Kapitel IV.
Von Norwegen über Schottland und die Faröer nach Island.

Um nach Grönlands Ostküste zu gelangen, war es, wie bereits erwähnt, meine Absicht, einen norwegischen Seehundsfänger zu bewegen, daß er uns von Island abholen und uns hinüberbringen sollte.

Nachdem ich Unterhandlungen mit den Rhedereien mehrerer Seehundsfänger gepflogen, einigte ich mich schließlich mit dem Rheder des Seehundsfängers „Jason“ aus Sandefjord dahin, daß uns der „Jason“ von Island abholen und den Versuch machen solle, uns an der Ostküste von Grönland an Land zu setzen, wogegen ich mich verpflichtete, daß der „Jason“ dadurch keinen pekuniären Verlust erleiden dürfe, indem er z. B. seinen Fang oder dergl. vernachlässigte. „Jasons“ Kapitän, Mauritz Jacobsen, war ein ruhiger und erfahrener Eismeerschiffer. Meine Verabredung mit ihm ging darauf hinaus, daß er auf seinem Wege nach dem Fangfeld in der Dänemarksstraße, nachdem er im Frühling in der Gegend von Jan Mayen auf Fang ausgewesen war, uns Anfang Juni abholen sollte, entweder aus Isafjord, oder wenn hier Eisverhinderungen eintreten sollten, aus Dyrafjord auf Island.

Am 2. Mai verließ ich Kristiania, um mich über Kopenhagen und London nach Leith zu begeben, wo ich mit den übrigen Theilnehmern der Expedition zusammentreffen wollte. Diese verließen Kristiania einen Tag nach mir, um mit dem Dampfer über Kristianssand nach Schottland zu gehen. Sie hatten die ganze Ausrüstung der Expedition bei sich.

Viele vernünftige Leute schüttelten bedenklich die Köpfe und drückten uns wehmüthig die Hände, als wir reisten. Man dachte, wenn man es auch nicht aussprach: „Dies ist wohl das letzte Mal, daß wir uns sehen.“

Die Abreise schildert Balto folgendermaßen:

„Als wir die Stadt verließen und auf die Dampferbrücke gingen, waren da viele Frauen und Herren, die uns an den Dampfer begleiteten, um uns Glück wünschen zu können und Hurrah zu rufen. Diese Glückwünsche brachten uns die Leute in all’ den kleinen Städten dar, die zwischen Kristiania und Kristianssand liegen, denn sie glaubten, daß wir nie wieder zurückkehren würden. Es würde uns wohl so gehen wie Herrn Sinclar, der auf Raub nach Norwegen ausgezogen war.“

In Kopenhagen suchte ich Kapitän Holm, den Leiter der dänischen Frauenbootsexpedition nach Grönlands Ostküste, auf und erhielt von ihm allerlei werthvolle Auskünfte über die Eisverhältnisse in dem von ihm bereisten Theil der Ostküste. Hier traf ich ebenfalls den Handlungsgehülfen Maigaard, der in Gemeinschaft mit dem Amerikaner Peary eine Wanderung über das Inlandseis unternommen hatte (1886). Er war einer der äußerst Wenigen, die lichten Blickes in die Zukunft der Expedition schauten und nicht an der Möglichkeit einer Durchquerung Grönlands zweifelten.

In Leith traf ich dann, wie bereits gesagt, mit den übrigen Mitgliedern der Expedition zusammen, die sich scheinbar in bestem Wohlsein befanden und viele Freundlichkeiten von dort ansässigen Landsleuten empfangen hatten. Balto spricht in seinem Bericht von dem norwegischen Konsul wie von einem zweiten Vater, den er in Leith gefunden und der sie Alle ganz übermäßig traktirte. — Es scheint, als habe er an vielen Orten Väter gefunden!

Nachdem wir viele Beweise schottischer Gastfreundschaft in Empfang genommen hatten, begaben wir uns am Abend des 9. Mai an Bord des dänischen Dampfers „Thyra“, der in Granton (ein wenig nördlich von Leith) lag, und der uns nach Island führen sollte.

Die „Thyra“ gehört der Vereinigten Dampfschiffsgesellschaft in Kopenhagen und ist der eine der beiden Dampfer, welche eine feste Route zwischen Dänemark und Island bilden.

Um Mitternacht nahmen wir Abschied von den letzten Freunden, die uns auf die einsame Brücke das Geleit gegeben hatten, und steuerten ins Dunkle hinaus, um unsern Kurs nordwärts zu nehmen.

Fern in der Nordsee, umbraust von Meeresschlag und Wellenbrandung liegen einige kleine Inseln. Es sind die Faröer.

Vor mehr denn tausend Jahren entdeckten die Norweger sie und siedelten sich dort an, und seither gehörten die Inseln während langer Zeiten zu Norwegen, und norwegische Fahrzeuge kommen jahraus, jahrein dahin.

Die Zeiten sind längst entschwunden, nur ganz ausnahmsweise verirrt sich einmal ein Norweger nach diesen Inseln. Von aller Welt abgeschlossen führen die Bewohner dort draußen im Meer ein Leben für sich. Die Bevölkerung bildet einen kleinen abgesonderten und verschollenen Ueberrest einer längst entschwundenen Zeit, aber wenn wir Norweger zu ihnen kommen, werden wir trotzdem fühlen, daß wir aus einem Stamm entsprossen sind. Sie haben noch viel von dem alten norwegischen Volkscharakter und sprechen noch die alte norwegische Sprache, die wir selber längst vergessen haben.

Abgeschlossen in sich selbst, über den Erinnerungen nordischer Größe brütend, erhalten diese Leute ein seltsames Gepräge, das etwas ganz Eigenartiges hat, gleich wie die Inseln, auf denen sie wohnen.

