Kapitel XIX.
Die Wanderung über das Inlandseis. Ein Sturm im Innern. Häusliches Leben.

Es war nicht immer angenehm, sich beständig in einer solchen Kälte zu bewegen, wie sie hier herrschte. Oft bildete sich so viel Eis im Gesicht, daß der Bart mit den Hüllen, die wir um den Kopf trugen, vollständig zu einem Stück Eis zusammenfror, und es oft recht schwierig war, den Mund zu öffnen, wenn man sprechen wollte. Unter solchen Umständen ist es am besten, den Bart abzunehmen, dazu hatten wir aber weder Zeit noch Lust in dieser Umgebung.

Wenn der Wind in dieser Höhe wehte, wurde die Situation noch weniger angenehm. In meinem Tagebuch finde ich folgende Notizen über den Wind:

„Am Vormittag des 4. September hatten wir herrlich stilles Wetter, in der Nacht war ganz loser, leichter Schnee gefallen. Die Sonne schien auf die unendliche, einförmige Schneefläche herab, die sich mit kaum merklicher Steigung vor uns ausbreitete wie ein einziger weißer, diamantenbesäeter Teppich, fein und weich wie Daunen, in schwachen, fast unsichtbaren Wellen. Aber am Nachmittage veränderte sich die Landschaft bedeutend; von Nordwest (rechtweisend) blies ein schneidender Wind, er peitschte den frischgefallenen Schnee vor sich her und verwandelte das Ganze in eine einzige Schneewolke. Der Himmel bezog sich und es wurde kälter und kälter. Das Thermometer sank auf -19°. Der Wind nahm beständig an Stärke zu und ging bald in Sturm über, es war schwer, dem entgegenzuarbeiten, und man mußte vorsichtig sein, um nicht zu erfrieren. Zuerst fror die Nase ab, das bemerkte ich jedoch früh genug, um sie durch Reiben mit Schnee zu retten. Jetzt glaubte ich außer Gefahr zu sein, da hatte ich ein merkwürdig kaltes Gefühl unter dem Kinn und bemerkte nun, daß die Halsparthie um den Kehlkopf herum steifgefroren und gefühllos war. Durch Reiben mit Schnee, und indem ich einige wollene Fausthandschuhe und andere Bekleidungsgegenstände um den Hals packte, half ich mir auch darüber hinweg. Aber nun kam das Schlimmste von allem. Der Wind drang durch die Kleider in die Magengegend, und ich empfand die heftigsten Schmerzen; ich legte einen Filzhut dorthin und rettete so auch diesen Theil meines Körpers. Mit Sverdrup sah es eine Weile beinahe ebenso schlimm aus; wie es den Andern, die hinter mir herkamen, erging, weiß ich nicht, ich vermuthe jedoch, daß es auch mit ihnen nicht viel besser aussah. Es war an jenem Abend noch angenehmer als gewöhnlich, ins Zelt zu kommen und unseren warmen Brei zu verzehren.

