Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Tod.

Weint nicht um die, so Grabesschleier Am Lebensmorgen uns verbarg.

Eva's Schlafgemach war ein geräumiges Zimmer, welches, wie fast alle übrigen Gemächer des Hauses, sich auf die Veranda öffnete. Auf der einen Seite stand dasselbe mit dem Zimmer ihres Vaters und ihrer Mutter in Verbindung, und auf der anderen mit dem, welches Miß Ophelien überwiesen worden war. St. Clare hatte seinem eigenen Geschmacke gehuldigt, indem er das Zimmer in einer Weise ausmöblirt und geschmückt hatte, die in seltsamer Harmonie mit dem Charakter derjenigen stand, für die es bestimmt war. Vor den Fenstern hingen Gardinen von weißem und rosafarbenem Mousselin herab, und der Fußboden war von einem Teppich bedeckt, welcher nach einem von St. Clare besonders angegebenen Muster in Paris gefertigt worden war, indem ein Kranz von Rosenknospen und Blättern die Einfassung bildete, und im Mittelpunkte sich mehrere ganz aufgeblühte Rosen befanden. Die Bettstelle, Stühle und Sitze waren von Bambus nach besonders geschmackvollen Mustern gearbeitet. Ueber dem Kopfende des Bettes befand sich an der Wand ein Fuß von Alabaster, aus dem ein schön gemeißelter Engel mit gesenkten Flügeln stand, welcher einen Myrthenkranz in der Hand hielt. Von demselben hingen über dem Bette leichte Vorhänge von rosafarbener Gaze herab, welche den für alle Schläfer so nothwendigen Schutz gegen die Moskito's gewährten. Die geschmackvollen Bambussitze waren reichlich mit Kissen von röthlichem Damast versehen, während über denselben ähnliche Vorhänge wie über dem Bett herabhingen. Ein leichter Bambustisch stand in der Mitte des Zimmers, aus welchem eine Vase von parischem Marmor in der Form einer blühenden Lilie stand, die stets mit Blumen gefüllt war. Auf diesem Tische lagen auch Eva's Bücher und kleine Schmucksachen, nebst einem eleganten Schreibzeuge von Alabaster, welches ihr Vater für sie angeschafft hatte, als er bemerkte, daß sie sich bemühte, sich im Schreiben zu verbessern. Auf dem marmornen Kaminsimse stand eine schön gearbeitete Statue, welche Jesus darstellte, wie er die Kinder zu sich rief, und auf jeder Seite derselben befanden sich Marmorvasen, welche Tom jeden Morgen mit frischen Blumen zu füllen sich zum Stolz gereichen ließ. Zwei oder drei ausgewählte Gemälde von Kindern in verschiedenen Stellungen schmückten die Wände. Kurz, wohin das Auge auch blicken mochte, überall begegneten ihm Bilder der Kindheit, der Schönheit und des Friedens. Eva's kleine Augen öffneten sich nie dem Morgenlichte, ohne auf etwas zu fallen, was in ihrem Herzen sanfte, schöne Gedanken erweckte.

Die trügerische Kraft, welche Eva eine kurze Zeit lang aufrecht erhalten hatte, schwand schnell. Seltener und immer seltener wurde ihr leichter Fußtritt in der Veranda gehört, und öfter und immer öfter wurde sie auf ihren Strohsitzen am offenen Fenster liegend gefunden, während ihre großen, tiefen Augen die steigenden und sinkenden Wellen des See's beobachteten.

Es war eines Nachmittags, während sie sich gerade in einer ähnlichen Stellung befand, und ihre durchsichtigen kleinen Finger zwischen den Blättern der halbgeöffneten Bibel lagen, als sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter in scharfen Lauten in der Veranda hörte.

»Was ist dies, Du Nickel? — Was ist das für ein neuer Streich? Du hast hier Blumen abgepflückt, he?« und Eva hörte den Schall eines kräftigen Schlages.

»O Missis, — sie sind für Miß Eva,« hörte sie eine Stimme sagen, welche sie als Topsy's erkannte.

»Miß Eva! eine hübsche Entschuldigung! — Du meinst, sie brauche Deine Blumen, Du nichtsnützige Nigger! Fort mit Dir!«

Im Augenblicke war Eva von ihrem Sitze auf und in der Veranda.

»O nein, Mutter! ich möchte diese Blumen gern haben; bitte, gieb sie mir, — ich brauche sie.«

»Wie, Eva? Dein Zimmer ist ja ganz voll von Blumen.«

»Ich kann nicht zu viele haben,« entgegnete Eva. »Topsy, komm, bringe sie mir.«

Topsy, die mürrisch und mit gesenktem Kopfe dagestanden hatte, kam jetzt näher und übergab ihre Blumen. Sie that es mit scheuer, zaudernder Miene, die sehr verschieden von ihrer gewöhnlichen Kühnheit und Keckheit war.

»Es ist ein schönes Bouquet!« sagte Eva, es betrachtend.

