Am Morgen des 22. September vor dem Frühstück, während Balto Thee kochte, unternahmen Sverdrup und ich einen Rekognoszirungsausflug auf den südlich vom Zelt gelegenen Höhenrücken, der von bodenlosen, breiten Spalten quer durchschnitten war. Einmal fiel ich durch eine Schneebrücke, aber die Spalte war so schmal, daß ich an beiden Seiten Halt hatte und nach einigen Anstrengungen wieder in die Höhe kam.
Vom Gipfel des Bergrückens hatten wir eine prächtige Aussicht über das Eis rings umher. Es sah aus, als wäre es überall schwer fortzukommen, gespaltete Eisrücken zogen sich in westlicher Richtung bis an den Eis-Fjord Kangersunek, den wir jetzt dort vor uns liegen sahen, während wir früher im Zweifel waren, was für ein Thal oder ein Fjord es sei. Wir konnten uns jetzt gründlich orientiren und sahen ganz deutlich, daß wir eine ganze Meile nördlicher gekommen waren, als wir beabsichtigten. Um auf die leichteste Weise fortzukommen, mußten wir noch eine Weile in westlicher Richtung gegen den Fjord ziehen, und dann vielleicht ein wenig mehr gegen Süden.
Wir kehrten nach dem Zelt zurück, wo das Frühstück auf uns wartete. Nach dem Frühstück gingen Sverdrup und ich auf Schneeschuhen voran, um einen Weg zu suchen. Die Anderen sollten versuchen, uns mit den vier Schlitten, so weit sie konnten, zu folgen und an dem letzten Bergrücken, den wir zu sehen vermochten, Halt machen. Wir hielten nördlich von dem Terrain, in das wir gestern Abend hinabgestiegen waren, und da der Wind uns half, ging es in sausender Fahrt dahin auf unseren glatten Eichen-Skiern.
Wir kamen so weit, daß wir in den mit Gletschereis angefüllten Fjord hinabsehen konnten, und noch immer war das Terrain einigermaßen günstig. Dann aber begannen die Spalten wieder. Im Anfang liefen sie alle in paralleler Richtung, ohne sich zu schneiden, und wir kamen über eine ganze Anzahl glücklich hinweg. Dann aber gelangten wir an ein ganz unmögliches Terrain, wo breite bodenlose Spalten einander nach allen Richtungen hin schnitten. Das Eis ragte wie kleine viereckige Inseln zwischen den tiefblauen Abgründen empor. Ein mehr zerrissenes Eis ist wohl nirgends zu finden. Es lag klar auf der Hand, daß wir hier nicht weiter kommen konnten. Wir krochen in den Schutz einer zugefrorenen Spalte und nahmen unsere Mittagsmahlzeit ein, während die Sonne ihr Bestes that, um uns unser Daheim so angenehm wie möglich zu machen.
Auf dem Rückweg fiel ich mit beiden Schneeschuhen in eine Spalte und blieb unter den Armen hängen. Es sah nicht gerade gemüthlich aus, denn obwohl die Spalte nur schmal war, machte es mir doch große Mühe, mich mit den Schneeschuhen auf den glatten Eisrand wieder in die Höhe zu arbeiten, und ich war ganz allein; Sverdrup war vorausgelaufen und ahnte nichts von meiner unbequemen Lage. Nach ein wenig Zappeln kam ich glücklich wieder in die Höhe. Merkwürdigerweise versanken wir niemals tiefer als bis an die Arme.
Wir waren nicht weit zurückgegangen, als ich nördlich von uns auf dem Höhenrücken, den wir den Gefährten angewiesen hatten, das braune Zelt erblickte. Sie waren ungefähr vor einer halben Stunde angekommen und hatten nun den Kaffeekessel „in Schwung“ gesetzt. Wir waren ja jetzt in der Nähe der Westküste, da wurde es mit dem Kaffeeverbot nicht so genau genommen. Es währte indessen eine ganze Weile, bis der Kaffee fertig war, was uns nicht weiter unangenehm war, da uns eine kleine Ruhe nach unserer Skitour sehr wohl that. Als der Kaffee getrunken war, brachen wir das Zelt ab und richteten den Kurs gen Süden, um südlich von dem Eisstrom zu gelangen, der sich in den Fjord hineinschiebt, und in den wir hineingerathen waren. Das Eis war im Anfang gut, und es ging schnell vorwärts, obwohl der Wind hin und wieder Anstrengungen machte, die Schlitten nach der Seite herumzudrehen. Gegen Abend, als es bereits zu dämmern begann, kamen wir indessen an einen Rücken mit schlimm zerklüftetem Eis. Hier mußten wir eine kleine Rekognoszirung vornehmen, ehe wir weiter gingen, deswegen blieb uns nichts übrig, als das Zelt aufzuschlagen und bis zum nächsten Tage zu warten. Während das Abendessen bereitet wurde, unternahmen Sverdrup und ich einen kleinen Ausflug. Das Eis war ganz abscheulich, noch schlimmer als am vorhergehenden Abend, aber man konnte doch bei einiger Vorsicht ziemlich vorwärtskommen, und der Rücken war glücklicherweise nicht sehr breit.
Am folgenden Morgen (23. September) unternahm Sverdrup noch eine Rekognoszirungstour und kehrte mit verhältnißmäßig befriedigenden Nachrichten zurück. Das Eis war nicht so schlimm, wie es uns auf den ersten Blick erschienen war. Es war sogar möglich, die Schlitten hinüberzubefördern, ohne sie zu tragen, wenn wir uns zu je Dreien um einen Schlitten vereinigten.