„Am nächsten Vormittag hatte der Wind sich gelegt, aber gegen Nachmittag brach abermals ein Sturm mit Schneegestöber aus Südwesten los. Es währte die ganze Nacht und nahm eine mehr und mehr südliche Richtung. Ich freute mich schon in dem Gedanken an einen guten Segelwind, als wir aber am nächsten Morgen (6. September) aufbrechen wollten, hatte der Wind sich dermaßen gelegt, daß ich es nicht der Mühe werth hielt, Segel aufzusetzen. Späterhin am Vormittage hob der Wind sich jedoch wieder, und um Mittag wehte es direkt aus Süden (rechtweisend). Ich hielt es deswegen für gerathen, die Segel zu hissen, da ich aber auf so einstimmigen Widerspruch bei den Gefährten stieß, die keine Lust hatten, in diesem Schneetreiben die Segel zu hissen und das mühsame Aneinanderfügen der Schlitten vorzunehmen, so unterließ ich es thörichterweise. Wir sollten es später bitter bereuen, denn je weiter wir kamen, desto mehr wehte der Wind von hinten, desto stärker wurde er. Er ging bald in einen vollständigen Schneesturm über, der nach Ost-Süd-Ost oder Osten umsprang, wir hatten ihn deshalb ganz direkt im Rücken, und er trieb sowohl uns als auch die Schlitten vorwärts. Da nun das Terrain auch merklich abfiel, ging es mit guter Fahrt westwärts. Das Schneegestöber nahm in dem Grade zu, daß Sverdrup und ich die Anderen in einer Entfernung von 20 Schritten nicht zu sehen vermochten, deswegen mußten wir häufig warten, um sie nicht zu verlieren. Als wir gegen acht Uhr des Abends Halt machten, war es keine Kleinigkeit, das Zelt in dem furchtbaren Sturm aufzuschlagen, und wehe dem Unglücklichen, der am Tage leicht gekleidet gewesen war, und der nun die Jacke auszog, um etwas mehr Unterzeug anzulegen! Der Sturm wehte den Schneestaub bis direkt auf die Haut durch alle Poren der wollenen Unterjacke und des Hemdes, es war, als stehe man ganz nackend da. Ich selber war nahe daran, mir bei dem Geschäft die linke Hand abfrieren zu lassen, und nur mit größter Beschwerde konnte ich mein Zeug wieder zuknöpfen. Aber auch diesmal gelang es uns, das Zelt aufzuschlagen; aus dem Kochen wurde an jenem Abend freilich nichts, es drang zu viel Schnee durch alle Oeffnungen hindurch; wir begnügten uns mit ein Paar Biskuits, ein wenig Leberpastete und Pemikan und freuten uns, in unsere Schlafsäcke kriechen und den Deckel über den Köpfen zuziehen zu können. Wir verzehrten dort unser Abendbrot und schliefen bald ein, dem Sturm die Herrschaft draußen überlassend. An jenem Tage waren wir ein gutes Stück weitergekommen, meiner Schätzung nach ungefähr 4 Meilen (es waren jedoch kaum mehr als 2½ Meilen).

„Der Sturm raste die ganze Nacht hindurch und sprang nach Osten um (rechtweisend). Gerade als ich am nächsten Morgen (7. September) erwachte, hörte ich, daß etwas sprang; es war eine der Pardunen an der östlichen Wand des Zeltes, auf die der Wind mit einer Gewalt stand, daß ich jeden Augenblick erwarten mußte, die Zeltwand auseinander platzen zu sehen.

„Mit Hülfe einiger aufeinander gestapelter Packsäcke halfen wir dem Schaden so gut wie möglich ab, ich fürchtete freilich noch immer, daß die Wand springen könne, und überlegte, was zu machen sei, wenn das Schneetreiben direkt zu uns ins Zelt hinein stände. Uns blieb in dem Falle wohl nichts anderes übrig, als uns gut in die Säcke zu verkriechen und uns einschneien zu lassen.

„Wir hofften, daß der Wind sich legen würde; inzwischen setzte ich Wasser auf und kochte Thee und Brei, was unseren hungrigen Magen sehr wohl that. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und ich glaubte, daß wir weiter ziehen könnten. Wir machten uns fertig, bereit, dem Unwetter zu trotzen, und gingen hinaus, um die Segel zu hissen; heute wollten wir nach Herzenslust segeln. Balto war zuerst reisefertig und kroch aus der Zeltthür heraus, was keine leichte Arbeit war, da sich während der Nacht eine Schneeschanze davor aufgethürmt hatte. Es währte nicht lange, so kam er wieder hereingesprungen, Gesicht und Kleider ganz voller Schnee, völlig außer Athem, — der Wind und das Schneegestöber hatten ihm so arg mitgespielt. Das erste, was er sagte, sobald er sich ein wenig verpustet hatte, waren die Worte: „Heute wird es nichts mit der Reise.“ Ich steckte den Kopf zur Thür hinaus und sah die Richtigkeit seiner Worte nur zu gut ein. Wir mußten bleiben, wo wir waren, aber das Zelt mußte gestützt und Speisen aus den Schlitten ins Zelt hineingeholt werden, ehe wir ganz einschneiten. Balto und Kristiansen sollten diese Arbeiten übernehmen. Sie packten sich extra ein und banden alle Kleidungsstücke, wo es sich nur machen ließ, fest zusammen, damit der Schnee nicht durchdringen sollte. Balto war zuerst damit fertig, und ich sah ihm durch die Zeltöffnung nach, aber er hatte nur wenige Schritte gemacht, als das Schneetreiben ihn meinen Blicken entzog. Die Schlitten waren fast ganz verschwunden, er mußte eine ganze Zeit darnach suchen, bis er sie fand, und es war keine Kleinigkeit, bis zu den Speisen durchzudringen, deren wir bedurften. Als Kristiansen aus dem Zelt heraus wollte, um an der Windseite mehrere Sturmpardunen zu befestigen, erfaßte ihn der Wind derartig, daß er auf allen Vieren kriechen mußte. Trotz aller Hindernisse kam doch allmählich alles einigermaßen in Ordnung. Mit Hülfe von Schneeschuhen wurde die Zeltwand auf der Innenseite die Kreuz und die Quer gestützt, und unter der Dachfirststange wurden die Skierstäbe zur Verstärkung angebracht. Wir konnten jetzt einigermaßen sicher sein, daß es halten würde. Alsdann wurden alle Oeffnungen und Spalten, so gut es ging, mit Reservekleidern und dergleichen zugestopft, — ganz dicht bekamen wir das Zelt jedoch niemals, nach und nach sammelten sich große Schneehaufen bei uns an, und der Raum, der an und für sich klein genug war, wurde immer beengter, theils infolge des eindringenden Schnees, theils auch durch die Schneemassen, die das Zelt von außen beschwerten. Wir hatten es aber trotzdem ganz warm und gut. Der Schnee, der sich an der Außenseite anhäufte und das Zelt allmählich begrub, wärmte sehr und schützte gegen den Wind. Gleich nach Mittag ließ der Wind plötzlich nach, es war, als habe man ihn mit einem Schlage abgeschnitten, — nun trat eine völlige Windstille ein.