Es war etwas sonderbarer Art, denn es bestand aus glänzend scharlachrothem Geranium mit einer einzigen weißen Japonikablume und ihren glänzenden Blättern. Der Gegensatz der Farben war augenscheinlich die Idee bei der Zusammensetzung des Bouquets gewesen, und die Anordnung jedes Blattes war mit besonderer Sorgfalt erfolgt.

Topsy's Gesicht klärte sich auf als Eva sagte:

»Topsy, Du kannst hübsche Bouquette binden. Sieh, hier ist eine Vase, für die ich keine Blumen habe. Ich wünschte, Du könntest mir jeden Morgen einige Blumen dafür sammeln.«

»Nun, das ist sonderbar!« sagte Marie. »Wozu in der Welt, Kind, brauchst Du die nur noch?«

»O, das thut nichts, Mamma; ich weiß, Du hast nichts dagegen, daß Topsy es thut, — nicht wahr?«

»Natürlich nicht; Alles was Du willst, mein Kind! Topsy, Du hörst, was Deine junge Mistreß sagt; — gieb wohl Acht.«

Topsy machte eine kurze Verbeugung mit gesenktem Kopfe; und als sie sich entfernte, sah Eva eine Thräne über ihre dunkle Wange rollen.

»Siehst Du, liebe Mamma, ich wußte, daß die arme Topsy gern etwas für mich thun wollte,« sagte Eva zu ihrer Mutter.

»O Unsinn! sie that's nur, weil sie gern verbotene Dinge thut. Sie weiß, daß sie keine Blumen abpflücken soll, — also thut sie es; das ist das Ganze. Aber wenn Du es gern willst, daß sie sie pflückt, so mag sie es thun.«

»Mamma, ich denke, Topsy ist jetzt ganz anders als sie früher war; sie giebt sich Mühe, gut zu sein.«

»Da wird sie sich noch lange Mühe geben müssen, ehe sie wirklich gut wird,« sagte Marie mit gleichgültigem Lachen.

»Ja, aber Du weißt, Mamma, die arme Topsy! — Alles ist immer gegen sie gewesen.«

»Nicht seitdem sie hier gewesen ist. Wenn ihr nicht vorgesprochen und vorgepredigt, und an sie nicht Alles gethan worden ist, was Menschen vermögen! — und doch ist sie noch gerade eben so häßlich, und wird es immer sein; — nein, es läßt sich nichts mit dem Geschöpfe machen!«

»Aber, Mamma, es ist doch ganz anders, so auferzogen worden zu sein, wie ich es bin, mit so vielen Freunden, und so vielen Dingen, die mich gut und glücklich machen; und dann so aufgebracht worden zu sein, wie sie es die ganze Zeit war, ehe sie hieher kam!«

»Kann sein,« entgegnete Marie gähnend, — »o, wie heiß es ist!«

»Mamma, nicht wahr, Du glaubst auch, daß Topsy ein Engel werden könnte, so gut wie wir, wenn sie eine Christin wäre?«

»Topsy? was für eine lächerliche Idee! Niemand als Du würde jemals an so etwas denken. Aber es ist möglich!«

»Aber, Mamma, ist denn Gott nicht ihr Vater so gut wie der unserige, — und Jesus ihr Erlöser?«

»Wohl, das mag sein. Ich glaube, Gott hat alle Menschen geschaffen,« erwiederte Marie. »Wo ist mein Riechfläschchen?«

»Es ist solch' ein Jammer, — o! solch' ein Jammer!« sagte Eva, auf den fernen See blickend, und halb zu sich selbst redend.

»Was ist ein Jammer?« fragte Marie.

»Daß ein Wesen, welches ein Engel werden und mit Engeln leben könnte, ganz hinab, hinab, hinab gehen soll, ohne daß ihm Jemand hilft! — o, lieber Gott!«

»Wohl, wir können's nicht ändern, Eva; es nützt nichts, sich darum zu grämen! Ich weiß nicht, was zu thun ist. Wir müssen nur dankbar sein für die Vortheile, die wir genießen.«

»Ich kann es kaum sein,« sagte Eva. »Ich bin so traurig, wenn ich an arme Leute denke, die gar keine Vortheile genießen.«

»Das ist sonderbar genug,« sagte Marie; — »meine Religion macht mich dankbar für meine Vorzüge.«

»Mamma,« sagte Eva plötzlich, »ich möchte gern etwas von meinem Haar abschneiden lassen, — recht viel.«

»Wozu?« fragte Marie.

»Ich wollte es an meine Freunde geben, so lange ich noch im Stande bin, es selbst zu thun. Willst Du nicht die Tante bitten, daß sie komme und es für mich abschneide?«

Marie erhob ihre Stimme, um Miß Ophelia aus dem nächsten Zimmer zu rufen.

