Godthaab

Kapitel XXV.
Unser Aufenthalt in Godthaab.

Als wir nun Alle versammelt waren, handelte es sich darum, uns in den Bequemlichkeiten zurechtzufinden, die vorhanden waren. Freilich wußten wir noch nicht ganz bestimmt, ob wir den Winter dort zubringen würden, aber wir mußten doch auf jeden Fall für eine Weile ein Dach über dem Kopfe haben. Dietrichson, Sverdrup und ich wurden gastfrei im Hause des Kolonialdirektors aufgenommen, während die drei Andern ein Zimmer oben in der sog. „alten Doktorswohnung“ erhielten. Sie führten hier ihren eigenen Hausstand und bereiteten ihr Essen selbst auf einem kleinen Kochofen.

Die Neuangekommenen waren natürlich lange Gegenstand großer Aufmerksamkeit von seiten der Grönländer.

Ueber seine Ankunft berichtet Balto:

„Am ersten Abend, als wir Licht im Zimmer angezündet hatten — wir hatten keine Gardinen vor den Fenstern — kam eine große Menge von grönländischen Mädchen vor das Fenster und guckten uns an, so lange wir wach waren, und sie kamen jeden Abend wieder, so lange keine Gardinen vor den Fenstern waren.“

Es währte nicht lange, so waren wir Alle auf einem guten Fuß mit den Eingeborenen und erhielten viele Freunde unter ihnen. Bei den Dreien in der Doktorswohnung war ein stetes Zuströmen von grönländischen Gästen. Da wurde Karten und Violine gespielt, da wurde vom frühen Morgen bis zum späten Abend geredet. Balto führte natürlich das große Wort. Er übernahm die Pflichten eines Wirths, wie er selber sagen würde, „ganz und gar allein“. Er unterhielt die andächtig lauschenden Grönländer theils in seinem gebrochenen Norwegisch, das sehr bald einen Anflug von Dänisch erhielt, theils in einem ohrenzerreißenden Grönländisch. Er hatte sehr bald eine Menge von dieser schwierigen Sprache aufgeschnappt und warf höchst ungenirt mit den fremden Worten um sich. Das Thema seines Vortrages, der von einem Ueberfluß an erklärenden Gebärden und Zeichen begleitet war, handelte bald von unserm Zug über das „Sermersuak“, d. h. das große Landeis, — wie wir Norweger, die seiner Meinung nach richtige Teufelskerle waren, es verstanden hatten, den Weg durch diese große Schneewüste zu finden, wo es keinen Kaffee gab und nur des Sonntags eine Pfeife Tabak, — bald von den entsetzlichen Gefahren, die wir im Treibeis zu bestehen hatten, „wo diese Norweger rohes Fleisch aßen und wir Lappen beinahe bange (= sehr bange) waren.“

Dies alles interessirte natürlich die Grönländer sehr, am meisten aber, glaube ich doch, packte es sie, wenn er das Thema seines Vortrages aus seiner Heimath wählte, wenn er ihnen erzählte und zeigte, wie „wir Lappen mit Rennthieren fahren“ und wie „man lebt und Kleider im Lande näht“. Das war etwas, was einen Anklang an das eigene Leben der Grönländer hatte, das konnten sie verstehen. Sicher verstehen nur Wenige von ihnen Dänisch oder Norwegisch, aber Gebärden sind nun einmal eine Universalsprache, die Allen zugänglich ist.

