o gingen die Pilger ihres Wegs, und Unwissend folgte. Bald kamen sie an eine Stelle, wo sich der Weg auf eine solche Weise teilt, daß sie den rechten Weg durchaus nicht von dem falschen zu unterscheiden wußten. Während sie noch miteinander berieten, kam ein schwarzer Mann mit einem hellstrahlenden Kleid[124] auf sie zu und fragte, warum sie hier stehengeblieben. Sie antworteten, daß sie nach der himmlischen Stadt gingen, aber nicht wüßten, welchen von beiden Wegen sie einschlagen sollten.
„Folget mir,“ sagte der Mann, „auch ich gehe dahin.“
Sie folgten ihm auf dem sich an die Straße anschließenden Weg, der aber, wie sie bald merkten, immer mehr von der himmlischen Stadt, der sie doch zustrebten, abführte, so daß sie diese schließlich gar nicht mehr sehen konnten. Dennoch folgten sie ihm; aber nach und nach, ehe sie es gewahr wurden, sahen sie sich in Schlingen verstrickt, aus denen sie, aller Anstrengung ungeachtet, sich nicht zu befreien vermochten. Der Schwarze ließ nun sein Kleid fallen, und sie erkannten, in wessen Hände sie gefallen waren. Da lagen sie nun eine geraume Zeit und schrien laut, als sie keinen Ausweg mehr finden konnten.
„Ach,“ sagte Christ zu seinem Gefährten, „nun sehe ich; daß ich mich habe in die Irre führen lassen. Sagten uns nicht die Hirten beim Abschied: Hütet euch vor dem Verführer! Nun hat sich an uns das Wort des Weisen erfüllt: Wer mit seinem Nächsten heuchelt, der breitet ein Netz aus für seine Tritte“ (Spr. 29, 5).
Hoffnungsvoll. Sie versahen uns auch mit einer genauen Beschreibung des Weges, wir haben aber nicht darin gelesen und uns nicht vor dem Weg des Mörders gehütet. Da war David weiser als wir, denn er sagt: „Ich bewahre mich in dem Wort Deiner Lippen vor Menschenwerk, vor dem Weg des Mörders“ (Ps. 17, 4).
So lagen sie nun im Netz gefangen und beweinten ihre Torheit mit heißen Tränen. Endlich sahen sie einen Glänzenden mit einer Geißel in der Hand auf sie zukommen.
„Woher kommt ihr?“ fragte er, „und was tut ihr hier?“
„Wir sind arme Pilgrime,“ antworteten sie, „und wandern nach Zion. An jenem Scheideweg hat uns ein schwarzer Mann in einem hellen Kleid vom Weg abgeführt. Wir sollten ihm nur folgen, sagte er, er gehe auch nach Zion.“
„Das ist ein Verführer, ein falscher Apostel, der sich in einen Engel des Lichts verstellt hat,“ sprach der Glänzende, indem er die Schlingen auseinanderriß. „Folgt mir!“ fuhr er fort und führte sie auf den rechten Weg zurück.
„Wo habt ihr zuletzt geruht?“ fragte er.
„Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen,“ antworteten sie.
„Haben sie euch nicht eine Beschreibung des Weges mitgegeben?“
„Ja.“
„Habt ihr nicht am Scheideweg in dieser Beschreibung nachgesehen?“
Sie mußten bekennen, daß sie dies nicht getan, daß sie es gänzlich vergessen hatten.
„Haben euch die Hirten nicht vor dem Verführer gewarnt?“ fragte der Glänzende weiter.
„Ja,“ sagten die Pilger, „aber wir ahnten nicht, daß es dieser angenehme, süßredende Mann sein könnte[125].“
Hierauf stellte er ihnen ihre große Torheit vor Augen, befahl ihnen, sich niederzulegen, und züchtigte sie scharf mit seiner Geißel. „Welche ich liebhabe,“ sprach er, „die strafe und züchtige ich[126]. So seid nun fleißig und tut Buße (Offenb. 3, 19). Geht nun weiter und achtet genau auf die andern Anweisungen der Hirten!“
So bedankten sie sich für alle ihnen erwiesene Güte und wanderten vorsichtig weiter auf dem richtigen Weg, indem sie sangen:
Nach kurzer Zeit erblickten sie auf der Straße einen Mann, der langsam und ohne Begleitung ihnen entgegenkam. Da sprach Christ zu seinem Gefährten: „Dort sehe ich einen Mann auf uns zukommen, der Zion den Rücken gekehrt hat.“
Hoffnungsvoll erwiderte: „Ich sehe ihn wohl; laß uns nun auf unsrer Hut sein, vielleicht ist er auch ein Verführer.“
Als er nun — sein Name war Atheist (Gottesleugner) — mit den Pilgern zusammentraf, redete er sie an und fragte nach dem Ziel ihrer Reise.
„Wir gehen,“ antwortete Christ, „nach dem Berg Zion.“
Bei diesen Worten brach Atheist in ein lautes Gelächter aus.
Christ. Was soll dein Gelächter bedeuten?
Atheist. Daß ihr so unwissende Menschen seid und einen so beschwerlichen Weg geht, von dem ihr nichts als Elend ernten werdet.
Christ. Warum? Meinst du, wir würden nicht angenommen werden?
Atheist. Nicht angenommen? Es gibt in der ganzen weiten Welt keinen solchen Ort, wie ihr euch träumen lasset.
Christ. In dieser Welt allerdings nicht, aber in der zukünftigen.
Atheist. Auch ich habe in meinem Vaterland von dieser Stadt gehört, ich habe mich aufgemacht, sie zu sehen, habe nun zwanzig Jahre lang gesucht und nichts gefunden[127].
Christ. Wir beide haben es nicht nur gehört, sondern es auch geglaubt, daß es eine solche Stadt gibt.
Atheist. Hätte ich es damals nicht auch geglaubt, ich wäre nicht so weit gegangen, um sie zu suchen. Wäre sie zu finden gewesen, ich hätte sie gefunden, denn ich bin weiter gekommen als ihr. Da ich aber nichts fand, kehrte ich wieder um und will nun lieber das Leben genießen, als mich eitler Hoffnungen zu getrösten.
