Kaiplatz in Bagdad.

Elftes Kapitel.
Sommertage in „Dar-es-Salaam“.

Bagdads Sehenswürdigkeiten, d. h. das, was 1258 von den Horden Hulagus und hundertfünfzig Jahre später von Tamerlan verschont wurde, lassen sich an einem Tage besichtigen. Und doch — wie gern verweilt man ein paar Wochen hier, um den unverfälschten Orient und das farbensatte Straßenleben zu genießen. Die Stadt hat eigentlich nur eine Straße, die diesen Namen verdient. Hier kann man sogar Droschke fahren, wenn man nicht gerade in einem unentwirrbaren Knäuel von Karawanentieren, Reitern und Wagen stecken bleibt. Sie setzt die Straße Halil Paschas nach Nordwesten fort und läuft parallel dem Tigris durch die ganze Stadt, durch die vornehmste Pulsader des Basars und weiter am Kopf der Pontonbrücke vorüber auf dem linken Ufer nach der Zitadelle Kala, einem mauerumschlossenen Block von Zivil- und Militärgebäuden, Serail, Konak und Kaserne.

Auf dieser Straße wogt ein bunter Karneval der Rassen — Semiten, Mongolen, Arier, selbst Neger —, der verschiedensten Religionen, Geschlechter und Stände. An den Ecken sitzen die Armen, die übrigens während des Krieges weit minder zahlreich waren, als man erwarten sollte. Auf weißen Mauleseln oder kostbaren arabischen Stuten reiten die Standesherren. Mit unbewußter Majestät, die geborenen Aristokraten Vorderasiens, tragen die echten Araber, die Wüstenbeduinen, ihre weißen, flatternden Kopftücher unter den Stirnreifen und ihre weiten, bis zu den Füßen reichenden Mäntel. Juden überall, in orientalischen Trachten und leicht erkennbar an ihren ausgeprägten Zügen. Dunkelblau gekleidete Araberinnen verstecken die Glut ihrer Augen hinter undurchdringlichen Schleiern. Die türkischen Damen gehen gewöhnlich schwarz gekleidet, oft in Seide, und lassen ebenfalls keinen Schimmer ihrer Gesichtszüge sehen. Die Christinnen Bagdads: Syrierinnen, Chaldäerinnen, Armenierinnen, tragen helle, leichte Gewänder, die wie zusammengefallene Ballonhüllen ihre Formen verbergen, ihre schmucken Gesichter aber den Augen der Männer freigeben. Auch die Trachten der Jüdinnen gleichen denen der Mohammedanerinnen, nur der Schleier verrät sofort die Rasse, ein kleines schwarzes, goldgerändertes Sonnendach, das von der Stirne wagerecht vorspringt oder schwach abfällt und das Gesicht nicht verbirgt, sondern nur beschattet.

In der Hauptstraße von Bagdad.
Die Hauptstraße Bagdads.

Überall malerische Bilder und Gruppen! Sieh nur dort die arabische Mutter, die ihr kleines Kind auf der rechten Schulter trägt und ihren Buben an der linken Hand führt; oder hier die in dunkelblaue Schleier gehüllten Mädchen, die zum Strand hinab eilen, um in schönen Lehmkrügen oder Kupferkannen Wasser zu holen. Auch im Innern der Stadt trifft man sie, wenn man an den kleinen Wasserbehältern unter den schützenden Ziegelwölbungen stehen bleibt; hier lassen sie sich abends nieder, treffen ihre Nachbarinnen, plaudern und tragen die wildesten Basargerüchte weiter.

Von der Hauptstraße führen mehrere kleine Quergassen oder schmale Gänge zwischen den Häusern zum Tigrisufer hinab, wo Boote und Guffas ihre Landungsplätze haben. Dorthin wandern barfuß auch die Sakkas, die Wasserträger; in schwarzen, weichen, tropfenden Ziegenfellsäcken tragen sie Wasser in die Haushaltungen und zu den durstigen Wanderern in den Basaren, oder sie sprengen damit die trockenen Straßen. Der Sack hängt auf der rechten Seite, mit der rechten Hand halten sie ihn zu, während die linke eine kleine, bis zum Rand gefüllte Holzschale darreicht. Besondere Geschicklichkeit gehört dazu, den leeren Sack zu füllen; ein an doppeltem Riemen befestigter Ledereimer wird in den Fluß hinabgelassen, ohne daß der Mann sich bückt, dann mit einer eleganten Bewegung herausgehoben und in die offene Mündung des Sacks hinein entleert.

Sakka (Wasserträger).
Phot.: Schölvinck.
Frauen mit Wasserkrügen.

An einzelnen Stellen lassen Häuser oder Gärten einen schmalen Uferstreifen frei. Hierhin kommen die Wasserträger, die ihre großen Säcke aus Ochsenhaut paarweise von Eseln tragen lassen können. Hier füllen die Frauen ihre Krüge, waschen Kleider oder Kinder; die Schleier sind zurückgeschlagen, die weiten rockähnlichen Hosen bis übers Knie heraufgezogen, und barfuß gehts ein Stück in das seichte Wasser hinein. Dann lassen sie sich in Gruppen am Strande nieder, um zu schwatzen, und kehren schließlich in ihre Häuser zurück, anmutig ihre Krüge bald auf den Schultern, bald auf dem Kopf balancierend.

