Kopfvignette Kapitel I

I.
Von Sansibar über London nach Indien

Über das von einem feinen Regen schlüpfrige Holzpflaster Regent Streets rollten auf ihren hohen, dünnen Gummirädern die ‚Hansoms‘ in langer Reihe. Die schwarzen Umhänge der hoch oben über den zweirädrigen Wagen thronenden „cabbies“ trieften vor Nässe. Vom Nebel verschleiert schienen die Gestalten von Pferd und Wagen und Kutscher seltsame Schatten, die lautlos durch ein graues trübes Licht ziellos und zwecklos sich bewegten. Und unter die Nebelgestalten der Hansomwagen mischten sich die schweren Omnibusse aller Linien Londons, die von Oxford Circus nach Piccadilly Circus mit dumpfem Einerlei im müden Aufschlag der Hufe ihrer Pferde rollten oder von Haymarket heraufkommend Regent Park zustrebten.

Um den kleinen, schäbigen Brunnen, der Piccadilly Circus „verziert“, saßen Blumenverkäuferinnen unter breiten Schirmen und boten den hastig Vorübereilenden hoffnungslos die tropfenden Blüten des Herbstes von 1889 an. Die hohen Häuser der in breitem Bogen nordwärts verlaufenden Straße verloren sich im Grau des Himmels, und die sonst von reichem und glänzendem Leben erfüllten Fußsteige bevölkerten armselig gekleidete graue Gestalten. Die Männer mit heraufgeschlagenen Kragen trugen ihre Hände frierend in den abgenutzten Taschen ihrer dünnen Überzieher, und die Zahl der Frauen in Umschlagtüchern und im Schmutz der Straße schleppenden Röcke schien unendlich. —

Das war das Bild, das sich mir vom Fenster meines Arbeitszimmers in dem von mir geleiteten Restaurant Café Royal, dem größten des Londons jener Tage, bot. Mißmutig, abgespannt und müde blickte ich an jenem Novembermorgen auf die vor mir liegenden Abrechnungen, Bestellungen, Muster, Vorratslisten, Ergänzungsaufstellungen und die ganze Schreibarbeit, die die Führung eines großen, weltbekannten Hauses tagtäglich auf meinem Schreibtische sich ansammeln ließ.

Ich dachte der Tage, die anscheinend schon Jahrzehnte zurücklagen, und von denen mich doch kaum zwölf Monate trennten, als ich in der heißen, sonnendurchglühten Luft Sansibars auf der Veranda des Hotels Criterion stand, dessen Direktor ich damals gewesen war. Wo waren sie hin, die süßen Düfte der tausend Blüten und Blumen jener tropischen Insel, die scharfen aromatischen Gerüche des farbenbunten Orients? Wehten noch die kühlen Winde vom Meer flüsternd in den Palmen? und war die Musik verstummt, die leicht und schwebend durch die sternglänzenden Nächte aus dem Dunkel meiner Gärten klang, getragen von dem unfernen dumpfen Brausen der schäumenden Wellen des indischen Ozeans?

Und die Menschen jener Tage, meine Gäste, meine Freunde, gute Bekannte, wo mochten sie sein? Dunkle portugiesische Händler, blonde Kaufleute aus Deutschland und England, lachende Offiziere der Kriegsschiffe aller Völker, die Sansibar anliefen, das damals im Mittelpunkte so vieler Interessen stand, gleichmütige Weltenbummler aus allen Ländern des fernen Europa! Jeder hatte ein Anliegen, eine Frage. Jedem mußte ich irgendwie behilflich sein. Und mein Freund aus den Staaten, der unternehmungslustige Mann mit dem sonderbaren Namen: Vizetelli, der eines Tages als Vertreter des „New York Herald“ vom Winde des Schicksals mir zugeweht worden war! Er wollte, er mußte Emin Pascha entgegenziehen, Emin Pascha, der sagenumwoben tief im Sudan, tief im Innern des Schwarzen Erdteils allein Ordnung, Recht und Ruhe aufrecht erhielt. Der Ruhm Stanleys ließ Vizetelli nicht schlafen. Hatte Stanley Livingstone gefunden, so wollte Vizetelli doch wenigstens dem mächtigen Emir, Emin Pascha, entgegenziehen. Und er ließ keine Ruhe; ich mußte ihn begleiten. Verführt von seinem Enthusiasmus willigte ich ein. Zusammen brachen wir auf. Mühsam war die Reise auf dem Festlande landeinwärts. Fieber überfiel uns. Ungewohnt der Strapazen, unerfahren im Leben einer auf sich selbst gestellten Expedition, gaben wir unser Vorhaben doch nicht auf. Trotz Ermüdung, trotz Krankheit und Unglücksfällen aller Art gingen wir im jugendlichen Starrsinn eines einmal gefaßten Entschlusses immer weiter, — bis der Zusammenbruch kam. Vizetelli fand sein Grab in dem heute, ach, so fernen Ostafrika! Sein stark geschwächtes Herz funktionierte nicht mehr richtig. Das Fieber schüttelte ihn. Auf einmal lag er still. Das kranke Organ hatte seine Arbeit eingestellt. Mit Mühe erreichte ich die Küste; mit Mühe schiffte ich mich müde und in aller Lebenskraft gebrochen ein; müde erreichte ich England.