„Sollte es wohl wahr sein, was dieser Mann sagt?“ sprach Christ, indem er sich zu seinem Gefährten wandte.
„Hüte dich,“ antwortete Hoffnungsvoll, „dies ist ein Verführer. Wieviel hat es uns schon gekostet, daß wir einem solchen Menschen Gehör gaben! Wie? es sollte keine himmlische Stadt geben? Haben wir nicht von den lieblichen Bergen aus schon ihre Tore erblickt? Sollten wir nicht auch jetzt im Glauben wandeln[128]? Laß uns vorwärts gehen, sonst möchte der Mann mit der Geißel wieder über uns kommen. Du hättest mir die Ermahnung geben sollen, die ich dir jetzt zurufen muß: Laß ab, mein Sohn, zu hören die Zucht, und doch abzuirren von vernünftiger Lehre (Spr. 19, 27). Ja, ich sage: Höre nicht auf den Verführer, mein Bruder, laß uns glauben, auf daß wir unsre Seelen erretten“ (Hebr. 10, 39).
Christ. Ich weiß es wohl, lieber Bruder, ich zweifelte nicht an der Wahrheit unsres Glaubens, ich wollte dich nur prüfen und mich über die Festigkeit deines Glaubens freuen. Dieser Mann ist verblendet von dem Gott dieser Welt[129]. Wir wollen gehen, denn wir erkennen die Wahrheit, und in der Wahrheit ist keine Lüge (1. Joh. 2, 21).
Hoffnungsvoll freute sich und sprach: „Wie wird uns sein, wenn wir die Herrlichkeit Gottes sehen!“
Sie wandten sich also von diesem Mann ab, der ihrer lachte und seines Weges ging.
Bald darauf kamen die Pilger in eine gewisse Gegend, wo die Schwere der Luft den Wanderer matt und schläfrig macht. Hoffnungsvoll fühlte sich denn auch hier auf einmal so dumpf und träge, daß er seine Augen kaum noch offen halten konnte. „Laß uns hier ein wenig schlummern,“ sagte er zu seinem Gefährten.
„Nicht einen Augenblick,“ versetzte jener, „wir möchten sonst schlafen, um nie wieder aufzuwachen.“
„Warum, mein Bruder?“ sagte Hoffnungsvoll. „Ist doch der Schlaf dem Wanderer süß, und wir würden nachher desto frischer weiterziehen.“
Christ. Erinnerst du dich der Warnung des Hirten nicht mehr, auf dem bezauberten Grund zu schlafen? So laß uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laß uns wachen und nüchtern sein! (1. Thess. 5, 6).
Hoffnungsvoll. Ich erkenne meinen Fehler; wäre ich hier allein gewesen, ich wäre in den Todesschlaf versunken. Wie wahr ist es doch, was der Weise sagt: „Zwei sind besser als einer“ (Pred. 4, 9). Bis hierher ist mir deine Gesellschaft zum Segen gewesen, und du wirst für deine Treue wohl belohnt werden.
Christ. Komm denn, laß uns, um uns der Schläfrigkeit an diesem Ort zu erwehren, ein nützliches Gespräch miteinander führen.
Hoffnungsvoll. Von Herzen gern.
Christ. Womit wollen wir denn anfangen?
Hoffnungsvoll. Wir wollen zuerst von dem reden, wie Gott angefangen hat, sich unser anzunehmen.
„Gut,“ sprach Christ, „aber zuvor laß mich dir noch etwas vorsingen:
„Und nun,“ fuhr er fort, „sag mir doch einmal: Was brachte dich denn eigentlich zuerst auf den Gedanken, dich auf die Pilgerreise zu begeben?“
Hoffnungsvoll. Du meinst wohl, was mir den ersten Anstoß gab, auf das Heil meiner Seele bedacht zu sein.
Christ. Ja, das meine ich.
Hoffnungsvoll. Ich ergötzte mich lange an den Dingen, die auf unserm Jahrmarkt zu sehen und zu kaufen waren, die mich aber schließlich, wenn ich mich nicht von ihnen losgemacht hätte, ohne Zweifel ins Elend und Verderben gestürzt haben würden.
Christ. Was für Dinge waren denn das?
Hoffnungsvoll. Mein Herz hing an den Gütern und Vergnügungen der Welt, ich entheiligte den Namen und den Tag des Herrn, ich hatte große Freude an Schmausereien und Trinkgelagen, ich verfiel in Lüge und Unzucht. Aber da hörte ich von dir und deinem lieben Getreu, der um des Glaubens willen auf dem Eitelkeitsmarkt sein Leben ließ, daß das Ende aller dieser Dinge der Tod sei und daß um ihretwillen der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens komme (Eph. 5, 6).
Christ. Warst du sogleich von dieser Wahrheit überzeugt?
Hoffnungsvoll. Nein, anfangs widerstand ich noch, ich wollte es nicht erkennen, daß die Sünde ein so großes Übel, daß sie die Ursache der Verdammnis sei. Wurde ich von dem Wort des Herrn getroffen, so suchte ich meine Augen vor dem Licht zu verschließen.
Christ. Was war aber die Ursache, daß du den ersten Wirkungen des Geistes Gottes also widerstrebtest?
Hoffnungsvoll. Die Ursachen waren diese: 1. Ich wußte nicht, daß dies Gottes Werk in mir war, ebensowenig daß Gott bei der Bekehrung eines Sünders damit anfängt, indem Er ihn zur Erkenntnis der Sünden bringt; 2. war mir die Sünde noch sehr angenehm, und ich war nicht geneigt, mich von ihr zu scheiden; 3. mochte ich meine alten Freunde nicht aufgeben, da mir ihre Gesellschaft ein Genuß war, und 4. wurde ich zuweilen durch das immer mehr aufwachende Gewissen von einer unerträglichen Unruhe befallen.
Christ. Du wurdest also, wie es scheint, zeitweise deiner Unruhe los?
Hoffnungsvoll. Allerdings, aber sie verließ mich nur, um bald wieder in verstärktem Maße zurückzukehren.
Christ. Aber was war es denn, was dir deine Sünden immer wieder aufs neue zu Gemüte führte?