Kristiansen nahm eine zurückhaltendere Stellung ein und überließ dem Gefährten gern die Rolle des Repräsentanten, denn für das Reden war er nicht sehr. Handelte es sich dagegen um die Karten, so war er stets dabei, während der alte Ravna still umherging und nicht viel Gefallen an dem Ganzen fand. Er klagte mir oft seine Noth: „Ich alter Lappe mag die vielen Menschen nicht.“ Wenn die Stube ganz voll von rauchenden, speienden, spielenden, quäkenden Grönländern war, saß er entweder ganz still in einer Ecke auf seinem Bett und setzte ein höchst unglückliches Gesicht auf, oder auch er schlich hinaus und machte einen Besuch in irgend einem Grönländerhause, wo er stets willkommen war und wo er sich auf eine Bank setzte. Dort saß er einige Stunden und sah, ohne ein Wort zu sagen, vor sich nieder, worauf er wieder seiner Wege ging. Weshalb er dies so gemüthlich fand und weshalb er dieses Manöver jeden Tag wiederholte, ist mir noch jetzt ein Räthsel.

Dieser Mangel an Uebereinstimmung zwischen Ravna und seinem jüngeren Kameraden ist übrigens ganz erklärlich, wenn man bedenkt, daß er ein alter ehrwürdiger Familienvater war, während Balto und Kristiansen jung und lebenslustig waren. Ich muß jedoch bemerken, daß es — soweit ich es beurtheilen kann — stets ordentlich auf ihrem Zimmer zuging. Ihr Besuch gehörte ausschließlich dem männlichen Geschlecht an. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wurde bestimmt, daß keine Frau dorthin kommen dürfe. Auf die Weise wurde die Moral des Ortes am besten gesichert, die Grönländerinnen sind leider nicht wegen allzu strenger Sitten bekannt. Uebrigens herrschte, soviel ich weiß, in der Beziehung das beste Verhältniß zwischen ihnen und den Mitgliedern der Expedition.

Dies strenge Verbot gegen das weibliche Geschlecht konnte es jedoch nicht verhindern, daß sich Balto sehr heftig in eine junge, anziehende, schöne Grönländerin verliebte. Zu seinem Kummer war sie jedoch schon mit einem grönländischen Katecheten verlobt, der zu der Zeit in einer nördlicher gelegenen Kolonie angestellt war, und mit dem sie sich im nächsten Jahre verheirathen sollte. Dies verhinderte jedoch nicht, daß sich zwischen Balto und seiner geliebten Sophie ein schönes und äußerst platonisches Verhältniß entwickelte. Es war eine ganz romantische Geschichte, die so weit ging, daß Balto Sophie einen langen Brief sandte, den ein Grönländer ihm in die grönländische Sprache übersetzen half. In diesem Brief erzählte er ihr von seiner Liebe, er liebe sie sehr, aber sie dürfe diese seine Liebe nicht mißverstehen. Es sei nicht seine Absicht, sich mit ihr zu verheirathen, nicht allein, weil sie bereits verlobt sei (denn das würde sie sicher ebensowenig davon abhalten, wie es ihn abhalten würde), sondern weil sie es nicht gut haben würde, wenn er sie mit sich in das Land der Lappen führen wollte, nämlich infolge der Sitten des fremden Volkes, d. h. der Lappen, — und wenn er hier in diesem Lande bleiben wollte, so würde er sich nach seinen Freunden und Angehörigen in Karasjok zurücksehnen. Deshalb wolle er ihr jetzt Lebewohl sagen und ihr sagen, daß er sie gern habe, daß er sich aber nicht mit ihr verheirathen wolle.

Ueber diesen Brief freute Sophie sich sehr, wie auch ihre Mutter sehr stolz darauf war, daß Balto Gefallen an Sophie fand. Sie sprach es sehr offen aus, daß sie weit lieber Balto zum Schwiegersohn haben wolle als den Katecheten. Dieser Brief hatte jedoch keinen weiteren Einfluß auf ihr Verhältniß, sie waren nach wie vor gleich viel zusammen, und wenn Balto anfing von Sophie zu reden, da erreichte seine Beredsamkeit ihren Höhepunkt. Sie sei nicht wie die Anderen, sie sei so verschämt und zurückhaltend, sie renne nicht auf dem Kolonieweg hinter den Männern her, wie es die anderen Mädchen thäten.

