Einunddreißigstes Kapitel.

Die Fahrt.

Deine Augen sind rein, daß du Uebles nicht sehen magst, und dem Jammer kannst du nicht zusehen. Warum siehst du denn zu den Verräthern und schweigest, daß der Gottlose verschlinget den, der frömmer denn er ist.

Am unteren Ende eines kleinen Bootes, auf dem rothen Flusse, saß Tom, — Ketten an seinen Handgelenken, Ketten an seinen Füßen, und eine Last, schwerer als diese Ketten, auf seiner Brust. Alles war an seinem Horizonte verschwunden, — Mond und Sterne; Alles war an ihm vorübergeflogen wie die Bäume und Ufer jetzt an ihm vorüber flogen, um nie wieder zu kehren. Die Heimath in Kentucky, mit Weib und Kindern und der freundlichen Herrschaft; St. Clare's Haus mit allem seinem Luxus und Glanze; der goldlockige Kopf Eva's mit seinen frommen Augen; der stolze, heitre, hübsche, anscheinend so sorglose, aber immer gütige St. Clare; Stunden der Muße und Behaglichkeit, — Alles fort! und was war an dessen Stelle geblieben?

Es gehört mit zu den bittersten Erfahrungen des Sklavenlebens, daß der Neger, der von Natur mitfühlend und leicht empfänglich ist, nachdem er in einer gebildeten Familie den Geschmack und die Empfindungen der dortigen Atmosphäre kennen gelernt hat, nichts destoweniger in jedem Augenblick wieder der Sklave des rohesten und brutalsten Menschen werden kann, — gerade wie ein Stuhl oder Tisch, welcher einst den kostbarsten Salon zierte, und endlich zerschlagen und entstellt in das Schenkzimmer eines schmutzigen Wirthshauses oder in eine niedrige Höhle gemeiner Ausschweifung gelangt. Der große Unterschied besteht aber darin, daß der Stuhl und der Tisch nicht empfinden können, wohl aber der Sklave; denn selbst der Ausspruch des Gesetzes, daß er »als ein Gegenstand persönlicher Habe erachtet und gehalten werden solle,« ist nicht im Stande, seine Seele, mit ihrer eigenen kleinen Welt von Erinnerungen, Hoffnungen, Liebe, Furcht und Wünschen zu vernichten.

Mr. Simon Legree, Tom's Herr, hatte an verschiedenen Plätzen in New-Orleans acht Sklaven zusammengekauft, und sie geschlossen, in Paaren von zwei und zwei, dem Dampfboote »der Pirat« zugetrieben, welches am Ufer lag, bereit, den rothen Fluß hinauf zu fahren.

Nachdem er sie alle an Bord gebracht hatte und das Boot abgefahren war, kam er mit der Miene großer Geschäftigkeit, die ihm immer eigen war, heran, um Revue zu halten. Indem er zunächst vor Tom stehen blieb, der für den Verkauf seine beste Kleidung mit gestärkter Wäsche und blanken Stiefeln hatte anlegen müssen, drückte er sich kurz folgender Maßen aus:

»Steh' auf!«

Tom stand auf.

»Nimm die Halsbinde ab!« und als Tom, behindert durch seine Fesseln, dazu schritt, begann er, mit nicht sehr sanfter Hand, ihm zu helfen, indem er sie vom Halse herunterriß und sie in seine Tasche steckte.

Sodann wandte sich Legree zu Tom's Koffer, den er schon vorher geplündert hatte, nahm ein Paar alter Beinkleider und einen zerrissenen Rock heraus, den Tom nur im Stall zu tragen gepflegt hatte, und sagte zu ihm, indem er seine Handfesseln ablöste und auf einen Winkel zwischen den Waarenballen deutete:

»Da, gehe dahin und ziehe diese an.«

Tom gehorchte und kam in wenigen Augenblicken zurück.

»Ziehe Deine Stiefel aus,« fuhr Mr. Legree fort.

Tom that es.