Hoffnungsvoll. Mancherlei, z. B. wenn ich einem Frommen auf der Straße begegnete, wenn ich ein Wort der Heiligen Schrift zu hören bekam, ja, wenn mich die geringste Unpäßlichkeit anwandelte, wenn ich von der Krankheit oder dem Tod eines Nachbarn hörte, so wachte die Angst meines Herzens wieder auf, ich sah mich schon auf dem Sterbebett, ja vor dem Richterstuhl des Allwissenden.
Christ. Hast du es nicht dann und wann versucht, diese quälenden Gedanken von dir abzuschütteln?
Hoffnungsvoll. Suchte ich dieser Unruhe zu entgehen, so wurde sie desto größer, und die Stimme des Gewissens ließ sich desto vernehmlicher hören; wollte ich zur sündlichen Ergötzung zurück, so verdoppelte sich meine Qual.
Christ. Und wie machtest du es dann?
Hoffnungsvoll. Ich dachte, ich müsse mich bestreben, mein Leben zu bessern, sonst würde ich gewiß verdammt werden.
Christ. Und hast du wirklich den Versuch gemacht, dich zu bessern?
Hoffnungsvoll. Ja, ich mied nicht nur meine Sünden, sondern auch meine bisherigen Freunde; ich fing auch an zu beten und zu lesen, ich beweinte meine Sünden, ich bemühte mich, mit meinem Nächsten die Wahrheit zu reden und was dergleichen religiöse Übungen mehr sind, die ich nun nicht alle aufzählen will.
Christ. Und wurdest du dadurch befriedigt?
Hoffnungsvoll. Eine Zeitlang wohl, ich freute mich meiner Besserung; aber plötzlich überfiel mich wieder die vorige Angst.
Christ. Wie kam das, da du dich doch nun gebessert hattest?
Hoffnungsvoll. Diese erneute Unruhe wurde namentlich durch folgende Sprüche hervorgebracht: „Alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid“ (Jes. 64, 5). „Durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht“ (Gal. 2, 16). „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Luk. 17, 10) und andre ähnliche Stellen. Daraus zog ich nun den Schluß: Wenn alle meine Gerechtigkeit wie ein unflätig Kleid ist, wenn durch des Gesetzes Werke niemand gerecht wird und wir dennoch unnütze Knechte sind, selbst, wenn wir unsre Schuldigkeit erfüllt haben, so ist es ja eine Torheit, daß ich durch die Werke des Gesetzes die Seligkeit verdienen will. Zum Beispiel: jemand ist einem Kaufmann tausend Mark schuldig, auch wenn er nachher alles andre sogleich bezahlt, was er von ihm bezieht, so bleiben doch die tausend Mark im Schuldbuch stehen, und der Kaufmann kann den Schuldner in das Gefängnis bringen lassen, bis er alles bezahlt hat.
Christ. Wie hast du das auf dich selber angewandt?
Hoffnungsvoll. In dem Buch des allwissenden Gottes, so sagte ich mir, stehen alle meine Sünden, steht meine große Schuld verzeichnet. Wenn ich mich nun auch bessere, wer tilgt meine alte Schuld aus Gottes Buch? Wie will ich der Verdammnis entgehen, die ich durch meine früheren Übertretungen verdient habe?
Christ. Das ist eine sehr gute Anwendung, aber fahre bitte fort!
Hoffnungsvoll. Betrachtete ich überdies mein gegenwärtiges Leben genau, so entdeckte ich immer neue Sünden, ich entdeckte Sünden an meinen besten Werken; ich sah mein grundloses Verderben, und mein Herz wollte verzweifeln. Hatte ich mich früher recht gedünkt, so fand ich nun an einem einzigen Werk so viele Sünden, daß sie allein schon mich hätten verdammen müssen, wäre auch mein übriges Leben engelrein gewesen.
Christ. Und was fingst du nun an?
Hoffnungsvoll. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, bis mich Getreu entdeckte, den ich noch von früher her kannte. Kannst du nicht, so sagte er mir, die Gerechtigkeit eines Menschen erlangen, der niemals gesündigt hat, so kann dich die Gerechtigkeit der ganzen Welt nicht retten.
Christ. Glaubtest du seinen Worten?
Hoffnungsvoll. Hätte er mir das damals gesagt, als ich an meiner Selbstbesserung Gefallen hatte, so hätte ich ihn wohl für einen Narren gehalten. Da ich nun aber gedemütigt war und die Schwachheit und Sünde kannte, die meinen besten Taten anklebten, so mußte ich ihm wohl recht geben.
Christ. Aber was hast du dabei gedacht, als er dir von einem völlig sündlosen Mann sagte, von einem Reinen unter denen, da keiner rein ist?
Hoffnungsvoll. Anfangs freilich, das muß ich gestehen, klangen mir seine Worte wie ein Märlein; doch wurde ich im weitern Verlauf des Gesprächs vollkommen davon überzeugt.
Christ. Fragtest du nicht, wer der Mann sei und wie du durch Ihn gerechtfertigt werden könntest?
Hoffnungsvoll. Ja; und er sagte mir, daß es der Herr Jesus sei, der da sitzt zu der Rechten der Majestät in der Höhe (Hebr. 1, 3). „Durch Ihn allein,“ fuhr er fort, „kannst du gerecht werden; du mußt vertrauen auf alles, was Er in den Tagen Seiner Erniedrigung getan, was Er am Stamm des Kreuzes erduldet hat[130].“ Ich fragte ihn weiter, wie dieses Mannes Gerechtigkeit eine solche Kraft und Gültigkeit haben könne, einen andern vor Gott zu rechtfertigen. Er sprach zu mir, daß Er der allmächtige Gott wäre, was Er getan und gelitten, sei um meinetwillen geschehen, Sein Gehorsam und Seine Genugtuung werden mir zugute kommen, wenn ich an Ihn glaube[131].
Christ. Und was tatest du nun weiter?
Hoffnungsvoll. Ich gab es zu, daß der Herr wohl die Sünden der Welt getragen habe, daß Er allen andern Menschen ein gnädiger Heiland sei, aber ich konnte nicht glauben, daß Er auch mich erretten wolle.
Christ. Und was hat Getreu dir darauf geantwortet?
