Wir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, wenn der Frühling kommen würde, eine Schneeschuhtour über das Inlandseis zu unternehmen, um zu untersuchen, ob diese Jahreszeit nicht die geeignetste zur Befahrung der äußeren Theile des Eises sei. Nach allem, was wir schon im September gesehen hatten, schien es, als ob alle Spalten und Risse im Laufe des Winters durch starke Schneefälle und anhaltende Winde ausgefüllt und geebnet werden müßten.
Ich war deswegen der Ansicht, daß künftige Schiffsexpeditionen, deren Zweck es ist, den äußeren Rand des Inlandseises zu untersuchen, hauptsächlich die Monate April, Mai und vielleicht auch die erste Hälfte des Juni benutzen müssen. Man wird da sicher verhältnißmäßig leicht die meisten Stellen des äußeren Inlandseises befahren können, ohne im wesentlichen von den vielen Unebenheiten und Spalten gehindert zu werden, die später im Jahr bloßgelegt werden und die durch die Wirkung der Sonne und das Schmelzen des Schnees entstehen. Wenn man zu einer solchen Untersuchung ein eigens dazu eingerichtetes Schneesegelboot benutzte, das sicher große Vortheile bieten würde, so wäre ebenfalls der Frühling und der Vorsommer die günstigste Zeit, da alsdann außer einer guten Schlittenbahn auch noch der Wind zu statten käme. Möglicherweise könnte man mit einem solchen Fahrzeug ohne große Schwierigkeit den ganzen Rand des Inlandseises von dem südlichen Theil bis nach Norden hinauf, ja vielleicht auch selbst die nördliche Spitze besegeln.
Da lag es denn für mich sehr nahe, als der Frühling herankam, einen Ausflug auf das Inlandseis zu machen. Es erschien mir von größtem Interesse, gerade die Strecke zu untersuchen, auf der wir heruntergekommen waren, um zu sehen, welche Veränderungen dort im Laufe des Winters vor sich gegangen waren.
Da man in der Kolonie das Schiff, das uns nach Hause bringen sollte, schon vom ersten April an erwarten zu können glaubte, durften wir uns freilich nicht allzu weit entfernen. Einige von uns beschlossen deswegen, im März einen Versuch zu machen, obwohl es etwas früh war, um auf eine wirkliche Ausbeute rechnen zu können. Die Ausrüstung, die sich auftreiben ließ, war übrigens nach mehr als einer Richtung hin höchst mangelhaft. Alles, was wir bekommen konnten, beschränkte sich auf gedörrte Angmagsetts, hartes Brot und Butter. Von dem zum Schmelzen des Schnees erforderlichen Spiritus hatten wir nur sehr wenig.
Am 21. März fuhren Sverdrup und Kristiansen in einem Boot, ich selber aber in meinem Kajak in den Ameralikfjord hinein. Wir erreichten Kasigianguit, wo wir, ehe wir uns auf das Inlandseis begaben, einige Rennthiere zur Vermehrung unseres Proviants zu erlegen hofften. Hier wurden wir indessen fünf Tage durch Schneesturm und Thauwetter aufgehalten. Wir lagen den größten Theil des Tages im Zelt und lebten von unseren Angmagsetts und Schiffsbrot mit Butter, während der nasse, alles durchweichende Schnee sich auf uns legte und Eis und Schnee unter uns schmolzen. Die letzten Tage wohnten wir buchstäblich in einer Wasserlache, und da der Schlafsack, in dem wir alle Drei lagen, ziemlich feucht war, untersuchten wir ihn und fanden, daß sich mehrere Zoll Wasser darin befanden, besonders unter denjenigen Körpertheilen, die, wenn man auf dem Rücken liegt, hauptsächlich mit der Unterlage in Berührung kommen. Wir konnten das Wasser mit den Händen herausschöpfen, es half uns aber nicht viel, denn es war sofort wieder da. Sverdrup meinte, unser Zeltleben auf dem Inlandseise sei im Vergleich hiermit der reine Genuß gewesen.