Die Faröer sind durch vulkanische Thätigkeit entstanden und bestehen theils aus Basalt, der sich in geschmolzenem Zustand zu verschiedenen Zeiten in gewaltigen Strömen aus der Erde ergossen hat, wie die Lava heutzutage den Vulkanen entströmt. Diese Ströme sind gleichmäßig bis an alle Seiten geflossen und erstarrt, der eine über dem andern, und bilden jetzt eine Unzahl fast wagerechter Schichten, wie das überall an den Seiten der Felsen ersichtlich ist. Diese erhalten dadurch etwas eigenartig Gestreiftes und bilden häufig Absätze gleich mächtigen zum Gipfel aufsteigenden Stufen, der wagerecht abgeschnitten und oben flach ist.

Ursprünglich haben die Faröer wohl ein großes, zusammenhängendes Land gebildet, wie Island jetzt, aber der Basalt ist eine lose Steinart, die leicht verwittert. Im Laufe der Zeiten haben Regen, Frost, Eis, vor allem aber das Meer dazu beigetragen, das Land in diese Anzahl kleiner Inseln zu zerschneiden, die wir jetzt vorfinden.

Diese Ueberreste früheren Landes bieten aber einen unendlichen Reichthum an wilden, malerischen Formen dar. Besonders an der West- und der Nordküste, wo das Meer am gewaltsamsten eindringt und sich am stärksten einbohrt, sind sie am zerklüftetsten.

Die dunklen Basaltwände stürzen sich oft in einer Höhe von mehreren hundert, ja tausend Fuß ins Meer, häufig aber ragen noch einzelne Felsstücke mit vielen wunderlichen Gestaltungen vor denselben auf. Die Wogen brechen sich dagegen und schleißen sie mehr und mehr ab, vermochten aber doch noch nicht, sie ganz zu entfernen.

Der Felsen „Kodlen“ mit den Klippen „Risen“ und „Lyellingen“ an der Nordküste der Faröer.
(Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)

Wenn das Meer mit seiner ganzen Gewalt auf die Insel steht, wenn diese dunklen, mächtigen Nordseewellen von weit her herangerollt kommen, ihre nassen Schwingen ausbreitend und einander in ununterbrochener Reihenfolge jagend, um sich dann mit donnerähnlichem Getöse in bestimmten Zwischenräumen in die Klüfte und Höhlen zu stürzen, die sie selber gegraben haben, wenn die Brandung tobt und sich weißschäumend an allen Ecken bricht, wenn der Gischt hoch über die Bergwände und bis ins Land hinein aufspritzt, da kann es wohl vorkommen, daß diese Inseln einen so stürmisch meeresfrischen Anblick gewähren, welchen zu schildern Worte nicht ausreichen.

Faröerscher Vogelfelsen.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Aber jahraus, jahrein bricht sich das Meer auf diese Weise an den Klippen. Unablässig wird das Vernichtungswerk, besonders von Westen her fortgesetzt, — die Inseln schwinden unmerklich hin.

Steine und weißer Gischt, — das sind die Hauptzüge einer faröerschen Landschaft; außerdem aber trägt das Vogelleben in nicht geringem Grade zu ihrer Eigenthümlichkeit bei. Die Basaltwände mit ihren zahllosen Absätzen bieten den Seevögeln aller Art einen vorzüglichen Schlupfwinkel dar. Sie sind denn auch in großer Reichhaltigkeit vertreten, es wimmelt im Wasser und auf den Felsen von Vögeln; in der Luft über dem Wasser schwebend, heben sie sich gegen die dunklen Basaltwände gleich einem lustigen Schneegestöber ab.

Nach diesen Inseln richteten wir unsern Kurs. Erst nach einer mehr als zweitägigen Reise bei schönstem Wetter langten wir bei Trangisvaag, einem kleinen Flecken auf der südlichsten Insel „Suderö“ an. Es liegt an einem kleinen Fjord oder Einschnitt, von verhältnißmäßig niedrigen Basaltfelsen umgeben, und bietet, soweit mir bekannt, kein besonderes Interesse dar.

Sobald das Schiff die Anker ausgeworfen hatte, stieß vom Lande ein Boot ab und näherte sich uns, es wurde von sechs jungen, muthigen Färingern gerudert, die ihr eigenthümliches Nationalkostüm trugen, bestehend aus einem Wams von dunkelbrauner oder kaffeebrauner Farbe, Kniebeinkleidern, einer eigenartigen Mütze, die Aehnlichkeit mit unseren norwegischen Zipfelmützen hat, die aber oben in Falten gelegt und gewöhnlich dunkelbraun, blau oder rothgestreift ist, auf den Füßen hatten sie sonderbare Lederschuhe, die sehr bequem zu sitzen schienen. Sie waren aus einem einzigen Stück Leder verfertigt, das in die Höhe gebogen und auf der Oberseite zusammengenäht war, und wurden ähnlich wie Sandalen an die Füße geschnallt.

Unser faröerscher Lootse in seinem Nationalkostüm.
(Nach einer Photographie.)

Das Boot legte beim Schiffe an und der Distriktsarzt und der Ortsrichter kamen an Bord. Während das Boot dort lag, versuchte ich, der Sprache der Färinger zu lauschen und, wenn möglich, ein wenig davon zu verstehen. Ich wußte ja, daß sie von der alten norwegischen abstammte und hatte gehört, daß sie mit unserem ländlichen Dialekt Aehnlichkeit haben sollte, aber im Anfang bemühte ich mich vergebens, auch nur ein einziges Wort aufzuschnappen, und doch klang der Accent und der Tonfall genau so, als höre man daheim in der Gegend von Bergen die Fischer miteinander plaudern.

Nach einem mehrstündigen Aufenthalt setzten wir unsere Fahrt fort.

Auf dem Wege nach Norden zu hatten wir eine frische Brise und ziemlich dichte Nebel. Wir konnten jedoch Klein-Dimon und Groß-Dimon, an welchen wir vorüberkamen, erkennen.

Es sind dies zwei kleine Basaltinseln, die fast lothrecht aus der See aufsteigen und im wesentlichen zahlreichen Seevögeln als Schlupfwinkel dienen.

Klein-Dimon. (Nach einer Photographie von Kapitän Sörensen.)