Hoffnungsvoll. Er ermunterte mich, zu dem Herrn zu gehen. Ich hielt dies für Vermessenheit, bis er mir versicherte, daß ich ja eingeladen sei, zu Ihm zu kommen[132]. Er gab mir alsdann ein Buch, vom Herrn selbst eingegeben, um mich desto beherzter zu machen, die Einladung anzunehmen; und er bezeugte von diesem Buch, daß jedes Wort, jeder Buchstabe fester stehe als Himmel und Erde[133]. Hierauf fragte ich, was ich tun müßte, wenn ich zu Ihm käme. Getreu erwiderte, daß ich auf den Knien[134] vom Grunde meines Herzens den Vater im Himmel anflehen müßte[135], daß Er mir Seinen Sohn wolle offenbaren[136]. Ich fragte weiter, wie ich Ihm meine Bitten vortragen müßte: „Du findest Ihn,“ sagte er, „das ganze Jahr auf dem Thron der Gnade, um Vergebung der Sünden zu schenken allen, die zu Ihm kommen[137].“ Nun wandte ich noch ein, ich wisse nicht, was ich sagen sollte, wenn ich zu Ihm käme. Da hieß er mich also beten: „Gott, sei mir Sünder gnädig; verleihe es mir, Deinen Sohn zu erkennen und an Ihn zu glauben; denn ich weiß, daß ich ohne Seine Gerechtigkeit und ohne den Glauben an Ihn auf ewig verloren bin. Herr, ich habe gehört, daß Du ein barmherziger Gott bist, daß Du Deinen Sohn verordnet hast zum Heiland der Welt und daß Du willig bist, Ihn den armen Sündern zu schenken, — und wahrlich, ich bin ein großer Sünder! Herr, hier bin ich, erhöre mich und verherrliche Deinen Namen und errette meine Seele durch Deinen Sohn Jesus Christus! Amen.“
Christ. Und hast du getan, wie er dich’s lehrte?
Hoffnungsvoll. Ja, freilich, und das nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Christ. Und wurde dir der Sohn Gottes geoffenbart?
Hoffnungsvoll. Ich mußte mich oft auf meine Knie niederwerfen und immer wieder beten; aber wie ehern war der Himmel über mir.
Christ. Was tatest du denn da?
Hoffnungsvoll. Ja, ich wußte wirklich nicht, was ich tun sollte.
Christ. Kam dir nie der Gedanke, vom Beten abzulassen?
Hoffnungsvoll. Jawohl, unzähligemal.
Christ. Aber wie kam es, daß du es doch nicht tatest?
Hoffnungsvoll. Ich war mir dessen bewußt, daß ohne die Gerechtigkeit Christi mich die ganze Welt nicht erretten konnte. Unterlasse ich das Beten, dachte ich, so muß ich sterben, und das Ärgste, was mir vor dem Thron der Gnade widerfahren kann, ist auch nur der Tod. In diesem Augenblick kam mir das Wort des Propheten in den Sinn: „Ob auch die Erfüllung der Verheißung verzieht, so harre ihrer: sie wird gewiß kommen und nicht ausbleiben“ (Hab. 2, 3). Also verharrte ich im Gebet, bis mir der Vater den Sohn offenbarte.
Christ. Und wie ward Er dir denn geoffenbart?
Hoffnungsvoll. Ich sah Ihn nicht mit meinen leiblichen Augen, aber mit den Augen meines Verständnisses, und das ging also zu: Eines Tages war ich über die Maßen betrübt, die Menge und Größe meiner Sünden beugten mich in den Staub. Von ganzem Herzen hatte ich gebetet, und es kam keine Hilfe. Bin ich verloren? Bin ich auf ewig von Dir verstoßen, mein Gott? Und während ich von solchen Gedanken erfüllt war, dünkte es mich, als ob sich der Himmel öffnete und der Herr Jesus auf mich niederblickte und mir zuriefe: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig werden!“ (Apostelg. 16, 31.) „Ach, Herr,“ sagte ich, „ich bin ein großer, sehr großer Sünder.“ Und Er antwortete: „Laß dir an Meiner Gnade genügen!“ (2. Kor. 12, 9.) „Was ist Glauben?“ fragte ich. „Wie soll ich glauben?“ Er sprach: „Wer zu Mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an Mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“ (Joh. 6, 35). Und ich verstand, daß Glauben und Kommen ein und dasselbe sei, und daß jeder, der sich von Grund der Seele nach der Erlösung durch Jesus Christus sehnt, wahrhaftig an Ihn glaubt. Mit Tränen fragte ich weiter: „Aber, Herr, kannst Du denn wirklich einen so großen Sünder, wie ich bin, annehmen und selig machen?“ Und ich hörte Ihn sagen: „Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6, 37). Darauf sagte ich: „Aber wie muß ich Dich betrachten, wenn ich komme, damit mein Glaube der rechte sei?“ Er antwortete: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen (1. Tim. 1, 15); Er ist des Gesetzes Ende; wer an Ihn glaubt, der ist gerecht (Röm. 10, 4); Er ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt (Röm. 4, 25); Er hat uns geliebt und gewaschen von den Sünden mit Seinem Blut (Offenb. 1, 5); Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim. 2,5); Er lebt immerdar und bittet für uns“ (Hebr. 7, 25). Aus alledem kam ich zu der Erkenntnis, daß ich die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein im Sohn und die Versöhnung für meine Sünden in Seinem Blut suchen müsse; denn alles, was Er aus Gehorsam gegen den Willen Seines Vaters getan, und daß Er die Strafe auf sich genommen, sei nicht geschehen für Ihn, sondern für die, welche solches zu ihrer Seligkeit annehmen und Ihm dafür dankbar sind. Darüber ward mein Herz voller Freude, meine Augen voll Tränen, ich glühte in Liebe zu dem Herrn Jesus Christus, zu Seinem Volk und hatte Lust zu Seinen Wegen.
Christ. Das war in der Tat eine Offenbarung Christi an deiner Seele. Aber sage mir doch, was für eine Wirkung dieses auf deinen Geist hatte.