Als gegen Ende des Monats die Zeit heranrückte, wo nach der allgemeinen Ansicht das Schiff erwartet werden konnte, hatte es keinen Zweck unsern Ausflug noch in die Länge zu ziehen; so begaben wir uns denn am 28. März nach Godthaab zurück.
Am selben Tage, an welchem wir diesen Ausflug antraten, ruderten Dietrichson und Balto in ihren Kajaks in den Godthaabsfjord hinein, wo sie die Wohnplätze Sardlok, Kornok, Umanak und Karusuk besuchten. Sie kehrten erst einige Tage nach uns wieder heim. Als sie sich auf dem Rückwege, am letzten Tage ihres Ausflugs unterhalb des „Sattels“ befanden, rief Balto plötzlich Dietrichson zu, daß er an Land gehen müsse, sein Kajak lecke und sei halb mit Wasser angefüllt. Dietrichson erwiderte, das könne ihm gar nicht nützen, das Land sei so steil, daß sie nirgends landen könnten, sie müßten weiter rudern, vielleicht würde das Ufer allmählich flacher. Da antwortete Balto mit kläglicher Stimme: „Ja, dann muß ich elend zu Grunde gehen.“ Indessen ruderten sie, was das Zeug halten wollte, und bald darauf kamen sie an einige Steine, auf die Balto hinaufkriechen konnte, so daß es ihnen gelang, seinen Kajak zu entleeren. Auf dem Boden befand sich ein Loch, sie hatten aber nichts anderes zum Verstopfen desselben als einen Handschuh und ein wenig Butter; dies genügte jedoch und sie konnten ihren Weg fortsetzen.
Eine Weile später wurden sie plötzlich von einem heftigen Sturm überfallen, zum Glück befanden sie sich an einer Stelle, wo sie landen konnten. Wäre der Sturm ein wenig früher oder später gekommen, so ist es sehr zweifelhaft, wie sie davon gekommen wären, denn da war kein Zufluchtsort, und in dem Unwetter hätten sie sich wohl schwerlich auf der See halten können. An demselben Tage verunglückte ein Grönländer bei Umanak. Sie mußten nun volle 7 Stunden auf dem schmalen Felsvorsprung liegen bleiben, wo sie gelandet waren. Am Abend legte der Sturm sich ein wenig und sie kamen wohlbehalten nach Godthaab zurück, wo sie mit Jubel von den Grönländern begrüßt wurden, die es für eine gute Leistung erklärten, an dem Tage hinaus zu rudern, — sie selber hatten es nicht gewagt.
Als ich ungefähr eine Woche in Godthaab gewesen war, ohne daß sich eine Spur von dem viel besprochenen Schiff zeigte, beschloß ich, einen neuen Versuch zu machen, auf das Inlandseis zu gelangen und begab mich zu dem Zweck am 4. April mit Aperavigssuak (dem großen Abraham, einen alten, bekannten Kajakruderer aus Kangek) in meinem Kajak in den Godthaabsfjord hinein. Am selben Tage erreichten wir Kornok, das acht Meilen von Godthaab entfernt liegt, und am nächsten Morgen setzte ich in Begleitung von zwei Kajakmännern — Karl und Larserak — meine Reise über den Fjord nach Ujaragsuit fort, wo ich auf das Inlandseis zu gehen gedachte. Da das Ende des Fjordes mit Eis bedeckt war, gingen wir in die Bucht bei Kanguisak, zogen die Kajaks ans Land, schnallten die Schneeschuhe an und liefen an das Ende dieser Bucht, die gleichfalls mit Eis bedeckt war; dann begaben wir uns über Land nach dem Godthaabsfjord; hier angelangt, schlugen wir unser Zelt auf, das wir ebenso wie den nothwendigsten Proviant mitgenommen hatten. Unser Vorrath war jedoch lange nicht ausreichend, deswegen mußten wir Schneehühner schießen, die auf Art der Eskimos roh verzehrt wurden und die in dieser bequemen Gestalt wirklich vorzüglich schmecken, nur muß man sie, bevor man sie verzehrt, kalt werden lassen. Eines Tages, als ich sehr hungrig war, versuchte ich es, ein Schneehuhn, unmittelbar nachdem es geschossen war, zu verzehren, es hatte aber einen ganz eigenthümlichen Geschmack, und das Fleisch zitterte förmlich zwischen den Zähnen, — ich stand sofort von dem Versuch ab und habe ihn seither nicht wiederholt.