Groß-Dimon hat einen einzigen Ansiedler, dessen Hof auf dem Gipfel der Südseite der Insel liegt. Waren u. dergl., was von hier herab soll, wird von der lothrechten Felswand an den Strand hinabgewunden. Die Leute selber gelangen mittelst eines zum Theil in den Felsen gehauenen Fußpfades hinauf und hinab. Da die Küste überall sehr steil ist, kann dort im Winter kein Boot aufbewahrt werden, es muß im Herbst von der Küste fortgenommen werden. Gebricht es den Bewohnern an irgend etwas, so müssen sie es durch ein Signal zu erkennen geben, dann kommen Leute zu ihnen, falls eine Annäherung möglich ist. Von Anfang November bis Ende März ist es freilich schwer genug, mit einem Boot an der Insel zu landen, da die See dann so heftig auf die Küste zu stehen pflegt.

In diesem Zeitraum pflegen die Inselbewohner fast ganz von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Man erzählte mir, daß ihnen vor einer Reihe von Jahren das Feuer ausgegangen sei. Es war Mitte November. Sie hatten keine Zündhölzer und mußten infolgedessen ein halbes Jahr von kalten Speisen leben, ohne Feuer im Ofen oder Licht an den langen Winterabenden.

Auf Groß-Dimon wurde, so weit wir wissen, der Norweger Sigmund Bresteson — der Nationalheld der Färinger — von seinem Feinde Trand überfallen und von hier aus soll er — als er verfolgt wurde — zusammen mit seinen Brüdern Thorer und Einar ins Wasser gesprungen und nach Suderö — eine Meile südwärts — geschwommen sein. Erzählt die Sage wahr, was mir sehr zweifelhaft erscheint, so ist diese Schwimmtour die größte Heldenthat gewesen, die jemals ausgeführt wurde, denn Sigmund mußte nicht nur schwimmen, sondern, als Einar völlig erschöpft war, mußte er ihn auf den Rücken nehmen und mit ihm schwimmen, bis er todt war, und als sie ein Viertel des Weges zurückgelegt hatten, nahm er Thorer auf den Rücken und schwamm mit ihm, bis er Suderö erreichte. Hier wurde Thorer von der Brandung fortgespült, während Sigmund die Küste erreichte. Dies soll sich zu Anfang des Winters zugetragen haben und in einem Fahrwasser mit starken Strömungen. Das wären tüchtige Burschen für eine Nordpolexpedition gewesen!

Gegen Nachmittag erreichten wir Torshavn, welches bekanntlich die Hauptstadt der Faröer ist. Es ist der Sitz des Amtmannes der Insel, sowie der übrigen Beamten. Es hat seine eigene Zeitung „Dimmalätting“ (Morgendämmerung), die in Färinger-Sprache gedruckt wird und jeden Sonnabend erscheint.

Der Ort hat ein kleines Fort mit drei und einer halben Erzkanone, und wie man mir sagte, eine Besatzung von ungefähr 12 Mann, Andere behaupteten freilich, es sei keine Spur von Besatzung vorhanden. Die Mauern waren so hoch, daß wir darüber hinweg springen konnten, als wir dort oben waren, um die Anlage zu besehen, und das Thor verschlossen fanden.

Die Stadt liegt an zwei Buchten in einem etwas unebenen Terrain, von kleineren Hügeln umgeben. Im Hintergrunde erheben sich höhere, jetzt mit Schnee bedeckte Felsen. Von der See gesehen, gleicht Torshavn in hohem Grade einem gewöhnlichen Küstenstädtchen im westlichen Norwegen.

Thor aus Kinnbacken des Finnfisches in Torshavn. (Nach einer Photographie.)

Die Torshavner leben, wie die übrige Bevölkerung der Faröer, größtentheils von Fischen. Schafzucht wird freilich auch viel auf den Inseln betrieben, man sieht hier überall so viele Schafe, wie sonst kaum irgendwo. Auf jeden Menschen sollen achtzehn Schafe kommen. Da wir infolge von Sturm vom Sonnabend bis zum Montag in Torshavn bleiben mußten, hatten wir Gelegenheit, den Tanz der Färinger zu sehen, der dort jeden Sonntag Abend um 10 Uhr aufgeführt wird.

Dies war der sonderbarste Tanz, der mir jemals vorgekommen ist. Er bestand darin, daß alle Tanzenden, — hier mochten es wohl an Hundert sein — Männer und Frauen, ohne Ordnung und ohne Eintheilung, paarweise einander bei den Händen ergreifen und in einem einzigen großen Kreis oder einer langen Kette tanzen. Man bewegt sich in einer Art schleppendem Polkatritt zu dem Takt irgend eines Liedes, oft eines dänischen, meistens aber eines faröerischen, zumal sind alte Heldenlieder mit monotoner, schleppender Melodie sehr beliebt. Alle Theilnehmer singen auf eine äußerst natürliche, gellende Weise mit. Es schien darauf anzukommen, wer am besten mit seiner Stimme durchzudringen im stande sei.

So bewegt man sich ununterbrochen nach demselben Takt bis 1 oder 2 Uhr des Nachts im Kreise herum, bei besonders feierlichen Gelegenheiten dauert diese Lustbarkeit auch wohl noch länger. Bei dem ganzen Tanz giebt es keine andere Abwechselung, als daß man verschiedene Schwingungen mit der Kette macht.

Hat man Lust, sich zu betheiligen, so zerreißt man die Kette an einer beliebigen Stelle und reiht sich ein. Dies thaten sofort mehrere von den Mitgliedern der Expedition. Sie gaben natürlich acht, zwischen zwei schöne Mädchen zu kommen und widmeten sich dem Tanz mit einer Lebhaftigkeit und einer Ausdauer, die einer besseren Sache werth gewesen wäre.

Dieser Tanz schien die einzige Art und Weise zu tanzen zu sein, die man auf den Faröern kannte. Er ist sicher eine Ueberlieferung von den alten Norwegern. Ein ähnlicher hat sich bis zum vorigen Jahrhundert auf Island erhalten. Er hieß „Viki vaka“. In Norwegen ist er freilich schon seit langer Zeit verschwunden, und das kann uns nicht wunder nehmen. Worin das Vergnügen bei dieser Lustbarkeit besteht, ist mir nicht recht klar geworden.