So wurde denn das Lager abgebrochen, und wir begannen die mühsamste Eiswanderung, die wir überhaupt gehabt hatten. An vielen Stellen mußten die Schlitten über die steilen, hohen Eisrücken hinüber gehoben werden. Ging es bergab, so mußte der Unglückliche, der hinterher ging, aus allen Kräften zurückhalten, sonst glitt er aus und stürzte mitsamt dem Schlitten den Vorangehenden auf die Hacken und das ganze Gefährt sauste bergab. An mehreren Stellen hatten wir das Glück, zugefrorene Bäche zu finden, die ganz gute, freilich ein wenig gewundene Wege zwischen den hohen und scharfen Eisrücken mit oft lothrechten Wänden bildeten. Auf einer Stelle mußten wir durch eine Schlucht, die gerade breit genug war, um uns hindurch zu lassen. Den Boden dieser Schlucht füllte ein Bach aus, der nicht ganz zugefroren, und dessen Wasser uns fast bis an die Knie reichte.
Endlich, im Laufe des Nachmittags, hatten wir das schlimmste Eis hinter uns. Jeder konnte nun wieder seinen eigenen Schlitten ziehen. Das Eis war jetzt erträglich und wurde allmählich immer besser, aber der Wind war schlimm und riß die Schlitten immer nach der Seite herum. Als wir eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, entdeckte ich auf dem Eis eine Moräne, die sich in östlicher Richtung von dem bloßen Lande aufwärts zog. Diese Moräne mußte meiner Ansicht nach auf der Grenze zwischen zwei Eisströmen liegen, um so mehr, als sie sich in einer Senkung befand, und da ich nicht geneigt war, in eine neue Eisströmung hineinzugerathen, beschloß ich diesseits der Moräne das bloße Land zu erreichen. Wir machten Halt, schlugen unser Zelt auf und entsandten Balto, um Wasser für unsern Kaffee herbeizuschaffen, während Sverdrup und ich eine Entdeckungsreise in der Richtung auf das Land zu antraten, um zu sehen, ob das Eis einigermaßen gangbar sei. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir uns klar darüber waren, daß wir hier hinabgelangen konnten. Es hatte den Anschein, als ob wir uns auf der Südseite des Eisstroms befänden, der sich in den Godthaab-Fjord hineinschob, denn die Eisfläche senkte sich nach Süden oder vielmehr nach dem Lande zu, das wir vor uns hatten. Wir kehrten mit dieser tröstlichen Nachricht zurück, und der Kaffee wurde in heiterster Stimmung eingenommen. Die Aussicht, abermals bloßes Land unter den Füßen zu haben, war jetzt nicht mehr fern, und konnte uns wohl fröhlich stimmen. So schnell wie möglich brachen wir wieder auf, und jetzt, wo wir den Wind im Rücken hatten, ging es leicht über das verhältnißmäßig ebene Eis hinweg, dessen Senkung stellenweise ganz beträchtlich war. Unsere Hoffnung, schon an diesem Abend das Land zu erreichen, wurde getäuscht, es fing bald an dunkel zu werden, und wir mußten Halt machen. Wir waren jedoch zufrieden mit unserm Tagewerk, denn wir waren weiter gekommen, als wir am Morgen erwartet hatten.
Am nächsten Morgen (24. September) rückten wir früh aus und begannen unsere Wanderung mit dem festen Vorsatz, das Land noch am selben Tage zu erreichen. Es ging schnell vorwärts, die Senkung war theilweise ganz beträchtlich und half uns gut. Auch der Wind begünstigte uns, das Eis war gut, und alles ging nach Wunsch. Als wir eine Strecke hinabgekommen waren, mußten wir eine Rekognoszirung vornehmen, da das Eis etwas unebener wurde. Ich begab mich bergab und war noch nicht weit gegangen, als ich mich auf einem Eisabhang befand, der gegen einen kleinen, felsumgebenen See abfiel, dessen mir entgegengesetzte Seite sich in eine bachdurchströmte Felskluft öffnete. Gerade unter mir ging das Eis ganz eben in Steingeröll über. Hier war leicht vorwärts zu kommen, und das Eis war den ganzen Weg entlang gut. Es währte nicht lange, so befanden sich alle Mann auf dem Eisabhang und genossen den Anblick des nahe gelegenen Landes. Nachdem ich einige photographische Aufnahmen gemacht hatte, setzten wir uns in Bewegung, über die letzte Senkung hinweg. Sie war sehr steil, die steilste, die uns bisher vorgekommen war, es galt tüchtig gegenzuhalten, aber es ging munter vorwärts, und bald waren wir unten auf dem See unter dem Gletscher, — das Inlandseis lag für immer hinter uns!
Wir richteten den Kurs quer über den See nach der anderen Seite hinüber; hier war das Eis jedoch nicht ganz sicher. Nur mit größter Vorsicht gelangten wir ohne ein kaltes Bad bis an die Steine, schnallten die Steigeisen, die wir die letzten Tage benützt hatten, ab und sprangen nun leicht wie die Rennthiere über das Land dahin. Worte vermögen es nicht zu beschreiben, was es für uns Alle war, endlich einmal wieder Erde und Steine unter den Füßen zu fühlen! Eine wahre Wonne durchrieselte uns, als wir mit unseren Füßen das Heidekraut berührten und der würzige Duft von Gras und Moos uns in die Nase stieg. Hinter uns lag das Inlandseis, sich in einer langen, kalten und grauen Abschrägung nach dem See zu senkend, vor uns aber weideten wir uns an dem Anblick des bloßen Landes. Durch das Thal hindurch erblickten wir einen Hügelrücken nach dem andern, die sich wie Woge auf Woge am Horizont erhoben. Hier mußten wir weiterziehen; dieser Weg führte uns an den Fjord.