Am nächsten Tage (6. April) liefen wir auf Schneeschuhen weiter über den Fjord auf den Ujaragksuikfjord zu. In der Mitte dieses Fjords angelangt, gewahrte ich indessen von einem Berge aus, den ich bei der Verfolgung einiger Schneehühner erklommen hatte, daß die ganze innere Seite des Fjords offen war, so daß wir dort unmöglich würden landen können. Der Bach, der unter dem Inlandseise hervorbricht, ergoß sich hier in den Fjord.
Um das Inlandseis zu erreichen, würde es nothwendig sein, bei Ivisartok auf der Ostseite des Fjords zu landen, aber dann würden wir mindestens zwei Tage gebrauchen, um bis an den Rand des Eises zu gelangen, und da ich es nicht für richtig hielt, mich wegen des zu erwartenden Schiffes so weit zu entfernen, so blieb mir nichts anderes übrig, als abermals umzuwenden.
Dieses Mal war die Ausbeute aber doch ein wenig ergiebiger als das letzte Mal, denn wenn ich auch das Inlandseis nicht dort erreicht hatte, wo ich es zu erreichen wünschte, so hatte ich doch den Gletscher gesehen, der sich zwischen Ivisartok und Nunatarsuak hinausschiebt. Es zeigte sich indessen, daß dieser Gletscher nicht so sehr mit Schnee bedeckt war, wie ich es erwartet hatte, und das Eis sah beinahe ebenso blau und zerklüftet aus, wie gewöhnlich. Auch ringsumher auf dem Lande war die Schneemenge auffallend klein. Auf weiten Strecken guckte das bloße Land hervor, und der Unterschied mit Godthaab war ganz auffallend. Offenbar haben die hohen Berge draußen und weiter im Süden das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert.
Die Veränderung, welche mit der Oberfläche des Inlandseises im Laufe des Winters vorgegangen war, mochte daher gar nicht so groß sein, wie ich es angenommen hatte, wenigstens nicht dort, wo sich ein breites Außenland vor dem Eise befindet, so wie es an diesem Theil der Küste der Fall ist. Das Außenland nimmt nämlich einen großen Theil des Schnees fort. Eine andere Ausbeute bestand in der Wahrnehmung der Wassermassen, welche der Fluß aus dem Inlandseise dem Fjord selbst im Winter zuführt. Es war noch nicht so warm gewesen, daß ein Schmelzen im Außenlande stattgefunden haben konnte, nicht einmal in Godthaab. Es ist eine bekannte Sache, daß es drinnen am Inlandseise immer bedeutend kälter ist als außerhalb desselben, und welch ein Unterschied zwischen der Wärme der Oberfläche des Inlandseises und derjenigen des Außenlandes herrscht, das hatten wir bei unserer Eiswanderung gründlich erfahren. Trotz alledem aber hatte der Fluß einen starken Strom, und die Eskimos erzählten, daß selbst mitten im Winter keine Stockung eintrete. Hieraus geht deutlich hervor, daß in den tieferen Schichten des Inlandseises ein von der Temperatur der Oberfläche unabhängiges Schmelzen stattfindet. Welche große Rolle dies im inneren Haushalt der Eismassen spielen muß, werde ich im Anhang noch eingehender behandeln.
