Müde und matt sich hinter einem rohen Wagen herschleppend, einen rauhen Weg entlang, verfolgten Tom und seine Genossen ihre Reise.
Im Wagen saß Simon Legree; und die beiden Frauenzimmer, noch immer zusammengefesselt, hatten mit verschiedenem Gepäcke ihren Platz im hinteren Theile desselben angewiesen erhalten. Auf diese Weise bewegte sich die ganze Gesellschaft der Plantage Legree's zu, welche noch in ziemlicher Entfernung lag.
Es war eine wilde, öde Straße, die sich bald durch einsame Fichtenwaldungen wand, und bald über Knippeldämme, durch lange, mit Cypressen bewachsene Sümpfe hinlief, deren melancholische Bäume weite Kränze schwarzen Leichenmooses trugen, während hier und dort die widerliche Gestalt der Mokassin-Schlange zwischen Baumstämmen und abgebrochenen Zweigen sich hinschlängelte, welche faulend im Wasser lagen.
Es ist eine solche Reise schon trostlos genug für den Fremden, wenn er mit wohlgefüllter Tasche und zuverlässigem Pferde den einsamen Weg in Geschäften verfolgen muß; aber noch viel schrecklicher und öder ist sie für den unglücklichen Sklaven, den jeder müde Schritt weiter und weiter von dem entfernt, was der Mensch liebt, und wonach er sich sehnt.
So würde Derjenige gedacht haben, der den kummervollen Ausdruck jener dunklen Gesichter sah, die sinnende, geduldige Mattigkeit, mit der jene traurigen Augen an jedem Gegenstande hängen blieben, der ihnen auf ihrem trostlosen Wege begegnete.
Simon setzte inzwischen in bester Laune, wie es schien, seine Reise fort, während er von Zeit zu Zeit einer Brandweinflasche zusprach, die er in seiner Tasche trug.
»Ihr da, hört!« rief er, indem er sich umwandte und mit einem flüchtigen Blicke die muthlosen Gesichter hinter sich gewahrte. »Singt eins, Jungens! — los!«
Die Männer sahen sich gegenseitig an, und die Wiederholung des Wortes »los!« wurde mit einem kräftigen Knall der Peitsche begleitet, welche der Fuhrmann in der Hand trug. Tom begann eine methodistische Hymne zu singen:
»Halt Dein schwarzes Maul!« brüllte Legree. »Denkst Du, ich will 'was von Deinem verfluchten methodistischen Unsinn hören? Stimmt mir gleich 'was Lustiges an, — schnell!«
Einer der anderen Männer begann einen jener sinnlosen Gesänge, welche unter Sklaven üblich sind, und schien den Text selbst zu erdichten, ohne Rücksicht auf Sinn und Vernunft nur nach einem Reime haschend:
wozu die ganze Gesellschaft den Chor sang:
Es wurde von Allen sehr laut, und mit einem erzwungenen Versuche zur Fröhlichkeit gesungen; aber nicht das flehendste Gebet um Hülfe, nicht die verzweiflungsvollste Klage hätte ein so tiefes Weh auszudrücken vermocht, wie in den wilden Klängen dieses Chores lag. Als wenn das arme, stumme Herz, bedroht und in Fesseln geschlagen, zu dem unartikulirten Heiligthume der Musik seine Zuflucht genommen, und darin die Sprache gefunden hätte, in der es sein Gebet zu Gott empor senden wollte! Es lag ein Gebet darin, aber Simon konnte es nicht hören. Er hörte nur den lauten, lärmenden Gesang der Sklaven, und war zufrieden damit; er hatte sie »lustig« gemacht.
»Nun, meine liebe Kleine,« sagte er, sich zu Emmelinen wendend, und seine Hand auf ihre Schulter legend, »wir sind nun bald zu Hause.«
Wenn Legree fluchte und stürmte, war Emmeline erschreckt; aber wenn er sie berührte, und mit ihr sprach, wie er jetzt that, so war es ihr, als wolle sie sich lieber von ihm mißhandeln lassen. Der Blick seiner Augen machte ihr Herz stocken, und ihre Haut schaudern. Unwillkürlich drängte sie sich dichter an die Seite der Mulattin, als wenn sie ihre Mutter wäre.
