Kapitel XVII.
Wir verlassen die Ostküste.

Die ersten Tage nach unserer Eiswanderung wurden, wie oben erwähnt, zur Instandsetzung unserer Ausrüstung benutzt. Wir hatten bedecktes, mildes Wetter mit Regen, weshalb wir unseren Aufbruch nicht beeilten; wir hofften auf klares Wetter mit Nachtfrösten. Zu unserer Ernährung bedienten wir uns in diesen Tagen im wesentlichen der Seevögel, die wir während unserer Bootsfahrt an der Ostküste entlang geschossen hatten, und die wir bis dahin aus Mangel an Zeit nicht verzehren konnten. Sie mundeten ganz vorzüglich; es war ein köstlicher Anblick, uns auf dem Berge um den Kochtopf herum — der aus einem Blechkasten bestand, in dem wir Brot gehabt hatten — lagern zu sehen; mit den Fingern holten wir uns dann je einen Vogel aus der Brühe, rissen ihn auseinander und verzehrten ihn mit Hülfe der Zähne und Finger. So moderne Einrichtungen wie Gabeln hatten wir selbstredend nicht; ich kann auch aus eigener Erfahrung versichern, daß dies ganz überflüssige Geräthschaften sind, — die Gabeln, die wir vom lieben Gott bekommen haben, sind außerordentlich praktisch, wenn man sie nur nicht in allzuheiße Kochtöpfe hineinsteckt; aber darin gewinnt man gar bald Uebung.

Am 14. August wurde das Wetter besser, und nun beschlossen wir, Ernst aus der Sache zu machen. Nach Sverdrups und meiner Ansicht ließ sich das Inlandseis am besten von dem Berge aus erreichen, auf dem wir in jener Nacht gewesen waren, d. h. falls derselbe von der See aus einigermaßen zugänglich war.

Die Böte werden bei unserem letzten Zeltplatz an der Ostküste aufs Land gezogen.
(Nach einer Photographie.)

Wir ließen deshalb unsere Böte noch einmal ins Wasser hinab, packten alles hinein und zogen von dannen, um, wenn möglich, die Besteigung nun endlich in Angriff zu nehmen. Aber Niemand von uns hatte den Berg von unten gesehen, und nun stellte es sich heraus, daß er ganz steil war, und daß ein Erklimmen mit unserer schweren Ausrüstung mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft sein würde. Da blieb uns denn nichts übrig, als zu unserem Zeltplatz zurückzukehren und von dort aus anzufangen.

Noch einmal wurden unsere Böte gelöscht, und erst spät in der Nacht waren wir mit allem fertig.

Am folgenden Tage (15. August) wurden die Böte an ihre bleibende Ruhestätte in eine kleine Bergschlucht gebracht, wo sie einigermaßen geschützt waren. Wir legten sie sorgfältig hin, den Kiel nach oben und belasteten sie des Windes wegen mit schweren Steinen; hoffentlich liegen sie dort noch. Unter die Böte legten wir ein kleines Depot von Munition, getrocknetem Seehundsfleisch und a. m. Einiges Handwerkszeug, hauptsächlich zum Boote gehörend, blieb ebenfalls zurück, darunter ein Segelmacherhandschuh, den wir später schmerzlich entbehren sollten. Wie bereits früher erwähnt, war es auch meine Absicht, eine von unseren Büchsen hier zurückzulassen, als es aber so weit war, fanden wir jedoch, daß sie zu hübsch war, um sich davon zu trennen.

Die Böte, wie wir sie verließen.
(Nach einer Photographie.)

Auf ein kleines Stück Papier schrieb ich einen kurzgefaßten Bericht über das Schicksal der Expedition bis zu diesem Tage, verwahrte ihn gut in eine kleine Blechdose, und legte sie in die Brotkiste, die zu dem Walfischfangboot gehörte und die unter demselben aufbewahrt wurde. In diesem Bericht sage ich u. a., daß wir der besten Hoffnung sind, glücklich bis zur Westküste zu gelangen, wenn wir nur genug Frost bekommen. Davon sollten wir nun wahrhaftig mehr als genug verspüren!

Die Lappen schlugen vor, einen unserer großen Schlafsäcke zurückzulassen, in dem andern, meinten sie, könnten sehr wohl vier Mann schlafen, und sie wollten Beide in ihren Pelzen liegen; das könnten sie selbst bei einer Kälte von 40° aushalten. Ich hielt es jedoch für richtiger, die Sache erst ein wenig mit anzusehen, ehe wir uns von den Schlafsäcken trennten, wir konnten ja möglicherweise doch noch Verwendung für dieselben haben. Balto meinte ganz entschieden, daß diese Fürsorge überflüssig sei, es sei nur überflüssiges Gepäck, was wir da mit uns herumschleppten. Sehr lange sollte er jedoch nicht dieser Ansicht sein.