Basaltfelsen bei Haraldsund, westlich von Klaksvig. (Nach einer Skizze des Verfassers.)

Es ist doch etwas Eigenartiges mit diesen Ueberlieferungen aus der Vorzeit, es hat etwas Rührendes, daß diese Menschen hier jeden Sonntagabend zusammen kommen, um einen Tanz zu tanzen, der überall sonst längst verschwunden ist, und um Heldenlieder zu singen, deren Sinn sie selber kaum mehr verstehen. —

Am Montag Vormittag kamen wir zu dem kleinen Handelsort Klaksvig, dem nördlichsten Hafen, der auf den Faröern angelaufen wird. Er ist von hohen Basaltfelsen umringt, die eine selbst für die Faröer selten prononcirte Schichten- und Terrassenformation haben.

Hier halten wir uns zwei Stunden auf, dann geht die Fahrt nordwärts, und nachdem wir den Reichthum der wilden, zerrissenen Formen bewundert haben, welchen die Nordküste der Insel unserm Auge bietet, stechen wir wieder in See und nehmen unseren Kurs auf Island.

Jetzt wird es uns an der Temperatur fühlbar, daß wir uns in nördlichen Breitengraden befinden. Die Lappen in ihren Rennthierjacken froren natürlich nicht, aber Einzelne von uns Anderen, die kein Pelzwerk mit hatten, fanden die Luft doch ein wenig kühl. Dies veranlaßte Ravna zu ziemlich ernsten Betrachtungen und er vertraute sich Balto an, der sofort zu uns kam und berichtete: „Er, Ravna, sagt zu mir: was haben wir nur einmal gethan, daß wir mit diesen Menschen gegangen sind, die so wenig Zeug haben, ich sehe, sie frieren schon jetzt, sie werden in Grönland sterben, wo es so kalt ist, Sverdrup, Dietrichsen, Kristiansen und Nansen, und da müssen wir beiden Lappen auch sterben, denn wir kennen ja den Weg nicht.“ —

Ravna befand sich überhaupt weniger wohl an Bord. Im Anfang war er seekrank, was sich jedoch nach einigen Tagen gab; Balto meinte, weil er sich von ihm habe mit Seewasser taufen lassen; ganz vertraut mit der See und dem Schiffsleben wurde er aber niemals. So konnte er sich durchaus nicht daran gewöhnen, unter Deck zu schlafen, es war ihm zu beklommen dort, er steckte Kopf und Arme in seine Pelzjacke, kroch wie ein Hund in einem Winkel auf Deck zusammen und schlief sicher ebensogut wie wir. Balto, der schon früher Erfahrungen in Bezug auf die See gemacht hatte, fand sich dagegen gleich zurecht an Bord. Er stand auf gutem Fuß mit der Mannschaft und spielte dabei den großen Mann.

Auf der Seereise von Schottland nach Island, sowie auf dem Meere zwischen Island und Grönland nahm ich täglich Luftproben, hauptsächlich, um den Kohlensäuregehalt zu untersuchen. Die Luftproben werden auf die in der Einleitung angeführte Weise genommen. So brachte ich sogar Luft aus dem Innern Grönlands mit nach Hause.

Schon auf den Faröern verlauteten böse Nachrichten über die diesjährigen Eisverhältnisse auf Island. Das Eis sollte so tief südwärts liegen, wie es „seit Mannesgedenken“ nicht der Fall gewesen; die Ostküste sei völlig unzugänglich. Nur allzubald sollten wir die Wahrheit dieses Gerüchtes erfahren, indem wir schon nach 24stündiger Reise in einer Entfernung von etwa 30 Meilen von Islands Ostküste auf Eis stießen. Wir schlugen eine nördliche Richtung ein, um zu sehen, ob es weiter nordwärts möglich sei, das Land zu erreichen, — es war aber vergebliche Mühe. Wir trafen auch mehrere Segler, die berichteten, daß sich das Eis ganz hoch nach Norden hinauf erstreckte.

Am nächsten Tage, Mittwoch den 16. Mai, machten wir am Morgen noch einen Versuch, die Ostküste ganz im Süden am Berufjord zu erreichen, aber auch hier hemmte das Eis schon 20 Meilen vom Lande entfernt unsere Fahrt. Da war nun nichts anderes zu thun, wir mußten unseren Kurs südwärts nehmen, und mit günstigem Winde segelten wir nun an der bergigen, malerischen Südküste Islands entlang. Am Nachmittage und Abend passirten wir Islands höchsten Berg, den Oeräfajökull, der sich direkt vom Meeresufer bis zu einer Höhe von 1960 m erhob. Als die Sonne ins Meer versank und ihre letzten Strahlen auf seine schneebedeckten Seiten und den Wolkenschleier warf, der seinen Gipfel umhüllt, da bot der Felsen einen großartigen Anblick dar. Hin und wieder zertheilten sich die Wolken, und seine ganze Kegelform mit ihren weichen Konturen enthüllte sich unserem Auge.

Der Oeräfajökull ist ein Theil des Vatnajökull, auf dessen südlicher Seite er liegt, dieser bedeutendsten Gletschermasse in Island, die nächst dem grönländischen Inlandseis die größte Gletschermasse der arktischen Gegenden ist.

Der Oeräfajökull ist ein alter Vulkan, der wohl nicht viele Ausbrüche gehabt hat, seit die Norweger sich zum erstenmal in Island ansiedelten, der aber trotzdem vielen Schaden angerichtet hat. Bei einem Ausbruch in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstörte er zwei Kirchspiele, und in Thorvaldur ThoroddsensLysing Island“ (von Professor Amund Helland übersetzt) heißt es, daß ganz Litlaherad durch Jökulhlaup[28] zerstört wurde und an einem Morgen 40 Höfe mit allem, was darin war, ins Meer gefegt wurden, so daß nur wenige Menschen entkamen. Es stürzten so viele Steine, Kies und Sand herab, daß dort, wo früher eine Tiefe von 30 Klaftern gewesen war, sich fortan eine Sandfläche erstreckte. Der letzte Ausbruch des Oeräfajökulls fand im Jahre 1727 statt, es wurden viele Höfe zerstört und viel Vieh getödtet.