Als es mir etwas besser ging, übernahm ich die schon früher innegehabte Stellung als Leiter des Restaurant Café Royal in Regent Street, London, dem grauen, trüben, feuchten London eines grauen, trüben, feuchten November. Doch wer einmal den Orient erlebt hat, wem einmal die heiße Sonne seines fremden Himmels das Blut erwärmte, trägt die Sehnsucht nach ihm stets in sich. Seine Bilder liegen fest eingegraben in der Erinnerung, und durch alles Geschehen der blassen, kühlen Tage des Nordens leuchten sie wie durch einen Schleier, stempeln alles Tun und Treiben zu einem Schatten, einem unwirklichen, wesenlosen Traum, hinter dem das Leben der Sonnenländer ewig lockt und winkt.

So winkten auch mir die verschleierten Gestalten des Morgenlandes, seine buntgekleideten Männer, durch den Nebel Londons ernst und still zu. Hinter den Regenwolken standen — sah ich sie doch ganz genau — die hohen Palmen im Lichte der strahlenden Sonne, und zwischen den Papieren meines Schreibtisches rauschten die Blätter der Bäume meines Gartens am Hotel Criterion in Sansibar, und die Düfte seiner Blüten hingen schwer und sehnsüchtig über dem Dunst meines Kohlenfeuers im Kamin.

Da wurde mir ein Landsmann gemeldet, einer, dessen Lebensarbeit auch jenseits von Suez lag, der Besitzer zweier großer Hotels in Indien, des Charleville-Hotel in Mussoorie und des Hotel Royal in Lucknow. Erfreut ließ ich ihn eintreten, an diesem trüben Novembertage doppelt willkommen.

Doch wie groß war mein Erstaunen und meine Freude, als er mir den Vorschlag machte, meine Stellung in London aufzugeben und die Leitung seiner Hotels in Indien zu übernehmen. Keinen besseren Tag als diesen hätte er aussuchen können, um mich zu gewinnen. Ohne Zögern nahm ich an. Doch sein Vorschlag hatte einen besonderen Grund.

Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Clarence, sollte mit einem großen Gefolge das indische Kaiserreich zur Erhöhung des britischen Ansehens und zur eigenen Unterhaltung besuchen, wobei er natürlich die verschiedensten einheimischen Fürsten mit seinem Besuche „beehren“ würde.

Diese Besuche erfolgen jedoch nicht auf Einladung des betreffenden Fürsten hin, sondern der ‚Sirkar‘ (die britische Regierung in Indien) erweist ihnen die Gnade, einen englischen Prinzen oder Würdenträger bewirten zu dürfen. Inwieweit dies dem so Ausgezeichneten angenehm ist, kommt überhaupt nicht in Frage.

