Zwei Tage später reiste Alfred St. Clare mit seinem Sohne wieder ab, und Eva, die durch die Gesellschaft ihres jungen Cousin zu Anstrengungen veranlaßt worden war, welche ihre Kräfte überstiegen, begann von nun an schwächer und schwächer zu werden. St. Clare verstand sich endlich dazu, ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen, wovor er sich bisher immer deßhalb gescheut hatte, weil es das Zugeständniß einer traurigen Wahrheit enthielt. Allein Eva fühlte sich einige Tage lang so krank, daß sie selbst das Haus nicht mehr verlassen konnte, — und so wurde der Arzt gerufen.
Marie St. Clare hatte das allmählige Abnehmen der Gesundheit und der Kräfte des Kindes nicht beachtet, weil ihre ganze Aufmerksamkeit sich darauf gerichtet hatte, zwei oder drei neue Krankheitsarten zu studiren, deren Opfer sie selbst zu sein glaubte. Es war Mariens erster und unumstößlicher Glaubensartikel, daß Niemand so viel leide und leiden könne, wie sie selbst; und aus diesem Grunde wies sie stets alle Andeutungen, daß irgend Jemand ihrer Umgebung krank sein könne, mit Unwillen zurück. Sie war in solchem Falle stets dessen gewiß, daß es nur Trägheit oder Mangel an Energie sein könne, woran Jene litten, und daß sie, wenn sie ein Leiden wie das ihrige zu tragen hätten, sehr bald den Unterschied erkennen würden.
Miß Ophelia hatte mehrmals versucht, ihre mütterliche Besorgniß für Eva zu erwecken; aber vergeblich.
»Ich sehe nicht, was dem Kinde fehlen soll,« pflegte sie zu sagen, »sie läuft ja umher und spielt.«
»Aber sie hat den Husten.«
»Husten! — Sie brauchen mir nicht zu sagen, was Husten ist. Ich habe am Husten gelitten, so lange ich lebe. Als ich in Eva's Alter war, dachten Alle, ich hätte die Auszehrung. Nacht für Nacht mußte Mammy bei mir wachen. O! Eva's Husten ist gar nichts.«
»Aber sie wird immer schwächer, und ihr Athem immer kürzer.«
»Mein Gott! Das habe ich jahrelang gehabt; 's ist nichts als etwas Nervenschwäche.«
»Aber sie hat des Nachts auch so starken Schweiß.«
»So, — habe ich denn den nicht schon seit zehn Jahren? Fast Nacht für Nacht ist meine Wäsche zum Ausringen naß, und das Bettzeug so feucht, daß Mammy es aufhängen muß, um es zu trocknen! Eva's Schweiß ist doch damit nicht zu vergleichen!«
Miß Ophelia sagte eine Zeit lang gar nichts mehr, allein, als Eva endlich bettlägerig geworden und ein Arzt herbeigerufen worden war, nahm Marie plötzlich eine andere Wendung.
»Sie habe es gewußt,« sagte sie, »sie habe es immer gefühlt, daß sie bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Da liege sie nun mit ihrer leidenden Gesundheit, und müsse ihr einziges Kind, ihren Liebling vor ihren Augen zu Grabe gehen sehen.«
»Meine liebe Marie,« pflegte dann St. Clare zu sagen, »sprich nicht so! Du solltest an ihrem Zustande nicht gleich ganz verzweifeln.«
»O Du hast nicht die Empfindungen einer Mutter, St. Clare! Du hast mich nie verstehen können! — und jetzt am allerwenigsten!«
»Aber sprich doch nur nicht so, als wenn alle Hoffnung verloren wäre!«
»Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, wie Du, St. Clare. Wenn Du es nicht fühlst, wenn Dein Kind in einem so hoffnungslosen Zustande ist, — ich fühle es! Der Schlag ist für mich zu hart, mit alle dem, was ich vorher schon gelitten habe.«
»Es ist wahr,« entgegnete St. Clare, »daß Eva von Natur sehr schwächlich ist, und daß ihre Kräfte durch zu schnelles Wachsen in hohem Grade erschöpft sind, und daß ihr Zustand sehr bedenklich ist; allein gerade jetzt ist sie nur durch die Hitze der Jahreszeit auf's Bett geworfen worden, wozu die Aufregung und die Anstrengungen beigetragen haben, die durch den Besuch ihres jungen Cousin verursacht worden sind. Der Arzt sagt, es sei noch nicht alle Hoffnung verloren.«