Da es am Tage sehr warm war, und der Schnee infolgedessen weich wurde, beschlossen wir, während der Nacht zu wandern und am Tage zu schlafen. Ungefähr um 9 Uhr Abends waren die Schlitten beladen, und wir begannen unsere Wanderung, deren Ziel Kristianshaab war. Im Anfang ging es nur langsam; die Schneefläche, über die wir hinzogen, reichte freilich bis an den Strand hinab, so daß wir die Schlitten von unten an ziehen konnten, aber die Steigung war steil, und wir mußten zu Dreien an jedem Schlitten ziehen und kurze Touren machen. Die Schlitten waren ziemlich schwer, auf jedem befanden sich über 100 kg. Als wir so hoch hinaufgekommen waren, daß wir sie einzeln ziehen konnten, luden wir den Inhalt ein wenig um, so daß jeder der vier Schlitten ungefähr 100 kg Gepäck enthielt, während der fünfte, der von Zweien gezogen wurde, ungefähr das doppelte Gewicht hatte.

In dieser Nacht hatten wir gutes Wetter mit etwas Frost, gerade so viel, daß der Schnee ein wenig härter wurde. Mit Ausnahme der starken Steigung war die Eisfläche einigermaßen gut; auf Risse im Eise stießen wir nicht. Gegen Morgen kamen wir an ziemlich schlimmes Eis mit zahlreichen Schluchten und Unebenheiten, die Oberfläche war jedoch noch hart, so daß die Schlitten gut darüber hinglitten. Nachdem wir etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, schlugen wir unser Zelt in einer Höhe von ungefähr 180 m auf. Es war ein wahrhaft himmlischer Genuß, ein halbes Dutzend Tassen warmen Thees mit kondensirter Milch trinken und dann in die Schlafsäcke kriechen zu können. Wir waren wohl Alle der Ansicht, daß wir angenehmere Arbeit gekannt hatten, aber wir schwiegen wohlweislich darüber. Gerade als wir uns schlafen legen wollten, entdeckten wir, daß wir unser einziges Stück Schweizer Käse an dem Orte hatten liegen lassen, wo wir gegen Mitternacht unsere Mittagsmahlzeit einnahmen. Dies Stück Käse im Stich zu lassen, war im Grunde zu viel verlangt, aber wir waren so müde, daß man ebenso wenig von uns verlangen konnte, jetzt zurück zu laufen und es zu holen. Da erbot sich Dietrichson freiwillig, zurückzugehen, er thäte es gern, sagte er, dann bekäme er einen Morgenspaziergang, ehe er sich schlafen legte, und könnte sich gleichzeitig ein wenig umsehen, was in Bezug auf seine Karte ganz praktisch sei. Voller Bewunderung sah ich ihm nach, wie er frank und frei dahinschritt, — ich konnte nicht begreifen, wie Jemand Lust verspürte, nach dieser anstrengenden Nachtarbeit einen Morgenspaziergang zu machen.

Unser Zeltplatz am Morgen des 17. August. (Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Gegen Abend zogen wir weiter über dasselbe unebene Eis. Um Mitternacht wurde es so dunkel, daß wir nicht sehen konnten, deshalb schlugen wir um 11 Uhr unser Zelt auf, kochten Schokolade und erwarteten das Tageslicht. Wir kamen jetzt an ebeneres Eis, aber der Schnee wurde loser und die Risse häufiger, die meisten derselben konnten wir jedoch mit ziemlicher Leichtigkeit umgehen. Als der Morgen dämmerte, fing es an zu regnen, und der Regen nahm allmählich derartig zu, daß es nicht mehr angenehm war. Natürlich zogen wir Alle unsere Regenkostüme an, aber die waren nichts weniger als wasserdicht; der Regen strömte so auf uns herab, daß wir bald bis auf die Haut durchnäßt waren. Wir hatten auch nicht einen trocknen Faden mehr auf dem Leibe. Zum Frieren hatten wir freilich keine Veranlassung, obwohl ein ziemlich scharfer Wind blies; die Arbeit hielt uns warm, und wir mußten uns aus Leibeskräften anstrengen, aber es war nicht angenehm zu fühlen, wie das Zeug Einem am Leibe festklebte und jede Bewegung hinderte. Bis über den Vormittag hinaus zogen wir rastlos weiter. Die Steigung war jetzt nicht mehr so stark, wir konnten die Schlitten jetzt zu Zweien ziemlich leicht ziehen. Da waren zahlreiche Spalten, weshalb wir uns in acht nehmen mußten. Wir konnten uns nicht mit den Seilen aneinander festbinden, da es zu schwer wurde; wir mußten uns damit begnügen, mit den Schlitten vermittelst des starken Ziehtaues verbunden zu sein, das an dem soliden Ziehgurt befestigt war, den wir um den Leib trugen. Wenn wir durch die Schneebrücken über den Rissen fielen, so blieben wir auf diese Weise dort hängen, und so lange der Schlitten nicht mit hinabgerissen wurde, was nicht sehr wahrscheinlich war, da er eine ziemliche Länge hatte, — konnten wir ohne Gefahr hängen bleiben, bis Einer der Anderen uns zu Hülfe kam. Es geschah übrigens nur selten, daß wir versanken und zwar nie weiter als bis an die Arme, brachten wir dann unsern Stock oder die Eisaxt quer über der Spalte an, so konnten wir uns ohne Hülfe aus dieser unangenehmen Lage befreien. Es war in der Regel leicht, die langen Schlitten über die Risse zu bringen, sie hatten eine so große gute Tragefläche, und es handelte sich nur darum, sie schnell hinüber zu bekommen, dann glitten sie sicher über den Abgrund hinweg, selbst wenn es hie und da unter ihnen krachte.