Als Ophelia in das Zimmer trat, erhob sich das Kind von seinem Lager, und ließ seine langen, goldenen Locken herabfallen, indem es scherzweise sagte: »Komm, Tante, scheere das Schäfchen!«

»Was ist das?« fragte St. Clare, der gerade in diesem Augenblick in das Zimmer trat und Früchte trug, die er besonders für Eva geholt hatte.

»Papa, ich wollte gern, daß Tante von meinem Haar etwas abschnitte; es ist zu lang und macht meinen Kopf so heiß. Auch wollte ich gern etwas davon verschenken.«

Miß Ophelia erschien mit der Scheere.

»Sieh' Dich vor, — verdirb die Locken nicht!« sagte der Vater. »Schneide unterhalb, wo es nicht zu sehen ist. Eva's Locken sind mein Stolz.«

»O Papa!« sagte Eva traurig.

»Ja, und ich will, daß sie in recht hübschem Stande zu der Zeit bleiben, wo ich mit Dir nach Onkels Plantage reisen will, um Cousin Henrique zu besuchen,« sagte St. Clare in heiterem Tone.

»Ich werde nie dahin kommen, Papa, — ich gehe in ein besseres Land. O glaube mir! Siehst Du nicht Papa, daß ich jeden Tag schwächer werde?«

»Warum bestehst Du darauf, Eva, daß ich etwas so Schreckliches glauben solle?« sagte der Vater.

»Nur weil es wahr ist, Papa; und wenn Du es jetzt glauben willst, so wirst Du vielleicht eben so darüber empfinden lernen, wie ich,« entgegnete Eva.

St. Clare schloß seine Lippen, und betrachtete trüben Blickes die langen schönen Locken, welche, sobald sie abgeschnitten waren, in den Schooß des Kindes gelegt wurden. Sie hob sie auf, betrachtete sie ernsten Blickes, und flocht sie durch ihre zarten Finger, und blickte von Zeit zu Zeit ängstlich auf ihren Vater.

»Es ist gerade das, was ich geahnt habe!« sagte Marie; »es ist grade das, was Tag für Tag an meiner Gesundheit genagt und mich dem Grabe nahe gebracht hat, obgleich Niemand es hat beachten wollen. Ich habe es lange vorhergesehen. St. Clare, Du wirst bald sehen, daß ich Recht hatte.«

»Was Dir zu großem Troste gereichen wird, ohne Zweifel!« entgegnete St. Clare mit trockenem, bitterem Tone.

Marie lag auf einem Kanapee, und bedeckte ihr Gesicht mit einem feinen weißen Taschentuche.

Eva's klares, blaues Auge blickte ernst vom Vater auf die Mutter. Es war der ruhige, verstehende Blick einer Seele, die schon halb von ihren irdischen Banden gelöst war, und unverkennbar war es, daß sie den Unterschied zwischen Beiden sah, fühlte und würdigte.

Sie winkte ihrem Vater mit der Hand. Er kam und setzte sich an ihre Seite.

»Papa, meine Kraft schwindet täglich mehr, und ich weiß, ich muß fort. Da sind noch manche Dinge, die ich zu sagen und zu thun habe — die ich thun muß, und Du willst mich nie über diesen Gegenstand sprechen lassen. Aber kommen muß es doch; es ist kein Aufschub möglich. Bitte, laß mich jetzt reden!«

»Mein Kind, recht gern!« sagte St. Clare, seine Augen mit der einen Hand bedeckend, und Eva's Hand in der andern haltend.

»Dann möchte ich alle unsere Leute hier beisammen sehen. Ich habe Etwas, was ich ihnen sagen muß,« sagte Eva.

»Gut,« erwiederte St. Clare im Tone völliger Ergebung.

Miß Ophelia sandte einen Boten ab, und bald darauf wurden sämmtliche Dienstboten in das Zimmer geführt.

Eva lag ausgestreckt auf ihren Kissen, ihr Haar hing unbefestigt um ihr Gesicht, ihre purpurnen Wangen kontrastirten auf schmerzliche Weise mit der durchsichtigen Weiße ihrer Haut und den zarten Linien ihrer Glieder und Züge, und ihre großen, seelenvollen Augen richteten sich mit ernstem Ausdrucke auf jeden Einzelnen.

Die Dienstboten fühlten sich plötzlich ergriffen von ihrem Anblicke. Ihr geisterartiges Gesicht, die langen, abgeschnittenen Locken auf ihrem Schooße, ihres Vaters abgewandtes Gesicht und Marien's Schluchzen machten einen plötzlichen Eindruck auf die Gefühle dieser leicht erregbaren Menschenklasse, und während sie nach einander eintraten, sahen sie sich gegenseitig an, seufzten und schüttelten die Köpfe. Im ganzen Zimmer herrschte eine Stille, wie bei einem Begräbniß.

Eva richtete sich auf, und blickte lange und ernst um sich auf jeden Einzelnen. Alle sahen bange und traurig aus, und viele unter den Weibern bargen ihre Gesichter in den Schürzen.

