja,« entgegnete Adolph, »ich hatte einen Master, der Euch alle für alten Plunder hätte kaufen können.«
»Nun sieh' Einer,« entgegnete Sambo, »was für ein Herr wir sind!«
»Ich gehörte der Familie St. Clare,« sagte Adolph stolz.
»Wirklich? na, ich will mich hängen lassen, wenn's nicht ein Glück für sie ist, daß sie Dich los werden. Sie verkaufen Dich wohl mit den alten zerbrochenen Theekannen und solcher Waare!« sagte Sambo grinsend.
Adolph, durch diesen Hohn rasend gemacht, flog wüthend auf seinen Gegner zu, und fluchte und schlug auf ihn los von allen Seiten. Die Uebrigen schrieen und lachten, und der allgemeine Lärm rief endlich den Aufseher herbei.
»Was gibt's hier, Jungens? Ruhe — Ruhe!« rief er eintretend, und eine lange Peitsche schwingend.
Alle entflohen nach verschiedenen Richtungen, ausgenommen Sambo, welcher, im Vertrauen auf die Gunst des Aufsehers, deren er sich bisher als privilegirter Spaßmacher erfreut hatte, stehen blieb, und seinen Kopf mit komischem Grinsen versteckte, sobald der Master einen Angriff auf ihn machte.
»O, Master, wir sind's nicht, — wir sind ganz ordentlich, — hier, diese Neuen sind's; — die lassen uns nicht zufrieden, — haben uns zum Besten immer zu!«
Der Aufseher wandte sich hierauf gegen Tom und Adolph, theilte einige Stöße und Püffe ohne viel Untersuchung aus, und verließ sodann wieder das Zimmer, nachdem er zuvor allgemeine Befehle für Alle, sich ruhig zu verhalten und zum Schlafen niederzulegen, zurückgelassen hatte.
Während diese Scene im Schlafzimmer der Männer spielte, ist der Leser vielleicht nicht abgeneigt, einen Blick in das dem weiblichen Personale angewiesene, ähnliche Gemach zu thun. Ausgestreckt auf dem Erdboden in den verschiedenartigsten Stellungen kann er hier zahllose Gestalten, von jeder Hautfarbe, vom schwärzesten Ebenholz bis zum reinsten Weiß, und von jedem Alter, vom Kindes- bis zum Greisenalter, schlafen sehen. Hier liegt ein schönes, liebliches Mädchen von zehn Jahren, dessen Mutter gestern verkauft wurde, und welches sich diese Nacht selbst in den Schlaf weinte, während Niemand darauf achtete. Hier befindet sich eine alte Negerin, deren dünne Arme und knöcherige Finger von schwerer Arbeit erzählen, und die am morgenden Tage als ein abgenutzter Artikel losgeschlagen werden soll; und um sie her liegen vierzig bis fünfzig Andere ausgestreckt, deren Köpfe in Bettdecken oder Theile ihrer Kleidungsstücke gewickelt sind. Allein in der Ecke, abgesondert von den Uebrigen, sitzen zwei Frauenzimmer, deren Aeußeres mehr Interesse als gewöhnlich erweckt. Die Eine derselben ist eine anständig gekleidete Mulattin zwischen vierzig und fünfzig Jahren, mit sanften Augen und weichen, einnehmenden Zügen. Sie trägt auf dem Kopfe einen hohen, aus rothseidenen Madrastüchern gewundenen Turban, und ihre Kleidung ist von feinem Stoffe und sauberer Arbeit, was als Beweis gilt, daß sie einer sorgsamen Hand bisher angehört hat. An ihrer Seite, dicht an sie gedrückt, sitzt ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, — ihre Tochter. Sie ist eine Quadroon, wie ihre hellere Gesichtsfarbe andeutet, obgleich ihre Aehnlichkeit mit der Mutter unverkennbar ist. Sie hat dasselbe sanfte, dunkle Auge, nur mit längeren Wimpern, und ihr üppiges, lockiges Haar ist von glänzendem Braun. Ihre Kleidung ist ebenfalls von der größten Sauberkeit, und ihre zarten, weißen Hände verrathen wenig Bekanntschaft mit niedriger Arbeit. Diese Beiden sollen am morgenden Tage zugleich mit den St. Clare'schen Leuten verkauft werden; und der Herr, dem sie gehören, und dem das für sie gelöste Geld zugeschickt werden soll, ist Mitglied einer christlichen Kirche in New-York, welcher das Geld in Empfang nehmen, und nachher zum Sakramente seines und ihres Herrn gehen und nicht weiter an sie denken wird.
