Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Henrique.

Um diese Zeit brachte St. Clare's Bruder, Alfred, mit seinem ältesten Sohne, einem Knaben von etwa zwölf Jahren, ein paar Tage bei der Familie am See zu.

Es konnte keinen seltsameren und zugleich schöneren Anblick geben, als diese beiden Zwillingsbrüder. Die Natur hatte, statt zwischen ihnen Aehnlichkeiten zu schaffen, sie zu Gegenstücken in fast jeder Beziehung gemacht; und dennoch vereinigte sie auf geheimnißvolle Weise das Band einer mehr als gewöhnlichen brüderlichen Zuneigung.

Sie pflegten Arm in Arm die Alleen und Gänge des Gartens zu durchschlendern. Augustin, mit seinen blauen Augen, blondem Haar, seiner ätherisch biegsamen Figur und seinen lebhaften Zügen; und Alfred, mit dunklen Augen, stolzem römischen Profile, gedrungenem Baue, und fester Haltung. Sie schalten fortwährend gegenseitig auf ihre so verschiedenartigen Ansichten und Gewohnheiten, und waren dennoch unzertrennlich in ihrer Gesellschaft; kurz, grade ihre Verschiedenheit schien sie an einander zu fesseln, wie Attraktion zwischen verschiedenen Polen des Magnets.

Henrique, der älteste Sohn Alfred's, war ein dunkeläugiger Knabe von edlem Aeußern, und voll von Geist und Lebhaftigkeit; und schien vom ersten Augenblicke seiner Einführung an von den ätherischen Reizen seiner Cousine Evangeline vollständig bezaubert worden zu sein.

Eva besaß ein kleines, schneeweißes Ponypferd. Es war sanft wie eine Wiege, und so ruhig wie seine kleine Herrin. Dieses Pferdchen wurde jetzt durch Tom vor die Veranda geführt, während ein kleiner Mulattenknabe von ungefähr dreizehn Jahren ein kleines, schwarzes, arabisches Pferd heranführte, welches erst kürzlich mit bedeutenden Unkosten für Henrique importirt worden war.

Henrique empfand einen knabenhaften Stolz auf sein neues Besitzthum; und als er sich deßhalb näherte, und die Zügel aus der Hand seines kleinen Reitknechts empfing, blickte er aufmerksam über das Pferd, und seine Stirne wurde finster.

»Was ist das, Dodo, Du fauler, kleiner Hund! Du hast mein Pferd diesen Morgen nicht geputzt.«

»O ja, Master,« sagte Dodo unterwürfig, »den Staub da hat es sich selbst eben angeworfen.«

»Halt Deinen Mund, Du Schlingel!« rief Henrique heftig, seine Reitpeitsche aufhebend. »Wie kannst Du Dich erkühnen, zu reden?«

Der Knabe, ein hübsches, helläugiges Mulattenkind, von Henrique's Größe, mit dunklem Lockenhaar um eine hohe, kühne Stirne, hatte weißes Blut in seinen Adern, wie man deutlich aus der plötzlichen Röthe, die seine Wangen überzog, und dem Funkeln seines Auges erkennen konnte, während er zu sprechen versuchte.

»Master Henrique! —« begann er.

Henrique schlug ihm mit der Reitpeitsche über das Gesicht, faßte einen seiner Arme, und drückte ihn nieder auf die Kniee, und peitschte ihn dann so lange, bis er außer Athem war.

»Da, Du unverschämter Hund! Willst Du lernen, mir nicht zu widersprechen, wenn ich mit Dir rede? Führe das Pferd zurück, und putze es erst ordentlich. Ich werde Dich lehren, was Du zu thun hast!«

»Junger Master!« sagte Tom, »ich denke, was er sagen wollte, war, daß das Pferd sich wälzte, als er es herbrachte vom Stalle, — es ist so muthig; — davon ist es so schmutzig geworden; das Putzen habe ich mit angesehen.«

»Halte Deinen Mund, bis Du gefragt wirst!« sagte Henrique, während er sich auf dem Absatz umwandte, und die Stufen zu Eva hinaufstieg, welche in ihrem Reitkleide in der Veranda stand.

»Liebe Cousine, es thut mir leid, daß dieser dumme Bursche Dich hier so lange aufhält,« sagte er. »Komm, laß uns hier niedersitzen und warten, bis er die Pferde bringt. Aber was ist Dir denn, Cousine? — Du siehst ja so verstimmt aus.«

»Wie konntest Du so grausam und so schlecht gegen den armen Dodo handeln?« sagte Eva.

