Vierunddreißigstes Kapitel.

Die Geschichte der Quadroon.

Da lobte ich die Todten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten.

Es war Nacht, und Tom lag allein, stöhnend und blutend in einem alten, verlassenen Zimmer des Gin-Hauses zwischen Stücken zerbrochenen Maschinenwerks, Haufen verdorbener Baumwolle und anderem Unrath, der hier aufbewahrt wurde.

Die Nacht war feucht und warm, und die dicke Atmosphäre war angefüllt von Myriaden Moskitos, welche die Qualen seiner Wunden vermehrten, während ein brennender Durst, — die größte aller Torturen, — das höchste Maaß physischer Leiden füllte.

»O guter Gott! Sieh' herab, — verleihe mir den Sieg, — den Sieg über Alles!« betete der arme Tom in seiner Todesangst.

Ein menschlicher Fußtritt wurde plötzlich im Zimmer gehört, und das Licht einer Laterne fiel auf seine Augen.

»Wer ist da? O um des Herrn willen, reicht mir ein wenig Wasser!«

Die Frau Cassy — denn sie war es — setzte die Laterne nieder, goß Wasser aus einer Flasche, erhob seinen Kopf, und gab ihm zu trinken. Noch einen Becher, und noch einen leerte er in seinem fieberischen Durste.

»Trink so viel Du willst,« sagte sie, »ich wußte schon, wie es sein würde! 's ist nicht das erste Mal, daß ich in der Nacht ausgegangen bin, um solchen Leuten, wie Du jetzt bist, Wasser zu bringen.«

»Dank' Euch, Missis,« sagte Tom, nachdem er getrunken hatte.

»Nenne mich nicht Missis! Ich bin eine elende Sklavin, gleich Dir, — eine niedrigere, als Du je werden kannst!« sagte sie in bitterem Tone; »aber nun,« fügte sie hinzu, an die Thür gehend, und einen kleinen Strohsack hereinziehend, über welchen sie leinene, in kaltes Wasser getauchte Tücher gelegt hatte, »versuche es, mein armer Bursche, Dich auf diesen Sack zu rollen.«

Steif von Wunden und Quetschungen brauchte Tom lange Zeit, ehe er diese Bewegung vollbrachte; dann aber empfand er eine merkliche Erleichterung durch die kühlenden Umschläge auf seinen Wunden.

Die Frau, welche durch eine lange Praxis an den Opfern der Rohheit manche heilende Künste erlernt hatte, legte mehrfache Verbände auf Toms Wunden, welche ihm Linderung seiner Schmerzen bereiteten.

»Nun,« sagte die Frau, nachdem sie ihm noch eine Rolle schadhafter Baumwolle als Kissen untergelegt hatte, »das ist Alles, was ich für Dich thun kann.«

Tom dankte ihr, und die Frau setzte sich auf den Boden nieder, zog ihre Kniee an, und diese mit den Armen umfassend, blickte sie mit einem bitteren, schmerzlichen Ausdrucke ihres Gesichts starr vor sich hin. Ihr Hut fiel zurück, und langes, üppiges, schwarzes Haar strömte um ihr sonderbares, melancholisches Gesicht.

»Es ist vergeblich, mein armer Mensch!« begann sie endlich, »Es ist vergeblich, was Du zu thun versucht hast. Warst ein braver Bursche, — und hattest das Recht auf Deiner Seite; aber 's hilft Dir alles nichts, dagegen zu kämpfen. Du bist in des Teufels Händen; — er ist der Stärkere, und Du mußt nachgeben!«

»Nachgeben!« und hatten nicht menschliche Schwäche und physischer Schmerz ihm das schon zuvor in's Ohr geflüstert? Tom erschrak; denn das bittere Weib mit den wilden Augen und der melancholischen Stimme erschien ihm als die verkörperte Versuchung, gegen die er gekämpft hatte.

»O Herr! o Herr!« stöhnte er, »wie kann ich nachgeben?«

»Es hilft nichts, den Herrn anrufen, — er hört es nie,« sagte die Frau mit ruhiger, fester Stimme. »Ich glaube, es gibt keinen Gott; oder, wenn es einen gibt, so hat er gegen uns Partei genommen. Alles ist gegen uns, Himmel und Erde; Alles hilft dazu, uns in die Hölle zu stoßen; — warum sollten wir nicht gehen?«

Tom schloß seine Augen, und schauderte vor den finsteren, atheistischen Worten.

