Kopfvignette Kapitel II

II.
Am Hofe des Maharadscha von Baroda

Baroda, das östlich des Golfes von Cambay an der von Bombay nach Norden, nach Ahmedabad, und weiter durch die Radschputana-Bezirke, nach Delhi führenden Bahn liegt, ist in einer weiten fruchtbaren Ebene eingebettet. Bei seiner Thronbesteigung hatte der junge Gaekwar, der Maharadscha Siyadschi Rao sogleich nach der Sitte indischer Fürsten mit dem Bau eines mächtigen Palastes begonnen, der sicher eines der größten und schönsten, wenn nicht das schönste neuere Bauwerk dieser Art in dem an prachtvollen Gebäuden reichen Indien ist.

In einem von dichten Bäumen bestandenen Park gelegen, erhebt es seine weißglänzenden Mauern aus prächtigen Gartenanlagen, die wie ein dunkelgrüner, mit dem hellen Gelb der verschlungenen Wege gemusterter Teppich vor ihm ausgebreitet liegen. Tausende von Fenstern, deren Bögen und Säulen in überall wechselnder Verschiedenheit doch zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen, erhellen hunderte und aberhunderte von kostbar ausgestatteten Gemächern.

Die herrlich gegliederte Vorderseite mit ihren säulengetragenen Vorbauten, Türöffnungen, Türen und Fenstern wirkt durch ihre Ausdehnung mehr wie ein aus dem Grün seiner Gärten emporwachsendes Märchen, denn als die Wohnung nur zu sehr erdengebundener Menschen. Überragt von einem schlanken, hohen Turm, mit schön durchbrochener Kuppellaterne gekrönt, scheinen die vielen, verschieden geformten Dachtürme nur wie Blumen, die den Stamm einer Rose umgeben.

Dieser Palast, das „Schloß des Glückes“, ‚Luxmi Vilas‘ geheißen, wurde mir bei meinem Dienstantritt in Baroda zur Ordnung der Innenräume überwiesen. Als ich ankam, waren die Zimmer mit aller Art der wertvollsten Möbel ohne jeden Gedanken einer sinngemäßen Zusammengehörigkeit vollgestellt. Goldstrotzende französische Saloneinrichtungen standen kunterbunt mit schweren englischen Eßzimmermöbeln zusammen. Lederne Klubsessel machten es sich neben breiten Messing-Bettstellen bequem. Flügel aus Palisanderholz standen neben kleinen niedrigen Sesseln einheimischer Arbeit. Auf mit seidenen Teppichen aus Buchara verhangenen Wänden hatte man riesige Spiegel in breiten Goldrahmen angebracht, und mitten im Zimmer prangte ein marmorner Waschtisch, den kupfergetriebene Kandelaber altindischer Kunst erstaunt und verlegen betrachteten.

Große Bücherschränke ohne Bücher, aber mit den sonderbarsten Gegenständen Pariser Läden gefüllt, standen auf den kühlen Treppenabsätzen, und in einer der riesigen Hallen befanden sich rings an den Wänden eine Menge zierlicher Damenschreibtische. In all dieses Wirrwarr sollte ich nun etwas wie Ordnung bringen, wozu mir ein ebenso großes wie faules Heer von Dienern zur Verfügung gestellt wurde.

Doch der Gaekwar von Baroda war in Europa gewesen. Die Sitten dieses gelobten Landes gedachte er auch seinen teuren Untertanen, wenn nicht aufzupfropfen, so doch in angenehm eingehender Form vor Augen zu führen. Nach vermutlich langem Nachdenken beschloß er den Anfang damit zu machen, daß er die Herren der Hofgesellschaft zunächst an die Gerichte der europäischen Küche und, damit verbunden, an die Eßgepflogenheiten der so außerordentlich zivilisierten Länder des Westens, die die Weltherrschaft unter sich teilen, gewöhnen wollte.

Mit Suppe und Braten, mit Fisch und Geflügel, mit Eis und Früchten sollte begonnen werden; doch mehr als Belohnung für die schwere Arbeit des Lernens, Messer und Löffel von Gabeln zu unterscheiden, Eis möglichst wenig durch Fischmesser zu zerlegen und Geflügelpasteten nicht nur mit Kaffeelöffeln und Messerbänkchen zu Leibe zu gehen.

Erfreut über seinen Gedanken ließ er mich kommen. Gründlich wie alle Inder wollte er aber am Anfang aller Gelage beginnen, nämlich in der Küche. Damit seine Hofgesellschaft sich an den Gebrauch von Mundtüchern gewöhne, war es vor allen Dingen erforderlich, eine vollständig ausgestattete europäische Kücheneinrichtung für das „Schloß des Glückes“ zu beschaffen, mit Herd und kupfernen Kasserolen, mit Wasserbad und Tellervorwärmer und all den Künsten einer kulinarischen Technik, wie sie sich in Europa entwickelt hat.