»Grausam, — schlecht?« sagte der Knabe mit ungekünsteltem Erstaunen. »Was meinst Du, liebe Eva?«

»Ich will nicht, daß Du mich liebe Eva nennest, wenn Du so handelst,« entgegnete Eva.

»Liebe Cousine, Du kennst den Dodo nicht; es ist dies der einzige Weg, um mit ihm fertig zu werden; er ist so voll von Lügen und Entschuldigungen. Man muß ihn gleich ganz zum Schweigen bringen, — ihn gar nicht den Mund öffnen lassen; so macht es Papa.«

»Aber Onkel Tom sagte, es war ein Zufall, und er sagt niemals eine Unwahrheit.«

»Dann ist er ein ganz ungewöhnlicher alter Neger!« sagte Henrique. »Dodo lügt so schnell, wie er nur sprechen kann.«

»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn Du ihn so behandelst,« sagte Eva.

»In der That, Eva, Du hast eine solche Vorliebe für Dodo gefaßt, daß ich anfange, eifersüchtig zu werden.«

»Aber Du schlugst ihn, — und er hatte es nicht verdient.«

»Gut, so mag es für ein andres Mal gelten, wenn er's verdient, und nicht bekömmt. Ein paar Hiebe thun Dodo nie Schaden, — er ist ein arger Bursche, ich versichere Dich; aber ich will ihn nie wieder in Deiner Gegenwart züchtigen, wenn es Dir unangenehm ist.«

Eva war nicht zufriedengestellt, aber sah, daß es vergeblich sei, ihre Gefühle auszudrücken, da der hübsche Cousin sie nicht verstand.

»Wohl, Dodo, dieses Mal hast Du es besser gemacht,« sagte der junge Master mit gnädigerer Miene als vorher. »Komm nun, und halte Miß Eva's Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«

Dodo kam, und stand bei Eva's Pony. Sein Gesicht war traurig, und seine Augen verriethen, daß er geweint hatte.

Henrique, der sich etwas auf seine Gewandtheit in Allem, was Galanterie betraf, zu gut that, hatte seine hübsche Cousine sehr bald im Sattel sitzen, und nahm sodann die Zügel zusammen, um sie in ihre Hand zu legen. Allein Eva wendete sich nach der andern Seite zu, wo Dodo stand, und sagte, als dieser die Zügel fahren ließ: »So ist's recht, Dodo, — bist ein guter Junge, ich danke Dir!«

Dodo blickte erstaunt in das sanfte, jugendliche Gesicht, das Blut schoß ihm in die Wangen, und Thränen traten in seine Augen.

»Hier, Dodo,« rief sein junger Herr befehlend.

Dodo sprang zu ihm und hielt das Pferd, während Letzterer aufstieg.

»Da ist eine Picayune für Dich, Dodo,« sagte Henrique, »magst Dir Zuckerwerk dafür kaufen.«

Henrique galloppirte die Allee hinab, hinter Eva her, und Dodo blieb stehen, und blickte beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld gegeben, und das andere, was ihm mehr Noth that, — ein freundliches Wort. Dodo war nur erst wenige Monate von seiner Mutter entfernt. Sein Herr hatte ihn auf einem Sklavenmarkte seines hübschen Gesichtes wegen gekauft, um zu dem hübschen arabischen Pferde zu passen, und er empfing jetzt von den Händen seines jungen Masters die Dressur.

Die Prügelscene war von den beiden Brüdern St. Clare von einem andern Theile des Gartens aus mit angesehen worden. Augustins Wange glühte vor Unwillen, aber er bemerkte nur mit der ihm eigenthümlichen sarkastischen Nachlässigkeit:

»Ist das vielleicht, was man republikanische Erziehung zu nennen pflegt, Alfred?«

»Henrique ist ein Teufel von einem Jungen, wenn er hitzig ist,« sagte Alfred nachlässig.

»Ich vermuthe, Du hältst dies für eine nützliche Uebung für ihn,« bemerkte Augustin trocken.

»Ich würde es nicht verhindern können, wenn ich's auch nicht thäte. Henrique ist ein wahrer, kleiner Sturmwind; — seine Mutter und ich, wir haben ihn längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein hartnäckiger Bursche, — kein Peitschen kann ihm Schaden thun.«

»Und bringt Henrique zugleich den ersten Vers seines republikanischen Katechismus bei: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«

»Puh!« sagte Alfred, »das ist eins von Tom Jefferson's Stückchen von französischem Sentimentalismus und Unsinn. Es ist förmlich lächerlich, daß eine solche Idee noch jetzt unter uns herumspuckt.«

»Ich glaube es auch,« sagte St. Clare bedeutungsvoll.