»Siehst Du,« fuhr die Frau fort, »Du verstehst davon nichts, — aber ich. Ich bin hier fünf Jahre gewesen, mit Leib und Seele unter dieses Mannes Fuß, und hasse ihn wie den Teufel! Du bist hier auf einer einsamen Pflanzung, zehn Meilen von jeder andern entfernt, in den Sümpfen; und keine weiße Person ist hier, die Zeugniß ablegen könnte, wenn Du auch lebendig verbrannt, oder geschunden, in Stücke gehauen, den Hunden vorgeworfen, oder aufgehängt und zu Tode gepeitscht würdest. Es gibt kein göttliches und kein menschliches Gesetz hier, das Dir von Nutzen sein könnte, und dieser Mann! — es gibt Nichts, das er zu gut zu thun wäre. Ich könnte Dein Haar sträuben und Deine Zähne klappern machen, wenn ich Dir erzählen wollte, was ich hier gesehen und gehört habe; — es hilft nichts, hier Widerstand zu leisten! — Wollte ich etwa mit ihm leben? War ich nicht ein Weib, das eine feine Erziehung erhalten hatte? und er — Gott im Himmel! was war er, und was ist er? Und dennoch habe ich mit ihm seit fünf Jahren gelebt, und jeden Augenblick meines Lebens verflucht, — Nacht und Tag! Und jetzt hat er eine Neue bekommen, — ein junges Ding, erst fünfzehn Jahre alt, und fromm erzogen, wie sie sagt. Ihre gute Mistreß hat sie gelehrt, die Bibel lesen, und sie hat ihre Bibel mitgebracht, — mit in die Hölle!« — und das Weib stieß ein wildes, schmerzliches Lachen aus, das mit sonderbarem, übernatürlichem Klange durch den verfallenen alten Schuppen schallte.

Tom faltete seine Hände. Alles war Schrecken und Finsterniß.

»O Jesus! Herr Jesus! hast Du uns arme Geschöpfe ganz vergessen?« fing er endlich an zu klagen. »O hilf, Herr! ich komme um!«

Das Weib fuhr in strengem Tone fort:

»Und was sind diese elenden, niedrigen Geschöpfe, mit denen Du arbeitest, daß Du um ihretwillen leiden solltest? Ein Jeder von ihnen würde sich bei der ersten Gelegenheit gegen Dich wenden. Sie sind Alle gegen einander so gemein und grausam wie nur möglich. Es ist ganz nutzlos, daß Du leidest, um ihnen nicht wehe zu thun.«

»Arme Geschöpfe!« sagte Tom, — »was machte sie grausam? — und, wenn ich nachgebe, so werd' ich mich d'ran gewöhnen, und werde nach und nach auch so werden, wie sie sind! Nein, nein, Missis! ich habe Alles verloren, — Weib, Kinder und Heimath, und einen guten Master, der mich frei gelassen haben würde, wenn er noch eine Woche länger gelebt hätte; ich habe Alles in dieser Welt verloren, und 's ist dahin für immer, — und nun kann ich nicht den Himmel auch noch verlieren; — nein, ich kann nicht auch noch schlecht werden!«

»Aber es ist unmöglich, daß der Herr die Sünde in unser Schuldbuch schreiben werde,« sagte die Frau; »er wird sie uns nicht zurechnen, wenn wir dazu gezwungen werden; er wird sie denen zurechnen, die uns dazu getrieben haben.«

»Ja,« sagte Tom; »aber das wird uns nicht dagegen schützen, schlecht zu werden. Wenn ich so hartherzig und so böse werden sollte, wie jener Sambo, so würde 's mir am Ende gleich sein, wie ich dazu gekommen wäre; es ist das so sein, — das ist's, was ich fürchte.«

Die Frau richtete einen wilden, überraschten Blick auf Tom, als wenn ein neuer Gedanke in ihr aufgestiegen sei; dann sagte sie tief seufzend:

»O Gott sei uns gnädig! Du sagst die Wahrheit! O! O! O!« — und stöhnend sank sie wie zerschmettert und im tiefsten Seelenschmerz sich krümmend auf den Boden nieder.