Auch Ravnas Antlitz strahlte endlich einmal. Der arme Bursche hatte manch’ liebes Mal die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder festen Grund unter den Füßen zu fühlen. Er und Balto hatten, als sie ihre Schlitten los waren, nichts Eiligeres zu thun, als spornstreichs in die Berge hinauf zu klettern, ganz wie damals, als wir auf der Ostküste ans Land gelangten.
Jetzt war es aber höchste Zeit geworden, an unser Mittagessen zu denken; selbst das überströmendste Gefühl, das Ziel erreicht zu haben, vermag nicht die materiellen Bedürfnisse zu übertäuben, — im Gegentheil, das Gefühl, eine Schwierigkeit überwunden zu haben, erhöht den materiellen Genuß.
Als wir endlich mit dem Mittagessen fertig waren, machten wir uns schnell daran, unsere Bündel zum Herabsteigen zu schnüren. Es galt, so viel wie möglich von dem Nothwendigsten mitzunehmen, aber auch nicht zu viel, da eine zu schwere Last unsere Wanderung verzögern würde, und wir gern so schnell als möglich zwei Mann nach Godthaab entsenden wollten.
Um für etwa eintretende Fälle gleich ein wenig Material zum Bootsbau bei der Hand zu haben, nahmen wir einige Bambusstangen mit und beschlossen während des Bootsbaus weitere zu holen. Die Sachen, die wir nicht mitbringen konnten, wurden oben auf die Schlitten gelegt und gut mit Persennings zugedeckt. Als dies geschehen war, waren wir endlich am Nachmittag fertig, in das Thal hinabzuziehen.
Bei dieser Gelegenheit wurde es uns erst so recht klar, welche Kraft in dem kleinen Ravna wohnte. Er hatte während der Wanderung über das Inlandseis am wenigsten von uns Allen gezogen, da er stets darüber klagte, daß es für ihn alten Mann zu schwer sei; er blieb auch oft zurück. Jetzt hatte ich das Nothwendigste, was wir mitnehmen wollten und was wir bewältigen zu können glaubten, in sechs Haufen vertheilt. Wie wunderte ich mich, als ich sah, daß Ravna außer seinem Theil noch seinen Kleidersack mit allerlei Reservezeug und dergl. auf den Rücken nahm. Ich sagte ihm, das würde zu viel, ich wollte nicht, daß er sich überanstrenge; er aber erwiderte, er könne sich nicht von seinem Kleidersack trennen, in dem er sein Neues Testament habe, er würde schon damit fertig werden. Und mit seiner schweren Bürde, unter welcher er selbst fast verschwand, machte er sich auf den Weg und hielt fortdauernd Schritt mit uns. Er meinte wohl, daß nun kein Grund mehr vorhanden sei, mit seinen Kräften zu sparen, und wollte uns scheinbar zeigen, was er vermochte, und Balto hatte ganz recht, wenn er voller Bewunderung sagte: „Ravna, der Kerl hat, weiß Gott, Kräfte“.
Das Terrain fiel an manchen Stellen steil ab, der Weg führte über Steingeröll und Sümpfe, unsere Lasten waren schwer, und es war kein Wunder, wenn es nicht so schnell vorwärts ging. Mehrmals während unserer Wanderung sagte Ravna ganz begeistert zu mir: „Hier riecht es gut, genau so, wie auf den Bergen in Finnmarken, wo gute Rennthierweide ist.“ Und er hatte recht, es roch sowohl nach Berggras wie nach Rennthiermoos; mit wahrer Wollust sogen wir die würzige Luft in langen Zügen ein. Gegen Abend gelangten wir an einen langen See (wir nannten ihn „Langvandet“), in den sich zu unserer Verwunderung von Westen her ein mächtiger Eisgletscher hineinschob; es war offenbar ein Ausläufer des Inlandseises, das sich an dem westlich von uns gelegenen Felsen vorüberdrängte.
Als wir eine Strecke über den See hingekommen waren auf sehr unsicherem Eise, wo wir mehrmals fast hineinfielen und nur mit Noth ans Land kamen, machten wir am Abend Halt an der Ostseite des Sees auf einem guten Zeltplatze. Zum erstenmal während unserer ganzen Expedition lagerten wir uns auf wirklich weichem Heidekraut. Voller Behagen streckten wir unsere Glieder aus, während die Bergluft über uns hinsäuselte, vermischt mit jenem eigenthümlich betäubenden Tannengeruch, der von einer eigenen Art Heidekraut herrührt, das in großen Mengen in Grönland wächst.
Während wir unser Abendessen im Zelt verzehrten, erhielt Ravna, der der Zeltöffnung zunächst saß, den Auftrag, ein Feuer aus Heidekraut vor dem Zelte anzuzünden. Das nöthige Brennmaterial war bereits gesammelt und wir meinten, daß der Anblick eines Feuers gemüthlich sein müsse. Aber Ravna schien dies nicht einsehen zu können, und mit der bekannten Trägheit des Berglappen hatte er sofort eine ganze Reihe von Einwänden bei der Hand. Nein, darin sei kein Sinn und Verstand, mit dem Brennmaterial wollten wir lieber morgen früh kochen. Ich erwiderte ihm, daß ringsherum Brennmaterial in Hülle und Fülle zu finden sei. Dann wandte er ein, daß er keine Baumrinde zum Anzünden habe, da aber lachten wir ihn aus, und sagten ihm, er würde, wenn er bis morgen früh wartete, nicht mehr Baumrinde haben wie jetzt. Er solle nun nur nicht viele Umstände machen, sondern gefälligst Feuer anlegen. So bequemte er sich denn endlich dazu, und es währte nicht lange, bis ein mächtig knisterndes Feuer vor dem Zelte aufflammte, Wärme und Licht in dem vorhin so dunklen Zeltraum verbreitete und eine Rembrandts Beleuchtung über die sitzenden Gestalten warf, die sich froh und beinahe satt aßen. Die Tassen wurden fleißig zu Munde geführt, man verzehrte ganz unglaubliche Quantitäten Suppe. Es war ein ganz ungewohnter Genuß für uns, so gut sehen zu können, was wir zu Munde führten, — es war keine unwillkommene Veränderung, nachdem wir so oft in rabenschwarzer Finsterniß hatten essen müssen.