Hoffnungsvoll. Es ging mir darüber ein Licht auf, daß die ganze Welt, trotz ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit, der Verdammnis anheimfallen wird. Ich erkannte, daß Gott der Vater, Seiner Gerechtigkeit unbeschadet, den Sünder, der um Gnade fleht, rechtfertigen kann. Ich blickte mit tiefer Beschämung auf mein Leben, auf meine große Unwissenheit zurück, denn nie vorher hatte ich etwas von dieser Schönheit und Herrlichkeit Jesu Christi geahnt. Ich sehnte mich nach einem heiligen Leben, ich sehnte mich, den Namen des Herrn Jesus zu ehren und zu verherrlichen. Ja, jeden Tropfen Blutes in meinen Adern wollte ich zur Ehre des Herrn vergießen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß Hoffnungsvoll sich umwandte, und da er Unwissend nachkommen sah, sprach er zu Christ: „Sieh doch, wie dieser junge Mann so gemächlich hinter uns hergeht!“
Christ. Ich sehe es wohl, er meidet unsre Gesellschaft.
Hoffnungsvoll. Aber ich denke, es würde ihm nichts geschadet haben, hätte er bisher mit uns Schritt gehalten.
„Das meine ich auch,“ erwiderte Christ, „aber hierüber wird er andrer Meinung sein.“
Sie beschlossen nun, noch einen Versuch zur Rettung seiner Seele zu wagen. Sie erwarteten ihn, und Christ redete ihn liebreich an: „Warum wanderst du ganz allein?“
„So ist es mir lieber,“ antwortete Unwissend, „als mit einer Gesellschaft zu gehen, die mir nicht zusagt.“
Christ sprach im Flüsterton zu Hoffnungsvoll: „Sagte ich dir’s nicht, daß wir ihm nicht genehm sind?“ und fuhr fort, sich an Unwissend wendend: „Nun, wie geht es dir? Wie steht es zwischen Gott und deiner Seele?“
Unwissend. Ich hoffe gut; denn mein Herz ist immer voll von guten Gedanken, die mir meine Wanderschaft versüßen.
Christ. Sage uns, bitte, was sind das für gute Gedanken?
Unwissend. Ich beschäftige mich mit Gott und dem Himmel.
Christ. Das tun die Teufel und die verdammten Seelen auch.
Unwissend. Aber ich denke nicht nur daran, sondern habe auch ein Sehnen danach.
Christ. Das haben ihrer viele, die doch nicht ins Himmelreich kommen werden. Der Faule begehrt und kriegt’s doch nicht (Spr. 13, 4).
Unwissend. Ich habe aber um ihrerwillen alles verlassen.
Christ. Das bezweifle ich; denn alles zu verlassen ist schwerer, als sich’s viele einbilden. Aber sage mir doch einmal, was gibt dir die Überzeugung, daß du um Gottes und des Himmels willen alles verlassen hast?
Unwissend. Das sagt mir mein eigenes Herz.
Christ. Der Weise spricht: „Wer sich auf sein Herz verläßt, ist ein Narr“ (Spr. 28, 26).
Unwissend. Das ist gesagt von einem bösen Herzen; aber mein Herz ist gut.
Christ. Wie willst du das beweisen?
Unwissend. Es tröstet mich mit der Hoffnung des Himmels.
Christ. Damit kann es dich aber sehr betrügen; denn das Herz kann den Menschen mit Hoffnungen trösten, die zu hoffen er gar keinen Grund hat.
Unwissend. Aber mein Herz und Leben stimmen überein, und darum ist meine Hoffnung wohl begründet.
Christ. Wer gibt denn dir das Zeugnis, daß dein Herz und Wandel übereinstimmen?
Unwissend. Mein Herz selbst sagt es mir.
Christ. Also wiederum dein Herz. Darüber kann nur Gottes Wort entscheiden, jedes andre Zeugnis hat hierin keinen Wert.
Unwissend. Aber ist das nicht ein gutes Herz, das gute Gedanken hat? Und ist das nicht ein gutes Leben, das mit Gottes Geboten übereinstimmt?
Christ. Ja, das ist ein gutes Herz, das gute Gedanken hat, und das ist ein gutes Leben, das mit den Geboten Gottes übereinstimmt; aber es ist ein Unterschied, etwas zu haben oder es sich nur einzubilden.
Unwissend. Bitte, was nennst du denn gute Gedanken und ein Leben, das mit Gottes Geboten übereinstimmt?
Christ. Es gibt gute Gedanken verschiedener Art: einige betreffen uns selbst, andre Gott, andre Christus, oder sie haben irgendein andres Ziel.
Unwissend. Was sind denn gute Gedanken in bezug auf uns selbst?
Christ. Solche, die mit dem Wort Gottes übereinstimmen.
Unwissend. Wann stimmen denn unsre Gedanken über uns selbst mit dem Wort Gottes überein?
Christ. Wenn wir dasselbe Urteil über uns fällen, welches Gottes Wort fällt. Um mich deutlicher auszudrücken, so sagt das Wort Gottes von den Menschen in ihrem natürlichen Zustand: „Da ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer; sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer“ (Röm. 3, 10. 12) und: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf und immerdar“ (1. Mos. 6, 5; 8, 21). Wenn wir nun so von uns selber denken und das in uns selbst empfinden, dann sind es gute Gedanken, weil sie mit Gottes Wort im Einklang stehen.
Unwissend. Ich werde niemals glauben, daß mein Herz so böse sei. Ich habe ein gutes Herz.
Christ. So hast du eben in deinem Leben noch keine guten Gedanken über dich selbst gehabt. — Aber höre mich weiter: So wie das Wort Gottes unser Herz richtet, so richtet es auch unsern Wandel. Wenn nun die Gedanken unsers Herzens und unsre Wege mit diesem Urteil übereinstimmen, so sind beide gut.
Unwissend. Erkläre dich deutlicher!
Christ. Gottes Wort sagt von den Menschen, daß sie die rechte Bahn verlassen haben (Spr. 2, 13), den Weg des Friedens nicht wissen (Röm. 3, 17), ihren Weg verkehren (Spr. 2, 15) und auf ihre krummen Wege abweichen (Ps. 125, 5). Wenn nun ein Mensch mit tiefgebeugtem Herzen so von seinem Wandel denkt, dann hat er gute Gedanken darüber, weil sie mit dem göttlichen Wort übereinstimmen.
Unwissend. Was nennst du gute Gedanken in bezug auf Gott?