Es trat eine Pause ein, während deren das Athmen Beider hörbar war, bis Tom mit schwacher Stimme sagte: »O, bitte, Missis!«

Die Frau erhob sich, und ihr Gesicht hatte wieder den gewöhnlichen ernsten, melancholischen Ausdruck angenommen.

»Bitte, Missis, ich sah, daß sie meinen Rock in jene Ecke warfen, und in der Tasche ist meine Bibel; — wenn Missis so gut sein wollte, sie mir zu reichen.«

Cassy ging und holte die Bibel. Tom öffnete sofort eine besonders markirte, viel gelesene Stelle aus den letzten Lebensaugenblicken Desjenigen, durch dessen Streiche und Leiden wir geheilt worden sind.

»Wenn Missis doch so gut sein wollte, hier — das zu lesen, 's ist noch besser als Wasser.«

Cassy nahm das Buch mit kalter, stolzer Miene, und blickte über die Stelle. Dann las sie mit sanfter Stimme und mit eigenthümlichem, schönem Ausdrucke die rührende Schilderung seines Todesschmerzes und seiner Glorie. Oefters, während des Lesens, stockte ihre Stimme, oder versagte gänzlich, und dann hielt sie mit einer Miene kalter Ruhe inne, bis sie sich wieder vollständig gesammelt hatte. Als sie an die rührenden Worte kam: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!« ließ sie das Buch fallen, barg ihr Gesicht in die dunkle Fülle ihrer Haare, und begann laut und mit krampfhafter Heftigkeit zu schluchzen.

Tom weinte auch und ließ zuweilen einen unterdrückten Ausruf hören.

»Wenn wir nur das erreichen könnten!« sagte Tom; »es schien bei ihm so natürlich zu sein, und wir müssen so schwer darum kämpfen! O Herr, hilf uns! o heiliger Herr Jesus, hilf uns!«

Nach einer Weile fuhr Tom fort: »Missis, ich kann das ganz deutlich sehen, Missis ist in allen Dingen weit über mir, aber da ist eins, das Missis selbst vom armen Tom lernen könnte. Ihr sagtet, der Herr habe Partei gegen uns genommen, weil er zuläßt, daß man uns zu Boden schlägt und mißhandelt: aber Ihr seht, was seinem eigenen Sohne widerfahren ist, — dem Herrn der Herrlichkeit, — war er nicht immer arm? und ist Einer von uns schon so elend geworden, wie er war? Nein, Gott hat uns nicht vergessen, — das weiß ich gewiß! Wenn wir mit ihm leiden, so werden wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, sagt die Schrift; aber wenn wir Ihn verleugnen, so wird er uns auch verleugnen. Haben sie nicht Alle gelitten? — der Herr und die Seinigen? Hören wir nicht, wie sie gesteinigt und auseinander gesägt wurden, und wie sie in Schaaffellen und Ziegenhäuten umherwanderten, und hülflos, und betrübt, und gequält waren? Leiden ist kein Grund, um uns glauben zu lassen, daß sich der Herr von uns gewendet habe, sondern gerade das Gegentheil, wenn wir zu ihm halten und nicht der Sünde weichen.«

»Aber warum setzt er uns dahin, wo wir nicht anders können, als sündigen?« sagte die Frau.

»Ich glaube, wir können anders,« entgegnete Tom.

»Du wirst es sehen,« sagte Cassy; »was willst Du thun? Morgen werden sie wieder über Dich herfallen. Ich kenne sie; ich habe alle ihre Thaten gesehen; ich kann nicht an alles das denken, was sie noch über Dich bringen werden, — und zuletzt wirst Du doch nachgeben müssen!«

»Herr Jesus!« sagte Tom, »Du willst Dich meiner Seele annehmen? O Herr, thue es! — lasse mich nicht wanken!«

»O mein Gott!« sagte Cassy; »Ich habe alles dieses Schreien und Beten schon oft gehört, und dennoch sind sie gebrochen und bezwungen worden. Da ist Emmeline, die sich zu halten versucht, und Du versuchst, — aber was hilft es? Du mußt nachgeben, oder Dich langsam umbringen lassen.«

»Gut, so will ich sterben!« sagte Tom. »Sie mögen es in die Länge ziehen, so weit sie können, sie können doch nicht verhindern, daß ich endlich sterbe! — und dann können sie nichts mehr thun. Das ist klar, ich bin bereit! Ich weiß, der Herr wird mir helfen und mich hindurch führen.«

Die Frau antwortete nicht; sie blieb schweigend sitzen, während sie mit ihren schwarzen Augen vor sich hin auf den Boden starrte.