»Du hast noch nie Ohrringe getragen,« sagte er, mit seinen groben Fingern ihre zarten Ohren anfassend.
»Nein, Master!« entgegnete Emmeline zitternd und mit gesenkten Blicken.
»Wohl, Du sollst ein Paar haben, wenn wir nach Hause kommen, wenn Du artig sein willst. Brauchst Dich nicht zu fürchten: Du sollst keine schwere Arbeit verrichten. Kannst gute Zeit bei mir haben, und wie eine Dame leben, — wenn Du artig sein willst.«
Legree hatte so viel getrunken, daß er sich geneigt fühlte, in diesem herablassenden Tone zu reden. Gleich darauf zeigten sich den Reisenden die Umzäunungen der Plantage.
Die Besitzung hatte früher einem Manne gehört, der Reichthum und Geschmack besaß, und sehr viel für die Verschönerung der Anlagen gethan hatte. Da er insolvent starb, so kaufte sie Legree um einen billigen Preis, und benutzte sie, wie alles Andre in der Welt, lediglich als Werkzeug, Geld zu verdienen. Der Ort hatte ein ödes, verwildertes Ansehen, was sich immer dann zeigt, wenn die Sorgfalt eines früheren Besitzers dem gänzlichen Verfalle überlassen worden ist.
Was einst ein glatt geschorener Rasenplatz vor dem Hause gewesen war, der hier und da verzierende Stauden getragen hatte, war jetzt mit dichtem, wilden Grase überwachsen, und zur Anlage von Pferdeständen benutzt, wo der Rasen zertreten, und der Boden mit zerbrochenen Eimern, Maishülsen und andern Fragmenten bedeckt war. Hier und da hing ein verwelkender Jasmin oder ein verkümmerndes Geißblatt von einer Säule herab, die früher als Verzierung gedient, aber jetzt eine schiefe Stellung angenommen hatte, weil sie als Pferdepfosten benutzt worden war. Was früher ein großer Garten gewesen, war jetzt mit Unkraut überwachsen, aus welchem hier und da noch eine einzelne Zierpflanze ihr einsames Haupt erhob. Ein ehemaliges Gewächshaus war jetzt ohne Fenster, und auf den modernden Blumenbrettern standen noch einige trockene, verlassene Blumentöpfe, deren verwelkte Stöcke und Blätter kaum erkennen ließen, daß sie einst Pflanzen gewesen waren.
Der Wagen fuhr einen mit Unkraut bedeckten Kiesweg hinauf, durch eine schöne Allee von Chinabäumen, deren anmuthige Formen und immergrünender Blätterschmuck die einzigen Dinge hier zu sein schienen, die Vernachlässigung nicht verändern konnte, gleich edlen Geistern, die ihre Wurzeln so tief in den Boden des Guten geschlagen haben, daß sie selbst unter Entmuthigung und Verfall blühen und kräftiger werden.
Das Wohnhaus war groß und schön gewesen, und war in dem im Süden gewöhnlichen Style erbaut. Eine zwei Stock hohe Veranda, deren unterer Theil von massiven Säulen getragen wurde, umgab dasselbe auf allen Seiten, und nach ihr öffneten sich alle äußeren Thüren des Hauses.
Allein das ganze Gebäude sah öde und unbehaglich aus. Einige Fenster waren mit Brettern verschlossen, andere hatten zerbrochene Scheiben, und Laden, die nur noch an einer Angel hingen. Alles verrieth rohe Vernachlässigung und Unbehaglichkeit. Zerbrochene Bretter, Stroh, alte, eingefallene Fässer und Kisten bedeckten den Boden in allen Richtungen; und drei bis vier wild aussehende Hunde, die durch das Geräusch der Wagenräder erweckt worden waren, kamen angesprungen, und wurden nur mit großer Mühe von den ihnen folgenden, zerlumpten Dienstboten abgehalten, über Tom und seine Genossen herzufallen.