Christ. Ebenfalls diejenigen, die von Seinem Wesen und von Seinen Eigenschaften das denken, was Sein Wort davon zeugt, worüber ich mich jetzt nicht näher aussprechen möchte. Um aber noch Gottes Verhältnis zu uns zu erwähnen, so haben wir darin richtige Gedanken von Ihm, wenn wir daran denken, daß Er uns besser kennt, als wir uns selbst kennen, daß Er Sünde an uns bemerkt, die vor unsern Augen verborgen ist[138]; wenn wir uns ferner dessen bewußt, daß unsre heimlichsten Gedanken Ihm bekannt und vor Seinem Flammenauge die verborgensten Falten unsers Herzens bloß und aufgedeckt sind[139]; wenn wir weiter daran denken, daß unsre eigene Gerechtigkeit vor Ihm ein Greuel ist, und daß Er es nicht dulden kann, wenn wir auch nur das geringste Vertrauen auf unsre Werke setzen wollten.
Unwissend. Hältst du mich denn für einen solchen Tor, als ob ich nicht an Gottes Allwissenheit glaubte oder mich vor Gott auf meine guten Werke verlassen wollte?
Christ. Nun, wie denkst denn du in dieser Sache?
Unwissend. Ich glaube so gut wie du an Christus und hoffe durch den Glauben an Ihn selig zu werden.
Christ. O wie kannst du an Christus glauben, da du dich für so vortrefflich hältst? Nur ein geängsteter Geist, nur ein zerschlagenes Herz sucht den Erlöser und findet Ihn; nur Sünder macht der Heiland selig; du aber hast den bodenlosen Abgrund deines verdorbenen Herzens nicht erkannt und ebensowenig, daß wir nur durch Christi Blut und Gerechtigkeit vor Gott bestehen können. Wie kannst du noch sagen, du glaubest an Christus?
Unwissend. Du kannst sagen, was du willst — mein Glaube ist rechtschaffen.
Christ. Wie lautet dein Glaubensbekenntnis?
Unwissend. Ich glaube, daß Christus für die Sünder gestorben ist und daß Gott in Ansehung meines Gehorsams gegen Sein Wort aus Gnaden mich rechtfertigen und vom Fluch erlösen wird. Oder mit andern Worten: Christus macht kraft Seines Verdienstes meine gottesdienstlichen Übungen vor Seinem himmlischen Vater angenehm, und so werde ich gerechtfertigt[140].
Christ. Erlaube mir eine Antwort auf dieses dein Glaubensbekenntnis:
1. Du hast einen eingebildeten Glauben, der mit Gottes Wort nicht im Einklang steht.
2. Dein Glaube ist falsch, weil er die Rechtfertigung durch die Gerechtigkeit Christi beiseitesetzt und sie deiner eigenen beimißt.
3. Nach diesem Glauben rechtfertigt Christus nicht deine Person, sondern deine Handlungen und deine Person nur um deiner Handlungen willen, und das ist grundfalsch.
4. Dieser Glaube ist betrüglich und wird dich an dem großen Tag der Offenbarung der göttlichen Gerichte zuschanden werden lassen: Denn durch den wahrhaft rechtfertigenden Glauben erkennt die Seele, daß sie durch das Gesetz verlorengeht, und nimmt ihre Zuflucht zu der Gerechtigkeit Christi. Die Gerechtigkeit Christi dient nicht dazu, deinen Gehorsam zu deiner Rechtfertigung vor Gott angenehm zu machen, sondern dich selbst vor Ihm zu rechtfertigen; und diese Gerechtigkeit hat Er uns dadurch erworben, daß Er durch Sein Tun und Leiden an unsrer Statt die Forderungen des Gesetzes erfüllte. Der wahre Glaube nun ergreift diese Gerechtigkeit, und in dieses Kleid gehüllt und so geschützt, wird die Seele Gott dargestellt ohne irgendeinen Makel, von Ihm angenommen und von der Verdammnis freigesprochen.
Unwissend. Wie, Christi Tun und Leiden sollte zu unsrer Rechtfertigung vor Gott ausreichen, ohne daß wir etwas dazu tun? Dann könnte ja jeder nach seinem Belieben in Sünden leben; denn was liegt daran, wie wir leben, wenn wir durch die Gerechtigkeit, welche Christus selbst vollbracht hat, gerecht werden, so wir es nur glauben?
Christ. Unwissend ist dein Name, und unwissend bist du auch. Eben deine Antwort bestätigt meine Worte. Unwissend bist du in dem, was rechtfertigende Gerechtigkeit ist, und ebenso unwissend darin, wie du durch den Glauben an dieselbe deine Seele vor dem Zorngericht Gottes retten mögest. Ja, hättest du nur ein Fünklein Glauben an den Erlöser, du würdest wissen, daß Seine überschwengliche Gnade in dem Herzen des Erlösten eine brennende Liebe erweckt gegen Seinen Namen, Sein Wort, Seine Wege und Sein Volk, daß er dann nicht in der Sünde beharren kann, sondern dem zu leben trachtet, der ihn so teuer erkauft hat.
Hoffnungsvoll. Frage ihn einmal, ob Christus sich je ihm offenbart hat in seinem Herzen.
Unwissend. Offenbaren? Kann auch ein vernünftiger Mensch an Offenbarungen glauben? Ich glaube, daß alles, was ihr beide und euresgleichen von diesen Sachen sprecht, nichts andres als das Erzeugnis eines kranken Gehirns ist.
Hoffnungsvoll. Armer junger Mann, du weißt nicht, daß der Mensch Christus nicht erkennen kann, es sei denn, daß ihm der Sohn vom Vater offenbart werde.
Unwissend. Das ist euer Glaube, aber der meine nicht. Ich zweifle jedoch nicht, daß der meine ebensogut ist wie der eure, wenn ich gleich nicht so viele Grillen im Kopf habe wie ihr.