Diese beiden Frauenzimmer, welche wir Susan und Emmeline nennen wollen, waren Dienerinnen einer liebenswürdigen und frommen Dame in New-Orleans gewesen, von der sie mit Sorgfalt und in Frömmigkeit erzogen und unterrichtet worden waren. Sie hatten lesen und schreiben, und die Wahrheiten der Religion erkennen gelernt, und ihr Loos war im Allgemeinen ein so glückliches gewesen, als es unter ihren Verhältnissen überhaupt möglich war. Allein der einzige Sohn ihrer Beschützerin, welcher die Verwaltung ihres ganzen Eigenthums hatte, versank durch Nachlässigkeit oder Verschwendung in eine tiefe Schuldenlast und fallirte endlich. Einer der bedeutendsten Creditoren war die sehr achtbare Firma B. et Cie. in New-York. Dieselbe schrieb an ihren Anwalt in New-Orleans, welcher das vorhandene Vermögen mit Arrest belegte (dessen werthvollster Theil in diesen beiden Frauenzimmern und einer Anzahl Feldsklaven bestand), und der Letztere erstattete Bericht an die Firma. Bruder B., der, wie gesagt, ein christlicher Mann und ein Bewohner eines Freistaates war, fühlte einige Unbehaglichkeit über diesen Gegenstand. Er wollte natürlich nicht gern mit Sklaven und menschlichen Seelen handeln; allein es handelte sich um dreißig tausend Dollars in diesem Falle, und dies war eine etwas zu große Summe, um sie einem Principe zu opfern; und so schrieb endlich Bruder B. nach langer Ueberlegung und nach Einholung von Rath bei Denjenigen, deren Rath, wie er wußte, ihm zusagen werde, an seinen Anwalt, daß er den Aktivbestand auf die zweckmäßigste Weise verwerthen und den Erlös an ihn einsenden möge.
Am Tage nach Eingang dieses Briefes wurden Susan und Emmeline mit Arrest belegt, und an den Sklavendepot abgeliefert, um dort die am nächsten Morgen stattfindende allgemeine Versteigerung zu erwarten; und während sie jetzt dort schwach im Mondlichte schimmern, welches sich durch die vergitterten Fenster stiehlt, können wir ihrer Unterhaltung lauschen. Beide weinen, aber Jede leise und im Stillen, damit die Andere es nicht höre.
»Mutter, lege Deinen Kopf in meinen Schooß, und versuche, ob Du nicht ein wenig schlafen kannst,« sagte das junge Mädchen, während es sich Mühe gab, ruhig zu erscheinen.
»Ich habe kein Herz zu schlafen, Em; ich kann nicht; — es ist vielleicht die letzte Nacht, daß wir bei einander sind!«
»O Mutter, sage das nicht! vielleicht werden wir zusammen verkauft, — wer weiß!«
»Wenn jemand anderes sich in diesem Falle befände, so würde ich das auch sagen, Em,« entgegnete die Mutter, »aber ich habe so große Angst, Dich zu verlieren, daß ich nichts als die Gefahr sehe.«
»Aber Mutter, der Mann sagte doch, daß wir beide gut aussähen, und gut verkauft werden würden.«
Susan erinnerte sich der Blicke und Worte des Mannes. Mit innerem Beben gedachte sie, wie er Emmelinens Hände betrachtet, und ihre Locken aufgehoben, und sie für einen Artikel erster Klasse erklärt hatte. Susan war auf christlichem Wege erzogen, und an ein tägliches Lesen der Bibel gewöhnt worden, und hegte deshalb denselben Abscheu davor, ihr Kind zu einem Leben der Schande verkauft zu sehen, wie jede andre christliche Mutter; aber sie hatte keine Hoffnung — keinen Schutz für sie.
