Neununddreißigstes Kapitel.

Der Kunstgriff.

Der Gottlosen Weg ist dunkel, und sie wissen
nicht, wo sie fallen werden

Der Boden des Hauses, welches Legree bewohnte, war, wie die meisten anderen Böden, ein großer, öder Platz, staubig, mit Spinneweben behangen und mit verbrauchtem Gerölle überstreut. Die reiche Familie, welche das Haus in den Tagen seines Glanzes bewohnte, hatte viel glänzendes Hausgeräth hineingebracht, wovon sie einen Theil mit sich weggenommen hatte, während ein anderer verlassen in modernden, unbewohnten Zimmern stehen geblieben, oder an diesen Ort aufgehäuft worden war. Ein oder zwei sehr große Kisten, in denen dies Geräth gebracht worden war, standen an den Seiten des Bodens. Es befand sich dort ein kleines Fenster, welches durch seine schmutzigen, staubigen Scheiben ein dürftiges, ungewisses Licht auf die hohen Stühle und staubigen Tische fallen ließ, die einst bessere Tage gesehn hatten. Im Ganzen war es ein gespenstiger, unheimlicher Ort; aber so geisterhaft er war, fehlte es ihm doch nicht an Sagen unter den abergläubischen Negern, seine Schrecknisse zu erhöhen. Wenige Jahre vorher, war eine Negerin, welche Legrees Mißvergnügen erregt hatte, mehrere Wochen lang dort eingeschlossen worden. Wir sagen nicht, was dort geschah; die Neger pflegten es sich einander zuzuflüstern; aber es war bekannt, daß der Leichnam des unglücklichen Geschöpfes eines Tages von dort heruntergebracht und beerdigt wurde; und darauf hieß es, daß Verwünschungen und Flüche und der Schall heftiger Schläge, vermischt mit Klagen und Stöhnen der Verzweiflung durch die alte Bodenkammer zu schallen pflegten. Als einst Legree zufällig etwas der Art hörte, gerieth er in heftige Leidenschaft, und schwor, daß der Nächste, welcher Geschichten von dieser Bodenkammer erzähle, Gelegenheit haben solle, zu erfahren, was darin vorgänge, denn er wolle ihn eine Woche lang dort in Ketten legen. Dieser Wink reichte hin, um alles weitere Gespräch darüber zu unterdrücken, obgleich er natürlich den Glauben an die Wahrheit der Geschichte nicht verminderte.

Allmählig wurde die Treppe, welche zu der Oberstube führte, und selbst der Gang zu jener Treppe, von jedermann im Hause gemieden, da jeder davon zu sprechen fürchtete, und die Sage kam allmälig in Vergessenheit. Plötzlich war es Cassy eingefallen, von der abergläubischen Erregbarkeit, welche bei Legree so stark war, zum Zwecke ihrer Befreiung und der ihrer Mitdulder Gebrauch zu machen.

Cassy's Schlafzimmer war gerade unter dem Boden. Eines Tages begann sie plötzlich, ohne Legree dabei zu Rathe zu ziehen, mit bedeutendem Aufsehen alles Geräth und Zubehör ihres Zimmers nach einem andern in beträchtlicher Entfernung davon schaffen zu lassen. Die Unterbedienten, welche Auftrag erhalten hatten, diesen Umzug zu bewerkstelligen, rannten und lärmten umher mit großem Eifer und viel Verwirrung, als Legree gerade von einem Ritte zurückkam.

»Hallo! Cass'!« sagte Legree, »was ist hier im Werke?«

»Nichts; ich bin nur gesonnen, ein anderes Zimmer zu haben,« sagte Cassy mürrisch.

»Und warum denn das?« sagte Legree.

»Weil mir's beliebt,« sagte Cassy.

»Und weßhalb denn, zum Teufel?«

»Ich möchte gern zuweilen ein Bischen Schlaf haben.«

»Schlaf! gut, warum kannst Du denn nicht schlafen?«

»Ich glaube, ich kann es Euch sagen, wenn Ihr es hören wollt,« sagte Cassy trocken.

»Heraus damit, Mensch!« sagte Legree.

