er Weg führte nun Christ über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck aufgeworfen war, damit die Pilger von hier aus den Weg vor sich übersehen konnten. Als er daselbst Umschau hielt, erblickte er Getreu in einiger Entfernung seines Weges wandeln. Mit lauter Stimme rief er ihm nach, er möge ein wenig warten. Getreu wandte sich um nach ihm, und Christ rief abermals, so laut er konnte: „Warte, warte doch, bis ich zu dir komme!“
„Nein,“ antwortete Getreu, „es gilt mein Leben, der Bluträcher ist hinter mir!“
Das spornte Christ um so mehr an, alle seine Kräfte anzustrengen, und es gelang ihm, Getreu einzuholen, ja ihm zuvorzukommen. So war der Letzte zum Ersten geworden, und er konnte ein selbstgefälliges Lächeln nicht verbergen, daß er seinem Bruder den Vorrang abgewonnen hatte. Aber unerwartet strauchelte er, fiel zur Erde nieder und mußte warten, bis Getreu ihm wieder aufhalf, worauf sie in brüderlicher Eintracht weiterzogen und sich von dem unterhielten, was ihnen auf ihrer Reise begegnet war. Christ fing also an:
„Mein herzlich geliebter Bruder Getreu, ich bin sehr glücklich darüber, daß ich dich eingeholt habe und daß Gott unsre Herzen so gleichgesinnt hat, daß wir als Gefährten diesen lieblichen Pfad miteinander wandeln können.“
Getreu. Ich hatte gehofft, mein teurer Freund, ich würde schon von unsrer Stadt aus deine Gesellschaft haben; aber du warst mir in kurzer Zeit weit vorgekommen, und ich mußte diesen bangen Weg ganz allein gehen.
Christ. Wie lange bist du nach meiner Abreise noch in der Stadt Verderben geblieben?
Getreu. Bis ich nicht länger bleiben konnte; denn man hörte von nichts anderm mehr, als daß unsre Stadt in kurzer Frist mit Feuer vom Himmel vertilgt werden sollte.
Christ. Davon redet man?
Getreu. Ja, es war eine lange Zeit in jedermanns Mund.
Christ. Und doch entfloh niemand als du der Gefahr?
Getreu. Obschon, wie gesagt, ein großes Gerede davon war, mochten die meisten doch nicht recht daran glauben; denn ich hörte manche von dir und deiner verzweifelten Reise, wie sie deine Pilgerschaft nannten, sehr verächtlich reden. Aber ich glaubte es und glaube es auch noch, daß der Untergang unsrer Stadt durch Feuer und Schwefel vom Himmel erfolgen wird, und darum habe ich die Flucht ergriffen.
Christ. Hast du auch etwas von unserm Nachbar Willig gehört?
Getreu. Ja, er sei bis an den Sumpf der Verzagtheit mit dir gegangen. Man sagte, er sei auch hineingefallen, und obwohl er es leugnen wollte, glaube ich es doch, weil er von dem Schlamm noch ganz überzogen war.
Christ. Was sagten die Nachbarn zu ihm?
Getreu. Er ist seit seiner Rückkehr allen zum Gespött geworden und kann kaum noch Arbeit finden. Es steht jetzt siebenmal schlimmer um ihn, als wenn er nie aus der Stadt gegangen wäre.
Christ. Aber warum sind sie so sehr wider ihn, da ja auch sie den Weg verlästern, den er verlassen hat?
Getreu. O, sie sagen: „An den Galgen mit ihm; er ist ein Abtrünniger, er ist seinem Bekenntnis nicht treu geblieben!“ Und ich meine, Gott hat wohl selbst seine Feinde gegen ihn erweckt und ihn zum Sprichwort gemacht, weil er den Weg verlassen hat[84].
Christ. Hast du nie mit ihm gesprochen, ehe du weggingst?
Getreu. Ich bin ihm einmal auf der Straße begegnet; aber er sah, als schämte er sich vor mir, nach der entgegengesetzten Seite, und ich konnte ihn nicht sprechen.
Christ. Ich hatte anfangs gute Hoffnung für diesen Mann; aber nun fürchte ich, daß er bei dem Untergang der Stadt mit umkommen wird, denn es ist ihm widerfahren das wahre Sprichwort: „Der Hund frißt wieder, was er gespien hat, und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot“ (2. Petr. 2, 22).
Getreu. Das fürchte ich auch, aber wer kann es hindern?
Christ. Lassen wir ihn, lieber Getreu! Sprechen wir nun lieber von dem, was uns selbst näher angeht. Erzähle mir doch, was dir auf dem Weg begegnet ist; denn ich bin überzeugt, daß dir mancherlei widerfahren, wo nicht, wär’s ein Wunder.
Getreu. An dem Sumpf der Verzagtheit kam ich glücklich vorüber, in welchen du, wie ich merkte, gefallen bist, und erreichte wohlbehalten die Pforte; nur begegnete mir eine Person, namens Wollust, durch die ich in nicht geringe Gefahr geriet.
Christ. Es war gut, daß du ihr entflohst. Auch Joseph wurde hart von ihr bedrängt, und er entfloh ihr wie du[85], aber fast hätte es ihn das Leben gekostet. Was hat sie dir getan?