»Da seht Ihr, was mit Euch geschehen würde!« sagte Legree zu Tom und seinen Gefährten, während er seine Hunde mit grimmiger Freude liebkoste. »Ihr seht, was mit Euch geschehen würde, wenn Ihr fortlaufen wolltet. Diese Hunde sind dressirt, Niggers aufzuspüren, und würden eben so gut einen von Euch zermalmen und verschlucken, wie sie ihr Abendbrod verzehren. Also nehmt Euch in Acht! — Sieh' da, Sambo!« sagte er zu einem zerlumpten Kerl mit einem Hut ohne Krempe, der sehr geschäftig in seinen Aufmerksamkeiten um ihn war. »Wie sind die Sachen hier gegangen?«
»Vortrefflich, Master.«
»Quimbo,« sagte Legree zu einem Andern, der sich die möglichste Mühe gab, seine Aufmerksamkeit zu erregen, — »Du hast das gethan, was ich Dir gesagt habe?«
»Gewiß hab' ich's gethan.«
Diese beiden farbigen Männer waren die obersten Arbeiter auf der Plantage. Legree hatte sie in Rohheit und Brutalität so systematisch erzogen und abgerichtet wie seine Bulldogs, und hatte durch lange Uebung in Härte und Grausamkeit ihre ganze Natur ziemlich auf denselben Stand von Fähigkeiten reducirt. Es ist eine gewöhnliche Erfahrung, die gegen den Charakter der Rasse stark zu sprechen scheint, daß nämlich der schwarze Aufseher immer tyrannischer und grausamer ist als der weiße. Es gilt dies aber von dieser Rasse nicht mehr als von jedem andern unterdrückten Geschlechte auf der ganzen Erde. Der Sklave ist stets ein Tyrann, sobald sich ihm Gelegenheit dazu darbietet.
Legree, gleich andern Potentaten, von denen wir in der Geschichte lesen, beherrschte seine Plantage mit Hülfe einer gewissen Trennung der Kräfte. Sambo und Quimbo haßten sich gegenseitig von ganzem Herzen; die Plantagen-Arbeiter haßten beide eben so sehr; und indem er den Einen gegen den Andern anhetzte, war er dessen gewiß, von einem dieser drei Theile zu erfahren, was in der Plantage vorging.
Niemand kann ganz ohne geselligen Verkehr leben, und Legree ermunterte deßhalb seine beiden schwarzen Satelliten zu einer Art roher Familiarität mit ihm, die jedoch zu jedem Augenblicke den Einen oder den Andern in eine mißliche Lage bringen konnte; denn bei der geringsten Veranlassung stand einer von ihnen stets bereit, auf einen gegebenen Wink seine Rache gegen den Andern auszuüben.
Wie sie jetzt neben Legree standen, erschienen sie als eine passende Versinnlichung der Wahrheit, daß viehische Menschen selbst noch tiefer stehen als Thiere. Ihre rohen, dunklen, schweren Züge; ihre großen Augen, die neidisch einander betrachteten; ihre barbarische, thierähnliche Gutturalsprache; ihre zerrissenen Kleidungsstücke, die im Winde flatterten, standen in bewunderungswürdiger Harmonie mit dem gemeinen, ungesunden Charakter der ganzen Besitzung.
»Hier, Sambo,« sagte Legree, »bringe diese Burschen nach den Quartieren; und hier ist ein Weib, das ich Dir mitgebracht habe,« sagte er, indem er die Mulattin von Emmelinen trennte, und sie ihm zustieß. »Du weißt, ich versprach Dir eins.«
Die Frau erschrack, und sagte ängstlich, sich zurückziehend: »O Master, ich habe meinen alten Mann in New-Orleans gelassen.«
»Was soll das heißen, Du —; brauchst Du hier keinen Mann? Keine Worte: — fort mit Dir!« sagte Legree, während er die Peitsche aufhob.