»O! Nichts. Es wird Euch vermutlich nicht stören. Nichts als Stöhnen und Balgen und Umherrollen auf dem Boden die halbe Nacht hindurch, von Zwölf bis zum Morgen.«

»Leute auf dem Boden?« sagte Legree mit Unbehagen, sich jedoch zum Lachen zwingend. »Wer ist es, Cassy?«

Cassy schlug ihre scharfen, schwarzen Augen auf und sah Legree mit einem Ausdrucke in's Gesicht, der ihm durch Mark und Bein ging, als sie sagte: »Wahrhaftig, Simon, wer es ist? Ich wollte gern, daß Ihr es mir sagtet. Ihr wißt 's vermuthlich nicht!«

Legree schlug fluchend mit der Reitpeitsche nach ihr, aber sie schlüpfte auf die Seite, eilte zur Thüre hinaus und sagte, indem sie zurückschaute: »Wenn Ihr in jenem Zimmer schlafen wollt, erfahrt Ihr Alles. Vielleicht versucht Ihr 's lieber selbst!« Und dann machte sie sogleich die Thür zu und verschloß dieselbe.

Legree tobte und fluchte, und drohte die Thür einzuschlagen, besann sich aber sichtlich eines Bessern und ging unruhig in sein Wohnzimmer. Cassy bemerkte, daß der Pfeil den rechten Fleck getroffen hatte, und von jener Stunde an hörte sie mit der ausgezeichnetsten Geschicklichkeit nie mehr auf, die Einwirkungen, welche sie begonnen, fortzusetzen.

In einem Astloche auf dem Boden hatte sie einen alten Flaschenhals so angebracht, daß wenn der geringste Wind war, jammervolle und traurige Klagetöne daraus hervorgingen, welche bei einem starken Winde zu völligen Schreien anwuchsen, so daß es leichtgläubigen und in Aberglauben befangenen Ohren leicht scheinen konnte, als wenn sie Schreckens- und Verzweiflungs-Laute hörten.

Jene Töne, welche die Dienerschaft von Zeit zu Zeit hörte, erweckten die Erinnerung an die alte Gespenstergeschichte in voller Kraft. Eine abergläubische Furcht schien das ganze Haus zu beschleichen, und obgleich sie Niemand gegen Legree äußern durfte, fand er sich doch davon wie von einem Dunstkreise umgeben.

Niemand ist so durchaus abergläubisch, als der Gottlose. Der Christ ist gesammelt im Glauben an einen weisen, Alles beherrschenden Vater, dessen Gegenwart die unbekannten Räume mit Licht und Ordnung erfüllt; aber einem Menschen, welcher Gott verläugnet, ist das Geisterland in der That, mit den Worten des hebräischen Dichters zu reden, »ein Land der Dunkelheit und der Schatten des Todes,« ohne jede Ordnung und ohne Licht. Leben und Tod sind für ihn gespenstige Gebiete, angefüllt mit Koboldgestalten und drohenden Schatten.

Bei Legree waren die schlummernden moralischen Elemente durch sein Zusammentreffen mit Tom geweckt worden — geweckt, nur um Widerstand an der entschlossenen Kraft des Bösen zu finden; aber dennoch lag eine Mahnung an die finstere, innere Welt in jedem Worte, jedem Gebete oder Liede, und rief abergläubische Furcht hervor.

Der Einfluß Cassy's auf ihn war eigenthümlicher Art. Sie war sein Eigenthum und er ihr Tyrann und Quäler. Sie war, wie sie wußte, ganz und ohne jede Möglichkeit von Hülfe oder Rettung in seinen Händen, und doch ist es so, daß selbst der roheste Mann nicht in beständigem Verkehr mit einem starken, weiblichen Einflusse leben kann, ohne in hohem Grade davon beherrscht zu werden. Als er sie kaufte, war sie, wie wir sie haben sagen hören, ein wohlerzogenes Frauenzimmer, und er zermalmte sie, ohne Gewissensbisse, unter seinen thierischen Füßen. Als aber die Zeit, erniedrigende Einflüsse und Verzweiflung das weibliche Gefühl in ihr abgestumpft, und die Gluthen wilder Leidenschaften in ihr erwacht waren, war sie seine Geliebte geworden und er quälte und fürchtete sie wechselsweise.

