Kapitel XXIII.
Die vier Zurückgelassenen im Austmannathal und deren Erlebnisse.

In diesem Kapitel will ich Dietrichson selbst erzählen lassen, wie es ihm und seinen Kameraden ergangen ist, auch Balto wird wiederholt Gelegenheit haben, zu Wort zu kommen.

„Alle die Sachen, die wir vorläufig am Rande des Inlandseises hatten zurücklassen müssen,“ schreibt Dietrichson, „mußten an den Ameralikfjord hinuntergeschafft werden, deswegen kehrten Kristiansen, Ravna und ich schon am 27. September zurück, um dies zu beschaffen, während die übrigen drei Mitglieder der Expedition mit dem Bau des Segeltuchbootes beschäftigt waren, in welchem Nansen und Sverdrup nach Godthaab rudern wollten.

Die Entfernung bis zu dem Ort, an welchem sich die Sachen befanden, betrug ungefähr 4 Meilen. Obwohl wir unsere Kameraden erst um 8 Uhr des Morgens verließen, hofften wir doch vor Einbruch der Dämmerung am Ziel zu sein, wir rechneten nämlich darauf, eine bedeutende Strecke abschneiden zu können, indem wir die mit Eis bedeckten Gewässer überschritten, wie wir dies auf dem Wege bergab gethan hatten.

Auf den höher gelegenen Gewässern fanden wir auch noch eine Eisdecke vor, diese war aber jetzt so dünn, daß wir, sobald wir sie betraten, einbrachen. Deswegen blieb uns nichts anderes übrig, als die steilen Felsabhänge und unebenen Moränen zu erklimmen, wobei uns die angeschwollenen Bäche das Vorwärtsdringen sehr erschwerten. Deswegen gelangten wir erst um 7½ Uhr an das Endziel unserer Wanderung, nachdem die Sonne längst untergegangen und die ganze Landschaft in Dämmerung gehüllt war.

Wenngleich eine Dose Leberpastete, eine Portion Fleisch, Schokolade und Fleischbiskuits, woraus unser Proviant während des Bergsteigens bestand, ein ziemliches Quantum Nahrungsstoff enthält, so reichte es trotzdem nicht hin, um den Magen zu füllen und uns zu sättigen. Infolgedessen hatten wir, wie gewöhnlich, einen wahren Heißhunger, als wir am Abend unsern Kessel, der aus einer leeren Blechdose bestand, aufs Feuer setzten. Das Gericht, das wir bereiten wollten, war sehr zusammengesetzter Art, denn es bestand aus den Ueberresten der verschiedenen Proviantsorten, wie Pemikan, Erbswurst, Fleischpepton, Fleischbiskuits, Knäckebrot und Schnitzkohl. Wenn eine Blechdose leer war, hatten wir die zurückbleibenden Krumen in den Sack geschüttet, in welchem sich der Schnitzkohl befand, so daß der Inhalt dieses Sackes allmählich aus allen möglichen Speiseresten bestand. Diese sollten jetzt verwerthet werden. Das Gericht schmeckte indessen ganz vorzüglich, und nachdem wir unsere Mahlzeit eingenommen hatten, krochen wir in den Rennthiersack und schliefen unter freiem Himmel, da das Zelt bereits an den Fjord hinabgeschafft war.

Der nächste Vormittag wurde mit dem Zusammenstauen der verschiedenen Sachen verbracht, die wir auf den Schultern hinabtragen mußten. Erst gegen Mittag konnten wir damit beginnen, einen Theil der Bagage ins Thal hinabzuschaffen. Da wir entschlossen waren, unser sämtliches Hab und Gut in mehreren Wanderungen Stück für Stück hinabzutragen, so kehrten wir wieder um, nachdem wir unsere erste Last an die nördliche Bucht des Langvandet geschafft hatten, und fanden zu unserm Staunen Balto bereits am Lagerplatz. Er berichtete, daß sie nach eintägiger Arbeit mit dem Bau des Bootes bereits soweit vorgeschritten seien, daß er gut hatte entbehrt werden können, deswegen sei er gekommen, um uns zu helfen. Nach seiner Berechnung mußten Nansen und Sverdrup bereits am Mittag desselben Tages ihre Bootsfahrt angetreten haben. Balto hatte denselben Weg eingeschlagen, auf welchem wir hinuntergekommen waren, nur die eisbedeckten Gewässer hatte er umgehen müssen, bis er an das Langvandet gelangte. Da er seinen Weg bedeutend abkürzen konnte, wenn er dies Wasser überschritt, so wagte er den Versuch. Auf der Stelle, von der er ausgegangen, war die Beschaffenheit des Eises ziemlich gut, allmählich aber, je weiter er kam, desto schwächer wurde die Eisdecke, bis ihm, in der Mitte des Gewässers angelangt, nichts übrig blieb, als auf allen Vieren vorsichtig weiterzukriechen; auf diese Weise erreichte er dann mit Noth und Mühe das jenseitige Ufer.