Christ. Gestatte mir, ein Wort dareinzureden. Es ist ganz ungeziemend, von dieser Sache so verächtlich zu reden. Wie mein lieber Gefährte es getan, so bezeuge auch ich es freimütig, daß niemand Jesus Christus recht erkennen kann als durch die Offenbarung Gottes des Vaters[141]. Auch der Glaube, durch welchen die Seele Christus ergreift, muß, wenn er rechter Art sein soll, durch die überschwengliche Größe Seiner mächtigen Kraft gewirkt werden (Eph. 1, 19). Von der Wirkung dieses Glaubens ist dir, wie ich merke, noch nichts bekannt. So wache denn auf, laß deinen Hochmut fahren, demütige dich und flehe um Gnade! So wirst du durch Seine Gerechtigkeit, welche die Gerechtigkeit Gottes ist, von der Verdammnis erlöst werden.
Unwissend. Mit euch kann ich nicht Schritt halten; geht voraus, ich will ein wenig hinter euch bleiben.
Sie versuchten es noch einmal, ihn zurückzuhalten, und sprachen:
Christ wandte sich nun zu seinem Gefährten und sprach: „Komm, lieber Hoffnungsvoll, ich sehe, daß wir wieder allein wandern müssen!“
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie ihre Schritte beschleunigten, während Unwissend hintennachhinkte.
„Mich dauert dieser arme Mann sehr,“ sagte Christ zu Hoffnungsvoll, „es wird sicherlich ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.“
Hoffnungsvoll. Ach, solcher Leute gibt es viele in unsrer Stadt, ganze Familien, ja ganze Straßen und sogar Pilgrime. Und sind sie schon bei uns in solcher Menge vertreten, wie viele werden ihrer erst in Unwissends Heimat sein!
Christ. Ja, es erfüllt sich an ihnen das Wort: „Er hat ihre Augen verblendet, daß sie nicht sehen“ (Joh. 12, 40). Aber — da wir ja allein sind — sage mir doch, was denkst du von diesen Leuten? Glaubst du, daß sie nie eine Überzeugung von ihren Sünden haben und folglich nie über ihren gefährlichen Zustand in Furcht geraten?
Hoffnungsvoll. Beantworte du bitte diese Frage selbst, du bist der Ältere.
Christ. Nun ja, das will ich gerne tun. Ich denke, zuweilen mag das wohl der Fall sein, daß sie ihre Sünden und deren Folgen erkennen; allein in ihrer Verblendung merken sie nicht, wie heilsam solche Erkenntnis ist, und deswegen suchen sie diese lästigen Gedanken von sich abzuschütteln und verharren, indem sie sich selbst schmeicheln, auf dem Weg, den sie nach eigenem Gutdünken erwählt haben.
Hoffnungsvoll. Hiervon bin ich gleichfalls überzeugt, daß diese Furcht dem Menschen heilsam ist und ihn antreibt, sich auf die Pilgerreise nach Zion zu begeben.
Christ. Ohne Zweifel hat jene Furcht, wenn sie rechter Art, diese Wirkung; denn also steht geschrieben: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Ps. 111, 10).
Hoffnungsvoll. Wie würdest du die rechte Furcht beschreiben?
Christ. Die wahre Furcht offenbart sich folgendermaßen:
1. Sie wird erzeugt durch heilsame Sündenerkenntnis.
2. Sie treibt die Seele an, den Heiland der Sünder zu suchen und zu erfassen.
3. Sie erweckt und unterhält in der Seele eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, Seinem Wort und Seinen Wegen; sie macht das Gewissen zart und behutsam, weder zur Rechten noch zur Linken zu weichen, und läßt nicht zu, daß wir etwas tun, was Gottes Namen verunehren, den innern Frieden stören, den Geist betrüben oder den Feinden Anlaß zum Lästern geben könnte.
Hoffnungsvoll. Ganz recht. Ich glaube, daß du die Wahrheit sagst. — Was meinst du, sind wir nun bald über den bezauberten Grund hinweg?
Christ. Warum fragst du? Bist du etwa dieses Gesprächs müde?
Hoffnungsvoll. Nein, gewiß nicht; ich wollte bloß wissen, wo wir uns jetzt befinden.
Christ. Wir haben nur noch etwa zwei Meilen zu gehen. Doch laß uns wieder auf unsre Sache kommen. — Die Unwissenden erkennen es nicht, daß, wenn das Gewissen erwacht, dies ihnen zum Segen ausschlägt; darum suchen sie dieses zu übertäuben.
Hoffnungsvoll. Wie kommt das?
Christ. 1. Sie denken, solche Furcht sei durch den Teufel gewirkt (obgleich doch wahrlich die rechte Furcht eine Wirkung Gottes ist), und in diesem Wahn widerstehen sie ihr als einer Sache, die sie schnurstracks ins Verderben bringt.
2. Sie denken, jene Furcht gehe dahin, sie in ihrem Glauben wankend zu machen; aber leider haben die armen Leute doch gar keinen Glauben, und darum verhärten sie ihr Herz dawider.
3. Sie stehen in der falschen Voraussetzung, es gezieme ihnen nicht, sich zu fürchten, und darum werden sie in Verachtung derselben nur frecher und vermessener.
4. Sie sehen, daß jene Furcht ihre erbärmliche Selbstgerechtigkeit zunichte macht, und deswegen widerstehen sie ihr mit aller Macht.
Hoffnungsvoll. Ich weiß davon etwas aus eigener Erfahrung; denn ehe ich mich selber kannte, war’s auch so mit mir.
Christ. Gut, wir wollen nun unser Gespräch über Unwissend abbrechen und eine andre lehrreiche Frage aufwerfen.
Hoffnungsvoll. Recht gern. Aber du mußt den Anfang machen.
Christ. Nun, also! Hast du nicht ungefähr vor zehn Jahren in unsrer Gegend einen gewissen Zeitdiener gekannt, der damals großes Aufsehen erregte, weil er sich von der Welt und Sünde abwandte?
Hoffnungsvoll. Ja freilich, wie sollte ich den nicht gekannt haben! Er wohnte in Gnadenlos, einer Stadt ungefähr zwei Meilen von Ehrbarkeit entfernt; seine Wohnung stieß an die eines gewissen Kehrum.
Christ. Richtig, er wohnte mit ihm unter einem Dach. Dieser Mann war einst sehr beunruhigt; ich denke, daß er einige Erkenntnis seiner Sünden und ihrer traurigen Folgen hatte.