»Vielleicht ist das der rechte Weg,« murmelte sie für sich; »aber für Diejenigen, die es einmal aufgegeben haben, ist keine Hoffnung mehr, — keine! Wir leben in Schmutz, und werden eckelhaft, bis wir uns selbst zum Eckel werden! Wir sehnen uns danach, zu sterben, und haben nicht den Muth, uns selbst zu tödten! — Keine Hoffnung! keine! keine! — das Mädchen, grade so alt, wie ich war!«

»Du siehst mich jetzt,« fuhr sie zu Tom gewendet fort, und sehr schnell sprechend, — »siehst, was ich jetzt bin! Wohl, ich bin in Luxus erzogen worden. Das erste, dessen ich mich entsinne, ist, daß ich als Kind in glänzenden Zimmern spielte, — daß ich wie eine Puppe gekleidet ging, und von aller Welt gelobt und gepriesen wurde. Eine Glasthür führte aus dem Salon in den Garten, und dort pflegte ich mit meinen Geschwistern zu spielen. Ich wurde in ein Kloster gebracht, und lernte Musik, Französisch und feine Stickerei und wer weiß was Alles; und als ich vierzehn Jahre alt war, verließ ich es, um dem Begräbnisse meines Vaters beizuwohnen. Er starb plötzlich, und als der Nachlaß regulirt werden sollte, ergab sich's, daß kaum genug vorhanden war, um seine Schulden zu decken; und die Gläubiger nahmen ein Inventarium auf, und ich wurde mit darin verzeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin gewesen, und mein Vater hatte stets die Absicht gehabt, mich für frei zu erklären; aber er hatte es nicht gethan, und so wurde ich mit in das Verzeichniß aufgenommen. Es war mir von jeher bekannt gewesen, was ich war, aber ich hatte nie viel daran gedacht. Man glaubte nie, daß ein starker, gesunder Mann plötzlich sterben könne. Mein Vater war noch vier Stunden vor seinem Tode gesund und wohl. Es war einer der ersten Cholerafälle in New-Orleans. Am Tage nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und ging damit nach der Plantage ihres Vaters. Ich dachte, sie behandelten mich recht sonderbar, aber ich verstand es nicht. Es war da ein junger Advokat, der den Auftrag hatte, die Geschäfte in Ordnung zu bringen; dieser kam jeden Tag und sprach sehr höflich mit mir. Eines Tages brachte er einen jungen Mann mit sich, den ich für den schönsten hielt, den ich jemals gesehen hatte. Ich werde niemals jenen Abend vergessen. Wir gingen zusammen im Garten spazieren. Ich fühlte mich so einsam und so traurig, und er war so sanft und so freundlich gegen mich, und erzählte mir, daß er mich schon früher gesehen habe, ehe ich nach dem Kloster gebracht worden sei, und daß er mich so lange geliebt habe, und daß er mein Freund und Beschützer sein wolle; — kurz, obgleich er es mir nicht sagte, er hatte zweitausend Dollar für mich bezahlt, und ich war sein Eigenthum. Ich wurde es gern, denn ich liebte ihn. — Liebte!« wiederholte die Frau inne haltend. »O! wie liebte ich ihn! wie liebe ich ihn jetzt noch, — und werde ihn ewig lieben, so lange ich athme! Er war so schön, so erhaben, so edel! Er wies mir ein schönes Haus an, mit Dienern, Pferden und Wagen, mit Möbeln und schönen Kleidungsstücken. Alles was Geld erkaufen konnte, gab er mir; aber ich legte keinen Werth darauf, — er galt mir über Alles. Ich liebte ihn mehr als Gott und meine Seele; und ich konnte nichts Anderes thun, als was er wünschte.