Am nächsten Morgen langten wir mit unserer letzten Last am Ufer des Langvandet an. Balto wollte abermals den Versuch machen, über einen kleinen Arm des Gewässers zu gehen, er schnallte seine Schneeschuhe an und zog den Schlitten hinter sich her. Da ich eine Karte über das Terrain aufzunehmen hatte und infolgedessen oft zurückbleiben und eine Menge Abstecher machen mußte, so beschloß ich, um die Kameraden schneller einzuholen, denselben Richtweg einzuschlagen, dessen sich Balto bedient hatte. Ich schnallte deswegen meine Schneeschuhe an und begab mich auf das Eis, meinen Schlitten hinter mir herziehend. Als ich bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bemerkte ich, daß das Eis ein wenig nachgab, da sich aber eine zweite Eisschicht darunter befand, so ging ich getrost weiter. Die Eisdecke wurde jedoch schwächer und schwächer und bestand schließlich nur noch aus losen, dünnen Schollen. Ich sah mich gezwungen, den kürzesten Weg ans Ufer einzuschlagen. Bald vermochten die Eisschollen mich jedoch nicht mehr zu tragen und ich sank, auf meinen Skiern stehend, durch das Eis. Im Handumdrehen hatte ich die Skier, die nicht an den Beinen festgebunden waren, abgestreift, und mußte nun die 15 bis 20 Ellen, die ich noch vom Ufer entfernt war, schwimmend zurücklegen.

Balto, der auch nahe daran gewesen war, ins Wasser zu fallen, und der gehört hatte, daß ich übers Eis gehen wollte, war, während sich dies zutrug, herbeigekommen. Er macht die folgende Beschreibung davon: „Da ich fürchtete, daß Dietrichson über das schlechte Eis gehen würde, ergriff ich eine Flöte (so nannte er einige kleine Signalhörner, deren wir uns bedienten), lief auf einen Felsgipfel und blies, Dietrichson antwortete sofort und ich lief dahin, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde. Gerade als ich anlangte, war Dietrichson auf das Eis hinausgegangen. Ich sah, daß das Eis sehr schwach war und rief ihm zu, an das Ufer zu mir zu kommen. Aber er kam nicht, er machte noch einige Schritte mit seinen Schneeschuhen und verschwand dann zwischen den Eisstücken. Da rief ich: „Laß den Schlitten fahren und schwimme an den Strand!“ Er that das und schwamm an den Strand. Wir nahmen die Instrumente aus seinen Taschen, damit sie nicht allzu naß werden sollten. Wir wußten aber keinen Rath, wie wir den Schlitten ans Land bringen sollten. Dietrichson meinte, er wollte wieder zurückschwimmen, ihn holen und ans Land bringen. Da sagte ich: „Thue das nicht, du frierst todt.“ Dann rief ich Kristiansen zu, daß er eine lange Stange, nämlich ein Bambusrohr, bringen solle und ein Tau, um den Schlitten damit ans Land zu bringen; aber Dietrichson kehrte sich nicht an meine Worte, sondern ging wieder auf den See hinaus. Sobald er auf eins der Eisstücke gekommen war, fing dies an umzukippen, und er verschwand kopfüber in dem See. Darauf schwamm er wieder an den Strand. Ich lief auf einen Felsgipfel hinauf und pfiff aus Leibeskräften. Da lief Kristiansen auf einen Felsgipfel hinauf und schrie: „Was ist da los?“ Ich rief: „Bringt ein Bambusrohr und ein Tau, Dietrichson ist in den See gefallen, und der Schlitten steht auf dem Eise.“ Kristiansen erschrak sehr, denn er glaubte, daß Dietrichson umgekommen sei und daß nur der Schlitten auf dem Eise stehe. Da lief Kristiansen mit diesen Dingen so schnell er konnte, und dann zogen wir den Schlitten und die Büchse an den Strand und begaben uns nach der Feuerstelle, wo die Andern Kaffee kochten, und dort blieben wir die Nacht, denn Dietrichson war durch und durch naß geworden.“

„Nachdem wir die Bagage aufs Land geschafft hatten,“ fährt Dietrichson fort, „wanderten wir weiter bis zu dem Ort, wo die Mahlzeit zubereitet war und wohin die Uebrigen die Sachen geschafft hatten, die am vorhergehenden Tage ans Wasser hinabgetragen waren. Eine Tasse Kaffee schmeckte vorzüglich und erwärmte im Verein mit einem theilweisen Wechsel der Kleidungsstücke meine erfrorenen Glieder gar bald wieder.

So hatten wir denn unsere Bagage wieder vollzählig beisammen. Wir merkten aber bald, daß wir nicht mehr im stande waren, so große Bürden wie bisher zu tragen. Wenn wir dieselben in der Weise verminderten, daß wir statt zwei Wanderungen drei unternahmen, so würden wir damit zu viel Zeit hinbringen, um rechtzeitig unten am Fjord sein zu können, wo uns der Verabredung gemäß die Böte abholen sollten. Ich beschloß deshalb, einen Schlitten und ein Paar Schneeschuhe zurückzulassen. Um sicher zu sein, daß die Lasten gleichmäßig vertheilt waren, machten wir aus Schneeschuhen, Bambusrohren und Tauen eine Wage, und während die Uebrigen damit beschäftigt waren, die acht Lasten abzuwägen, zog ich thalabwärts weiter, um meine Croquis aufzunehmen. Als ich am Abend zurückkehrte, waren sämtliche Sachen derartig vertheilt, daß alle Lasten gleich schwer waren. Wir krochen darauf in unsere Schlafsäcke, um am nächsten Morgen unsere Wanderung in aller Frühe wieder antreten zu können.

Um 6 Uhr waren wir Alle auf den Beinen, und nach einem strammen Marsch, auf dem wir u. a. durch einen kleinen Bach waten mußten, kamen wir gegen Abend am Gänseteich an, wo wir uns wieder in unseren Schlafsäcken zur Ruhe begaben.