Knaben, Jünglinge und erwachsene Männer benutzen denselben Platz zum Baden. Schwimmen können sie alle, sie sind ja an dem gewaltigen Strom geboren, von ihm abhängig, mit ihm vertraut. Geschmeidig wie Katzen klettern sie am Kai hinauf, springen wieder ins Wasser, schwimmen umher, tauchen und ringen mit der Strömung, schreien und lachen. Es ist ein Summen wie im Bienenkorb, ein Spritzen und Plantschen, als zöge eine Schar Delphine vorüber. Ohne Gefahr ist solch ein Bad nicht; aus dem Persischen Golf gehen ab und zu Haifische tigrisaufwärts bis nach Bagdad, ja sogar bis Samarra.

Mariem, 15jähriges chaldäisches Mädchen aus Alkosch.
Phot.: Schölvinck.
Badestrand in Bagdad.

Doch zurück in das Gewimmel der Straßen, unter die vornehmen Kaufleute und die Hausierer, die Süßigkeiten, Brot oder Früchte feilbieten, die Beamten in halbeuropäischer schwarzer Kleidung mit rotem Fes, die Syrier, die oft eine europäische Jacke über weißen orientalischen Hemden tragen, die feierlichen Priester in weißen Turbanen und weiten Mänteln, die Pilger, die Beduinen und die anatolischen Soldaten, die auf dem Wege zur Front sind, zum Irak unterhalb Kut-el-Amara oder nach Persien. Während meines Aufenthaltes in Bagdad zogen eines Tages die Truppen ein, die ich einen Monat vorher bei ihrem Aufbruch am Dschirdschib gesehen hatte. Einen langen Weg durch trockene Wüstengegenden hatten sie hinter sich, trotzdem waren sie in bester Verfassung, glänzten von Schweiß und Sonnenbrand und sangen munter zu ihrer Musik. Ihr schweres Gepäck, bestehend aus Gewehr und Ranzen, Spaten, Zeltbahn und anderem mehr, schien sie nicht zu drücken. Sie sahen munter aus, und ihre Schritte hallten taktfest wider. Sie marschierten in einer Staubwolke, aber über ihren weichen Schirmmützen wiegten die Palmen ihre Blattkronen.

Häuser mit Erkern.
Eine enge Gasse, die von der Hauptstraße zum Tigris führt.
Links ein Belem und eine Guffa.
Die Basar-Ecke Ras-el-Karijeh.

Die vornehmen Privathäuser Bagdads sind alle nach demselben Muster gebaut, mögen sie nun Arabern oder Christen gehören. Ich besuchte einige von ihnen. Äußerlich sind sie sehr unansehnlich. Man bemerkt sie kaum von der engen Gasse her, die von grauen, nichtssagenden Mauern eingefaßt ist. Das Haupttor ist klein, aber meist von geschmackvoll behauenen Steinen umrahmt. Durch einen engen, tunnelähnlich gewölbten Gang gelangt man in einen viereckigen, stets mit Ziegeln gepflasterten Hof, wohin kein Blick von der Außenwelt dringt. Hier wachsen Apfelsinen- und Aprikosenbäume, oft findet man auch ein mit Steinen eingefaßtes Wasserbecken. Vom Hof führt eine steinerne Außentreppe zur Veranda oder Galerie hinauf, die um das ganze Haus läuft. Gäste werden im Eivan oder Ivan empfangen, einer Art Nische auf gleicher Fläche mit dem Hof. Hier herrscht immer Schatten, und man wird auf weichen, roten Sofas und Diwans mit Zigaretten, Kaffee und Eislimonade bewirtet. Im ersten Stockwerk hat die arabische Familie ihr Staatszimmer mit bunter Mosaikdecke, Spiegelglasveranda und teppichbelegtem Boden — persischer Stil und indische Möbel. Im Sommer schlafen auch die Eingeborenen auf dem Dach mit oder ohne Mückennetz. Zu einem vollständigen Haus gehören ein oder mehrere Särdab, die unterirdischen Gelasse, die während der warmen Tageszeit als Wohnräume oder auch als Vorratskeller dienen. An der Decke hängen allerhand Dinge, die den Ratten eine leckere Schnabelweide bieten würden, und an Ratten ist in Bagdad kein Mangel.

In der Hauptstraße des Basars hatte der Syrier Antony Samhiry im Erdgeschoß eines kleinen, einfachen Hauses seinen Geschäftsraum. Hier münden auch ein paar andere Gassen. Der lebhafte Knotenpunkt heißt Ras-el-Karijeh. Bei Samhiry saß ich lange Stunden und sah das bunte Leben vorüberziehen, bald langsam träumend im Takt des Spaziergängers, bald eilig und stoßend, wenn es Geschäften nachging. Eselkarawanen tragen in Weidenkörben oder auf Saumsätteln Gemüse und alle möglichen Waren, die für die tausend kleinen, offenen Kaufläden bestimmt sind. Soldaten und türkische Offiziere in feldgrauer Uniform gehen vorüber, Priester der verschiedenen christlichen Kirchen in langen schwarzen Talaren und sonderbar hohen Kopfbedeckungen, Arbeiter und Träger, ebenholzschwarze Neger, persische Pilger auf dem Weg nach den heiligen Stätten Kerbela, Nedschef oder Kasimen. Manchmal eilt eine Krankenschwester vorbei in ihrer großen, weißen Kappe mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Laute Rufe ertönen: ein Kutscher verlangt für seine Droschke oder seinen Kerbelawagen freien Weg; er bringt Reisende, die in einer der Karawansereien des Basars Unterkunft suchen. Zuweilen werden auch verwundete oder kranke Soldaten auf Bahren nach einem der vielen Lazarette getragen; ja, es vergeht kein Tag, an dem man nicht einem Toten auf dem Weg zum Begräbnisplatz begegnet. Als Leichenwagen dienen oft die wenigen Droschken der Stadt, und der fremde Ankömmling wird deshalb vor ihrer Benutzung gewarnt.