Nur einen Wunsch hegte ich, — den, daß er mich heirathen solle. Ich dachte, wenn er mich so liebte wie ich ihn, und wenn ich das wirklich war, wofür er mich zu halten schien, so würde er gern bereit sein, mich zu heirathen und in Freiheit zu setzen. Allein er überzeugte mich davon, daß es unmöglich sei, und sagte mir, daß wenn wir einander treu seien, es eine Ehe vor Gott sei. Wenn das wahr ist, war ich denn nicht jenes Mannes Weib? War ich nicht treu? Bewachte ich nicht sieben Jahre lang jeden Blick und jede Bewegung, nur bemüht, ihm zu gefallen? Er bekam das gelbe Fieber, während dessen ich zwanzig Tage und Nächte bei ihm wachte. Ich allein; — ich reichte ihm alle seine Arzneien, und verrichtete jede Dienstleistung für ihn, und er nannte mich seinen guten Engel, und sagte, daß ich ihm das Leben gerettet habe.

Wir hatten zwei schöne Kinder. Das erste war ein Knabe, den wir Henry nannten. Er war das Abbild seines Vaters; — er hatte so schöne Augen, eine so schöne Stirn und so schöne, lange Locken, — und ganz seines Vaters Geist und Fähigkeiten! Die kleine Elise war mir ähnlich, wie ihr Vater sagte. Er pflegte mich das schönste Weib in Louisiana zu nennen und mich zu versichern, daß er stolz auf mich und die Kinder sei. Er sah es gern, daß ich sie hübsch anzog, um mit ihnen und mir sodann in einem offenen Wagen umherzufahren und die Bemerkungen der Leute über uns zu hören; und fortwährend erzählte er mir nachher die Lobsprüche, die über mich und die Kinder geäußert worden waren. O, das waren glückliche Tage! Ich fühlte mich so glücklich, wie ein Mensch nur sein konnte; aber dann kamen böse Zeiten. Es war ein Cousin von New-Orleans gekommen, der sein intimster Freund war, — und von dem er außerordentlich viel hielt. Allein vom ersten Augenblicke, wo ich ihn sah, fürchtete ich ihn, ohne zu wissen, weßhalb; denn ich fühlte die Gewißheit in mir, daß er Unglück über uns bringen werde. Er verleitete Henry, mit ihm auszugehen, und kehrte oft erst um zwei oder drei Uhr nach Hause. Ich wagte nichts darüber zu sagen, denn Henry war heftigen Temperaments, und ich fürchtete mich. Er ließ sich von seinem Cousin in Spielhäuser führen, und er war einer von denjenigen, die, wenn sie einmal dort gewesen sind, sich nicht mehr davon zurückhalten lassen. Bald darauf machte ihn jener mit einer andern Dame bekannt, und ich bemerkte bald, daß sein Herz sich von mir gewendet hatte. Er sagte mir es nie, aber ich sah es deutlich, — ich fühlte es jeden Tag mehr, — mein Herz brach, aber ich konnte kein Wort darüber sagen! Dann erbot sich jener Elende, mich und die Kinder von Henry zu kaufen, um seine Spielschulden davon bezahlen zu können, welche ihn verhinderten, sich so zu verheirathen, wie er wünschte; — und er verkaufte uns! Er sagte mir eines Tages, daß er Geschäfte auf dem Lande habe, und zwei oder drei Wochen abwesend sein werde. Er sprach freundlicher, als gewöhnlich, und versicherte mich, daß er zurückkehren werde; allein ich ließ mich dadurch nicht täuschen. Ich wußte, daß die Zeit gekommen sei. Mir war, als sei ich in Stein verwandelt worden: ich konnte weder sprechen, noch eine Thräne vergießen. Er küßte mich und die Kinder viele, viele Male, und ging hinaus. Ich sah ihn noch das Pferd besteigen und folgte ihm mit den Augen, bis er meinen Blicken entschwand. Dann sank ich ohnmächtig nieder.«

»Dann kam er, der verfluchte Elende! — und nahm Besitz von mir. Er sagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe, und zeigte mir die Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und sagte ihm, daß ich lieber sterben als mit ihm leben würde.