»Hier,« sagte jener, ihm ein paar grobe, starke Schuhe zuwerfend, die gewöhnlich von Sklaven getragen werden, »ziehe diese an!«

Während seiner eiligen Umkleidung hatte Tom nicht vergessen, seine geliebte Bibel in seine Tasche zu stecken. Und er hatte wohl gethan; denn, nachdem Legree ihm die Handschellen wieder angelegt hatte, schritt er sorgfältig dazu, die Taschen der abgetragenen Kleidungsstücke zu untersuchen. Er zog ein seidenes Taschentuch hervor und steckte es in seine Tasche. Mehrere Kleinigkeiten, welche Tom hauptsächlich deßhalb aufgehoben hatte, weil Eva daran Gefallen gefunden, sah er mit verächtlichem Grunzen an und warf sie rücklings über seine Schulter in den Fluß. Jetzt zog er auch Tom's methodistisches Gesangbuch hervor, welches er in der Eile vergessen hatte und öffnete es:

»Hm! fromm, versteht sich. So, wie heißt Du, — gehörst zur Kirche?«

»Ja, Master,« entgegnete Tom mit fester Stimme.

»So, — will Dir das bald abgewöhnen; — kann keine Niggers gebrauchen, die schreien und beten und singen, — merke das. Also paß' auf!« sagte er, mit dem Fuße stampfend und mit einem wilden Blicke seiner grauen Augen auf Tom, — »ich bin jetzt Deine Kirche! verstehst Du? — Du mußt jetzt so sein, wie ich es haben will.«

Ein Gefühl im Innern des schwarzen Menschen antwortete nein! und, wie von einer unsichtbaren Stimme gesprochen, kamen die Worte eines alten prophetischen Buches in seinen Sinn, die ihm Eva öfters daraus vorgelesen hatte: »Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöset; ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein.«

Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Er stierte nur einen Augenblick auf das niedergeschlagene Gesicht Tom's und ging weiter. Er nahm Tom's Koffer, der eine reichliche und gute Garderobe enthielt, mit sich nach dem Vordertheile des Schiffes, wo er bald von verschiedenen Matrosen des Bootes umringt war. Unter vielem Gelächter und lauten Spöttereien über Niggers, die Gentlemen sein wollten, wurden die verschiedenen Artikel schnell verkauft und endlich der leere Koffer zur Auktion gestellt. Alle dachten, es sei ein guter Spaß, besonders Tom zu sehen, wie er seinen Sachen nachblickte, die nach verschiedenen Richtungen gingen; und dann die Versteigerung des Koffers, — was das Spaßhafteste von Allem war und viel Witzeleien verursachte.

Als dieß kleine Geschäft endlich vorüber war, schlenderte Simon zu seinem Eigenthume zurück.

»Nun, Tom, siehst Du, ich habe Dir etwas unnützes Gepäck abgenommen. Nimm jetzt die Kleidungsstücke da gewaltig in Acht; denn 's dauert lange, ehe Du neue bekömmst. Ich will meine Niggers sorgsam machen; ein Anzug muß bei mir ein Jahr aushalten.«

Nach diesen Worten wandte Simon seine Schritte dem Orte zu, wo Emmeline mit einem andern Frauenzimmer zusammen gekettet saß.

»Na, meine Liebe,« sagte er, ihr unter das Kinn fassend, »hübsch munter!«

Der unwillkürliche Blick von Schrecken, Furcht und Abscheu, mit dem das Mädchen ihn betrachtete, entging seinem Auge nicht. Er zog seine Stirn in finstere Falten.

»Nichts von Deinen Zierereien, Mädchen! hast immer ein munteres Gesicht zu machen, wenn ich mit Dir spreche — hörst Du? Und Du da, altes, gelbes Mondscheingesicht!« sagte er, indem er der mit Emmelinen zusammengeketteten Mulattin einen Stoß gab, »laß mich nicht solch ein Gesicht sehen! — sollst lustiger aussehen, — verstanden?«

»Und Ihr alle da!« fügte er, ein paar Schritte zurücktretend, hinzu, — »hier, seht mich an, — seht mir grade in's Gesicht, — grade aus!« rief er, bei jeder Pause mit dem Fuße stampfend.

Und wie durch Zauberkraft richtete sich jetzt jeder Blick auf die grünlich grauen, funkelnden Augen Simon's.

