Achtunddreißigstes Kapitel.

Der Sieg.

»Dank sei Gott, der uns den Sieg verleiht.«

Haben nicht viele von uns in mancher Stunde mühseligen Lebensweges gefühlt, wie weit leichter es sei, zu sterben, als zu leben?

Der Märtyrer, wenn er unter körperlichen Qualen dem Tode in die Augen schaut, findet selbst im Schrecken seines Looses eine Stärkung. Es liegt eine lebendige Aufregung darin, welche ihn durch jede Krisis des Leidens führen kann, und sie zur Geburtsstunde ewigen Ruhmes und ewigen Friedens macht.

Aber zu leben, und Tag für Tag in niederer, bitterer, gemeiner und quälender Knechtschaft sich hinzuschleppen, jede Nerve erschlafft und abgespannt, jede Gefühlskraft allmählig erstickt — dieses lange, zehrende Märtyrerthum des Herzens, dieses langsame, tägliche Verbluten des inneren Lebens, tropfenweise, stündlich — dies ist der wahre Probirstein dessen, was im Menschen ist.

Als Tom seinem Verfolger gegenüberstand, und dessen Drohungen hörte, und in seiner innersten Seele dachte, daß seine Stunde gekommen sei, schwoll ihm muthig die Brust, und er glaubte, er könne Folter und Feuer, Alles ertragen, mit dem Blicke auf Jesus und den Himmel gerichtet; als derselbe aber fortgegangen und die Aufregung verschwunden war, kehrte der Schmerz seiner gequetschten, müden Glieder zurück und das Gefühl seines völlig herabgewürdigten, hoffnungslosen und verlornen Zustandes; und der Tag verging ihm traurig.

Legree bestand darauf, daß Tom lange vorher, ehe dessen Wunden geheilt waren, wieder an die regelmäßige Feldarbeit gestellt werden sollte; und dann kamen Tag für Tag Schmerz und Müdigkeit, erschwert durch jede Art von Ungerechtigkeit und Unwürdigkeit, welche der böse Wille einer gemeinen und boshaften Seele ersinnen konnte. Wer nur immer in unsern Umständen eine Schmerzensprüfung zu bestehen hatte, selbst mit allen Erleichterungen, welche dieselben bei uns gewöhnlich begleiten, muß die Gereiztheit kennen, die uns in derselben nie verläßt. Tom wunderte sich nicht mehr über die gewohnheitsmäßige Verdrießlichkeit seiner Gefährten: ja, er fand die ruhige, heitere Stimmung, welche ihn durch sein ganzes Leben begleitet hatte, zerstört und jämmerlich zerrissen. Er hatte auf Muße gehofft, seine Bibel lesen zu können, aber Muße gab es hier nicht. In der dringendsten Erntezeit trug Legree kein Bedenken, alle seine Arbeiter Sonntags wie Wochentags gleich zu quälen. Warum nicht? Er erzielte dadurch mehr Baumwolle, und gewann seine Wette; und wenn es einige Leute mehr aufrieb, konnte er bessere kaufen. Zuerst war Tom gewohnt gewesen, beim Leuchten des Feuers einige Bibelverse zu lesen, nachdem er von der Tagesarbeit zurückgekehrt war; nach der grausamen Behandlung aber, die er erfahren hatte, pflegte er so erschöpft nach Hause zu kommen, daß der Kopf sich ihm drehte und ihm die Augen den Dienst versagten, wenn er zu lesen versuchte, und er froh war, sich mit den Andern in völliger Erschöpfung niederstrecken zu können.

Ist es auffallend, daß der Gottesfriede und das Himmelsvertrauen, welche ihn bisher aufrecht erhalten hatten, Gemüthserschütterungen und finsterem Verzagen weichen konnten? Die düsterste Aufgabe dieses geheimnißvollen Lebens war ihm beständig vor den Augen; zerschmetterte und zu Grunde gerichtete Seelen, Böses triumphirend und Gott schweigend. Wochen, Monate rang Tom in seinem Geiste in Dunkelheit und Betrübniß. Er dachte an Miß Ophelia's Brief, an seine Freunde in Kentucky, und betete ernstlich, daß ihm Gott Erlösung senden möge; und dann wartete er Tag für Tag in derlei unbestimmter Hoffnung, Jemanden zu sehen, der zu seiner Erlösung ausgesendet sei; und wenn Niemand kam, drängte er bittere Gedanken in sein Herz zurück — daß es eitel sei, Gott zu dienen, daß Gott ihn vergessen habe. Zuweilen sah er Cassy, und wenn er zuweilen nach dem Hause gerufen wurde, erblickte er dann und wann die gebeugte Gestalt Emmelinens, er hatte aber mit keiner viel Verkehr; es blieb wirklich keine Zeit, mit irgend Jemanden Umgang zu haben.

