hristin verlangte nun für sich und ihre Kinder nach einer Herberge, denn sie waren alle sehr müde. Da sagte Redlich: „Dort ein wenig vor uns liegt eine solche, in der ein sehr trefflicher Jünger, namens Gajus, wohnt“ (Röm. 16, 23). So beschlossen sie, dort einzukehren, und das um so lieber, weil der alte Redlich ihm ein so gutes Zeugnis gab.
Bei der Herberge angekommen, traten sie alsbald ein, ohne anzuklopfen, wie man dies ja an der Tür eines Gasthauses nicht zu tun pflegt. Sie fragten nach dem Herrn des Hauses. Dieser kam, und sie erkundigten sich, ob sie die Nacht über hier bleiben könnten.
Gajus. Ja, wenn ihr redliche Leute seid, denn mein Haus ist nur für Pilger: Kommt, ich will euch gleich die Zimmer zeigen.
Es herrschte nun unter ihnen große Freude, als sie vernahmen, daß der Wirt ein Freund der Pilger sei.
Mutherz. Was hast du zum Abendessen, lieber Gajus? Diese Pilger sind heute weit gereist und sehr müde.
Gajus. Es ist schon spät, deshalb können wir nicht mehr nach Speise ausgehen; wenn ihr aber mit dem, das da ist, fürlieb nehmen wollt, so seid ihr willkommen.
Mutherz. Wir sind zufrieden mit dem, was du im Hause hast; denn soweit ich dich erprobt habe, fehlt es bei dir nie am Nötigen.
Hierauf lief der Wirt hinunter in die Küche und gab dem Koch die Anweisung, für soviel Pilger ein Abendessen zu bereiten. Dann kam er wieder herauf und sprach zu seinen Gästen: „Ihr seid mir, liebe Freunde, herzlich willkommen; es ist mir eine Freude, euch in meinem Hause aufzunehmen. Wenn es euch gefällt, so laßt uns, bis das Essen fertig ist, ein nützliches Gespräch miteinander führen.“ Dazu waren sie alle gern bereit.
Gajus. Wessen Gattin ist diese Frau, und wessen Tochter ist diese Jungfrau?
Mutherz. Die Frau ist die Gattin von Christ, einem frühern Pilger, und dies sind ihre vier Kinder. Die Jungfrau ist eine Bekannte von ihr, die sich ihr angeschlossen hat. Die Knaben arten alle ihrem Vater nach und suchen in seine Fußstapfen zu treten, wo sie nur irgendeine Spur von ihm entdecken können. Und wo der alte Pilger ausgeruht hat, da wünschen auch sie eine Weile zu rasten.
Gajus. Das ist also Christs Frau und dies seine Kinder? Ich kannte schon deines Mannes Vater, ja dessen Großvater. Viele fromme und sehr würdige Männer sind diesem Geschlecht entsprossen, ihre Vorfahren wohnten zuerst in Antiochia[207]; ich denke, dein Mann wird dir wohl von ihnen erzählt haben. Ihrer etliche haben sich durch ihren gottgefälligen Wandel und ihr mutiges Bekenntnis, wo es galt, die Sache ihres Herrn und Seines Volkes zu vertreten, besonders hervorgetan. Ich habe von vielen Verwandten deines Mannes gehört, die um der Wahrheit willen unzählige Martern erduldet haben. Stephanus, einer der ersten aus der Familie, aus welcher dein Mann stammt, ward gesteinigt (Apostelg. 7). Jakobus, ein andrer dieses Geschlechts, ward mit dem Schwert enthauptet (Apostelg. 12, 2). Petrus und Paulus stammen ebenfalls von dieser Linie ab; so waren unter den Vorfahren deines Mannes Ignatius, der den wilden Tieren vorgeworfen ward; Romanus, der, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten, auf dem Marterstock erdrosselt ward; Polykarp, der seine Liebe zum Herrn auf dem Scheiterhaufen besiegelte. Einer ward in einem Korb an die Sonne gehängt, daß ihn die Wespen verzehren sollten; ein andrer in einem Sack ins Meer geworfen, um ertränkt zu werden. Es wäre ganz unmöglich, alle Glieder dieses Geschlechts aufzuzählen, die um ihres Glaubens willen Schmach oder gar den Tod erlitten hatten. Daher kann ich mich nur darüber freuen, daß dein Mann vier solch wackere Knaben hinterlassen hat. Ich hoffe, sie werden den Namen ihres Vaters aufrechterhalten, in seine Fußstapfen treten und wie er bis ans Ende beharren.
Mutherz. Es sind in der Tat hoffnungsvolle Knaben, und sie scheinen ihres Vaters Wege von Herzen zu erwählen.
Gajus. Das ist’s, was ich meine, und deshalb wünsche ich, daß Christs Familie sich ausbreite und vermehre und zahlreich werde auf dem ganzen Erdenrund. Darum möge sich Christin für ihre Söhne beizeiten nach Frauen umsehen, damit dieses edle Geschlecht der Welt erhalten bleibt.
Redlich. Wahrlich, es wäre schade, wenn dieses Geschlecht ausstürbe!
Gajus. Aussterben kann es nicht, wohl aber vermindert werden; darum folge Christin meinem Rat!
An Christin sich wendend, sprach er: „Es freut mich, dich und deine Freundin Barmherzig zusammen hier zu sehen; ihr seid mir ein liebes Schwesternpaar. Und wenn ich raten darf, so nimm Barmherzig in deine nähere Verwandtschaft auf. Will sie es, so laß sie Matthäus, deinem ältesten Sohn, gegeben werden; so erhältst du dir eine Nachkommenschaft auf Erden.“
Also ward diese Heirat beschlossen und späterhin vollzogen.