Wohin will die malerische Reiterschar, die da in langsamem Trab durch den Basar die Brücke herauskommt? Jedenfalls nach dem schiitischen Heiligtum Kasimen auf dem rechten Tigrisufer, denn es sind Perser. Voran reitet auf einem großen, weißen Maulesel ein vornehmer Alter. Sattel- und Zaumzeug ist mit Silberplatten belegt, die Decke von rotem Sammet. Ihn begleiten ein junger Mann, wahrscheinlich sein Sohn, und zahlreiche Diener mit der charakteristischen Locke am Ohr und der großen, runden Filzmütze auf dem Kopf. Zuletzt kommen Maulesel und Pferde mit dem Gepäck; die Tscharwadare thronen hoch auf den Bergen von Kisten und Säcken, Ledertaschen und Matten. Die Zahl der persischen Kaufleute in den Basaren ist auffallend groß. Ein lebhafter Handel mit ihrer Heimat geht über Bagdad; die englische Einfuhr aus Indien ist am größten. Wolle, Getreide und Datteln sind die wichtigsten Ausfuhrartikel.

Hof einer Karawanserei in Bagdad.

Der auf dem linken Ufer gelegene Stadtteil, in dem auch die Ortsbehörden ihren Sitz haben, ist dreimal so groß wie der auf dem rechten Ufer. Voraussichtlich wird, wie schon erwähnt, die Bagdadbahn dereinst den Schwerpunkt auf das Westufer zurückverlegen, wo sich ehemals die Prachtgebäude der Kalifen erhoben. Dann wird sich der unternehmungslustige deutsche Handel Mesopotamien und weite Gebiete Arabiens dienstbar machen. Daß Bagdad zurzeit in englischen Händen ist, spielt dabei keine Rolle. Das eiserne Band der neuen Bahn wird auch das türkische Reich fest zusammenschweißen. Im Weltreich der Kalifen ging die bedeutendste Handelsstraße nach Indien und China über Bagdad und den Persischen Golf; sie verfiel mit dem Untergang des Kalifats, wird aber von der Bagdadbahn wieder aufgenommen werden. Auch die Basare, die jetzt während des Krieges ein kümmerliches Leben fristen, werden dann aufblühen wie nie zuvor.

Inneres des Han el-Ortme.

An den größten Basarstraßen liegen die Hans oder Karawansereien; durch kleine Tore und dunkle Gänge gelangt man auf ihre Höfe. Hier stehen die Pferde und Maulesel der Fuhrleute an Lehmständer angebunden; eine offene Galerie führt in die Gastzimmer. Die vornehmste Karawanserei heißt Han el-Ortme; sie stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit der Kalifen und ist eine gewaltige Halle mit gewölbtem Dach; die Pilaster und Ziegelmauern sind aus dauerhafterem Material, als man heute herzustellen vermag. Im Innern geht eine freistehende Holztreppe zu einer offenen Galerie hinauf; hier sind in dunklen Kammern die Kontore der Kaufleute. Eine Treppe höher kommt man auf das Dach, von dessen kleinen, flachen Erhebungen sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt darbietet: gerade unter uns die Basare oder vielmehr ihre Dächer aus Stangen und Pfählen, Strohmatten oder Platten, und ringsum das völlig flache, graue Gewirr der Häuser. Nur hier und da reckt eine Moschee ihre schöne Kuppel und ihre schlanken Minarette empor. Dort liegt der Haïdar-khane mit seiner schimmernden, grünen Kuppel, die geschmackvolle „Korallenmoschee“ Dschami Merdschan und Suk-el-Gasl, das mächtige, alte Minarett, der einzige Rest einer Moschee, die Anfang des 13. Jahrhunderts vom Kalifen Mustansir errichtet wurde. Vor dreißig Jahren schon habe ich sie abgezeichnet; jetzt machte ich von ihr ein paar photographische Aufnahmen.

Vom Dach des Han-el-Ortme aus gesehen ist Bagdad eine schöne Stadt. Die grünen Palmengürtel und -gruppen innerhalb der Lehmmauern, die grün und blau schimmernden Kuppeln und die blinkenden Windungen des Stromes heben sich scharf von der grauen Fläche ab. Nur ein schwaches Echo des lärmvollen Lebens unten in den Gassen dringt herauf, und völlig sicher ist man hier vor den Düften, die den Aufenthalt in den überdachten Basaren nicht eben verschönern.

Im Stadtteil der Tänzerinnen sind die Gassen so eng, daß man mit ausgestreckten Armen beide Häuserzeilen berühren kann. Hier herrschen Lärm und Trunkenheit, leichtfertige Burschen und wilde Gesellen streifen hier umher, aber das Auge des Gesetzes in Gestalt der Gendarmen wacht. In den Türen locken bunt und leicht gekleidete Mädchen mit Hals- und Armbändern und Ohrringen aus blinkendem Metall.

Aussicht vom Dach des Han el-Ortme.
Kurdische Tänzerin in Bagdad.