Ich forderte Ravna mehrmals auf, wieder hereinzukommen, es sei nun nicht mehr nöthig, nach dem Feuer zu sehen, — es brenne gut genug, — aber nein! Jetzt war er nicht von dem Feuer fortzubekommen.
Nach dem Abendessen zündeten die rauchenden Mitglieder der Expedition sich eine mit Moos oder Gras gestopfte Pfeife an, und dann lagerte man sich mit den dampfenden Pfeifen um das wärmende Feuer herum, um sich so recht an dem Bewußtsein zu erquicken, daß das Inlandseis nun überwunden und das Ziel erreicht war.
Ich meinerseits lag auf dem Rücken da und freute mich über den fast schelmischen Ausdruck in Ravnas sonst so mürrischem Gesicht. Er lächelte fast ununterbrochen, und auf die Frage, ob ihm das Land gefiele und ob er die Bergluft merken könne, antwortete er voller Begeisterung, hier möchte er wohl wohnen. Ich fragte ihn nun allen Ernstes, ob er Lust habe, mit seinen Herden hierher zu ziehen. Er erwiderte, Lust habe er wohl, aber es würde ihm zu theuer. Als ich meinte, dann müsse der dänische oder der norwegische Staat ihn gratis hinüberbefördern, da sagte er, daß er sich keinen Augenblick bedenken würde. Hier sei Weide genug und wilde Rennthiere seien hier auch, er habe am Nachmittag Spuren davon gesehen. Hier würde er schnell reich werden. Die einzige Schwierigkeit würde das Brennmaterial im Winter verursachen, da müsse man es so machen, wie einige Lappen es in der Heimath gemacht hätten, — man müßte Torf für den Winter einsammeln. Der alte Ravna schloß seine Lobrede mit den Worten: „Ich mag die Westküste gern, hier ist ein guter Ort für einen alten Berglappen, es sind viele Rennthiere hier, es ist hier gleichsam wie auf den Gebirgen Finnmarkens.“
Es war eine herrliche Nacht mit einer eigenartig milden Luft. Eine weiche Stimmung macht uns schweigen, ein Gedanke folgt dem andern in die Ferne und verwebt sich mit den Strahlen des Mondes, der eben über dem Hügelrand heraufgestiegen ist, — bis das Ganze zu einem Gedankengewebe wird, dessen Fäden man nicht mehr zu entwirren vermag, da ein wohlthuender Halbschlummer sich auf die müden Lider lagert. Erst spät in der Nacht rafft man sich auf und kriecht in die Schlafsäcke. Sverdrup behauptet, nie im Leben einen so herrlichen Abend erlebt zu haben, wie diesen grönländischen Abend, in dem er an dem ersten Heidekrautfeuer lag und Moos rauchte, — und ich glaube, die Mehrzahl von uns wird darin mit ihm einig sein.
Am nächsten Morgen (25. Septbr.), ging es wieder von dannen, die Last auf dem Rücken. Am Ende des Sees angelangt, ruhten wir ein wenig aus und sahen einen Hasen, der herangesprungen kam und sich unter einen Felsblock setzte. Schnell holte ich die Büchse hervor und näherte mich ihm bis auf circa zweihundert Ellen und war wirklich so glücklich, ihn in dieser großen Entfernung todt zu schießen, unter lautem Jubelgeschrei der Kameraden, die in großer Spannung gewesen waren, ob sie zur Nachtkost frisches Fleisch bekommen würden oder nicht.
Nun setzten wir unsern Marsch durch ein zum Theil sehr enges Thal fort, wo wir viele steile Abhänge und unwegsame Moränen zu passiren hatten. Links von uns zog sich ein Arm des Inlandseises noch ein gutes Stück ins Thal hinab, hier unten aber wälzte es mächtige Moränen vor sich her und bildete stellenweise hohe Eiskegel und Blöcke, die indessen derartig mit Lehm und Steinen bedeckt waren, daß man sie nur schwer von dem bloßen Lande unterscheiden konnte.
Am Vormittag gelangten wir an eine steile Felsschlucht und hatten abermals ein Gewässer unter uns, in das sich von Osten her das Inlandseis hineinschob. Wir konnten hier weithin über das Eis schauen bis zu dem Nunatarsuk nördlich von Kangersunek, und der Punkt, zu dem Sverdrup und ich während unserer Ski-Tour am 21. September hinuntergelangt waren, lag nicht sehr fern. Der Bach, dessen Lauf wir bis dahin gefolgt waren, ergoß sich in einen Strom, der nicht weit von dem Felsabhang aus dem See kam, folglich stellte es sich heraus, daß die Karte, auf die wir uns verlassen hatten, ganz falsch war. Wir mußten noch über zwei Meilen bis zum Fjord haben, sahen also unsere Hoffnung, noch heute bis dahin zu gelangen, getäuscht.
Gegen Mittag kamen wir an einen See, der theilweise von flachen, breiten Ufern umgeben war, auf dem wir zahlreiche Gänsespuren und Gänseexkremente erblickten, woraus wir schlossen, daß dies ein beliebter Ruheplatz für den Schwarm wilder Gänse war, die speciell im Herbst, wenn das Wasser offen ist, an dem Strande des Inlandseises entlang ziehen.