»Komm', Mistreß,« sagte er darauf zu Emmelinen gewendet, »Du gehst mit mir diesen Weg.«
Ein dunkles, wildes Gesicht wurde einen Augenblick lang am Fenster des Hauses sichtbar, und als Legree die Thüre öffnete, sagte eine weibliche Stimme Etwas in schnellem und befehlendem Tone. Tom, der Emmelinen mit ängstlichem Interesse nachblickte, nahm dies wahr, und hörte Legree ärgerlich antworten: »Du hältst Deinen Mund! Ich werde thun, was mir gefällt, und mich um Dich nicht kümmern!«
Tom hörte weiter nichts; denn er folgte Sambo gleich darauf nach den Quartieren. Diese bestanden in einer Reihe roh gezimmerter Schuppen, welche eine Art kleiner Straße bildeten, und in einem von dem Wohnhause weit entlegenen Theile der Plantage lagen. Tom's Herz sank, als er sie sah. Er hatte sich mit der Hoffnung auf eine Hütte getröstet, die er, wenn sie auch in rohem Zustande war, doch zu einer reinlichen, stillen Wohnung machen konnte, wo ein Plätzchen für seine Bibel war, und wo er sich nach beendigten Arbeitsstunden allein aufhalten durfte. Er sah in mehrere derselben hinein. Es waren nichts als rohe, leere Schalen, ohne jede Art von Hausgeräth, ausgenommen einem Haufen Stroh, der vor Schmutz in Fäulniß überging, und den Fußboden bedeckte, welcher nur aus dem natürlichen, von zahllosen Füßen festgetretenen Erdboden bestand.
»Welches von diesen Behältnissen ist mein?« sagte er demüthig zu Sambo.
»Weiß nicht; — kannst hier hinein gehen, denk' ich,« entgegnete Sambo; »wird noch Platz drin sein für Einen; — 's ist ein guter Haufe Niggers in jedem drin; — weiß gar nicht, wo ich noch mit mehr hin soll.«
Es war spät Abends, als die müden Bewohner dieser Schuppen in Haufen nach Hause gezogen kamen, — Männer und Weiber in zerlumpten Kleidern, finster und mürrisch, und in keiner Stimmung, neue Ankömmlinge freundlich zu empfangen. Das kleine Dorf wurde nun lebendig von wenig einladenden Tönen; rauhe Stimmen stritten sich um die Handmühlen, auf denen ihre kleine Quantität harten Kornes erst noch gemahlen werden mußte, um den Kornkuchen daraus bereiten zu können, aus dem ihr ganzes Abendbrod bestehen sollte. Von der ersten Morgendämmerung an waren sie auf dem Felde gewesen, und durch die unbarmherzige Peitsche der Aufseher zur Arbeit angetrieben worden; denn es war jetzt grade im höchsten Drange der Jahreszeit, und kein Mittel blieb unversucht, um die Fähigkeiten eines Jeden bis zur äußersten Spannung zu treiben.
»Ja, aber,« sagt der nachlässige Zuschauer, »Baumwolle zupfen ist keine harte Arbeit.«
Wirklich nicht? Es ist auch kein sehr schmerzhaftes Gefühl, sich einen Tropfen Wasser auf den Kopf fallen zu lassen; aber die schrecklichste Tortur der Inquisition bestand darin, Tropfen auf Tropfen einen Augenblick nach dem andern, in gleichmäßiger Einförmigkeit auf dieselbe Stelle fallen zu lassen; und Arbeit, die an sich nicht schwer ist, wird dadurch schwer, daß sie eine Stunde nach der andern mit derselben unveränderlichen, unerbittlichen Gleichförmigkeit, ohne freien Willen, dieselbe unterbrechen zu dürfen, fortgesetzt wird.
Tom schaute sich unter dem Trupp der Sklaven, als er sich heran wälzte, vergeblich nach umgänglichen Gesichtern um. Er sah nur finstere, mürrische, viehische Männer, und schwarze, muthlose Weiber, oder solche, die keine Weiber mehr waren; die Stärkeren stießen die Schwachen bei Seite, und es zeigte sich ganz die rohe, ungebändigte, thierische Selbstsucht menschlicher Wesen, von denen nichts Gutes mehr erwartet und verlangt wurde, und die, behandelt wie das Vieh, dem Standpunkte desselben so nahe gekommen waren, wie es für menschliche Wesen überhaupt möglich war. Das Geräusch der Handmühlen wurde bis spät in die Nacht hinein gehört; denn die Anzahl derselben war im Verhältniß zur Zahl der Mahlenden nur gering, und die Müden und Schwachen wurden von den Starken zurück getrieben, und kamen zuletzt an die Reihe.