Als er Grönland verließ, ließ er einen Theil seines Herzens zurück. Der Abschied von Sophie war schwer. Auf der Rückreise über das Meer gedachte er ihrer mehrmals, und erst in Kopenhagen verließ ihn die Erinnerung an sie.

Am ersten Sonntag Abend nach der Ankunft der Gefährten fand im Tanzlokal der Kolonie — einer Böttcherwerkstatt — ein Tanzvergnügen statt. Es ist wohl nicht nöthig, mitzutheilen, daß alle Mitglieder der Expedition, mit Ausnahme von Ravna, bei dieser Gelegenheit zugegen waren, wie überall, wo getanzt wurde, und das war häufig der Fall.

Es ist nicht so ganz leicht, den Eindruck zu beschreiben, den der Anblick tanzender Grönländerinnen, ja auch der tanzenden Grönländer auf mich machte. Die malerischen, bunten Trachten in diesen dichten, wogenden Haufen, die vielen schönen Formen in starker Bewegung, die strahlenden Gesichter, in denen jede Muskel Leben war, die eifrigen Stimmen, das ansteckende Gelächter, die gewandten kleinen Beine und Füße in weißen, rothen und blauen Kamikkern, die vorzügliche Taktfestigkeit, mit der sie ihren „Reel“, ihre „Sekstur“ und die vielen anderen Tänze traten, — jeder Zoll des Raumes war Leben und Bewegung!

Das alles war für uns Inlandsmenschen etwas so eigenthümlich Neues, etwas so Anziehendes, ja so Bezauberndes, daß wir unwillkürlich mit fortgerissen wurden. Es war, als ob wir plötzlich entdeckten, welch’ Sprudeln von Freude und Lebenslust das Leben im Grunde doch enthält. Bei diesem Volk ist die Freude noch nicht vergessen.

Kretora, ein junges Mädchen aus Godthaab.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Die Art und Weise, wie man in Grönland tanzt, ist sehr wohlthuend. Man thut es wirklich, um die Glieder zu rühren und den Sinn aufzufrischen. Alles und Alle werden mit fortgerissen, sowohl Diejenigen, welche tanzen, wie die Zuschauer, keine süßsauren Anstandsdamen, keine steifen, verunzierten Gestalten mit langen Schleppen, keine blasirten Herren in schwarzen Schniepeln und weißen Halsbinden, keine Handschuhe, — kurz, nichts von all dem Unsinn, der in einem europäischen Tanzsalon sich durcheinanderbewegt, verlassen von allen Grazien, verlassen von allen guten Geistern, — du lieber Gott! Wie würden die Grönländer uns auslachen, wenn sie die traurige Vorstellung sähen, die wir einen europäischen Ball in der feinen Welt nennen.

Es währte selbstverständlich nicht lange, daß wir nur Zuschauer waren, und unsere völlige Unkenntniß mit den meisten Tänzen war durchaus kein Hinderniß. Wir wurden ohne weiteres von den kleinen Grönländerinnen fortgezogen und an den rechten Platz gepufft. Man wartete nicht verschämt, bis man engagirt wurde, sie waren scheinbar alle stolz, wenn sie sich eines der Mitglieder der Expedition bemächtigt hatten — was in der Regel nicht schwierig war. Ebenso unbarmherzig aber lachten sie uns auch aus, wenn wir verkehrt oder ungeschickt tanzten, was wir natürlich im Anfang sämtlich thaten. Man konnte sogar noch lange Zeit nachher mehrere der Ausgelassensten unter ihnen draußen auf dem Wege und vor den Häusern vor den Freundinnen tanzen sehen, wobei sie unsere Manieren und Eigenthümlichkeiten so täuschend nachzuäffen wußten, daß wir uns sofort wiedererkannten, wenn wir zufällig vorüberkamen, was dann eine allgemeine Munterkeit erregte. Die Grönländer haben einen merkwürdig scharfen Blick für alles Komische. Wir waren indessen sehr eifrig beim Tanzen und nach einiger Uebung lernten es Einige von uns so gut, daß wir uns förmlich in Respekt setzten. Die Lappen waren dagegen sehr ungeschickt dabei. Sie haben selber keine Tänze, und Ravna war nicht zu bewegen, mitzugehen und zuzusehen. Balto sah zu und betheiligte sich am Tanzen, aber er war und blieb eine Karikatur, er mochte sich im „Reel“ oder im Rundtanz versuchen. Er spreizte die Beine und hüpfte umher wie ein Hampelmann, während die Grönländer sich halbtodt lachten. Dies schreckte ihn jedoch nicht im geringsten zurück, er trat gern als Leiter des Balles und als Vortänzer auf, arrangirte den Tanz und theilte Jedem mit, was er zu thun habe. An Unternehmungslust und Selbstvertrauen fehlte es ihm selten.