Da nun aber an diesen einheimischen Höfen nichts, aber auch gar nichts für die Unterbringung oder Verpflegung europäischer Gäste vorhanden ist, und da die englischen Herren und Damen mit Entrüstung jedes Eingehen auf eine Teilnahme an den Sitten und Gepflogenheiten des Landes ablehnen würden, so ist angeordnet worden, daß, wo immer der Sirkar das Stattfinden eines solchen Besuches bestimmt, die Bewirtung zwar auf Kosten des unfreiwilligen Gastgebers zu erfolgen hat, aber in allen Einzelheiten von der anglo-indischen Regierung aus geliefert wird. Die Ausführung wird dabei natürlich einem Fachmanne übertragen, der an allen diesen indischen Höfen die notwendigen Vorkehrungen zu treffen hat, um während der Dauer des Aufenthalts der hohen englischen Gäste für deren leibliches Wohlbefinden — immer auf Kosten des betreffenden Fürsten — zu sorgen.

Dieser Auftrag war nun für die Reise des Herzogs von Clarence meinem Freunde erteilt worden, der mich mit den Vorbereitungen, der Durchführung und Überwachung der Verpflegung des herzoglichen Reisevölkchens in Indien beauftragte. Denn es handelt sich bei solchen Veranstaltungen stets um eine ziemliche Anzahl von Personen, da zu dem Gefolge eine beträchtliche Dienerschar gehört. Fünfzig und noch mehr Menschen, die zu solchen Besuchsreisen mitgenommen werden, sind keine Seltenheit.

Wenn man bedenkt, daß vom Bettzeug bis zur Tischwäsche, vom Zahnstocher bis zum Weinglas, vom Kochtopf und der Bratpfanne bis zum Abwischtuch, von den Blumenvasen bis zur Eismaschine alles und jedes nicht nur vorhanden sein, sondern auch stets zur rechten Zeit und am rechten Ort vollständig ausgepackt und verwendungsbereit stehen muß, so wird auch der Laie sich einen Begriff von dem machen können, was diese Arbeit bedeutet.

Dazu kommt noch, daß nicht wahllos irgendwelches Geschirr genommen werden darf. Alles muß dem Range der betreffenden Reisenden angepaßt werden, und innerhalb des Gefolges wieder entsprechend abgestuft sein. Zu den europäischen Begleitern einer solchen Reisegesellschaft gehört aber auf indischem Boden noch ein ganzer Troß einheimischer Diener, von denen ein jeder nur einen ganz bestimmten Handgriff tut, denn alle anderen sind einem Angehörigen einer höheren oder niedereren Kaste vorbehalten. Und den einen Handgriff, der einem Jeden obliegt, tut er selbstverständlich auch nur, wenn es sich gar nicht mehr umgehen läßt. Nur bei den Mahlzeiten sind alle pünktlich zur Stelle, die jedoch ein jeder ebenfalls wieder nur für sich allein, oft auch noch unter Ausschluß jeder Berührung mit den Speisen der anderen zubereitet, verlangt.

Ich hatte also mit den Vorbereitungen dieser Verpflegungsangelegenheit die nächsten Wochen hindurch vollauf zu tun. Trotzdem gelang es mir, schon im Januar 1890 über Triest nach Indien abzureisen, wo ich mich sofort nach der herrlich im Himalaja gelegenen Bergfrische Mussoorie begab, um die Leitung des Hotels Charleville dort zu übernehmen und die im Lande selbst zu treffenden Vorkehrungen für die Reise Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Clarence in die Wege zu leiten, für Transport und Diener zu sorgen, mir Einzelheiten über die an den verschiedenen Höfen zur Aufnahme der Gäste bestimmten Räumlichkeiten zu verschaffen und mit den behördlichen Stellen Fühlung zu nehmen, in deren Hand die Leitung der Reise selbst lag.

Der Aufenthalt in der Höhenluft des 2000 Meter hoch gelegenen Mussoorie gab mir bald meine frühere jugendliche Spannkraft zurück, die der Zug mit dem unglücklichen Vizetelli vom New York Herald, Emin Pascha entgegen, bis ins Innerste erschüttert hatte.