Auch Bagdad besitzt ein Ghetto und zwar ein recht geräumiges; denn die Juden sind hier sehr zahlreich. In den größeren Straßen haben die Häuser zwei, manchmal drei Stockwerke. Das Charakteristischste daran sind die auf Balken ruhenden vorspringenden Erker, hinter deren eisenvergitterten Fenstern die Töchter Israels, oft schön wie die Nacht, mit halboffenen, schweren Augenlidern und müden Blicken das Leben auf der Straße beobachten. Die Läden und Basarstände schützt man gegen Sonne und Regen durch kleine viereckige Holzdächer, die durch schräggestellte Stangen gehalten werden. Diese Läden sind elende Löcher, und hinter dem Krämer, der mit gekreuzten Beinen unter seinen Waren auf dem Ladentisch sitzt, gähnt ein abschreckendes Dunkel. Noch anspruchslosere Handelsleute, die keinen festen Stand haben, lassen sich einfach an den Häusermauern nieder und bieten aus großen Körben Aprikosen, Pfirsiche, Gurken, Brot und Süßigkeiten feil. Auch Frauen beteiligen sich am Handel; sie kauern in faltenreiche Schleier gehüllt am Boden, der kleine schwarze, goldgeränderte Gitterlappen ist heraufgezogen und gibt ihre Gesichtszüge frei.

„Airan bos, Airan bos!“ klingt es ab und zu von der nächsten Straßenecke her in gellendem Ton. „Airan“ heißt auf Türkisch die gegorene, mit Wasser vermischte Milch; „bos“ bedeutet Eis. Auf einem Holzgestell steht ein großes Gefäß mit dem erquickenden Trank, in dem klare Eisstückchen schwimmen. Für den Bruchteil eines Piasters bekommt man einen Becher voll.

Treppe und Galerie des Han el-Ortme.

Das Gedränge in den Straßen des Ghettos ist unheimlich, und man darf nicht empfindlich sein, wenn ein mit einem querliegenden Holzkohlensack beladener Esel dahergetrippelt kommt, oder zerlumpte Kinder in bloßem schmutzigen Hemd sich mit den Ellenbogen den Weg bahnen. Jeder, der nach Bagdad kommt, besucht wenigstens die Hauptstraße des Ghettos, Chaldäer und Syrier, Araber und Armenier, Perser und Türken, Sudanesen, Neger aus Sansibar und dem Herzen von Afrika, und sogar englische Soldaten und Offiziere, die ihre überflüssigen Effekten verkaufen, nachdem sie erfahren haben, wie knapp die Transportmittel auf dem bevorstehenden Weg nach Konia und Angora sind.

Gasse im Judenviertel.

Aber die Juden herrschen bei weitem vor. Es riecht geradezu nach Judentum, und es riecht schlecht, obgleich es hier luftiger ist, als in den Basaren der Mohammedaner, wo die üblen Dünste durch die Dächer festgehalten werden und das Tageslicht nur durch Löcher hereindringt. Die Hauptstraße des Ghettos ist nicht überdacht, sondern unter freiem Himmel, nur Erker und die kleinen Schutzdächer dämpfen das Licht. Der Schmutz ist furchtbar, und wenn die Sakkas mit ihren Ledersäcken sprengen, watet man durch Schlamm. Aller Abfall aus den Häusern fliegt einfach auf den Fußsteig, und die Verwandten der Schakale, die gelben Hunde, wühlen darin herum.

Die Hauptstraße im Ghetto von Bagdad.
Jüdische Zigarettenwicklerin in Bagdad.

Mit meinem syrischen Führer besuchte ich ein einfaches jüdisches Haus in einer Nebenstraße. Der kleine viereckige Hof, tagsüber der Aufenthaltsort der Hausbewohner, war, wie gewöhnlich, mit quadratischen Ziegelplatten gepflastert, wie man sie etwa in Babylon findet. An der Mauer war ein Brunnen, aus dem man das Wasser mit Hilfe eines Ledereimers herausholte. Links vom Eingang führten wenige Treppenstufen in ein mit zerfetzten Matten und etlichen Schemeln möbliertes Loch, dessen Gitterfenster aus eine kleine offene Halle, den Eivan, hinausgingen. Im übrigen hatte das Haus nur eine Wohnung, deren dunkle Kammern mehrere Familien beherbergten. Die Juden sind arm und drängen sich stets auf möglichst engen Raum zusammen. Nur Frauen und Kinder waren daheim. Die Frauen tragen nichts weiter als ein Zwischending zwischen Kleid und Nachthemd. Die Kinder waren niemals mit Wasser, Seife oder Kamm in Berührung gekommen, und ihre Gesichter und Arme zeigten die Riesennarben der widerwärtigen Bagdadgeschwüre; diese rühren von einer giftigen Fliege her, deren Stich eine jahrelang offene Wunde hervorruft und eine entstellende, unvertilgbare Narbe zurückläßt. Auch ein paar alte Weiber saßen da, grauenhaft anzusehen. Ihre Finger wühlten in dem wirren Haar auf der Jagd nach Ungeziefer, das ihnen keine Ruhe ließ.

Auch dieses einfache Haus hatte einen „Särdab“, einen unterirdischen Raum, wohin man flüchtet, wenn die große Hitze kommt, ein widerliches, schmutziges Loch, eine Heimstätte für Skorpione und Tausendfüßler. Dort stand ein Lehmkrug mit kühlem Wasser, und voll Gastfreundschaft bot man mir einen Trunk. Aber ich lehnte dankend ab und eilte ans Licht und auf die Straße hinaus, wo die Luft doch noch etwas besser war, als in diesen furchtbaren Wohnlöchern der armen Juden.