Gajus fuhr fort: „Ich will nun ein Wort zum Besten der Frauen reden, um ihre Schmach von ihnen zu nehmen. Allerdings sind Tod und Fluch durch eine Frau in die Welt gekommen (1. Mos. 3), aber auch Leben und Heil; denn als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn, der von einem Weib geboren ward (Gal. 4, 4). Ja, um zu beweisen, wie sehr Evas Töchter die Tat ihrer Mutter verabscheuten, so ist dieses Geschlecht im Alten Bund nach Kindern sehr begierig gewesen in der Hoffnung, daß diese oder jene vielleicht die Gnade erlangte, die Mutter des Heilands der Welt zu werden. Und als der Heiland erschien, wie hoch haben sich da zuerst Frauen vor andern gefreut! (Luk. 1, 42-50.) Ich lese nirgends, daß ein einziger Mann Christus aus seinen Mitteln auch nur durch einen Pfennig unterstützt hätte; aber etliche Frauen, die Ihm nachfolgten, taten Ihm Handreichung von ihrer Habe (Luk. 8, 2. 3). Eine Frau war es, die Seine Füße mit ihren Tränen benetzte (Luk. 7, 37-50). Eine Frau war es auch, die Seinen Leib zu Seinem Begräbnis salbte (Joh. 12, 1-8). Es waren Frauen, die um Ihn trauerten und klagten, als Er nach Golgatha hingeführt ward (Luk. 23, 27); Frauen, die zugegen waren, als Er vom Kreuz abgenommen ward, und die bei dem Grab saßen, darein man Ihn gelegt hatte (Matth. 27, 61). Wiederum waren es Frauen, die an Seinem Auferstehungsmorgen zum Grab gingen (Luk. 24, 1) und die den Jüngern die Nachricht brachten, daß Er von den Toten auferstanden wäre (Luk. 24, 22. 23). Also haben die Frauen große Gnade empfangen, als die auch Miterben sind der Gnade des Lebens“ (1. Petr. 3, 7).
Nun ließ der Koch sagen, das Essen sei gleich bereit, und schickte einen, der den Tisch decken, Teller zutragen, sowie Salz und Brot auflegen sollte.
„Der Anblick des gedeckten Tisches und all die Zurüstungen zum Mahl,“ sagte Matthäus, „machen meinen Hunger noch größer, als er zuvor war.“
Gajus. So mögen auch alle heilsamen und tröstlichen Lehren in diesem Leben in dir ein größeres Verlangen erwecken, am Abendmahl des großen Königs in Seinem Reich teilzuhaben; denn alle Predigten und guten Schriften hienieden sind im Vergleich zu dem Mahl, das unser Herr uns in Seinem Reich bereiten will, nur wie das Decken des Tisches.
Die Speisen wurden nun heraufgebracht und den Pilgern vorgesetzt, zuerst eine Hebeschulter und eine Webebrust (3. Mos. 10, 14. 15), um damit anzudeuten, daß sie das Mahl mit Gebet und Dank gegen Gott beginnen sollten; denn mit der Hebeschulter erhob David sein Herz zu Gott[208], und mit der Webebrust, worin sein Herz lag, pflegte er sich an die Harfe zu lehnen, wenn er darauf spielte[209]. Beide Gerichte waren frisch und wohlschmeckend, und sie aßen alle reichlich davon.
Danach ward eine Flasche Wein aufgetragen, derselbe war so rot wie Blut[210]. „Trinket davon, soviel ihr wollt,“ sagte Gajus, „das ist der Saft des echten Weines, der des Menschen Herz erfreut“ (Ps. 104, 15). Und sie tranken und wurden froh.
Hierauf kam eine Schüssel mit gut eingebrockter Milch. Gajus aber sprach: „Laßt diese den Knaben, daß sie dadurch zunehmen[211]!“
Weiter ward ein Teller mit Butter und Honig gebracht. „Eßt davon nach Herzenslust,“ sagte Gajus, „denn dadurch werden sich bei euch Erkenntnis und Verstand vermehren. Dies war unsers Herrn Speise in Seiner Kindheit, wie geschrieben steht: Butter und Honig wird Er essen, wann Er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen“ (Jes. 7, 15).
Hernach trug man eine Schüssel mit sehr wohlschmeckenden Äpfeln auf. Da fragte Matthäus: „Dürfen wir auch Äpfel essen, da diese Frucht es war, wodurch die Schlange unsre erste Mutter betrogen hat[212]?“
Gajus antwortete:
Matthäus. Ich hatte deshalb Bedenken, weil ich vor einiger Zeit durch das Essen von Früchten krank geworden war.
Gajus. Verbotene Früchte sind schädlich, nicht aber die, welche uns der Herr beschert.
Während sie noch so redeten, ward ihnen ein Körbchen mit Nüssen vorgesetzt. Da sagten einige über Tisch: „Nüsse verderben die Zähne, besonders die der Kinder.“ Gajus erwiderte:
Unter heitern Gesprächen saßen sie sehr lange beisammen. „Mein lieber Wirt,“ sagte der alte Herr Redlich, „während wir deine Nüsse knacken, so löse mir doch bitte dieses Rätsel:
Alle waren gespannt darauf, was Gajus antworten würde. Dieser saß eine Weile still, und dann sagte er:
„Ich muß gestehen, lieber Herr,“ meinte Joseph, „ich habe nicht gedacht, daß du’s lösen könntest.“
„O,“ erwiderte Gajus, „das weiß ich aus einer reichen Erfahrung. Die Erfahrung ist bekanntlich die beste Schule. Von meinem Herrn habe ich gelernt, wohltätig zu sein[214], und gefunden, daß man dabei gewinnt. Einer teilt aus, und hat immer mehr; ein andrer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer. Mancher ist arm bei großem Gut, und mancher ist reich bei seiner Armut“ (Spr. 11, 24; 13, 7).