Eines Abends saß er in völliger Niedergeschlagenheit und Abspannung bei ein paar erlöschenden Feuerbränden, an denen er sein kärgliches Abendessen bereitete. Er legte etwas Reisig auf, um das Feuer wieder in Brand zu setzen, und zog dann seine verbrauchte alte Bibel aus der Tasche. Darin waren alle die Stellen gezeichnet, welche so oft seine Seele angeregt hatten — Worte von Erzvätern und Sehern, Dichtern und Weisen, die von frühen Zeiten her dem Menschen Muth zugesprochen — Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, welche uns immer auf der Lebensbahn umgeben. Hatte das Wort seine Kraft verloren, oder waren das versagende Auge und der müde Sinn nicht länger empfänglich für jene mächtigen Eingebungen? Schwer seufzend steckte er das Buch in die Tasche. Ein rohes Gelächter erwartete ihn; er sah auf — Legree stand ihm gegenüber.

»Nun, alter Junge,« sagte er, »Du findest, Deine Religion wirkt nicht; es scheint so! Ich dachte ja, ich würde das aus Deiner Wolle herausbringen!«

Der grausame Hohn war schlimmer, als Hunger, Kälte und Nacktheit. Tom war still.

»Du warst ein Narr,« sagte Legree, »denn ich dachte Dir Gutes zu thun, als ich Dich kaufte. Du hättest besser daran sein können, als Sambo oder Quimbo, und gute Zeiten haben; und anstatt alle paar Tage geprügelt und gedroschen zu werden, könntest Du Freiheit gehabt haben, rings umher zu herrschen, und die andern Nigger zu peitschen, und hättest Dich zuweilen an einem guten Whiskeypunsch erwärmen können. Nun, mach keine Umstände und sei vernünftig! Wirf den alten Plunder hier ins Feuer und schlag Dich zu meiner Kirche!«

»Gott behüte mich!« sagte Tom inbrünstig.

»Du siehst, Gott will Dir nicht helfen; wenn er gewollt hätte, so hätte er Dich nicht in meine Hände kommen lassen. Deine Religion ist ein Gemisch von lauter Lügenkram, Tom. Ich weiß es. Halt lieber zu mir; ich bin etwas und kann etwas thun!«

»Nein, Master,« sagte Tom, »ich will festhalten. Gott mag mir nun helfen oder nicht; aber ich will an ihm halten und bis aufs Letzte an ihn glauben!«

»Um so mehr bist Du ein Narr!« sagte Legree, indem er ihn verächtlich anspie und mit dem Fuße trat. »Nun, es macht nichts aus; ich will Dich doch noch niederhetzen und herunterbringen, Du wirst 's sehen!« und Legree wendete sich weg.

Wenn ein schweres Gewicht die Seele zur tiefsten Tiefe menschlichen Duldens herunterdrückt, so tritt eine plötzliche und verzweifelte Anstrengung jedes physischen und geistigen Nervs ein, das Gewicht abzuwerfen, und dadurch wird der größte Schmerz oft zu einer rückströmenden Fluth der Freude und des Muthes. So war es jetzt mit Tom. Die gottesläugnerischen Verhöhnungen seines grausamen Herrn senkten seine vorher schon niedergeschlagene Seele zur tiefsten Ebbe hinab; und obgleich die Hand des Glaubens sich noch an dem ewigen Felsen festhielt, so war es doch nur mit einem starren, verzweifelten Griffe. Tom saß wie betäubt am Feuer. Plötzlich schien Alles um ihn zu verschwinden, und vor ihm erhob sich die Erscheinung einer mit Dornen gekrönten, geschlagenen und blutenden Gestalt. Tom schaute mit Staunen und Bewunderung auf die würdevolle Ruhe des Antlitzes; die tiefen, rührenden Augen drangen ihm bis in das innerste Herz; seine Seele erwachte, während er mit strömendem Gefühle seine Hände ausstreckte und auf seine Kniee fiel; und allmählig veränderte sich die Erscheinung, die scharfen Dornen wurden zur Strahlenkrone, und im unbegreiflichen Glanze sah er dasselbe Antlitz sich mitleidsvoll zu ihm neigen, und eine Stimme sagte: »Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Stuhle zu sitzen, wie Ich überwunden habe, und bin mit meinem Vater gesessen auf seinem Stuhle.«