»Denn,« fuhr Alfred fort, »wir können deutlich genug sehen, daß nicht alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind sehr verschieden geboren. Was mich betrifft, so halte ich alles dieses republikanische Geschwätz für nichts als Unsinn. Es sind die Gebildeten, die Reichen, welche gleiche Rechte haben sollten, aber nicht die canaille

»Wenn Du die canaille von dieser Ansicht überzeugen kannst,« sagte Augustin. »In Frankreich sind sie einmal auch an der Reihe gewesen.«

»Natürlich müssen sie unter Druck gehalten werden, fest und consequent, so, wie ich es thun würde,« sagte Alfred, seinen Fuß fest niedersetzend, als wenn er auf Jemand stände.

»Es verursacht einen fürchterlichen Fall, wenn sie aufstehen,« bemerkte Augustin, — »zum Beispiel in St. Domingo.«

»Puh!« entgegnete Alfred, »dafür wollen wir hier schon sorgen. Wir müssen uns durchaus allen diesen Geschwätzen von Erziehung und Bildung entgegen stemmen, die jetzt überall gehört werden. Die untere Klasse muß keine Erziehung und Bildung haben.«

»Dafür möchte alles Beten nichts mehr helfen,« sagte Augustin; »eine Erziehung werden sie erhalten, und wir haben nur zu sagen, welche. Unser System ist, sie in Rohheit und Unmenschlichkeit zu erziehen. Wir zerreißen alle menschlichen Bande, und machen sie zu nichts als rohen, thierischen Geschöpfen; und als solche werden sie sich zeigen, wenn sie je die Oberhand gewinnen sollten.«

»Sie werden nie die Oberhand gewinnen!« sagte Alfred.

»Das ist recht,« entgegnete St. Clare; »laß den Dampf los, schließe das Sicherheitsventil, setze Dich dabei, und sieh zu, wo Du landen wirst.«

»Gut,« sagte Alfred, »wir wollen sehen. Ich fürchte mich nicht, am Sicherheitsventile zu sitzen, so lange die Dampfkessel stark sind, und die Maschine in Ordnung ist.«

»Der Adel in Louis XVI. Zeit dachte auch so, und Oestreich und Pius IX. denken noch so; und eines schönen Morgens könnt Ihr Euch alle vielleicht in der Luft begegnen, wenn die Dampfkessel gesprungen sind

»Dies declarabit,« sagte Alfred lachend.

»Ich sage Dir,« fuhr Augustin fort, »wenn in unserer jetzigen Zeit irgend Etwas mit der Kraft eines göttlichen Gesetzes offenbart worden ist, so ist es das, daß die Massen aufstehen, und die unteren Klassen an die Stelle der oberen gestellt werden.«

»Das ist etwas von Deinem rothrepublikanischen Unsinn, Augustin! Warum bist Du denn nicht Volksredner geworden? — Du eignest Dich ganz vortrefflich dazu! — Nun, ich hoffe nur, daß ich todt bin, ehe dieses tausendjährige Reich Deiner schmutzigen Massen kommt.«

»Schmutzig oder nicht schmutzig, — sie werden Dich beherrschen, wenn ihre Zeit kommt,« sagte Augustin, »und sie werden grade solche Herrscher sein, als wozu Ihr sie macht. Der französische Adel wollte das Volk als ›sans culottes‹ haben, und er bekam ›sans culottes‹-Herrscher in vollem Maaße. Das Volk in Hayti —«

»O, laß das, Augustin! — als wenn wir nicht genug von den abscheulichen, verächtlichen Haytiern gehört hätten! Sie waren keine Angelsachsen; wenn sie die gewesen wären, so würde die Sache eine andre Wendung genommen haben. Das Geschlecht der Angelsachsen ist das herrschende auf der Erde, und verdient es zu sein.«

»Nun, ich glaube, es ist jetzt eine gute Quantität angelsächsisches Blut unter unseren Sklaven,« sagte Augustin. »Es giebt Viele unter ihnen, die von dem afrikanischen grade nur so viel haben, um unserer berechnenden Ruhe und Sicherheit etwas tropische Wärme zu verleihen. Wenn jemals die St. Domingo-Stunde hier schlagen sollte, so wird das angelsächsische Blut der Führer des Tages sein. Söhne weißer Väter, mit allem unserem Stolze in ihren Adern, werden nicht immer gekauft und verkauft werden, und Gegenstand des Handels sein. Sie werden sich erheben, und das Geschlecht ihrer Mütter zugleich mit.«

»Unsinn!« rief Alfred.