Dieser Einfluß war plagender und entschiedener geworden, seit theilweiser Wahnsinn allen ihren Worten und ihrer ganzen Sprache einen fremden, spukhaften und unstäten Anstrich gegeben hatte.

Ein oder zwei Abende später saß Legree in dem alten Wohnzimmer bei einem flackernden Holzfeuer, das einen ungewissen Schein im Zimmer umher warf. Es war eine stürmische Regennacht, eine solche, die ganze Schaaren unbeschreibbarer Töne und Laute in baufälligen alten Häusern erweckt. Fenster rasselten, Laden schlugen auf und zu, der Wind lärmte, und fuhr den Schornstein herab, und peitschte dann und wann Rauch und Asche umher, als wenn eine Legion Geister hinter ihm käme. Legree hatte ein Paar Stunden lang Rechnungen geprüft und Zeitungen gelesen, während Cassy in der Ecke saß und mürrisch in das Feuer sah. Legree legte die Papiere hin und da er ein altes Buch auf dem Tische liegen sah, welches er Cassy im ersten Theile des Abends hatte lesen sehen, nahm er es auf und begann darin zu blättern. Es war eine jener Sammlungen von Geschichten blutiger Morde, Gespenstern und übernatürlichen Erscheinungen, welche in ihrem rohen Gewande und mit Kupfern verziert, einen eigenthümlichen Reiz für den haben, der sie einmal zu lesen anfängt.

Legree sagte wiederholt: Pah! und Pfui! las aber zu, indem er Blatt auf Blatt umkehrte, bis er endlich, nachdem er eine gute Strecke hineingelesen, das Buch mit einem Fluche wegwarf.

»Du glaubst nicht an Geister, Cassy, nicht wahr?« sagte er, indem er die Zange nahm und das Feuer schürte. »Ich dachte, Du hättest mehr Verstand, als Dich von solchem Lärm in Furcht jagen zu lassen.«

»Es kommt nichts darauf an, was ich glaube,« sagte Cassy mürrisch.

»Auf der See pflegten die Kerle zu versuchen, mir mit ihren Geschichten bange zu machen,« sagte Legree. »Mich übertölpelt Keiner auf die Art. Ich bin zu fest für dergleichen Plunder, das kann ich Dir sagen.«

Cassy saß im Schatten der Ecke und schaute ihn mit durchdringenden Blicken an. Es war jenes seltsame Licht in ihren Augen, das auf Legree immer einen unheimlichen Eindruck machte.

»Der Lärm war nichts als Ratten und Wind,« sagte Legree. »Ratten machen einen Teufelslärm. Ich habe sie zuweilen unten im Schiffsraume gehört; und Wind — um Gottes Willen! man kann Alles aus Wind machen.«

Cassy wußte, daß es Legree unter ihrem Blicke nicht wohl war, und sie antwortete deßhalb nicht, sondern fuhr fort, den Blick auf ihn zu heften mit demselben seltsamen, unheimlichen Ausdruck wie vorher.

»Sprich doch, Weib — nicht wahr?« sagte Legree.

»Können Ratten die Treppe heruntergehen, durch die Halle kommen und die Thür aufmachen, wenn man sie zugeschlossen und einen Stuhl davor gesetzt hat?« sagte Cassy; »und gerade auf das Bett kommen, und ihre Hand ausstrecken, so?«

Cassy heftete ihr blitzendes Auge auf Legree, als sie so sprach, und er starrte sie an, wie ein Mensch unter Alpdrücken, bis er, als sie damit endete, daß sie ihre eiskalte Hand auf die seine legte, mit einem Fluche zurücksprang.

»Weib! Was willst Du? Es war Niemand!«

»O, nein — natürlich — sagte ich, es war Jemand?« sagte Cassy mit einem Lächeln kalten Hohnes.

»Aber — hast Du wirklich gesehen? Komm', Cass', was ist es? Sprich!«

»Ihr könnt selbst da schlafen,« sagte Cassy, »wenn Ihr es wollt.«

»Kam es vom Boden herunter, Cassy?«

»Es — was?« sagte Cassy.