Wie lange Tom so gelegen hatte, wußte er nicht. Als er wieder zu sich kam, war das Feuer erloschen, seine Kleider von feuchtem Thaue durchnäßt, aber der fürchterliche Seelenkampf war entschieden, und in der Freude, welche ihn erfüllte, fühlte er nicht mehr Hunger, Kälte, Erniedrigung, Widerwärtigkeit und Elend. Aus tiefster Seele schied er in jener Stunde von jeder Hoffnung dieses Lebens, und brachte seinen eigenen Willen als ein williges Opfer dem Unendlichen dar. Tom sah auf zu den stillen, ewigen Sternen, den Sinnbildern der Engelsschaaren, die immer auf den Menschen herabschauen; und die Einsamkeit der Nacht wiederhallte von den Siegesworten eines Lobgesanges, welchen er oft in glücklicheren Tagen gesungen, aber nie mit einem solchen Gefühle wie jetzt:

»Die Erde wird wie Schnee zergehn, Die Sonne nicht mehr scheinen; Doch Gott, der mich hier ließ entstehn, Wird sich mit mir vereinen.«
»Und wenn dies ird'sche Leben flieht, Und Fleisch und Sinn vergehn, Der Engel Schaar mich jenseits zieht, Wo Fried und Freude wehn.«
»Und wenn zehntausend Jahr wir da Hell scheinend wie die Sonn', So sing'n wir noch Halleluja, Wie einst auf Erden schon.«

Wer vertraut ist mit der Religionsgeschichte der Sklavenbevölkerung, wird wissen, daß Verhältnisse gleich denen, welche wir erzählt haben, sehr gewöhnlich unter ihnen sind. Wir haben von ihren eigenen Lippen einige der rührendsten und ergreifendsten Züge gehört. Der Seelenforscher erzählt uns von einem Zustande, in welchem die Bewegungen und Bilder des Gemüths so herrschend und übermächtig werden, daß sie die äußeren Sinne in ihren Dienst zwingen, und diese den inneren Gebilden eine erkennbare Gestalt verleihen. Wer kann ermessen, was ein alldurchdringender Geist mit diesen Fähigkeiten unserer sterblichen Natur wirken, oder wie er die verzagenden Seelen der Untröstlichen ermuthigen kann? Wenn der arme, vergessene Sklave glaubt, daß Jesus ihm erschienen sei und mit ihm geredet habe, wer wird ihm widersprechen? Sagte er nicht, daß seine Sendung zu allen Zeiten sei, »zu heilen, die zerstoßenen Herzens sind, zu predigen den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen.«

Als das dunkle Grau der Morgendämmerung die Schläfer erweckte, hinaus auf das Feld zu gehen, da war einer unter jenen zerlumpten und schauernden Unglücklichen, der mit frohlockendem Schritte einherging, denn fester, als der Boden, welchen er betrat, war sein starker Glaube an die allmächtige, ewige Liebe. Ach, Legree! versuche jetzt alle Deine Kräfte! Völlige Seelenangst, Wehe, Erniedrigung, Mangel und Verlust von Allem werden nur den Proceß beschleunigen, der ihn zum König und Priester Gottes weiht!

Von dieser Zeit an umgab ein unverletzbarer Kreis des Friedens das demüthige Herz des Bedrückten — ein immer gegenwärtiger Erlöser weihte es zu einem Tempel. Vorüber ist nun das Bluten irdischen Schmerzes, vorüber seine schwankende Hoffnung und Furcht, sein schwankendes Verlangen — der menschliche Wille gebeugt und blutend, und lange ringend, war nun ganz in dem göttlichen aufgegangen. So kurz schien jetzt die übrige Lebensreise — so nahe, so lebendig der ewige Segen — daß des Lebens äußerstes Weh harmlos an ihm vorüberging.

Alle bemerkten die Veränderung in seiner Erscheinung. Heiterkeit und Freudigkeit schien in ihn zurückzukehren, und eine Ruhe, welche keine Kränkung oder Beleidigung stören konnte, schien ihn zu beherrschen.