Das Aufsteigen auf das Inlandseis am 17. August. (Nach einer Skizze des Verfassers.)

Gegen 12 Uhr des Vormittags machten wir endlich Halt und schlugen unser Zelt auf einer kleinen Fläche zwischen zwei mächtigen Spalten auf. Das Wetter war jetzt ganz unmöglich geworden. Wir bekleideten den äußeren Menschen mit trockenem Zeug und erwärmten den inneren durch unzählige Tassen heißen Thees. Nachdem wir unsere Stäbe und Schneeschuhe unter den Zeltboden gelegt hatten, um ein trockenes Lager herzurichten, und uns, so gut es ging, gegen den Regen geschützt hatten, krochen wir in unsere Kojen; die rauchenden Mitglieder der Expedition erhielten auch eine Pfeife Tabak, und nun befanden wir uns äußerst wohl, während draußen Sturm und Regen tobten. Drei Tage und drei Nächte, also vom Mittag des 17. August bis zum Vormittag des 20., wurden wir von einem furchtbaren Wetter mit Sturzregen und Sturm ans Zelt gebannt. Während dieser ganzen Zeit verließen wir unsere Schlafsäcke nur auf kurze Augenblicke, um uns Essen zu holen oder dergleichen. Den größten Theil der Zeit verschliefen wir, — gleich im Anfang schliefen wir volle 24 Stunden ohne Unterbrechung. Die Essenrationen wurden auf das kleinste Quantum beschränkt, da wir nicht arbeiteten, bedurften wir auch nicht so vieler Nahrung; ein wenig mußten wir freilich haben, um das Leben in uns aufrecht zu erhalten, deswegen aßen wir ungefähr einmal am Tage, — einige der Gefährten fanden allerdings, daß dies herzlich wenig war, und behaupteten, ihre Magen schrien vor Hunger. Wenn wir nicht aßen oder schliefen, füllte man die Lücken im Tagebuch aus, erzählte Geschichten, las in den Büchern der nicht sehr zahlreichen Bibliothek, die aus dem Seekalender, der Logarithmentabelle und anderen ähnlich interessanten Büchern, sammt einer Abhandlung von Professor Helland über die mit Eis angefüllten Fjorde Grönlands bestand. Ravna und Balto lasen, wie gewöhnlich, in ihrem Testament. Am liebsten verbrachten wir jedoch unsere Zeit damit, das Zeltdach zu studiren und dem Plätschern des Regens und dem Winde zu lauschen, der die Zeltwände und Pardunen rüttelte und schüttelte.

Dreimal 24 Stunden im Zelt. (Zeichnung von E. Nielsen.)

Endlich, am Vormittag des 20. August, besserte das Wetter sich so weit, daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Vorher nahmen wir aber noch eine kräftige Mahlzeit mit warmer Linsensuppe ein, die uns für die Hungerkur der vorhergehenden Tage entschädigen sollte.

Wir hatten noch immer stark zerklüftetes Eis; als wir den Versuch machten, eine Höhe zu erklimmen, die gerade vor uns lag, nahmen die Risse in dem Grade zu, daß wir nicht weiter kommen konnten, sie liefen nämlich nicht alle parallel, sondern schnitten sich in zwei Richtungen quer auf einander, und da ist man bald mit seiner Kunst zu Ende. Wir mußten zurück, um unsern Kurs nordwärts zu richten, und fuhren nun, auf den Schlitten sitzend, hinab, zwischen den Rissen hindurch, natürlich mußten wir aber gut acht geben, um nicht in der Tiefe zu verschwinden.

Weiter nach Norden zu wurde das Eis besser, die Steigung war nicht mehr so stark und der Weg überhaupt besser. An einzelnen Stellen konnten wir sogar Jeder einen Schlitten ziehen, nur Sverdrup und ich gingen mit dem schweren Schlitten voran, um das beste Eis auszusuchen. Der Regen hatte das Terrain scheinbar sehr verbessert, denn der Schnee war fester geworden oder auch zum Theil ganz weggewaschen. Wir sanken jedoch noch tief genug ein; sobald wir nur Frostwetter bekämen, würde es vorzüglich werden. Die Oberfläche war immer noch uneben, und Balto schreibt in seiner Schilderung darüber:

„Am 20. (soll 22. sein) wurde das Inlandseis schrecklich uneben, es sah aus wie große Meereswellen, und es war entsetzlich schwer, die Schlitten auf die Wellen hinauf zu schleppen, und wenn man dann wieder hinabging, kamen die Eisstücke hinter uns hergerollt. Das Seil, an dem wir die Schlitten zogen, schnitt so in die Schultern ein, daß wir ein Gefühl hatten, als seien wir verbrannt.“

Am Abend gegen 8 Uhr hatte es den Anschein, als ob der Himmel sich aufklären wollte, und da wir es als sicher ansahen, daß in dem Falle Frostwetter eintreten würde, machten wir sofort Halt und schlugen unser Zelt auf, um lieber zu warten, bis das Terrain hart geworden war.