»Ich habe euch Alle rufen lassen, meine lieben Freunde,« sagte Eva, »weil ich Euch lieb habe. Ich liebe Euch alle, und ich habe Euch Etwas zu sagen, an das Ihr Euch, wie ich wünsche, stets erinnern werdet. — Ich muß Euch verlassen; — in wenigen Wochen werdet Ihr mich nicht mehr sehen —«

Hier wurde das Kind durch einen allgemeinen Ausbruch von Seufzern, Stöhnen und Wehklagen unterbrochen, in denen ihre zarte Stimme vollständig verloren ging. Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in einem Tone fort, der das Schluchzen Aller verstummen ließ.

»Wenn Ihr mich lieb habt,« sagte sie, »so müßt Ihr mich nicht auf eine solche Weise unterbrechen. Hört, was ich Euch zu sagen habe. Ich wollte zu Euch über Eure Seelen reden. — Viele unter Euch, fürchte ich, sind sehr sorglos. Ihr denkt nur an diese Welt; aber ich bitte Euch, daran zu denken, daß es eine andere, schöne Welt gibt, wo Jesus ist. Dahin gehe ich, und dahin könnt Ihr gehen. Sie ist für Euch sowohl, wie für mich. Aber, wenn Ihr dahin gehen wollt, so müßt Ihr nicht ein träges, sorgloses und leichtsinniges Leben führen. Ihr müßt Christen sein. Ihr müßt bedenken, daß jeder von Euch ein Engel werden und für ewig bleiben kann. Wenn Ihr Christen sein wollt, so wird Euch Jesus helfen. Ihr müßt zu ihm beten, Ihr müßt lesen —«

Das Kind hielt hier plötzlich inne, blickte mitleidig auf die Umstehenden und fuhr dann traurig fort:

»O, Ihr Armen, Ihr könnt ja nicht lesen, — arme Seelen!« und sie verbarg ihr Gesicht in den Kissen und schluchzte, bis das unterdrückte Stöhnen derjenigen, zu denen sie sprach, und die knieend um sie her lagen, sie wieder erweckte.

»Aber faßt Muth!« sagte sie, ihr Gesicht erhebend, und durch Thränen freundlich lächelnd, »ich habe für Euch gebetet, und ich weiß, Jesus wird Euch helfen, auch wenn Ihr nicht lesen könnt. Bemüht Euch, Alles zu thun, was in Euren Kräften steht; betet jeden Tag; ruft Ihn an, daß Er Euch helfe, und laßt Euch die Bibel vorlesen, wo und wann Ihr könnt, und ich hoffe, daß ich Euch dann alle im Himmel sehen werde.«

»Amen,« war die leise Antwort von den Lippen Tom's und Mammy's, und einiger der Aelteren unter ihnen, welche einer methodistischen Kirche angehörten, während die Jüngeren und Leichtsinnigeren, die für den Augenblick vollständig überwältigt waren, ihre Köpfe auf die Knie niedergelegt hatten und laut schluchzten.

»Ich weiß,« sagte Eva, »Ihr habt mich alle lieb.«

»Ja, o ja! gewiß! Gott segne Sie!« war die unwillkührliche Antwort von Allen!

»Ja, ich weiß es! Es ist kein Einziger unter Euch, der nicht immer liebreich gegen mich gewesen wäre; und ich wollte Euch jetzt Etwas geben, was Euch stets an mich erinnern wird, wenn Ihr darauf blickt. Ich will jedem von Euch eine Locke von meinem Haare geben; und wenn Ihr sie betrachtet, so erinnert Euch, daß ich Euch liebte und in den Himmel gegangen bin, und daß ich Euch alle dort zu sehen wünsche.«

Es ist unmöglich, die Scene zu beschreiben, welche sich jetzt entwickelte, wo Alle unter Thränen und Schluchzen sich um das kleine Wesen sammelten, und aus Eva's Händen das letzte Zeichen ihrer Liebe empfingen. Sie fielen auf ihre Kniee und schluchzten und beteten, und küßten den Saum ihres Kleides, während die Aelteren Worte der Liebe, untermischt mit Gebeten und Segenssprüchen auf sie ausströmen ließen.

So wie Jeder seine Gabe empfing, gab ihm Miß Ophelia, welche von dieser Aufregung nachtheilige Folgen für ihre kleine Kranke fürchtete, ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Alle waren fort bis auf Tom und Mammy.

»Hier, Onkel Tom,« sagte Eva, »ist eine schöne Locke für Dich. O ich bin so glücklich, Onkel Tom, wenn ich daran denke, daß ich Dich im Himmel sehen werde, — denn ich weiß es gewiß; und Mammy, — meine liebe, gute Mammy!« rief sie, ihre Arme um den Hals ihrer alten Wärterin schlingend, — »ich weiß, Du wirst auch dort sein.«

»O Miß Eva! — weiß gar nicht, wie ich ohne Sie leben kann!« sagte das treue Geschöpf, und verfiel in einen leidenschaftlichen Ausbruch von Schmerz.

