Kapitel XXVIII.
Die erste Uebungsstunde im Kajakrudern.

Das Kajakrudern übte natürlich auf uns Europäer eine große Anziehungskraft aus. So schnell wie möglich hatte ich mir einen Kajak anfertigen lassen, den ich, wie bereits erwähnt, auch auf den Jagdausflug an den Ameralikfjord mitgenommen hatte. Jedoch erst Ende Dezember war er vollständig eingerichtet mit Pelzwerk für schlechtes Wetter etc., so daß die Uebungen allen Ernstes vor sich gehen konnten.

Dem Ungeübten wird das Kajakrudern anfänglich sehr schwer. Es ist nicht leicht, dies schmale, schlanke Fahrzeug zu balanciren. Wenn man die Eskimos leicht wie Seevögel über die Wogenkämme dahinhuschen sieht, so hat das Ganze freilich den Anschein, als wäre es ein Tanz.

Sobald mein Kajak fertig war, ging es an den Strand. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen gelang es mir, die Beine und die Hüften durch die Kajaköffnung zu zwängen und mich zu setzen, was für den Ungeübten keine Kleinigkeit ist, wenn der Kajak so klein ist, wie er sein muß. Dann wurde ich vorsichtig ins Wasser hinausgeschoben, aber das Gefühl, das mich in dem Augenblick erfaßte, als der Kajak den festen Boden verließ, läßt sich nicht beschreiben. Erst schwankte er auf die eine, dann auf die andere Seite, jeden Augenblick war ich darauf gefaßt, mich herumzudrehen. Mit hoffnungsloser Sehnsucht und Neid sah ich die Eskimos an, die natürlich alle in ihren Kajaks draußen waren und den Anblick von „Nalagak“ im Kajak genießen wollten. Die Uebung hat aber einen merkwürdigen Einfluß, und schon nach wenigen Malen fand ich mich einigermaßen damit zurecht. Noch besser wurde es, nachdem ich mir zwei „Kajakjunge“ hatte machen lassen. Dies sind kleine Unterstützungsböte von 2 Fuß Länge aus Holzwerk und ähnlich wie ein Kajak von außen mit Fellen bezogen, auch die Form gleicht der des Kajaks. An jede Seite des Kajaks wird eins dieser Böte befestigt, wodurch der Ruderer mehr Halt bekommt. Die Eskimos selber bedienen sich ihrer jedoch nur äußerst selten.

Eines Tages gerieth ich beim Rudern in eine Schar Delphine, die ich bis weit ins Meer hinaus verfolgte. In meinem Jagdeifer bemerkte ich nicht, daß der Tag auf die Neige ging, und als ich endlich den Rückweg antrat, hatte es bereits angefangen zu dunkeln. Unglücklicherweise erhob sich ein heftiger Südwind, den ich von der Seite hatte, und der mir das Rudern sehr erschwerte. Erst gegen Abend erreichte ich Godthaab. Hier war man meinetwegen schon in großer Sorge, denn alle Fänger waren längst zurückgekommen. Die ganze Kolonie, Grönländer wie Europäer, war auf den Beinen.

Balto schildert die kleine Begebenheit folgendermaßen:

„Als es anfing zu dunkeln, fingen wir an, uns zu verwundern, daß Nansen noch nicht kam. Wir warteten noch eine gute Weile auf Nansen, er kam aber noch immer nicht. Da geriethen Alle in große Bekümmerniß darüber, denn wir hatten gehört, daß Nansen nicht nach Neuherrnhut fahren wollte, wohin die anderen Europäer gefahren waren, um den Geburtstag des Missionar Voged zu feiern. Trotzdem sandten wir einen Boten dahin, aber er war nicht dort. Sogleich, als ich hörte, daß Nansen nicht dort sei, fiel ich auf das Bett nieder, und meine Thränen begannen zu rinnen. Bistrup versammelte alle Einwohner der Kolonie und befahl ihnen, sich fertig zu machen und hinauszurudern, um Nansen zu suchen. Sie waren gleich bereit, und Dietrichson fuhr mit und nahm Büchse, Licht und Horn, um damit rufen zu können. Gerade, als das Boot vom Lande abstieß, kam Nansen guter Dinge am Ufer an, und da erhoben die Grönländer ein schreckliches Gebrüll und riefen: „Kujanak, Kujanak, Nansen tigipok, ajungilak“, d. h. „Gott sei Dank, Nansen ist gekommen“, oder „Danke, danke, Nansen ist gekommen, es ist gut“. Dann kam das Herz wieder auf seinen rechten Fleck, und wir waren fröhlich wie vorher.“