„Mutter,“ flüsterte Samuel seiner Mutter ins Ohr, „es ist so schön in dem Haus dieses guten Mannes, laß uns doch etliche Zeit hier bleiben, mein Bruder Matthäus kann sich ja hier mit Barmherzig verheiraten, ehe wir weitergehen.“ Als Gajus vernahm, was Samuel gesagt hatte, sprach er: „Das soll mir eine echte Freude sein, mein Kind.“
Die Pilger beschlossen, sich hier einen Monat aufzuhalten, und Barmherzig ward dem Matthäus zur Frau gegeben. Nach ihrer Gewohnheit widmete sich Barmherzig in dieser Zeit wieder ihrer Liebestätigkeit und nähte fleißig Röcke und Kleider für die Armen, wodurch sie den Pilgrimen einen guten Ruf verschaffte.
Doch wir sind unsrer Geschichte vorausgeeilt. Nach dem Essen wünschten die Knaben und Barmherzig, sich zur Ruhe zu begeben, denn sie waren müde von der Reise. Die übrigen freuten sich so sehr über ihr Zusammensein, daß sie sich nicht voneinander trennen konnten; so blieben sie die ganze Nacht auf und unterhielten sich über ihren Herrn und ihre Reiseerlebnisse. Unter diesen Gesprächen fing der alte Herr Redlich an einzunicken. Da sprach Mutherz: „Wie, alter Freund, du fängst an, schläfrig zu werden? Komm, wisch dir den Schlaf aus den Augen, ich will dir ein Rätsel aufgeben.“ — „Also, laß hören!“ erwiderte Redlich. Mutherz sagte:
„O weh,“ rief Herr Redlich, „das ist eine schwere Aufgabe! schwer aufzulösen, aber noch schwieriger, in die Tat umzusetzen. Bitte, guter Wirt, übernimm du meine Rolle und löse das Rätsel auf; ich will hören, was du sagst.“
„Nein,“ versetzte Gajus, „es ist dir vorgelegt, und man erwartet von dir die Antwort.“
Da sagte der alte Redlich:
Gajus. Das ist richtig. Die Schrift und die Erfahrung bestätigen das; denn solange der Mensch sein eigenes Ich nicht in den Tod gibt, kann bei ihm das wahre Leben nicht zur vollen Ausgestaltung kommen. Und ebenso gewiß ist, daß ein Mensch kein lebendiges Denkmal der göttlichen Gnade sein kann, solange er noch in Ketten und Banden der Sünde gefangenliegt.
In solcher Unterhaltung saßen sie beieinander, bis der Tag anbrach. Als sich nun alle zur Morgenandacht versammelt hatten, hieß Christin ihren Sohn Jakob ein Kapitel aus der Bibel vorlesen. Und er las das 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Nachdem dies geschehen, fragte Redlich, warum es hier heiße, der Heiland werde „aus dürrem Erdreich“ kommen, und daß Er „keine Gestalt noch Schöne“ hatte.
Mutherz. Auf das erste antworte ich: Weil das Volk Israel, aus dem Christus kam, die Kraft und den Geist der Gottseligkeit fast gänzlich verloren hatte. Auf das zweite erwidere ich: Diese Worte sind vom Standpunkt derer gesprochen, die nicht glaubten; denn in ihrer Verblendung beurteilten sie unsern Herrn nach der Niedrigkeit Seiner äußern Erscheinung. Gerade wie diejenigen, welche nicht wissen, daß Edelsteine mit einer unscheinbaren Kruste umgeben sind; wenn sie einen solchen finden, werfen sie ihn wieder weg wie einen gewöhnlichen Stein, weil sie seinen Wert nicht erkennen.
Gajus sprach nun zu seinen Gästen: „Da ihr einmal hier seid und Mutherz ja ein erprobter Kämpfer ist, so laßt uns nach dem Frühstück sehen, ob wir nicht gemeinsam etwas Gutes ausrichten können. Etwa eine Meile von hier haust nämlich ein Riese namens Tugendfeind, der des Königs Straße in dieser Gegend unsicher macht. Ich weiß, wo sein Versteck ist. Er ist Anführer einer großen Räuberbande. Wie herrlich wäre das, wenn wir diesen Unhold unschädlich machen könnten!“
Alle willigten ein, und so zogen sie aus, Mutherz mit seinem Schwert, Helm und Schild, und die übrigen mit Speeren und Stangen bewaffnet. Als sie sich dem Aufenthaltsort des Riesen näherten, war dieser gerade daran, einen gewissen Kleinmütig, den seine Helfer zu ihm geschleppt hatten, auszuplündern, um ihn nachher zu verzehren; denn er war von Natur ein Menschenfresser. Sobald er nun Mutherz und seine Begleiter bewaffnet am Eingang der Höhle gewahrte, fragte er sie nach ihrem Begehr.
Mutherz. Dich wollen wir haben; denn wir sind gekommen, das Blut all der Pilger zu rächen, die du von des Königs Heerstraße weggeführt und erschlagen hast; darum komm heraus aus deiner Höhle!
Der Riese rüstete sich zum Kampf und trat hervor und focht mit Mutherz bei einer Stunde lang, bis ihnen der Atem ausging.
„Was habt ihr denn eigentlich auf meinem Grund und Boden zu tun?“ fragte Tugendfeind, als sie ein wenig innehielten.
Mutherz. Wie du ja schon weißt, sind wir gekommen, den Tod unsrer Brüder zu rächen.