In dem Lehm waren auch, wie überall auf unserem Wege, wo Spuren denkbar waren, Unmengen von Rennthierspuren, die zum Theil erst ein paar Tage alt zu sein schienen. Sämtlich gingen sie in der Richtung nach dem Fjord hinab. Ich strengte meine Augen an und ließ sie unermüdlich an den braunen Felswänden entlang schweifen, die uns von allen Seiten umschlossen, — aber es half mir nichts, keines der gehörnten Thiere ließ sich blicken. An der Südseite des Gewässers, dem wir den Namen „Gänseteich“ gaben, lagerten wir uns im hohen Heidekraut und ließen uns das Mittagessen schmecken. Es war ein prächtiger Tag, die Sonne schien warm, der Himmel wölbte sich klar und blau über uns, und ringsumher breitete sich die schönste Landschaft aus, die ein Jäger sich nur wünschen kann. Ein wenig früher im Jahre, wenn das Rennthier sich hier in Rudeln aufhält und die Wildgans um die Wette mit Enten, Schnepfen und anderen Wasservögeln, an denen Grönland ja so reich ist, schreit, — da muß es hier ein wahres Eldorado sein.
Am Abend schlugen wir unser Zelt auf einer Fläche bei einem kleinen Gewässer auf, das von den prächtigsten Rennthierweiden mit sanft abfallenden heidekrautbewachsenen braunen Abhängen umgeben war. Der am Morgen erlegte Hase wurde in einem Kessel gekocht, den wir aus einem Spiritusbehälter herstellten. Als das Gericht eben fertig war, fiel der Kochtopf ins Feuer, und alle Suppe ging verloren; der Hase aber wurde gerettet und vertheilt. Es kam auf den Mann zwar nur wenig von so einem Zwergthierchen, aber das Wenige, das wir erhielten, schmeckte dafür auch desto besser. Wir waren nicht mehr an frisches Fleisch gewöhnt, und es war auffallend leichter zu kauen, als der harte Pemikan, der für Jemand, dessen Zähne schlecht waren, kaum hinunterzubringen war. Aus dem Grunde suchten Sverdrup und ich, die in dieser Beziehung von der Natur am schlechtesten ausgerüstet waren, stets nach den Stücken, die ein wenig verschimmelt waren, denn diese ließen sich besser kauen. Das Feuer flammte lustig auf, die Erbsensuppe war warm und die Stimmung wenn möglich noch wärmer.
Am 26. September hatten wir endlich eine einigermaßen begründete Hoffnung, den Fjord zu erreichen. Wir gingen in dem Flußthal entlang und kamen theils über breite, sandige Bodenmoränen, theils über flache Sandebenen, in die sich der Fluß mit steilen Ufern tief hineingegraben hatte. Hier wuchsen mannshohe Weiden und Erlen. Das Laub der letzteren war noch grün, aber das der Weiden war bereits gelbbraun und welk, wahrscheinlich infolge von früheren Nachtfrösten, jetzt hatten wir freilich während des Tages 12° Wärme im Schatten, und die Nächte waren mild, wie die Septembernächte in der Heimath. Diese Ebenen sind auch der Quere nach von Flußbetten durchkreuzt, die sich in den weichen, sandigen Lehm eingegraben haben, und die uns, wenn ihre hohen Ufer mit Weidengebüsch bewachsen waren, viele Schwierigkeiten beim Ueberschreiten machten.
Das Thal, das wir jetzt durchschritten, war übrigens in geologischer Hinsicht hochinteressant. An einer Stelle tief unten hatte der Strom eine frische Schicht im sandigen Ufer aufgewühlt, und hier lagen Unmengen von leeren Blaumuscheln (Mytilus edulis) zwischen dem Sande. Diese Muschelschalen lassen keinen Zweifel über die Entstehungsart dieser großen Sandebenen aufkommen, die den Thalboden füllen. Früher ist hier ein Fjord gewesen; Lehm und Kies, von dem Gebirgsbach aus den Moränenbildungen des Inlandseises mit fortgeführt, haben sich auf dem Boden des Fjords gelagert und diesen allmählich mit einer horizontalen Lehmschicht angefüllt. Später hat das Land sich gehoben. Daß dies letztere wirklich der Fall ist, beweisen am sichersten die Schalen dieser Salzwassermuschel, die sich in einer Höhe von mehr als 20 m über dem Meere finden. Wie aber diese Hebung vor sich gegangen ist, ob sie ruckweise geschehen ist, wie ein bekannter norwegischer Geologe behauptet, oder ob sie sich ganz allmählich gebildet hat, wie man in jüngster Zeit anzunehmen geneigt ist, darüber läßt sich noch nichts mit Bestimmtheit sagen. Die meisten Umstände sprechen freilich für die letztere Annahme. Diese Lehmschichten oder Meeresanschwemmungen liegen allerdings in Terrassen, dies läßt sich aber dadurch erklären, daß der Bergstrom während einzelner Perioden mit starken Niederschlägen bedeutend größere Mengen festen Stoff mit sich geführt haben kann als während der dazwischenliegenden trockneren Zeiträume, wodurch eine solche Treppenbildung hat entstehen müssen. Je nachdem der Boden des Fjords über die Meeresfläche emporstieg und Terrassen bildete, grub sich der Bergstrom sein gewundenes Bett durch abgelagerten weichen Sand und durch Lehmschichten. Es ist leicht, diese Schichten aufzuwühlen und sie zu unterminiren, und so ist denn auch eine Sandmenge nach der anderen durch den Bergstrom fortgeführt und im Laufe der Jahre in den Fjord hinausgeschwemmt, um dort neue, ähnliche Ablagerungen zu bilden. Die Naturkräfte kommen hier niemals zur Ruhe, — gewaltige Kräfte sind hier in Bewegung gesetzt, einige graben nach bestem Vermögen Thäler und Fjorde aus, andere, oder vielmehr andere Formen derselben Kräfte thun das Ihre, um auszuebnen und auszufüllen, was früher ausgegraben wurde. Die Eisgletscher graben und scheuern die Thäler und Fjorde — diese wohlbekannten engen Eisfjorde mit den steilen, glatt abgeschliffenen Seiten — in den harten Gneisfelsen aus. Dieselben Eisströme schieben mächtige Dämme in Form von Moränen vor sich her. Wo die Strömung sich zurückzieht, bilden sich Wälle quer vor den Fjordmündungen und Thälern, welche die Rennthierjäger auf ihren Wanderungen durch das Thal hemmen. Aber unter den Gletschern kommen Flüsse hervor, und der Lehm und der Kies, der von dieser Gletschermilch mit fortgeführt wird, fällt schließlich auf den Boden eines der engen Eisfjorde und füllt denselben aus, so gut er kann, sowie wir es aus dem Trondhjemsör, Lärdalsör und vielen andere Werdern in der Heimath kennen, und noch heute bilden sie sich zu Hunderten an der grönländischen Küste.