Nachdem ich mich eine Zeit lang im Kajakrudern geübt hatte, und meine Kameraden sahen, daß es einigermaßen gut ging, bekamen noch mehrere von ihnen Lust, es zu versuchen. Sverdrup war der erste von ihnen, der einen Kajak bekam. Er fing nun auch an, sich zu üben, und erlangte bald eine große Fertigkeit. Balto hatte bereits gleich nach unserer Ankunft den Wunsch geäußert, im Kajak zu rudern, und fragte mich, ob ich glaube, daß es schwer zu lernen sei. Inzwischen hatten dann die am Orte ansässigen Dänen, von denen keiner in dieser Kunst bewandert war, ihm die damit verknüpften Gefahren vorgestellt und ihm erzählt, wie Viele jährlich dabei verunglückten, und Balto, der sich gerade nicht durch Muth auszeichnete, hatte die Sache aufgegeben und es ruhig mit angesehen, daß ich mich auf der See tummelte; als aber auch Sverdrup anfing, wurde ihm die Versuchung denn doch zu stark.

Sowohl Sverdrup wie ich stellten ihm vor, daß es durchaus keine leichte Sache sei, im Kajak zu rudern, und daß er sich sehr dabei in acht nehmen müsse. Aber Balto hatte jetzt große Rosinen im Sack und sagte, er würde schon damit fertig werden, denn er sei daran gewöhnt in dem „Pulk der Lappen“ zu fahren. Sverdrup meinte indessen, er würde schon gewahr werden, daß dies nicht dasselbe sei wie das Fahren in dem „Pulk der Lappen“. Balto aber blieb bei seiner Meinung. Sverdrups Kajak wurde an den Strand hinabgetragen, und ein großer Theil der Godthaaber Bevölkerung, sowohl Europäer als auch Grönländer, hatten sich eingefunden, um bei dem großen Ereigniß zugegen zu sein. Ich lag in meinem Kajak, bereit, ihn wieder aufzufischen.

Balto setzte sich in den Kajak, zwängte sich in die Oeffnung hinein, steckte sein langes Wams hinein und machte sich mit sehr überlegener Miene bereit, jetzt wollte er ihnen einmal zeigen, wozu ein Lappe im stande ist. Als er fertig war, griff er nach dem Ruder, nahm es fachmäßig in beide Hände und bat, daß man ihn jetzt ins Wasser hinab lassen möge.

Kaum berührte jedoch der Kajak den Wasserspiegel, als seine Miene auch schon ein wenig bedenklich wurde, aber er wollte doch den Flotten spielen und versuchte sogar, den Kajak mit ins Wasser hinein zu helfen, jetzt war nur noch ein kleines Ende auf dem festen Lande. Da wich alle seine Zuversicht dem Ausdruck grenzenlosester Angst, der Kajak glitt hinaus, ungemüthlich schwankend. Balto machte einige verzweifelte Bewegungen mit dem Ruder in der Luft, wohl mit der Absicht, das Ruder ins Wasser zu stecken, sein Antlitz drückte die hellste Verzweiflung aus und dann rief er: „Å så dä, å så dä — —“.

Weiter kam er aber nicht, denn dann ging der Mund und der ganze Kerl unter, und wir sahen nichts mehr als den Boden des Kajak und seine viereckige Federmütze, die oben auf dem Wasser schwammen. Glücklicherweise war es so flach, daß er den Grund mit den Armen erreichen konnte, und der Kajak war dem Ufer so nahe, daß man ihn von dort aus erreichen und aufs Trockene ziehen konnte. Er wurde mit einem unbarmherzigen Hohngelächter von allen Anwesenden, besonders von den Mädchen begrüßt. Dann kroch er aus dem Kajak heraus, und während er so am Ufer stand, mit Armen und Beinen zappelnd, während ihm das Wasser aus den Kleidern tropfte, die ihm am Leibe fest klebten, sah er aus wie eine Vogelscheuche.

Die Mitglieder der Expedition in ihren Kajaks im Hafen von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Das Erste, was er sagte, war: „Nun, ich bin beinahe naß!“ (Er gebrauchte häufig das Wort „beinahe“ statt „ganz“). Dann besann er sich eine Weile und sagte: „Ja, das muß man aber sagen, ein Kajak ist ein Teufelsboot!“

Es währte lange, ehe Balto wieder einen Versuch im Kajakrudern machte. Kurz darauf ließ sich übrigens auch Dietrichson einen Kajak machen, und gar bald war er ein tüchtiger Ruderer.