Hoffnungsvoll. Ich denke es auch; denn da mein Haus nicht weit von dem seinen entfernt war, kam er öfter zu mir, und zwar mit vielen Tränen. Wahrlich, ich hatte mit dem Mann großes Mitleid und hegte einige Hoffnung für ihn. Aber an ihm kann man sehen, daß nicht alle, die Herr, Herr! sagen, in das Himmelreich kommen (Matth. 7, 21).
Christ. Eines Tages sagte er mir, daß er entschlossen sei, gleichwie wir auf die Pilgrimschaft zu gehen. Aber auf einmal machte er die Bekanntschaft eines gewissen Hilfdirselbst und zog sich dann ganz von mir zurück.
Hoffnungsvoll. Weil wir gerade jetzt auf ihn zu sprechen gekommen sind, laß uns doch einmal untersuchen, worin die Ursache liegt, daß er und andre seinesgleichen so schnell abfällig geworden sind.
Christ. Das kann sehr lehrreich werden; aber diesmal mußt du den Anfang machen.
Hoffnungsvoll. Gut. Meiner Ansicht nach lassen sich folgende vier Ursachen feststellen:
1. Obschon das Gewissen solcher Menschen aufgeweckt wurde, blieb doch ihr Herz unverändert. Wenn daher das Gewicht der Schuld abnimmt, schwindet sogleich auch das, was sie dazu bewog, ein frommes Leben anzufangen, und so kehren sie dann natürlich wieder zu ihrem alten Wandel zurück. Also, sage ich, sie haben Verlangen nach dem Himmel bekommen, aber nur aus Furcht vor den Flammen der Hölle. Wenn aber ihre Gedanken von der Hölle und ihre Furcht vor der Verdammnis etwas abgenommen haben, dann erkaltet auch ihr Verlangen nach dem Himmel, und so fallen sie wieder in ihr früheres Wesen zurück.
2. Ein andrer Grund liegt darin: es ermächtigt sich ihrer eine knechtische Furcht, ich meine die Furcht vor den Menschen, „denn vor Menschen sich scheuen, bringt zu Fall“ (Spr. 29, 25). Wiewohl sie also nach dem Himmel zu trachten scheinen, solange die Flammen der Hölle an ihnen gleichsam züngeln, so kommen sie doch wieder auf andre Gedanken, sobald der erste Schrecken sich ein wenig gelegt hat, und denken, man müsse doch auch klug sein und sich nicht selbst der Gefahr aussetzen, alles zu verlieren (sie wissen aber selbst nicht was), oder sich wenigstens nicht in unvermeidliches und unnötiges Ungemach hineinbringen. Und so stürzen sie sich denn aufs neue der Welt in die Arme.
3. Die Schmach, welche das Bekenntnis des Evangeliums begleitet, liegt ihnen wie ein Stein im Weg. Sie sind stolz und hochmütig, das Evangelium von Christus ist aber in ihren Augen gering und verächtlich. Darum, sobald sie die Furcht vor der Hölle und dem zukünftigen Zorn verloren haben, kehren sie zu ihren frühern Wegen zurück.
4. Die Schuld und die Gedanken an den Schrecken sind ihnen eine Qual. Sie lieben also nicht, ihr Elend anzusehen, bevor sie darin sind. Und doch würde der frühere Hinblick auf dasselbe ihnen vielleicht Anlaß geben, dort ihre Zuflucht zu suchen, wo sie der Gerechte gefunden und auch sie Rettung fänden; weil sie aber, wie ich vorhin bemerkte, die Gedanken an Schuld und Strafe scheuen, so geschieht es, daß, wenn sie einmal den ersten Schrecken von Gottes Zorn überwinden, sie ihre Herzen immer mehr verhärten und solche Wege erwählen, die sie je länger, je mehr dazu führen.
Christ. Du bist der Sache sehr nahe gekommen, denn der Grund alles dessen liegt darin, daß ihr Herz und Willen nicht verändert worden ist. Es ist nur die Angst des Verbrechers, der vor seinem Richter steht. Er zittert und bebt und scheint wahrhaft reuig zu sein; aber der Grund davon ist lediglich die Furcht vor dem Galgen und nicht, weil er Abscheu vor seinem Verbrechen hat. Es ist klar ersichtlich, sollte man einen solchen Menschen nur in Freiheit setzen, er würde wieder ein Dieb und Taugenichts sein. Das würde jedoch nicht der Fall sein, wenn wirklich eine Umwandlung seines Herzens stattgefunden hätte.
Hoffnungsvoll. Ich habe dir nun die Gründe ihres Abfalls angegeben, so zeige mir nun die Art und Weise, wie es geschieht.
Christ. Das will ich gern tun.
1. Sie fangen damit an, ihre Gedanken von der Erinnerung an Gott, den Tod und das zukünftige Gericht abzuziehen.
2. Danach lassen sie ab vom stillen verborgenen Gebet im Kämmerlein, vom Kampf gegen die anklebende Sünde, vom Wachen, vom Trauern über die Sünde und dgl.
3. Sie fühlen sich beengt in der Gemeinschaft lebendiger und wahrer Christen.
4. Danach werden sie laß in den öffentlichen Übungen des Gottesdienstes, wie im Hören und Lesen des göttlichen Wortes, Besuch des Gottesdienstes und dgl.
5. Sodann beginnen sie, wie man sagt, das Kleid gläubiger Leute mit Kot zu bewerfen, und zwar in der teuflischen Absicht, um damit ihren Abfall von ihrem Bekenntnis zu rechtfertigen.
6. Hierauf treten sie in Verbindung mit weltlichgesinnten, losen und liederlichen Menschen.
7. Darauf suchen sie insgeheim, nichtige Gespräche weiterzutragen, und sind froh, wenn sie bei einem, der für fromm gilt, auch dergleichen finden können, damit sie es auf sein Beispiel um so dreister tun können.
8. Nachher fangen sie an, kleine Sünden ohne Scham öffentlich zu treiben.
9. Und endlich, wenn sie sich auf diese Weise verhärtet haben, zeigen sie sich, wie sie sind. So schwimmen sie denn wieder auf dem reißenden Strom des Verderbens und, wenn nicht ein Wunder der Gnade es verhindert, müssen sie in ihrem Selbstbetrug ewig verlorengehen.