Wasserholeplatz.

Die architektonisch so anziehende Ghettostraße mit ihrem bunten Verkehr wollte ich nicht verlassen, ohne sie, wenn auch nur flüchtig, skizziert zu haben. Das war jedoch nicht so leicht zu machen. Die Häuser standen zwar still, aber alles andere war in steter Bewegung und konnte nur hastig in Umrissen angedeutet werden. Am unbequemsten war das Gewühl, das ich selbst verursachte. Alles blieb stehen und drängte sich heran, um zu sehen, was ich vorhabe. Freundliche Krämer boten mir einen Schemel an, um mir freie Aussicht über die Köpfe der Menge zu verschaffen; sie versahen mich mit Limonade und Zigaretten und hielten nach Möglichkeit die Zudringlichen fern. Vergebens! Die Verkehrsstockung wurde so stark, daß ich bald die Aufmerksamkeit der Revierpolizei erregte.

Ein Schutzmann bahnte sich plötzlich den Weg durchs Gedränge und fragte mich in barschem Ton, was ich hier zu zeichnen habe; ich müsse doch wissen, daß es während des Krieges streng verboten sei, im Hauptquartier zu zeichnen und zu photographieren. Da ich ruhig fortarbeitete, fragte er weiter, ob ich mich auf die Bekanntschaft mit einem hervorragenden türkischen Offizier berufen könne. Ich nannte Mesrur Bei. Diesen Namen habe er niemals gehört, erklärte der Mann des Gesetzes. Ich antwortete, er müsse doch den Kommandanten von Bagdad kennen, und die Polizei müsse obendrein wissen, daß ich mich schon seit einigen Wochen in der Stadt aufhalte. Darauf entschuldigte sich der Mann, aber da ich nicht in seinem Bezirk wohne, ersuchte er mich höflich, mit auf die nächste Polizeiwache zu kommen.

Ich beendete meine Arbeit und folgte ihm. Die Wache war eine kleine, offene Veranda an einer Straßenecke. Dort unterwarf mich ein Polizeioffizier einem eingehenden Verhör. Alles wurde notiert. Dann erhielt ich meine Freiheit ohne Bürgen — aber nur für die Nacht.

Habibe, 70jährige Jüdin in Bagdad.

Am nächsten Morgen wurde ich von zwei Gendarmerieoffizieren abgeholt und vor den Polizeimeister selbst geführt. Er war sehr höflich, bot mir Kaffee und Zigaretten an, ging meine Papiere genau durch und verglich ihren Inhalt mit dem Polizeirapport vom Tage vorher. Er merkte glücklicherweise nicht, daß ich mit der ausgelassensten Heiterkeit kämpfte — ich, der Freund Halil Paschas, in demselben Basar verhaftet, in dem englische Offiziere und Soldaten in größter Freiheit umherstreiften! Ein starkes Stück, aber das Abenteuer war zu lustig, als daß ich es durch einen ernsthaften Protest hätte stören sollen.

Schließlich aber machte ich einen Vorschlag, der sogleich Klarheit in die dunkle Sache bringen müsse: wir sollten uns zu Mesrur Bei begeben, dessen Amtsräume im selben Hause lagen. Das leuchtete dem Polizeigewaltigen ein. Zwei Gendarmen und ein Offizier begleiteten uns. So traten wir in das Zimmer des Kommandanten.

Von Untergebenen und Besuchern umringt, saß Mesrur Bei an seinem Schreibtisch. Als er mich so plötzlich als Gefangenen vor seinem Richterstuhl sah, brach er zunächst in schallendes Gelächter aus. Als er sich dann erholt hatte, rief er: „Was, Sie arretiert? Dann bitte ich darum, Ihnen sofort wieder die Freiheit schenken zu dürfen.“ Eine vornehme Gebärde gab meiner Eskorte das Zeichen, zu verschwinden, und als sie abzog, grüßte ich höflich zum Abschied. Die türkischen Gendarmen hatten mir ja Gelegenheit gegeben zu sehen, daß sie ihre Instruktion genau befolgten.

Mesrur Bei.
Munteha, 15jähriges Beduinenmädchen vom Stamme der Mufarrid.

Will man im Orient sein Skizzenbuch mit Volkstypen bereichern, so bieten nur die Frauen fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Der freundlichen Vermittlung der französischen Dominikanerschwestern verdanke ich es, wenn ich gleichwohl eine Anzahl charakteristischer Frauenbilder darbieten kann. Jede saß eine Stunde für ihr Porträt und erhielt als Lohn einen blanken Medschidije; die Schwestern riefen dazu besonders Arme ins Kloster, für die vier Mark ein kleines Vermögen bedeuteten.

Phot.: Schölvinck.
Unser alter Barbier.