Miß Ophelia drängte sie sanft zur Thüre hinaus, und glaubte, es seien nun Alle fort; allein, als sie sich umwandte, stand Topsy noch da.

»Wo kommst Du her?« fragte Miß Ophelia verwundert.

»Ich war hier,« entgegnete Topsy, die Thränen aus ihren Augen wischend. »O, Miß Eva, ich bin immer ein unartiges Mädchen gewesen; aber wollen Sie mir nicht auch eine geben?«

»Ja, arme Topsy, gewiß will ich das. Hier — so oft Du sie ansiehst, denke daran, daß ich Dich lieb hatte und wünschte, daß Du ein gutes Kind sein möchtest!«

»O Miß Eva, ich gebe mir Mühe!« sagte Topsy eifrig; »aber, o Herr, 's ist so schwer, gut zu sein! — bin gar nicht dran gewöhnt!«

»Jesus weiß das, Topsy; er hat Mitleid mit Dir, — er wird Dir helfen.«

Topsy wurde hierauf, indem sie ihre Augen in der Schürze verbarg, von Miß Ophelia schweigend aus dem Zimmer geführt; allein, während sie hinausging, verbarg sie die kostbare Locke in ihrem Busen.

Als Alle fort waren, verschloß Miß Ophelia die Thür. Diese gute Dame hatte während der Scene manche Thräne aus ihrem eigenen Auge hinweggewischt; aber die Besorgniß wegen der aus einer solchen Aufregung für ihren jungen Pflegling möglicher Weise entspringenden Folgen war überwiegend in ihrem Geiste.

St. Clare hatte während der ganzen Zeit, seine Augen mit der Hand bedeckend, in derselben Stellung gesessen. Auch als Alle fort waren, blieb er darin.

»Papa!« sagte Eva sanft, ihre Hand auf die seinige legend.

Er erschrak und ein Schauer überlief ihn, aber er gab keine Antwort.

»Lieber Vater!« wiederholte Eva.

»Ich kann nicht,« sagte St. Clare aufstehend, — »ich kann es nicht tragen! Der Allmächtige ist sehr hart mit mir verfahren!« und St. Clare legte auf die letzten Worte einen besonders bitteren Nachdruck.

»Augustin! hat Gott nicht ein Recht, zu thun, was er will, mit dem, was sein ist?« sagte Miß Ophelia.

»Mag sein; aber das macht es nicht leichter für mich zu tragen,« entgegnete er in harter, trockener, thränenloser Weise, während er sich abwandte.

»Papa, Du brichst mein Herz!« sagte Eva sich aufrichtend und sich in seine Arme werfend; »Du mußt nicht so denken!« Und dabei weinte und schluchzte das Kind mit einer Heftigkeit, die Alle in Bestürzung versetzte, und den Gedanken ihres Vaters schnell eine andere Richtung verlieh.

»Still, Eva, still! mein liebes Kind! Es wäre unrecht von mir, — recht unrecht! Ich will anders denken, — ich will Alles thun, was Du willst, nur beruhige Dich, schluchze nicht so. Ich will ganz gefaßt sein; es war sehr unrecht von mir, so zu sprechen.«

Bald lag Eva wie eine müde Taube in ihres Vaters Armen; und er, sich über sie beugend, bemühte sich, sie durch jedes zärtliche Wort, das er ersinnen konnte, zu beruhigen.

Marie stand auf und ging aus dem Zimmer in ihr eigenes, wo sie in hysterische Krämpfe verfiel.

»Du hast mir keine Locke gegeben, Eva,« sagte ihr Vater mit traurigem Lächeln.

»Sie gehören Dir alle, Papa,« erwiederte sie lächelnd, — »Dir und Mamma, und Du mußt der lieben Tante so viele davon geben, als sie haben will. Ich gab jene nur den armen Leuten selbst, lieber Papa, weil sie möchten vergessen worden sein, wenn ich nicht mehr da bin, und weil ich hoffte, daß es sie erinnern möchte an — Du bist ein Christ, lieber Vater, nicht wahr?« fügte sie dann mit zweifelndem Tone hinzu.

»Weshalb fragst Du mich?«

»Ich weiß nicht. Du bist so gut, Du mußt es sein.«

»Was heißt das, ein Christ sein, Eva?«

»Christus über Alles lieben,« entgegnete Eva.

»Thust Du das, Eva?«

»Gewiß thue ich das.«

»Du sahst ihn aber nie,« sagte St. Clare.

»Das macht keinen Unterschied,« erwiederte Eva. »Ich glaube an ihn und in wenigen Tagen werde ich ihn sehen.« Und bei diesen Worten begann das jugendliche Gesicht vor Freude zu strahlen.

St. Clare antwortete nicht mehr. Es war ein Gefühl, welches er oft an seiner Mutter wahrgenommen hatte, aber wofür keine gleichgestimmte Saite in seinem Innern vibrirte.