›Ganz wie Du willst,‹ entgegnete er, ›aber wenn Du dich nicht vernünftig beträgst, so verkaufe ich beide Kinder, so daß Du sie nie im Leben wieder siehst.‹ Er sagte mir, daß es vom ersten Augenblicke an, wo er mich gesehen, seine Absicht gewesen sei, mich zu besitzen, und daß er Henry absichtlich verleitet und in Schulden gestürzt habe, um ihn dazu zu bringen, mich zu verkaufen; daß er ihn aus demselben Grunde zu dem Verhältniß mit einer andern Dame geführt habe, und daß er selbst endlich nicht gesonnen sei, seinen Plan um ein paar Thränen halber aufzugeben.

Ich gab nach, denn meine Hände waren gebunden. Er hatte meine Kinder in seiner Gewalt; und sobald ich mich irgendwie seinem Willen widersetzte, fing er davon an zu sprechen, daß er sie verkaufen wolle, und machte mich dadurch so unterwürfig, als er nur wünschte. O, was für ein Leben war das! Jeden Tag mit brechendem Herzen leben und liebevoll und zärtlich sein zu müssen, während es doch nichts als Elend war; und mit Leib und Seele an jemanden gebunden zu sein, den ich haßte. Meinem Henry las ich gern vor, ich spielte und tanzte mit ihm, oder sang ihm etwas vor; aber Alles, was ich für diesen thun mußte, war mir eine Qual; — und dennoch wagte ich nicht, irgend Etwas zu verweigern. Sein Benehmen war herrisch und hart gegen die Kinder. Elise war ein kleines, furchtsames Wesen; aber Henry war wie sein Vater kühn und muthig, und hatte sich nie durch irgend Jemanden zur Unterwürfigkeit bringen lassen. Ihn tadelte und schalt er fortwährend, und ich lebte in steter Angst. Ich bemühte mich, den Knaben ehrerbietiger zu machen, — ich suchte ihn von ihm entfernt zu halten, denn ich hing an diesen Kindern mit meinem ganzen Leben; aber es half nichts. Er verkaufte beide Kinder. Eines Tags nahm er mich mit auf eine Spazierfahrt, und als ich zu Hause kam, waren sie verschwunden! Er sagte mir, daß er sie verkauft habe und er zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes.

Von nun an schien mich alles Gute zu verlassen. Ich raste und fluchte, — fluchte Gott und Menschen; und eine Zeit lang fürchtete er sich wirklich vor mir. Allein er gab nicht nach. Er sagte mir, daß meine Kinder verkauft seien, aber daß, ob ich ihre Gesichter je wiedersähe, von ihm abhänge, und daß, wenn ich mich nicht ruhig verhalte, meine Kinder dafür leiden sollten. Du kannst mit einer Frau Alles thun, wenn Du ihre Kinder hast. Er machte mich demüthig, er brachte mich zur Ruhe; er schmeichelte mir mit Hoffnungen, daß er sie zurückkaufen werde, und so verfloßen einige Wochen. Eines Tages ging ich spazieren, und kam am Stockhause vorüber. Ich sah eine große Menschenmenge vor dem Thore versammelt und hörte eine Kinderstimme, — und plötzlich riß sich mein Henry von zwei oder drei Männern los, die ihn hielten, und lief schreiend auf mich zu und erfaßte mein Kleid. Jene kamen fluchend hinter ihm her, und ein Mann, dessen Gesicht ich nie vergessen werde, sagte ihm, daß er so nicht davon kommen solle, daß er mit ihm in's Stockhaus gehe und daß er dort eine Lehre bekommen solle, die er nicht so leicht vergessen werde. Ich bat und flehte für ihn, — aber die Männer lachten nur dazu; der arme Knabe schrie und schaute mir in's Gesicht, und hielt sich an mir fest, bis sie ihn losreißend den Rock meines Kleides halb mit abrissen; und dann schleppten sie ihn, während er ›Mutter! Mutter! Mutter!‹ schrie, fort. Ein Mann stand dabei, der Mitleid zu haben schien. Ich bot ihm alles Geld an, was ich hatte, wenn er mir beistehen wolle; aber er schüttelte seinen Kopf und entgegnete, daß der Mann ihm gesagt habe, der Knabe sei ungehorsam und ungezogen vom ersten Augenblicke an gewesen, daß er ihn gekauft und daß er ihm jetzt ein für allemal eine Dressur geben wolle. Ich wandte mich um und rannte davon, und auf jedem Schritte glaubte ich noch sein Geschrei zu hören. Ich gelangte in das Haus und eilte athemlos in das Zimmer, wo sich Butler befand. Ich sagte es ihm und flehte ihn an, sich des Knaben anzunehmen; aber er lachte nur und antwortete mir, daß der Knabe bekomme, was er verdiene, und daß er dressirt werden müsse, je eher, desto besser.