»Gut, natürlich, wenn Du die Sache noch aus einem günstigen Lichte betrachten kannst, so thue es; — es ist eine Wohlthat in dieser Welt, wenn die Menschen keine tiefen Gefühle haben. Ich wollte, ich hätte auch keine, denn sie machen mich nur noch elender! — Ich wünschte, ich könnte eben so sorglos darüber sein wie Ihr andern alle!«
Eine oder zwei Wochen später zeigte sich plötzlich eine günstige Veränderung der Symptome, — eine jener trügerischen Windstillen, durch die jene unerbittliche Krankheit so oft das angstvolle Herz noch am Rande des Grabes täuscht. Eva's Tritt schwebte wieder durch den Garten, durch die Balkone, — sie spielte wieder und lachte wieder, und ihr Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so gesund sein solle, wie je zuvor. Nur Miß Ophelia und der Arzt schöpften keine neuen Hoffnungen aus diesem trügerischen Wechsel. Und noch ein anderes Herz schlug, das auch dieselbe Gewißheit in sich fühlte, und das war Eva's kleines Herz. Was für eine Stimme ist das, die zuweilen im Herzen so ruhig, so deutlich spricht, daß seine irdische Zeit bald abgelaufen sei? Ist es der geheime Instinkt der vergehenden Natur, oder ist es ein ahnender Herzschlag, wenn die Ewigkeit uns näher rückt? Was es auch sei, in Eva's Herzen war die ruhige, süße, prophetische Gewißheit vorhanden, daß der Himmel ihr nahe sei, und nur der Schmerz um diejenigen, die sie so innig liebten, beunruhigte ihr kleines Herz. Denn das Kind, obgleich es so zärtlich auferzogen worden war, und obgleich sich das Leben vor ihm mit allem Glanze ausbreitete, den Liebe und Reichthum gewähren können, empfand dennoch keinen Schmerz über sein nahendes Scheiden. In jenem Buche, in dem sie mit ihrem schlichten, alten Freunde so viel gelesen, hatte sie das Bild Eines gefunden und in ihr Herz geschlossen, der das kleine Kind liebte; und während sie sann und an ihn dachte, hatte er aufgehört, ein bloßes Bild und Gemälde zu sein, und war eine lebendige, Alles umfassende Wirklichkeit geworden. Seine Liebe umschloß ihr kindliches Herz mit mehr als menschlicher Zärtlichkeit, und zu Ihm, nach Seinem Hause, sagte sie, daß sie gehe.
Aber ihr Herz dachte mit wehmüthiger Zärtlichkeit an alle diejenigen, die sie zurücklassen mußte; zunächst an ihren Vater, — denn, obgleich sie sich dessen nicht deutlich bewußt war, hatte sie dennoch das instinktmäßige Gefühl, daß sie seinem Herzen mehr angehöre, als irgend einem andern. Sie liebte ihre Mutter, weil ihr ganzes Wesen Liebe war, und alle die Selbstsucht, die sie an ihr wahrnahm, verursachte ihr nur Betrübniß und Verwunderung; denn sie hatte das dunkle, kindliche Gefühl, daß ihre Mutter nicht unrecht thun könne. Eben so gedachte sie mit Liebe jener treuen, anhänglichen Dienstboten, für die sie wie Tageslicht und Sonnenschein gewesen war. Kinder generalisiren in der Regel nicht, allein Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und was sie von den Uebeln jenes Systems gesehen hatte, unter dem jene Unglücklichen lebten, war eins nach dem andern in die Tiefen ihres sinnenden Gemüthes gesunken. Sie empfand ein dunkles Sehnen, irgend etwas für sie zu thun, — ein Sehnen, das in so grellem Gegensatze zu der Gebrechlichkeit ihrer kleinen, körperlichen Hülle stand.
»Onkel Tom,« sagte sie eines Tages, als sie ihm vorlas, — »ich kann es mir erklären, weßhalb Jesus für uns sterben wollte.«
»Weßhalb, Miß Eva?«
»Weil ich grade dasselbe Gefühl auch habe.«
»Welches Gefühl, Miß Eva? — ich verstehe Sie nicht.«
»Ich kann es Dir nicht beschreiben: aber als ich jene unglücklichen Wesen auf dem Schiffe sah, — Du weißt ja, als wir zusammen hierher fuhren, — von denen einige ihre Mütter verloren hatten, und andere um ihre Männer, und noch andere um ihre Kinder weinten, — und als ich von der armen Prue hörte, — o, war das nicht schrecklich! — da dachte ich, ich würde gern sterben, wenn mein Tod allem diesem Elend ein Ende machen könnte. — Ich würde gern sterben, gewiß, Tom, wenn ich könnte,« fügte sie lebhafter hinzu, indem sie ihre kleine Hand auf die seinige legte.