„Es war ein ungemüthliches Schweigen, wußten wir doch Alle, daß der Sturm im nächsten Augenblick von der entgegengesetzten Seite mit erneuter Kraft losbrechen würde. Wir hatten ein Gefühl, wie man es an Bord eines Schiffes hat, wenn inmitten eines Orkans plötzlich die wohlbekannte Todtenstille eintritt. Wir lauschten mit gespannter Erwartung; eine Weile blieb alles ruhig. Einige von uns meinten, daß es doch möglicherweise vorbei sei. Aber nun kam ein schwacher Windstoß aus Nordwest (rechtweisend) gerade auf die Zeltwand los, in der sich die Thür befand, dann fuhr ein Windstoß nach dem andern mit immer zunehmender Gewalt über uns hin, und ein förmlicher Orkan, weit schlimmer als alles, was wir bisher erlebt hatten, brach los, gerade auf die Zeltthür stehend und die ganze Luft drinnen bei uns mit Schnee füllend, der durch alle Spalten und Oeffnungen eindrang. Balto, der den Augenblick benutzen sollte, war gerade draußen, um den Kochapparat mit Schnee zu füllen, und nur mit genauer Noth fand er sich zu uns zurück.

„Jetzt war guter Rath theuer. Die Wand, in der sich die Thür befand, war die schwächste von allen, und deshalb sorgten wir stets angelegentlich dafür, sie vom Winde abzuwenden. Mit Hülfe von Schneeschuhen, Skistäben, Indianertrugern und Wollzeug wurde die Wand einigermaßen stark und die Thüröffnung so ziemlich dicht gemacht, daß es auszuhalten war. Aber wir saßen nun doch faktisch da wie Mäuse in einer Falle. Alle Oeffnungen waren geschlossen, hinaus konnten wir nicht kommen, so gern wir es auch gewollt hätten.

„Wir machten uns das Leben nun so angenehm wie möglich, kochten Kaffee, was, wie oben erwähnt wurde, für den täglichen Gebrauch abgeschafft war, und krochen in unsere Schlafsäcke. Die Raucher erhielten zum Trost für das Unwetter eine Pfeife Tabak.

„Nur Ravna war trotz des Kaffees die ganze Zeit untröstlich. Ich suchte ihn zu trösten, er aber erwiderte: „Ich alter Berglappe weiß sehr wohl, daß ein Schneesturm, der im September kommt, sehr lange anhält,“ und dabei blieb er trotz aller Vorstellungen.