Der Kampf begann aufs neue, und der Riese brachte Mutherz zum Weichen; aber er drang wieder vor und schwang sein Schwert so geschickt um des Riesen Kopf und Seite, daß diesem die Waffe aus der Hand fuhr. Schnell schlug er ihn zu Boden und hieb ihm das Haupt ab. Nach vollbrachter Tat kehrten sie mit dem Pilger Kleinmütig in die Herberge zurück. Auch das Haupt des Riesen nahmen sie mit und steckten es, wie sie es schon mit andern getan, auf einen Pfahl zum Schrecken für die, welche gleiche Gewalttaten versuchen wollten.
Kleinmütig mußte nun erzählen, wie er in Tugendfeinds Hände geraten sei, und er sprach: „Ich bin ein kränklicher Mann, wie ihr seht, und weil der Tod täglich an meine Tür klopfte, so dachte ich, es würde daheim mit mir doch nimmer besser werden. Deshalb wandte ich meiner Vaterstadt Ungewiß den Rücken und begab mich auf die Pilgerreise. Ich bin zwar nach Leib und Geist äußerst schwach, aber ich wollte doch gern, wiewohl ich nur kriechen kann, mein Leben als Pilgrim zubringen. An der Pforte zu Anfang dieses Weges nahm mich der Hausherr liebreich auf und machte mir keine Schwierigkeit weder wegen meines schwächlichen Aussehens noch wegen meines schwachen Gemütes, sondern er versah mich für die Reise mit allem Nötigen und hieß mich auf das Ende hoffen. Auch im Hause des Auslegers erfuhr ich große Freundlichkeit, und weil man den Berg der Beschwerde für mich als zu steil erachtete, so ward ich von einem Diener hinaufgetragen[215]. Wahrlich, ich habe viel Beistand und tröstliches Zureden von Pilgern erfahren, obwohl keiner so langsam gehen wollte, wie ich zu gehen genötigt war. In der Räubergasse nun trat mir dieser Riese entgegen und forderte mich Armen, Schwachen, der ich vielmehr einer Herzensstärkung bedurft hätte, zum Kampf auf. Er kam und schleppte mich in seine Höhle. Ich aber hoffte immer noch, aus seinen Händen zu entkommen; denn ich hatte gehört, daß nach den Gesetzen der Vorsehung kein Pilger, der gewaltsamerweise gefangengenommen wird, wofern sein Herz seinem Herrn völlig ergeben bleibt, durch die Hand seiner Feinde sterben darf. Geplündert zu werden erschien mir nicht als das Schlimmste, und wie ihr seht, bin ich ja mit dem Leben davongekommen, wofür ich dem Herrn, als meinem Erretter, und euch, als Seinen Werkzeugen, danke. Noch bin ich nicht aller Gefahr entronnen, neue Angriffe habe ich zu gewärtigen; aber ich bin entschlossen zu laufen, wenn ich kann; zu gehen, wenn ich nicht laufen kann, und zu kriechen, wenn die Beine mich nicht mehr tragen. Wiewohl ich, wie ihr seht, von gar schwachem Mute bin, so ist doch mein Angesicht fest auf das Ziel gerichtet, mein Herz weilt schon jenseits des Stroms, der keine Brücke hat. Dafür sei Ihm Preis, der mich geliebt hat!“
Der alte Redlich wandte sich nun mit der Frage an ihn: „Hast du nicht vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Pilgers, des Herrn Ängstlich, gemacht?“
Kleinmütig. Ei freilich habe ich ihn gekannt, er kam aus der Stadt Stumpfsinn, die vier Meilen nördlich von der Hauptstadt Verderben und ebenso weit von meinem Geburtsort entfernt liegt. Er war mein Oheim, meines Vaters Bruder. Er und ich waren so ziemlich gleicher Gemütsart; er war ein wenig kleiner als ich, sonst sahen wir uns im allgemeinen sehr ähnlich.
Redlich. Ja, es stimmt, was du sagst; denn du hast sein blasses Aussehen, den Blick seiner Augen, und deine Sprache klingt wie seine.
Kleinmütig. Das haben aus unserm Bekanntenkreis viele gesagt, und was ich in seinem Innern gelesen, das habe ich auch zum großen Teil in mir selbst empfunden.
„Komm Freund, sei guten Mutes!“ sagte der freundliche Wirt. „Du bist mir und meinem Haus willkommen! Was du wünschest, fordere nur getrost, meine Diener werden dir mit Freuden zur Hand gehen.“
Da sprach Kleinmütig: „Das ist eine unerwartete Gunst und wie ein Sonnenstrahl aus finsterm Gewölk. Das hat der Riese Tugendfeind wohl nicht gedacht, daß seine böse Tat zu meinem Glücke ausfallen würde.“
Kaum hatte Kleinmütig ausgeredet, da kam einer gelaufen und erzählte, daß ungefähr anderthalb Meilen von dort ein gewisser Unlauter, ein Pilger, auf der Stelle, wo er sich gerade befand, vom Blitz erschlagen worden sei[216].
„Ach,“ rief Kleinmütig aus, „ist er erschlagen? Er holte mich vor einigen Tagen ein und bot mir seine Gesellschaft an. Er war auch bei mir, als der Riese Tugendfeind mich angriff; aber er war leichtfüßig und entrann. Allein es scheint, er entkam zum Tode, und ich ward ergriffen zum Leben.“
Um diese Zeit wurden Matthäus und Barmherzig verheiratet; auch gab Gajus dem Jakob, Matthäus’ Bruder, seine Tochter Phöbe zur Frau. Sie blieben hierauf noch etwa zehn Tage in diesem gastlichen Haus, indem sie ihre Zeit nach Pilgerweise treu auskauften.