»Paßt auf!« rief er, seine große, schwere Faust ballend, so daß sie die Form eines Schmiedehammers annahm, — »seht Ihr diese Faust? — Seht hier diese Knochen! Nun merkt, diese Faust ist davon so hart geworden, daß sie so viele Niggers niedergeschlagen hat. Habe nie 'nen Nigger gesehen, den ich nicht mit einem Schlage niedergebracht hätte!« sagte er, indem er seine Faust so dicht vor Tom's Gesicht hielt, daß dieser unwillkührlich mit den Augen blinzte und den Kopf zurückbog. »Halte keine solche miserablen Aufseher; — führe meine Aufsicht selbst, — und das ist Aufsicht. Ihr müßt auf's Wort passen, — Alle, — den Augenblick, wo ich spreche, — wenn ihr mit mir fertig werden wollt. Ihr findet keine weiche Stelle an mir, nirgend. Also nehmt Euch in Acht; denn ich habe keine Barmherzigkeit!«

Die Weiber hielten unwillkührlich den Athem an, und der ganze Trupp saß mit niedergeschlagenen Gesichtern da. Inzwischen hatte Simon sich auf den Hacken umgedreht und war an den Schenktisch des Bootes getreten, um ein Glas Brandwein zu genießen.

»Das ist der Weg, wie ich immer mit meinen Niggers anfange,« sagte er zu einem anständig gekleideten Herrn, der während dieser Rede in seiner Nähe gestanden hatte. »'s ist mein System, immer kräftig anzufangen, — damit sie wissen, was sie zu erwarten haben.«

»Wirklich?« entgegnete der Fremde, während er ihn mit der Neugierde eines Naturforschers betrachtete, der irgend ein seltenes Exemplar eines Naturprodukts vor sich hat.

»Ja, gewiß. Bin keiner von Euren vornehmen Pflanzern, mit Lilienfingern, der sich von jedem alten, verdammten Aufseher betrügen läßt! Hier, faßt 'mal meine Knöchel an! Seht 'mal meine Faust! Sage Euch, Herr, das Fleisch ist grade wie Stein geworden, — 's macht die Praxis mit den Niggers, — faßt nur 'mal an!«

Der Fremde legte seine Hände an das fragliche Werkzeug und entgegnete trocken:

»Hart genug! und, wie ich vermuthe, hat die Praxis Euer Herz eben so hart gemacht.«

»Ja, ja, kann sein,« erwiederte Simon mit herzlichem Lachen. »Glaube, 's nicht viel Weiches in mir zu finden. Ich sage Euch, es kommt keiner über mich! Nie kommt ein Nigger um mich herum, weder mit Schreien, noch mit weicher Seife, — das ist gewiß!«

»Ihr habt einen hübschen Trupp hier.«

»O ja,« sagte Simon. »Da ist der Tom, — habe gehört, es soll ein ausgezeichneter Kerl sein. Er kostet mich viel Geld, weil ich ihn als Kutscher oder als Verwalter gebrauchen wollte; nur die Ideen müssen erst aus ihm heraus, die er dadurch gelernt hat, daß er behandelt worden ist, wie Niggers nie behandelt werden sollten, — dann wird er ganz vortrefflich sein! Das gelbe Weib sieht mir etwas kränklich aus, aber ich will doch noch aus ihr herausdrücken, was sie werth ist. Ein oder zwei Jahre hält sie noch vor. Schone meine Niggers nicht; — verbrauche sie und kaufe neue, — 's macht weniger Umstände und 's kommt mir am Ende billiger zu stehen,« sagte Simon, sein Glas schlürfend.

»Und wie lange halten sie gewöhnlich aus?« fragte der Fremde.

»Weiß nicht genau; 's hängt von der Constitution ab. Stämmige Bursche sechs oder sieben Jahre; schwache sind in zweien oder dreien fertig. Im Anfang hatt' ich schrecklich viel Umstände, weil ich sie erhalten wollte, — und dokterte, wenn sie krank waren, und ihnen Kleidungsstücke und Decken gab, und 's ihnen bequem machen wollte. Jetzt aber, seht, treibe ich sie grade durch, krank oder gesund, und wenn ein Nigger todt ist, so kauf' ich 'nen andern, und 's ist viel bequemer und billiger, find' ich.«

Der Fremde wendete sich ab und setzte sich neben einen Herrn nieder, welcher der ganzen Unterhaltung mit unterdrücktem Unwillen zugehört hatte.

»Sie dürfen die südlichen Pflanzer nicht nach diesem Kerl beurtheilen,« sagte er.

»Ich hoffe nicht,« entgegnete der junge Mann mit Nachdruck.

»Es ist ein niedriger, gemeiner, viehischer Kerl,« sagte der Andere.