»Hör Du!« rief Sambo, sich der Mulattin nähernd, und einen Sack mit Korn vor sie nieder werfend; »wie heißt Du?«
»Lucy,« entgegnete die Frau.
»Na denn, Lucy, — bist jetzt meine Frau. Hier, mahle das Korn, und mache mein Abendbrod zurecht, — hörst Du?«
»Ich bin Deine Frau nicht, und will es nicht sein!« rief das Weib mit dem plötzlichen Muthe der Verzweiflung; — »laß mich zufrieden!«
»Ich werde Dir 'nen Tritt geben!« sagte Sambo, drohend seinen Fuß aufhebend.
»Du magst mich umbringen, wenn Du willst, — je eher, je besser! Wünschte mir, ich wäre schon todt!« sagte sie.
»Höre, Sambo — Du willst die Arbeiter mißhandeln, ich werd's Master sagen,« rief Quimbo, welcher mit der Handmühle beschäftigt war, von der er zwei oder drei ermüdete Weiber zurückgedrängt hatte, die lange darauf gewartet hatten, um ihr Korn zu mahlen.
»Und ich werde ihm erzählen, daß Du die Weiber nicht an die Mühle lassen willst, Du alter Nigger!« sagte Sambo. »Du bekümmere Dich um Deine eigene Sachen.«
Tom war bei seiner Tagesarbeit hungrig geworden, und beinahe ohnmächtig vor Mangel an Nahrung.
»Da, Du!« sagte Quimbo, einen groben Sack, welcher eine Metze Korn enthielt, vor ihn niederwerfend; — »da, Nigger, Futter, sieh' Dich mit vor, — bekömmst weiter nichts diese Woche.«
Tom wartete bis zu einer späten Stunde, um einen Platz an der Mühle zu erlangen; und dann, Mitleid mit zwei todtmüden Frauen empfindend, die er sich abmühen sah, ihr Korn zu mahlen, that er es für sie, und legte die verglimmenden Feuerbrände zusammen, an denen Viele ihre Kuchen vorher gebacken hatten, und schritt dann endlich dazu, sein eignes Abendbrod zu bereiten. Dieses Werk der Liebe, so geringfügig es war, erweckte eine antwortende Regung im Herzen der Frauen, und ein Ausdruck weiblichen Gefühls kam über ihre harten Züge. Sie mengten den Kuchen für ihn, und buken ihn; und er setzte sich dann beim Scheine des Feuers nieder und suchte seine Bibel hervor, — denn er bedurfte Trost.
»Was ist das?« sagte eine der Frauen.
»Eine Bibel,« entgegnete Tom.
»Guter Gott! habe keine gesehen seit ich in Kentucky war.«
»Bist Du in Kentucky aufgebracht worden?« fragte Tom mit Interesse.
»Ja, und gut aufgebracht; — hätte nimmer gedacht, daß ich hierher kommen würde!« entgegnete die Frau seufzend.
»Was für 'ne Art Buch ist das?« fragte die andere Frau.
»Nun, 'ne Bibel.«
»Wie? was ist das?« fragte jene wieder.
»Sprich doch! — Du hast nie davon gehört? Ich hörte Missis oft drin lesen, in Kentucky, aber hier — o Herr! hier hört man nichts als peitschen und fluchen.«
»Lies doch ein Stück, — eins!« sagte die erste Frau neugierig zu Tom, den sie eifrig darin studiren sah.
Tom las: — »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«
»Sind gute Worte,« sagte die Frau, »wer sagt sie denn?«
»Der Herr,« entgegnete Tom.