»Was der Teufel ist in den Tom gefahren?« sagte Legree zu Sambo. »Vor einiger Zeit war er ganz wie stumm, und jetzt ist er vergnügt wie ein Heimchen.«

»Weiß nicht, Master, will vielleicht fortlaufen.«

»Möchte ihn das versuchen sehen,« sagte Legree mit wildem Grinsen; »nicht wahr, Sambo?«

»Ja, ich glaube! Ha! ha!« sagte der schwarze Gnom, indem er dienstpflichtig lachte. »O Herr, der Spaß! Ihn im Schlamme stecken, durch die Büsche jagen und reißen zu sehen, die Hunde an den Fersen! Herr, ich lachte, daß ich dachte, ich sollte platzen, damals, als wir Molly fingen. Ich dachte, sie hätten ihr alles Zeug vom Leibe gerissen, ehe ich sie von ihr kriegen konnte. Sie hat noch immer die Male von dem Spasse.«

»Ich glaube, sie wird sie mit ins Grab nehmen,« sagte Legree. »Aber jetzt, Sambo, pass' auf! Wenn der Neger dergleichen im Schilde hat, stelle ihm ein Bein.«

»Herr, laßt mich dafür sorgen!« sagte Sambo. »Ich will den Affen fangen.«

Das wurde gesprochen, als Legree auf sein Pferd stieg, um zur benachbarten Stadt zu reiten. Als er jenen Abend zurückkehrte, fiel es ihm ein, sein Pferd umzudrehen und um die Hütten zu reiten und zu sehen, ob Alles in Ordnung sei.

Es war eine prächtige Mondnacht; die Schatten der schönen Pomeranzenbäume lagen scharf gezeichnet auf den Rasen, und es herrschte jene durchsichtige Stille in der Luft, deren Störung unheilig erscheint. Als Legree in geringer Entfernung von den Hütten war, hörte er eine Stimme singen. Es war kein gewöhnlicher Gesang, und er hielt deshalb an, um zu horchen. Eine klangvolle Tenorstimme sang:

»Wenn ich mein Recht klar lesen kann
Auf himmlischen Besitz,
So kommt mich keine Furcht mehr an,
Und scheu' ich nicht der Hölle Blitz.«
»Und ringt mit Erdenlust mein Geist
Und fliegt der Hölle Pfeil,
Mein Heiland, Satan von mir weist,
Und schützt mein Seelenheil.«
»Kömmt Sorge wie 'ne Sündfluth an,
Und Unglücksstürme wehn,
Komm ich doch nicht von meiner Bahn,
Die kann ich deutlich sehn.«

»So! ha!« sagte Legree bei sich, »denkt er das wirklich? Wie ich diese verfluchten Methodistenlieder hasse! Her! Nigger!« sagte er, indem er plötzlich auf Tom zukam und seine Reitpeitsche in die Höhe hob, »wie kannst Du Dich unterstehen, diesen Lärm hier zu machen, wenn Du zu Bette sein mußt? Halt Deinen alten schwarzen Rachen und packe Dich fort!«

»Ja, Master,« sagte Tom mit bereitwilliger Freundlichkeit, als er sich erhob, um heimzugehen.

Legree war auf's Aeußerste gereizt durch Toms sichtliche Glückseligkeit; er ritt an ihn heran und bearbeitete ihn mit Schlägen über Kopf und Schultern.

»Da, Hund,« sagte er, »sieh zu, ob Dir danach noch immer so wohl ist!«

Aber die Schläge fielen jetzt nur auf den äußern Menschen und nicht, wie zuvor, auf das Herz. Tom stand völlig unterwürfig da; und doch konnte sich Legree nicht verhehlen, daß seine Macht über seinen Leibeigenen aufgehört hatte. Als Tom in seiner Hütte verschwand, und er sein Pferd herumwarf, durchzuckte sein Herz plötzlich einer jener lebendigen Blitze, welche oft das Licht des Gewissens durch die dunkle, ruchlose Seele senden. Er fühlte deutlich, daß es Gott sei, der zwischen ihm und seinem Opfer stand, und er lästerte ihn. Jener unterwürfige und stille Mensch, den weder Hohn, noch Drohungen, weder Streiche, noch Grausamkeiten stören konnten in der Ruhe des Gemüthes, erweckte eine Stimme in ihm, wie sie vor Alters sein Herr erweckte in der besessenen Seele, die da sagte: »Ach Jesu, Du Sohn Gottes, was haben wir mit Dir zu thun? Bist Du gekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit ist?«