Getreu. Du kannst dir kaum einen Begriff davon machen, außer du habest es selber erfahren, welch eine schmeichlerische Zunge sie hat. Sie drang sehr in mich, mit ihr zu gehen, und versprach mir alle möglichen Freuden.
Christ. Ja, aber sicherlich nicht die Freude eines guten Gewissens.
Getreu. Du weißt wohl, was ich meine, lauter sinnliche und fleischliche Freuden.
Christ. Gott sei Dank, daß du ihr entgangen bist! „Ihr Mund ist eine tiefe Grube; wem der Herr ungnädig ist, der fällt hinein“ (Spr. 22, 14).
Getreu. Jawohl, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihr ganz entronnen bin.
Christ. Wie? Ich denke doch, daß du in ihr Begehren nicht gewilligt hast.
Getreu. Nein, nicht daß ich mich befleckt hätte! Denn ich erinnerte mich eines alten Spruches, den ich einstmals gelesen, welcher also lautet: „Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins Grab“ (Spr. 5, 5). Darum schloß ich meine Augen, um nicht von ihrem Blick bezaubert zu werden. Darüber spottete sie, und ich ging meines Weges.
Christ. Hast du weiter keine Gefahr bestanden?
Getreu. Am Fuß des Berges der Beschwerde redete mich ein sehr bejahrter Mann an und fragte, wer ich sei und wohin ich wandere. Ich sagte, ich sei ein Pilger und reise nach der himmlischen Stadt. „Du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein,“ sprach er, „willst du nicht bei mir wohnen? Ich würde dir einen guten Lohn geben.“ Ich fragte ihn nach seinem Namen und seinem Wohnort. „Ich heiße Alter Mensch,“ sagte er, „und wohne in der Stadt Betrug.“ Ich fragte ihn nach seinem Geschäft und nach dem Lohn, den er geben wolle. „Mein Geschäft,“ erwiderte er, „sind allerlei Ergötzungen, der Lohn ist dieser, daß du mich einmal beerben sollst.“ Weiter fragte ich ihn nach seinem Hauswesen und nach seinen Dienstboten. Sein Haus, antwortete er, werde erhalten durch all die Kostbarkeiten der Welt, und seine Dienerschaft bestehe aus seinen eigenen Kindern. „Wie viele Kinder hast du denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe nur drei Töchter,“ antwortete er, „sie heißen: Fleischeslust, Augenlust und Hoffärtiges Leben (1. Joh. 2, 16), und wenn du willst, kann ich dir eine von ihnen zur Frau geben.“ Ich fragte ihn endlich: „Wie lange soll ich bei dir wohnen?“ Er erwiderte, solange er selbst lebe.
Christ. Und wie bist du zuletzt von ihm losgekommen?
Getreu. Anfangs war ich ziemlich geneigt, mit ihm zu gehen, denn sein Vorschlag schien mir ganz annehmbar. Indem ich aber so mit ihm redete, sah ich auf seine Stirn, und da stand geschrieben: „Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus!“ (Kol. 3, 9)
Christ. Und wie geschah dir dann?
Getreu. Wie Feuer drangen mir diese Worte in das Herz, und ich wußte nun: was er auch sagen, wie er auch schmeicheln mochte, er würde mich, wenn ich mit ihm ginge, als Sklaven verkaufen. Deshalb sagte ich ihm, er möge seine Worte nur sparen, denn ich sei nicht willens, auch nur die Schwelle seines Hauses zu betreten. Darauf verhöhnte er mich und drohte, mir jemand nachzuschicken, der mir den Weg sauer machen solle. Da ich mich umwandte, ihn zu verlassen, fiel er mit mörderischer Gewalt über mich her, als wollte er mich gar zerreißen. Wie ich seinen Händen entronnen bin, weiß ich nicht. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich sah, daß mir jemand mit Windeseile nachgelaufen kam. Gerade bei der Laube holte er mich ein.
Christ. Ach, das war eben der Ort, wo ich vom Schlaf überfallen ward und das Zeugnis aus meinem Busen verlor.
Getreu. Aber, lieber Bruder, laß mich noch ausreden! Sobald der Mann mich eingeholt hatte, schlug er mich zu Boden, daß ich wie tot dalag. Doch, als ich wieder ein wenig zu mir selber kam, fragte ich ihn, warum er so mit mir umginge. „Fluchwürdiger Sünder,“ so rief er mit Donnerstimme, „immer noch steigen arge Gedanken aus deinem Herzen auf, immer noch liebst du die Lust dieser Welt. Du bist ein Kind des Todes!“ — „Ich elender Mensch!“ rief ich laut in der Angst meines Herzens, „wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7, 24.) O laß Gnade für Recht ergehen!“ — „Ich weiß nichts von Gnade,“ erwiderte er und hätte mich ohne Zweifel umgebracht, wäre nicht jemand gekommen, der ihm gebot, von mir abzulassen.
Christ. Wer war denn das?
Getreu. Ich kannte Ihn anfangs nicht. Aber da Er an mir vorüberging, erblickte ich Wundenmale an Seinen Händen und in Seiner Seite, woraus ich schloß, daß es unser Herr gewesen, und also stieg ich den Hügel hinan.
Christ. Der dich einholte, war Mose, der Mann des Gesetzes. Er schont keines Menschen und weiß nichts von Gnade gegen diejenigen, die das Gesetz übertreten.