Als wir am nächsten Morgen (den 8. Septbr.) erwachten, hatte der Wind sich soweit gelegt, daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Es war aber keine leichte Sache, hinauszukommen, wir mußten uns aus dem Schnee herausgraben, denn das Zelt war dermaßen eingeschneit, daß nur der First herausguckte. Die Schlitten konnten wir anfänglich gar nicht entdecken, und es kostete große Anstrengungen, bis wir sie ausgegraben hatten und soweit in Ordnung waren, daß wir weiterziehen konnten. Das Terrain war schwieriger denn je.“

Diese Gefangenschaft im Zelt beschreibt Balto folgendermaßen:

„Eines Tages bekamen wir ein ganz schreckliches Wetter mit Schneetreiben und Sturm. Trotzdem zogen wir bis zum Abend weiter. Im Anfang blies der Sturm aus dem Norden (soll Süden heißen), nachher wurde es aber Ostwind. Am Morgen, als wir Kaffee gekocht hatten, wollte ein Mann hinaus, um etwas zu holen, als er jedoch die Zeltthür öffnete, fuhr er wieder zurück, das Wetter draußen war so schrecklich, daß es eine Unmöglichkeit war, hinaus zu kommen. Ich nahm ein Tuch über den Kopf, so daß ich nur ein wenig mit den Augen hindurchgucken konnte, und wagte mich hinaus. Ich entfernte mich einige Schritte von dem Zelt, um nach den Schlitten zu sehen, aber ich konnte nicht einen einzigen Schlitten entdecken; sie waren alle vom Schneesturm begraben. Auch das Zelt konnte ich nicht mehr sehen, weswegen ich anfing, laut zu rufen, und erst als sie mir vom Zelte her antworteten, konnte ich den Weg zurückfinden. Auch das Zelt war vollständig im Schnee begraben. Am nächsten Tage hatten wir gutes Wetter und gingen nun mit aller Macht daran, unsere Sachen wieder aus dem Schnee herauszugraben.“

Das tägliche Leben ging in dieser Zeit seinen regelmäßigen Gang und zeichnete sich nur durch seinen Mangel an bemerkenswerthen Ereignissen aus.

Das Unangenehmste am ganzen Tage war, des Morgens eine Stunde vor den Anderen aufstehen zu müssen, um Koch zu sein. Wenn man erwachte, fand man den Kopf drinnen im Schlafsack gewöhnlich vollständig von Eis und Reif umgeben; es war der Athem, der gefroren war und sich in den Haaren und auf der Haut festgesetzt hatte. Wenn man dann den Schlaf aus den Augen gerieben und sich im Sack aufgerichtet hatte, saß man in einem Raum, dessen Temperatur ungefähr −40° betrug, und wo an allen Wänden, mit Ausnahme derjenigen, auf die der Wind stand, zolllange Reiffrangen hingen. Stieß man ungeschickterweise an eine der Wände, so bekam man ein wenig angenehmes Morgenbad aus Reif. Dann sollte der Kochapparat angezündet werden; allein das Berühren des Metalls war höchst unangenehm bei der herrschenden Temperatur, und nicht besser war es, die Lampe zu füllen und die Dochte in Ordnung zu bringen; denn wenn sie gut brennen sollten, mußte man sie mit Spiritus anfeuchten, den man dabei auf die Finger bekam, und das konnte bei der starken Kälte große Schmerzen verursachen. Um die Dochte trocken zu halten und diesen Uebelstand dadurch, soweit es ging, zu vermeiden, pflegte ich sie in der Hosentasche mit mir herumzutragen.

Breitenmessungen und Mahlzeit auf dem Inlandseise. (Von E. Nielsen nach einer Photographie.)

Nachdem man dann angeheizt und das Kochgeschirr aufgesetzt hatte, mußten die Flammen genau beobachtet werden, denn wenn sie zu stark brannten, so daß der Spiritusbehälter warm wurde, konnte leicht eine Explosion stattfinden. War diese Gefahr im Anzuge, so wurde der Behälter mit Schnee abgekühlt. Zu niedrig durften die Flammen jedoch auch nicht brennen, denn dann dauerte es zu lange, bis man fertig war. Wenn endlich der Thee oder die Schokolade kochte, wurden Alle zum Frühstück geweckt, das wir im Schlafsack zu verzehren pflegten. Wenn das Frühstück verzehrt war, galt es, sich so schnell wie möglich zum Aufbruch bereit zu machen; die Schlittenschienen wurden an der Unterseite sorgfältig abgekratzt, die Bagage verstaut und gehörig festgeschnürt und das Zelt abgebrochen. Zuweilen stellten wir auch am Morgen einige Observationen mit dem Kochbarometer an, ehe wir unser Lager aufhoben.