Am nächsten Morgen, den 21. August, gegen 4 Uhr weckte ich die Kameraden. Der Himmel war wolkenlos, und obwohl das Thermometer zeigte, daß die Luft noch Wärmegrade enthielt, hatte sich doch eine so harte Kruste auf dem Eise gebildet, daß es uns trug. Die Steigung war noch immer stark, und die Spalten waren groß und zahlreich, aber ohne weitere Unglücksfälle rückten wir heute in dem herrlichsten Wetter vor und hielten im warmen Sonnenschein, der den Schnee weicher und weicher machte, bis hoch in den Vormittag hinein aus. Allmählich wurden die Anstrengungen jedoch unerträglich, und ein verzehrender Durst quälte uns. Trinkwasser gab es nicht mehr, wir sollten es erst an der Westküste wiederfinden. Den einzigen Ersatz dafür mußten wir in dem Wasser suchen, das wir gewannen, indem wir unsere Feldflaschen aus Blech mit Schnee füllten und sie an der Brust, zuweilen sogar am bloßen Leibe trugen. Wenige von uns waren jedoch warmblütig und geduldig genug, um zu warten, bis der Schnee sich in Wasser verwandelte, man sog lieber allmählich, als er anfing, ein wenig feucht zu werden, die Wassertropfen ab, und so konnte denn nichts aus dem Trinkwasser werden.

Aussicht auf den Kiatak vom Inlandseise aus am 20. August.
(Nach einer Zeichnung des Verfassers.)

Endlich gegen 10 Uhr vormittags erreichten wir die Höhe, die wir uns als Ziel gesetzt hatten; wir waren ¾ Meilen an jenem Tage gegangen. Von hier aus war die Steigung nur schwach und das Eis ganz frei von Rissen. Wir waren der Ansicht, daß jetzt die erste Schwierigkeit auf dem Inlandseise überwunden sei, deswegen hielten wir eine ganz kleine Festmahlzeit, die aus einer Extraration Haferkakes, Mysekäse und Preißelbeerkompot bestand. Wir waren jetzt auf einer Höhe von ca. 870 m angelangt und konnten einzelne Nunataks weiter nach dem Lande hinein erblicken, — in nördlicher Richtung hatten wir deren schon eine ganze Reihe gesehen.

Am Morgen des 22. August um zwei Uhr zogen wir weiter. Wir hatten einen guten Nachtfrost gehabt (-5° C.), und der Schnee war steinhart, aber ungewöhnlich uneben, so daß unsere Schlitten sogar mehrmals umwarfen. Gegen 9 Uhr hatte die Sonne wieder so viel Kraft, daß wir unser Zelt aufschlagen mußten, nachdem wir ungefähr eine Meile zurückgelegt hatten.

Mehr und mehr empfanden wir jetzt den Mangel an Wasser, weshalb wir uns sehr auf unsern Thee freuten. Um ihn noch erfrischender zu machen, kam ich auf den genialen Einfall, etwas Citronensäure hinein zu thun, — wir wußten ja Alle, daß Thee mit Citronensaft vorzüglich schmecken sollte. Wir vergaßen freilich, daß wir bereits kondensirte Milch hinzugefügt hatten, und wer beschreibt unsere Enttäuschung als die Milch, sobald die Citronensäure sich mit dem Thee vermischte, in großen Klumpen an den Boden des Gefäßes fiel. Wir tranken den Thee dessen ungeachtet, aber der Versuch wurde nicht wiederholt.

Gegen 9 Uhr des Abends zogen wir wieder weiter. Das Eis war noch immer sehr uneben, die Schlitten mußten bald auf die Kämme der Eiswogen hinaufgezogen werden, bald stürzten sie in die Wellenthäler hinab. Es ruckte und zog höchst unangenehm in den Schultern und dem Oberkörper, und Baltos Ausdruck, daß man ein Gefühl hatte, als habe man sich verbrannt, ist sehr bezeichnend.

Wenn also unsere Arbeit auch oft recht hart war, so hatten wir doch auch einen Ersatz in diesen Nächten mit Nordlicht und Mondschein, — denn auch dieser Theil der Erde besitzt seine Schönheiten. Wenn das ewig wechselnde Nordlicht seinen märchenhaften Tanz an dem südlichen Himmel in strahlenderer Pracht als sonst irgendwo antrat, so konnten wir alle Mühseligkeiten und alle Anstrengungen vergessen, oder wenn der Mond aufging und seine schweigsame Bahn über den sternbesäeten Himmel zurücklegte, auf den Gipfeln der Eiskämme spielend und die ganze todte, erstarrte Eiswelt in seinem Silberglanz badend, da senkte sich ein tiefer Friede über uns, und das Leben wurde uns zur Schönheitsoffenbarung. Ich bin fest überzeugt, daß diese nächtlichen Wanderungen über das grönländische Inlandseis einen unauslöschlichen Eindruck auf alle Theilnehmer der Expedition gemacht haben.