Am Abend schlugen wir ein Zelt auf einem Vorgebirge an der Mündung des Ujaragsuitfjordes auf. Da wir nun keine weitere Eile hatten, richteten wir uns so gemüthlich wie möglich ein. Es machte keine Schwierigkeit, eine genügende Grasmenge auf dem aus den Schnee hervorragenden Landrücken zu sammeln. Hiermit bedeckten wir den ganzen Zeltboden und schufen uns dadurch ein gutes trockenes Lager. Dann wurde Kaffee gekocht und die Eskimos kamen mit einem sehr wohlschmeckenden Gericht zum Vorschein, das in gefrorenem Rothfisch oder „Ur“ bestand, der roh verzehrt wurde, außerdem verzehrten wir pro Mann mindestens ein Schneehuhn und befanden uns ganz vorzüglich dabei. Wir legten uns in unseren Kleider schlafen, die Schlafsäcke hatte ich diesmal nicht mitgenommen, da ich die Last zu schwer fand.
Am nächsten Morgen gingen wir über den Fjord zurück. Ich hatte die größte Lust, länger in diesem Eldorado der Jäger zu verweilen, denn das gerade gegenüberliegende Ivisartok- und Nunatarsuak-Land ist wegen seiner guten Rennthierjagden berühmt, außerdem gab es hier auf dem Eise im Fjord viele Seehunde, und wenn man nur genügend Zeit dazu hat, so ist dies eine sehr interessante Jagd. Die alten Norweger wußten wohl, was sie thaten, als sie sich hier niederließen. Hier und im Ameralikfjord hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach der reichste Theil des alten „Vesterbygd“ gelegen, man findet überall zahlreiche Ueberreste, die darauf hinweisen, besonders ist Ujaragsuik wegen seiner großen Ruinen bekannt.
Als wir über das Land kamen, wo wir bei unserer Ankunft hinabgestiegen waren, fanden wir einen ziemlich steilen Abhang vor. Ich sollte hier die Erfahrung machen, wie mangelhaft es mit dem Schneeschuhlaufen der Grönländer bestellt ist. Sie blieben während der ganzen Zeit zurück, und schließlich mußte ich dem Einen fast seine ganze Last abnehmen, damit er nur mitkommen konnte. Als sie an diesen Abhang kamen, besannen sie sich nicht lange, sondern schnallten die Schneeschuhe ab und trugen sie. Nachdem ich unten angelangt war, hatte ich deswegen das Vergnügen, ungefähr eine Stunde auf sie zu warten, während sie sich durch den Schnee hindurchstampften. Und erst als sie das Fjordeis erreichten, wagten sie es, die Schneeschuhe wieder anzuziehen. Einer von ihnen machte allerdings bei einer kleinen Senkung einen Versuch, da er aber sofort fiel, gab er es wieder auf.
Auf dem Fjordeise schoß Karl einen Ring-Seehund (netsak), der also auch bis an die Kajaks geschleppt werden mußte. Endlich am Nachmittag erreichten wir diese. Wir wußten nicht, wie spät es am Tage sei, da der Himmel bedeckt war und Niemand von uns eine Uhr hatte. Ich wollte gerne noch am selben Tage nach Kornok kommen, da ich es für möglich hielt, daß die Nachricht von der Ankunft des Schiffes da sei. Obwohl besonders Larserak keine Lust dazu hatte, bestiegen wir dennoch unsere Kajaks. Wir waren indessen noch nicht weit gerudert, als es sich herausstellte, daß es bedeutend später war, als wir geglaubt hatten; es wurde nämlich vollständig dunkel. Draußen im Fjord empfing uns eine steife Westbrise, wodurch die Verhältnisse nicht gebessert wurden. So lange wir an der Küste entlang rudern konnten, ging es doch noch einigermaßen. Aber bei einem Vorgebirge Namens Kangersuak mußten wir über den Fjord, um nach Kornok zu kommen. Hier wurde es schlimmer. Der Wind und die Wellen standen hier mit voller Gewalt auf das Land und in der Finsterniß war es keine leichte Sache, die Wellen zu sehen und sich vor ihnen in acht zu nehmen.