Es war mir, als wenn irgend etwas in diesem Augenblicke in meinem Kopfe springe. Ich wurde rasend und verlor die Besinnung. Dunkel entsinne ich mich noch, daß ich ein großes Messer auf dem Tische liegen sah, daß ich darnach griff und auf ihn zu sprang; dann wurde Alles schwarz vor mir, und was nachher mit mir geschah, — davon weiß ich viele, viele Tage lang nichts.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem reinlichen Zimmer, — aber nicht dem meinigen. Ein altes, schwarzes Weib bediente mich, und ein Arzt besuchte mich, und große Aufmerksamkeit wurde mir überhaupt geschenkt. Bald nachher erfuhr ich, daß er den Ort verlassen und mich in diesem Hause zurückgelassen habe, um verkauft zu werden. Das war der Grund, weßhalb man mir so große Sorgfalt bewies.

Mein Wunsch und meine Hoffnung war, nicht wieder gesund zu werden; aber trotz dessen verließ mich das Fieber, ich wurde gesund und stand endlich wieder auf. Dann wurde ich gezwungen, mich jeden Tag zu putzen; und Herren kamen herein, und rauchten ihre Cigarren, und betrachteten mich, und richteten Fragen an mich, und sprachen über meinen Preis. Ich war stumm und finster, so daß Niemand mich kaufen wollte. Man drohte mir mit der Peitsche, wenn ich nicht heitrer wäre und mir mehr Mühe gäbe, mich angenehm zu machen. Endlich kam eines Tages ein Herr, Namens Stuart, der etwas Gefühl für mich zu haben schien. Er sah, daß etwas Schreckliches an meinem Herzen nage, und kam sehr oft allein, und beredete mich endlich, mich ihm mitzutheilen. Er kaufte mich und versprach mir, Alles, was er könne, zu thun, um meine Kinder zu ermitteln und zurückzukaufen. Er ging nach dem Hotel, wo mein Henry gewesen war; aber man sagte ihm, daß er an einen Pflanzer am Perlfluß verkauft worden sei, und das war das letzte, was ich über ihn gehört habe. Dann fand er meine Tochter, die von einem alten Weibe gehalten wurde. Er bot eine ungeheure Summe, aber sie sollte nicht verkauft werden. Butler hatte in Erfahrung gebracht, daß er sie für mich kaufen wolle, und ließ mir deßhalb anzeigen, daß ich sie nie wieder haben solle. Kapitän Stuart war sehr gütig gegen mich. Er besaß eine große Pflanzung und führte mich dahin. Im Laufe eines Jahres gebar ich einen Sohn. O, das Kind, wie liebte ich es! Wie ähnlich das kleine Wesen meinem armen Henry war! Aber mein Entschluß war gefaßt. Ich wollte nie wieder ein Kind am Leben erhalten, um es aufwachsen zu lassen. Ich nahm das kleine Geschöpf in meine Arme, als es vierzehn Tage alt war, und küßte es und weinte über ihm; und dann flößte ich ihm Laudanum ein, und hielt es an meinen Busen, während es zum Tode einschlief. Ich trauerte und weinte über es, und Niemand glaubte anders, als daß ich dem Kinde aus Irrthum Laudanum gegeben habe; aber es ist eins der wenigen Dinge, deren ich mich jetzt noch freue. Ich habe nie bereut, es gethan zu haben, denn das arme Wesen ist nun wenigstens frei von Schmerzen. Was konnte ich ihm Besseres geben, als den Tod?