Aus diesem Grunde ist das Studium der jetzigen Eisperiode Grönlands für den Naturforscher von so ungeheurer Bedeutung; dadurch werden viele Erscheinungen, die sonst für ihn unverständlich sein würden, in ein klares Licht gestellt. Er sieht hier ganz aus erster Hand die mächtigen Kräfte in voller Thätigkeit, von denen er sich sonst nur durch den Spiegel der Phantasie eine Vorstellung machen kann, oder die er im besten Fall an den kleinen Zwergerscheinungen studiren kann, die in Europa aus jenen Zeiten zurückgeblieben sind, als ganz Nordeuropa und die Alpen von ähnlichen Eisfeldern überschwemmt waren, wie jetzt das mächtige grönländische Hochland.
Tief unten im Thal mußten wir durch den Gebirgsbach waten, um weiter zu kommen. Eine Strecke weiter entdeckten wir zu unserem Aerger, daß auch an dem anderen Ufer des Baches kein Vorwärtskommen möglich war, und hier war der Bach zu tief, um zu waten. Wir mußten entweder zurück oder einen Versuch machen, über den westlich von uns gelegenen Bergrücken zu klettern. Während wir hierüber nachgrübelten, beschlossen wir unser Mittagessen einzunehmen.
Nach der Mahlzeit verschwand Balto, und es währte nicht lange, als ich ihn plötzlich oben auf dem Gipfel des Berges erblickte; er schwang triumphirend seine Mütze, jubelte und zeigte nach Westen. Offenbar konnte er den Fjord sehen. Nach einer Weile kam er zurück, und berichtete, daß er ein großes blaues Wasser gesehen habe, das wohl der Fjord sein müsse. Auf dem innersten Theile läge jedoch Eis. So schnell unsere Füße uns zu tragen vermochten, erklommen wir jetzt den Berg, wir sehnten uns Alle danach, die See zu sehen. Außerdem lockten die von Balto verheißenen Preißelbeeren uns ebensosehr, wie die zahllosen Fliegen hier unten uns den Aufenthalt im Thal unleidlich machten. Von dem Berge herab hatten wir die herrlichste Aussicht über das Thal, wo der Bach sich durch flache Sandebenen schlängelte und weiterhin auf den Fjord, der sich wie eine blaue Fläche bis an die hohen Felsen erstreckte, welche das Ganze einrahmten. Was Balto für Eis gehalten hatte, war eine Sandanschwemmung, die den inneren Theil des Fjords vollständig anfüllte.
Wir hatten jetzt nicht mehr weit bis zum Ziel. Groß war unsere Freude, als wir ein wenig weiter nach unten einige alte Spuren von grönländischen Kamiken im Sande am Ufer des Baches entdeckten. Wahrscheinlich stammten sie von einem Rennthierjäger her, der vor Monaten dies jetzt so menschenleere Land durchstreift hatte; der stark betretene Weg ließ deutlich erkennen, daß sich hier zu gewissen Jahreszeiten Unmengen von Rennthieren aufhielten. Dieses war die erste Spur menschlicher Wesen an der Westküste mit Ausnahme einiger Exkremente, die nach Baltos Ansicht von einem Menschen oder einem Bären stammen mußten.
Nachdem wir noch einen mit Weidengesträuch bewachsenen Berg erklommen hatten, lag endlich der Fjord vor uns. Bis zu den Sandanschwemmungen, durch die sich der Bach hindurchwand, hatten wir nur noch einen kleinen Abhang hinabzusteigen. Gerade unter uns befand sich eine kleine, mit Heidekraut und Buschwerk bewachsene Fläche mit einem kleinen Teich. Hier mußte ein herrlicher Zeltplatz sein, um so mehr als uns die Berge vor dem Ostwind schützten, der sich erhoben hatte und durch die Thalschlucht von dem Inlandseis her wehte. Wir eilten dorthin, warfen erst unsere Last und dann uns selber ins Heidekraut und erquickten den müden Leib in dem Bewußtsein, dem Ziele so nahe zu sein.
Freilich war noch mancherlei für uns zu thun. Die vier Kameraden sollten den Rest des Gepäcks holen, Sverdrup und ich wollten nach Godthaab, um ein Boot und Hülfe herbeizuschaffen. Wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, darüber waren wir uns noch nicht klar. Eines aber ließ sich nicht abstreiten, — jetzt befanden wir uns wieder auf gleicher Höhe mit dem Meeresspiegel, wenn wir auch noch nicht ganz an die Meeresküste gelangt waren, und nun haben aller Wahrscheinlichkeit nach unsere Leiden und Strapazen ein Ende. Eine Schwierigkeit, die von vielen Sachverständigen, ja von der großen Mehrzahl als unüberwindlich betrachtet wurde, war jetzt siegreich überwunden. War es ein Wunder, daß wir uns da in einer glückseligen Stimmung befanden? Nachdem wir ein wenig geruht und gegessen hatten, unternahmen Einige von uns einen Ausflug auf das im Osten gelegene Gebirge, um eine Aussicht über den Fjord zu gewinnen. Das Land auf der Nordseite des Fjords erschien, von hier aus gesehen, so zerrissen, daß wir kaum an die Möglichkeit denken konnten, Godthaab auf dem Landwege zu erreichen.