Tom blickte mit Ehrfurcht auf das Kind, und als es auf den Ruf seines Vaters davon eilte, trocknete er seine Augen viele, viele Male, während er ihr nachschaute.
»'s ist vergeblich, Miß Eva hier behalten zu wollen,« sagte er zu Mammy, der er gleich nachher begegnete; — »sie hat schon das Zeichen des Herrn auf ihrer Stirn.«
»Ach, ja, ja,« sagte Mammy, ihre Hände aufhebend; — »habe immer das gesagt. Sie war nie, wie ein Kind ist, das leben soll, — 's war immer so 'was Tiefes in ihren Augen. Hab's Missis oft genug gesagt, — 's muß wahr werden, — wir sehen's Alle, — das liebe, kleine Lamm!«
Eva trippelte die Stufen der Veranda hinauf zu ihrem Vater. Es war spät am Nachmittage, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie hinter ihr, während sie sich ihm nahte in ihrer weißen Kleidung, mit dem goldenen Haar, den glühenden Wangen und den vom langsamen Fieber, das in ihren Adern brannte, unnatürlich glänzenden Augen.
St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine kleine Statue zu zeigen, die er für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, als sie sich näherte, ergriff ihn plötzlich auf schmerzhafte Weise. Es gibt eine Art hinreißender, aber so gebrechlicher Schönheit, daß wir sie kaum zu betrachten vermögen. Ihr Vater drückte sie heftig in seine Arme, und vergaß beinahe, was er ihr hatte sagen wollen.
»Eva, mein liebes Kind, Du bist jetzt besser, — nicht wahr?«
»Papa,« sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, — »ich habe Dir Etwas sagen wollen — schon seit langer Zeit. Ich will es Dir jetzt sagen, ehe ich noch schwächer werde.«
St. Clare zitterte, während Eva sich auf seinen Schooß setzte. Sie legte ihren Kopf an seinen Busen und sagte:
»Es nützt nichts, Papa, daß ich es noch länger bei mir behalte. Die Zeit naht, wo ich Dich verlassen muß. Ich gehe und kehre nie wieder!« sagte sie schluchzend.
»O nein, meine liebe kleine Eva!« sagte ihr Vater bebend, während er sprach, aber einen heitern Ton annehmend, »Du bist angegriffen und niedergeschlagen, aber Du mußt Dich nicht so düsteren Gedanken hingeben. Sieh' hier, ich habe eine kleine Statue für Dich gekauft!«
»Nein, Papa,« entgegnete Eva, sie sanft bei Seite schiebend, — »täusche Dich nicht selbst! Ich bin nicht besser, ich fühle das recht wohl, — und ich gehe bald. Ich bin nicht angegriffen, — ich bin nicht niedergeschlagen. Wenn es nicht Deinethalben wäre, Papa, und um meiner Freunde willen, so wäre ich ganz glücklich. Ich gehe gern, — ich sehne mich danach!«
»Wie, Kind, was hat denn Dein armes kleines Herz so traurig gemacht? Du hast Alles gehabt, was möglich war, um Dich glücklich zu machen.«
»Ich möchte lieber im Himmel sein, obgleich ich um meiner Freunde willen gern lebte. Es gibt hier so viele Dinge, die mich traurig machen, die mir schrecklich erscheinen; — deßhalb möchte ich lieber dort sein, — aber ich verlasse Dich nicht gern, — es bricht mir beinahe das Herz.«
»Was macht Dich denn so traurig und erscheint Dir so schrecklich, Eva?«
»O, Dinge, die immer und immer geschehen. Unsere armen Leute thun mir leid; sie haben mich so lieb und sind alle so gut gegen mich. Ich wünschte, Papa, sie wären alle frei.«
»Wie, Eva, glaubst Du denn nicht, daß sie es alle gut haben?«
»Ja, aber, Papa, wenn Dir irgend etwas zustoßen sollte, was würde dann aus ihnen werden? Es gibt wohl wenige Menschen, die so wie Du sind. Onkel Alfred ist nicht so und Mamma ist nicht so; und dann denke nur einmal an die Herrschaft der armen, alten Prue! was für schreckliche Dinge Menschen begehen können!« sagte Eva schaudernd.