Getreu. Ich weiß es wohl, ich habe ihn schon mehr als einmal gesehen. Er war es, der zu mir kam, als ich noch sorglos in meinem Haus wohnte, und sagte, er wollte mir das Haus über dem Kopf niederbrennen, wenn ich noch länger säumte.
Christ. Aber sahst du das Haus auf der Spitze des Berges nicht, an dessen Seite dir Mose begegnete?
Getreu. Ja, ich sah auch zwei schlafende Löwen davor. Da aber die Sonne noch hoch stand, ging ich bei dem Pförtner vorüber und den Berg hinunter.
Christ. Das hat mir der Pförtner wohl gesagt, daß er dich habe vorbeigehen sehen; aber du hättest ein wenig da verweilen sollen, denn man sieht dort seltene, unvergeßliche Dinge. Aber bist du niemand begegnet im Tal der Demut?
Getreu. Ja, ich traf einen gewissen Unzufrieden, der mich wieder gern mit zurückgenommen hätte. „In diesem ganzen Tal,“ sagte er, „findest du keine Ehre, ja, wenn du töricht genug bist, durch dieses Tal zu gehen, so beleidigst du alle deine Freunde: Stolz, Übermut, Eigendünkel, Menschenruhm; denn ich kenne sie wohl.“
Christ. Und was gabst du ihm zur Antwort?
Getreu. „Diese alle haben wohl Anspruch auf Verwandtschaft mit mir,“ sagte ich, „denn sie waren auch in der Tat meine Verwandten nach dem Fleisch; aber seit ich ein Pilgrim geworden bin, haben sie mich verleugnet, und ich habe sie aufgegeben. Überdies hast du dieses Tal völlig falsch dargestellt; denn Demut kommt vor der Ehre, und Hochmut kommt vor dem Fall (Spr. 16, 18). Deshalb will ich lieber durch dieses Tal zu der Ehre gelangen, welche von den weisesten Leuten für Ehre gehalten wird, als das zu erwählen, was du am meisten wert erachtest.“
Christ. Trafst du sonst niemand in diesem Tal?
Getreu. Ja, einen namens Scham; aber niemand trägt seinen Namen weniger mit Recht als er. Denn alle andern, die ich auf meiner Pilgerschaft getroffen, ließen sich doch endlich von mir abweisen; aber mit diesem frechen Scham konnte man wirklich zu keinem Ende kommen.
Christ. Wieso? Was sagte er denn zu dir?
Getreu. Ja, der wollte von Religion überhaupt nichts wissen. „Es ist,“ sagte er, „für einen Mann durchaus eine entehrende Sache, sich um das Christentum zu kümmern; ein zartes Gewissen ist etwas Unmännliches; wer über alle seine Worte und Werke wachen und seine edle Freiheit verleugnen wollte, würde sich zum Spott und Gelächter der Welt machen.“ „Von jeher,“ sagte er, „sind nicht viel Mächtige, nicht viel Reiche oder Weise diesen Weg gegangen[86], welcher vernünftige Mensch möchte denn auch alles an eine ungewisse Zukunft setzen[87]! Die Pilgrime sind jederzeit die geringsten, unwissendsten und verachtetsten Leute gewesen.“ In dieser Weise ließ er sich noch über vieles andere gegen mich aus, was ich nicht alles wiederholen mag. Unter anderm sagte er noch: „Schämen sollte man sich, unter einer Predigt zu weinen und dann seufzend und schluchzend nach Hause zu kommen; den Nachbar um eines kleinen Fehlers willen um Verzeihung zu bitten und das wiederzuerstatten, was man ihm entwendet.“ Er sagte auch: „Durch das Christentum wird man der vornehmen Welt und ihren höhern Genüssen — wie er deren Laster nannte — entfremdet, indem man mit geringen Leuten Brüderschaft macht — und das ist doch fürwahr eine Schande.“
Christ. Nun, was antwortetest du hierauf?
Getreu. Anfangs wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ja, er setzte mir so zu, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, und er hätte mich beinahe überwunden. Endlich gedachte ich des Spruches: „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott“ (Luk. 16, 15). Scham aber, so sagte ich mir, redet nur von Menschen und nicht von Gott und Gottes Wort, und am Jüngsten Tag wird das Urteil zum Leben oder zum Tod sich nicht nach den stolzen Geistern der Welt richten, sondern nach der Weisheit und dem Gesetz des Höchsten. Was Gott für gut erklärt, dachte ich, das ist gut und wenn alle Welt dawider wäre. Indem ich nun wohl erkannte, daß Gottesfurcht und ein zartes Gewissen der Herr liebt, daß die, welche in den Augen der Welt für Narren gelten, die Weisesten sind im Reich Gottes, und daß der Arme, der Christus liebt, reicher als der angesehenste Mann ist, der Ihn haßt, so rief ich in der Kraft des Herrn: „Scham, weiche von mir, du Feind meiner Seligkeit! Sollte ich dir nachgeben gegen den Willen des Herrn! Wie dürfte ich Ihm bei Seiner Wiederkunft ins Angesicht schauen[88]? Wollte ich mich jetzt der Wege des Herrn und Seiner Diener schämen, wie könnte ich dann auf den verheißenen Segen hoffen?“ — Aber dieser Scham war in der Tat ein widerwärtiger Geselle; nur mit großer Mühe konnte ich mich von ihm losmachen; immer wieder aufs neue drängte er sich heran, um mir etwas Nachteiliges gegen die Bekenner des Evangeliums ins Ohr zu flüstern, bis ich ihm endlich offen erklärte, daß alle seine Mühe vergeblich sei, denn was ihm so schlecht scheine, darin sehe ich die größte Herrlichkeit. Da ich mich dieses zudringlichen Gefährten entledigt sah, fing ich zu singen an:
Christ. Es freut mich, lieber Bruder, daß du diesem Taugenichts so männlich Widerstand getan, denn er trägt, wie du sagst, seinen Namen ganz mit Unrecht. Er heißt Scham und ist doch so unverschämt, daß er uns auf der Straße nachläuft und uns vor den Leuten zu beschämen sucht, indem er das Wahre und Gute in den Kot zieht. Wäre er also nicht unverschämt, müßte er sich solches Tuns enthalten. Aber laß uns ihm nur kräftig widerstehen, denn trotz all seiner Prahlerei wird er sich doch nur bei Toren Gehör verschaffen können. „Die Weisen,“ sagt Salomo, „werden Ehre erben; aber wenn die Narren hoch kommen, werden sie doch zuschanden“ (Spr. 3, 35).