Toms ganzes Herz floß über von Mitleid und Theilnahme für die armen Elenden, von welchen er umringt war. Ihm schien es, als wenn sein Lebenskummer noch nicht vorüber sei, und als wenn er aus jenem seltsamen Schatze von Frieden und Freude, mit dem er von Oben begnadigt worden war, etwas zur Erleichterung ihres Elends ausgießen müsse. Die Gelegenheit war freilich selten; aber auf dem Wege in die Felder und wieder zurück, und während den Arbeitsstunden bot sich ihm die Gelegenheit dar, den Müden, Verzagten und Kleinmüthigen eine hülfreiche Hand zu reichen. Die armen, ausgemergelten entmenschten Geschöpfe konnten das anfangs kaum begreifen; als es aber wöchentlich und monatlich fortgesetzt wurde, begann es endlich, Saiten, die lange geschwiegen, in ihren erstarrten Herzen anzuschlagen. Allmählig und unmerkbar begann der seltsame, stille, geduldige Mensch, der immer bereit war, Jedermanns Bürde zu tragen, und von Niemanden Hülfe verlangte — der Allen den Platz räumte, und zuletzt kam und zuletzt nahm, jedoch der Erste war, das Wenige, was er hatte, mit Jedem zu theilen, der es bedurfte — der Mensch, welcher in kalten Nächten seine zerrissene Decke willig zur Bequemlichkeit einer Frau hergab, die an Frost oder Krankheit litt; welcher im Felde die Körbe der Schwächern füllte, in der furchtbaren Gefahr, in seinem eigenen Maße zu kurz zu kommen — und welcher, obgleich mit unablässiger Grausamkeit von ihrem gemeinschaftlichen Tyrannen verfolgt, nie mit einem Worte in die Schmähungen und Flüche einstimmte, welche man über jenen ausstieß — dieser Mensch begann zuletzt eine seltene Gewalt über seine Umgebung zu erlangen; und als die drängende Erntezeit vorüber war, und sie den Sonntag wieder zu ihrer eigenen Benutzung frei hatten, sammelten sich Manche um ihn, um von ihm über Jesus zu hören. Sie hätten sich gern irgendwo versammelt, um zu hören, zu beten und zu singen, aber Legree wollte das nicht erlauben und störte solche Versuche öfters mit Fluchen und rohen Verwünschungen, so daß die gesegneten Worte unter den Einzelnen von Munde zu Munde gehen mußten. Wer kann jedoch die einfache Freude schildern, womit einige dieser armen Verstoßenen, für die das Leben eine freudenleere Reise zu einer unbekannten, finstern Zukunft war, von einem mitleidigen Erlöser und einer himmlischen Heimath hörten? Missionäre versichern, daß keine Menschenrace der Erde das Evangelium mit so eifriger Gelehrigkeit empfangen hat, wie die afrikanische. Das Princip des zuversichtlichen Vertrauens und zweifellosen Glaubens, der seine Grundlage bildet, ist bei diesem Stamme mehr, als bei jedem andern natürlich vorhanden; und man hat oft unter ihnen gefunden, daß ein zerstreutes Samenkorn der Wahrheit, von einem Lüftchen des Zufalls in das unwissendste Herz gelegt, Frucht getragen hat, deren Reichthum das mit höherer Bildung begabte beschämt hat.

Die arme Mulattin, deren einfältiger Glaube fast zerdrückt und zerschmettert worden war durch die Lawine von Grausamkeit und Unrecht, welche sie überschüttet hatte, fühlte ihre Seele gehoben von den Gesängen und Stellen der heiligen Schrift, welche dieser demüthige Missionar von Zeit zu Zeit in ihr Ohr hauchte, wenn sie zur Arbeit gingen oder davon zurückkehrten; und selbst der halb zerrüttete und irregehende Geist Cassy's wurde besänftigt und beruhigt durch seinen schlichten und ungesuchten Einfluß.