Als Balto und Kristiansen sich dies eine Weile ruhig mit angesehen hatten, konnten sie es nicht länger aushalten, am Lande zu stehen. Sie machten sich Beide selbst einen Kajak, indem sie sich von den Grönländern mit der Form etc. helfen ließen. Bald waren ihre Fahrzeuge fertig und wurden von den Grönländerinnen mit Fell bezogen, worauf sie anfingen, sich fleißig zu üben. Balto war nun jedoch so vorsichtig geworden, daß er sich von Anfang an der „Kajakjungen“ bediente. Er wollte nicht Gefahr laufen, daß es ihm wieder so erging wie das erste Mal. Kristiansen war weniger verzagt. Er flößte uns Allen große Angst ein, indem er sich schon am ersten Tage ohne die Kajakjungen weit in die See hinaus wagte, aber er zog sich merkwürdig gut aus der Affaire.

Als der Frühling kam, konnte man alle Mitglieder der Expedition mit Ausnahme des alten Ravna in ihren Kajaks auf Jagd nach Seevögeln ausziehen sehen.

Seehunde giebt es im Winter nur wenig, weswegen es sich nicht verlohnt, des Vergnügens halber Jagd auf sie zu machen. Wir legten uns hauptsächlich auf das Vogelschießen, und besonders die Eidergansjagd übte große Anziehungskraft auf uns aus. Während der ersten Hälfte des Winters wird diese Jagd hauptsächlich des Abends betrieben, wenn die Eidergans in größeren oder kleineren Schwärmen am Ufer des Fjordes entlang zieht. Die Kajaks liegen da in Reih und Glied an den Landzungen, und von dort aus schießt man die Vögel im Fluge. Es war ganz spannend, so auf der Lauer zu liegen. Das Auge ist unverwandt gen Süden gerichtet, von woher der Vogel erwartet wird. Plötzlich beugen die hintersten Kajakmänner, so weit man sie erkennen kann, sich vorüber und treiben die Kajaks mit aller Kraft vorwärts, die ihnen Zunächstliegenden machen es ebenso, und die ganze Kajaklinie neigt sich nach vorne. Dann liegen die Fernsten eine Weile ganz regungslos da, auf einmal durchdringt ein Blitz die Finsterniß, ein Knall folgt, noch ein Blitz und noch einer, bis es sich die ganze Reihe hinauf verpflanzt. Eine dunkle Masse wird im Süden sichtbar, sie kommt lautlos an der Oberfläche des Wassers entlang, man drängt die Kajaks noch ein wenig mehr vor, um einen besseren Halt zu haben, das Ruder wird unter den Riemen gesteckt, und man hält die Büchse bereit. Jeder Vogel ist jetzt zu unterscheiden, und im selben Augenblick, wo der Schwarm vorüberkommt, legt man an und zielt auf eine kleine Strecke vor dem Punkt, an welchem die Vögel am dichtesten fliegen; der Schuß knallt, und wenn man Glück hat, fallen oft zwei oder mehr Vögel. Dann ladet man wieder, die Vögel werden aufgesammelt, hinten auf den Kajak gelegt, und man hält sich zum Empfang des nächsten Schwarms bereit. Auf diese Weise fährt man fort, bis es dunkel ist, die Kajaklinie beugt sich vorwärts und rückwärts, je nachdem die Vögel näher oder weiter vom Lande fliegen.

Diese Jagd erfordert eine nicht geringe Fertigkeit im Schießen, denn die Eidergans fliegt bekanntlich sehr schnell, außerdem muß man völlige Herrschaft über den Kajak haben, um sich in richtiger Schußweite zu halten und einigermaßen sicher treffen zu können. Hierin besitzen die Eskimos zum Theil eine ganz erstaunliche Tüchtigkeit. Die Geschwindigkeit, mit der sie die Kajaks bewegen, die Ruder befestigen und die Büchse anlegen, sowie die Sicherheit, mit der sie treffen, selbst wenn es nur ein einziger Vogel ist, auf den sie schießen, muß die Bewunderung des besten Vogelschützen erregen, um so mehr, als das leichte Fahrzeug auf der See unablässig hin- und herschwankt.