Die grönländischen Tänze sind keine Nationaltänze. Sie sind zum größten Theil „Reeler“, die von englischen und amerikanischen Walfischfängern eingeführt wurden, die aber so sehr in den Geschmack der Grönländer fielen, daß sie überall an der Westküste aufgenommen sind und einen gewissen nationalen Zuschnitt erhalten haben. Außerdem werden auch Rundtänze, wie Walzer, Polka etc. getanzt, doch stehen diese nicht in so hohem Ansehen.

Die Einzigen unter den Grönländern, die nicht tanzen oder die vielmehr nicht tanzen dürfen, denn sie tanzen trotzdem, sind die sog. deutschen Grönländer, die zu den herrnhutischen Gemeinden gehören. Nach der Lehre der herrnhutischen Missionare ist das Tanzen nämlich eine große Sünde, und so sind denn diese Menschen kurzsichtig genug gewesen, diesem Volk eins seiner wenigen Vergnügen zu untersagen. Man hat vielleicht geglaubt, auf diese Weise die Moral der jungen Mädchen zu beschützen, aber ich habe nicht gehört, daß es damit in den deutschen Gemeinden besser stehen soll als im übrigen Grönland. Hiergegen wird man vielleicht einwenden, daß sie ja trotz des Verbotes tanzen.

Wie dem nun auch sein mag, so glaube ich, daß Jedem, der den Tanz der Grönländer gesehen oder theil daran genommen hat, die Augen dafür aufgegangen sein müssen, welch’ eine gesunde und herrliche Zerstreuung das ist, wie auch Niemand dafür blind sein kann, daß es ein schöner Anblick ist, und an manchem Abend haben wir Mitglieder der Expedition die Sünde begangen, uns zusammen mit diesen kindlichen Menschen zu ergötzen, während der Boden unter den taktfesten Tritten erzitterte und der Spielmann auf der Hobelbank saß und seine Fiedel strich, bis die Saiten sprangen.

Die erste Zeit, die wir in Godthaab verbrachten, war außerordentlich gemüthlich für uns, die wir über das Inlandseis gekommen waren. Dänen sowie Grönländer thaten alles, um uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen, und wir können wohl Alle mit Balto sagen, daß wir gar bald „das harte Leben und alle Trübsal vergaßen“, wie wir auch sämtlich so auffallend an Leibesfülle zunahmen, daß behauptet wurde, man könne das Zunehmen unseres Umfanges von einem Tage zum andern sehen.

Trotz alledem gab es doch eins, was uns verhinderte, uns ganz wohl zu fühlen, nämlich die Ungewißheit, ob wir den Winter über dort bleiben sollten. Wir hatten freilich nur geringe Hoffnung, daß unser Kajakbote den „Fox“ erreichen würde, aber es war doch, als ob wir von einem Tag zum andern darauf warteten, ein Schiff mit vollen Segeln und rauchendem Schornstein am Horizont auftauchen zu sehen. Und dies Gefühl hielt lange vor, man ging einher und wartete, daß sich etwas ereignen würde.