Von dieser Zeit ab wurde Eva zusehends schwächer. Es konnte kein Zweifel mehr über den Ausgang herrschen und selbst die kühnste Hoffnung konnte sich nicht mehr täuschen. Ihr schönes Zimmer war ein vollständiges Krankenzimmer geworden; und Miß Ophelia verrichtete Tag und Nacht die Geschäfte einer Wärterin, — und nie hatten ihre Freunde Gelegenheit, ihren Werth mehr zu erkennen als in dieser Eigenschaft. Mit so geübter Hand und richtigem Auge, mit so vollkommener Gewandtheit in der Kunst, Reinlichkeit und Behaglichkeit für die Kranke zu befördern, — mit so genauer Berechnung der Zeit, mit so klarem ruhigem Kopfe, und so gewissenhafter Beachtung jeder Vorschrift des Arztes, war sie ihm Alles. Diejenigen, welche über ihre kleinen Eigenthümlichkeiten, die von der Freiheit der südlichen Sitten so sehr abwichen, die Achsel zuckten, mußten anerkennen, daß sie in ihrem gegenwärtigen Verhältniß gerade die passende Person sei.

Onkel Tom hielt sich viel in Eva's Zimmer auf. Das Kind litt viel an Ruhelosigkeit, und es gewährte ihm große Erleichterung, getragen zu werden. Für Tom war es daher die größte Freude, die kleine zarte Gestalt auf seinen Armen, auf einem Kissen ruhend, bald im Zimmer auf und ab, bald in der Veranda umherzutragen; und wenn die frische Seeluft vom See her wehte, und Eva sich am Morgen wohler fühlte, so pflegte er unter den Orangenbäumen des Gartens mit ihr umher zu wandeln, oder sich auf einen ihrer alten Sitze niederzulassen und ihr ihre Lieblingshymnen vorzusingen.

Ihr Vater that öfters dasselbe; aber sein Körper war weniger kräftig, und wenn er müde war, pflegte Eva zu ihm zu sagen:

»O Papa, laß Tom mich tragen. Der arme Mensch, — er thut es so gern; Du weißt, es ist Alles, was er thun kann, und er möchte gern Etwas thun!«

»Dasselbe ist mit mir der Fall, Eva!« sagte der Vater.

»O Papa, Du kannst Alles thun, und bist mir Alles. Du liesest mir vor, — Du wachst bei mir des Nachts — und Tom hat nur dieses Eine und sein Singen; und dann weiß ich auch, daß es ihm leichter wird als Dir. Er trägt mich so fest und sicher!«

Der Wunsch, Etwas für Eva zu thun, beschränkte sich nicht auf Tom. Jeder Dienstbote des Hauses verrieth dasselbe Gefühl und that nach seiner Weise und seinen Kräften, was er konnte.

Die arme Mammy sehnte sich nach dem Lieblinge, aber fand weder bei Tage noch bei Nacht Gelegenheit, da Marie erklärte, daß ihr Geisteszustand ihr keine Ruhe lasse, weshalb es natürlich gegen ihre Grundsätze war, irgend einem Andern Ruhe zu lassen. Zwanzigmal in der Nacht wurde Mammy gerufen, um ihre Füße zu reiben, ihren Kopf zu waschen, ihr Taschentuch zu suchen, oder nachzufragen, was das Geräusch in Eva's Zimmer zu bedeuten habe, die Fenstervorhänge herunterzulassen, weil es zu hell sei, oder hinaufzuziehen, weil es zu dunkel sei; und bei Tage, wenn sie sich danach sehnte, an der Wartung ihres Lieblings Theil zu nehmen, schien Marie ganz besonders erfinderisch zu sein, um sie überall im Hause oder um ihre Person zu beschäftigen, so daß sie nichts als kurze Blicke oder verstohlene Besuche erlangen konnte.

»Ich halte es für meine Pflicht, jetzt besonders sorgsam für mich zu sein,« pflegte sie zu sagen, — »schwach wie ich bin, und mit der ganzen Sorge der Wartung und Pflege des lieben Kindes auf mir.«

»In der That, meine Liebe?« antwortete St. Clare. »Ich dachte, unsere Cousine Ophelia nähme Dir diese Sorge ab.«

»Du sprichst wie ein Mann, St. Clare, — als ob eine Mutter sich die Sorge um ein Kind in einem solchen Zustande abnehmen lassen könnte. Aber es ist Alles gleich, — Niemand weiß, was ich fühle! Ich kann die Sachen nicht so leicht nehmen.«

St. Clare lächelte. Du mußt ihn entschuldigen, lieber Leser, er konnte nicht anders, — St. Clare konnte noch lächeln; denn so hell und ruhig war die Abschiedsfahrt des kleinen Geistes, — von so sanften, balsamischen Lüften wurde der kleine Nachen den himmlischen Ufern zugetrieben, daß es unmöglich war, zu erkennen, daß es der Tod sei, der sich nahe. Das Kind empfand keinen Schmerz, — nur eine ruhige, sanfte Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und so schön, so liebreich, so vertrauensvoll, so glücklich war es dabei, daß Niemand dem besänftigenden Einflusse der Unschuld und Friede athmenden Luft widerstehen konnte, welche das Kind zu umgeben schien. Auch St. Clare fühlte eine sonderbare Ruhe auf sich niedersinken. Es war nicht Hoffnung, — die war unmöglich; es war nicht Resignation; es war nur ein ruhiges Weilen in der Gegenwart, die so schön erschien, daß er nicht an die Zukunft denken mochte.