Ich erhielt also Befehl, alle diese Dinge kommen zu lassen und die Aufstellung zu überwachen. An Köchen und Küchenjungen, an Spülmädchen und Waschfrauen war kein Mangel. Sie gingen und kamen und wunderten sich. Hin und wieder ließ sich eins oder das andere dieser Mitglieder des Kochheeres herab, einen Handgriff zu tun. Da aber das Heer so groß war, konnte die Arbeit des einzelnen entsprechend klein sein, solange nur genug zu essen vorhanden blieb. Und daran mangelte es in der Küche des Gaekwar von Baroda nie.

Nun sollte ich, der erste und einzige Europäer, der jemals am Hofe des Gaekwar gewesen war, auch die Zubereitung!, die Zubereitung der europäischen Speisen! auf europäische Art — der Fürst legte, wie schon gesagt, Wert auf Gründlichkeit, und daß jedes Ding von Anfang an auch richtig angefaßt werde — überwachen.

Ich war schon dabei, mir zu überlegen, wie ich, um ganz gründlich zu verfahren, mir ein authentisches, europäisches Oberkoch-Küchenchef-Gewand beschaffen könne, als meine damals noch recht geringen Kenntnisse der indischen Sitten und Gebräuche und vor allem der komplizierten Kastenvorurteile schnell und eindringlich bereichert wurden.

So sehr der Gaekwar auch bereit war, Europäisches einzuführen, so war er trotz allem doch gezwungen, die Meinung seiner Religionsgenossen zu berücksichtigen. Dazu stand er stark unter dem Einfluß seiner Gemahlin, der Maharani, die wiederum ganz dem Drucke der gewissenlosen und hinterlistigen Brahminenpriester verfallen war.

Selbstverständlich beabsichtigten diese auf ihren Einfluß eifersüchtigen Brahminen von allem Anfang an ihr Möglichstes zu tun, um mir, dem ersten Weißen, der in die inneren Kreise des streng abgeschlossenen indischen Fürstenhofes Zutritt erlangt hatte, zu schaden.

Für sie war der Befehl des Gaekwar, ich solle die Zubereitung der Speisen für seine Europäisierungsgelage überwachen, anscheinend eine Ungeheuerlichkeit, gegen die der Untergang der Welt als nebensächliches Ereignis verblassen würde.

Als ich der erhaltenen Anordnung nachkommen wollte, trat mir der Oberhofmarschall an der Spitze sämtlicher Maharatten und Brahminen-Oberköche entgegen und bedeutete mir, unter allen Zeichen der tiefsten Erregung, daß ich die so schöne europäische Küche nicht betreten dürfe, denn dies würde gegen die Kasten-Skrupeln des Maharadscha und seiner Angehörigen, sowie der Gäste verstoßen. Die Speisen zu berühren oder zu kosten wäre gleichfalls ein Sakrilegium schlimmster Art und würde sie einfach ungenießbar machen.

Also die Küche, die ich leiten sollte, durfte ich nicht betreten, denn in Punkten des religiösen Zeremoniells war der Gaekwar ebenso machtlos wie etwa ich selbst.

Doch ich wollte versuchen, wenigstens im Speisesaal nach dem — europäisch — Rechten zu sehen, und mich, nachdem die Gäste von den Speisen gegessen hätten, durch Kosten von der richtigen Zubereitung überzeugen, um gegebenenfalls beim nächsten Male Übelstände abstellen zu können. Doch auch dies erwies sich als undurchführbar, da ich auch den Speisesaal nicht betreten durfte, ehe nicht alles abgedeckt war.

Folglich hatten meine Bemühungen, den Plänen des Gaekwar entgegenzukommen, wenig Aussicht auf Erfolg. Und ich sah auch sehr bald, daß den Herren der Hofgesellschaft der Gedanke ihres Gebieters keine rechte Freude bereitete.

Die ganze „Esserei“, um nicht von „Vielfresserei“ zu sprechen, hatte mit Europa kaum die Namen der Speisen gemein. Sie wurde am Anfang zweimal wöchentlich abgehalten. Doch keiner der Gäste fühlte sich glücklich, Messer und Gabel zu handhaben. Weiße wurden nie dazu eingeladen. Erst wenn der neue Gang, das unvermeidliche Nationalgericht „Curry mit Reis“, auf den Tisch kam, begannen die Gesichter der Geladenen aufzuleuchten. Jetzt konnten sie doch wenigstens sich mit Suppenlöffeln ordentliche Mengen zuführen, was ihrer Gewohnheit, sich den Mund mit den Fingern vollzustopfen, doch etwas näher kam, als die mühevolle Arbeit mit Messer und Gabel!