Getreu. Ich denke, wir müssen wider diesen Scham den um Beistand anrufen, welcher will, daß wir auf Erden mutig für die Wahrheit kämpfen.
Christ. Du hast recht. Aber sage mir noch: Ist dir in jenem Tal sonst nichts zugestoßen?
Getreu. Nein, ich hatte den ganzen übrigen Weg Sonnenschein; so auch im Tal der Todesschatten.
Christ. Wohl dir! Mir ist es ganz anders ergangen. Ich hatte schon beim Eintritt in das Tal einen langen, furchtbaren Kampf mit Apollyon zu bestehen. Schon verzagte ich an meinem Leben, da er mich zu Boden schmetterte und mir das Schwert aus der Hand flog. Apollyon triumphierte. Aber ich rief an den Herrn, und Er erhörte mich und half mir aus aller meiner Not. Im Tal der Todesschatten hatte ich fast den halben Weg kein Licht. Da dachte ich oftmals, ich werde umkommen; aber zuletzt brach der Tag an, die Sonne ging auf, und ich konnte das Ende des Tales ohne große Gefahr erreichen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß Getreu, als er seitwärts blickte, einen Mann namens Schwätzer gewahr wurde, der in einiger Entfernung neben ihnen herging (denn die Straße war hier breit). Es war ein großer Mann, dessen Gestalt aber würdiger in der Ferne als in der Nähe erschien. Getreu redete ihn also an:
„Wohin, Freund? Gehst du auch nach der himmlischen Stadt?“
Schwätzer. Ja, dahin geht auch mein Weg.
Getreu. Schön, ich hoffe, du wirst uns gute Gesellschaft leisten.
Schwätzer. Sehr gern will ich mit euch wandern.
Getreu. So komm denn und laß uns heilsame Gespräche führen!
Schwätzer. Mit euch von heilsamen Dingen zu reden, das tue ich sehr gerne wie mit jedem andern, und ich bin froh, mit jemand zusammengetroffen zu sein, der also gesinnt ist. Denn ich muß sagen, es gibt nur wenige, die ihre Zeit auf Reisen so wohl anwenden. Die meisten wollen nur von unnützen Dingen reden, und das ist mir immer sehr lästig gewesen.
Getreu. Das ist allerdings betrübend. Denn wo gibt es einen edlern Gegenstand des Gesprächs als Gott und göttliche Dinge?
Schwätzer. Äußerst treffend, und — ich setze hinzu — was ist so angenehm, so heilsam als dies? Besonders für einen Menschen, der an wunderbaren Dingen seine Freude hat. Redet jemand gern von der Geschichte oder von den geheimen Kräften der Natur oder von Wundern und Zeichen, wo soll er solches wohl so nett aufgezeichnet, so lieblich und schön beschrieben finden als in der Heiligen Schrift?
Getreu. Das ist wahr. Aber der Zweck unsers Gesprächs muß sein, dadurch erbaut und gebessert zu werden.
Schwätzer. Das ist es ja, was ich sage. Es ist sehr fruchtbringend, von diesen Dingen zu reden, denn so lernt man vieles kennen wie zum Beispiel die Eitelkeit der irdischen und den Vorzug der himmlischen Güter. Dies nur im allgemeinen; im besondern lernt man dadurch die Notwendigkeit der neuen Geburt, die Unzulänglichkeit unsrer Werke, wie nötig uns die Gerechtigkeit Christi ist usw. Außerdem kann man durch Gespräche lernen, was Buße sei, was Glaube, Gebet, Geduld und dergleichen. Dadurch kann man auch die großen Verheißungen und Tröstungen des Evangeliums kennenlernen; ferner, wie man falsche Meinungen widerlegt, die Wahrheit verficht und die Unwissenden unterrichtet.
Getreu. Dies ist alles wahr, und ich freue mich, es von dir zu hören.
Schwätzer. Ach, der Mangel hieran ist ja eben die Ursache, daß so wenige verstehen, wie notwendig der Glaube und das Werk der Gnade in der Seele des Menschen zum ewigen Leben sei und daß so viele in ihrer Unwissenheit in den Werken des Gesetzes leben, durch welche ein Mensch das Himmelreich durchaus nicht erlangen kann.