»Gut,« sagte Augustin, »es gibt ein altes Sprichwort, des Inhalts: ›So wie es zur Zeit Noah's war, so wird es wieder sein; — sie aßen, sie tranken, sie pflanzten, sie bauten, und wußten es nicht, bis die Fluth kam und sie verschlang.‹«

»Im Ganzen genommen, Augustin, dächte ich, hättest Du hinreichendes Talent für einen Kunstreiter,« sagte Alfred lachend. »Sei Du nur nicht für uns besorgt; Besitz ist unsere Festung. Wir haben die Macht; und dieses verworfene Geschlecht,« sagte er, mit dem Fuße stampfend, »ist unten, und soll unten bleiben! Wir besitzen Energie genug, um unser eignes Pulver richtig anzuwenden.«

»Söhne, die wie Dein Henrique erzogen sind, werden vortreffliche Aufseher unserer Pulvermagazine abgeben,« sagte Augustin, — »so ruhig und überlegend! Das Sprichwort sagt: ›Wer sich nicht selbst beherrschen kann, ist nicht im Stande, Andere zu beherrschen.‹«

»Es ist da allerdings ein Uebelstand,« sagte Alfred gedankenvoll; »es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unser System nicht sonderlich dazu geeignet ist, Kinder zu erziehen. Es läßt den Leidenschaften zu großen Spielraum, welche in unserem Klima ohnedies schon heiß genug sind. Henrique verursacht mir viel Unruhe. Der Knabe ist edelmüthig, und hat ein warmes Herz, aber ist eine wahre Rakete, sobald er sich in Aufregung befindet. Ich glaube, ich werde ihn nach Norden senden müssen, wo Gehorsam mehr an der Tagesordnung ist, und wo seine Gesellschafter mehr seines Gleichen, und weniger seine Untergebenen sind.«

»Da Kindererziehung ein für das menschliche Geschlecht so wichtiger Gegenstand ist,« sagte Augustin, »so sollte ich denken, daß es einige Betrachtung verdiente, weshalb unser System nicht gut ist.«

»Es ist in manchen Beziehungen mangelhaft,« sagte Alfred, »während es in andern die besten Erfolge hat. Es macht Knaben männlich und muthig, und die Laster eines verworfenen Geschlechtes wirken dahin, in ihnen die denselben entgegengesetzten Tugenden zu stärken und zu befestigen. Ich glaube zum Beispiel, daß Henrique um so mehr Gefühl für die Schönheit der Wahrheit hat, als er Lug und Trug stets als Kennzeichen der Sklaverei gesehen hat.«

»Das ist eine ächt christliche Anschauung der Sache, ohne Zweifel!« sagte Augustin.

»Sie ist wahr, ob christlich oder nicht,« sagte Alfred, »und doch vielleicht eben so christlich, wie viele andre Dinge in der Welt.«

»Das mag sein,« entgegnete St. Clare.

»Unser Gespräch führt zu nichts, Augustin. Ich glaube, wir haben diesen Kreislauf bereits fünfhundertmal gemacht. Was meinst Du zu einer Partie Puff?«

Die beiden Brüder sprangen die Stufen der Veranda hinauf, und saßen bald vor einem leichten Tische von Bambus, mit dem Puffbrette zwischen ihnen.

»Ich sage Dir, Augustin, wenn ich so dächte, wie Du, so würde ich wenigstens Etwas thun.«

»Wahrscheinlich, — denn Du gehörst zu der thätigen Klasse von Menschen, — aber was denn?«

»Ich würde meine eigenen Sklaven zum Muster für Andere erziehen,« sagte Alfred mit einem halb höhnischen Lächeln.

»Du könntest eben so wohl den Berg Aetna flach auf sie stellen, und ihnen heißen, darunter aufzustehen, wie mir rathen, meine Sklaven unter dieser erdrückenden Masse der Gesellschaft zu erziehen. Ein Mann allein kann gegen den Strom einer ganzen Commune nichts thun.«

»Du hast den ersten Wurf,« sagte Alfred, und beide Brüder waren bald in ihr Spiel vertieft, und hörten nichts mehr, bis der Schall von Pferdehufen unter der Veranda erklang.