»Mutter, ich denke, wir könnten uns recht wohl befinden, wenn Du eine Stelle als Köchin, und ich als Stubenmädchen oder Näherin in irgend einer Familie bekämest. Ich hoffe es. Laß uns beide so heiter aussehen wie wir können, und Alles sagen, was wir verstehen; vielleicht bekommen wir dann solche Stellen,« sagte Emmeline.
»Du mußt morgen Dein ganzes Haar glatt nach hinten kämmen,« sagte Susan.
»Weshalb, Mutter? ich sehe dann bei weitem nicht so gut aus.«
»Ja, aber Du wirst so besser verkauft werden.«
»Ich sehe nicht ein, weshalb!« sagte das Kind.
»Anständige Familien werden Dich eher kaufen, wenn Du einfach und sittsam aussiehst, und Dich nicht hübsch machen willst. Ich kenne ihre Art und Weise besser als Du,« sagte Susan.
»Gut, Mutter, dann will ich es thun.«
»Und wenn wir uns von morgen an nie wieder sehen sollten, Emmeline, — wenn ich nach irgend einer Plantage verkauft werden sollte, und Du anderswohin, — so denke immer daran, wie Du erzogen worden bist, und was Missis Dir gesagt hat. Nimm' Deine Bibel und Dein Gesangbuch mit Dir, und sei Gott getreu, so wird er Dir getreu sein.«
So spricht die arme Seele in schmerzlicher Muthlosigkeit, denn sie weiß, daß am folgenden Tage jeder Mensch, so gemein und roh, so gottlos und unbarmherzig er auch immer sein möge, Herr ihrer Tochter an Leib und Seele werden kann, sobald er das nöthige Geld für sie zu erlegen im Stande ist; und wie soll das Kind dann seinem Gott getreu bleiben? Sie denkt an alles dies, während sie ihre Tochter im Arme hält, und wünscht, daß diese weniger hübsch und anziehend sein möchte. Sie hat keine andre Zuflucht als zum Gebete; und viele solcher Gebete sind von diesen saubern, reinlichen Sklavengefängnissen zu Gott emporgestiegen, — Gebete, die Gott nicht vergessen hat, wie sich an einem Tage, der noch kommen soll, zeigen wird; denn es steht geschrieben: »Wer aber ärgert dieser Geringsten Einen, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget würde, und er ersäufet würde im Meere da es am tiefsten ist.«
Die sanften, ernsten, stillen Mondesstrahlen fallen durch die Stäbe des vergitterten Fensters, und werfen den Schatten derselben auf die ausgestreckten, schlafenden Gestalten, während Mutter und Tochter eine jener milden, melancholischen Trauerarien singen, welche unter den Sklaven als Begräbnißgesänge üblich sind.
Singt nur, arme Seelen! Die Nacht ist kurz, und der kommende Morgen wird Euch für ewig trennen!
Aber jetzt tagt der Morgen, und Alles ist munter; und der würdige Mr. Skeggs ist geschäftig und guter Laune, denn eine Quantität Waare soll zur Versteigerung in Stand gesetzt werden. Alles macht Toilette, und Befehle ergehen an einen Jeden, das beste Gesicht anzulegen, und heiter zu sein; und dann werden alle zur letzten Revüe in einen Kreis gestellt, ehe sie nach der Börse abgeführt werden, und Mr. Skeggs, mit der Cigarre im Munde, hält die letzte Schau.