Getreu. Aber, erlaube mir, himmlische Erkenntnis dieser Dinge ist eine Gabe Gottes, die niemand durch menschliche Bemühung, noch weniger durch bloße Gespräche erlangt.
Schwätzer. Das weiß ich recht gut. Denn es kann kein Mensch etwas nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben (Joh. 3, 27). Es ist alles aus Gnaden, nicht aus den Werken. Das könnte ich dir wohl mit hundert Stellen aus der Schrift beweisen.
Getreu. Gut, aber was ist es nun, wovon wir reden wollen?
Schwätzer. Was du nun willst: Ich will dir von himmlischen oder irdischen Dingen sagen, von Sittenlehre oder Evangelium, von geistlichen oder weltlichen Dingen, aus der Vergangenheit oder Zukunft, von fremden Ländern oder von unserm Vaterland, von wesentlichen oder unwesentlichen Dingen — doch so, daß alles zu unserm Nutzen gereiche.
Hierüber verwunderte Getreu sich höchlich; er trat zu Christ, der die ganze Zeit allein gegangen war, und sagte leise zu ihm: „Welch einen wackern Gefährten haben wir bekommen! Wahrlich, das ist ein ausgezeichneter Pilgrim!“
Christ erwiderte lächelnd: „Dieser Mann, von dem du so eingenommen bist, wird mit seiner gewandten Zunge noch viele, die ihn nicht kennen, hinter das Licht führen.“
„Kennst du ihn denn?“ fragte Getreu.
„Ob ich ihn kenne? Ja, besser, als er sich selbst kennt,“ antwortete Christ.
Getreu. So sage mir, was ist es für ein Mann?
Christ. Er heißt Schwätzer. Ich wundere mich, daß du ihn nicht kennst, er wohnt ja in unsrer Stadt, die allerdings von großem Umfang ist.
Getreu. Wessen Sohn ist er denn, und wo wohnt er?
Christ. Er ist der Sohn eines gewissen Redselig. Er wohnt in der Schwatzgasse und ist allgemein bekannt unter dem Namen Schwätzer in der Schwatzgasse, und trotz seiner gewandten Zunge ist er doch ein erbärmlicher Mensch.
Getreu. Ei, mir scheint er doch ein sehr angenehmer Mann zu sein.
Christ. So scheint er allen, die ihn nicht kennen. Unter den Leuten gibt er sich gar fromm, aber zu Hause ist er ein gehässiger, widerwärtiger Mensch. Er ist wie die Bilder, die sich von fern hübsch ausnehmen, in der Nähe aber mißfallen.
Getreu. Du scherzest wohl nur, denn du hast vorhin gelächelt.
Christ. Das sei ferne, daß ich bei so etwas scherzen oder gar jemand fälschlich beschuldigen sollte! Ich will dir aber noch mehr von ihm sagen. Dies ist ein Mann für jede Gesellschaft und für jedes Gespräch. So wie er jetzt mit dir redet, so wird er auch reden, wenn er in der Bierstube sitzt, und je mehr es ihm in den Kopf steigt, desto besser fließt seine Rede. Das Christentum hat keinen Raum in seinem Herzen noch in seinem Hause noch in seinem Wandel; alles, was er davon besitzt, liegt ihm auf der Zunge, und seine Frömmigkeit besteht in nichts anderm, als daß er davon schwatzt.
Getreu. Wenn dem so ist, dann habe ich mich in diesem Mann sehr getäuscht.
Christ. Gewiß. Erinnere dich nur der Sprüche: „Sie sagen’s wohl und tun’s nicht“ (Matth. 23, 3) und: „Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft“ (1. Kor. 4, 20). Er spricht wohl vom Gebet, von Buße und Glauben und von der neuen Geburt; aber er versteht nichts weiter, als davon zu sprechen, denn in seinem Herzen hat er nichts davon erfahren. Ich habe ihn zu Hause sowie draußen beobachtet; und ich weiß, daß es wahr ist, was ich von ihm sage. Wahre Gottesfurcht ist in seinem Hause nicht zu finden, weder Gebet noch Bußfertigkeit über die Sünde. Er gilt bei allen, die ihn kennen, als eine Schmach und ein Schandfleck des Christentums, das um seinetwillen in jenem ganzen Teil der Stadt, wo er wohnt, verlästert wird. Das Volk sagt von ihm: „Ein Teufel im Hause und ein Heiliger draußen.“ Seine arme Familie muß das in reichem Maß erfahren. Er ist ein harter Geizhals; er schilt mit dem Gesinde und ist so unvernünftig in seinen Forderungen, daß man ihm nichts recht machen kann. „Mit einem Türken,“ sagt man, „kann man eher zusammen leben als mit ihm.“ Diesem Schwätzer soll es auch nicht darauf ankommen, seinen Nächsten zu überlisten, zu betrügen und zu übervorteilen. Um in einer Sache zu seinem Ziel zu kommen, da ist ihm kein Mittel zu schlecht. Seine Söhne hat er so erzogen, daß sie jetzt schon in seinen Fußtapfen wandeln, und wenn er bei einem von ihnen eine närrische Schüchternheit findet — so nennt er das erste Erwachen des Gewissens —, so heißt er ihn einen Narren und Dummkopf und läßt ihn eine Zeitlang seine Verachtung fühlen. Kurz, nach meinen Beobachtungen hat er durch seinen gottlosen Lebenswandel viel Ärgernis hervorgerufen und manchen dadurch zu Fall gebracht, und ich befürchte, er wird noch vielen, wenn Gott es nicht verhütet, zum Verderben gereichen.