Am nächsten Morgen (2. Oktober), nachdem wir einige Stunden marschirt hatten, kamen wir an einen langen, steilen, aber ziemlich ebenen grasbewachsenen Abhang. Hier setzten wir die Schlitten nieder, beluden sie mit unserem Gepäck, und nun ging es leicht und schnell bis an den unten fließenden Bach hinab. Hier sah es aber durchaus nicht verlockend für uns aus! Der Bach war nicht wiederzukennen, — in den vier Tagen, welche verflossen waren, seit wir ihn zuletzt gesehen hatten, war das Wasser ungefähr um das Vierfache gestiegen. Hinüber mußten wir indessen, denn weiter unten an der Seite, an welcher wir uns befanden, drängte der Bach sich bis hart an die lothrechte Felswand, so daß keine Rede von einem Vordringen sein konnte. Außerdem befanden sich unser Zelt und die übrigen am Fjord zurückgelassenen Sachen auf dem jenseitigen Ufer. An der zum Waten günstigsten Stelle betrug die Breite des Baches reichlich 100 Ellen; diese Strecke mußte also dreimal zurückgelegt werden, erst mit der einen Last, dann zurück, um die zweite zu holen, und abermals mit dieser hinüber. Während die beiden Lappen ihre Kleidungsstücke anbehielten, um sich dadurch gegen das eiskalte Wasser zu schützen, zogen Kristiansen und ich es vor, uns der Beinkleider und Strümpfe zu entledigen, um dieselben nach vollbrachtem Werk trocken wieder anziehen zu können. Die Schuhe behielten wir dagegen an, um unsere Füße nicht an den scharfen Steinen zu verletzen. Die Strömung war sehr reißend, wir mußten deshalb unsere Bambusstöcke in die Hand nehmen, um uns darauf zu stützen und unsern Weg tastend über den unebenen Boden zu finden. Denn wenn die Strömung uns die Füße unter dem Leibe weggerissen hätte, wären wir wohl kaum im stande gewesen, uns wieder aufzurichten, da das schwere Gewicht, das wir auf dem Rücken trugen, unfehlbar unsere Köpfe unter Wasser gehalten haben würde. Es war ein kaltes Vergnügen, diese drei- bis vierhundert Ellen durch das Eiswasser zu waten, das uns bis an den Magen reichte. Kristiansen und ich waren völlig blau an den Beinen, als wir endlich mit unserer zweiten Last das jenseitige Ufer glücklich erreicht hatten, nachdem wir aber die abgefrorenen Körpertheile tüchtig gerieben und unsere trockenen Kleidungsstücke wieder angezogen hatten, wurden wir gar bald warm, während die beiden Lappen das nasse, kalte Zeug anbehalten mußten und nichts weiter thun konnten, als es auszuwringen, so gut es eben gehen wollte. Falls der Bach im selben Maße fortfuhr anzuschwellen, wie er es in diesen vier Tagen gethan hatte, würde es zwei, ja selbst nur einen Tag später völlig unmöglich für uns gewesen sein, hinüber zu gelangen.

Es war noch nicht 12 Uhr, da wir hier aber Brennmaterial zur Hand hatten, beschlossen wir, eine Erbsensuppe zu kochen und unser Mittagessen ein wenig früher als gewöhnlich einzunehmen. Eine warme Mahlzeit war uns Allen nach dem kalten Bade äußerst erwünscht.

Um 2 Uhr des Nachmittags (den 2. Oktober) langten wir mit unserer ersten Last am Ufer des Fjordes an. Hiermit ließen wir uns vorläufig genügen und den übrigen Theil der Bagage einstweilen eine Strecke thalaufwärts liegen, denn wir wollten den Rest des Tages zum Instandsetzen unseres Zeltes benutzen. Dieses sowie den einen Schlafsack und die übrigen Sachen, die wir mitgebracht hatten, als wir die Küste zum erstenmal erreichten, und die von unseren Kameraden zurückgelassen waren, fanden wir wohlbehalten unter einigen Büschen vor. Die Zeltstangen waren jedoch verschwunden, sie waren zum Bau des Bootes verwendet worden, deswegen mußten wir sie durch andere Bambusrohre ersetzen. Nachdem dies geschehen war, wurde das Zelt errichtet.

Sechs Tage waren jetzt vergangen, seit wir zuletzt hier gewesen waren. Während dieser ganzen Zeit waren wir ungewöhnlich vom Wetter begünstigt worden, des Tags hatten wir herrlichen Sonnenschein gehabt, ohne daß uns die Hitze lästig gewesen wäre, und des Nachts einen sternenklaren Himmel bei verhältnißmäßig milder Luft. Es konnte deswegen nur als eine Annehmlichkeit bezeichnet werden, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.

Der Umstand, daß wir nur einen Schlafsack hatten und infolgedessen genöthigt waren, uns zu Vieren hineinzuzwängen, trug freilich sehr wesentlich dazu bei, daß wir nichts von der Nachtkälte verspürten.

Um 5½ Uhr am nächsten Morgen waren wir wieder auf den Beinen, und nachdem wir unser Frühstück verzehrt hatten, gingen wir thalaufwärts, um den Rest der Bagage zu holen; gegen Mittag trafen wir wieder an unserem Lagerplatz ein. Da wir auf die Möglichkeit gefaßt sein mußten, hier in aller Ruhe einige Tage zu verbringen, packten wir einen Theil unserer Sachen aus und ordneten alles auf die bequemste, angenehmste Weise. Der Proviant wurde nachgesehen und aufgezählt, und es stellte sich heraus, daß wir außer Pemikan für längere Zeit noch Brot für sechs und Erbswurst für fünf Tage hatten, wenn wir nur ein Minimum von diesen Sachen verwendeten. Fettstoff hatten wir dagegen gar nicht mehr, schon vor fünf Tagen hatten wir den letzten Rest verzehrt. Auch an Salz gebrach es uns, da einige von den Mitgliedern der Expedition in der letzten Zeit unverhältnißmäßig viel davon konsumirt hatten.