»Was ist das?« fragte er, vor Susan und Emmelinen tretend. »Wo sind Deine Locken, Mädchen?«
Das Mädchen blickte furchtsam auf ihre Mutter, welche mit der ihrem Geschlechte eigenthümlichen, sanften Gewandtheit antwortete: »Ich sagte ihr gestern Abend, ihr Haar glatt zu kämmen, und es nicht in Locken umherhängen zu lassen, weil es anständiger aussehe.«
»O Unsinn!« entgegnete der Mann, und fügte, sich in befehlendem Tone an das Mädchen wendend, hinzu: »Du gehst mir auf der Stelle, und bringst Deine Locken wieder ordentlich in Stande! — und bist mir schnell wieder hier!« und an die Mutter gerichtet, sagte er: »Die Locken bringen vielleicht 'en hundert Dollar mehr beim Verkaufe.«
Unter einem glänzenden Dome befanden sich Menschen aller Nationen, die sich auf den Marmorplatten des Fußbodens hin und her bewegten. Auf jeder Seite der kreisförmigen Area standen kleine Tribünen zum Gebrauche von Rednern oder Auktionatoren. Zwei derselben auf gegenüberliegenden Seiten der Area waren jetzt von talentvollen Männern besetzt, welche mit großem Enthusiasmus in gemischtem Englisch und Französisch die Gebote der Kenner ihrer verschiedenen Waaren in die Höhe trieben. Eine dritte Tribüne auf der andern Seite, noch unbesetzt, war von einer Gruppe umringt, welche auf den Anfang der Versteigerung wartete. Hier können wir St. Clares ehemalige Dienstboten finden, Tom, Adolph und andere; und außerdem Susan und Emmeline, welche mit angstvollen, niedergeschlagenen Mienen ihr Schicksal erwarten. Mehrere Zuschauer, theils kauflustig, theils nicht, umgaben die Gruppe, und untersuchten, befühlten und besprachen die verschiedenen Gesichter und Gliedmaßen mit derselben Freiheit, mit der eine Gesellschaft Roßkämme die Verdienste eines Pferdes bespricht.
»Holla! Alf! was bringt Dich denn hieher?« sagte ein junger Stutzer, einem andern, auffallend geputzten jungen Manne auf die Schulter schlagend, welcher Adolph durch eine Lorgnette beobachtete.
»Ich brauche einen Lackei,« entgegnete dieser, »und hörte, daß St. Clare's Leute an die Reihe kämen; und so wollt' ich mir 'mal ansehen —«
»Wollte mich hüten; jemals einen von St. Clare's Leuten zu kaufen! verdirbt alle seine Nigger, — sind unverschämt wie der Teufel!« sagte der Andere.
»Fürchte mich nicht davor!« sagte der Erstere. »Wenn ich sie habe, will ich ihnen bald ihre Manieren abgewöhnen, — sollen bald wissen, daß sie mit einem andern Master zu thun haben, als mit Monsieur St. Clare. Mein Wort, ich kaufe den Burschen; — er gefällt mir.«
»Du wirst sehen, es kostet Dich Alles, was Du hast, um ihn zu halten; — er ist teufelsmäßig ausschweifend.«
»Ja, aber Mylord wird sehen, daß er bei mir nicht ausschweifend sein kann. Laß ihn nur erst ein paar Male nach dem Stockhause geschickt und gründlich dressirt sein, — dann wird er schon zur Besinnung kommen! Ich will ihn schon reformiren. — Du sollst es sehen. Ich kaufe ihn, das steht fest!«
Tom hatte inzwischen sinnend die Menge von Gesichtern derer geprüft, die sich um ihn drängten, und nach Einem gesucht, den er seinen Herrn hätte nennen mögen. Wenn Du, lieber Leser, Dich jemals in der Nothwendigkeit befinden solltest, aus zweihundert Männern einen auszuwählen, der Dein unbeschränkter Herr und Eigenthümer werden soll, so würdest Du wie Tom sehen, wie wenige darunter zu finden sind, denen Du Dich bereitwillig zu diesem Zwecke übermachen lassen möchtest. Tom sah eine große Anzahl von Männern vor sich, — große, dicke und finstere; kleine, magere und muntere; lange und dünne, mit harten Gesichtszügen, und jede Abstufung gemeiner Gesichter, die ihren Mitmenschen aufnehmen, wie man Späne aufsammelt, um sie in's Feuer oder in den Korb zu werfen; aber er sah keinen St. Clare.