Weit leichter würde es sein, wenn wir uns nach Narsak auf der Südseite des Fjords begeben wollten, aber wir waren nicht sicher, hier Leute anzutreffen, die Europäisch verstanden, deswegen war der Seeweg immer der sicherste. Fest entschlossen, uns, so gut es sich mit den uns zur Verfügung stehenden Materialien machen ließ, in der Bootsbaukunst zu versuchen, kehrten wir nach dem Zelt zurück. Wir hatten vom Inlandseis zwei Bambusstangen und einen Skistab mitgenommen, Bootsrippen dagegen hatten wir gar nicht, dazu sollten die gebogenen Eschenstäbe in den Schlitten dienen. Die lagen aber jetzt oben im Gebirge, und es würden wenigstens 2–3 Tage vergehen, ehe wir sie herbeischaffen konnten; da mußten wir etwas ausfindig machen, was wir statt ihrer verwenden konnten. Selbstverständlich verfielen wir auf das Weidengebüsch, das uns in Fülle umgab. Balto sollte uns beim Nähen behülflich sein, während die Anderen schon morgen in aller Frühe nach dem Inlandseis zurückkehrten.
Am Morgen des 27. September standen wir früh auf, kochten unsere letzte Portion Thee, wozu wir ein sehr knappes Frühstück, aus Brot und ein wenig Pemikan bestehend, einnahmen. Pemikan hatten wir zwar von unserem großen Vorrath auf dem Inlandseis reichlich mitgenommen; wir hatten aber erstaunlich viel davon gegessen (18 Platten von 25) und von dem Rest mußten Sverdrup und ich so viel wie möglich auf unsere Bootstour mitnehmen, da wir nicht berechnen konnten, wie lange dieselbe währen würde.
Nach dem Frühstück machten sich Sverdrup und Balto unverzüglich an den Bootsbau, während ich einige Observationen anstellte und die Anderen sich für die Rückkehr vorbereiteten. Nachdem sie ihren Proviant für den Tag, bestehend aus etwas Brot, Fleischpastete und ein wenig Fleischpulverschokolade erhalten hatten, waren sie bald reisefertig und erhielten gemeinsam mit Balto, der ihnen ja späterhin folgen sollte, ihre Instruktionen.
Vor allen Dingen sollten sie auf die Instrumente, die Tagebücher, Formulare etc. acht geben, von der übrigen Last mußte so viel wie irgend möglich mitgenommen werden; daß vom Proviant nichts zurückbleiben durfte, verstand sich von selbst.
So zogen sie denn thalaufwärts von dannen, geleitet von den besten Wünschen und dem herrlichsten Wetter, und wir setzten unsern Bootsbau fort. Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, das Boot lang und schmal zu bauen, damit es sich leichter rudern ließe, Sverdrup meinte jedoch, daß das zuviel Näherei erfordern würde, es sei besser, den Zeltboden so zu verwenden, wie er war, ihm nur die Form eines Bootes zu geben und das Segeltuch zu flicken, wo es undicht war. Wir würden auf die Weise kein schönes Boot erhalten, aber die Konstruktion würde ungleich leichter werden. Ich ordnete mich natürlich dem Seemann unter. Unglücklicherweise hatten wir, wie bereits früher erwähnt, unsern Segelhandschuh an der Ostküste zurückgelassen; hätten wir den gehabt, so würde das Nähen ungleich schneller von statten gegangen sein, jetzt mußten wir das harte Segeltuch mit den bloßen Händen nähen. Noch weit unangenehmer waren die zahllosen kleinen Fliegen, die uns umschwärmten und uns ganz abscheulich stachen. Es war eine völlige Unmöglichkeit, sich davon zu befreien, sie waren fast noch schlimmer als die Mücken an der Ostküste. Nachdem ich mich eine Weile mit der Segeltuchnadel abgemüht und gefunden hatte, daß ich eigentlich nicht zu der Arbeit taugte, überließ ich sie den beiden Andern, die wahre Meister in dieser Kunst wie in vielem anderen waren, und zog mit der Axt in den Wald, d. h. in das nahegelegene Weidendickicht, um passende Zweige für die Bootsrippen zu holen. Das Gestrüpp war zum Theil so hoch, daß ich völlig darin verschwand und kaum die Spitzen der Sträuche mit ausgestreckter Hand erreichen konnte. Hier waren genügend dicke Zweige, ich fand sogar einen Busch, dessen Zweige an der Wurzel so dick waren wie der Schenkel eines ausgewachsenen Mannes, sie waren aber alle so knorrig, daß es keine Kleinigkeit war, das passende Material zu finden. Endlich hatte ich so ungefähr gefunden, was ich suchte, es war zwar nicht allzuschön, aber wenn man nichts Besseres hat, so muß man vorlieb nehmen. Am Abend war das Boot fertig. Es war zwar kein Prachtexemplar, seine Form hatte große Aehnlichkeit mit der Schale einer Schildkröte, aber es trug uns beide, als wir einen Versuch damit auf dem Teich machten, und darüber waren wir sehr erfreut. Es war 2,56 m lang, 1,42 m breit und 61 cm tief.