Wir konnten jetzt täglich Nachricht von unseren Kameraden erwarten, die nach Godthaab ausgezogen waren. Ja, wir hatten sogar im stillen gehofft, daß wir das Boot, das uns abholen sollte, schon vorfinden würden, wenn wir mit unserer Bagage den Fjord erreichten. Noch hatten wir keinen Grund über das Schicksal unserer Kameraden in Sorge zu sein, wenn aber noch acht Tage verstrichen, ohne daß wir von ihnen hörten, mußten wir versuchen, die Kolonie auf dem Landwege zu erreichen, denn dann konnten wir annehmen, daß sie verunglückt waren. Unser Proviant mit Ausnahme von Pemikan würde dann bereits seit mehreren Tagen verzehrt sein. Von diesem einen Nahrungsmittel war jedoch noch genügend vorhanden, um eine solche Wanderung unternehmen zu können.

Wir zündeten ein Feuer vor dem Zelt an, lagerten uns um dasselbe und genossen die Ruhe, deren wir so sehr bedurften. Den ganzen Nachmittag verbrachten wir auf dem Rücken in dem weichen Heidekraut liegend, in dem erhebenden Gefühl, daß jetzt die schwerste Zeit überstanden war, und daß jetzt voraussichtlich bessere und bequemere Tage für uns kommen würden.

Früh am Abend begaben wir uns zur Ruhe und erst spät am nächsten Vormittag steckten wir die Köpfe wieder zum Zelt hinaus. Ich benutzte den Vormittag, um mein Croquis zu vollenden. Kristiansen ging mit der Büchse über der Schulter aus, um auf Wild zu fahnden, kehrte aber schon nach einigen Stunden unverrichteter Sache wieder zurück. Den übrigen Theil des Tages verbrachten wir in aller Ruhe. Auch den folgenden Tag benutzten wir zur Rast.

Gerade vor unserem Zeltplatz war das Ufer des Fjordes völlig unzugänglich für ein Boot, deswegen begab ich mich am Vormittag des 6. Oktober auf eine Landspitze hinaus, die sich weit in den Fjord hineinerstreckte und die mit Gesträuch bewachsen war, theils um einen guten Landungsplatz für das Boot zu suchen, theils um mich nach Wild umzusehen. Als ich kaum den halben Weg zurückgelegt hatte, vernahm ich einen Schuß! Der konnte nur von einem Sendboten unserer Kameraden herrühren! Oder waren es etwa Grönländer, die gleich mir auf Jagd ausgegangen waren? Ich eilte auf den Höhenrücken, um zu sehen, ob ich irgend etwas entdecken könne, und es währte auch nicht lange, bis ich zwei Grönländer erblickte, die über die Landzunge gingen, auf dem Rücken Bündel und Säcke tragend, die nach Art der Eskimos in breiten über die Stirn laufenden Tragriemen hingen. Als ich sie anrief, machten sie sofort Halt, und wir gingen einander entgegen. Es stellte sich heraus, daß meine erste Vermuthung richtig gewesen war: es waren zwei Kajakmänner, die uns Botschaft von Nansen brachten. Sie überlieferten uns einen Brief, in dem er schrieb, daß sie glücklich angekommen seien und daß er uns vorläufig etwas Proviant sende, Böte mit reichlicheren Vorräthen würden bald nachkommen und uns abholen, wegen des starken Sturms sei es jedoch bisher nicht möglich gewesen, die Leute zur Abfahrt zu bewegen. Ich kehrte natürlich sofort um und führte die Ankömmlinge nach dem Lagerplatz.

Den ganzen Vormittag hatte mich ein wahrer Heißhunger gequält, aber trotzdem hatte ich mein einfaches Mittagsmahl, aus einem Stück trockenen Fleischbiskuits und etwas Pemikan bestehend, gewissenhaft aufbewahrt, um es erst zur Mittagszeit zu verzehren. Jetzt wußte ich, daß wir wenigstens vorläufig keine Noth leiden würden, da uns Nansen Proviant gesandt hatte. Deswegen konnte ich mein Mittagsmahl getrost in Angriff nehmen. Es währte nicht lange, bis ich es herausgeholt hatte, und im Handumdrehen war es verzehrt.

Zwischen der Landzunge, auf der wir uns befanden, und unserem Lagerplatz ragte ein steiler, hoher Fels empor, den wir erklimmen mußten, um an das Zelt zu gelangen. Oben angelangt, gab ich den Kameraden ein Zeichen. Sie stürzten aus dem Zelt heraus, und als sie meine Begleiter erblickten, begriffen sie sofort, daß sie Abgesandte unserer vor zehn Tagen abgereisten Genossen seien, weshalb sie meinen Ruf mit einem Freudengeheul beantworteten. Ich war ausgegangen, um nach Wild zu suchen, aber obwohl ich das Gesuchte nicht fand, bin ich doch niemals mit einer willkommeneren Jagdbeute heimgekehrt als an jenem Tage.