Anikitsok, Johnstrups Nunatak, Kornerups Nunatak u. s. w.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)

Als wir um Mitternacht an eine steile und schwierige Steigung kamen, verschlimmerte sich unsere Situation: für jeden Schlitten waren jetzt mehrere Personen erforderlich, und trotzdem war die Arbeit fast unüberwindlich. Als wir dann aber einige hundert Fuß hoch an eine Eisfläche kamen, die sich so weit erstreckte, wie das Auge im Mondlicht reichen konnte, und die so hart und glatt war, wie das Eis auf einem stillen Binnengewässer, — da kannte unsere Freude und unser Staunen keine Grenzen. Ueberaus froh zu Muthe, schlugen wir unser Zelt gegen 2 Uhr auf, um ein wenig zu ruhen, Kaffee zu kochen und ein wenig zu essen, ehe wir weiter zogen. Wir waren ganz außer uns vor Entzücken über dies herrliche Terrain, — man konnte wohl kaum ein besseres finden, — und sprachen lange hin und her, wie lange es wohl währen könne, bis wir die Westküste erreichten, falls der ganze Weg bis dorthin dieser Eisfläche gliche. Ich meinte, daß es ganz vortheilhaft sein würde, wenn wir unsere Schlittenlast ein wenig verringern könnten, ohne unsern Proviant zu schmälern. Balto meinte, wir könnten wohl die Indianertruger zurücklassen, für die hätten wir sicher keine Verwendung. Ich erwiderte, das sei zutreffend, so lange das Terrain so gut wäre; es könne aber Niemand wissen, wie lange das währen würde. Da entgegnete Balto: „Zum Teufel auch, Ravna dort ist Berglappe und hat 45 Jahre in den Bergen gelebt, aber er sagt, er hat niemals solch Zeug benützt, und Niemand soll ihn alten Mann jetzt dazu zwingen, und dasselbe sage ich auch. Ich bin ebenfalls Lappe, und Niemand soll uns Lappen etwas auf dem Schnee lehren.“ Ich antwortete ihm lachend: „Ihr Lappen haltet Euch freilich für entsetzlich klug, aber trotzdem könnt Ihr noch verschiedenes lernen, ehe Ihr wieder nach Hause kommt“ — und ich erinnerte ihn daran, wie es mit den Schneebrillen ging, die er, als ich sie ihm in Kristiania zeigte, etwas unnützes nannte. Die Lappen aber waren es, die der Brillen zuerst bedurften.

Balto meinte, mit den Brillen, das sei etwas ganz anderes. Er könne ja nicht leugnen, daß er sie jetzt sehr zweckmäßig finde, aber diese Truger? Nein! Er verschwur sich hoch und heilig, daß er sie niemals an seine Füße schnallen werde. Er war jetzt so üppig geworden, daß er sich die Sünde, ganz nachdrücklich zu fluchen, häufiger leistete; das war übrigens für uns Andere ganz erbaulich, da es uns ein Beweis war, daß er sich wohl fühlte.

Leider währte die Freude mit dem glatten Eis nicht lange. Den Tag hindurch hielt es freilich an, und ein günstigeres Terrain wie dies hat wohl Niemand auf Grönlands Inlandseis erblickt. Wenn man es abgehobelt hätte, so könnte es nicht besser gewesen sein. Die Steigung war eben mit einem fast unmerklichen, langgestreckten Wogengang.

Um 11 Uhr des Vormittags machten wir Halt und schlugen unser Zelt auf. Die Sonne schien ebenso wie an den vorhergehenden Tagen derartig auf das Zelt, daß es dort ziemlich warm zum Schlafen war, einem der Gefährten wurde es sogar so warm, daß er hinausging und sich auf ein Persenning in den Schatten des Zeltes legte, um schlafen zu können.

Um ½7 Uhr waren wir wieder auf den Beinen. Als wir weiter kamen, verschlechterte sich das Terrain; ein feiner, frischgefallener Schnee bedeckte das harte Eis.

Wir merkten bald, daß wir mehr Nachtfrost bekommen würden, als uns lieb war, denn auf diesem staubfeinen, frischgefallenen Schnee glitten die Stahlschienen unter unsern Schlitten bei der Kälte von 7–8 Grad, die wir ungefähr hatten, wie über Sand, und nachdem wir ungefähr ¾ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir ein, wie thöricht es war, unsere Wanderung zu dieser Zeit fortzusetzen, jetzt war es vortheilhafter, am Tage zu gehen, wenn der Schnee nicht so hart war. Gegen 10 Uhr schlugen wir deshalb unser Zelt auf.

Das Kochen. (Nach einer Photographie.)