Zu Wahnsinn und Verzweiflung von den zermalmenden Martern ihres Lebens getrieben, hatte Cassy oft in ihrer Seele eine Stunde der Vergeltung beschlossen, in der ihre Hand an ihrem Unterdrücker alle Ungerechtigkeit und Grausamkeit rächen sollte, zu deren Zeugin er sie gemacht oder welche sie in ihrer eigenen Person geduldet hatte.

In einer Nacht, nachdem Alles in Toms Hütte in Schlaf gesunken war, wurde derselbe plötzlich erweckt, indem er ihr Gesicht an einer Oeffnung zwischen den Balken gewahrte, die als Fenster diente. Sie winkte ihm schweigend, herauszukommen.

Tom trat zur Thür hinaus. Es war zwischen ein und zwei Uhr Morgens — heller, ruhiger, stiller Mondschein. Als das Mondlicht auf Cassy's große, schwarze Augen fiel, gewahrt' er, daß darin ein wilder, eigenthümlicher Glanz leuchtete, ungleich ihrer gewöhnlichen, starren Verzweiflung.

»Komm her, Vater Tom,« sagte sie, indem sie ihre kleine Hand auf sein Handgelenk legte, und ihn mit einer Kraft, als wenn die Hand von Stahl wäre, fortzog; »komm her — ich habe Neuigkeiten für Euch.«

»Was, Misse Cassy?« sagte Tom ängstlich.

»Tom, möchtest Du nicht gern Deine Freiheit haben?«

»Ich werde sie haben, Misse, »zur Zeit Gottes,«« sagte Tom.

»Ja, aber Du kannst sie diese Nacht noch haben,« sagte Cassy mit einem Strahl plötzlichen Feuers. »Komme!«

Tom zögerte.

»Komm'!« sagte sie flüsternd, indem sie ihre schwarzen Augen auf ihn heftete. »Komm mit mir! Er schläft — fest. Ich habe genug in seinen Brandwein gethan, um ihn so zu erhalten. Ich wollte, ich hätte mehr gehabt; dann hätte ich Dich nicht gebraucht. Aber komm, die Hinterthür ist unverschlossen; dort ist eine Axt; ich habe sie dahingelegt — seine Stubenthür ist offen, ich will Dir den Weg zeigen. Ich hätte es selbst gethan; aber meine Arme sind zu schwach. Komm! komm!«

»Nicht für zehntausend Welten, Misse!« sagte Tom fest, indem er still stand und sie zurückhielt, als sie vorwärts drängte.

»Aber denke doch an alle diese armen Geschöpfe,« sagte Cassy. »Wir könnten sie alle in Freiheit setzen und irgendwo in die Sümpfe gehen und eine Insel finden und für uns leben; ich habe gehört, daß es schon geschehen ist. Jedes Leben ist besser als dieß.«

»Nein!« sagte Tom fest. »Nein! Nie entsteht Gutes aus Bösem. Ich wollte mir lieber die rechte Hand abhacken!«

»Dann will ich es thun,« sagte Cassy, indem sie sich umdrehte.

»O, Misse Cassy!« sagte Tom, indem er sich vor sie niederwarf, »um des lieben Herrn willen, der für Euch gestorben ist, verkauft nicht so Eure kostbare Seele dem Teufel. Nichts als Böses kommt davon. Der Herr hat uns nicht zu Zorn berufen. Wir müssen leiden und seine Zeit erwarten.«

»Erwarten!« sagte Cassy. »Habe ich nicht gewartet — gewartet, bis mein Kopf schwindelig und mein Herz krank geworden ist? Was hat er mich dulden lassen? Was hat er Hunderte von armen Geschöpfen leiden lassen? Preßt er nicht das Lebensblut aus Euch? Ich bin berufen! Man ruft mich! Seine Zeit ist gekommen, und ich will sein Herzblut haben!«

»Nein, nein, nein!« sagte Tom, indem er ihre kleinen Hände festhielt, die sie mit krampfhafter Gewalt geballt hatte. »Nein, arme, verlorne Seele, das dürft Ihr nicht. Der liebe Herr vergoß kein anderes Blut, als sein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir seine Feinde waren. Herr, hilf uns in Deine Fußstapfen zu treten und unsere Feinde zu lieben!«

»Lieben!« sagte Cassy mit einem grimmigen Blick, »solche Feinde lieben! Fleisch und Blut kann das nicht.«

»Nein, Fräulein,« sagte Tom, indem er aufsah; »aber Er gibt es uns, und das ist der Sieg. Wenn wir lieben und beten können über Alles und durch Alles, so ist der Kampf vorüber und der Sieg ist da — gepriesen sei Gott!« Und mit strömenden Augen und erstickender Stimme schaute der schwarze Mensch zum Himmel auf.