Am Lagerplatz angelangt, placirten wir uns Alle um die von den Grönländern mitgebrachten Sachen. Zuerst las ich Nansens Brief laut vor. Er enthielt nur erfreuliche Kunde mit Ausnahme der Nachricht, daß wenig Aussicht für uns vorhanden sei, noch in diesem Jahr nach Europa zurückzukehren. In unserem Freudenrausch hatten wir für diesen Kummer kaum Gedanken. Dann ging es an das Auspacken der Packete, und neugierig wie Kinder, die den Weihnachtstisch umstehen, öffneten wir eins nach dem anderen. Wir erfreuten uns an dem Anblick aller der guten Sachen, die uns gesandt waren, — Brot, Fleisch, Kaffee, Tabak. Den größten Jubel aber erregte der reichliche Vorrath an Butter und Speck, denn wir hatten den Mangel an Fettwaren sehr empfunden. Auch an Dilikateßwaren fehlte es nicht, indem die dänischen Damen in Godthaab uns mit Kuchen und Süßigkeiten bedacht hatten. Wir machten uns sofort ans Essen, und wohl niemals hat Einer von uns so in Fettstoff geschwelgt wie wir an jenem Tage; wir waren förmlich wild darauf.“

Balto schildert diese Scene folgendermaßen:

„Nachdem Dietrichson mit seinen Kakes in der Tasche fortgegangen war, stieg ich auf eine Felsspitze, die 300 Fuß hoch war. Sobald ich hinaufkam, erblickte ich drei Männer, die mir entgegenkamen, den einen Mann kannte ich, es war Dietrichson, der die Männer getroffen hatte, welche von Godthaab ausgesandt waren, um uns Proviant zu bringen. Ich lief gleich nach dem Zelt und erzählte den Beiden, die im Zelt waren, daß ich Leute kommen sähe. Die Beiden glaubten es nicht. Aber ich holte trockenes Holz, machte Feuer an, holte Wasser und füllte den Kaffeekessel und setzte ihn aufs Feuer, ehe die Leute kamen, denn ich dachte mir, daß sie Kaffee bei sich haben würden. Gleich nachdem sie ins Zelt gekommen waren, untersuchte Dietrichson, was für Nahrungsmittel sie uns aus Godthaab gesandt hatten. Ich sah, daß Nansen mir eine Pfeife und Tabak geschickt hatte, sofort nahm ich die Pfeife und den Tabak in die Hand und fing an zu rauchen, die Anderen fingen an zu essen. Das Brot wurde in fingerdicke Stücke geschnitten und ein halber Zoll Butter auf das Brot gelegt, und dazu aßen wir noch Schweinefleisch und tranken Kaffee dazu.“ — —

„Während wir noch mit der Mahlzeit beschäftigt waren,“ fährt Dietrichson fort, „vernahmen wir abermals einige Schüsse in der Richtung der Landzunge, wo ich die beiden Grönländer getroffen hatte, und bald darauf wurden zwei Männer auf der vorhin erwähnten Höhe zwischen der Landzunge und unserm Lagerplatz sichtbar. Sie kamen zu uns herab und überreichten uns Briefe aus Umanak und von dem Koloniedirektor Bistrup und von einem Grönländer, Buchdrucker Möller, beide aus Godthaab und auf Besuch in Umanak, sowie einen von dem deutschen Missionar des Ortes, Herrn Heincke. Außer diesen Briefen brachten sie uns auch Erfrischungen von Herrn Bistrup und Herrn Heincke mit. Es war uns eine große Freude, diese Briefe zu empfangen, denn die warmen und herzlichen Worte, in denen sie abgefaßt waren, zeigten uns, daß wir bald zu Leuten kommen würden, die sich aufrichtig über unsere Ankunft freuten, und die uns mit offenen Armen empfangen würden.

Wir luden unsere Gäste ein, in unser Zelt zu kommen, damit sie sehen konnten, wie es bei uns aussah. Als sie unsere Schlafsäcke sahen, zeigten die zuletzt angekommenen Grönländer erst auf sich selbst, dann auf die Schlafsäcke, legten die Hand an die Wange und schlossen die Augen. Dann zeigten sie auf das Zelt und auf alles, was darin war, machten eine Gebärde, als wenn sie es auf den Rücken legten, und winkten dann mit der Hand über den Fjord. Hieraus verstanden wir, daß sie bei uns übernachten und daß wir sie dann nach der Kolonie begleiten sollten. Die mitgebrachten Sachen hatten sie noch in den Kajaks draußen an der Landzunge liegen, weswegen Kristiansen und Balto sich anschickten, sie dort hinauszubegleiten, um alles herbeizuholen. Als auch Nansens Boten Miene machten, sich zu entfernen, brachte ich aus ihnen heraus, daß sie gleich nach Godthaab zurückkehren sollten. In aller Eile setzte ich nun einige Worte an Nansen auf, ihm für die übersandten Waren dankend und ihm in aller Kürze von unserem Ergehen berichtend.

Als die Gefährten mit der neuen Proviantsendung anlangten, fand abermals ein feierliches Auspacken statt. Die verschiedenen Gegenstände wurden, während sie aus ihren Hüllen zum Vorschein kamen, laut aufgerufen, und als der Eine „Branntwein“, der Andere „Zucker“ und ein Dritter „Lichte“ rief, waren wir uns sogleich darüber einig, den Abend mit einem Glase Grog im Zelte feierlich zu begehen. Es war bereits spät am Nachmittage, deshalb machten wir uns gleich daran, einen Punsch zu brauen. „Wie viel Wasser?“ fragte der Eine. „Ach, wir müssen wohl so viel machen, daß Jeder zwei Becher voll bekommt,“ antwortete ich. So wurde denn das Wasser gekocht und Zucker und Branntwein hineingethan. Seit wir den „Jason“ verließen, waren keine Spirituosen über unsere Lippen gekommen. Jetzt waren aber die Strapazen überstanden, und wir konnten getrost den erhaltenen Branntwein genießen. Einen starken Grog hätten wir wohl kaum vertragen können, den, der hier servirt wurde, konnten wir ruhig trinken, ohne befürchten zu müssen, daß er uns zu Kopf steigen würde, denn Balto hatte unglaublich viel Wasser hineingethan, und wir hatten nur wenig Branntwein. Das Schlimmste war aber doch, daß sich der Branntwein schließlich als Aquavitae entpuppte. Trotzdem schmeckte er uns ausgezeichnet.“