Getreu. Deinen Worten, lieber Bruder, muß ich wohl Glauben schenken, nicht allein, weil du als Augenzeuge sprichst, sondern auch, weil du von diesem Menschen nur, wie einem Christen geziemt, urteilst; nicht in böser Absicht, sondern um der Wahrheit willen.
Christ. Hätte ich ihn nicht besser gekannt als du, so würde ich vielleicht anfangs wie du von ihm geredet haben. Ja, hätte ich dies Urteil über ihn aus dem Munde von Feinden des Evangeliums, so hätte ich dasselbe für eine Verleumdung gehalten — denn solches mußten ja die Frommen zu aller Zeit über sich ergehen lassen —; aber nein, aller dieser Dinge und noch vieler andrer, um die ich genau weiß, kann ich ihn überführen. Über dies alles sind die Frommen mit ihm übel daran und schämen sich seiner. Sie können ihn weder Bruder noch Freund heißen. Wenn sie seinen Namen nur nennen hören, werden sie schamrot.
Getreu. Ich sehe wohl, daß Reden und Tun zweierlei ist, und ich will es künftig besser unterscheiden.
Christ. Gewiß ist dies zweierlei, so verschieden auch Seele und Leib voneinander sind. Denn gleichwie der Leib ohne die Seele nur ein toter Körper ist, so gibt auch dem Reden allein das Tun die Kraft und das Wesen. Die Seele des Christentums offenbart sich in der Ausübung desselben. „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten“ (Jak. 1, 27). Darauf achtet Schwätzer nicht; hören und reden, meint er, macht einen guten Christen, und so betrügt er seine eigene Seele. Das Hören gleicht dem ausgestreuten Samen, und über religiöse Dinge reden können, ist kein Beweis dafür, daß in Wahrheit Früchte im Herzen und im Leben sind[89]. Laß es uns tief zu Herzen nehmen, daß die Menschen am Tag der Rechenschaft nach ihren Werken gerichtet werden. Es wird nicht gefragt werden: „Was habt ihr geglaubt? Was habt ihr geredet?“ sondern: „Seid ihr Täter des Wortes gewesen?“ Und danach wird das Urteil gefällt. Das Ende der Welt wird mit einer Ernte verglichen, und du weißt, daß man in der Ernte nichts andres als Früchte erwartet[90]. Nicht als könnte Gott etwas wohlgefallen, was nicht aus dem Glauben kommt; ich will nur zeigen, wie völlig bedeutungslos das Bekenntnis eines Schwätzers an jenem Tag sein wird.
Getreu. Das erinnert mich daran, was Mose von den reinen und unreinen Tieren sagt: „Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen“ (3. Mos. 11, 3. 4; 5. Mos. 14, 6 ff.). Der Hase käut wieder, ist aber gleichwohl unrein, denn er spaltet die Klauen nicht — ein treffendes Abbild eines Schwätzers. Er käut wieder, d. h. er sammelt sich einige Kenntnisse auf religiösem Gebiet, um sie in seinen Reden wiederzugeben; aber er spaltet die Klauen nicht: er scheidet sich nicht von dem Weg der Sünder, sondern er bleibt unrein wie der Hase, dessen Fuß dem eines Hundes oder Bären gleicht.
Christ. Du hast meines Erachtens das rechte evangelische Verständnis von diesem Text. Laß mich noch etwas hinzufügen. Paulus nennt einen solchen Menschen ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1. Kor. 13, 1), das sind, wie er es an einem andern Ort erklärt (1. Kor. 14, 7), Dinge, die einen Laut von sich geben und doch nicht leben; das will sagen: ein solcher Mensch ist ohne wahren Glauben, ohne die Gnade des Evangeliums; er wird deshalb auch nicht in das Himmelreich unter die Kinder des Lebens aufgenommen, und wenn er gleich mit Engelzungen redete.
Getreu. So gern ich anfangs mit ihm sprach, so müde bin ich jetzt seiner geworden. Wie kommen wir von ihm los?
Christ. Tue, was ich dir jetzt sage, und du wirst sehen, daß er deine Gesellschaft bald satt hat, es sei denn, Gott rühre sein Herz und wandle es um.
Getreu. Nun, was soll ich denn tun?
Christ. Gehe zu ihm und fang ein ernstes Gespräch mit ihm an über die Kraft der Gottseligkeit und frage ihn geradezu, wenn er eingewilligt hat — und das wird er ohne weiteres tun — ob sich die Gottseligkeit auch in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel finde.
Getreu wendete sich nun wieder an den Schwätzer und sprach zu ihm: „Nun, wie geht es dir?“
Schwätzer. Ich danke, recht wohl. Wir hätten in dieser Zeit ein langes Gespräch führen können.
Getreu. Willst du, so können wir jetzt ein Gespräch beginnen, und wenn ich den Gegenstand vorschlagen darf, so möchte ich die Frage aufwerfen: Wie offenbart sich das Werk der seligmachenden Gnade Gottes im Herzen der Menschen?