Kurz vorher, ehe der Verkauf begann, drängte sich ein kurzer, breiter, muskulöser Mann, in einem bunten Hemde, welches auf der Brust weit offen war, und sehr schmutzigen Beinkleidern, durch die Menge, wie Jemand, der eifrig an ein Geschäft gehen will, und begann, als er der Gruppe näher kam, diese systematisch zu untersuchen. Vom ersten Augenblicke, wo Tom ihn sich nähern sah, fühlte er einen unwillkührlichen Schrecken vor ihm, der sich steigerte, je näher er zu ihm kam. Der Mann besaß augenscheinlich, obgleich er klein war, eine gigantische Kraft. Sein runder, kugelförmiger Kopf, seine großen, hellgrauen Augen, mit den zottigen, rothen Augenbrauen, und sein struppiges, sonnverbranntes Haar waren allerdings wenig einnehmende Eigenschaften; sein großer, gemeiner Mund dehnte sich unter großen Tabacksballen, deren Saft er von Zeit zu Zeit mit großer Kraft und Entschiedenheit hinausschleuderte; seine Hände waren unförmlich groß, haarig, sonnverbrannt, fleckig, sehr schmutzig, mit langen Nägeln versehen, und überhaupt in einem ekelhaften Zustande. Dieser Mann begann eine sehr dreiste, persönliche Untersuchung der zum Verkauf aufgestellten Sklaven. Er ergriff Tom beim Kiefer, und riß seinen Mund auf, um seine Zähne zu untersuchen; ließ ihn seinen Aermel aufstreifen, um seine Muskeln zu zeigen, und drehte ihn herum, und ließ ihn springen, um seine Gelenkigkeit zu prüfen.
»Wo bist Du aufgebracht worden?« fragte er kurz nach diesen Untersuchungen.
»In Kentucky, Master,« sagte Tom, sich wie nach Hülfe umschauend.
»Was hast Du da gethan?«
»Habe Master's Farm verwaltet,« entgegnete Tom.
»Sehr wahrscheinliche Geschichte!« sagte der Andere kurz, während er weiter ging. Er blieb einen Augenblick vor Adolph stehen, feuerte eine Ladung Tabakssaft auf seine blank geputzten Stiefeln ab, und ging mit einem verächtlichen »Umph!« weiter. Vor Susan und Emmelinen blieb er wieder stehen. Er streckte seine schwere schmutzige Hand aus, und zog das Mädchen zu sich, strich ihr damit über Nacken und Brust, untersuchte ihre Zähne, und stieß sie dann wieder zu ihrer Mutter zurück, deren geduldiges Gesicht das tiefe Leiden verrieth, welches sie bei jeder Bewegung des scheußlichen Fremden empfunden hatte.
Das Mädchen war erschreckt worden, und fing an zu weinen.
»Still da! Du Heuldirne! kein Blärren hier!« rief der Auktionator, — »der Verkauf beginnt.«
Adolph wurde für eine gute Summe dem jungen Manne zugeschlagen, welcher seine Absicht, ihn zu kaufen, vorher schon erklärt hatte; und die übrigen Leute St. Clare's fielen verschiedenen Bietern zu.