»Da kommen die Kinder,« sagte Augustin, aufstehend. »Sieh' da, Alf, hast Du jemals etwas so Schönes gesehen?«

Und es war in der That ein schöner Anblick. Henrique mit seiner hohen, kühnen Stirn, seinen dunkelen, glänzenden Locken, und seiner glühenden Wange, lachte heiter, während er sich an seine schöne Cousine wendete, und Beide näher kamen. Eva trug ein blaues Reitkleid, mit einer Mütze von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihren Wangen höhere Farbe verliehen, und ließ ihre wunderbar durchsichtige Haut und ihr goldenes Haar noch eindrucksvoller erscheinen.

»Gott im Himmel! welche blendende Schönheit ist das!« rief Alfred. »Ich sage Dir, August, — wird sie nicht bald schon Manchem das Herz schwer machen?«

»Ja, nur zu sehr, — Gott weiß, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit plötzlich bitterem Tone, während er hinunter eilte, um sie herabzuheben.

»Eva, Liebling! bist Du nicht sehr ermüdet?« sagte er, indem er sie in seine Arme nahm.

»Nein, Papa,« entgegnete sie; allein ihr kurzer, scharfer Athem beunruhigte ihren Vater lebhaft.

»Wie konntest Du so scharf reiten, liebes Kind? — Du weißt, es ist Dir so nachtheilig.«

»Ich fühle mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich es vergaß.«

St. Clare trug sie auf seinen Armen in das Zimmer, und legte sie auf das Sopha.

»Henrique, Du mußt vorsichtiger mit Eva sein,« sagte er, »Du mußt nicht so scharf mit ihr reiten.«

»Ich will sie unter meine Pflege nehmen,« sagte Henrique, setzte sich an das Sopha, und nahm ihre Hand in die seinige.

Eva fühlte sich bald besser. Ihr Vater und Onkel setzten ihr Spiel fort, und die Kinder waren sich selbst überlassen.

»Weißt Du, Eva, es ist recht schade, Papa will nur zwei Tage hier bleiben, und dann sehe ich Dich so lange nicht wieder. Wenn ich hier bliebe bei Dir, würde ich mir rechte Mühe geben, immer gut zu sein, und nie Dodo hart zu behandeln. Ich will Dodo nichts Böses zufügen, aber, siehst Du, ich habe ein so hitziges Temperament. Ich bin nicht immer häßlich gegen ihn; ich gebe ihm manchmal eine Picayune. Ich glaube auch, im Ganzen genommen hat es Dodo recht gut.«

»Würdest Du glauben, daß Du es gut hättest, wenn Dir kein Wesen der Welt nahe wäre, das Dich liebte?«

»Ich? — natürlich nicht.«

»Und Du hast Dodo von allen den Freunden, die er hatte, fortgerissen, und nun hat er Niemanden mehr, der ihn lieb hat; — wer kann unter solchen Umständen gut sein!«

»Nun, ich kann's nicht ändern, ich wüßte wenigstens nicht wie. Ich kann nicht seine Mutter holen, und ich kann ihn nicht selbst lieben, oder irgend ein Andrer, so viel ich weiß.«

»Warum kannst Du nicht?« fragte Eva.

»Dodo lieben? Wie, Eva, das wirst Du doch nicht von mir verlangen! Ich kann ihn wohl ganz gern haben; aber Du liebst doch Deine Dienstboten nicht.«

»Gewiß thue ich das.«

»Wie sonderbar!«

»Befiehlt uns die Bibel nicht, alle Menschen zu lieben?«

»O, die Bibel! Ja, die sagt wohl viele Sachen; aber es denkt wohl Niemand daran, sie zu thun, — das weißt Du doch, Eva?«

Eva antwortete nicht; ihre Augen waren einige Sekunden lang starr und sinnend.

»Auf jeden Fall,« sagte sie endlich, »lieber Cousin, bitte, habe den armen Dodo lieb, und sei freundlich gegen ihn, mir zu Liebe!«

»Dir zu Liebe könnte ich wer weiß was lieb haben; denn, wahrlich, ich glaube, Du bist das liebenswürdigste Wesen, das ich je gesehen habe, liebe Cousine!« sagte Henrique mit einem solchen Ernste und Eifer, daß sein hübsches Gesicht glühte.

Eva empfing diese Erklärung mit vollständiger Einfalt des Herzens, und ohne daß sich ein Zug ihres Gesichtes veränderte. Sie sagte nur: »Das freut mich, lieber Henrique! Ich hoffe, Du wirst es nicht vergessen.«

Der Schall der Mittagsglocke machte hier der Unterhaltung ein Ende.