Der Freund, welcher am meisten von Eva's Vorstellungen und Ahnungen wußte, war ihr treuer Träger, Tom. Ihm theilte sie mit, womit sie ihren Vater nicht beunruhigen wollte. Ihm vertraute sie jene geheimnisvollen Vorgefühle, welche die Seele empfindet, wenn ihre Saiten sich zu lösen beginnen und sie ihre irdische Hülle verlassen will.

Tom wollte endlich nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, sondern lag jede Nacht in der äußeren Veranda, bereit für jeden Ruf.

»Onkel Tom,« sagte Miß Ophelia, »was in der Welt ist Dir eingefallen, daß Du überall liegst und schläfst wie ein Hund. Ich dachte, Du wärest ein ordentlicher Mensch, der gewohnt wäre, in christlicher Weise in einem Bette zu schlafen.«

»Das bin ich, Miß Feely,« sagte Tom geheimnißvoll. »Das bin ich, aber jetzt —«

»Nun, was jetzt?«

»Wir müssen nicht so laut sprechen, — Master St. Clare will nichts davon hören; aber, Miß Feely, Sie wissen, es muß Einer auf den Bräutigam warten.«

»Was meinst Du, Tom?«

»Sie wissen, es heißt in der Schrift: »Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: siehe, der Bräutigam kommt.« Das ist's, was ich jetzt erwarte, Miß Feely, — und ich konnte nicht schlafen, wo ich nicht höre.«

»Wie, Onkel Tom, wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Miß Eva, — sie spricht mit mir. Der Herr sendet seinen Boten in die Seele. Ich muß dabei sein, Miß Feely; denn wenn das Segenskind in das Himmelreich geht, wird sich das Thor so weit öffnen, daß wir alle einen Blick in seine Glorie hineinthun können, Miß Feely.«

»Onkel Tom! sagte Miß Eva, daß sie sich heute Abend kränker als gewöhnlich fühle?«

»Nein, aber sie sagte mir diesen Morgen, daß sie näher käme, — jene da oben sind es, die es dem Kinde sagen, Miß Feely, — die Engel sind's! — Es ist der Trompetenschall vor dem Anbruch des Tages!« sagte Tom, sich der Worte einer Lieblingshymne bedienend.

Dieses Zwiegespräch fand zwischen Miß Ophelia und Tom eines Abends zwischen zehn und elf Uhr Statt, nachdem sie bereits alle ihre Anordnungen für die Nacht getroffen hatte, und sie, als sie die äußere Thür der Veranda schließen wollte, Tom vor derselben ausgestreckt liegend fand. Sie war weder nervenschwach, noch leicht erregbar, allein Tom's feierlicher, aus dem Herzen kommender Ton fiel Ophelien auf. Eva war an diesem Tage besonders munter und heiter gewesen, und hatte aufrecht in ihrem Bett gesessen, und über alle ihre kleinen Schmucksachen geblickt und die Freunde namhaft gemacht, denen sie gegeben werden sollten. Ihr ganzes Wesen war lebhafter und ihre Stimme natürlicher gewesen als seit vielen Wochen. Ihr Vater war gegen Abend in ihrem Zimmer gewesen und hatte gesagt, daß Eva ihm ihren früheren gesunden Tagen ähnlicher erschienen wäre, als je in ihrer Krankheit, und als er sie zum Abschiede für die Nacht geküßt, hatte er zu Miß Ophelien gesagt: »Cousine, wir können sie vielleicht dennoch behalten, sie ist entschieden besser,« und hatte sich sodann mit leichterem Herzen in sein Zimmer zurückgezogen, als manche lange Woche zuvor.

Aber um Mitternacht, — seltsame, geheimnißvolle Stunde! — wenn der Schleier zwischen der gebrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft durchsichtiger wird, — dann kam der Bote!

Ein Geräusch wurde hörbar in jenem Zimmer von schnellen, eiligen Schritten. Es war Miß Ophelia, welche beschlossen hatte, die ganze Nacht bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und um Mitternacht Etwas bemerkt hatte, was erfahrene Wärterinnen bedeutungsvoll »eine Veränderung« zu nennen pflegen. Die äußere Thür wurde schnell geöffnet, und Tom, der außerhalb wachte, war im Augenblick bei der Hand.

»Geh' zum Arzte, Tom! verliere keinen Augenblick!« sagte Miß Ophelia, und eilte durch das Zimmer, um an St. Clare's Thür zu pochen.