Doch schon das Zusammenessen an sich der verschiedenen Herren dieses Hofes bereitete die größten Schwierigkeiten. Mit dem Gaekwar zusammen saßen nur die Maharatten und Radschputen, Angehörige der Kriegerkaste. Die Parsi und die Mohamedaner saßen getrennt für sich an besonderen Tischen, die aber nicht auf demselben Teppich stehen durften. Wurden einheimische Christen eingeladen (Goanesische Staatsbeamte), so mußte auch für diese ein besonderer Tisch aufgestellt werden. Doch alle diese Letzteren durften nicht in dem gleichen Raume mit dem Gaekwar sitzen. Dies war nur den Angehörigen höherer Kasten, sowie Brahminen gestattet, die aber, auf ihre Würde bedacht, es mit allen Zeichen des Abscheus ablehnten, auf diese Weise zu speisen.

Mancher von ihnen jedoch, der mich in meinem Hause besuchte, nahm dort keinen Anstoß, in derselben Weise mit mir zu Tisch zu sitzen, die er im „Schloß des Glückes“ entsetzt ablehnte!

Während des Essens wurde gegessen. Dies war der augenscheinliche und nächstliegende Zweck. Zum Unterhalten hatte man noch immer Zeit. Und die nützliche Beschäftigung des Speisenverschlingens wurde nur durch die unangenehme Mühe behindert, die ein Jeder aufwenden mußte, um die anderen in der Handhabung der Bestecke zu beobachten, denn in Gegenwart des Gaekwar wollte sich keiner eines Verstoßes gegen die von dem Herrscher so hochgeachteten Gebräuche des fernen Europa zu schulden kommen lassen. Auch entschädigte ja die gute und reichliche Mahlzeit, die er ihnen als freigebiger Erzieher vorsetzen ließ, für seine sonst ziemlich unverständliche Eigentümlichkeit.

Daher lag über diesen halbwöchentlichen Erziehungsschmausereien eine sachgemäße Stille. Nur das Grunzen oder Rülpsen der Zufriedenheit des einen oder des anderen der Höflinge, der damit die baldigen Grenzen der Leistungsfähigkeit seines inneren Menschen andeuten wollte, unterbrach das laute, eintönige Schmatzen, mit dem die Minister, die hohen Staatsbeamten und Offiziere des Gaekwar von Baroda ihren vertilgerischen Lernpflichten nachkamen.

Getränke wurden bei diesen Mahlzeiten nicht gereicht, nicht einmal Wasser. Erst nach Tisch begaben sich die Gäste in den Hof des Palastes, wo die „Bisti“ — Wasserträger — ihnen am Brunnen Gelegenheit boten, sich den Mund zu spülen, was unter ohrenbetäubendem Lärm vor sich ging.

Nach einiger Zeit sah denn auch der damals noch junge Maharadscha ein, daß seine Bemühungen, durch Vermittlung seiner Hofgesellschaft europäische Begriffe unter seinen Untertanen zu verbreiten, nur zu einer Verbreiterung des Leibesumfanges der einzelnen führte, ihren Geist aber nicht zu erleuchten geeignet war. Daher stellte er diese kostspieligen Lehrfütterungen ein und setzte sich nur im Kreise vertrauter Freunde in europäischer Weise zu Tisch.

Mir machte er keine Vorwürfe, denn er begriff, daß ich ebensowenig wie er selbst etwas gegen die Macht der Brahminen ausrichten konnte. Ich hatte auch genug mit der Einrichtung von „Luxmi Vilas“ und der Unterbringung und Verpflegung der zahlreichen Staatsgäste, die sich in Baroda in ständiger Folge ablösten, zu tun.

Dadurch wurde mir aber Gelegenheit geboten, mich in umfassender Weise sportlich zu betätigen. Nicht nur nahm ich stets an den oft großartigen Jagden teil, deren Anordnung und Beaufsichtigung mit zu meinen Pflichten gehörte, sondern als Mitglied des ‚Baroda Polo Team‘, der einer der besten im westlichen Indien war, gelangte ich in diesem ebenso aufregenden wie höchstes Reitgeschick erfordernden Spiele bald zu großer Fertigkeit.

Doch dies waren nur die ersten oberflächlichen Eindrücke eines Neulings am Hofe des Maharadscha Siyadschi Rao von Baroda. Einige der Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren meines dortigen Aufenthaltes sammeln konnte, werde ich in den folgenden Kapiteln erzählen. Heiteres, Ernstes, Trauriges, Verheißungsvolles und Trübes wird sich in knappen Bildern entrollen; alles aber auf dem Boden ruhiger objektiver Beobachtung, geschärft vielleicht und deutsch beleuchtet von dem sich durch immer wachsende Erfahrung allmählich an das harte, grelle Licht der indischen Sonne gewöhnenden Blicke eines Deutschen.

Zum Verständnis aber der Verhältnisse sollen die folgenden Seiten zunächst auch einen Überblick über die sonderbaren Geschicke der beiden Fürsten selbst geben, mit denen die Laune des Zufalls mich während so langer Jahre in enge Berührung brachte: dem feinsinnigen, stolzen, gewissenhaften Gaekwar von Baroda, Maharadscha Siyadschi Rao, und der phantastischen Gestalt des starrköpfigen, sehr menschlichen Menschen, Dschagatdschit Singh, Maharadscha von Kapurthala.