Als nun die Stunde des Abschieds nahte, machte ihnen Gajus ein Mahl, und sie aßen und tranken und waren fröhlich. Danach trat Mutherz zu dem Wirt und forderte die Rechnung. Aber Gajus erwiderte, daß alle Pilger in seinem Hause jahraus, jahrein unentgeltliche Aufnahme fänden; eine Vergütung dafür erhalte er von dem barmherzigen Samariter, der ihm versprochen hätte, bei Seiner Rückkehr alle Auslagen treulich zu bezahlen (Luk. 10, 35).
Da sprach Mutherz zu ihm: „Mein Lieber, du tust treulich, was du tust an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor Gott“ (3. Joh. 5. 6). Darauf nahm Gajus Abschied von ihnen allen und von seiner Tochter und insbesondere noch von Kleinmütig. Er gab ihm auch ein Fläschchen mit einem stärkenden Getränk mit auf den Weg. Als sie nun zur Tür hinaustraten, stellte sich Kleinmütig, als wollte er zurückbleiben. Dies wahrnehmend, rief Mutherz ihm ermunternd zu: „Komm, lieber Freund, geh doch mit uns; ich will dein Führer sein, und es soll dir ebensowenig an etwas gebrechen wie den andern.“
Kleinmütig. Ach, ich muß einen Begleiter haben, der zu mir paßt. Ihr seid alle rüstig und stark, ich aber muß sehr behutsam vorgehen. Daher möchte ich lieber hinten nachkommen, damit ich nicht wegen meiner vielen Gebrechlichkeiten mir und euch zur Last werde. Ich bin, wie schon gesagt, ein Mann von schwachem Geist und werde leicht irre und nehme Anstoß an dem, was andre ertragen können. Ich kann kein Lachen hören. Ich habe kein Gefallen an Schmuckgegenständen. Unersprießliche Fragen kann ich nicht leiden. Ja, ich bin so schwach, daß ich mich selbst an dem stoße, was andre Freiheit haben zu tun. Ich habe noch keine völlige Erkenntnis der Wahrheit, ich bin ein sehr unwissender Christ. Oftmals, wenn ich vernehme, wie sich andre freuen in dem Herrn, werde ich dadurch sehr niedergeschlagen, weil ich es nicht also kann. Es geht mir wie einem Schwachen unter den Starken, wie einem Kranken unter den Gesunden und wie einem verachteten Lichtlein (Hiob 12, 4. 5); denn so ist der, dessen Füße gleiten wollen, in den Augen dessen, der sicher steht, so daß ich nicht weiß, was ich anfangen soll.
Mutherz. Aber, lieber Bruder, es ist meine Pflicht, die Kleinmütigen zu trösten und die Schwachen zu tragen (1. Thess. 5, 14). Du mußt durchaus mit uns gehen[217], wir wollen auf dich warten, wir wollen dir hilfreich die Hand bieten[218]; wir wollen uns alles dessen entschlagen, sei es in Worten oder Werken, was dir Ärgernis geben könnte[219]; wir wollen uns in deiner Gegenwart auf keine strittigen Fragen und Erörterungen einlassen, wir wollen uns dir lieber soviel als möglich anpassen, als daß wir dich zurücklassen sollten[220].
Mutherz und Kleinmütig standen immer noch in eifrigem Gespräch vor dem Gasthaus, da kam geradeswegs Herr Hinkfuß vorbei, mit seinen Krücken in der Hand, der gleichfalls die Pilgerschaft angetreten hatte.
Kleinmütig rief ihm entgegen: „Guten Tag, Freund, wie kommst du hierher? Ich beklagte es eben, keinen passenden Gefährten zu haben; du aber bist so ganz nach meinem Wunsch. Sei mir also willkommen, lieber Herr Hinkfuß; ich hoffe, du und ich werden einander schon behilflich sein.“
Hinkfuß. Wie freut es mich, guter Herr Kleinmütig, mit dir hier zusammenzutreffen! Deine Gesellschaft soll mir angenehm sein, und lieber will ich dir eine meiner Krücken leihen, als dich wieder von mir zu lassen.
Kleinmütig. Danke sehr, du meinst es gut; aber ich gedenke doch nicht zu hinken, ehe ich lahm bin. Indes, wenn es not tut, kann sie mir als Waffe gegen die Hunde dienen.
Hinkfuß. Meine Krücken und ich stehen dir jederzeit zu Diensten, mein lieber Kleinmütig.
So machten sie sich denn auf den Weg; Mutherz und Redlich gingen voran, Christin und ihre Kinder folgten nach und Kleinmütig und Hinkfuß hinterdrein.
„Lieber Herr Mutherz,“ hob jetzt der alte Redlich an, „bitte, erzähle uns, während wir gehen, etwas Erbauliches von frühern Pilgern!“
Mutherz. Das will ich gerne tun. Von Christ, wie er mit Apollyon im Tal der Demut kämpfte und von seinem gefahrvollen Weg durch das Tal der Todesschatten habt ihr wohl schon gehört. Auch von dem Pilger Getreu hat man euch gewiß berichtet, was für Anfechtungen er zu bestehen hatte durch die Dame Wollust, den Alten Menschen, Unzufrieden und Scham, vier so gefährliche Bösewichter, wie man sie sich kaum ärger denken kann.
Redlich. Ja, ich meine von ihnen gehört zu haben. Aber den schwersten Stand hatte der gute Getreu dem Scham gegenüber, das war doch ein ganz unverschämter Geselle.
Mutherz. Ja, wie die Pilgrime auch mit Recht von ihm sagten: er hat von allen den unrichtigsten Namen.