Wir lagen still und überlegten. Die beiden Grönländer fragten mich, ob ich es mir getraue, weiter zu rudern; ich wollte mich ungern schwächer zeigen als sie und fragte, ob sie es sich getrauten. Schließlich zogen wir weiter, aber wir sollten gar bald erkennen, daß es kein Kinderspiel war, besonders für Karl, der den Seehund hinten auf dem Kajak liegen hatte, war es schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er rief uns zu, er müsse an Land gehen, um sich seiner Last zu entledigen, aber an ein Landen war nirgends zu denken, überall bildete das Ufer eine einzige, steile Bergwand. Deswegen halfen wir ihm, seinen Seehund ins Wasser zu werfen, und er schleppte ihn nun ein Ende mit, aber es ging zu langsam, und wir mußten ihm behülflich sein, das Thier abermals auf den Kajak zu legen. Im Anfang war es ganz dunkel gewesen, dann aber wurde die Wolkenschicht ein wenig lichter, hin und wieder riß der Wind eine Oeffnung hinein, so daß der Mond durchkommen konnte; das war ein großer Vortheil für uns, denn jetzt konnten wir doch die herannahenden Wellen sehen und unseren Weg finden. Es war eine schwere Arbeit, gegen den Wind anzukämpfen, allmählich aber erreichten wir das gegenüberliegende Land. Hier stießen wir indessen auf eine andere Schwierigkeit, nämlich auf Unmengen von treibendem Fjordeis, das uns eine ganze Zeit lang den Weg vollständig versperrte. Erst um 1 Uhr des Nachts kamen wir nach Kornok, wo wir den Einwohnern durch unsere späte Ankunft einen großen Schrecken einjagten.
Es war keine Nachricht in Bezug auf das Schiff von Godthaab gekommen, und am folgenden Tage reiste ich deswegen nach Umanak, um diesen Ort kennen zu lernen, an dem die Herrnhuter Mission eine Kolonie hat, und um den Missionar Herrn Heincke zu besuchen, bei dem ich vier sehr angenehme Tage verlebte.
Am 12. April war ich wieder in Kornok. Da es am folgenden Tage regnete, hatte mein Freund Aperavigssuak keine Lust, nach Godthaab zu reisen; während ich fortgewesen war, hatte er sich die Zeit damit vertrieben, in den Häusern zu Kornok und Umanak in Gesellschaften zu gehen. In Erwiderung dieser Gastfreundschaft gab ich am Tage meiner Rückkehr sämtlichen Grönländern in Kornok einen Ball. Um 4 Uhr des Nachmittags begann der Ball, die Bewirthung bestand aus Kaffee und Schiffsbrot, und wir amüsirten uns bis tief in die Nacht hinein ganz vorzüglich. Schließlich war ich so müde, daß ich meine Gäste bitten mußte, nach Hause zu gehen, damit ich Ruhe bekam.
Am folgenden Tage, den 14. April, ruderten wir bei verhältnißmäßig gutem Wetter nach Godthaab. Wie schnell man in einem Kajak vorwärts kommen kann, ist daraus zu ersehen, daß wir, obwohl wir während der ersten drei Stunden die Strömung und während der letzten Stunde eine steife Briese gegen uns hatten, die 8 Meilen doch in 8 Stunden zurücklegten, und das ist nichts im Vergleich zu der Schnelligkeit, welche ein geübter Kajakruderer erlangen kann. So erzählte mir z. B. Herr Heincke, daß, als seine Frau vor mehreren Jahren im Dezember heftig erkrankte, ein Fänger aus Umanak, Namens Ludwig, am Morgen vor Tagesgrauen nach Godthaab gerudert sei, um Rath von dem Arzt zu holen. Trotz des kurzen Wintertages wäre er aber schon bei Anbruch des Abends wieder zurückgekehrt. Die Entfernung von Umanak bis Godthaab beträgt 9 Meilen!