Einige Schwestern und mehrere ihrer jungen Schützlinge wohnten den Sitzungen mit gespannter Aufmerksamkeit bei, und eines der Mädchen fächelte mir mit Palmenblättern Kühlung zu, was in einem Zimmer mit etwa 38 Grad Tagestemperatur sehr willkommen war. So zeichnete ich eine leicht verschleierte junge Türkin, die sich träumend ans Fenster lehnt (Bild S. 120), Habuba, eine sechsundzwanzigjährige Chaldäerin aus Tell-keif, die ihre Stirn mit Silbermünzen und ihre Brust mit bunten Ketten geschmückt hatte (Bild S. 137), und ihre Landsmännin, die fünfzehnjährige Mariem aus Alkosch. Ferner Jüdinnen verschiedenen Lebensalters. Auch von den Schützlingen des Klosters mußten einige Modell sitzen. Selbst eine mohammedanische Araberin, die fünfzehnjährige Munteha vom Stamm Mufarridj aus Sobeïd, ließ sich nach vielen Wenn und Aber dazu bewegen, ihren Schleier zurückzuschlagen und ihre von der Wüstensonne gebräunten Züge und die schwarzen, brennenden Augen zu zeigen. Am rechten Nasenflügel trug sie einen silbernen Ring, und Ringe vom selben Metall schmückten ihre Handgelenke. Sie kam in Begleitung einer Schwester und einer Freundin, der achtzehnjährigen Bahije aus Hille, die ich mit dem charakteristischen Wasserkrug porträtierte (Bild S. 223).

Unter meinen männlichen Modellen war das ergötzlichste ein alter mohammedanischer Barbier, der in dem Herzog Adolf Friedrich und seinen Freunden getreue Kunden besaß.

Die Bevölkerung von Bagdad ist im Gegensatz zu den Einwohnern von Aleppo z. B. bekannt wegen ihrer Ruhe und ihrer freundlich-friedlichen Gesinnung gegen die Europäer. Ein Fremder wird in Bagdad nie belästigt, wenn er einsam durch die engen Gassen streift; nicht einmal die Armen sind zudringlich wie sonst in den Städten des Orients. Das erklärt sich zum Teil aus dem Haß, der zwischen Sunniten und Schiiten herrscht und die Abneigung gegen die Christen weit übersteigt. In rein schiitischen Städten wie Mesched-Hussein oder Kerbela, Mesched-Ali, Nedschef oder Kasimen dagegen sind die Europäer keineswegs sicher.

Türkische Schaluppe an Konsul Richarz’ Kai.

Wer das Volksleben Bagdads genauer studieren will, muß sich natürlich längere Zeit und vor allem im Frieden dort aufhalten. Nur dann hat er Gelegenheit, einer der prächtigen, mit Tänzerinnen und Saitenspiel gefeierten orientalischen Hochzeiten beizuwohnen, an denen auch Christen teilnehmen, oder ein jüdisches Begräbnis bei nächtlichem Fackelschein zu sehen. Und wenn er zufällig zur Zeit einer Mondfinsternis dort weilt, kann er erleben, wie abergläubische Leute durch Trommelwirbel, Klirren mit Kasserollen und anderen Spektakel den „Mondhund“ zu verjagen suchen. Der Durchreisende hört von all dem nur erzählen.

Nach meiner Rückkehr von Babylon, von dem spätere Kapitel meines Buches berichten werden, folgte ich der liebenswürdigen Einladung des Herzogs und des Konsuls Richarz und zog in des letzteren Haus. Schölvinck und ich teilten uns in ein geräumiges Zimmer in dem unsre Kisten, Kleider und übrigen Habseligkeiten eine angenehme Unordnung schufen, gegen die Gustav, der prächtige Diener des Rittmeisters, einen vergeblichen Kampf führte. Nach dem Frühstück pflegte ich in den Labyrinthen der Stadt zu verschwinden, das Mittagessen ersetzte ich meist im Basar durch Früchte und Brot. Nach 4 Uhr versammelten wir uns zum gemeinschaftlichen Tee. Daran schloß sich oft eine Bootfahrt auf dem Tigris, um nach der Hitze des Tages etwas aufzuatmen. Solch eine Abendfahrt sei hier beschrieben.

Uferpartie in Bagdad.

Namo, das Faktotum des Konsuls, ein Syrier mit Fes, erhält den Befehl, ein Belem oder Ruderboot zu beschaffen. Er verschwindet auf der Halil Pascha-Straße, und noch ehe wir die Treppe des Kais hinabgestiegen sind, kommt er mit dem gemieteten Boot angerudert. Der Herzog nimmt am Steuer Platz. Über unsern Köpfen hängt an zwei Stangen ein aufgespanntes Sonnendach.

Kaffeehaus am linken Ende der Tigrisbrücke von Bagdad.

Die beiden Ruderer legen los. Wir wollen stromabwärts auf das rechte Ufer hinüber, zum Hause der deutschen Marinesoldaten. Die Wasserfläche wimmelt von Fahrzeugen aller Art. Hier fährt ein Belem mit munteren syrischen Mädchen, dort einer mit deutschen und türkischen Offizieren, die dienstlich unterwegs sind. Eben kreuzt vor uns ein Boot mit französischen Dominikanerschwestern, die nach schwerer Tagesarbeit bei den Kranken nach Hause zurückkehren. Ein Meheile wird quer über den Strom gerudert; das Spiegelbild seines hohen Mastes zittert auf der Wasserfläche.

Ein Wasserwerk am Ufer.

Nun sind wir drüben und fahren an den Terrassen des rechten Ufers entlang. Welche Reihe amüsanter Bilder! Guffas und Belems werden von Ruderern an langen Seilen bugsiert. Überall geschäftige Tätigkeit; Kinder und Pferde werden gewaschen, Tische und Kleider gereinigt. Und diese lustige Pracht der weißen, grünen, gelben, hellroten und hellblauen Häuser mit schattigen Veranden vor dem Hintergrund des tiefen Grüns der Palmen!