»Nun, wovon Du sprachst.«

»Ich habe Euch Nichts gesagt,« sagte Cassy mit finsterem Tone.

Legree schritt unruhig im Zimmer auf und ab.

»Ich will das heraushaben. Ich will diesen Abend noch untersuchen. Ich nehme meine Pistolen —«

»Das thut,« sagte Cassy; »schlaft in dem Zimmer. Ich wollte, Ihr thätet es. Schießt mit den Pistolen — thut's!«

Legree stampfte mit dem Fuße und fluchte gewaltig.

»Flucht nicht,« sagte Cassy; »Niemand weiß, wer Euch hören kann. Horcht! Was war das?«

»Was?« sagte Legree zurückfahrend.

Eine schwerfällige, alte, holländische Uhr, welche in einem Winkel der Stube stand, hob an und schlug langsam Zwölf.

Aus einem oder dem andern Grunde sprach Legree weder, noch bewegte er sich; ein unbestimmtes Grauen befiel ihn; während Cassy, mit einem scharfen, spöttischen Glanze im Auge, ihn ansah und die Schläge zählte.

»Zwölf Uhr; gut, nun wollen wir sehen,« sagte sie, indem sie sich umdrehte und die Thür nach dem Gange öffnete, wie um zu lauschen.

»Horcht! Was ist das?« sagte sie, indem sie den Finger aufhob.

»Es ist bloß der Wind,« sagte Legree. »Hörst Du nicht, wie verdammt er bläst.«

»Simon, kommt her,« sagte Cassy flüsternd, indem sie ihre Hand auf die Seinige legte und ihn an den Fuß der Treppe führte; »wißt Ihr, was das ist? Horcht!«

Ein wilder Schrei schallte die Treppe herunter. Er kam aus dem Boden. Legree's Beine schlotterten; sein Gesicht wurde weiß vor Furcht.

»Wollt Ihr nicht lieber Eure Pistolen zur Hand nehmen?« sagte Cassy mit einem Hohn, der Legree's Blut erstarren ließ. »Jetzt ist's Zeit, es zu untersuchen. Ich dächte, Ihr ginget jetzt hinauf; jetzt sind sie dran!«

»Ich gehe nicht!« sagte Legree mit einem Fluche.

»Warum nicht? So etwas wie Geister gibt es nicht, wisset Ihr! Vorwärts!« und Cassy schlüpfte die Wendeltreppe hinauf, lachend nach ihm zurückblickend. »Kommt doch!«

»Ich glaube, Du bist der Teufel!« sagte Legree. »Komm zurück, Hexe — komm zurück, Cass'! Du sollst nicht gehen.«

Aber Cassy lachte wild und flog weiter. Er hörte sie die Thür öffnen, welche zum Boden führte. Ein heftiger Windstoß fegte herunter und löschte das Licht aus, welches er in der Hand hielt, und dabei hörte er furchtbares, gräßliches Geschrei, was gerade in sein Ohr hinein zu kreischen schien.

Legree floh außer sich in das Wohnzimmer, wohin ihm in Kurzem Cassy folgte, blaß, ruhig, kalt wie ein Rachegeist und mit demselben furchtbaren Feuer im Auge.

»Ihr seid hoffentlich befriedigt,« sagte sie.

»Hol' Dich der Teufel, Cass'!« sagte Legree.

»Warum?« sagte Cassy. »Ich ging bloß hinauf und schloß die Thür zu. Was denkt Ihr, daß das zu bedeuten hat auf der Bodenkammer, Simon?« sagte sie.

»Das geht Euch nichts an!« sagte Legree.

»Nicht? Nun,« sagte Cassy, »ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht darunter schlafe.«

Cassy, die vorhergesehen hatte, daß sich diesen Abend ein Sturm erheben werde, war oben gewesen und hatte das Bodenfenster geöffnet. Natürlich hatte im Augenblick, als die Thür aufgemacht wurde, der Wind nach unten hin Zug verursacht und das Licht ausgelöscht.

Dies kann als Probe des Spiels dienen, welches Cassy mit Legree trieb, bis er eher seinen Kopf in des Löwen Rachen gesteckt, als die Bodenkammer untersucht hätte.