In der Kolonie hatte man bei unserer Ankunft noch nichts von dem Schiff gehört.
Am 15. April hatten wir heftiges Schneetreiben und waren uns infolgedessen sämtlich darüber einig, daß das Schiff auch an dem Tage nicht kommen könnte. Plötzlich, als wir nach Tisch im Hause des Koloniedirektors bei unserem Kaffee saßen und uns gemüthlich mit dem Doktor unterhielten, erschallte die ganze Kolonie von einem einzigen Geheul: „Umiarsuit! Umiarsuit!“ (Das Schiff! das Schiff!) Wir stürzten hinaus, starrten auf das Meer, konnten aber nichts sehen als Schnee. Da ward auf einmal ein dunkler Schatten hoch oben in der Luft sichtbar. Es war das Takelwerk des „Hoidbjörnen“, der sich bereits dicht vor uns in der Bucht befand. In größter Eile sprang man nun in die Böte und Kajaks, und als wir den Fuß auf Deck setzten, wurde die norwegische Flagge gehißt und den Norwegern ein donnernder Salut gegeben. Die Mitglieder der Expedition wurden auf das herzlichste empfangen und beglückwünscht von dem Führer des „Hoidbjörnen“, Lieutenant Garde, dessen Name bereits häufiger erwähnt worden ist, sowie von den übrigen Europäern, die sich an Bord befanden.
Es wurden Grüße aus Europa gebracht und Fragen ausgetauscht, die kein Ende nehmen wollten. Wir feierten sofort ein Fest an Bord des Schiffes, es herrschte Frohsinn und Freude, und erst spät am Abend kehrten wir wieder nach Godthaab zurück.
So schlug denn endlich die Abschiedsstunde! Ich hatte lange mit Wehmuth daran gedacht, jetzt ließ sich der Gedanke nicht mehr zurückdrängen, und nicht ohne Trauer schieden wir von dem Ort und dem Volk, bei dem wir uns so unsagbar wohl befunden hatten.
An dem letzten Tage vor unserer Abreise sagte einer meiner besten grönländischen Freunde, in dessen Hause ich viel verkehrt hatte, zu mir: „Nun kehrst Du zurück in die große Welt, von der Du zu uns gekommen bist, Du triffst dort viel Neues und wirst uns vielleicht bald vergessen, wir aber können Dich niemals vergessen.“
Ein paar Tage nachher reisten wir, und das noch schneebedeckte Godthaab lächelte uns ein freundliches Lebewohl in der Frühlingssonne zu. Wir standen lange da und schauten zurück, und die Erinnerung an die vielen glücklichen Stunden, die wir dort mit Grönländern und Europäern verlebt hatten, tauchte wieder auf. Gerade als wir im Begriff waren, den Fjord zu verlassen, begegneten uns drei Kajaks, es waren die drei besten Fänger von Godthaab, Lars, Michael und Jonathan. Sie waren hierher gerudert, um uns die letzte rührende Abschiedssalve aus ihren drei Büchsen zu geben. Mit vollem Dampf ging es jetzt ins Meer hinaus. Eine Weile sahen wir unsere Freunde noch zwischen den Wellen auf und ab tauchen, dann waren auch sie unseren Blicken entschwunden.
Der Bestimmung nach sollte der „Hoidbjörnen“ nördlich nach Sukkertoppen und Holstensborg gehen, ehe er den Heimweg antrat.
Am nächsten Morgen (26. April) kamen wir in Sukkertoppen an. Als Beispiel für die Postverhältnisse in Grönland mag erwähnt werden, daß man hier keine Ahnung davon hatte, daß wir den Winter in dem 20 Meilen südlicher gelegenen Godthaab zugebracht hatten.