In Mussoorie, wie in allen Bergfrischen des Himalaja, beginnt die Fremdenzeit im April, um den ganzen, im Tieflande unerträglichen, heißen Sommer über zu dauern. Mussoorie ist ein von den englischen Beamten besonders bevorzugter Ort, weil sich dort das Leben viel freier abspielen kann als in den offiziellen Erholungsplätzen wie Simla und Dardschieling, wo der Vizekönig von Indien residiert und wo es von Gouverneuren und kommandierenden Generälen wimmelt, die zu einem Teile auch Orte wie Naini Tal und Murrie unsicher machen. An Unterhaltung bietet Mussoorie eine mehr als große Auswahl. Ein Liebhaber-Theater, auf dessen Bühne sich hin und wieder eine australische Berufsschauspielertruppe verirrt, sammelt die mehr ästhetisch Veranlagten; eine Rollschlittschuhbahn bietet den mehr körperliche Bewegung Vorziehenden Gelegenheit zur Betätigung, und eine Rennbahn von allerdings nur 400 Meter Auslauf gestattet doch das Abhalten von Gymkhanas, von Polospielen und Ponyrennen.

Gegen den Herbst sollte die Rundreise des englischen Prinzen, deren Verpflegungsteil ich zu leiten hatte, beginnen. Zunächst war vorgesehen, den großen Maharatten-Staat Gwalior zu beglücken, daran anschließend die Staaten von Dschaipur und Dschodhpur, worauf Baroda und Mysore an der Reihe waren, im Lichte der hohen Gegenwart zu erglänzen.

Alle diese Staaten sind Hindustaaten, wo das heiligste aller heiligen Tiere die Kuh ist, deren Schlachten mehr als einen Mord bedeutet, denn es kann nur mit dem Tode zwar nicht gesühnt, aber bestraft werden, während das Töten eines Menschen weniger hart unter das Gesetz fällt. Die Folge dieser religiösen Anschauung nun brachte es mit sich, daß ich von den mit der Ehre des Besuches bedachten Staaten aus bestürmt wurde, doch ja die Gefühle der Fürsten und ihrer Untertanen zu schonen und kein Rindfleisch einzuführen. Um den weißen Gästen seinen Genuß zu ersetzen, war der „Durbar“, das jeörtliche fürstliche Ministerium, bereit, mir so viel Hammelfleisch, Geflügel und Wild zur Verfügung zu stellen, als ich nur wünsche. Außerdem lieferten die Staaten Fische, Geflügel und Brennholz in großen Mengen, was alles aber bei der mit der Regierung im voraus abgemachten Verpflegungspauschale überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde, und das der indische Fürst ja so wie so zu begleichen hatte. Die Verpflegung eines solchen fürstlichen Wanderlagers bietet daher dem Unternehmer recht annehmbare Vorteile, wie es ja in Indien immer ein erträgliches Geschäft bleibt, mit den Fürsten des Landes zu tun zu haben, noch dazu im Auftrage der „paramount power“, der „vorherrschenden Macht“, wie der Engländer sich hohnvoll angesichts der Machtlosigkeit der indischen Staatengebilde auszudrücken pflegt.

Gegen den Schluß unserer Rundreise in Baroda angelangt, bot sich mir die Gelegenheit, in den Dienst des dortigen Fürsten zu treten. Der englische Resident an seinem Hofe, General Sir Harry Prendergast, und seine Frau interessierten sich für mich und überzeugten den Maharadscha, daß er zur Überwachung der für seine Gäste bestimmten Paläste und zur Verpflegung seiner vielen hohen Besuche jemanden benötige, der in solchen Angelegenheiten Erfahrung, Takt und Wissen besaß.

Nachdem der Gaekwar, wie der Maharadscha von Baroda — nach dem Nisam von Haiderabad der reichste und angesehenste Fürst Indiens — mit seinem offiziellen Titel heißt, mich empfangen hatte, übertrug er mir die in Frage stehende Stellung, zu deren Annahme ich aber die Genehmigung des Vizekönigs von Indien haben mußte, denn kein indischer Fürst darf einen Europäer ohne dessen Erlaubnis in seine Dienste nehmen. Da Sir Harry Prendergast sich jedoch für mich einsetzte, machte dies weiter keine Schwierigkeiten, und ich trat meine Stellung als Palastvorsteher und Verpflegungsminister mit einem Vertrag für fünf Jahre in Baroda an, nachdem ich noch am letzten indischen Fürstenhofe, den der englische Prinz mit seinem Besuche beehrte, dem von Mysore, meines Amtes als wandernder Hoteldirektor nachgekommen war.

Schlussvignette Kapitel I