Inzwischen hatte Cassy bei Nacht, wenn Alles schlief, langsam und sorgfältig daselbst eine Niederlage von Lebensmitteln angelegt, die hinreichend war, um eine Zeit lang Nahrung zu gewähren, und sie brachte einen großen Theil ihrer und Emmelinens Kleidung stückweise dahin. Als Alles angeordnet war, wartete sie nur auf eine passende Gelegenheit, ihren Plan in Ausführung zu bringen.

Indem Cassy Legree schmeichelte und einzelne gutmüthige Momente benutzte, hatte sie denselben bewogen, sie mit sich zur benachbarten Stadt zu nehmen, welche dicht am »Red River« lag. Mit einem zu fast übernatürlicher Helle geschärften Gedächtnisse merkte sie jede Wendung des Weges und berechnete im Geiste die Zeit, welche erforderlich sei, denselben zurückzulegen.

Da jetzt Alles zum Handeln reif ist, so schauen unsere Leser vielleicht gern hinter den Vorhang, um den endlichen coup d'état selbst mit anzusehen.

Es war gegen Abend. Legree war auf ein benachbartes Gut geritten. Mehrere Tage war Cassy ungewöhnlich gnädiger und gefälliger Laune gewesen; und Legree war scheinbar auf dem besten Fuße mit ihr. Jetzt sehen wir sie und Emmeline in dem Zimmer der Letzteren emsig beschäftigt, zwei Bündelchen zu schnüren.

»Da, die werden groß genug sein,« sagte Cassy. »Nun setz Deinen Hut auf und laß uns fort: 's ist gerade die rechte Zeit.«

»Aber, sie können uns noch sehen,« sagte Emmeline.

»Das sollen sie gerade,« sagte Cassy kaltblütig. »Weißt Du nicht, daß sie auf jeden Fall Jagd auf uns machen müssen? Die Sache muß folgendermaßen gehen. Wir stehlen uns aus der Hinterthür und laufen nach den Hütten hinunter. Sambo und Quimbo sehen uns gewiß. Sie machen Jagd und wir machen uns in die Sümpfe; dann können sie uns nicht weiter folgen, bis sie hinaufgehen und Lärm machen, und die Hunde loslassen und so weiter; und während sie umherstolpern und über einander fallen, wie sie es immer machen, schleichen wir den Bach entlang, der hinter dem Hause fließt, und waten darin fort, bis wir an die Hinterthür kommen. Die Hunde verlieren dadurch die Spur, denn das Wasser hält keine Witterung. Alle werden zum Hause hinaus laufen, um nach uns zu sehen, und dann schlüpfen wir zur Hinterthür hinein und hinauf in die Bodenkammer, wo ich ein hübsches Bett in einer von den großen Kisten zurecht gemacht habe. Wir müssen dort eine gute Weile bleiben; denn ich sage Dir, er wird Himmel und Erde nach uns aufbieten. Er wird einige alte Aufseher an den andern Pflanzungen zusammenbringen und eine große Hetze halten; und sie werden jedes Fleckchen in dem Sumpfe durchsuchen. Er setzt seinen Stolz darein, daß ihm nie Einer hat entkommen können. So laß ihn denn nach Belieben jagen.«

»Cassy, wie gut Ihr das angelegt habt!« sagte Emmeline. »Niemand als Ihr hätte das ausgedacht!«

Es lag weder Vergnügen, noch Frohlocken in Cassy's Augen — nur eine verzweifelte Festigkeit.

»Komm',« sagte sie, Emmeline die Hand gebend.

Die beiden Flüchtlinge schlichen geräuschlos aus dem Hause, und eilten durch die zunehmenden Schatten des Abends an den Hütten entlang. Der Mond, der wie eine silberne Sichel am westlichen Himmel stand, verschob ein wenig das Herannahen der Nacht. Wie Cassy erwartet hatte, hörten sie, als sie den Sümpfen ganz nahe waren, welche die Pflanzung einschlossen, eine Stimme ihnen Halt! zurufen. Es war indeß nicht Sambo, sondern Legree, der sie mit heftigen Verwünschungen verfolgte. Bei dem Tone brach der schwächere Geist Emmelinens zusammen: und indem sie sich an Cassy's Arm hielt, sagte sie: »O, Cassy, ich werde ohnmächtig!«

»Geschieht das, so tödte ich Dich!« sagte Cassy, indem sie einen kleinen schimmernden Dolch zog, und vor den Augen des Mädchens blitzen ließ.