»Ich möchte nur wissen, wo ich ihn finden könnte,« fuhr die Frau fort; — »ich würde zu ihm gehen. 's ist grade als sollt' ich gar keine Ruhe mehr haben. Mein Fleisch ist wund und ich zittere jeden Tag von Morgen bis Abend, denn Sambo schimpft immerzu auf mich los, daß ich nicht schnell genug zupfe; und Abends wird's fast immer Mitternacht, ehe ich mein Essen bekomme; und dann, kaum habe ich mich hingelegt und meine Augen geschlossen, so bläst das Horn schon wieder zum Aufstehn, und dann geht 's wieder los. Wenn ich nur wüßte, wo der Herr wäre, — ich wollt 's ihm sagen.«
»Er ist hier, er ist überall,« sagte Tom.
»Ach, geh' weg, Du wirst mir das nicht einreden! Ich weiß, der Herr ist nicht hier,« sagte die Frau; »'s nützt nichts, das Reden. Will mich hinlegen und schlafen, so lange ich kann.«
Die Weiber gingen fort nach ihren Hütten, und Tom saß allein beim verglimmenden Feuer, welches seinen röthlichen Schein über sein Gesicht warf. Der freundliche silberne Mond stieg auf am Nachthimmel, und still und schweigend, wie Gott auf die Scenen des Elends und der Unterdrückung herabschaut, blickt er nieder auf den einsamen schwarzen Menschen, der mit untergeschlagenen Armen seine Bibel auf dem Knie haltend, dort saß.
»Ist Gott hier?« O wie ist es für das ungelehrte Herz möglich, seinen Glauben ohne Wanken im Angesichte und unter dem Drucke gräßlicher, unverkennbarer Ungerechtigkeiten zu bewahren! In jenem schlichten Herzen kämpfte ein wilder Kampf; das zerschmetternde Gefühl des erlittenen Unrechts, die Ahnung eines ganzen übrigen Lebens voll Elend, die Trümmer aller früheren Hoffnungen, die vor der Seele traurig auf- und niedertauchten, wie die Leichname von Weib, Kind und Freunden aus der schwarzen Welle hervor noch einmal den Blicken des schon versinkenden Seemannes erscheinen! War es hier leicht zu glauben, und festzuhalten an der großen Parole des christlichen Glaubens, »daß er sei, und denen die er suche, ein Vergelter sein werde!«
Tom erhob sich trostlos und stolperte in die Hütte, die ihm angewiesen worden war. Der Fußboden war bereits mit müden Schläfern bedeckt, und die schlechte Luft des Behältnisses schreckte Tom beinahe zurück; aber der schwere Nachtthau war kalt, und seine Glieder waren müde; und indem er sich deßhalb in eine zerrissene Decke wickelte, welche sein einziges Bettzeug ausmachte, streckte er sich auf das Stroh und entschlief.
Eine sanfte Stimme schlug im Traume an sein Ohr. Er saß auf dem Moossitze im Garten am See Pontchartrain, und Eva, mit ihren ernsten Augen niederblickend, las ihm die Bibel vor, und er hörte sie lesen:
»Denn so Du durchs Wasser gehest, will Ich bei Dir sein, daß Dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so Du in's Feuer gehst, sollst Du nicht brennen und die Flamme soll Dich nicht anzünden. Denn Ich bin der Herr, Dein Gott, der Heilige in Israel, Dein Heiland.«
Allmählig schienen die Worte sich in himmlische Musik aufzulösen und zu verhallen; das Kind schlug seine tiefen Augen auf und richtete sie liebevoll auf ihn, und wärmende, tröstende Strahlen fielen auf sein Herz; und wie getragen von den heiligen Tönen, schien sie sich auf glänzenden Flügeln zu erheben, von denen goldene Funken und Flocken gleich Sternen herabfielen, und sie war verschwunden.
Tom erwachte. War es ein Traum? Es möge dafür gelten; aber wer will behaupten, daß es jenem sanften, jugendlichen Geiste, der im Leben stets bemüht war, die Unglücklichen zu trösten und zu beruhigen, von Gott verwehrt worden sei, dieses Amt auch nach dem Tode zu verrichten?