Redlich. Aber bitte, lieber Herr, wo war das auch, daß Christ und Getreu mit Schwätzer zusammentrafen? Das war doch auch ein ganz durchtriebener Mensch.
Mutherz. Ein selbstzufriedener Tor, und dennoch hat er viele Nachfolger.
Redlich. Beinahe hätte er sogar Getreu hinters Licht geführt.
Mutherz. Ja, aber Christ hat ihn darauf gebracht, seine Tücke zu durchschauen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß der Führer der Pilger an einer gewissen Stelle stehenblieb, und er sprach: „Hier in dieser Gegend war es, wo der Evangelist zu Christ und Getreu trat und ihnen zuvor sagte, was für Drangsale ihrer auf dem Eitelkeitsmarkt warteten.“
Redlich. Das war aber keine ermutigende Botschaft, die er ihnen überbrachte.
Mutherz. Allerdings; er hat es jedoch nicht unterlassen, sie zugleich für die bevorstehende schwere Prüfung zu stärken. Und wir dürfen nicht vergessen: sie waren Leute wie Löwen so mutig, ihre Angesichter waren wie Kieselsteine. Wie unerschrocken standen sie vor dem Richter!
Redlich. Ja, und wie tapfer hat Getreu beharrt bis ans Ende!
Mutherz. Das hat er getan, und eine herrliche Frucht ist daraus erwachsen, nämlich Hoffnungsvoll und einige andre wurden, wie die Geschichte erzählt, durch seinen Tod bekehrt.
Redlich. Du bist von allem wohl unterrichtet; bitte, fahre fort zu erzählen!
Mutherz. Unter allen, mit denen Christ in Fühlung kam, nachdem er den Eitelkeitsmarkt im Rücken hatte, war doch Nebenwege der abgefeimteste.
Redlich. Nebenwege? Wer war das?
Mutherz. Ein Kind der Bosheit, ein Heuchler durch und durch; einer, der den Frommen spielte, aber sich immer so zu stellen wußte, je nachdem er gerade unter Menschen war, daß er sicher sein konnte, niemals etwas um deswillen zu verlieren oder zu leiden. Er hatte seine besondere Religion, die für jede Gelegenheit paßte. Und seine Frau stand ihm hierin in nichts nach. Im Handumdrehen ging er von einer Meinung zur andern über; ja, er rechtfertigte das auch, daß man das tun könnte. Soviel ich aber habe erfahren können, so hat es mit seinen Nebenwegen doch ein schlechtes Ende genommen. Ich habe auch niemals gehört, daß eines seiner Kinder bei den wahrhaft Gottesfürchtigen die geringste Achtung genossen hätte.
Mittlerweile waren sie nun der Stadt Eitelkeit so nahe gekommen, daß sie diese gerade vor sich liegen sahen. Die Pilger beratschlagten unter sich, wie sie am besten durch den Jahrmarkt, der hier abgehalten wird, hindurchkommen könnten. Der eine sagte dies, der andre jenes. „Diese Sorge könnt ihr euch sparen,“ fiel ihnen Mutherz in die Rede, „denn ihr wißt, daß ich schon manchen Pilger durch die Stadt geleitet habe. Zudem kenne ich einen alten Jünger mit Namen Mnason aus Zypern, in dessen Hause wir herbergen können (Apostelg. 21, 16); wenn es euch gefällt, wollen wir dort einkehren.“ Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden, und da die Sonne gerade unterging, beeilten sie sich, um noch vor Nacht dort einzutreffen. Bald hatten sie das Haus gefunden, und Mutherz rief an der Tür. Der alte Mann erkannte sogleich die Stimme des Führers, er kam und öffnete, und sie gingen alle hinein.
„Wie weit seid ihr heute gereist?“ fragte freundlich der Wirt.
„Vom Hause des Gajus, unsers Freundes, bis hierher,“ antworteten sie.
„Nun, dann seid ihr aber eine gute Strecke gegangen,“ erwiderte Herr Mnason, „nehmt euch Platz, denn ihr werdet wohl sehr müde sein.“ Da setzten sie sich nieder, und ihr Führer sagte: „Wie gut ist’s, daß wir diese Herberge noch erreicht haben, meine Lieben, und ich bin überzeugt, daß ihr meinem Freund willkommen seid.“
Mnason. Ja, ich heiße euch alle willkommen! Und solange ihr in meinem Hause weilt, soll es euch an nichts mangeln.
Redlich. Was ein Pilger zu gewissen Zeiten am meisten entbehrt, das ist eine Herberge und gute Gesellschaft, und nun, denke ich, haben wir beides gefunden.
Mnason. Was die Herberge betrifft, so seht ihr, wie sie ist; was aber die gute Gesellschaft anlangt, so wird’s die Probe zeigen.
Mutherz. Herr Mnason, willst du den Pilgern nun ihre Zimmer zeigen?
Dazu war der Wirt gern bereit, und er wies jedem sein Gemach an. Er führte sie auch in einen sehr schönen Speisesaal, wo sich die Pilger aufhalten konnten, bis sie zur Ruhe gingen.
„Herr Mnason, gibt es in dieser Stadt nicht auch etliche gleichgesinnte Leute, mit denen wir Gemeinschaft haben können?“ fragte der alte Redlich, nachdem sie sich hier niedergelassen hatten.
Mnason. Es hat deren einige hier, doch ist ihre Zahl verhältnismäßig klein.
Redlich. Wäre es nicht möglich, mit ihnen Fühlung zu bekommen? Der Anblick Gleichgesinnter schon allein hat etwas Erhebendes und Belebendes; ein solches Zusammentreffen auf der Pilgerschaft ist eben das, was der Aufgang von Mond und Sternen den Seefahrern ist.