Bald nachher kam die Cholera, und Kapitän Stuart starb. Jeder starb, der zu leben wünschte, — und ich, — ich, obgleich ich bis an die Pforten des Grabes gebracht wurde, — ich mußte leben! Dann wurde ich verkauft und ging von einer Hand in die andere, bis ich verwelkt war und runzelig wurde, und das Fieber gehabt hatte. Dann kaufte mich dieser Elende, und brachte mich hierher, — und hier bin ich!«

Die Frau hielt inne. Sie war wild und leidenschaftlich über ihre Erzählung hingeeilt, bald ihre Worte an Tom richtend, bald wie im Selbstgespräche redend. So gewaltig und hinreißend war die Kraft ihrer Rede, daß Tom selbst die Schmerzen seiner Wunden vergaß, und, sich auf einen Ellbogen stützend, sie aufmerksam beobachtete, während sie ruhelos auf und nieder schritt, und ihr langes, schwarzes Haar um ihre Schultern schwer herabfiel.

»Du sagst mir,« fuhr sie nach einer Pause fort, »daß es einen Gott gebe, — einen Gott, der herabblicke und alle diese Dinge sehe. Mag sein! — Die Schwestern im Kloster erzählten mir von einem Tage des Gerichts, an welchem Alles an das Licht kommen werde; — o, das wird ein Tag der Vergeltung sein!«

»Die Menschen glauben, es sei nichts, was wir leiden, — nichts, was unsere Kinder leiden! — es sei Alles nur Kleinigkeit; und doch bin ich oft durch die Straßen gegangen und glaubte so viel Elend und Jammer in meinem eigenen Herzen zu haben, daß die Stadt darüber versinken müsse. Ich wünschte, daß die Häuser auf mich fallen und die Steine unter mir versinken möchten! Ja! am Tage des Gerichts will ich vor Gott hintreten und Zeugniß gegen Jene ablegen, die mich und meine Kinder an Leib und Seele ruinirt haben!«

»Als ich noch ein Mädchen war, glaubte ich, ich sei fromm; ich liebte Gott und betete gern. Jetzt bin ich eine verlorene Seele, von Teufeln verfolgt, die mich Tag und Nacht plagen, — die mich immer weiter und weiter treiben, — und ich will es thun, — bald, recht bald!« sagte sie, ihre Faust ballend, während ein sinnverwirrter Blick aus ihren schwarzen Augen hervorschoß. »Ich will ihn dahin schicken, wohin er gehört, — und auf recht kurzem Wege, — in einer dieser Nächte, — und wenn sie mich lebendig verbrennen!«

Ein wildes, anhaltendes Lachen scholl durch den öden Raum und endete in hysterischem Schluchzen, während sie sich mit krampfhafter Heftigkeit auf die Erde niederwarf. Wenige Augenblicke nachher war dieser Anfall vorüber; sie erhob sich langsam und schien sich zu sammeln.

»Kann ich sonst noch etwas für Dich thun, mein armer Mensch?« sagte sie, sich Tom nähernd; — »soll ich Dir mehr Wasser geben?«

Bei diesen Worten lag in ihrer Stimme und in ihrem Wesen eine anmuthige, mitleidsvolle Sanftmuth, die in sonderbarem Gegensatze zu ihrer vorherigen Wildheit stand.

Tom trank das Wasser und blickte sie ernst und traurig an.

»O Missis,« sagte er, »ich wünschte, Ihr wolltet Euch zu Ihm wenden, der Euch lebendiges Wasser reichen kann!«

»Zu ihm wenden! Wo ist er? wo ist er?« sagte Cassy.

»Zu Ihm, von dem Ihr mir vorgelesen habt, — dem Herrn!«

»Als ich noch ein Mädchen war, sah ich oft sein Bild über dem Altare,« sagte Cassy, während sie in trüber Träumerei vor sich hinstarrte; — »aber hier ist er nicht! Hier ist nichts als Sünde und lange, lange Verzweiflung! Oh!«

Sie legte ihre Hand auf die Brust, und hielt den Athem an, als wolle sie eine schwere Last aufheben.

Tom schien weiter reden zu wollen, allein sie unterbrach ihn mit einer entschiedenen Bewegung.

»Sprich nicht, mein armer Mensch; versuche lieber zu schlafen, wenn Du kannst,« sagte sie, indem sie das Wasser in seine Nähe stellte; und nachdem sie sodann noch einige kleine Anordnungen für seine Bequemlichkeit getroffen hatte, verließ sie ihn.