Balto, ein Kenner in solchen Dingen, sagt in seiner Beschreibung, „daß der Punsch dünne werden muß, wenn man von einer Flasche „Akevit“ sechs Flaschen Punsch macht, — es schmeckte nach nichts.“

„Auch an Cigarren fehlte es nicht, und aus diesen entsandten wir mächtige Rauchsäulen in das Zelt, als wenn wir so schnell wie möglich das Versäumte nachholen wollten, denn mit dem Tabak war es die ganze Zeit hindurch sehr schlecht bestellt gewesen, so daß einzelne Mitglieder der Expedition schließlich versucht hatten, ihn durch Werg zu ersetzen, das sie in die Pfeifen stopften.

Nansen schrieb, er und Sverdrup lebten bei dem Kolonialdirektor in Godthaab wie die Prinzen, aber wir fühlten uns in diesem Augenblick nicht minder wohl, und wir waren uns Alle darüber einig, daß es der gemüthlichste Abend sei, den wir im Zelt verbracht hatten, denn das Bewußtsein, daß unsere beiden Kameraden glücklich bis an bewohnte Stätten vorgedrungen waren und daß wir täglich die nach uns ausgesandten Boote erwarten konnten, sowie der Umstand, daß wir so reichlich mit Speise und Trank versehen waren, hatte sämtliche früheren Leiden verwischt, so daß wir jetzt alles nur im rosigsten Lichte erblickten.

Wir wohnten nun wieder zu Sechsen im Zelt, diesmal aber waren drei Nationen vertreten. Unsere Gesellschaft bestand aus zwei Grönländern, zwei Lappen und zwei Norwegern, die alle ihre eigene Zunge sprachen, ohne von den Andern verstanden zu werden, mit Ausnahme der Lappen, denn Balto und auch zum Theil Ravna verstanden und sprachen norwegisch. Obwohl infolgedessen eine fast babylonische Sprachverwirrung im Zelte herrschte, war die Unterhaltung dennoch eine sehr lebhafte, und es wurde uns gar nicht so schwer, uns miteinander verständlich zu machen, denn außer zu Zeichen nahmen wir unsere Zuflucht zu einem grönländischen Wörterbuch und einer Sprachlehre, die wir mitgebracht hatten. Unsere beiden Gäste, Peter, ein vorzüglicher Fänger aus Godthaab, und Silas, ein tüchtiger Rennthierschütze aus Umanak, waren begabte und wohlunterrichtete Grönländer, die nicht nur schreiben und lesen, sondern auch zeichnen konnten. Ihre Risse von der Wohnung des Kolonialdirektors in Godthaab, wie von dem Hause des deutschen Missionars in Umanak waren so vortrefflich, daß wir die Gebäude später, als wir sie erblickten, sofort erkennen konnten.

Wir befanden uns an diesem Abend so wohl in unserem Zelt, daß es lange währte, ehe wir uns zur Ruhe begaben. Kristiansen, Balto und ich krochen in den einen Schlafsack, Ravna und die beiden Grönländer in den andern. Die Lichter wurden ausgelöscht und wir legten uns schlafen. Es sollte jedoch noch eine ziemliche Zeit vergehen, ehe wir einschliefen, denn kaum waren wir zur Ruhe gegangen, als unsere beiden Gäste anfingen, geistliche Lieder zu singen. Nachdem der dritte Gesang beendet war, beteten sie ein Vaterunser. Dies war die Abendandacht, die sie des Sonntags hielten, ehe sie sich zur Ruhe begaben. Ich nehme wenigstens an, daß sie die Andacht hielten, weil es ein Sonntag war, oder etwa auch, weil sie sich zwischen lauter fremden Menschen befanden und sich möglicherweise nicht ganz sicher fühlten. Als wir am nächsten Abend vergebens auf eine Wiederholung dieses Gesanges gewartet hatten, baten wir sie schließlich, zu singen, sie waren jedoch nicht dazu zu bewegen.“

Am folgenden Morgen ging Silas auf die Rennthierjagd. Dietrichson hatte große Lust, ihn zu begleiten, wollte aber die Gefährten nicht im Stich lassen, die an diesem Tage damit begannen, die Sachen von dem Zeltplatz weiter auf die Landzunge hinaus zu schaffen.

In seinem Tagebuchbericht fährt Dietrichson fort:

„Während einer unserer einfachen Mahlzeiten auf dem Inlandseis war einmal die Rede darauf gekommen, welches Gericht sich ein Jeder von uns in diesem Augenblick wünsche. Wir empfanden den Mangel an Fettstoff sehr, deswegen wurden wir uns sämtlich darüber einig, daß wir das größte Verlangen nach Buttergrütze (Smörgröd) hatten, und Nansen versprach uns, daß wir dies Gericht haben sollten, sobald wir nach Godthaab gelangten. Unter allen den guten Dingen, die er uns gesandt hatte, befand sich denn auch Butter und Weizenmehl, so daß wir nun instandgesetzt waren, diese oft von uns besprochene Speise zu bereiten. Unsere erste warme Mahlzeit nach Empfang der Proviantsendung bestand deswegen aus Buttergrütze, und der Appetit ließ denn auch nichts zu wünschen übrig. Wir hegten im Anfang einige Bedenken, unsern Hunger völlig zu befriedigen, da wir glaubten, daß es nicht so ganz gesund sein könne, da wir längere Zeit hindurch sehr knapp und ausschließlich von konzentrirten Eßwaren gelebt hatten, die den Magen nicht füllten, und nach deren Genuß man sich folglich nicht satt fühlen konnte. Dann aber dachten wir: „Ach was, wir haben so viel ertragen, da werden wir auch dies wohl ertragen können,“ und hieben aus allen Kräften ein.