»Mein liebes Kind, Du bist zu reizbar. Ich bereue es, daß ich Dich jemals solche Dinge habe hören lassen.«
»O, sieh, Papa, das ist's, was mich beunruhigt. Du willst, daß ich glücklich leben und nie Schmerzen, — nie Leiden haben, — selbst nicht einmal eine traurige Geschichte hören soll, während andere arme Wesen nichts als Schmerz und Kummer ihr ganzes Leben lang haben, — ist das nicht selbstsüchtig? Ich muß solche Sachen hören und darüber denken! Solche Sachen sanken mir immer in's Herz, — tief, tief, und ich habe darüber gedacht und gedacht. Papa, ist denn gar kein Weg möglich, um alle Sklaven frei zu machen?«
»Das ist eine schwierige Frage, Kind. Ohne Zweifel ist ihr jetziges Loos ein sehr trauriges. Viele Menschen denken so und ich selbst denke so. Von Herzen wünschte ich, daß es im ganzen Lande keinen Sklaven gäbe; aber ich weiß nicht, wie das zu erreichen ist.«
»Papa, Du bist so gut und so edel und so freundlich, und weißt Alles so hübsch zu sagen, — könntest Du denn nicht zu allen Leuten herumgehen, und sie zu überreden suchen, dieses Unrecht abzustellen? Wenn ich todt bin, Papa, dann wirst Du an mich denken, und es um meinetwillen thun. Ich würde es selbst thun, wenn ich könnte.«
»Wenn Du todt bist, Eva?« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind, sage nicht so etwas zu mir; — Du bist ja mein Alles, was ich auf Erden besitze.«
»Das Kind der armen, alten Prue war auch Alles, was sie besaß, — und dennoch mußte sie es schreien hören und durfte ihm nicht helfen! Papa, diese armen Wesen lieben ihre Kinder eben so sehr wie Du mich liebst. O, thue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder auch; ich habe gesehen, wie sie weinte, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine Kinder, und ist es nicht schrecklich, Papa, daß solche Dinge immer und immerfort geschehen?«
»Still, still, mein Liebling,« sagte St. Clare beruhigend: »beunruhige Dich nur nicht so sehr, und sprich mir nicht von sterben, und ich will Alles thun, was Du willst.«
»Und versprich mir, lieber Vater, daß Tom seine Freiheit haben soll, sobald« — sie hielt inne und fügte zaudernd hinzu — »ich nicht mehr da bin!«
»Ja, mein Kind, ich will Alles — Alles in der Welt thun, um was Du mich bittest.«
»Mein lieber Vater,« sagte dann das Kind, indem es seine brennende Wange an die seinige legte, »wie sehr wünschte ich, daß wir zusammen gehen könnten!«
»Wohin, mein Liebling?« fragte St. Clare.
»Nach der Heimath unseres Erlösers; — da ist Alles so schön, so friedlich, — so liebreich!« Das Kind sprach unbewußt wie von einem Platze, wo es oft gewesen war. »Willst Du nicht mit gehen, Papa?« fügte sie hinzu.
St. Clare drückte sie fester an sich, aber schwieg.
»Du wirst zu mir kommen,« sagte das Kind in einem Tone ruhiger Bestimmtheit, in welchem es oft unbewußt sprach.
»Ich folge Dir, — ich werde Dich nicht vergessen.«
Die Schatten dieses feierlichen Abends legten sich dichter und dichter um sie, während St. Clare schweigend da saß und die kleine gebrechliche Körperform an seinem Busen hielt. Er sah nicht mehr die tiefen Augen, aber ihre Stimme berührte ihn wie eine Geisterstimme, und sein ganzes vergangenes Leben stieg in einem Augenblick vor seinen Augen auf, als sollte darüber Gericht gehalten werden: Die Gebete und Hymnen seiner Mutter; sein eignes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und zwischen jener Zeit und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltlichkeit, Ungläubigkeit und was die Menschen anständiges Leben nennen. Wir können viel, sehr viel in einem Augenblicke denken. St. Clare sah und dachte viel, aber sagte nichts. Und als es dunkler wurde, trug er sein Kind in das Schlafzimmer; und nachdem es zur Nachtruhe vorbereitet worden war, sandte er die Dienstboten hinweg und wiegte es in seinen Armen, und sang es ein, bis es entschlummert war.