Nach einem sechstägigen Aufenthalt in Sukkertoppen mit viel Tanz und Geselligkeit lichteten wir am 3. Mai die Anker, um nordwärts nach Holstensborg zu gehen. Auf dem Wege dorthin begegneten wir dem „Nordlyset“, einer Bark, die ebenfalls der grönländischen Handelscompagnie gehört. Sie saß im Eise fest, und wir schleppten sie noch am selben Tage nach Sukkertoppen. Am Abend machten wir einen zweiten Versuch, nordwärts zu gelangen, trafen jetzt aber das ganze Meer nach Norden zu mit einer oft zehnzölligen Eisschicht bedeckt, durch die wir nicht vordringen konnten.
Da blieb uns denn nichts anderes übrig, als Holstensborg aufzugeben und umzuwenden. Am Morgen des 4. Mai ankerten wir zum dritten Mal im Hafen von Sukkertoppen. Am Nachmittage gingen wir in See und sagten nun Grönland zum letztenmale Lebewohl.
Als wir am Abend schon eine gute Strecke durch die Davisstraße gekommen waren, fand ich Balto in Gedanken versunken am Schiffsrande stehen, er blickte nach der Richtung des Landes hin, was jedoch schon längst unseren Blicken entschwunden war. Dietrichson fragte ihn, weshalb er betrübt sei: „Hast Du etwa Sofia vergessen?“ erwiderte er.
Wir verbrachten 17 Tage an Bord des „Hoidbjörnen“, an dem Kapitän hatten wir eine vorzügliche Gesellschaft, wohl Wenige konnten ein solches Interesse an der Expedition haben wie er. Dank der uns erwiesenen Gastfreundschaft verging die Zeit auf das angenehmste, während wir uns trotz widriger Winde und starken Seegangs der Heimath näherten; wir werden noch an diese Tage zurückdenken und uns u. a. der Vormittagsfeste erinnern, wo wir um den Salontisch sitzend den Champagner tranken und das Konfekt aßen, das den Mitgliedern der Expedition aus Europa gesandt worden war; das war eine andere Kost als wie sie uns das Inlandseis geboten.
Am 21. Mai ankerten wir auf der Innenrhede von Kopenhagen. Meine Feder ist zu schwach, um den gastfreien Empfang zu schildern, der uns in Etatsraths Gaméls Hause, sowie überall in Kopenhagen und in Norwegen zu theil wurde. Ich will auch keinen Versuch machen, dem Leser zu beschreiben, wie viele Toaste ausgebracht wurden und wie viele Erwiderungsreden ich halten mußte, wie viel Wein getrunken und wie viele Gerichte bei einer solchen Festlichkeit verzehrt werden mußten, auch will ich ihn nicht mit der Schilderung der Qualen beschweren, welche eine gewisse Species der Menschheit, die sich Interviewer nennt, einem armen Burschen, der sich keines Verbrechens bewußt ist, verursachen kann. Sie zertheilen förmlich unser geistiges Innere unter sich. Es war keine Kleinigkeit, Grönland zu durchqueren, aber es ist mein bitterer Ernst, wenn ich sage, daß es in dieser Beziehung noch weit schlimmer ist, in die Heimath zurückzukehren.
Am 30. Mai zogen wir bei dem herrlichsten Wetter in den Kristiania-Fjord ein, wo wir von Hunderten von Seglern und einer ganzen Flotte von Dampfschiffen empfangen wurden, den Tag wird wohl keiner von den Mitgliedern der Expedition jemals vergessen. Selbst auf Ravna machte es einen überwältigenden Eindruck. Als wir uns dem Hafen von Kristiania näherten, und den Festungswall und alle Brücken ganz schwarz von Menschen sahen, sagte Dietrichson zu Ravna: „Ist es nicht hübsch mit allen den Menschen, Ravna?“ „Ja, sehr hübsch, — wenn es nur alles Rennthiere wären!“ erwiderte Ravna.