Wir lagen noch im Gras und streckten unsere Glieder nach der Mahlzeit, als wir unsern Freund Silas oben auf dem Hügel erblickten. Er kam auf das Zelt zu, etwas großes, schweres auf dem Rücken schleppend. Sollte das wirklich ein Rennthier sein? Einige meinten Ja, andere Nein. Da sahen wir aber das Rennthiergeweih über seine Schulter ragen, und nun war kein Zweifel mehr möglich, — er mußte eins geschossen haben. Wir waren Alle sehr erfreut, die Lappen aber geriethen förmlich außer sich vor Glückseligkeit, denn nun sollten sie wieder ihr Nationalgericht kosten, das sie so lange hatten entbehren müssen. Balto lief ihm entgegen, hüpfte und tanzte im Kreise um ihn herum, klopfte ihm auf die Schulter und wußte nicht, wie er seiner Freude Ausdruck geben sollte. Inzwischen war der Jäger am Lagerplatz angelangt und legte nun seine Bürde ab, die aus der Haut, dem Kopf, einer Keule, Talg und den Markknochen bestand, — das Uebrige hatte er zur Abholung am nächsten Tage liegen lassen. Silas schenkte uns die Markknochen und gab Jedem ein Stück Talg, dann bedeutete er uns, daß wir den Kessel aufsetzen und dies zusammen mit der Keule kochen sollten, um das Gericht gemeinsam zu verzehren. Die Grönländer essen das Fleisch übrigens ebensogern roh wie gekocht, und unsere beiden Gäste hatten es schon in dieser Form in Angriff genommen. Es war nur eine gute Stunde vergangen, seit die Buttergrütze verzehrt war, aber trotzdem kam der Kessel sofort wieder aufs Feuer, und nach Lappenart lagerten wir uns um dasselbe herum und nahmen einen Probebissen nach dem andern aus dem Kessel heraus, so daß die meisten von uns ganz gesättigt waren, als das Fleisch völlig mürbe gekocht war, so wie die Lappen es wünschten. Späterhin am Abend machten wir uns abermals daran, und noch am selben Tage war das sämtliche Fleisch verzehrt. Man ersieht hieraus, daß unsere Mägen ziemlich elastisch waren, und daß sich unsere Gedanken in diesen Tagen hauptsächlich um das Essen drehten, aber dies ist sehr verzeihlich, wenn man bedenkt, daß wir so ausgehungert waren, daß wir niemals das Gefühl hatten, satt zu sein, selbst wenn wir so viel gegessen hatten, wie wir nur vermochten.“

„Von nun an“ — sagt Balto — „kamen bessere Tage, wir vergaßen allmählich die beschwerliche Reise, die wir hinter uns hatten, — mit Hunger, Durst, Frost und Trübsal im Eise.“

„Die beiden Grönländer,“ bemerkte Dietrichson weiter, „machten sich am nächsten Tage auf, um den Rest des Rennthieres zu holen, während wir das Zelt und die übrigen Sachen auf die Landzunge hinausschafften, denn nach Aussage der Grönländer konnten wir nun (es war der 8. Oktober) die Boote erwarten, die uns holen sollten.

Als die Grönländer am Nachmittag mit dem Rennthier zurückgekehrt waren, das sie an den Landungsplatz ihrer Kajaks trugen, fanden sie sich auf unserm neuen Lagerplatz mit einem großen Stück Fleisch ein, das sofort gekocht wurde. Weil es jetzt aber regnete, so konnte das Fleisch diesmal in aller Ruhe kochen, bis es gar war, worauf es im Zelt servirt wurde. Ein Schneehuhn, das Peter geschossen hatte, schenkte er uns ebenfalls. Vorher nahm er jedoch die Eingeweide heraus, wie wir glaubten, um sie für uns zu reinigen, zu unserm Staunen aber verzehrte er sie, und zwar scheinbar mit großem Appetit.“

Es vergingen noch mehrere Tage, ohne daß man etwas von den Booten erblickte; merkwürdigerweise war das Wetter am Fjorde gut, während es draußen stürmte und regnete.

„Am Morgen des 11. Oktober,“ fährt Dietrichson fort, „wurden wir um 7 Uhr durch den Laut mehrerer Schüsse aus unserm friedlichen Schlummer geweckt. Wir ahnten sofort, um was es sich hier handelte, deshalb sprangen wir aus den Schlafsäcken, ergriffen Gewehr und Patronen, steckten die Köpfe aus der Zeltthür und gaben eine Antwort durch mehrere Schüsse. Es konnte nur die Besatzung der sehnlichst erwarteten Boote sein, die gleich den früher angekommenen Grönländern ihre Ankunft durch Schüsse signalisirte. Im Handumdrehen waren wir in unsern Kleidern und standen jetzt vor dem Zelt, nach den Fremden ausspähend. „Da sind sie!“ hieß es, und über einem vorspringenden Abhang ward nun ein Grönländerkopf nach dem andern sichtbar. Wir fingen an zu zählen, aber dann wurde das unmöglich, in einer solchen Anzahl wimmelten sie plötzlich heran. Männer und Frauen, im Ganzen 14 Personen, näherten sich in lebhafter Unterhaltung, wieder und wieder ihre Gewehre abfeuernd, dem Zelte. Hier angelangt, trat einer der Männer vor und erklärte halb in dänischer, halb in grönländischer Sprache, daß sie mit zwei Booten gekommen seien, um uns abzuholen. Es war der im Dienste der dänischen Handelskolonie stehende Schmied Terkel, der als Dolmetscher fungirte.