Der Wirt rief nun seine Tochter Gnade herbei und sprach zu ihr: „Gnade, geh doch schnell zu meinen Freunden Herrn Bußfertig, Herrn Heilig, Herrn Frommhold, Herrn Lügenscheu und Herrn Reumütig und sage ihnen, daß ich lieben Besuch erhalten habe, der sie diesen Abend noch zu sehen wünsche.“
Gnade ging hin, sie einzuladen. Sie kamen und traten in den Saal, wo die Pilger waren. Nach der gegenseitigen Begrüßung setzten sie sich allesamt um den Tisch herum. Der Hauswirt redete sie also an: „Liebe Nachbarn, es sind, wie ihr seht, einige Gäste bei mir eingekehrt, die Pilger sind. Sie kommen von weit her und ziehen nach dem Berg Zion.“ Und mit dem Finger auf Christin weisend, fuhr er fort: „Könnt ihr euch wohl denken, wer diese ist? Es ist Christin, die Frau des bekannten Pilgers Christ, der mit seinem Freund Getreu in unsrer Stadt so schmählich behandelt worden ist.“
„Welch eine Überraschung!“ riefen die Männer aus. „Das dachten wir wahrlich nicht, daß wir Christin hier antreffen sollten.“ Sie erkundigten sich nun nach ihrem Ergehen, und als sie erfuhren, daß diese jungen Leute Christs Söhne seien, sprachen sie: „Der König, den ihr liebt und dem ihr dient, mache euch eurem Vater gleich und bringe auch euch an den Ort des Friedens!“
Der alte Redlich fragte nun Herrn Bußfertig, wie es zurzeit in der Stadt gehe.
Bußfertig. Wie man es ja nicht anders erwarten kann, haben wir eben in diesen Markttagen viel Unruhe. Es ist schwer, unter solchen Umständen Herz und Sinn zu bewahren. In solcher Umgebung, wie wir sie haben, gilt es, Stunde um Stunde seine Seele in den Händen zu tragen.
Redlich. Aber verhalten sich eure Nachbarn jetzt ruhig?
Bußfertig. Wohl ist es Christ und Getreu in dieser Stadt übel ergangen, doch müssen wir sagen, daß die Leute in der letzten Zeit viel gemäßigter sind. Mir scheint, das Blut von Getreu lastet noch schwer auf ihrem Gewissen; denn seitdem sie ihn verbrannt haben, schämen sie sich solchen Tuns. In jenen Tagen hätte es keiner von uns wagen dürfen, über die Straße zu gehen; aber jetzt können wir uns überall sehen lassen. Damals war der Name eines Bekenners verhaßt, jetzt aber wird in gewissen Stadtteilen die Religion wieder in Ehren gehalten. — Doch, wie geht es euch denn auf eurer Pilgerfahrt? Wie ist man im Land gegen euch gesinnt?
Redlich. Uns geht es, wie es Pilgern zu gehen pflegt. Wir wandern eben durch dick und dünn. Bald geht’s bergauf, bald bergab, und wir wissen nie, was morgen sein wird. Der Wind ist uns nicht allezeit im Rücken, und nicht jedermann ist uns gut Freund, der uns auf dem Weg begegnet. Wir haben schon manche schwere Anfechtung zu bestehen gehabt; und wer weiß, was unser noch wartet? Die Wahrheit des alten Spruches: „Der Gerechte muß viel leiden“ (Ps. 34, 20) hat sich auf unserm Weg schon reichlich bestätigt.
Bußfertig. In was für Anfechtungen seid ihr denn gekommen?
Redlich. Herr Mutherz, unser Führer, wird euch darüber am besten Auskunft geben können.
Mutherz. Wir sind schon drei- oder viermal angegriffen worden. Zuerst wurden Christin und ihre Kinder von zwei Bösewichtern überfallen, die ihnen nach dem Leben trachteten. Hernach bekamen wir es mit drei Riesen zu tun: Blutdurst, Hammer und Tugendfeind. Den letztern zwar überfielen wir vielmehr als er uns. Das geschah während der Zeit, als wir in dem Hause des Gajus weilten; da entschlossen wir uns, einmal unsre Waffen an einem der berüchtigtsten Feinde der Pilger zu erproben, der sich in jener Gegend umhertrieb. Gajus kannte sein Versteck. Als wir endlich den Eingang zu seiner Höhle entdeckt hatten, wurden wir froh und ermannten uns; wir traten alsbald hinzu, und siehe, da fanden wir den armen Kleinmütig in seiner Gewalt und dem Tode geweiht. Sobald er uns sah, ließ er von seinem Opfer ab und kam heraus in der Erwartung, einen andern Raub zu erhaschen. Wir fielen nun mit aller Macht über ihn her, brachten ihn schließlich zu Fall und hieben ihm den Kopf ab. Diesen steckten wir neben dem Weg auf zum abschreckenden Beispiel für alle seinesgleichen. Dies ist die Wahrheit, und hier ist der Mann selbst, der sie bezeugen kann; er war wie ein Lamm, das aus dem Rachen der Löwen gerissen wird.
„Ja,“ bestätigte Kleinmütig, „so habe ich es empfunden, zu meinem Schrecken und zu meinem Trost: Zu meinem Schrecken, als er drohte, mich zu zerfleischen; zu meinem Trost, als ich Mutherz und seine Freunde mit ihren Waffen zu meiner Befreiung herankommen sah.“
„Zwei Dinge sind’s,“ sagte hierauf Herr Heilig, „welche diejenigen vornehmlich haben müssen, die die Pilgerschaft antreten wollen, einen Heldenmut und ein unsträfliches Leben. Verlieren sie den Mut, so können sie nicht bis ans Ende beharren, und ist ihr Wandel befleckt, so machen sie den Namen eines Pilgers stinkend.“
Frommhold. Nun, ich hoffe, dieser Mahnung bedarf es bei euch nicht. Aber es sind ihrer wahrlich viele auf der Pilgerstraße, die sich mehr zu der Erde als zu der himmlischen Heimat hingezogen fühlen.