»Hinauf nun mit Dir, Bursche! hörst Du?« rief der Auktionator Tom zu.
Tom stieg auf den Block und ließ seine Blicke ängstlich umher streifen, während alles Geräusch in einem gemeinsamen, undeutlichen Lärm zusammenfloß, — das Geschrei des Verkäufers, welcher Tom's Eigenschaften in Französisch und Englisch ausrief, das scharfe Feuer der französischen und englischen Gebote; — und einen Augenblick später folgte der letzte Schlag des Hammers, und der deutliche Schall der letzten Sylbe des Wortes Dollar, als der Auktionator die Summe verkündete, und Tom hatte einen Herrn!
Er wurde vom Block hinabgestoßen; — der kleine, rundköpfige Mann packte ihn bei der Schulter, stieß ihn nach einer Seite, und rief ihm mit lauter Stimme zu: »Hier bleib stehen!«
Tom wußte kaum, was mit ihm geschah. Inzwischen dauerten die Gebote fort, — lärmend und geräuschvoll, bald englisch, bald französisch. Nieder fällt der Hammer wieder, — Susan ist verkauft! Sie steigt vom Blocke herab, bleibt stehen, und blickt sich kummervoll um; — ihre Tochter streckt ihre Arme nach ihr aus. Sie schaut verzweiflungsvoll dem Manne in's Gesicht, der sie gekauft hat, — ein anständig aussehender Mann von mittlerem Alter, mit wohlwollenden Zügen.
»O Master, bitte, kaufen Sie meine Tochter auch!«
»Ich hätte wohl Lust, aber ich fürchte, ich kann nicht!« sagte der Mann, und schaute mit ängstlichem Interesse zu, als das junge Mädchen den Block bestieg, und sich mit furchtsamen, scheuen Blicken umschaute. Das Blut steigt in ihre sonst bleichen Wangen, ihr Auge glüht fieberhaft, und ihre Mutter gewahrt verzweiflungsvoll, daß sie schöner erscheint als zuvor. Der Auktionator sieht seinen Vortheil und läßt sich mit geläufiger Zunge in gemischtem Englisch und Französisch über ihre Vorzüge aus, und die Gebote folgen schnell aufeinander.
»Ich will thun, was ich kann,« sagte der gutmüthig aussehende Mann, drängte sich vor und fing an mitzubieten. In wenigen Augenblicken haben die Gebote seine Börse überstiegen, und er schweigt. Der Auktionator wird wärmer, aber die Gebote lassen allmählig nach. Es sind nur noch zwei Bieter da, ein alter, aristokratischer Bürger, und unser rundköpfiger Freund. Der Bürger überbietet mehrmals, und sieht seinen Gegner verächtlich an; aber der Rundkopf ist ihm überlegen, sowohl an Hartnäckigkeit als in geheimer Länge der Börse, und der Streit währt nur kurze Zeit. Der Hammer fällt, — er hat das Mädchen, Leib und Seele, so Gott ihr nicht hilft.
Ihr Herr ist Mr. Legree, welcher eine Baumwollen-Plantage am rothen Fluß besitzt. Sie wird mit Tom und zwei andern Männern zusammen getrieben, und weinend fortgeschleppt.
Dem gutmüthigen Manne thut es leid; allein der Fall ereignet sich täglich! Man sieht ja stets auf diesen Verkäufen Mädchen und Mütter weinen! es läßt sich nicht ändern, u. s. w., und er entfernt sich mit seinem neuen Besitzthume in einer anderen Richtung.
Zwei Tage später sandte der Anwald der christlichen Firma B et Cie. in New-York das Geld ein. Auf die Rückseite des auf diese Weise erlangten Wechsels mögen sie die Worte des großen Zahlmeisters schreiben, dem sie an einem späteren Tage werden Rechenschaft legen müssen: »Denn er gedenket und fraget nach ihrem Blut; er vergißt nicht des Schreiens der Armen.«