Georg Shelby hatte nur eine Zeile an seine Mutter geschrieben, um ihr den Tag seiner Ankunft anzuzeigen. Von der Sterbescene seines alten Freundes sagte er kein Wort, — er hatte nicht den Muth dazu. Mehrmals hatte er versucht, aber nichts erreicht, als daß ihm vor Wehmuth der Athem stockte, und endete jedesmal damit, daß er das Papier zerriß, sich die Augen trocknete, und vom Sitze aufsprang, um wieder ruhig zu werden.
An jenem Tage fand, in Erwartung der Ankunft des jungen Master Georg, im ganzen Shelby'schen Hause eine muntere Bewegung Statt. Mrs. Shelby saß in ihrem bequem eingerichteten Wohnzimmer, wo ein gemüthliches Feuer die Kühle des Herbstabends verjagte, und in der Mitte ein Abendtisch mit Tellern und geschliffenen Gläsern gedeckt stand, dessen Anordnung unsere alte Freundin Chloe besorgte. Angethan mit einem neuen Kattunkleide, einer reinen, weißen Schürze und einem hohen, wohl gestärkten Turbane, glänzte ihr schwarz polirtes Gesicht von innerer Zufriedenheit, während sie mit unnöthiger Genauigkeit in ihren Geschäften am Tische fortfuhr, und sich derselben als Vorwand bediente, um mit ihrer Mistreß ein wenig plaudern zu können.
»Sehen Sie, nun! wird's ihm nicht ganz natürlich scheinen?« sagte sie. »Hier, da, — ich setze seinen Teller hin, wo er am liebsten sitzt, — hier beim Feuer. Master Georg hat gern 'nen warmen Sitz. O, gehn Sie mir doch! — warum hat Sally denn nicht die beste Theekanne genommen, — die kleine neue, die Master Georg zu Weihnachten für Missis gekauft hat? — Will sie holen! — Und Missis hat von Master Georg einen Brief bekommen?« fügte sie fragend hinzu.
»Ja, Chloe, aber nur eine Zeile, die weiter nichts enthielt, als daß er heut Abend hier eintreffen werde, wenn es ihm möglich sei.«
»Hat wohl nichts gesagt von meinem alten Mann?« fuhr Chloe fort, sich noch immer mit den Theetassen beschäftigend.
»Nein, er hat gar nichts von ihm erwähnt, Chloe. Er sagte nur, er würde Alles erzählen, wenn er hier wäre.«
»Ganz wie Master Georg; — er muß immer Alles selbst erzählen. Habe das immer an Master Georg bemerkt. Weiß gar nicht, ich, wie die weißen Leute so viel schreiben können, als sie gewöhnlich thun; — schreiben ist so 'ne langsame, mühselige Arbeit.«
Mrs. Shelby lächelte.
»Denke, mein alter Mann wird die Jungens und 's Kleine gar nicht mehr kennen. Herr! sie ist nun ein großes Mädchen, jetzt — und gut ist sie auch, und munter, Polly. Sie ist jetzt im Hause, und paßt auf die Kuchen auf. Habe grade den rechten Teig gemacht, wie ihn mein alter Mann so gern ißt; grade so wie damals, an dem Morgen, wo er fortgebracht wurde. Gott sei mir gnädig! wie mir damals zu Muthe war!«
Mrs. Shelby seufzte, und fühlte bei diesen Worten eine schwere Last auf ihr Herz fallen. Sie hatte vom ersten Augenblicke, wo sie ihres Sohnes Brief erhalten, eine ängstliche Unruhe darüber empfunden, daß hinter diesem Schleier des Schweigens noch Etwas verborgen sein möchte.
»Missis hat doch die Banknoten?« fragte Chloe besorgt.
»Ja, Chloe.«
»Weil ich meinem alten Manne gerne dieselben Noten zeigen möchte, die mir der Kuchenbäcker gegeben hat. Und dann sagte er: ›Chloe, ich wollte, Du bliebst länger hier.‹ ›Dank' Ihnen, Master,‹ sagt' ich, ›ich thät's gern, aber mein alter Mann kommt nach Hause, und Missis — sie kann mich nicht länger entbehren.‹ Das hab' ich ihm gesagt. War ein sehr guter Mann, dieser Master Jones.«
Chloe hatte hartnäckig darauf bestanden, daß dieselben Noten, in denen ihr Lohn ausgezahlt worden war, aufbewahrt werden sollten, um sie ihrem Manne als Beweis ihrer Geschicklichkeit zu zeigen; und Mrs. Shelby hatte gern eingewilligt.
»Er wird Polly gar nicht mehr kennen, — mein alter Mann. Herr! 's ist nun just fünf Jahre, daß sie ihn weg holten! Damals war sie noch ganz klein, — konnte kaum stehen. Weiß noch, wie ängstlich er immer war, wenn sie laufen wollte und immer hin fiel.«
Jetzt wurde das Rasseln von Rädern hörbar.
»Master Georg!« sagte Tante Chloe, an's Fenster eilend.
Mrs. Shelby lief nach der Thür, und befand sich gleich darauf in den Armen ihres Sohnes. Tante Chloe stand ängstlich dabei und suchte mit ihren Augen in der Dunkelheit.
»Meine arme Tante Chloe!« sagte Georg, mitleidig vor ihr stehen bleibend und ihre harte, schwarze Hand in die seinige nehmend: »ich hätte mein ganzes Vermögen darum gegeben, wenn ich ihn hätte mitbringen können; aber er ist in ein besseres Land gegangen.«
Mrs. Shelby stieß einen Schrei aus, aber Tante Chloe sagte nichts.