Da die Last auf unsern Schlitten so groß war, daß es nicht schaden konnte, wenn sie ein wenig geringer würde, sannen wir lange darüber nach, ob wir nicht irgend etwas entbehren könnten. Zuerst verfielen wir auf die Oeltuchüberzüge zu unsern Schlafsäcken. Wir waren nun so weit gelangt, daß von außen her keine Feuchtigkeit zu befürchten war, außer in Form von Schnee, und der mußte abgebürstet und auf andere Weise vermieden werden, folglich waren die Ueberzüge überflüssig. Sie aber zurückzulassen, ohne daß sie irgend welchen Nutzen stifteten, das hielten wir für eine Thorheit, das Oeltuch war brennbar, folglich konnten wir damit kochen. Das war eine gute Idee, die allgemeinen Anklang fand. Es handelte sich nur darum, einen Kochtopf zu finden. Aber alle Brotdosen waren infolge der Behandlung und der Stöße, denen sie ausgesetzt gewesen, leck geworden. Endlich fanden wir eine, die einigermaßen dicht hielt, und nun machten wir uns drinnen im Zelt ans Kochen. Die Blechdose wurde wie gewöhnlich mit Schnee gefüllt und mit Hülfe der Stahlstangen, die unter unsern Schlittenschienen gewesen waren, so aufgestellt, daß wir Feuer darunter anmachen konnten. Wir zerrissen das Oeltuch in schmale Stücke und zündeten es in einer stählernen Schneeschaufel unter unserm Kessel an. Die Oeltuchstreifen brannten vorzüglich, die Flamme schlug hoch an den Seiten des Blechkessels in die Höhe und warf einen schönen röthlichen Schein in den Zeltraum und auf die 6 Männer, die um das Feuer herum saßen, in die Gluth starrend und bei sich denkend, daß das Leben jetzt erst anfange, wirklich gemüthlich zu werden. Aber alle Freuden auf dieser Erde sind von kurzer Dauer, und das Kochen mit Oeltuch in einem Zelt ohne Rauchfang, das ist die flüchtigste Freude, an der ich theilgenommen habe. Das Oeltuch rauchte nämlich derartig, daß das Zelt nach Verlauf von wenigen Minuten so voll von Rauch war, daß wir uns kaum gegenseitig hätten sehen können, selbst wenn wir im stande gewesen wären, unsere Augen aufzuhalten. Es nützte nichts, daß wir die Zeltthür öffneten, denn wenn auch etwas Rauch hinausging, so wurde er sofort ersetzt, und das Rauchmeer wurde dichter und dichter, die Freude an unserm Feuer war uns längst vergangen. Wenn man das eine Auge ein wenig öffnete, so erblickte man nur einen matten Lichtschimmer durch den dichten Nebel. Die meisten der Gesellschaft erwählten den vernünftigsten Theil, indem sie sich in die Schlafsäcke begaben und die Klappe über dem Kopf fest zuzogen. Zwei mußten jedoch ausharren, um auf das Feuer Acht zu geben, so daß der Schnee geschmolzen und der Thee gekocht werden konnte. Indem man bald das eine, bald das andere Auge ein klein wenig öffnete und den Kopf von Zeit zu Zeit aus der Zeltthür steckte, um eine Portion frischer Luft einzusaugen, ging es so einigermaßen, und der Schnee begann zu schmelzen. Das Kochgeschirr erwies sich jedoch leider als sehr leck und wir mußten etwas anderes ausfindig machen. Der Deckel von der Blechdose, die unsere Apotheke enthielt, war sicher dicht, aber er faßte nur die halbe Portion, die wir nöthig hatten. Uns blieb jedoch nichts anderes übrig, als ihn neben der Blechdose anzuwenden; indem wir letztere auf die Seite stellten, wo sie am wenigsten leckte, ging es einigermaßen. Wir heizten tüchtig unter und verwandelten das Zelt in eine wahre Hölle, bis das Wasser kochte und ich unsern Thee bereitete.

Am nächsten Morgen kochten wir abermals mit Oeltuch, waren nun aber so vernünftig, den Feuerherd draußen vor das Zelt zu verlegen. Wir schmolzen eine tüchtige Portion Schnee, die außer zu einer guten warmen Kerbelsuppe mit Fleischpepton ausreichte, um unseren Durst wirklich einmal ganz zu stillen. Das Wasser wurde durch einen Zusatz von Citronensäure, Citronenöl und Zucker in die köstlichste Limonade verwandelt. Dies war das letzte Mal, daß wir unseren Durst löschen sollten, bis wir an die Westküste gelangt waren, denn wir mußten sehr sparsam mit dem Brennmaterial umgehen.

Es gewährte einen ganz eigenthümlichen Anblick, als wir uns an jenem Morgen bei hellem Tageslicht wiedersahen. Großer Gott, wie wir aussahen! Mit unserer Gesichtsfarbe, die bis dahin ziemlich hell gewesen, und die Wind und Wetter ziemlich reingewaschen, war eine vollständige Veränderung vorgegangen. Hie und da saßen so dicke Rußkleckse, daß wir sie mit dem Messer abkratzen konnten, besonders alle Runzeln und Unebenheiten waren mit diesem Stoff gefüllt, wie sich große Mengen davon auf allen vorspringenden Gesichtstheilen, wie Augenbrauen, Kinnbacken, Unterlippe, Kinn u. s. w., angesammelt hatten. War man von Natur mit blondem Haar und Bart ausgestattet, so war dies jetzt ganz rabenschwarz geworden, nur die Augäpfel und die Zähne waren weiß geblieben und glänzten ganz unheimlich aus dem schwarzen Gesicht heraus.

Wenn ich erzähle, daß wir uns trotz solcher Unregelmäßigkeiten nicht wuschen von dem Augenblick an, wo wir den Jason verließen, bis zu dem Tage, wo wir die Westküste erreichten, so werden kurzsichtige Leser uns gewiß für große Ferkel halten. Aber das müssen wir hinnehmen. Ich will hier doch hinzufügen, daß wir unter gewöhnlichen Umständen die Gewohnheit hatten, uns zu waschen; wenn es aber auf dieser Reise nicht geschah, so hatte es seine guten Gründe. Erstens hatten wir auf dem Inlandseise nur das wenige Wasser, das wir am Morgen und am Abend auf Spiritus schmolzen, und das noch geringere Quantum, das wir im Laufe des Tages auf unserem eigenen Körper schmelzen konnten. Wenn man nun, wie das bei uns der Fall war, stets einen brennenden Durst hatte, und Einem die Wahl gestellt wurde, diese Portion Wasser entweder zum Waschen oder zum Trinken zu benutzen, oder auch, sich erst damit zu waschen und dann zu trinken, — so glaube ich, daß selbst die beschränktesten Menschen, wenn es so weit kommen sollte, es vorziehen würden, das Wasser ausschließlich zum Trinken zu benutzen.