Lügenscheu. Es ist wahr, sie haben weder Pilgertracht noch Pilgermut; sie wandeln nicht aufrecht, sondern mit verschränkten Beinen, mit unsauberem und zerrissenem Kleid gehen sie einher. Das alles gereicht ihrem Herrn zur Unehre.
„Darüber,“ sprach Herr Reumütig, „sollten sie tief betrübt sein; denn ein Pilger kann weder für sich noch für seine Reise der Gnade, die er doch begehrt, gewiß sein, solange er nicht von solchen Makeln und Flecken gereinigt ist.“
So unterhielten sie sich, bis das Abendbrot für sie bereitet war. Nach dem Essen begaben sie sich dann zur Ruhe. Die Pilger aber blieben eine geraume Zeit in Mnasons Haus, denn die Verhältnisse in dieser Stadt hatten sich, wie schon bemerkt, sehr geändert. Im Lauf der Tage gab Mnason seine Tochter Gnade dem Samuel, Christins Sohn, und seine Tochter Martha dem Joseph zur Frau. Auch mit vielen andern wohlgesinnten Leuten des Ortes wurden die Pilger bekannt und suchten sich ihnen nützlich zu machen. Barmherzig arbeitete nach ihrer Gewohnheit viel für die Armen, wofür dieselben sie segneten, und so war sie eine rechte Zierde ihres Bekenntnisses. Mit ihr wetteiferten auch die andern jungen Frauen, Gnade, Phöbe und Martha, in dieser Liebestätigkeit, jede nach ihrem Vermögen, und sie stifteten dadurch viel Gutes in dieser Zeit. Die Familie nahm zu, so daß Christs Name in der Welt erhalten wurde.
Während die Pilger noch hier weilten, kam ein Ungeheuer (Offenb. 17, 3 ff.) aus den Wäldern und brachte viele Leute aus der Stadt um. Mit Vorliebe suchte es Kinder wegzuschleppen, um sie nach seiner Weise aufzuziehen, und richtete dadurch großes Verderben an. Es war keinem Tier auf Erden zu vergleichen; sein Leib war wie der eines Drachen, es hatte sieben Häupter und zehn Hörner und ward von einem Weib regiert. Niemand in der Stadt wagte es, diesem Ungeheuer die Stirn zu bieten, sondern alle flohen, wenn sie nur das Getöse seiner Flügel hörten. Es legte den Einwohnern gewisse Bedingungen vor, und die, welche ihr Leben mehr liebten als ihre Seele, gingen darauf ein und kamen also unter seine Herrschaft.
Herr Mutherz aber machte nun mit den vier Männern, Bußfertig, Heilig, Frommhold und Reumütig, die die Pilger in Herrn Mnasons Hause besucht hatten, einen Bund, und sie beschlossen, mit ihren Waffen auszuziehen, ob sie vielleicht die Leute dieser Stadt aus den Klauen und dem Rachen dieses verheerenden Drachen erretten könnten. Das Ungeheuer sah anfangs auf die herankommenden Gegner mit großer Verachtung herab; da aber diese ihre Waffen wohl zu führen wußten, ward es bald zum Rückzug gezwungen, und sie kehrten in die Herberge zurück.
Das Untier hatte seine bestimmten Zeiten, in denen es hervorkam. Unsre tapfern Kämpfer aber paßten ihm auf und griffen es fortwährend an, so daß es nach und nach nicht nur verwundet, sondern auch lahm ward und deshalb sein Unwesen nicht mehr wie früher zu treiben vermochte. Und es wird von vielen geglaubt, daß es an seinen Wunden gewiß sterben wird.
Dadurch nun gelangten Mutherz und seine Gefährten in der Stadt zu großem Ansehen, so daß manche dort, obgleich sie andrer Denkweise waren, ihnen dennoch große Achtung und Ehrerbietung bezeugten. Und so kam es denn, daß den Pilgern hier wenig Leid zugefügt ward. Doch freilich gab es ebendaselbst auch Leute schlechterer Art, die nicht besser sehen konnten als ein Maulwurf und nicht mehr Verstand hatten als ein unvernünftiges Tier; diese zollten unsern Helden keine Ehrfurcht und achteten ihre Tapferkeit und ihre Taten gering.
Inzwischen kam die Zeit immer näher, daß unsre Pilger ihren Weg fortsetzen mußten; sie rüsteten sich daher zur Abreise. Sie schickten auch nach ihren Freunden und taten ihnen solches zu wissen, damit sie noch einmal zusammenkommen und sich gegenseitig dem Schutz ihres Herrn und Fürsten anbefehlen könnten. Es kamen auch solche, die ihnen von dem brachten, was sie besaßen und was den Schwachen und Starken, den Männern und Frauen heilsam war, und so wurden sie reichlich mit allem Nötigen versehen (Apostelg. 28, 10). Darauf machten sie sich auf den Weg, und ihre Freunde gaben ihnen, soweit es anging, das Geleit; dann noch ein letzter Händedruck und herzliche Segenswünsche, und sie schieden voneinander. Der Führer Mutherz zog den Pilgern wieder voran; da sie aber um der Frauen und Kinder willen nicht rasch gehen durften, konnten Hinkfuß und Kleinmütig ebenfalls mitkommen.