Bald werden die Häuser seltener, die Gärten zahlreicher und größer. Lautlos treiben wir im Schatten der Dattelbäume stromabwärts; die Schiffer ruhen an ihren Rudern. Das Stöhnen einer Dampfmaschine, die Wasser in einen Kanal pumpt, unterbricht die Stille. Daneben ist ein Paternosterwerk mit altehrwürdigem Pferdegöpelbetrieb im Gang, sogar die primitive Einrichtung mit den auf- und abgehenden Ledersäcken, die gellend ihr melancholisches Lied singen, findet sich auch hier noch. Die Wasserwerke am Tigris sind aber fester gebaut als die am Euphrat, sie ruhen gewöhnlich auf runden Ziegelmauern, die den Schiffern sehr hinderlich sind, wenn sie vom Ufer aus ihre Fahrzeuge stromaufwärts ziehen.

Wir haben es uns auf den Polstern der Bänke bequem gemacht. Kein Windhauch regt sich. Der Zigarettenrauch steigt in blauen Ringen empor und steht wie ein Nebelstreif hinter dem vorwärts gleitenden Boot in der Luft. Palmen breiten ihre friedlichen Blätter über den Strom. Man gerät ins Träumen. Wenn es doch so weiter ginge bis tief in die Nacht! Selbst der hier überall und stündlich drohende Flecktyphus hat seine Schrecken verloren.

Vor uns biegt nun der Strom nach rechts ab; weiter abwärts windet er sich nach Seleucia, Ktesiphon, Kut-el-Amara, mitten hinein in das Lager der Feinde. Dort stehen die Engländer. Wie wäre es, wenn wir die Fahrt bis zu ihnen fortsetzten? Wie weit wurden wir wohl mit heiler Haut kommen? Wir wären kein übler Fang für sie.

Hartun Kirijakes, 18jährige Chaldäerin aus Sannat.

Lieber doch umkehren! Unsere Belemtschis springen ans Land und bugsieren unser Boot stromaufwärts. Noch einmal zieht das reizvolle Uferbild mit seinen Palmen, Wasserwerken und Villen vorüber. An einer offenen Strandstelle badet jetzt eine Kompagnie türkischer Soldaten, und weiter oben holen farbige englische Gefangene Wasser.

Die Sonne geht unter und ergießt ihr rötestes Gold über den Strom. Schon nähern wir uns der Schiffbrücke, aus deren unsicheren Planken Bagdads Söhne und Töchter von einem Ufer zum andern lustwandeln. Eine kleine Flottille von Meheiles ist am Brückenkopf vertäut, sie hat ihre Ladung noch nicht gelöscht. Ein Knäuel enger Gassen mündet hier; es sind die Zufahrtsstraßen zu den Basaren des rechten Ufers. Überall der gleiche lebhafte Verkehr! An einer kleinen Landungsbrücke liegen mehrere Guffas; ihre Besitzer warten geduldig auf zahlungsfähige Kunden.

Das rechte Ende der Brücke.

Kuppeln, Minarette und Masten bilden herrliche Schattenrisse auf dem Hintergrund des noch hellen Horizontes. Aber die Dämmerung ist kurz im Orient. In einer Stunde schläft Bagdad schon, aber noch sind die Balkone aller Kaffeehäuser voll von Gästen, nicht zum wenigsten von persischen Pilgern und Soldaten. Sie trinken Tee oder Kaffee, rauchen Zigaretten oder Nargileh, genießen ihren „Keif“, ihre Siesta, nehmen das Leben in echt orientalischer Ruhe und achten kaum auf das Brausen des Weltkriegs, der doch so nahe herantobt.

Zwischen den Pontons hindurch wenden wir zum linken Ufer hinüber, um die Brücke dort noch einmal zu kreuzen und uns dann vom Strom nach dem Kai des Konsuls treiben zu lassen. Fast könnte man sich hier nach Venedig träumen. Ruderer stehen auf den Bänken ihrer Boote und stoßen ihr Fahrzeug mit Hilfe der Balken vorspringender Balkone stromaufwärts. An den Mündungen der kleinen Gassen schießen die Fahrzeuge hin und her. Öllampen werden angezündet, und hier und da strahlt schon in den Häusern ein Licht.

Manusche, Armenierin aus Diarbekr, 23 Jahre alt.

Am Ziel angelangt, lassen wir uns in Korbstühle auf dem Kai nieder. Das Leben am Ufer ist jetzt zur Ruhe gekommen, die Nacht hält ihren Einzug in die Stadt. Mitten auf dem Strom leuchten nebeneinander zwei winzige Lämpchen; sie scheinen direkt auf der Wasserfläche zu schwimmen. Frauen, die eines Mannes Liebe gewinnen oder ihre Ehe mit Kindern gesegnet sehen wollen, setzen solche Lichter auf Brettchen und übergeben sie der Strömung. Dann beobachten sie gespannt, wohin ihr Lichtchen treibt und wie lange es auf den Wellen brennt. Langsam schwimmen die beiden Lichtpünktchen den Strom hinab. Allmählich trennen sie sich von einander. Das eine wird von rascheren Wirbeln erfaßt und scheint den Vorsprung zu gewinnen; aber plötzlich wird es kleiner, flammt noch einmal auf und erlischt. Arme Beterin! Nun geht sie heim mit sinkender Hoffnung. Das andere Licht setzt seine Fahrt noch eine Weile ruhig fort und verschwindet schließlich auch.