Die Drohung entsprach dem Zwecke. Emmeline wurde nicht ohnmächtig, und es gelang ihr, sich mit Cassy in einen Theil des Sumpflabyrinths zu stürzen, welches so tief und dunkel war, daß Legree an ein Verfolgen derselben ohne Hülfe nicht denken konnte.

»Gut,« sagte er, indem er ein viehisches Gelächter aufschlug, »nun sind sie in der Falle — das Pack. Sie sind jetzt sicher genug; sollen mir dafür schwitzen.«

»Holla, da! Sambo! Quimbo! Kommt Alle her!« rief er, die Quartiere erreichend, als die Leute gerade von der Arbeit kamen. »Da sind zwei Ausreißer in den Sümpfen. Ich gebe dem Nigger, der sie fängt, fünf Dollar. Laßt die Hunde los. Laßt Tiger, Furie und alle andern los!«

Diese Nachricht brachte sogleich große Aufregung hervor. Viele sprangen eifrig herbei, um ihre Dienste anzubieten, entweder in der Hoffnung einer Belohnung oder aus jener kriechenden Bereitwilligkeit, welche eine der kläglichsten Wirkungen der Sklaverei ist. Einige rannten dahin, Andere dorthin. Einige suchten nach Kienfackeln; Andere ließen die Hunde los, deren heiseres, wildes Gebell nicht wenig zur Belebung der Scene beitrug.

»Herr, sollen wir auf sie schießen, wenn wir sie nicht fangen können?« sagte Sambo, dem sein Herr eine Büchse gebracht hatte.

»Du kannst auf Cassy feuern, wenn Du willst; es ist Zeit, daß sie zum Teufel geht, wohin sie gehört; aber nicht auf die Dirne,« sagte Legree. »Und nun, Jungen, seid hurtig und flink. Fünf Dollar für den, der sie fängt, und ein Glas Brandwein Jedem von Euch!«

Die ganze Bande begab sich nun, unter leuchtendem Fackelschein, mit Geschrei und Gebrüll, und wildem Getöse von Menschen und Thieren, hinab zum Sumpfe, während in einiger Entfernung alle übrigen Sklaven folgten. Das ganze Haus war folglich verlassen, als Cassy und Emmeline auf dem hintern Wege wieder hineinschlüpften. Das Schreien und Rufen ihrer Verfolger erfüllte noch die Luft: und Cassy und Emmeline konnten von den Fenstern des Wohnzimmers aus den Trupp sehen, wie er sich mit den Fackeln am Sumpfe vertheilte.

»Sieh da!« sagte Emmeline, indem sie Cassy drauf aufmerksam machte: »die Jagd hat angefangen! Sieh, wie diese Lichter umhertanzen! Horch! die Hunde! Hörst Du nicht? Wären wir dort, so wäre unser Spiel keinen Picayune werth. O, um Gottes Willen, wir wollen uns verstecken. Schnell!«

»Es hat keine Eile,« sagte Cassy kalt, »Alles ist auf der Jagd — das ist das Abendvergnügen! Wir gehen bald hinauf. Indessen,« sagte sie, indem sie bedächtig einen Schlüssel aus der Tasche eines Rockes nahm, den Legree in der Eile abgeworfen hatte, »inzwischen will ich etwas nehmen, um die Reisekosten zu decken.«

Sie schloß das Pult auf und nahm eine Rolle Anweisungen heraus, welche sie schnell überzählte.

»O, laßt uns das nicht thun!« sagte Emmeline.

»Nicht?« sagte Cassy, »warum nicht? Sollen wir in den Sümpfen verhungern, oder das nehmen, was unsere Reise in die freien Staaten bezahlen wird. Mit Geld richtet man Alles aus, Mädchen.« Und indem sie dies sagte, steckte sie das Geld in den Busen.

»Das ist Stehlen,« flüsterte Emmeline ängstlich.