Wir hatten unser Lager im Laufe der Zeit häufig genug abgebrochen, nie aber war dies mit einer ähnlichen Schnelligkeit bewerkstelligt worden, wie an diesem Tage. Eins, zwei, drei war alles zusammengepackt, jeder der Fremden nahm seinen Theil, und davon ging es mit der ganzen Karawane den Booten zu, die ungefähr 1000 Ellen vom Lagerplatz entfernt lagen“.

So schnell wie möglich ging es nun vorwärts. An der Nordseite des Fjordes wurde eine kleine Rast gemacht, um Kaffee zu kochen und eine Festmahlzeit abzuhalten. Den Grönländern, die seit längerer Zeit ihre Vorräthe verzehrt hatten, wurde ebenfalls vom Proviant mitgetheilt.

„Unser Freund, der Rennthierschütze,“ fährt Dietrichson fort, „traktirte seine Landsleute mit dem ihrer Ansicht nach wohlschmeckendsten Theil des Rennthieres, eine Delikatesse, die keiner von uns Europäern ihnen mißgönnte, denn wir waren ganz sicher, daß sie nicht nach unserm Geschmack sein würde, wenn wir uns darauf einlassen wollten, sie zu kosten. Der Magensack des Rennthieres wurde hervorgeholt, und schon bei dem bloßen Anblick desselben lief den Grönländern das Wasser im Munde zusammen; vorsichtig wurde er geöffnet und der Inhalt an die Gourmands vertheilt, die, nachdem sie die ihnen zuertheilte Portion verzehrt hatten, sorgfältig ihre Finger ableckten, um nicht das Geringste von diesem seltenen Leckerbissen zu verlieren.“

Endlich waren wir fertig und konnten nun allen Ernstes an unsere Reise denken. So ging es denn vorwärts, indem Peter das Holzboot und Silas das Frauenboot als Kajakmänner begleiteten. Nach Verlauf von wenigen Stunden mußte das Frauenboot jedoch schon wieder an Land gehen. Es war jetzt mehrere Tage im Wasser gewesen, und infolgedessen war die Haut durchweicht und schlaff, so daß das Boot zum Trocknen aufs Land geschafft werden mußte. Wir überließen der Besatzung ein wenig Proviant und zogen dann weiter.

Im Laufe des Tages wurde das Wetter immer schöner, und gegen Mittag schien die Sonne strahlend hell. Spiegelblank breitete sich der Fjord um uns her aus, und die hohen steilen Felsen, die ihn umgeben, hatten genügend Gelegenheit, ihre eigene Schönheit in dem Spiegelbild zu bewundern, welches das blanke Wasser zurückwarf. Wir lagen höchst gemächlich hinten in dem kleinen, weißgemalten Boot und konnten uns in aller Ruhe der Betrachtung der großartigen Natur hingeben. Als die Sonne allmählich tiefer sank und die Felsen ihre langen Schatten über den Wasserspiegel warfen, schien die Natur selbst die bis dahin so munteren Grönländer feierlich zu stimmen; die lebhafte Unterhaltung und das fröhliche Gelächter verstummten allmählich, bis endlich eine völlige Stille eintrat. So ruderten wir eine lange Zeit weiter, nur das einförmige Plätschern der Ruder unterbrach die Stille, nichts Lebendes war zu erblicken, die ganze Natur ruhte. Allmählich wurde das Schweigen den Grönländern doch zu beklommen, der Ernst, der in dem todesstillen Dasein mitten in einer großartigen Natur liegt, ergriff die Besatzung, und plötzlich stimmte sie ein geistliches Lied an, dem bald andere folgten, und unter dem Absingen von Kirchenliedern glitt das Boot durch die zunehmende Finsterniß der Nacht dahin.“

Den nächsten Tag erreichte man Godthaab. In Dietrichsons Aufzeichnungen heißt es darüber:

„Wir konnten annehmen, daß wir um die Mittagszeit bei der Kolonie eintreffen würden. Was die Leute wohl dachten, wenn sie uns erblickten? Knochenmager, mit langem Haar, ungeschorenem Bart und dem alten Schmutz von drei Monaten auf unseren Körpern, sahen wir aus wie Vogelscheuchen. Am Ufer des Fjordes hatten wir vergebens versucht, einen Theil des Schmutzes mit warmem Wasser und Sand zu entfernen, — dazu bedurfte es der Seife, und die hatten wir nicht. Deswegen waren und blieben wir gleich schmutzig. Ein erneuter Versuch, uns zu putzen, würde ebenso fruchtlos gewesen sein, so sahen wir uns denn gezwungen, mit unserer Toilette zu warten, bis wir die Kolonie erreicht hatten.“

Dietrichson schließt seinen Bericht mit den Worten: „Als wir landeten, wurden wir auf das herzlichste empfangen von unseren später so liebenswürdigen Wirthen, dem Koloniedirektor Bistrup und Frau, sowie von den sämtlichen anderen dänischen Familien, die herbeigekommen waren, um uns willkommen zu heißen.

Nach 16tägiger Trennung von den Kameraden sahen wir uns am 12. Oktober wieder mit ihnen vereint!

Das Ziel war erreicht. Sicher und wohlbehalten hatten Alle eine dänische Kolonie an der Westküste erreicht, nachdem die Eisgefilde Grönlands von Osten bis Westen durchwandert waren.“