Westlich vom Oeräfajökull und weiter ins Land hinein im Varmàrdalur liegt Lakis Kraterreihe, wo im Jahr 1783 ein Ausbruch stattfand, der heftiger und entsetzlicher war als irgend ein anderer seit der Ansiedlung Islands. Thoroddsen sagt: Man weiß nicht, daß je auf der ganzen Welt auf einmal so viel Hraun (Lava) zum Vorschein gekommen ist, wie bei diesem Ausbruch. Es heißt, daß in dieser Lava ebensoviel Steine enthalten sind, wie in dem ganzen Mont Blanc.[29]

Ueberhaupt sind die mittleren und südwestlichen Theile Islands stark vulkanischer Natur. Man kann hier dieselben Kräfte in Wirksamkeit verfolgen, die sowohl Island, wie die Faröer gebildet haben. Die Lavaströme aus der historischen Zeit haben sich bis 900 ☐km über älteren Tuft, Basalt oder präglacialer Lava ausgebreitet. Während die Faröer wie die todte Ruine eines ehemals mächtigen Gebäudes daliegen, ist derselbe Baumeister auf Island noch immer in Thätigkeit.

Die Hauptzüge in der Konstruktion sind an beiden Orten dieselben. Island ist gleichsam ein Stapel flacher Basaltschalen, die Faröer gleichen den Ueberbleibseln eines solchen Stapels, der nach Osten zu in schräger Richtung ins Meer verläuft.

Am nächsten Morgen — den 17. Mai — näherten wir uns den Vestmanna-Inseln (Vestmannaeyjar), die ungefähr in der Mitte von Islands Südküste einige Meilen ins Meer hinein liegen.

In dem herrlichsten Sonnenschein bei spiegelblanker See glitten wir zwischen diesen steilen, hohen Basaltinseln hindurch und warfen vor dem Hafeneingang auf Heimaey die Anker aus. Es ist dies die größte von den Inseln und gleichzeitig die einzige von der ganzen Gruppe, welche bewohnt ist. Hier blieben wir eine Zeit lang liegen, um ein Boot vom Lande her abzuwarten; so hatten wir Zeit, die Insel zu betrachten und sie, soweit die Brandung es zuließ, zu photographiren.

Die Vestmanna-Inseln und der Eyafjallajökull bei Sonnenuntergang.
(Von Th. Holmboe nach einer vom Verfasser im Mai 1882 angefertigten Skizze.)

Auch auf den Vestmanna-Inseln frißt das Meer sich ein und untergräbt die Lavaschichten zu lothrechten Abstürzen mit gewaltigen Thoren und Grotten. Es lag ein gewisser südländischer Typus über dem Ganzen, unwillkürlich schweiften die Gedanken zu den Küsten von Capri hinab und verglichen, aber in Bezug auf die Form tragen die Vestermannsinseln sicher den Preis davon. Wir steuerten gerade unter diese hohen Basaltfelsen, wo die Brandung emporspritzte und wo die Seevögel uns schreiend in großen Schwärmen umkreisten. Es ist etwas wunderbar Ueberwältigendes in dieser Natur. Man denke sich einen herrlichen frischen Morgen mit dem strahlendsten Wetter, ein krystallklares, grünes Meer und gerade vor uns auf dem Festlande Islands zweithöchsten Berg, den Vulkan Eyafjallajökull, der sich in einem Kegel hart am Meeresstrande zu einer Höhe von 1706 m erhebt und mit seiner mächtigen, weißen Schneehaube im Sonnenschein glitzernd daliegt. Weiterhin erblickt man andere Jökler (Eisgletscher), am hervorragendsten ist der Hekla mit seiner jetzt schneeweißen Kuppelform.

Die Nordseite der Vestmanna-Inseln. (Nach einer Momentphotographie.)

Die Fahrt geht indessen weiter an der Küste entlang, und bald versinkt auch all diese Pracht ins Meer, nur der Hekla, der Tinnfjallajökull und der Eyafjallajökull sind noch lange am Horizont sichtbar.

Späterhin am Nachmittage passiren wir Reykjanäs mit Islands einzigem Leuchtthurm, der auf einer hohen, weit ins Meer hinausragenden Klippe liegt. Der Leuchtthurm ist in den letzten Jahren mehrfach von Erdbeben heimgesucht worden. Das letzte Mal barst der Thurm, während zugleich ein großes Stück des Felsens ins Meer stürzte. Man ist jetzt darauf gefaßt, daß das Ganze eines schönen Tages im Meere verschwinden wird. Der Leuchtthurm liegt übrigens auf sehr vulkanischem Boden und in den traurigsten Umgebungen, die man sich vorstellen kann. Fast das ganze Reykjanäs ist eine einzige große Lavaebene, die sich ins Meer erstreckt. Ich war hier vor sechs Jahren am Lande und kann wohl sagen, daß ich mich nicht erinnere, jemals eine traurigere Strecke Landes durchwandert zu haben; kaum ein Grashalm war zu erblicken, alles war kahle, schwarze Lava, die sich bis an den Horizont erstreckte ohne weitere Abwechselung, als daß sie hie und da eine mehr röthlichere oder gelblichere Farbe annahm. Außer dem Häuschen des Leuchtthurmwächters war keine menschliche Wohnung zu sehen, so weit das Auge reichte, kein lebendes Wesen, außer ein paar mageren, verhungernden Brachvögeln, die auf der Reise nach dem Norden auf einer Art Wiese vor dem Hause des Leuchtthurmwächters Rast machten, wo ein paar Schafe sich an einigen abgestorbenen Grasbüscheln delektirten.

Reykjanäs mit Islands einzigem Leuchtthurm.
(Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)

Die einzige Abwechselung in dieser Einförmigkeit bildeten einige Dampfsäulen, die an mehreren Stellen aus den kochenden, schwefelhaltigen Quellen aufsteigen, deren es mehrere auf dieser Halbinsel giebt. In der Entfernung gesehen, sind sie rauchenden Kalköfen nicht unähnlich.