Und dies, Afrika! — zuletzt berufen unter allen Völkern, berufen zur Dornenkrone, zur Geißel, dem blutigen Schweiße, dem Kreuze des Todeskampfes — dies soll Dein Sieg sein; dadurch sollst Du mit Christus herrschen, wenn sein Königreich kommen wird auf Erden.

Die tiefe Gluth von Tom's Gefühlen, seine sanfte Stimme, seine Thränen fielen wie Thau auf den wilden, unstäten Geist der unglücklichen Frau. Ein sanfter Ausdruck sammelte sich um das düstere Feuer ihres Auges; sie blickte nieder, und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand nachließen, als sie sagte:

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß böse Geister mich verfolgten? O, Vater Tom, ich kann nicht beten. Ich wollte, ich könnte. Ich habe nie gebetet, seitdem meine Kinder verkauft wurden! Was Du sagst, muß wahr sein — ich weiß, es muß; aber wenn ich zu beten versuche, kann ich nur hassen und fluchen. Ich kann nicht beten!«

»Arme Seele!« sagte Tom mitleidig. »Satan möchte Euch gerne haben und wie Waizen sieben. Ich bete für Euch zum Herrn. O, Miß Cassy, wendet Euch zu dem lieben Herrn Jesus. Er ist gekommen, die zerstoßenen Herzens sind, zu heilen und die Trauernden zu trösten.«

Cassy stand still, während große, schwere Thränen aus ihren niedergeschlagenen Augen tropften.

»Misse Cassy,« sagte Tom mit zögernder Stimme, nachdem er sie einen Augenblick stillschweigend mit den Blicken gemessen, »wenn Ihr nur von hier fortkommen könntet, wenn es nur möglich wäre — ich möchte Euch und Emmeline rathen, es zu thun, das heißt, wenn ihr ohne Blutschuld gehen könntet, nicht anders.«

»Wolltest Du es mit uns versuchen, Vater Tom?«

»Nein,« sagte Tom; »es gab eine Zeit, wo ich gewollt hätte; aber der Herr hat mir ein Werk aufgetragen unter diesen armen Seelen, und ich will mit ihnen stehen und mein Kreuz mit ihnen tragen bis zum Ende. Es ist etwas Anderes mit Euch: für Euch ist es eine Falle — es ist mehr, als Ihr tragen könnt; und Ihr solltet lieber gehen, wenn Ihr könnet.«

»Ich kenne keinen Weg, als durch das Grab,« sagte Cassy. »Es giebt kein Thier, keinen Vogel, der nicht irgendwo eine Heimath finden könnte, selbst die Schlangen und die Alligators haben ihre Orte, wo sie sich in Ruhe niederlegen können; aber wir haben keinen Ort. Unten in den dunkelsten Sümpfen werden uns ihre Hunde aufjagen. Alles und Alles ist gegen uns, selbst die Thiere nehmen Partei gegen uns, — und wohin sollen wir uns wenden?«

Tom stand stille; endlich sagte er:

»Er, der Daniel in der Löwengrube errettete — der die Kinder im feurigen Ofen bewahrte — der auf der See wandelte und dem Winde Stille gebot — er lebt noch; und ich habe den Glauben an ihn, daß er Euch befreien kann. Versucht es, und ich will mit aller Kraft für Euch beten.«

Nach welchem Gesetz des Geistes geschieht es, daß eine Idee, die lange unbeachtet gewesen ist, und wie ein unnützer Stein mit Füßen getreten worden ist, plötzlich in neuem Lichte aufflammt, wie ein neu entdeckter Edelstein!

Cassy hatte oft stundenlang alle möglichen und wahrscheinlichen Fluchtpläne überlegt und alle als hoffnungslos und unausführbar bei Seite gelegt; aber in diesem Augenblick flog ein Plan durch ihre Seele, so einfach und leicht ausführbar in allen seinen Einzelnheiten, um augenblickliche neue Hoffnung zu erwecken.

»Vater Tom, ich will es versuchen!« sagte sie plötzlich.

»Amen!« sagte Tom. »Der Herr helfe Euch!«