»Stehlen!« sagte Cassy mit verächtlichem Gelächter. »Wer Leib und Seele stiehlt, braucht uns keine guten Lehren zu geben. Jede dieser Anweisungen ist gestohlen — gestohlen von armen, verhungerten, elenden Geschöpfen, die zuletzt zu seinem Besten zum Teufel gehen müssen. Laß ihn vom Stehlen sprechen! Aber komm', wir können nun ebenso gut auf die Bodenkammer gehen; ich habe da einen Vorrath von Lichtern und einige Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben. Du kannst ganz ruhig sein, daß sie dahin nicht kommen, um uns zu suchen; und wenn sie's thun, so will ich ihnen den Geist spielen.«

Als Emmeline die Bodenkammer erreichte, fand sie daselbst eine ungeheure Kiste, in der früher irgend ein schweres Möbelstück hierher gebracht worden war, auf die Seite gelegt, so daß die Oeffnung gegen die Wand oder vielmehr das Dach gekehrt war. Cassy steckte eine kleine Lampe an, und beide krochen unter dem Dache herum und ließen sich in der Kiste nieder. Es befanden sich darin ein Paar kleine Matratzen und einige Kissen, und ein in der Nähe stehender Kasten enthielt einen reichlichen Vorrath von Lichtern, Lebensmitteln und allen zu ihrer Reise nöthigen Kleidungsstücken, welche Cassy in Bündelchen von erstaunlich kleinem Umfange gepackt hatte.

»Da,« sagte Cassy, als sie die Lampe an einen kleinen Haken hing, welchen sie zu dem Zwecke in die Seite der Kiste getrieben hatte; »dies soll für jetzt unsere Heimath sein. Wie gefällt sie Dir?«

»Seid Ihr gewiß, daß sie nicht kommen und die Dachstube durchsuchen?«

»Ich möchte Simon Legree das thun sehen,« sagte Cassy. »Nein, wahrhaftig; er ist zu froh, daß er wegbleiben kann. Was die Dienstboten anbetrifft, so würde Jeder von ihnen sich lieber todt schießen lassen, als sich hier zeigen.«

Etwas beruhigt ließ sich Emmeline auf ihre Kissen nieder.

»Was wolltet Ihr damit sagen, Cassy, daß Ihr mich umzubringen drohtet?« sagte sie arglos.

»Ich wollte Dich verhindern, ohnmächtig zu werden,« sagte Cassy, »und es gelang mir. Und jetzt sage ich Dir, Emmeline, Du mußt Dich entschließen, nicht ohnmächtig zu werden, komme, was da wolle; das ist ganz und gar nicht nöthig. Wenn ich Dich nicht davon abgehalten hätte, so wärst Du jetzt schon in den Händen jenes Elenden.«

Emmeline schauderte.

Beide schwiegen. Cassy beschäftigte sich mit einem französischen Buche, und Emmeline, von Erschöpfung übermannt, schlummerte ein und schlief einige Zeit. Plötzlich wurde durch sie lautes Schreien und Rufen, durch Getrampel von Pferden und Bellen von Hunden erweckt, und fuhr mit einem leisen Schrei empor.

»Die Jagdpartie kommt nun zurück,« sagte Cassy kalt; »fürchte nichts. Schau' durch dieses Astloch. Kannst Du sie nicht Alle unten sehen? Simon muß es für diesen Abend aufgeben. Sieh', wie schmutzig sein Pferd ist, wie mißmuthig die Hunde aussehen. Ach, mein guter Herr, Ihr müßt die Hetze wieder und wieder versuchen — das Wild ist nicht da.«

»O, sprecht nicht!« sagte Emmeline; »wie, wenn man Euch hörte?«

»Wenn sie irgend etwas hören sollten, so würden sie sich nur um so mehr vorsehen, von hier weg zu bleiben,« sagte Cassy. »Keine Gefahr; wir können so viel Lärm machen, als wir wollen, und es wird nur um so mehr Wirkung haben.«

Endlich legte sich die Stille der Mitternacht über das Haus, und Legree, sein Unglück verfluchend, und schreckliche Rache für den folgenden Tag gelobend, ging zu Bette.