Schwätzer. Wir haben also, wie ich sehe, von der Kraft einer Sache zu reden. Gewiß, eine sehr gute Frage, die ich gern beantworten will. Ich will die Sache kurz so fassen: Erstens, wo die Gnade Gottes im Herzen ist, da erhebt sich ein großes Geschrei gegen die Sünde. Zweitens —
Getreu. Ich bitte, laß uns eins nach dem andern erwägen. Es scheint mir richtiger, wenn man sagt: Da erhebt sich in der Seele ein großer Abscheu vor der Sünde.
Schwätzer. Ei, was ist denn für ein Unterschied zwischen einem großen Geschrei gegen die Sünde und einem großen Abscheu davor?
Getreu. O ein sehr großer! Es kann ein Mensch wohl aus bloßer Weltklugheit gegen die Sünde viel Redens machen; verabscheuen aber kann er sie nur durch die Kraft der göttlichen Gnade. Ich habe gar manchen schon von der Kanzel herab gegen die Sünde schreien hören, die er aber nichtsdestoweniger in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel sehr wohl duldete. Josephs Gebieterin schrie mit lauter Stimme, als wäre sie sehr heilig; und doch war sie eine Ehebrecherin. Manche schreien wider die Sünde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß wegen seiner Unart schilt und es dann sogleich wieder herzt und küßt.
Schwätzer. Du liegst auf der Lauer, das merke ich wohl.
Getreu. O nein, ich will nur die Sachen ins rechte Licht stellen. Was aber war die zweite Äußerung der Gnade, von der du reden wolltest?
Schwätzer. Große Erkenntnis der Geheimnisse des Evangeliums.
Getreu. Dieses Kennzeichen hättest du zuerst nennen sollen, aber auch dann wäre es falsch gewesen; denn Erkenntnis, ja große Erkenntnis in den Geheimnissen des Evangeliums kann man erlangen, ohne daß deshalb ein Werk der Gnade in der Seele sein müßte. Ja, man kann alle Erkenntnis haben und doch nichts sein und mithin auch kein Kind Gottes (1. Kor. 13, 2). Als Christus Seine Jünger gefragt hatte: „Habt ihr dies verstanden?“ und sie antworteten: „Ja,“ da fügte Er hinzu: „So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s tut“ (Joh. 13, 12. 17). Er legt den Segen nicht auf das Wissen, sondern auf das Tun. Es gibt eine Erkenntnis, die nicht von der Tat begleitet wird; es gibt Knechte, die ihres Herrn Willen wissen und nicht danach tun (Luk. 12, 47). Es mag einer Erkenntnis haben wie ein Engel, ohne doch deshalb ein Christ zu sein. Darum ist dein Kennzeichen falsch. Das Wissen gefällt Schwätzern und Prahlern; das Tun gefällt Gott. Nicht als könnte ein Herz ohne die Gnade gut sein, ohne die es immer verfinstert bleibt; aber es gibt eben zweierlei Erkenntnis. Es gibt eine Erkenntnis, die in bloßer äußerer Betrachtung besteht, und eine Erkenntnis, die von Gnade, Glaube und Liebe begleitet ist, wodurch der Mensch getrieben wird, den Willen Gottes von Herzen zu tun. Die erste genügt dem Schwätzer, der wahre Christ gibt sich ohne die andre nicht zufrieden. Seine Bitte ist: „Unterweise mich, daß ich bewahre Dein Gesetz und halte es von ganzem Herzen!“ (Ps. 11, 34.)
Schwätzer. Du liegst schon wieder auf der Lauer, das dient nicht zur Erbauung.
Getreu. So gib ein andres Kennzeichen der Gnade an!
Schwätzer. Nein, ich sehe, wir stimmen doch nicht miteinander überein.
Getreu. Gut, so will ich ein Zeichen angeben.
Schwätzer. Das steht dir frei.
Getreu. Das Werk der Gnade im Herzen offenbart sich dem, der es an sich selbst erfährt, und denen, die um ihn sind. Wer es an sich selbst erfährt, dem offenbart es sich so: Er kommt dadurch zur Erkenntnis der Sünde, besonders der Unreinheit seines ganzen Wesens[91]; er erkennt die Sünde des Unglaubens[92], die ihn allein schon verdammen müßte[93], wenn er nicht Gnade bei Gott findet durch den Glauben an Jesus Christus. Diese Überzeugung und dieses Gefühl erweckt in ihm Traurigkeit und Scham über die Sünde. Aber nun wird der Seligmacher der Welt seiner Seele geoffenbart[94], sowie die Notwendigkeit einer Vereinigung mit Ihm für das ganze Leben[95]; es regt sich ein Hungern und Dürsten nach Ihm, das eine große Verheißung hat[96]. So stark nun sein Glaube an seinen Heiland ist, so stark ist seine Freude, sein Friede, seine Liebe zur Heiligung, so stark das Verlangen, Ihn noch mehr kennenzulernen und Ihm zu dienen in dieser Welt. Aber dennoch ist der Mensch selten fähig, das Werk der Gnade in sich selbst zu erkennen, teils wegen der noch anklebenden Sünde, teils weil die Augen des Gemüts noch nicht das rechte Licht haben. Deswegen wird bei dem, der solches Werk in sich hat, ein sehr gesundes Urteil erfordert, ehe er fest und sicher schließen kann, daß dies ein Werk der Gnade ist.