Reykjavik mit Islands einziger Landstraße. (Nach einer Photographie.)

Vor Reykjanäs ragen mehrere Klippen und Felsen aus dem Meere empor. Die auffallendste dieser Formationen ist der sogenannte „Mehlsack“, der wahrscheinlich so genannt ist, weil er eine gewisse Aehnlichkeit mit einem mächtigen Sack hat, der aufrecht im Meere steht. Diese Klippen sind bekannt, weil dort einstmals viele Scharen des jetzt ausgestorbenen Geiervogels (Alca impennis) hausten.

Nachdem wir uns durch Wind und starken Seegang hindurchgekämpft hatten, welch letzterer „Thyras“ Fahrt auf ein fast negatives Resultat reduzirte, gelangten wir endlich in der Nacht nach Islands Hauptstadt Reykjavik.

Wir sollten uns hier nicht lange aufhalten, hatten aber doch am Morgen des nächsten Tages Gelegenheit, an Land zu gehen und die Stadt während einiger Stunden zu besehen.

Reykjavik ist keine große Stadt, sie hat ungefähr 3-4000 Einwohner und besteht aus kleinen hölzernen Häusern, die über eine Ebene zerstreut liegen. Es sind dort nur zwei Steingebäude, — das Althingsgebäude, in welchem Islands Althing oder Reichstag tagt, und die Domkirche, — sie sind aus Lava gebaut, woran die Insel sehr reich ist, da die Lava fast den Hauptbestandtheil derselben bildet; man kann sich nur wundern, daß nicht mehr Häuser aus diesem Material erbaut werden, um so mehr als die Insel nicht einen einzigen Baum aufzuweisen hat und jedes Stückchen Holz von außen her, größtentheils aus Norwegen, eingeführt werden muß. Vor dem Althing liegt ein großer, grasbewachsener Platz, der Austarvöllur, auf dem eine Bildsäule aus Bronze von Thorwaldsen steht, dessen Eltern aus Island stammen sollen.

Reykjavik muß eine äußerst bureaukratische Stadt sein, denn, wie man sagt, wohnen nicht weniger als vierzig Beamte dort, so daß also mindestens ein Beamter auf je hundert Einwohner kommt. Die armen Menschen! Man sollte fast glauben, es müsse ein reiches Land sein, das so viele Standespersonen ernähren kann!

Späterhin am Tage verließen wir Reykjavik, nachdem wir die Offiziere an Bord des dänischen Kriegsschiffes „Fylla“ begrüßt hatten, das in den Hafen dampfte, als wir eben im Begriff waren, ihn zu verlassen.

Wir richten unsern Kurs auf Snefellsnäs, um dann zu unserm nördlich gelegenen Bestimmungsort Isafjord zu gelangen. Am Abend, gerade bei Sonnenuntergang passirten wir den Snefellsjökull, der ein alter, auf der Spitze des Vorgebirges gelegener Vulkan ist. Gleich einem Kegel steigt er steil auf zu einer Höhe von 1413 m. Er ist als vorzügliches Seezeichen wohl bekannt, und manches Schiff hat seine weiße Mütze sicher in den Hafen geleitet. Jetzt im Schein der untergehenden Sonne, wo die letzten Strahlen seinen weißen Gipfel mit röthlichem Schimmer färben, gewährt er einen zauberhaften Anblick.

Die „Thyra“ vor Snefellsnäs. (Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)

Als wir am Morgen, den 19. Mai, auf Deck kamen, wurden wir von einer steifen nördlichen Brise mit Schnee und Regen begrüßt, die hohen Basaltfelsen an der Küste waren bis zum Fuß mit Schnee bedeckt, hier und da sah man einzelne Eisblöcke in der See schwimmen. Es waren Vorläufer, die meldeten, daß das Eis nicht mehr fern sei. Wir befanden uns nun in der Nähe des Oenundarfjords und da die Brise anfing sich zu einem Sturm mit einem dichter werdenden Schneegestöber zu steigern, suchten wir hier, in dem vorzüglichen Hafen eine Zufluchtstätte, um das Unwetter abzuwarten. Der Sturm nahm nun mit rasender Schnelligkeit zu, und wir bekamen einen kleinen Begriff davon, was ein Sturm in diesem nördlichen Fahrwasser zu bedeuten hat. Man wagte sich nicht unnöthig auf Deck; man konnte sich freilich auf den Beinen halten, aber der Sturm war doch derartig, daß man die Nase, sobald man sie herausgesteckt hatte, schleunigst wieder einzog. Wir lagen indessen sicher und gut im Hafen. Es war der Abend vor Pfingsten, weshalb sollten wir es uns da nicht innerhalb unserer vier Wände so gemüthlich wie möglich machen? Von der Landschaft ringsumher sahen wir nur sehr wenig, eigentlich nur den Fuß der wahrscheinlich sehr hohen Felsen, und oft auch den nicht einmal. Aus allem, was wir erkennen konnten, ging hervor, daß wir uns in einer ausgeprägten Basaltgegend befanden. Allmählich bedeckte indessen eine dichte Schneeschicht alles, und das einzige, was sich von der Landschaft sagen ließ, war, daß hier ein vollständiger Winter herrschte, und daß man, wenn der Schnee ein wenig trockener gewesen wäre, man sicher die vorzüglichste Skibahn gehabt hätte.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, befanden wir uns in Isafjord, wo wir der Bestimmung nach an Land gehen sollten. War es in Oerundafjord Winter gewesen, so war das hier nicht minder der Fall. Soweit das Auge reichte, war alles mit Schnee bedeckt. Isafjord ist die zweitgrößte von Islands drei Städten, sie liegt an einem kleinen Fjord, zwischen hohen Felsen eingeklemmt.

In Isafjord sagte man mir, das Treibeis läge nicht weit nach Norden hinauf, es läge südlich vom Kap Nord. Bei starken nördlichen Strömungen könne es noch weiter südwärts treiben und den Eingang des Fjords versperren. Dies geschieht freilich nur äußerst selten, aber es war doch eine Möglichkeit vorhanden, daß der „Jason“ Schwierigkeiten haben würde hereinzukommen und uns abzuholen. Um dies nicht zu riskiren, beschloß ich, nach dem südlich gelegenen Dyrafjord zu gehen, der nie durch Eis verschlossen wird, um dort den „Jason“ abzuwarten. Dies stimmte mit der getroffenen Verabredung überein. Ich hinterließ einen Brief in Isafjord, in welchen ich den Kapitän des „Jason“ benachrichtigte, daß wir in Dyrafjord zu finden seien, worauf wir, nachdem wir uns überzeugt hatten, wie weit nach Süden hin das Eis lag, eine südliche Richtung einschlugen.

Dyrafjord mit dem Glamujökull im Hintergrunde, von Thingeyre aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)

Als wir am folgenden Morgen auf Deck kamen, segelten wir bei herrlichem Wetter in den Eingang des schönen Dryafjord ein. Der Winter hatte sich nun abermals zum Theil ins Gebirge zurückgezogen, und am Strande entlang lächelte uns ein Stück Frühling entgegen. Bald warfen wir in dem Hafen vor Thingeyre, dem Handelsplatz des Fjordes, unsere Anker aus. Hier nahmen wir Abschied von „Thyras“ Führer, Kapitän Sörensen, und der Mannschaft. Sie hatten vom ersten Augenblick an alles gethan, um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, — beim Abschiede sandten sie uns einen donnernden Salut nach.

Auf Thingeyre wurden wir von dem Kaufmann Konsul Gram, unter dessen Dach wir die Wartezeit zubringen sollten, auf das herzlichste empfangen.

Der Handelsplatz, der seinen Namen dem Umstand verdankt, daß dort früher das Thing abgehalten wurde, liegt auf einer angeschwemmten Bank — isländisch „eyre“ — oder Landzunge, die sich ins Meer erstreckt. Diese Landzunge ist eine Moräne, welche vor langen Zeiten, als Island mit Eis und Schnee bedeckt war, von dem Gletscher vorgeschoben worden, der den Fjord füllte und ihn — wenigstens theilweise vertieft und gebildet hat. Nach innen liegen mehrere solcher Moränen, eine vor der anderen, und sie erstrecken sich gleich flachen Rücken theils über, theils unter dem Wasser quer durch den Fjord; sie erschweren das Vordringen der Schiffe und Böte oft sehr.

Der südliche Theil des Vestfirdir, vom Glamujökull aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)

Diese Moränen sind unwiderlegliche Zeugen aus der Eiszeit, und in ihnen sind unendliche Massen von Steinen und Sand fortgeschoben worden.

Dyrafjord ist zu beiden Seiten von steilen Basaltfelsen, ähnlich wie wir sie auf den Faröern sahen, umgeben und im Hintergrunde wird es von dem mächtigen Glamujökull abgeschlossen. Dieser ist freilich nicht sehr hoch — er mißt ungefähr 910 m —, aber er ist doch der höchste Berg des Westlandes, das im Grunde eine Insel für sich selbst bildet und nur durch eine 10 km breite Landenge mit dem Hauptlande verbunden ist.

Der Glamujökull besteht wie die ganze Landschaft hier rings umher aus Basalt. Eines Tages bestiegen wir den Jökull. Wir nahmen Ski und Truger mit, da es so aussah, als wäre dort oben tiefer, weicher Schnee. Darin hatten wir uns jedoch geirrt, wir fanden sehr harten Schnee, auf dem man sehr wohl gehen konnte, der aber auch eine vorzügliche Skibahn darbot, ja eine allzugute, wie wir später zu unserem Kummer erfahren sollten.

Wir hatten das schönste, klare Wetter und eine vorzügliche Aussicht vom Gipfel herab. Es ist eine ganz eigenartige Landschaft, die man hier vor sich hat, eine schneebedeckte, auffallend flache und ausgedehnte Hochebene, die sich nach allen Seiten steil ins Meer stürzt. Im Hintergrunde nach Süden zu sieht man den Snefellsjökull am Horizont emporragen, leicht kenntlich an seiner kegelförmigen Gestalt.

Man erhält von hier oben gleichsam plötzlich einen deutlichen Ueberblick über die Entstehung des ganzen Landes, wie die Basaltströme, aus denen es gebildet ist, sich still und gleichmäßig nach allen Seiten ergossen und eine große, zusammenhängende Fläche gebildet haben. Dann ist das Meer und das Wetter mit Frost und Regen gekommen und während der Eiszeit kamen die Gletschermassen und zehrten an der Fläche, besonders an den Rändern, wo sich Fjorde und Thäler (Senkthäler) bildeten. Späterhin hat die Verwitterung die Erweiterung derselben fortgesetzt, sie haben jedoch nur am äußersten Rande einzudringen vermocht, während die Hochebene in ihrem Innern noch ebenso flach und unberührt daliegt, als da sie gebildet wurde.

Isländischer Bauerhof.
(Von A. Nielsen nach einer Photographie.)

Auf dem Heimwege liefen wir auf Ski die steile Felswand hinab, wo wir die schönsten langen Skihügel mit hartem Schnee fanden, auf denen unsere stahlbeschlagenen Ski wie Glas dahinflogen. In sausender Fahrt ging es über die Höhen dahin. Da ging Balto unvorsichtig zu Werke und wurde kopfüber einen kleinen Felsvorsprung hinabgeschleudert. Beim Fallen verletzte er sich das eine Knie so ernstlich, daß wir unsere liebe Noth hatten, ihn wieder nach Hause zu schaffen. Beim Aufsteigen war Balto sehr groß gewesen, er meinte: „Für uns Lappen ist es eine Kleinigkeit, wir stecken den Stab zwischen die Beine und dahin geht’s.“ Als er aber diese Kunstfertigkeit bei dem ersten steilen Abhang zeigen sollte, erging es ihm übel, und wir konnten uns ja trotz unseres Mitleids des Lachens nicht enthalten. Längere Zeit hindurch war er nun Invalide, und ich glaubte mich schon eines meiner Kameraden beraubt, ja ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, einen Ersatzmann für ihn aus Island mitzunehmen, obwohl ich dort wohl schwerlich Jemanden gefunden haben würde, der sich darauf eingelassen hätte, mitzugehen. Bei täglicher Massage erholte er sich jedoch bald so weit, daß ich Hoffnung hatte, ihn mitnehmen zu können, er selber war sehr muthlos und fühlte sich äußerst unglücklich bei dem Gedanken, zurückbleiben zu müssen. Ebenso Ravna, der glaubte, daß er entweder gezwungen sein würde, allein mit uns zu gehen oder auch die Reise und damit den Verdienst aufzugeben.

Die Zeit wurde uns übrigens auf Thingeyre keineswegs lang. Bald bestiegen wir Berge, bald fuhren wir auf dem Fjord auf Jagd, bald ritten wir, besuchten Bauerhöfe etc. etc. Besonders die Ritte auf den kleinen, vorzüglichen isländischen Pferden waren äußerst amüsant.

Sitzt man quer über so einer kleinen Ratte und ist — wie der Schreiber dieses — von Natur nicht gerade klein, so nimmt man sich kaum zu seinem Vortheil aus, denn die Füße befinden sich in bedenklicher Nähe des Erdbodens. Man erhält ein unheimliches Gefühl der Unsicherheit, wie lange der Pferderücken wohl halten wird. Wenn es dann aber, was das Zeug halten will, im wildesten Galopp dahingeht, über unwegbare Stellen, wo die Steine unter den Pferdehufen rollen, durch Moore, wo das Pferd fast versinkt, über Bäche und Klüfte, an steilen Hügeln in die Höhe, an Felsabhängen und glatten Felsspalten entlang, kurz durch ein solches Terrain, in dem ein gewöhnliches Pferd bei den ersten Schritten die Beine brechen würde, und überall in derselben rasenden Eile, ohne daß das Pferd auch nur einen einzigen Fehltritt thut, — ja da erhält man Respekt vor diesem gewiß in der ganzen Welt unübertroffenen Gebirgspferd! Den höchsten Grad erreicht die Verwunderung aber, wenn man an einen Gebirgsfluß kommt und sieht, wie das Pferd entweder ohne weiteres durch den Strom watet, oder anfängt zu schwimmen, während man selber zusehen kann, wie man trocken bleibt. Ist der Fluß nicht sehr tief, so thut man am besten, die Beine auf den Hals des Thieres zu legen, wenn man da nicht bei einer unerwarteten Bewegung des Pferdes herunterrollt. Bekanntlich giebt es auf ganz Island weder Wege noch Brücken, auf dem Pferderücken oder zu Fuß aber kommt man überall durch.

Auf einem Bauerhof, in der Nähe von Dyrafjord, kaufte ich ein kleines Pferd, das ich für die Expedition mitzunehmen gedachte. „Dies Pferd“ — schrieb ich am 4. Juni in einem Brief nach Norwegen — „nehme ich mit, um es zum Ziehen des Bootes und der Bagage über die Eisschollen an Grönlands Ostküste zu verwenden, und — falls wir es so weit mitbekommen, — als Saumthier, um die Felsen an der Küste zu besteigen. Es ist ja zweifelhaft, ob wir viel Nutzen davon haben werden, aber jedenfalls bekommen wir, wenn wir es todtschießen, eine gute Mahlzeit frischen Fleisches.“

Leider sollten wir nicht viel Nutzen davon haben! Es ist nicht so leicht, im Frühling auf Island Futter aufzutreiben; so kam es denn, daß ich mit Mühe und Noth Futter für nur einen Monat zusammenkaufen konnte.

Es war ein prächtiges, kleines Thier und hatte die seltene Eigenschaft, daß es ans Ziehen gewöhnt war. Es war vor dem Pfluge gebraucht worden, und das ist eine große Seltenheit auf Island, wo die Pferde ja gewöhnlich nur mit Sattelzeug oder Saumsattel benutzt werden.

Eines Morgens während unseres Aufenthalts in Dyrafjord kam ein Dreimaster in den Fjord gedampft und ankerte im Hafen, es war das dänische Kriegsschiff „Fylla“. Dies war für uns natürlich eine Quelle großer Freude. Mehrere Tage hindurch genossen wir den Umgang der liebenswürdigen Offiziere und brachten manche gemüthliche Stunde an Bord zu.

Indessen näherte sich unsere Wartezeit nun ihrem Ende. Wir konnten jeden Tag gefaßt sein, den „Jason“ in den Fjord dampfen zu sehen, — und fingen bereits an, ein wenig ungeduldig zu werden.

Da, an einem Sonntagvormittag — es war am 3. Juni — erblickten wir weit draußen in der Fjordmündung einen kleinen Dampfer, welcher sich keuchend näherte, — Niemand wußte, was für ein Schiff das sein könne, man kam aber bald zu dem Resultat, daß es eines von den kleinen norwegischen Walfischfängern in Isafjord sein müsse. Er fährt um die „Fylla“ herum, grüßt mit der norwegischen Flagge und geht im Hafen vor Anker, ein Boot wird herabgelassen und kommt an Land. Unsere Freude war groß, als wir in dem ersten Mann, der das Ufer betritt, Kapitän Jakobsen, den braven Führer des „Jason“ erkannten. Es giebt natürlich ein stürmisch bewegtes Wiedersehen, der Zusammenhang war mir bald klar. Der „Jason“ war nach Isafjord gekommen, hatte uns dort nicht gefunden und wollte deshalb nach Dyrafjord weiter gehen, aber der Wind war entgegen, und es würde ihm mit seinem schweren Segelzeug schwer geworden sein, gegen den Wind anzudampfen. Da war denn der Direktor der norwegischen Walfischfanggesellschaft in Isafjord, Herr Grossierer Amli aus Kristiania, so unbeschreiblich liebenswürdig gewesen, uns den „Isafold“, eins seiner Dampfböte, ohne Säumen nachzusenden, um uns zu holen. Ein neuer, von einem Landsmann ausgehender Beweis, mit welchem Wohlwollen die Expedition begleitet wurde.