Wenn dies alles besorgt war, zogen wir von dannen, aber schon nach Verlauf von wenigen Stunden wurde Halt gemacht, um eine Tafel Fleischpulverschokolade einzunehmen, dann ging es einige Stunden rastlos weiter bis zur Mittagsmahlzeit, die wir auf den Schlitten sitzend und so schnell wie möglich verzehrten. Nach einigen Stunden gab es abermals eine Tafel Fleischpulverschokolade pro Mann. Wiederum nach Verlauf von zwei Stunden wurde das Vesperbrod, das sog. „Nonsmad“ eingenommen. Dann zogen wir weiter bis zum Abend und machten inzwischen nur eine kleine Rast, um eine Tafel Schokolade zu genießen.

Bei der strengen Kälte war es oft keine Kleinigkeit, am Tage die astronomischen Beobachtungen zu machen. Es war sehr schwierig, die feinen Instrumente mit den dicken Fausthandschuhen zu hantiren; wenn die Observationen recht genau gemacht werden sollten, mußte dies mit bloßen Händen geschehen, da mußte man aber natürlich sorgfältig acht geben, daß die Finger nicht am Metall hängen blieben. Trotz alledem wurden unsere Beobachtungen mit dem Sextant wie mit dem Theodolith so genau gemacht, wie dies mit so kleinen Instrumenten nur möglich ist. Einen Sextant und einen künstlichen Horizont im Schneegestöber zu handhaben, war fast eine Unmöglichkeit, denn der Schnee lagerte sich derartig auf dem Dach des Horizonts, daß man seine Observationen, wenn überhaupt etwas daraus werden sollte, sehr schnell machen mußte. Wenn es zu schlimm war, mußte man seine Zuflucht zum Theodolith nehmen, die Benutzung desselben war jedoch mit nicht weniger Beschwerden verbunden; die Observationen wurden freilich eben so genau.

Wenn wir unsere Abendrast machten, gingen fast alle Mann sofort daran, den Zeltplatz zu fegen, das Zelt zu errichten, es zu stützen und die Wände auf der Windseite mit Persennings zu versichern. Ravnas Arbeit am Abend — und ich glaube, es war die einzige Arbeit, die er außer dem Ziehen seines Schlittens auf der ganzen Wanderung zu verrichten hatte — bestand darin, die Kochgefäße mit Schnee zu füllen. Als alter Berglappe, der sich den ganzen Winter hindurch des Schnees statt des Wassers zum Kochen bedient, hatte er natürlich einen guten Blick dafür, welcher Schnee am besten schmolz. Sobald wir Halt machten, nahm er stillschweigend den Kochapparat, grub sich ein Loch in den Schnee bis zu dem alten Schnee hinab, der bekanntlich beim Schmelzen weit mehr Wasser ergiebt als der frischgefallene. Sobald Ravna damit fertig war, trug er den Kochapparat nach dem Zelt, und wenn dies schon aufgeschlagen war, so setzte er sich mit gekreuzten Beinen hin, um sich nicht wieder zu erheben, bis die Abendmahlzeit vertheilt wurde. Erst nachdem ich ihn viele Abende hintereinander dazu aufgefordert hatte, verrichtete er diese seine einzige Arbeit, ohne dazu ermahnt zu werden, damit hielt er dann aber seine Mission auf dieser Welt für mehr als erfüllt.

Der Abend im Zelt. (Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)

Die Abendstunden im Zelt, wenn alle Mann auf ihren Kleidersäcken Platz genommen hatten, nachdem sie sich sorgfältig von Schnee gereinigt, um ihn nicht mit in das Zelt zu bringen, waren ohne Frage die Glanzpunkte unseres Lebens in dieser Zeit. Der Tag mochte noch so hart, die Arbeit noch so ermüdend und das Wetter noch so kalt gewesen sein, so war doch, sobald wir um unsern Kochapparat herumsaßen, zu den schwachen Lichtstreifen hinabstarrten, welche die Spiritusflammen durch die Löcher im Lampenraum warfen, und auf unser Abendessen warteten,

„— — alles vergessen, das Schlimme vorüber,
Uns war das Zelt ein Marmorschloß — —“.