»Cousin,« rief sie, »bitte, komm heraus!«

Diese Worte fielen auf sein Herz wie Sandschollen auf einen Sarg. Im Augenblicke war er im Zimmer und beugte sich über Eva nieder, die noch schlief.

Was war es, was er dort sah und sein Herz stocken ließ? Weshalb wurde kein Wort zwischen Beiden gesprochen? Du, liebe Leserin, weißt es vielleicht, die Du denselben Ausdruck auf dem Gesichte dessen gesehen hast, was Dir am theuersten war, — jenen unbeschreiblichen, hoffnungslosen, unverkennbaren Zug, der Dir sagt, daß Dein Geliebtes nicht mehr Dein ist.

Gleichwohl zeigte sich auf dem Gesichte nichts Geisterhaftes, Todtenähnliches, sondern nur ein hoher, beinahe erhabener Ausdruck, — die überschattende Gegenwart geistiger Naturen, der Tagesanbruch eines unsterblichen Lebens in dieser kindlichen Seele.

St. Clare und Ophelia standen so still und betrachteten das Kind so schweigend, daß selbst der Pendelschlag der Uhr zu laut zu sein schien. In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Arzte zurück. Letzterer trat ein, warf einen Blick auf das Kind, und blieb schweigend wie die Uebrigen stehen.

»Wann trat diese Veränderung ein?« sagte er flüsternd zu Ophelien.

»Ungefähr um Mitternacht,« war die Antwort.

Jetzt erschien aus dem nächsten Zimmer Marie in größter Eile, die durch die Ankunft des Arztes erweckt worden war.

»Augustin! Cousine! — O! — was« — begann sie in hastigem Tone.

»Still!« sagte St. Clare mit rauher Stimme, — »sie stirbt!«

Mammy hatte diese Worte gehört und eilte davon, um die Dienstboten zu erwecken. Das ganze Haus war bald munter, — Lichter wurden gesehen, Fußtritte gehört, ängstliche Gesichter drängten sich in die Veranda, und blickten mit thränenvollen Augen durch die Glasthüren; aber St. Clare hörte und sah nichts, — er sah nur den Ausdruck im Gesichte der kleinen Schläferin.

»O, wenn sie nur noch einmal aufwachen und sprechen wollte!« sagte er, und sich über sie niederbeugend, flüsterte er in ihr Ohr: »Eva, Liebling!«

Die großen blauen Augen öffneten sich, — ein Lächeln flog über ihr Gesicht, — sie versuchte ihren Kopf zu erheben und zu sprechen.

»Kennst Du mich, Eva?«

»Lieber Vater!« sagte das Kind, mit letzter Anstrengung seine Arme um den Hals des Vaters schlingend. Im nächsten Augenblicke fielen sie wieder nieder und als St. Clare seinen Kopf erhob, sah er einen Todeskrampf über das Gesicht ziehen; — das Kind suchte angstvoll nach Athem, und warf seine kleinen Hände empor.

»O Gott, das ist schrecklich!« rief er, sich im tiefsten Schmerze abwendend und Tom's Hand drückend, ohne zu wissen, was er that. »O Tom, es bringt mich um!«

Tom hielt die Hand seines Herrn zwischen den seinigen, und während die Thränen über seine dunklen Wangen strömten, schaute er nach Hülfe da hinauf, wohin er immer gewohnt gewesen war, zu blicken.

»Bete, daß dies bald enden möge!« sagte St. Clare, — »es zerreißt mir das Herz.«

»Der Herr sei gepriesen! es ist vorüber, — es ist vorbei, lieber Master!« sagte Tom; — »sehen Sie sie an.«

Das Kind lag erschöpft und schwer athmend auf seinen Kissen, während die großen klaren Augen weit offen vor sich hinstarrten. Was sagten diese Augen, die sich so gerade auf den Himmel richteten? Die Erde und irdischer Schmerz war zurückgelassen; aber so feierlich, so geheimnißvoll war die triumphirende Klarheit dieses Gesichts, daß selbst das Schluchzen des Schmerzes verstummte. Alle drängten sich in athemloser Stille um sie her.

»Eva,« sagte St. Clare sanft.

Sie hörte nicht.

»O Eva, sage uns, was Du siehst! Was ist es?« sagte der Vater.

Ein sanftes, seliges Lächeln schwebte über ihr Gesicht, und sie antwortete in gebrochenen Tönen: »O! Liebe, — Freude, — Friede!« seufzte tief auf, und ging vom Leben zum Tode über.

Lebe wohl, geliebtes Kind! Die glänzenden Thore der Ewigkeit haben sich hinter Dir geschlossen; wir werden Deine sanften Züge nicht mehr sehen. Wehe den Armen, die Deinen Eingang in den Himmel sahen, und, wenn sie erwachten, nichts als den kalten, grauen Lebenshimmel finden, nachdem Du für immer dahin bist.