Bei andern offenbart es sich zuerst durch ein solches Bekenntnis des Glaubens an Christus, dem man es ansieht, daß es aus eigener Erfahrung kommt; dann durch ein Leben, das dem Bekenntnis gemäß ist, nämlich durch einen heiligen Wandel in der Welt, der sich als Frucht seines geheiligten Herzens ebenso in seinem Hause wie auch überhaupt im Umgang mit andern Menschen erweist, so daß man die Sünde und sich selbst um der Sünde willen im Herzen verabscheut, sie in seiner Familie unterdrückt und Gerechtigkeit in der Welt zu fördern sucht, und zwar nicht durch bloßes Sprechen, wie ein Heuchler und Schwätzer tut, sondern indem man im Glauben und in der Liebe sich der Herrschaft des göttlichen Wortes willig unterwirft[97]. Hast du etwas zu dieser kurzen Beschreibung des Gnadenwerks und seiner Offenbarung einzuwenden, so sage es; wo nicht, so erlaube mir eine zweite Frage.
Schwätzer. Meine Sache ist jetzt nicht, zu tadeln, sondern zu hören; ich erwarte deine zweite Frage.
Getreu. Hast du das, was in dem ersten Teil beschrieben wurde, an dir selbst erfahren, und gibt dein Wandel Zeugnis davon? Oder steht dein Christentum nur in Worten und auf der Zunge und nicht in der Tat und in der Wahrheit? Willst du mir darauf antworten, so sage nicht mehr — ich bitte dich —, als wozu Gott im Himmel amen sagen und was dein Gewissen rechtfertigen kann. „Denn darum ist einer nicht tüchtig, daß er sich selbst lobt, sondern daß ihn der Herr lobt“ (2. Kor. 10, 18). Dazu ist es eine große Gottlosigkeit, dich für einen Christen auszugeben, wenn dein Leben und alle deine Nachbarn dich Lügen strafen.
Bei dieser Frage errötete der Schwätzer; er faßte sich aber wieder und sagte: Du kommst jetzt auf Erfahrung, auf Gewissen und auf Gott selbst; ich muß dir gestehen: diese Wendung des Gesprächs ist mir unerwartet; du willst mich wie ein Kind ausfragen, aber ich fühle mich durchaus nicht aufgelegt, auf solche Fragen zu antworten, und ich kann dich nicht als meinen Richter anerkennen. Aber sage mir doch, wie kommst du dazu, solche Fragen an mich zu richten?
Getreu. Weil ich sehe, daß du nichts hast als einiges Wissen. Aber ich will die volle Wahrheit sagen: ich habe gehört, daß dein ganzes Christentum im Schwatzen besteht und daß dein ganzer Wandel das Bekenntnis deines Mundes Lügen straft. Man sagt, daß du ein Schandfleck unter den Christen bist, daß du dem Christentum durch deinen ungöttlichen Wandel schadest, daß du schon manchen durch dein gottloses Wesen verführt hast und ihrer noch mehr in gleicher Gefahr stehen. Dein Christentum vertrage sich auch ganz gut mit Saufgelagen, Geiz, Unzucht, Schwören und Lügen und schlechter Gesellschaft. Das Sprichwort, daß eine Hure aller Frauen Schandfleck ist, paßt auf dich: Du bist ein Schandfleck aller Gläubigen!
Schwätzer. Da du auf Gerüchte merkst und so rasch einen aburteilst, so muß ich dich für einen grämlichen, trübsinnigen Menschen halten, mit dem man nicht reden kann, und darum: Lebe wohl!
„Sagte ich es dir nicht voraus?“ sprach Christ, indem er zu Getreu trat, „deine Worte und seine Gelüste konnten nicht zusammen stimmen. Er hat lieber deine Gesellschaft als sein sündliches Leben verlassen. Laß ihn gehen; den Schaden trägt er selber davon. Er hat es uns erspart, uns von ihm loszusagen, denn bleibt er, wie er jetzt ist, so wäre er nur ein Schandfleck für uns gewesen, und der Apostel sagt: ‚Tue dich von solchen!‘“ (1. Tim. 6, 5)
Getreu. Ich bin doch froh, daß ich dieses Gespräch mit ihm hatte. Ich habe ihm offen und ohne Rückhalt die Wahrheit gesagt, vielleicht denkt er doch einmal daran zurück, wo nicht, so bin ich wenigstens rein von seinem Blut.
Christ. Du hast wohlgetan, daß du so deutlich mit ihm sprachst. Dieser Offenheit bedient man sich in unsern Tagen nur zu selten, und deshalb sind viele Menschen gegen das Christentum so widrig gesinnt. Denn eben diese schwatzhaften Toren, deren Leben von ihrem Bekenntnis so sehr absticht, sind es, welche, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen, der Welt ein Ärgernis geben, auf das Volk Gottes Schande bringen und die Aufrichtigen betrüben. Möchte nur jeder gegen solche Schwätzer so vorgehen! Entweder sie fingen ein Leben an, wie es sich für Christen ziemt, oder es würde ihnen in der Gemeinschaft der Heiligen der Boden unter den Füßen brennen, daß sie es in deren Mitte nicht mehr länger aushielten.
Hierauf stimmte Getreu ein Lied an und sang: