Kapitel V.
Reise von Island zum Klappmützenfang.

Am Abend des 4. Juni lichteten wir im herrlichsten Sonnenschein die Anker. Gerade als wir den Fjord verließen, warf die sinkende Sonne ihren letzten liebkosenden Schein auf die Basaltfelsen des Isafjords. Die Westseiten derselben lächelten in der Abendsonne, während kalte Schatten über allen Spalten der Abhänge in der Nähe der Gipfel und in allen Klüften lagerten, die das Wasser an den Seiten gegraben hat, die eigenthümlichen wagerechten Formationen schärfer hervorhebend.

Bald sandten wir diesem letzten Stück Europa unsern Abschiedsgruß zu, ließen es hinter uns liegen und stachen in See.

Während wir uns vom Lande entfernen, schließt sich uns eine nach Hunderten zählende Schar dreizehiger Möven (Larus tridactylus) an, uns lautschreiend gleich einer weißblauen Wolke umschwebend, bald sinkend, — mit ausgebreiteten Flügeln dicht über das Kielwasser des Schiffes dahinfliegend, — bald steigend, in ihrem leichten anmuthigen Lufttanz zu dem blauen Himmel aufflatternd.

Hier war Gelegenheit, die Geschicklichkeit im Vogelschießen zu üben, — sie im Fluge mit der Kugel zu treffen, ist nicht so ganz leicht; mit der Zimmerpistole und dem Revolver zielten wir auf sie. Die meisten Schüsse treffen nicht; der Vogel schüttelt nur die Schwingen und fliegt weiter, jetzt aber wird eine Möve getroffen, sie ist nicht ganz todt, sie schlägt mit den Flügeln und sinkt, — anmuthiges hülfloses Geschöpf! Das Schiff geht ruhig weiter, es läßt sich nicht durch einen klagenden Vogel in seinem Kurs stören, — aber man kann ihn lange sehen, weit, weit dort hinten, umkreist von seinen Kameraden mit ihrem kläglichen, vorwurfsvollen Geschrei, mit den kraftlosen Flügeln die Wasserfläche peitschend. Wie erbärmlich, ohne Zweck und Ziel einen glücklichen Vogel um eines zweifelhaften Vergnügens willen zu opfern.

An jenem Tage wurde keine Büchse mehr angerührt, — so etwas hinterläßt eine kurze Weile einen tiefen Eindruck, dann aber wird es vergessen.

Ehe wir das isländische Fischrevier verlassen, müssen wir versuchen, eines Gerichts frischen Fisches habhaft zu werden. Ungefähr eine Meile vom Lande entfernt machen wir also Halt und werfen die Leinen aus. Nun folgt eine Spannung von mehreren Minuten, während welcher Niemand ein Wort spricht, — an der einen Leine zuckt es, sie wird aufgezogen. Man lehnt sich über den Schiffsrand; dort ganz unten im Wasser erglänzt es weiß, ein großer, zappelnder Dorsch wird an Deck gezogen. Bald folgt ein Fisch dem andern. Es ist ein lebhafter Wettstreit, wer die meisten fängt. Es währt denn auch nicht lange, bis wir ein gutes Gericht Fisch für uns und für die ganze Schiffsmannschaft haben. Mit dem Dorsch ist es nun an und für sich ganz gut, aber es wäre ganz angenehm, wenn wir auch einige Hellflundern fangen könnten. Deshalb fahren wir weiter hinaus, dorthin, wo die Hellflunderbänke sein sollen. Wir machen einen Versuch, sind aber diesmal nicht so glücklich. Wir wechseln den Platz und suchen abermals, — dasselbe Resultat. Ja, dann können wir nicht mehr Zeit daran wenden, und wir richten unsern Kurs westwärts, auf das Eis zu.

Es ist eine herrliche nordische Nacht. Die Sonne ist in das Meer gesunken, — im Westen und im Norden glüht noch der Tag. Ueber uns der vielfarbige Himmel, — unter uns das spiegelblanke Meer, das sich in schwermüthigen Gedanken wiegt, — in weicheren, noch feineren Tönen giebt es einen Wiederschein von der gedämpften Farbenpracht des Himmels, — dazwischen der schwarze „Jason“, den seine Maschine keuchend und stöhnend westwärts trägt. Hinter uns verschwindet Islands Felsenküste in bläulich violettem Ton langsam im Meere, — hinter uns liegt die Heimath und das Leben, was aber liegt vor uns? Niemand weiß es, aber es muß wohl etwas Schönes sein: Es ist eine gute Vorbedeutung, die Fahrt unter einem solchen Himmel zu beginnen!

Solche Nächte sind doch das Schönste von allem Schönen auf Erden!

Was ist das Leben, — ist es mehr als Hoffnung und Erinnerung? Die Hoffnung, die gehört möglicherweise dem Morgen an, aber die Erinnerungen, alle die lieblichen Erinnerungen, sie gehören dem Abend und der Nacht.

Schon am folgenden Tage, Dienstag, den 5. Juni, erreichten wir das Eis, das sich sehr weit nach Süden hin erstreckt.

Der Eindruck, den der Anblick der Treibeismassen des Polarmeers auf den Seereisenden macht, wenn er das erste Mal mit ihm in Berührung kommt, ist ganz eigenthümlich. Was man erblickt, ist für die Meisten sicher sehr verschieden von dem, was man erwartet hat. Eine gaukelnde Traumwelt mit wilden, phantastischen Formen, die nach allen Richtungen hin über dem Horizont aufragt, stets wechselnd, immer neu, ein Reichthum von strahlenden Regenbogenfarben, — so ist das Phantasiegebilde, das gewöhnlich von jenen Gegenden gemalt wird. So aber sieht diese Eiswelt keineswegs aus; sie ist einförmig und einfach, und doch macht sie einen eigenartigen Eindruck auf das Gemüth. Im kleinen hat sie Formen, die bis in das Unendliche wechseln, und Farben, die in allen Schattirungen von Blau und Grün spielen und sich brechen, — im großen aber wirkt diese Natur gerade durch ihre einfachen Gegensätze. Das treibende Eis, das sich gleich einer mächtigen, weißen Fläche glänzend und schimmernd ausdehnt, so weit das Auge reicht, einen weißen Wiederschein auf Luft und Wolken werfend, — das dunkle Meer, das sich oft fast kohlschwarz von der weißen Fläche abhebt, — und über all dieser Einförmigkeit ein Himmel, bald weißblau an hellen Tagen, bald dunkel drohend, mit treibenden Wolken bedeckt oder in dichte Nebel gehüllt, bald erglühend im Sonnenauf- und Untergang, oder träumend in der lichten Sehnsucht der Nächte. Und dann die dunkle Jahreszeit mit den seltsamen Nächten, mit Sternenschimmer und Nordlicht über diesen weißen Flächen spielend, oder der Mond, der wehmuthsvoller als sonst auf Erden seine lautlose Bahn durch eine öde ausgestorbene Natur zieht. Der Himmel hat in diesen Gegenden eine größere Bedeutung als überall sonst, die Landschaft selber ist sich stets gleich, der Himmel aber giebt ihr Farbe und Stimmung.

Die erste Begegnung mit dem Eise 1882. (Gezeichnet von Th. Holmboe.)

Niemals werde ich den Eindruck vergessen, den der erste Anblick dieser Natur auf mich machte. Es war in einer finsteren Märznacht im Jahre 1882, als ich an Bord eines Seehundsfängers von Norwegen aus den Eismassen entgegenfuhr, und in der Gegend von Jan Mayen das erste Eis gemeldet wurde. Ich sprang auf Deck und starrte hinaus, aber alles rings umher war finstere Nacht; ich konnte nichts erblicken. Da plötzlich tauchte etwas Großes, Weißes aus dem Dunkel auf, es wuchs und wurde immer weißer, wunderbar weiß im Gegensatz zu der rabenschwarzen Meeresfläche. Das war die erste Eisscholle. Dann kamen mehrere; sie tauchten schon in der Ferne auf, mit einem plätschernden Geräusch glitten sie vorüber und verschwanden wieder. Da gewahrte ich plötzlich einen sonderbaren Schein am nördlichen Himmel; am stärksten war er unten am Horizont, erstreckte sich aber hoch gegen den Zenit. Gleichzeitig vernahm ich ein schwaches Brausen, das von Norden kam, dem Schall der Brandung gleich, wenn sie gegen eine Felsenküste schlägt. Es war das Treibeis, das vor uns im Norden lag. Das Licht war der Wiederschein, den die weiße Fläche desselben auf die nebelige Luft wirft, das Geräusch aber rührte von der See her, welche über die Eisschollen dahinbrauste, die rasselnd gegeneinander prallten. In stillen Nächten kann man das Getöse ganz weit hinaus im Meere hören.

Wir näherten uns mehr und mehr, das Geräusch wurde stärker, die treibenden Schollen um uns zahlreicher, — jetzt stieß das Schiff zuweilen gegen eine an. Unter schrecklichem Getöse wurde sie in die Höhe gehoben und von dem starken Bug bei Seite geschleudert. Manchmal waren die Stöße so heftig, daß das ganze Schiff bebte und man vornüber auf das Deck geworfen wurde. Man konnte wahrlich nicht mehr in Zweifel sein, daß man hier etwas Neuem, Unbekanntem entgegenfuhr. Wir nahmen unsern Kurs ein paar Tage hindurch am Eise entlang. Da zog eines Abends ein Unwetter herauf, wir waren des Seegangs müde und beschlossen, in das Eis hineinzugehen, um dort den Sturm abzuwarten. Ehe wir aber den Rand des Eises erreichten, brach der Sturm los. Die Segel wurden gerefft, schließlich hatten wir nur noch ganz verschwindend wenig Leinwand zurückbehalten, — trotzdem aber flogen wir in sausender Fahrt dahin. Das Schiff stieß gegen das Eis an, es wurde von einer Eisscholle gegen die andere geschleudert, aber es mußte vorwärts und bahnte sich seinen Weg durch die Finsterniß. Und nun kam das Schlimmste, nämlich der Seegang, der immer stärker wurde. Die Eisschollen thürmten sich auf, schlugen gegeneinander, es brauste und lärmte rings um uns her, aber die kräftigen Kommandorufe des Kapitäns vermochten das Brausen der Brandung zu übertönen. Pünktlich und schweigend gehorchten ihm die bleichen Männer, alle waren auf Deck, unter Deck war sich jetzt, wo das Schiff in allen Fugen krachte, Niemand seines Lebens mehr sicher.

Und weiter ging es in das Eis hinein, es schäumte und brauste vor dem Bug, die Eisschollen rollten heran, zerschellten, wurden untergedrückt oder bei Seite geschoben, — da war keine Rede von Widerstand. Dort vor uns im Dunkeln erhebt sich eine mächtige, weiße Eisscholle, sie droht die Davids und das Takelwerk an der einen Seite fortzufegen; das Steuer wird gewendet und unbeschädigt gleiten wir vorüber. Da rollt eine große Welle heran, sie bricht sich weiß schäumend an der Windseite, das Schiff erhält einen gewaltsamen Stoß, ein Krach erschallt, Holzsplitter sausen uns um die Ohren, das Schiff legt sich auf die Seite, ein neuer Krach ertönt, — auf beiden Seiten ist die Schanzbekleidung zertrümmert.

Aber je weiter wir in das Eis hinein kommen, desto ruhiger wird es. Der Seegang ist hier nicht so fühlbar, das Getöse wird schwächer, nur der Sturm saust stärker denn je über uns hin. Es war ein Wagniß, sich bei einem solchen Sturm auf das Eis zu begeben, aber wir gingen unbeschädigt daraus hervor und waren jetzt in sicherem Hafen. Als ich am nächsten Morgen auf Deck kam, war es bereits heller Tag, — rings um uns her lag das Eis weiß und friedlich, nur die zertrümmerten Schanzbekleidungen erinnerten an eine stürmische Nacht.

Ja, das war meine erste Begegnung mit dem Eise.

Wie ganz anders dagegen war es jetzt, — an einem sonnenhellen Tage erblickten wir es, blendend weiß lag es zitternd und bebend im Sonnenlichte da; leise und friedlich trieb das Meer seine Wogen gegen das kalte Gestade.

Man darf sich die Treibeismassen des Eismeeres nicht wie eine einzige, zusammenhängende Fläche vorstellen. Sie bestehen aus zusammengestauten Massen von größeren und kleineren Schollen, die eine Dicke von 6 m, ja 12-15 m und mehr haben können. Wie sie gebildet werden und woher sie kommen, weiß noch Niemand mit Sicherheit zu sagen, — dieser Prozeß muß irgendwo auf dem offenen Meer im höchsten Norden vor sich gehen, dort, wohin noch Niemand gelangt ist. Von dem Polarstrom wird dann das Eis südwärts an der Ostküste Grönlands entlang geführt. Hier werden von der See die großen, zusammenhängenden Flächen zertrümmert, und die kleineren Schollen treiben dann weiter nach Süden zu. Durch das Zusammenpressen und Zusammenstauen des Eises während eines starken Seeganges thürmen sich die Schollen oft aufeinander auf und bilden Eisberge, die 6-8 m über dem Meeresspiegel emporragen können.

Das auf diese Weise zerkleinerte Polareis trifft der Seehundsfänger in der Dänemarksstraße an, und zwischen diesen oft sehr gefährlichen Eisschollen bahnt er sich auf der Jagd nach Klappmützen seinen Weg mit seinem starkgebauten Fahrzeuge.

Mehrere Tage gehen wir nun südlich am Eise entlang. Am Mittwoch erblicken wir Staalbjerghuk, das nach unserer Berechnung 8 geographische Meilen von uns entfernt liegt.

Am Donnerstag — den 7. Juni — kamen wir an eine von Schlampeis umgebene Eisspitze. Einzelne Klappmützen zeigen sich auf den Schollen. Es war ein gutes Zeichen, so früh schon in der ersten Eisbucht, zu der man kam, Seehunde zu sehen, und Bilder von Fangjahren, wie man sie in früheren Zeiten hier in Grönland gekannt hatte, stiegen in der lebhaften Phantasie der Seehundsfänger auf. Sie waren ja alle stark an dem Erfolg interessirt, da ihre Einnahme davon abhängig ist, und die Hoffnung hat bei vielen Menschen glücklicherweise die Angewohnheit, ihnen das vorzuspiegeln, was sie wünschen. Sie steigt leicht, um ebenso schnell wieder zu fallen.

Man erblickte mehrere Seehunde auf dem Eise, und der Kapitän entschloß sich, einen kleinen Versuch zu wagen und einige Böte auf den Fang auszusenden. Die Böte der einen Wacht, also die Hälfte sämtlicher Schiffsböte, wurden ausgeschickt. Kapitän Sverdrup und Lieutenant Dietrichson, die noch niemals an einem Fang theilgenommen hatten, brannten natürlich vor Eifer, diese Unmenge von Wild zu sehen und darauf zu schießen, sie waren deshalb nicht wenig erfreut, als es endlich von dannen ging; ihrer Unerfahrenheit wegen mußten sie diese erste Jagd jedoch unter Leitung eines erfahrenen Schützen unternehmen. Bald hörte man es rings umher aus allen Richtungen knallen, aber es war kein lebhaftes Feuer, bald hier, bald da ein Schuß, nicht als wenn es wie bei einer heißen Jagd von allen Ecken und Kanten kracht und blitzt. Es waren scheinbar einzelne, hauptsächlich kleinere Seehunde, die über das Eis zerstreut lagen. Als die Böte zurückgekommen waren, wurden am Nachmittage die Böte der anderen Wacht ausgesandt. Ich blieb den ganzen Tag an Bord und schoß einige Seehunde vom Hintertheil des Schiffes. Merkwürdigerweise kann man den Thieren in der Regel mit dem Schiffe näher kommen als mit den kleinen Böten, bei deren Anblick sie schon in großer Entfernung unter Wasser tauchen; mit einem Schiff dagegen kann man zuweilen gegen die Eisscholle stoßen, auf der sie sitzen, ohne daß sie sich vom Fleck bewegen.

Alles in allem hatten wir an diesem Tage 187 Seehunde gefangen, was nicht viel ist. Es waren meistens junge Thiere, — „Klappmützenferkel“.

An jenem Tage sahen wir westlich von uns im Eise mehrere Fangschiffe und, an dem folgenden Tage sprachen wir mit einigen derselben. Es war ganz selbstverständlich, daß sie alle gern mit dem „Jason“ reden wollten, der diese sonderbare Grönlandsexpedition an Bord hatte. Der Kapitän der „Magdalena“ aus Tönsberg kam an Bord und erhielt die Post für die anderen Fahrzeuge ausgeliefert, da wir ja nach der Ostküste von Grönland wollten und es unsicher war, ob wir den anderen Schiffen begegnen würden. Die Art und Weise, wie die Post auf dem Eismeer besorgt wird, ist höchst eigenthümlich. Wenn eins der Fahrzeuge um Island herumfährt, so erhält es die Post für alle anderen Schiffe. Nun wird man natürlich sagen, daß das Eismeer groß ist und daß es unsicher sein kann, ob man einander hier oben begegnet, aber das ist eine irrthümliche Ansicht. Das Fangterrain ist nicht größer, als daß man hier oben nicht ebenso genau übereinander unterrichtet sei, als daheim in einer kleinen Stadt über das Thun und Treiben seiner Mitmenschen. Man liegt gern nahe bei einander und entfernt sich nur ungern weit von den anderen Fahrzeugen, da man fürchtet, daß diese, während man fort ist, einen guten Fang machen könnten.

Späterhin am Nachmittag passirten wir den „Geysir“ aus Tönsberg. Der Kapitän kam an Bord, aß mit uns zu Abend und trank ein Glas Grog. Er war so munter und froh, daß Niemand es übers Herz bringen konnte, ihm die Mittheilung zu machen, daß er seit seiner Abreise aus der Heimath drei Kinder an der Diptheritis verloren habe. So kann man hier oben auf dem Eismeer leben, ohne zu ahnen, was in der Welt vor sich geht. Alle Freuden und Sorgen drehen sich um Seehunde und Seehundsfang, ganz Europa könnte zusammenstürzen, ohne daß man eine Ahnung davon hätte.

Während der Nacht passirten wir den „Morgen“, eines von Sven Foyns Schiffen. Es kam gerade aus dem Eise und hatte die Felle von drei frischgeschossenen Eisbären im Schlepptau, — man pflegt die Bärenfelle eine Zeitlang hinter dem Schiffe herzuschleppen, um sie zu reinigen. Dies ärgerte Dietrichson und Sverdrup sehr, denn es war ihr höchster Wunsch, Bären zu sehen und zu schießen.

Während der nächsten Tage nahmen wir einen westlichen Kurs, aber der Wind war ungünstig, so daß es nicht so schnell ging, wie wir erwartet hatten, besonders da wir uns bei jedem tieferen Einschnitt in das Eis nach Seehunden umsahen, freilich ohne ein nennenswerthes Resultat.

Häufiger dagegen trafen wir Walfische, besonders die kleinere Walfischart (Hyperoodon diodon) sahen wir viel. In Schaaren von 5, 6 oder auch mehreren kamen sie, wie das ihre Gewohnheit ist, dicht an die Seiten des Fahrzeuges heran und tummelten sich dort oder lagen zuweilen ganz still dicht vor dem Bug. Es sind ganz sonderbare Thiere, mit ihrem weichen, runden Fettpolster über der Stirn, das sie gewöhnlich aus dem Wasser herausstecken. Dies Fettpolster ist besonders bei dem Männchen sehr auffallend und sticht sehr gegen den langen schmalen Rüssel ab, zu dem sich die Kiefern verlängern und der fast niemals über dem Wasser erscheint.

Der Rüsselwal muß zu den Zahnwalen gerechnet werden, obwohl er nur zwei kleine Zähne hat, die ganz vorn im Unterkiefer ziemlich lose sitzen und die bei den älteren Thieren sehr häufig ausfallen. Sie haben sichtbar keine Spur von Nutzen von diesen Zähnen, die nur ein letzter Ueberrest raubgieriger Vorfahren sind, die gleich den anderen Zahnwalen eine lange und kräftige Reihe spitzer, kegelförmiger Zähne besaßen. Eine veränderte Lebensweise hat die Zähne indessen unnütz gemacht, ganz allmählich sind sie verschwunden, und nur die beiden sind noch übrig geblieben. Der Rüsselwal hat übrigens, während er noch im Mutterleibe liegt, den Ansatz zu einem vollständigen Gebiß, dem Erbtheil seiner Väter. Jetzt lebt er von Oephalopoden und kleineren Thieren, die heil verschluckt werden können, weshalb die Zähne völlig nutzlos sind.

Wie wenig Verwendung die Thiere für diese beiden Zähne haben, die ihnen geblieben sind, davon erhielt ich vor einigen Jahren einen schlagenden Beweis, indem mir, — ich war damals am Museum in Bergen angestellt — der Zahn eines Rüsselwals zugesandt wurde, dessen Krone mit langen Rankenfüßen (Cirripedia) dicht besetzt war; es waren Junge und Alte, eine ganze Kolonie. Einzelne waren so groß, daß sie ganz aus dem Munde des Thieres herausgestanden haben müssen. Wäre dieser Zahn benutzt worden, so hätten diese Schmarotzer keinen Augenblick sitzen bleiben können, ohne abgerissen zu werden. Der Zahn wird noch im Museum zu Bergen aufbewahrt.

Dergleichen kleine Beobachtungen, wie unbedeutend sie auch erscheinen mögen, sind doch oft für den Naturforscher von großem Interesse, denn sie zeigen ihm auf wie unsicheren Füßen die anspruchsvolle aber doch so allgemein verbreitete Annahme steht, daß alles in der Natur einen Zweck hat.

Zuweilen trafen wir auch die großen, gewaltigen Blauwale, Grönlandswale (Balenoptera Sibaldii), die Riesen der modernen Fauna. In weiter Entfernung kann man sie kommen und pusten hören und die verdichtete Dampfsäule ihren Nasenlöchern entsteigen sehen. Sie kommen näher und dann — vielleicht ehe man es ahnt — stecken sie erst den Kopf mit dem scharfen Kiel (am Nasenrücken entlang), dann den mächtigen Rücken — mit der kleinen Flosse — neben dem Schiff aus dem Wasser. Sie stoßen den Athem von sich, eine mächtige Dampfwolke steigt in die Luft, — es ist, als wenn man das Ventil an einem Dampfkessel öffnet, man fühlt die Luft förmlich vibriren. Dann krümmen sie den Rücken und verschwinden wieder.

Am Sonntag, den 10. Juni, haben wir neblige, bedeckte Luft. Mehrere Tage lang haben wir keine Observationen machen können und wissen nicht, wie weit wir gekommen sind, aber die Strömung, die hier sehr stark ist, muß uns sehr weit südwestwärts getrieben haben. Falls Aussicht vorhanden wäre, das Land jetzt zu erreichen, müßten wir uns nun an dem Punkte befinden, wo sich der Rand des Eises in westlicher oder nordwestlicher Richtung abbiegt, aber es ist kein Anzeichen vorhanden, was darauf schließen läßt. Dies sieht recht hoffnunglos aus. Die Fangzeit für die Klappmützen nähert sich stark, es kann lange währen, bis der „Jason“ wieder gegen den Strom nach Nordosten gelangt, um so mehr, als wir jetzt östlichen Wind haben. Die anderen Schiffe können währenddessen fangen, und ich hatte mich verpflichtet, den „Jason“ durch meine Expedition nicht vom Fang zurückzuhalten.

Am Vormittage wurde der Beschluß gefaßt, den Landungsversuch vorläufig aufzugeben und bessere Zeiten abzuwarten. Wir kehren in östlicher Richtung nach dem gewöhnlichen Fangterrain zurück, aber Wind und Strömung sind uns nun entgegen und wir müssen unsere Zuflucht zum Kreuzen nehmen.

Am folgenden Tage klärt es sich auf und wir bekommen Land in Sicht, — der erste lockende Anblick von Grönlands Ostküste, die in hohen, zackigen Felsen vor uns aufragt. Das muß zweifelsohne das Land nördlich von Kap Dan sein. Wir sind nicht so weit davon entfernt, wie wir annahmen, — wahrscheinlich nur 15 Meilen.

Eine tiefe, enge Bucht schneidet in der Richtung des Landes in das Eis ein. Sie scheint sich sehr weit zu erstrecken, — das Ende ist nicht zu erblicken, selbst nicht vom Mastkorb aus. Wir beschließen, den Versuch zu machen, wie weit wir hineindringen können.

Der Wind ist günstig, er führt uns schnell durch die Bucht. Bald schimmert uns jedoch Eis entgegen, ein Seehundfänger läßt den Muth aber nicht so leicht sinken. Wir zwängen uns hindurch, vor „Jasons“ starkem Bug müssen die Eisschollen weichen. Nun gelangen wir in ein großes, offenes, eisfreies Gewässer; in der Richtung nach dem Lande zu ist, soweit das Auge reicht, kein Eis zu erblicken. Das sieht sehr verheißend aus. Die Breiten- und Längengrade werden bestimmt, — um die Mittagszeit sind wir auf dem 65° 18′ N. B. und auf dem 34° 10′ W. L. — also noch über 13 Meilen vom Lande entfernt. Wir lassen jedoch die Hoffnung nicht sinken, vielleicht können wir es doch bald erreichen.

Nachdem wir aber noch einige Stunden mit guter Fahrt vorwärts gekommen sind, wird vom Mast aus abermals „Eis in Sicht“ gemeldet. Wir fahren eine Strecke hinein, es stellt sich aber bald heraus, daß es zu dicht liegt, um das Fahrzeug hindurch zu bringen. Wir sind nun 9-10 Meilen vom Lande entfernt, und da das Eis vor uns ziemlich uneben ist, halte ich es nicht für rathsam, hier schon jetzt einen Landgang zu versuchen. Es ist besser, bis zu einer späteren Jahreszeit zu warten, wo das Eis dünner geworden ist.

Es sieht freilich so aus, als ob wir weiter nach Norden uns dem Lande bedeutend mehr nähern könnten, aber der „Jason“ soll, wie bereits erwähnt, auf Seehundsfang, und wenn man sich dort mit aller Gewalt durch das Eis zwängen will, so kann man Gefahr laufen, stecken zu bleiben und so um die beste Fangzeit zu kommen. Deshalb wenden wir abermals und nehmen für diesmal Abschied von der Ostküste Grönlands. Bald verhüllen dichte Nebel das Land vor unserm Blick.

Unser erster Anblick von Grönlands Ostküste (bei Ingolfsfjeld).
(Nach einer Skizze des Verfassers.)

Ueber diesen unseren ersten Anblick von Grönland schreibt Balto: „Wir segelten mehrere Tage in der Richtung auf Grönland zu, bis wir das Land in Sicht bekamen. Aber es lag noch sehr weit von uns entfernt, ungefähr 15 Meilen hinter dem Eise. Der Theil von Grönlands Ostküste, den wir sahen, war nicht schön oder lieblich zu schauen, im Gegentheil war die Küste häßlich und unheimlich anzusehen, denn fürchterlich hohe Felsberge ragten wie Kirchthürme zu den Wolken des Himmels auf, die ihre Gipfel bedeckten.“

Am nächsten Tage erhielten wir einen guten Beweis von der Stärke der Strömung in diesem Fahrwasser. Die ganze Nacht hatten wir unter einem starken östlichen Wind in nordöstlicher Richtung gekreuzt. Am nächsten Vormittag bekamen wir wieder Land in Sicht, aber in ungefähr derselben Richtung wie am vorhergehenden Tage.

In den folgenden Tagen kreuzen wir nordöstlich an der Eiskante entlang, kommen aber nur wenig vorwärts, da der Wind und der Strom uns sehr entgegen sind. Auch jetzt erblicken wir viele Rüsselwale, sowie mehrere große Bartenwale, meistens wahrscheinlich Blauwale, die sich fast alle in westlicher Richtung bewegen, vielleicht gegen Grönland. Wahrscheinlich haben die Walfische ihre ganz bestimmten Wanderungen, aber wir wissen bis dahin nur sehr wenig Bestimmtes darüber. Hin und wieder erblickten wir eine kleinere Art des Bartenwales, — die Seehundsfänger nennen sie zuweilen Klappmützenwale, sie behaupten nämlich, daß sich diese Thiere in der Nähe des Klappmützenfanges aufhalten. Dem Anschein nach konnte es derselbe Wal sein, der an den Küsten von Finnmarken vorkommt und dort Seiwal (Balenoptera borealis) genannt wird. Ein paarmal sah ich den Speckhauer (Butzkopf) (Orca gladiator), diese kleine Walfischart, die so leicht an ihrer rechten Rückenflosse zu erkennen ist und die aus dem Grunde von den norwegischen Fischern Staurhynning, Staurhval genannt wird. Es ist ein selten kräftiger Schwimmer mit schnellen Bewegungen und einem gefährlichen Gebiß. Er ist der Schrecken sämtlicher großer Wale, — wo er sich zeigt, da fliehen sie über Hals und Kopf, und ein einziger der kleinen Gladiatoren genügt, um die großen Riesen vor sich her zu jagen, zuweilen sogar bis auf das Land. Die Angst, welche die großen Walfische vor ihnen haben, ist nicht so ganz ohne Grund, denn sie verfolgen sie und greifen sie von hinten an. Es pflegen ihrer mehrere zu sein, mit ihren schnellen Bewegungen fahren sie auf ihre Feinde ein und reißen ihnen große Stücke Speck aus den Seiten, — daher der Name. Von Schmerzen und Verzweiflung getrieben, peitschen die großen Wale das Wasser und schießen mit Blitzesschnelle davon, von den kleinen Ungeheuern verfolgt, die nicht nachlassen, bis die Feinde, ermattet von der Anstrengung und dem Blutverlust, sich ergeben müssen. Aber nicht Wale allein greifen die Butzköpfe an, auch die Seehunde sind Gegenstand ihrer Raublust. Die Eskimos haben mir erzählt, daß sie gesehen haben, daß diese Thiere (Ardluk, wie sie sie nennen) einen Seehund mit einem einzigen Biß verschlingen.

An unseren Küsten scheint der Butzkopf zum Theil ein friedlicheres Leben zu führen. Er wird viel von unseren Heringsfischern gesehen und scheint hier nur von Heringen und Seien zu leben. Er scheint keine Neigung zu haben, die großen Walfische anzugreifen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt, und sie ihrerseits scheinen keine Angst vor ihm zu haben.

Was der Grund hierzu sein kann, ist noch nicht aufgeklärt. Vielleicht findet er hier genug Fischnahrung, so daß er sich nichts aus dem Speck der Wale macht, die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß die großen Bartenwale, welche auf die Heringsbänke kommen, nämlich der Finnwal (Balenoptera musculus) und der Spitzenwalfisch (Balenoptera rostrata) nicht die Wale sind, welche er anzugreifen pflegt. Ich möchte zu der Annahme neigen, daß ihm diese zu schnell sind, weshalb er den größeren, aber weniger schnellen Blauwal und möglicherweise auch den Narwal (Megaptera boops) vorzieht.

Hin und wieder sah man die Seehunde im Wasser schlafen. Auf den Wellen auf- und niederschaukelnd, gleichen sie zum Verwechseln den Korkbojen, die auf dem Wasser schwimmen. Einzelne Seehunde lagen auch auf den zerstreut umhertreibenden Eisschollen. Dies konnte möglicherweise ein Zeichen sein, daß sich Seehunde im Eise vor uns befanden, aber die Luft war dick, und wir hatten keine Ruhe, auf so etwas zu achten. Wir sehnten uns danach, die anderen Fangschiffe wiederzusehen.

Endlich hatten wir ein wenig westlichen Wind, und eine zweitägige Fahrt brachte uns wieder mit den anderen Schiffen zusammen. Man seufzte an Bord des „Jason“ erleichtert auf, als es sich herausstellte, daß sie, seit wir sie verlassen, nichts gefangen hatten.

Bis lange über Johannis hinaus lagen wir da und trieben uns außerhalb des Eises in Nebel und schlechtem Wetter herum, von den Wellen hin und hergeschaukelt, — von Seehunden aber war keine Spur zu erblicken.

Nach Johannis würde es anders werden, meinte man, aber der St. Johannisabend und der St. Johannistag und noch viele andere Tage vergingen, ohne irgend welche Veränderung mit sich zu führen, — nur das Wetter war besser geworden, — wir hatten jetzt herrlichen, herzerquickenden Sonnenschein. Dies verschönerte uns das Dasein ganz bedeutend. So lange man die Sonne hat, darf man ja nicht klagen. Alle Fahrzeuge, die sich in der Dänemarksstraße befinden, ungefähr 14-15 Stück, sind jetzt hier versammelt. Die ganze Schar fährt hintereinander her in die Buchten hinein und wieder hinaus gleich einer Schafherde. Sobald eines der Schiffe sich in eine Bucht hinein begiebt, folgen ihm alle anderen, späht dann das erste Schiff nach Fang aus, so folgen alle anderen seinem Beispiel, — wendet es, so wenden auch die anderen und dann gehts wieder in die offene See hinaus. Und dies wiederholt sich Tag für Tag, Woche auf Woche.

Es wird vielleicht einzelne Leser interessiren, ein vollständigeres Bild von dem Leben, den Wanderungen und dem Fang der Klappmützen zu erhalten.

Da ich mehr Gelegenheit als die Meisten gehabt habe, Beobachtungen in dieser Richtung anzustellen, will ich es versuchen, in einem besonderen Kapitel eine kurzgefaßte Darstellung davon zu geben, soweit meine Erfahrungen mir das gestatten.

Vieles, besonders die Wanderungen der Klappmützen betreffend, ist noch in Dunkel gehüllt und bedarf deswegen einer gründlicheren Untersuchung.