Und wenn dann die Suppe, der Brei, oder was es nun sein mochte, gekocht war und wir die Rationen vertheilt hatten und der kleine Stummel Licht, den wir besaßen, angezündet wurde, damit wir beim Essen sehen konnten, ja dann hatte unser Glück seinen Höhepunkt erreicht.

Nach beendeter Abendmahlzeit wurden allerlei Vorbereitungen für den kommenden Morgen getroffen, wir füllten die Kochgefäße mit Schnee, damit sie am Morgen nur übers Feuer gesetzt zu werden brauchten, zerkrümelten die Schokolade, um sie gleich ins Wasser schütten zu können etc. Wenn dies gethan war, krochen wir in unsere Säcke, schlossen sie so gut wie möglich und schliefen so fest, wie es nur in dem besten europäischen Bette möglich ist.

Die Mahlzeiten waren für uns natürlich der Mittelpunkt des Daseins. Wenn wir uns irgend etwas Schönes wünschten oder dachten, so war es stets reichliches Essen in der einen oder der anderen Form; besonders um das Fett drehten sich unsere Gedanken; wie bereits mitgetheilt, hatten wir zu wenig davon mitgenommen, und dieses Entbehren brachte uns schließlich so weit, daß wir an einem förmlichen Heißhunger auf Fett litten.

Ich wog jede Woche ¼ kg Butter pro Mann ab, und so lange diese Ration währte, war es eine wahre Wonne für uns, in großen Klumpen davon zu essen, ohne etwas anderes dazu zu genießen. Für Einzelne von uns war dieser Genuß stets nur von kurzer Dauer; Kristiansen war der Schlimmste in dieser Beziehung. Er verzehrte die ganze Ration am ersten Tage, was sehr wenig haushälterisch war. Der Fetthunger ging sogar so weit, daß Sverdrup mich eines Tages fragte, ob ich glaube, daß es ihm schaden könne, wenn er die Stiefelschmiere austränke, die aus altem gekochten Leinöl bestand.

In der Regel wurden selbstverständlich die Rationen für jeden Mann sorgfältig abgewogen. Diese Rationen mußten meiner Berechnung nach durchaus genügend sein — sie beliefen sich auf ungefähr 1 Kilogramm Speisen pro Mann. Als wir uns der Westküste näherten, stellte ich es den Gefährten indessen frei, so viel von dem gedörrten Fleisch zu essen, wie sie wollten, da wir einen Ueberfluß davon hatten. Merkwürdigerweise aber hatte trotzdem Niemand von uns das Gefühl, je satt zu werden. Balto wurde nach seiner Rückkehr gefragt, ob er jemals satt geworden sei. „Nein, ich war kein einziges Mal satt,“ erwiderte er. „Erinnerst du dich noch, Sverdrup,“ wandte er sich an diesen, der neben ihm stand, „wie wir die Festmahlzeit auf dem Inlandseis hielten und doppelte Rationen vertheilt wurden, und wie ich da nach dem Essen zu dir sagte: „Bist du satt, Sverdrup?“ und du mir antwortetest: „Ich bin hungrig wie ein Wolf!“

Das Abwägen der Rationen auf dem Inlandseise.
(Nach einer Photographie.)

Unser Speisezettel für den Tag lautete:

Frühstück: Schokolade, in Wasser gekocht (als die Schokolade verbraucht war, nahmen wir statt dessen Thee mit Zucker), Fleischbiskuits, Knäckebrot, ein wenig Leberpastete, Pemikan.

Mittagessen: Knäckebrot, ein wenig Leberpastete, Pemikan. Dessert: 2 Haferkakes, ein wenig Citronensaft und Zucker, um den Schnee damit anzufeuchten.

Vesperbrot: Knäckebrot oder Fleischbiskuits, ein wenig Leberpastete, Pemikan.

Abendbrot: Erbsensuppe (oder Bohnen- oder Linsensuppe), Fleischbiskuits, Pemikan. Statt der Suppe wurde zuweilen ein Brei aus Pemikan und Erbswurst gekocht, häufig fügten wir auch einige Fleischbiskuits hinzu, wodurch das Gericht sehr an Wohlgeschmack gewann. Zuweilen genossen wir statt Suppe auch Thee.