Alle traten hierauf in das Wohnzimmer, wo das Geld noch auf dem Tische lag, auf welches Chloe so stolz gewesen war.
»Da,« sagte sie, es zusammenraffend und mit zitternder Hand ihrer Mistreß hinhaltend, — »will nichts weiter davon sehen und hören. Grade so, wie ich mir dachte, daß es kommen würde, — verkauft und umgebracht auf den alten Plantagen!«
Chloe wandte sich um und schritt stolz zum Zimmer hinaus. Mrs. Shelby ging ihr nach, nahm sie sanft bei der Hand und zog sie auf einen Stuhl nieder, und setzte sich zu ihr.
»Meine arme, gute Chloe!« sagte sie.
Chloe lehnte ihren Kopf an die Schulter ihrer Mistreß, und schluchzte laut: »O Missis, verzeihen Sie mir, — mein Herz bricht.«
»Ich weiß es,« entgegnete Mrs. Shelby, »und ich kann es nicht heilen, aber Jesus kann es. ›Er heilet, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Schmerzen.‹«
Eine Zeit lang herrschte tiefes Schweigen, und Alle weinten. Endlich setzte sich Georg neben die Trauernde, ergriff ihre Hand, und schilderte mit einfachen, aber gefühlvollen Worten ihres Mannes triumphirende Sterbescene und seine letzten Aufträge der Liebe.
Etwa einen Monat später wurden eines Morgens alle Sklaven der Shelby'schen Besitzung in die große Halle des Hauses zusammenberufen, um einige Worte von ihrem jungen Herrn zu hören.
Zum Erstaunen Aller erschien er mit einem großen Bündel Papiere in der Hand, welche die Freilassungsscheine jedes Einzelnen enthielten, die er nach der Reihe vorlas, und sodann unter Thränen und Schluchzen aller Anwesenden aushändigte. Viele drängten sich um ihn und baten ihn flehend, mit ängstlichen Gesichtern, und indem sie ihre Freilassungsscheine zurückreichten, sie nicht fortzuschicken.
»Wir wollen nicht freier sein, als wir sind. Wir haben immer Alles gehabt, was wir brauchten. Wir wollen den alten Platz nicht verlassen, und Master und Missis und alles Uebrige.«
»Meine guten Freunde,« sagte Georg, sobald er sie zum Schweigen bringen konnte, »es ist durchaus nicht erforderlich, daß Ihr mich verlasset. Meine Besitzung braucht jetzt noch eben so viele Arbeiter, wie früher, und eben so mein Haus. Aber Ihr seid jetzt freie Männer und freie Weiber. Ich werde Euch Löhne für Eure Arbeit bezahlen, je nachdem wir übereinkommen. Der Vortheil für Euch besteht darin, daß, im Falle ich in Schulden gerathen, oder sterben sollte, Ihr nicht genommen und verkauft werden könnt. Ich beabsichtige, die Bewirthschaftung meiner Besitzung fortzusetzen, und Euch zu lehren, was Euch vielleicht einige Zeit zu lernen kosten wird, — nämlich, auf welche Weise Ihr von den Rechten Gebrauch zu machen habt, die ich Euch als freien Menschen gebe. Ich erwarte, daß Ihr gut sein und willig lernen werdet, und hoffe zu Gott, daß ich gegen Euch treu und willig zu lehren sein werde. Und nun, meine Freunde, blicket empor und danket Gott für den Segen der Freiheit!«
Ein alter Neger-Patriarch, der auf der Besitzung grau und blind geworden war, stand jetzt auf, hob seine zitternden Hände empor, und sagte: »Laßt uns dem Herrn danken!«
Als Alle niedergekniet waren, stieg aus der Tiefe dieses alten, ehrlichen Herzens ein Te Deum zum Himmel, wie es selbst beim Klange der Orgel, der Glocken und Kanonen nie feierlicher gehört werden konnte.
Als Alle sich erhoben hatten, stimmte ein Anderer eine methodistische Hymne an, deren Schlußvers war:
»Das Jubeljahr ist jetzt gekommen,
Kehrt Ihr, befreite Sünder, heim.«
»Noch Eins,« sagte Georg, indem er die Gratulationen der Menge unterbrach. — »Ihr alle erinnert Euch unseres guten, alten Onkel Tom?«
Hierauf gab Georg eine kurze Schilderung seiner Sterbescene, und erwähnte des liebevollen Abschieds, den er ihm an Alle aufgetragen hatte, und fügte hinzu:
»An seinem Grabe, meine Freunde, gelobte ich vor Gott, nie wieder einen Sklaven zu besitzen, wenn es in meiner Macht stehe, ihn in Freiheit zu setzen, um nie Jemanden durch mich der Gefahr auszusetzen, von seiner Heimath und seinen Freunden losgerissen zu werden und auf einer einsamen Plantage sterben zu müssen, wie er starb. So oft Ihr Euch also Eurer Freiheit freut, so denkt daran, daß Ihr sie jener alten, guten Seele verdankt, und zeigt Euch durch Liebe gegen seine Frau und Kinder dafür erkenntlich. Gedenkt Eurer Freiheit, so oft Ihr Onkel Tom's Hütte seht, und laßt sie Euch daran erinnern, seinen Fußtapfen zu folgen, und so redlich, so treu, so christlich zu sein, wie er war.«