Zweitens ist es ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sich bei einer Temperatur zu waschen, in der das Waschwasser gefriert, falls es einige Minuten steht, in der die Finger steif frieren, ehe sie aus dem Waschbecken an das Gesicht gelangen, und in der das Gesicht ebenso friert, sobald es mit dem Wasser in Berührung kommt. Ich glaube, es giebt nicht viele Menschen, die unter diesen Umständen etwas anderes als eine theoretische Beredsamkeit für die Reinlichkeit übrig haben.

Drittens aber war es uns geradezu untersagt, uns zu waschen, selbst so lange wir Wasser genug hatten und es warm genug dazu war, und zwar aus dem Grunde, weil es bei einem Sonnenschein, wo das Licht nicht allein von oben kommt, sondern auch von dem Schnee zurückgestrahlt wird, seine Gefahren hat, verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen. Das Sonnenlicht greift nämlich in diesem Fall die Haut stark an, so daß sie spröde wird und abblättert, ja es können sogar Wunden dadurch entstehen, die große Unannehmlichkeiten und heftige Schmerzen verursachen. Ich glaube, Niemand wird lange zögern, wenn er zwischen diesen Uebeln und Unreinlichkeit seine Wahl treffen soll. Es würde vielleicht einen guten Eindruck machen, wenn wir anstandshalber sagen wollten, daß es uns sehr schwer geworden sei, uns während einer so langen Zeit nicht waschen und unsere Kleider nicht wechseln zu können, leider aber schulden wir es der Wahrheit, zu gestehen, daß wir uns ganz außerordentlich wohl dabei fühlten.

Während des 24. August hatten wir ein ganz elendes Terrain, der frischgefallene Schnee wurde härter und härter und war dabei so tief, daß wir jetzt oft bis zu vier Zoll versanken; außerdem hatten wir eine starke Steigung zu überwinden. Um den Muth aufrecht zu halten, wurde jede Viertelmeile, die wir zurücklegten, mit einer Tafel Fleischpulverschokolade pro Mann belohnt.

Unsere Mittagsmahlzeit, die wir am Nachmittag abhielten, wurde abermals mit Oeltuch gekocht, doch benutzten wir außerdem als Brennmaterial noch ein Reservestativ unseres Theodolits, das überflüssig war, sowie eine Anzahl von Holzschienen zum Verbinden gebrochener Arme und Beine, die wir bis dahin in unserer Apotheke mit uns geführt hatten; jetzt, wo wir das zerklüftete Eis glücklich hinter uns hatten, hielten wir die meisten dieser Schienen wie auch die Gipsverbände für überflüssig und entledigten uns ihrer.

Wir behielten nur einen ganz kleinen Bedarf zurück für den Fall, daß beim Herabsteigen durch das zerrissene und zerklüftete Eis, das wir an der Westküste vorzufinden glaubten, ein Unglück geschehen sollte.

Am Abend wurde es, sobald die Sonne untergegangen war, wieder fühlbar kalt, der Schnee wurde schwieriger denn je, und wir schlugen unser Zelt auf. Wir hatten an jenem Tage nicht mehr als eine Meile zurückgelegt.

Da nur wenige Stunden verflossen waren, seit wir unser Mittagsmahl verzehrt hatten, einigten wir uns dahin, vor dem Schlafengehen nur einige von den dünnen Haferkakes zu uns zu nehmen. Hierzu genossen wir etwas Schnee, den wir mit Citronenöl, Citronensaft und Zucker vermischt hatten und der das erquicklichste Dessert bildete, das ich je gegessen habe. Es glich vollständig dem in Italien so gebräuchlichen „Granita“, ja, wenn man frischgefallenen und ganz feinen Schnee dazu verwendet, schmeckt es noch weit besser. Es war eine eigenartige Stimmung, die mich ergriff, als wir da draußen vor dem Zelt saßen, unseren Schnee und die spärlichen Kakes in so kleinen Bissen wie nur möglich genossen und dabei zum Mond aufschauten, der sein silbernes Licht über dies unendliche Schneemeer ergoß; unwillkürlich flogen meine Gedanken zu den Umgebungen zurück, in denen ich zuletzt Granita gegessen. Es war ebenfalls Mondschein, aber es war eine warme Sommernacht im Golf von Neapel, und das Mondlicht zitterte auf den dunklen Wogen des Mittelländischen Meeres. — —

Am 25. August war die Steigung noch immer stark, und das Terrain war noch schlechter, wir hatten jetzt 6–8 Zoll losen Schnee; dabei blies uns ein scharfer Wind gerade ins Gesicht, was die Situation bedeutend verschlimmerte.