Das Schiff kam aber in jenem Herbst nicht mehr, und ich hatte mich schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß der „Fox“ unsere Botschaft nicht erhalten habe. Sverdrup und ich hatten uns sogar schon lange mit einem anderen Gedanken getragen. In der Kolonie befand sich nämlich eine alte Yacht, die dem grönländischen Handel gehörte und die benutzt wurde, um Waaren aus der Kolonie nach den umliegenden Orten zu schaffen. Nun waren wir der Ansicht, daß, wenn wir diese Yacht bekommen könnten, es ein Leichtes für uns sein müsse, nach Amerika hinüberzusegeln und auf dem Wege nach Hause zu gelangen. Dieser Plan strandete indessen an dem Koloniedirektor, welcher nicht das Recht zu haben meinte, uns das königliche grönländische Handelsfahrzeug zu leihen, das, wie es im Reglement heißt, „die Kolonie niemals verlassen darf, außer zu amtlichen Zwecken.“ Und diese Reise nach Amerika gehörte kaum dahin. Folglich mußten wir bleiben, wo wir waren.

Da wurde eines Tages, als wir bei Tische saßen, gemeldet, daß man zwei Kajaks von Süden her kommen sähe. Und gleich darauf brachte man mir ein Bündel Briefe. Sie wurden in schweigendem Staunen geöffnet; Niemand begriff, was das zu bedeuten haben könne. Wie verwunderten wir uns aber, als es sich herausstellte, daß es Briefe von dem Betriebsdirektor Smitte und dem Koloniedirektor im Süden waren. Der erste Brief benachrichtigte mich, daß mein Bote den „Fox“ im letzten Augenblick erreicht habe. Das Schiff habe die Kolonie am Tage vorher verlassen, um nach Europa zu gehen, dann aber habe der Sturm sie gezwungen, gleich in der Nachbarschaft einen Nothhafen zu suchen. Am andern Tage wollten sie gerade die Anker lichten, als sie in der Ferne zwei Kajakmänner erblickten, die in voller Fahrt auf das Schiff zukamen und winkten, daß man warten möge. Auf die Weise erhielt der Kapitän meinen Brief; er unterzog sich sogar noch der Mühe, zu dem Betriebsdirektor zu fahren und mit ihm zu berathschlagen, was zu machen sei, obwohl nach seiner Ansicht keine Rede davon sein konnte, daß der „Fox“ nach Godthaab ging. Dann kamen die Beiden überein, daß es eine Unmöglichkeit sei, der Kapitän kannte das Fahrwasser nicht, man fürchtete sich vor den dunklen Nächten, und das entscheidende Argument war, daß sich 40 Passagiere an Bord befanden, Arbeiter aus dem Kryolithbruch, die in die Heimath zurück wollten. Da wagte man es nicht, sich der Gefahr eines Schiffbruches dort oben auszusetzen, wodurch die 40 Passagiere gezwungen sein würden, in Godthaab zu überwintern. Das wäre ein solcher Zuwachs an Konsumenten geworden, daß es möglicherweise sehr ernste Folgen in Gestalt von Hungersnoth etc. nach sich gezogen haben würde.

Das Endresultat war, daß der „Fox“ ohne uns abging, aber meinen Brief an Etatsrath Gamél und Sverdrups Brief an seinen Vater mitnahm.

Hätten die beiden Kajakmänner ein wenig langsamer gerudert, so wäre keine Nachricht von uns in die Heimath gelangt. Welche Helden wären wir da geworden, mit welchem Jubel würde man unsere Rückkehr ins Leben begrüßt haben, wenn wir im Frühling aus unseren Eisgräbern auferstanden wären, — im Grunde war also wohl die Schnelligkeit unserer Boten ein Unglück für uns und für die Zeitungsschreiber.