Unsere Ruder hatten wir freilich noch nicht fertig; ich hatte zwar einige gespaltene Weidenzweige gefunden, die ich als Ruderblätter zu benutzen gedachte, indem ich Segeltuch zwischen die beiden ausgespreizten Arme spannte, und zu den Ruderstangen dachte ich Bambusstöcke zu verwenden, — ich war aber noch nicht weit damit gekommen, dann plagte mich ebenso wie an den vorhergehenden Tagen ein entsetzlicher Kopfschmerz, und alles, was ich unternahm, ging nur langsam von statten.
Am nächsten Morgen (28. September) sollte auch Balto uns verlassen. Ehe er fortzog, nahmen wir ein kleines Frühstück ein, das Balto mit folgenden Worten schildert:
„Nansen hatte für sich etwas Vorrath zurückbehalten, wovon er und Sverdrup bis nach Godthaab zehren wollten, aber trotzdem durften wir davon essen, denn die Beiden meinten, sie könnten auf der See Vögel schießen und hin und wieder einmal kochen. Als wir mit der Mahlzeit fertig waren, fragte ich: „Hast du genug gegessen, Sverdrup?“ — Er antwortete: „Nein, durchaus nicht, ich bin noch eben so hungrig als zu Anfang der Mahlzeit.“ Nansen sagte: „Ach das thut nichts! Laß das nur gut sein, Sverdrup, wenn wir nach Godthaab kommen, soll dein Bauch schon voll werden!“
So verließ uns denn Balto, und der frische Bursche sprang mit beneidenswerther Leichtigkeit durch das Thal dahin, um noch am selbigen Abend die Andern ganz oben unter dem Inlandseis zu erreichen.
Um die Mittagszeit waren auch unsere vier Ruder fertig und das Boot lag klar zum Gebrauch da. Am schwierigsten war das Anbringen der Ruderbänke. Wir hatten nur das schmale, runde Theodolith-Stativ aus Eschenholz für die eine und zwei schmale Bambusstäbe für die andere Bank. Im Interesse eines gewissen Körpertheils will ich wünschen, daß es lange währt, bis ich mich wieder mit einem so schmalen Sitz behelfen muß.
Nachdem wir zu Mittag ungefähr eben so viel gegessen hatten wie zum Frühstück, wurden die Schlafsäcke, das Zeug und alles, was wir nicht mitnehmen wollten, in das Zelt eingewickelt, das wir mit Steinen beschwerten und gegen etwaiges Regenwetter so gut wie möglich schützten. Unsere beiden Säcke, in denen sich das nothwendigste Zeug, ein Hemd, Strümpfe, Schuhe, ein Paar Ueberzieh-Beinkleider, Fausthandschuhe, Regenzeug etc. befand, nahmen wir mit in das Boot. Außerdem hatten wir zum Schlafen während der Nacht die beiden Rennthierfellwämse der Lappen geliehen und unsere „Komager“ mit dem entsprechenden Senngras eingepackt. Auch unsere photographischen Apparate, Patronen für die Büchse, sowie zwölf Tafeln Erbswurst, eine Blechdose mit sieben Pfund Fleischschokolade, ein Segeltuchsack mit Knäckebrot, eine Dose Leberpastete, drei Pfund Butter und fünf Tafeln Pemikan, meine Segeltuchsbeinkleider, worin dreiunddreißig Fleischbiskuits, zwei Becher, die auch als Schöpfschaufeln benutzt wurden, ein Kochgeschirr, wozu der obere Theil des Kochapparats, von dem der Filzbezug entfernt war, benutzt wurde, sowie endlich eine Büchse nahmen wir noch mit.
Das Gepäck wurde erst auf die Sandaufschwemmung gebracht und dann das Boot. Wir hofften, in dem Boot den Bach hinunterrudern und von hieraus direkt in die See stechen zu können. Aber auch hier sollten wir auf Schwierigkeiten stoßen, indem der Bach so seicht war, daß man an ein Rudern nicht denken konnte. Jedenfalls war es eine völlige Unmöglichkeit wenn wir Beide im Boot saßen. Deswegen ging ich, als der schwerste zu Fuß über die Sandanschwemmung, während Sverdrup versuchen sollte, allein weiterzustängeln. Aber es wurde nicht viel besser. Er mußte in dem kalten Wasser waten und das Boot hinter sich herziehen, und das war kein Vergnügen. Nur an wenigen Stellen konnte er stängeln, an Rudern war gar nicht zu denken, und das Ganze ging nur sehr langsam.
Wir hatten die unglaublichsten Schwierigkeiten der verschiedensten Art zu überwinden, oft lagen wir bis an den Magen im Lehm und im Wasser. Wir wanderten einen halben Tag in diesem Brei herum, der sich um unsere Füße festsog und uns auf jedem Schritt festhielt. Endlich erreichten wir eine Landspitze draußen im Fjord, von wo aus wir in die See hinauszugelangen hofften. Hier entdeckten wir jedoch, daß wir noch weit vom Ziel entfernt waren. Der Bach verzweigte sich in ein Delta und wurde so seicht, daß kein Gedanke mehr daran war, das Boot zu ziehen. Es mußte den Rest des Weges getragen werden. Da es aber schon spät am Abend war, hielten wir es für gerathen, Rast zu machen. Die letzte Abendröthe im Westen hinter den Bergen war verschwunden und ein Stern nach dem andern erglänzte an dem dunkelnden Himmel, wo das Nordlicht sein nächtliches Schauspiel aufführte. Bald lächelte auch der Mond auf uns Beide herab, die wir an dem ersterbenden Feuer saßen und von Grönlands Inlandseis als von einem längst entschwundenen Traum sprachen.
Nach beendeter Abendmahlzeit suchten wir uns Jeder einen Weidenbusch aus, unter dem wir in unseren Pelzen zusammenkrochen und einschliefen.