Da wir fanden, daß unsere Mittagsrast uns reichlich Zeit nahm, faßten wir den glücklichen Gedanken, auf dem Schlitten zu kochen, während wir auf der Wanderung waren, wodurch wir die lange Zeit sparten, die wir sonst mit dem Kochen verbrachten. Der Kochapparat wurde hinten auf den einen Schlitten gestellt, wir entzündeten das Feuer, und während der Schnee sich allmählich in Wasser verwandelte, in das wir Bohnenwurst thaten, zogen wir unbekümmert weiter, ganz stolz über diese geniale Erfindung. Als die Suppe anfing zu kochen, machten wir Halt, schlugen unser Zelt auf und trugen den Apparat vorsichtig hinein; aber gerade in dem Augenblicke, als wir uns hinsetzen und uns an diesem königlichen Mahl delektiren wollten, machte ich eine ungeschickte Bewegung, das Kochgeschirr fiel um, und die kostbare Bohnensuppe floß mit dem brennenden Spiritus, mit Wasser und halbgeschmolzenen Schneeklumpen aus dem oberen Schmelzgefäß zusammen über den Zeltboden. Wie auf einen Zauberschlag waren alle Mann auf den Beinen, alles, was im Zelte lag und stand, wurde hinausgeworfen, wir faßten den Boden des Zeltes an allen Ecken an, so daß die Suppe sich in der Mitte in einer Vertiefung ansammelte und von hier aus wurde sie dann wieder in das Kochgeschirr geschöpft und weiter gekocht. Es war kaum ein Tropfen verloren gegangen! Unter solchen Umständen ist es sehr zweckmäßig, einen wasserdichten Segeltuchfußboden zu haben. Balto sagt von dieser Bohnensuppe, „daß sie freilich nicht ganz rein war, da der Fußboden ziemlich schmutzig war, aber das durfte nicht schaden. Sie schmeckte uns deswegen ebenso gut, denn unsere Magen waren ziemlich leer.“ Daß die Suppe einen kleinen Zusatz von Spiritus erhalten hatte, erwähnt er nicht; es war nur sehr wenig, und seiner Meinung nach erhöhte es nur den Wohlgeschmack.

Als wir endlich warm und gut in unserem Zelt saßen und unser Mittagsmahl in aller Ruhe verzehrten, zog ein unliebsamer Schneesturm herauf, zunächst freilich nur ein Gestöber, aber wir hatten es gerade im Gesicht, als wir weiter zogen, und gegen Abend nahm auch der Wind zu. Bei einer Kälte von neun Grad war das nicht sehr angenehm. Wir gingen indessen, so gut wir konnten, dagegen an und erklommen eine steile Höhe, die Köpfe vorübergebeugt, gleich Mönchen in unsere Kapuzen gehüllt, während der feine Schnee alle möglichen Anstrengungen machte, um in alle Poren und Oeffnungen unserer Regenkleider zu dringen. Erst spät am Abend schlugen wir unser Zelt auf und krochen in die Schlafsäcke. Zwei Haferkakes, eine kleine Tafel Fleischpulverschokolade und ein wenig Citronengranita mundeten uns vorzüglich, während wir auf unserem Lager ausgestreckt lagen und der Mond sein friedliches Licht durch eine Spalte in der Zeltthür warf. Wind und Schneegestöber glaubten wir ausgeschlossen zu haben.

Der Schneesturm raste die ganze Nacht hindurch, und als ich am nächsten Morgen (26. August) aufstand, um Kaffee zu kochen, war ich nicht wenig überrascht, als ich mich selbst, die Schlafsäcke, die Säcke mit unsern Kleidern, kurz alles unter Schnee begraben fand; er war durch alle Spalten eingedrungen und hatte das ganze Zelt angefüllt. Als ich die Füße in die Schuhe stecken wollte, waren auch diese voller Schnee, und als wir uns nach unsern Schlitten umsahen, waren sie halb verschwunden. An allen Seiten des Zeltes lagen große Schneeschanzen. Wir hatten doch trotz alledem einen angenehmen Sonntagmorgen mit Kaffee und Frühstück im Bett.

Der Schneesturm raste den ganzen Tag hindurch, und es wurde schwerer und schwerer ihm entgegen zu gehen, da der Schnee immer loser wurde. Ich überlegte, ob ich die Schlitten nicht zusammenbinden und den Versuch machen sollte, mit Hülfe von Segeln gegen den Wind zu kreuzen. Auf diese Weise konnte es lange währen, ehe wir Kristianshaab erreichten. Wir mußten auf eine Veränderung zum Guten hoffen; — an diesem Tage blieb aber alles beim Alten. Wir arbeiteten uns durch den Schnee, so gut wir konnten. Nachdem wir eine Viertelmeile zurückgelegt hatten, gelangten wir an eine Höhe, die wir erklimmen mußten; die Steigung war jedoch so steil, daß wir die Schlitten nur zu Dreien hinaufbefördern konnten, und trotzdem war es noch eine sehr beschwerliche Arbeit. Bei einer Aufmessung stellte es sich heraus, daß die Steigung ungefähr 1 Fuß auf 4 Fuß vorwärts betrug. Als wir nach einer Wendung wieder hinabstiegen, wandte sich Kristiansen, der nur selten eine Bemerkung machte, an Dietrichson und sagte: „Großer Gott, daß die Menschen es so schlecht mit sich selbst meinen, daß sie sich auf so etwas einlassen können!“