»Und dennoch erlauben ihm Ihre Gesetze, so viele menschliche Wesen seinem unbeschränkten Willen unterworfen zu halten, ohne daß diese auch nur einen Schatten von Schutz haben; und so gemein er ist, so müssen Sie dennoch zugestehen, daß es Viele seiner Art gibt.«

»Mag sein,« entgegnete der Andere, »aber es gibt auch viele menschenfreundliche Männer unter den Pflanzern.«

»Zugestanden,« sagte der junge Mann; »aber meiner Ansicht nach sind grade Ihre menschenfreundlichen Männer für alle Unmenschlichkeit verantwortlich, die von diesen Elenden verübt wird; denn ohne ihre Billigung und ihren Einfluß könnte sich das ganze System nicht eine Stunde halten. Wenn es keine anderen Pflanzer gäbe, als solche,« sagte er, mit dem Finger auf Legree deutend, welcher ihnen den Rücken zugewendet hatte, »so würde die ganze Sache wie ein Mühlstein zu Grunde gehen. Es ist grade Ihre Menschenfreundlichkeit, die diese Unmenschlichkeit beschützt.«

»Sie müssen viel Vertrauen zu meiner Gutmüthigkeit haben,« sagte der Pflanzer lächelnd; »aber ich würde Ihnen doch rathen, nicht so laut zu sprechen, da sich hier viele Personen auf dem Boote befinden, die nicht ganz so tolerant sein dürften. Sie thun besser, zu warten, bis Sie auf meiner Plantage sind; dann mögen Sie uns Alle schmähen, so viel Sie wollen.«

Der junge Mann erröthete und lächelte, und Beide waren bald darauf beim Puffspiele beschäftigt. Inzwischen fand am unteren Ende des Bootes eine andre Unterhaltung zwischen Emmelinen und der Mulattin Statt, mit der sie zusammengekettet war. Sie theilten sich, wie es natürlich war, Einzelnheiten ihrer Geschichte mit.

»Wem gehörst Du?« fragte Emmeline.

»Mein Herr war Mr. Ellis, in Leveestreet. Vielleicht hast Du das Haus gesehen.«

»War er gut gegen Dich?« fragte Emmeline weiter.

»Meistens, bis er krank wurde. Er lag länger als sechs Monate krank, und wurde schrecklich ungeduldig. Er wollte keinen Menschen Tag und Nacht ruhen lassen, und kein Mensch konnt' ihm 'was zu Dank thun. Jeden Tag wurd' er schlimmer, und hielt mich alle Nächte wach, bis ich ganz hin war und nicht mehr wachen konnte; und weil ich 'mal in einer Nacht einschlief, wurd' er so schrecklich gegen mich, und sagte, er wolle mich an den bösesten Herrn verkaufen, den er finden könnte! und doch versprach er mir meine Freiheit, als er starb.«

»Hattest Du Angehörige?« fragte Emmeline.

»Ja, einen Mann, — er ist ein Hufschmied. Master verdung ihn gewöhnlich. Sie schleppten mich so schnell fort, daß ich ihn nicht 'mal mehr sehen konnte; und ich habe vier Kinder. O mein Gott!« sagte das Weib, und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Es ist ein natürliches Gefühl bei Jedem, der eine Schilderung des Elends hört, irgend ein Trostwort sagen zu wollen. Emmeline wollte auch etwas sagen, aber sie konnte sich auf nichts besinnen. Was sollte sie sagen? Wie aus Uebereinkommen vermieden Beide vor Furcht und Schrecken des entsetzlichen Mannes Erwähnung zu thun, der jetzt ihr Herr war.

Wahr ist, daß es selbst in der trübsten Stunde einen religiösen Trost gibt. Die Mulattin war Mitglied einer methodistischen Kirche, und besaß zwar einen unaufgeklärten Geist, aber aufrichtige Frömmigkeit. Emmeline hatte eine bessere Bildung empfangen; sie hatte durch die Fürsorge einer frommen Mistreß lesen, schreiben und die Bibel verstehen gelernt; aber würde es nicht selbst den Glauben des besten Christen erschüttern, wenn er sich anscheinend so von Gott verlassen, und in den Klauen der rohesten Gewalt befände? Wie viel mehr mußte es den Glauben von Kindern erschüttern, die noch schwach in Erkenntniß, und zart an Jahren waren.

Das Boot verfolgte seinen Lauf, — beladen mit seiner kummerschweren Last, — durch den röthlichen, trüben Strom, und durch die Windungen des rothen Flusses hinauf; und traurige, müde Augen ruhten auf den steilen, röthlichen Kalkufern, die in öder Einförmigkeit vorüber glitten. Endlich hielt das Boot vor einer kleinen Stadt an, und Legree schiffte sich mit seinem Trupp Sklaven aus.