Wie es dem „Fox“ mit seiner theuren Botschaft auf dem Heimwege erging, damit will ich mich nicht weiter aufhalten, sondern nur erwähnen, daß er infolge von Kohlenmangel gezwungen wurde in Skudenäs in Norwegen anzulaufen, wodurch denn unser Vaterland unseren ersten Gruß erhielt. Ich will auch nicht beschreiben, wie es der Botschaft erging, die also am 9. November 1888 nach Europa gelangte.

Ich bin fest überzeugt, daß der geehrte Leser das noch in guter Erinnerung hat und daß er eine weit lebhaftere Schilderung von diesem weltgeschichtlichen Ereigniß würde geben können als meine schwache Feder es vermag, um so mehr, als ich in Grönland saß und keine Ahnung davon hatte, zu welchen Riesengestalten wir an jenem Tage in den Augen der Welt plötzlich wurden.

Nachdem wir die sichere Nachricht erhalten hatten, daß die letzte Möglichkeit, die Heimath noch in diesem Jahre zu erreichen, zu Wasser geworden war, machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, hier oben zu überwintern. Es war ganz selbstverständlich, daß wir allmählich in nähere Berührung mit den Eingeborenen kamen und immer mehr Interesse für sie gewannen.

Wir lernten nicht allein die Eskimos in Godthaab und Neu-Herrnhut kennen, sondern wir reisten auch nach den anderen, in der Nähe gelegenen Kolonien. So machten Einige von uns mit dem Koloniedirektor im Oktober einen Ausflug nach Kangek, das 2½ Meilen von Godthaab entfernt liegt, und im November nach dem südlich vom Ameralikfjord gelegenen Narsak.

Das Innere einer Eskimo-Hütte.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)

Ich selber benutzte den größten Theil des Winters zum Studium ihres eigenthümlichen Lebens. Ich lebte mit ihnen in ihren Hütten, machte mich mit ihrem Fang, ihren Sitten und ihrer ganzen Lebensweise vertraut, ich erlernte, so gut es in der kurzen Zeit ging, ihre schwierige Sprache. Hierin erhielt ich im Anfang tüchtige Anleitung von dem Arzt des Ortes.

Da wir uns nun eine ganze Weile mit ihnen beschäftigen werden, liegt es nahe, dem Leser gleich im Anfang zu erklären, was ein Eskimo ist. Indem ich dies in einem speciellen Kapitel thue, will ich die Bemerkung vorausschicken, daß diese Schilderung keineswegs Anspruch darauf macht, nach irgend einer Richtung hin erschöpfend zu sein. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein einwinterlicher Aufenthalt, wie sehr man auch die Zeit ausnutzen mag, bei weitem nicht hinreichend ist, um eine gründliche Kenntniß eines so eigenthümlichen Volkes, ihrer Denkart und Kultur zu erlangen; dazu bedarf es eines jahrelangen, anstrengenden Studiums. Es ist nur die flüchtige Skizze eines Reisenden, zu der ich einige der Eindrücke vereinte, die ich von dem Eskimo und seinem Leben erhalten habe. Es mag viel Fehlerhaftes in meiner Auffassung sein und vieles, was schon bekannt ist; doch mögen hier und da möglicherweise Bemerkungen über Dinge mitgetheilt sein, die dem Neuangekommenen, Durchreisenden in die Augen fallen, die aber dem vieljährigen Beobachter verloren gehen. Mag man nun in vielen Punkten meine Ansichten theilen oder nicht, so hoffe ich, daß man meine Bemerkungen in dem Geiste auffassen wird, in dem sie ausgesprochen sind, selbst wenn ich nicht immer die übliche Landstraße innehalte und alles Bestehende vorzüglich finde; ich hoffe, daß man Nachsicht mit mir haben wird, wenn ich schwach genug bin, Trauer über ein sinkendes Volk zu empfinden, das vielleicht nicht zu retten ist, denn es ist bereits von dem giftigen Stachel der Kultur gestochen; zu meiner Entschuldigung mag es dienen, daß kaum Jemand unter dieser Bevölkerung wird verweilen können, ohne Anhänglichkeit für dieselbe zu fassen.