Außerdem erhielten wir, wie bereits erwähnt, jede Woche unser halbes Pfund Butter, davon konnten wir nach Belieben zu jeder Mahlzeit essen. Am liebsten aßen wir die Butter mitten am Tage, da wir der Ansicht waren, daß sie, allein genossen, den Durst löschte, was vielleicht eine einzig dastehende Erfahrung ist, wenn man bedenkt, daß die Butter gesalzen war.

Unsere Bereitung des Essens war nicht von der zierlichsten Art, und die Art und Weise des Kochens war höchst eigenthümlich. Wie bereits erwähnt, hatten wir keinen Ueberfluß an Wasser, infolgedessen hatten wir nichts, worin die Kochgefäße ausgewaschen werden konnten — es wäre dies bei der Kälte auch eine wenig angenehme Arbeit gewesen. Wenn wir am Abend Erbsensuppe oder unsern Brei gekocht hatten, wurde das Gefäß als besondere Vergünstigung einem der Gefährten, der beim Kochen behülflich gewesen war, übergeben, damit er es reinigen sollte. Balto pflegte der Glückliche zu sein, dem diese Arbeit zufiel, und er führte sie aus, indem er das ganze Kochgefäß so rein ausleckte, wie sich dies mit Zunge und Fingern bewerkstelligen ließ; dies will nun freilich nicht viel sagen, da das Gefäß sehr tief und im Boden so eng war, daß man nicht gut mit der Hand hinuntergelangen konnte. In einem solchen Geschirr wurde dann am nächsten Morgen die Schokolade oder der Thee gekocht, und wenn es dann geleert war, konnte man zuweilen auf dem Grunde einen wunderlichen Bodensatz finden, der aus allen möglichen Ueberresten unserer Breispeise oder Erbsensuppe in lieblichem Verein mit halbaufgelöster Schokolade oder Theeblättern bestand. Daß dies verzehrt wurde und dem glücklichen Finder vorzüglich mundete, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Wenn der Abend kam, wurde dann wieder Suppe, oder was es nun sein mochte, mit den Ueberresten der Schokolade zusammengekocht. Hierüber wird wohl manche Hausfrau die Nase rümpfen, ich kann diese hochverehrten Damen aber versichern, daß sie nie in ihrem Leben mit all’ ihrer Reinlichkeit Speisen bereitet haben, die so gut schmeckten, wie uns unser selbstgekochtes Essen mundete.

Fast ebenso hoch wie die Butter wurde im Innern Grönlands der Tabak geschätzt, — ich entsinne mich, daß für eine kleine Pfeife eine Krone geboten wurde. Wie bereits erwähnt, hatte ich keinen großen Vorrath an Tabak mitgenommen, weil ich das Rauchen bei so starken Anstrengungen für schädlich halte. Die Pfeife, die man am Sonntag erhielt, mußte lange herhalten. Erst rauchte man den Tabak und dann sog man so lange wie möglich auf der Asche und dem Holz des Pfeifenkopfes. Aber es hielt doch nicht für die ganze Woche vor, deswegen stopfte man getheertes Tauwerk in die Pfeifen und rauchte das. — Am schwersten wurde es Balto, den Tabak zu entbehren; wenn man ihm eine Pfeife versprach, konnte man alles von ihm erreichen. Kautabak hatten wir nicht mitgenommen, aber mehrere der Kameraden kauten statt dessen große Stücke getheerten Tauwerks. Weil ich glaubte, daß man möglicherweise dem brennenden Durst dadurch vorbeugen könne, versuchte ich es auch eines Tages, aber das Stück Tau kam schneller wieder aus dem Munde heraus, als es hineingekommen war.

Weit angenehmer fand ich es, während des Marsches auf Holzsplittern zu saugen; das hält bekanntlich den Mund feucht und löscht den Durst. Ich benutzte bisweilen ein Stück Bambusrohr, das beste war jedoch, sich einen Splitter von den norwegischen Trugern abzuschneiden, die zum Theil aus wildem Kirschbaum angefertigt waren; besonders die Borke dieses Holzes war vorzüglich, und sowohl Sverdrup wie ich arbeiteten dermaßen auf die Truger los, daß sie ziemlich dünn waren, als wir endlich die Westküste erreichten, — glücklicherweise war dies der einzige Gebrauch, den wir für die Truger hatten.