Auf der höchsten Dachterrasse wird der Tisch zum Abendbrot gedeckt. Die große Petroleumlampe in seiner Nähe lockt ganze Schwärme fliegender Insekten an. Noch immer ist es unerträglich heiß; schlimmer als die 37 Grad, die das Thermometer zeigt, ist die dicke, feuchte Luft, die so still ist, daß man das Licht ohne Glocke brennen lassen könnte. Manchmal weht ein Lüftchen, aber so schwach, daß man es nur an den Bewegungen des Tabakrauches merkt. Man trinkt in einem fort von dem gekühlten, kohlensäurehaltigen Wasser, das wenigstens einen Augenblick lang erquickt.

Mai, August und September gelten als die schlimmsten Monate in Bagdad; besonders der Mai ist furchtbar infolge der schweren, drückenden, feuchten, unbeweglichen Luft.

Im Juni und Juli steigt das Thermometer zwar höher, zuweilen bis zu 50 Grad Celsius. Aber diese Hitze ist trocken und wird von erfrischenden Winden gemildert. Die höchste Gradzahl, die ich im Mai erlebte, war 42 Grad Celsius. Im August begibt sich alles, was dazu in der Lage ist, Eingeborene wie Europäer, nach Gärten und Palmenhainen unterhalb Bagdads und wohnt in luftigen Zelten am Ufer des Tigris. Wer in der Stadt arbeitet, läßt sich des Morgens nach Bagdad hinaufrudern und fährt am Abend nach den Zelten zurück. Diese Sommerfrische dauert bis Anfang November. Dann ist die Hitze vorüber, und der regnerische, oft ziemlich kalte Winter zieht ein. Der Winter 1915/16 brachte Bagdad sogar mehrere tüchtige Schneefälle.

Daß bei solchem Klima die gesundheitlichen Verhältnisse Bagdads nicht sonderlich günstig sind, läßt sich denken. Die gewöhnlichen Krankheiten sind Ruhr, Dysenterie, Cholera, Typhus, Flecktyphus und Malaria, dazu eine Reihe zum Teil neu entdeckter tropischer Fieber und ein eigentümliches Herzleiden, über das sich die Ärzte noch nicht im klaren waren. —

Strand in Bagdad.
Schlafplätze auf den Dachterrassen von Bagdad.

Statt sich an die Hitze zu gewöhnen, wird der Europäer, wie mir versichert wurde, mit jedem Jahr dafür empfindlicher. Den ersten Sommer erträgt er leicht; er erinnert sich der abschreckenden Beschreibungen der infernalischen Glut, sieht ihrem Herannahen mit einigem Bangen entgegen und ist erstaunt, daß er dies Fegefeuer so leicht übersteht. Der zweite Sommer macht schon empfindlicher und reizbarer, im dritten wird man schlaff und willenlos, und der vierte ist eine Qual. Dehnt sich der Aufenthalt länger aus, so wird man wohl schließlich Orientale; die Beduinen schützen nur Kopf und Hals durch ein leichtes Tuch vor den brennenden Sonnenstrahlen und können hundert und mehr Kilometer zurücklegen ohne andere Nahrung als eine Handvoll Datteln und etwas Wasser aus dem mitgeführten Lehmkrug. Der Europäer überspringt am besten einen Sommer und zieht sich in seine Heimat, nach dem Libanon oder dem Himalaja zurück.

Türkische Köche im Lazarett des englischen Konsulats.

Die Stunde wirklichen Behagens schlägt erst, wenn man sein Bett auf dem Dache aufsucht. Eilig wirft man die Kleider ab und kriecht vorsichtig unter das Mückennetz, dessen Kanten sorgfältig unter die Matratze gestopft werden. Im Mai bringt aber selbst die Nacht nicht immer Linderung. Man liegt da und krümmt sich wie in einem Dampfbad. Man schläft splitternackt, aber unerreichbar den Mücken und Moskitos, die das Netz umsummen, und sieht die ewigen Sterne zu seinen Häupten blitzen. Eine Weile liegt man wach und lauscht den Stimmen der Nacht. In einem Nachbargrundstück unterhält sich ein Mann mit seiner Frau; vom Tigris her klingen taktfeste Ruderschläge eines späten Bootes, sie kommen näher, gehen vorüber und verstummen in der Ferne. Ab und zu hört man die Flügelschläge eines Nachtvogels oder die melodischen Phantasien einer Nachtigall. Die Schwalben schlafen in ihren Nestern; in den heißesten Stunden des Tages pflegen sich etwa fünfzig in den Zweigen eines großen Maulbeerbaumes auf unserem Hof im Schatten niederzulassen, um am Abend wieder auszufliegen. Wenn sie von der Hitze ermattet ganz still sitzen, sind sie ein wunderhübsches japanisches Gemälde. Jetzt beginnt ein Hund zu bellen, andere erwidern, und plötzlich geht ein Geheul wie eine Woge über die Stadt und weckt ein Echo am andern Ufer. Dann läßt es nach, hört ebenso plötzlich auf, und Stille breitet sich wieder über Bagdad. Keine Turmuhr verkündet hier den Gang der Stunden, die Kirchenglocken fehlen ja. Aus der Ferne tönt nur hin und wieder das schallende Gelächter der Schakale herüber.