Stockholm, 7. Mai 1917.
Wer dieses Buch in der Erwartung zur Hand nimmt, eine ausführliche Schilderung des Anteils der Türkei am Weltkrieg zu finden, wird schon, ehe er bis Bagdad gekommen ist, enttäuscht ausrufen: Aber das ist ja kein Kriegsbuch! Das ist ja nur eine Reisebeschreibung!
Er hat vollkommen recht. Nicht der Krieg lockte mich zu neuen Abenteuern. Davon hatte ich an den europäischen Fronten genug gesehen. Diesmal sehnte ich mich vor allem danach, die Weltreiche des Altertums, Assyrien und Babylonien, und die Ergebnisse der modernen Forschung auf diesem ehrwürdigsten Boden der Erde kennen zu lernen. Ich wollte die altberühmten Städte sehen, die der Spaten der Archäologen jetzt aus vieltausendjährigem Schlummer geweckt hat.
Den Leser an der überreichen Fülle meiner Eindrücke teilnehmen zu lassen, ist die vornehmste Aufgabe dieses Buches. Bald aber wird er merken, daß meine Reise in kriegerischer Zeit vor sich ging. Er hört den Schritt marschierender Soldaten und sieht deutsche Batterien in türkischen Diensten den königlichen Euphrat hinabfahren. Der Kanonendonner von Kut-el-Amara dringt an sein Ohr, und ich kann ihm einige Mitteilungen über den Vormarsch der Engländer in Mesopotamien nicht ersparen. Doch diese Gegenwartsbilder ziehen nur flüchtig vorüber vor dem machtvollen Hintergrund des Altertums.
Den Kampf der Osmanen gegen Rußland kann ein Schwede nicht aufmerksam genug verfolgen. Denn er berührt die Zukunft seiner Heimat näher, als viele meiner Landsleute zugeben wollen. Bisher war Rußland auch unser Erbfeind — die nächste Zukunft wird zeigen, ob der jetzige Umsturz den Erbfeind in einen Freund verwandelt hat. Seit Karl XII. den Europäern die Augen für die moskowitische Gefahr öffnete und die Vernichtung des slawischen Großstaates als das unumstößliche politische Ziel seiner Nachbarn bezeichnete, haben Schweden und die Türkei das gleiche Lebensinteresse gehabt. Der Sieg des einen war auch des andern Vorteil, die Niederlage des einen auch der Schaden des andern. Schwedens Mißgeschick gab den russischen Zaren stets die Hände im Süden frei. Türkische Niederlagen sicherten ihnen den Rücken vor gefährlichen Feinden, wenn sie es für angebracht hielten, ihre Aufmerksamkeit auf unsre Grenzen zu richten.
Das Gemeinsame in den politischen Bedürfnissen Schwedens und der Türkei hat dennoch nicht vermocht, sie zu förderlicher Zusammenarbeit zu vereinen, nicht einmal da, wo es nur die Abwehr galt. Und doch hat die geographische Lage beider, die die Flanken des moskowitischen Reiches umfaßt, jedem von ihnen mit oder gegen seinen Willen eine außerordentlich wichtige Rolle aufgezwungen. Schweden hält Rußland vom Meere ab und sperrt seine Verbindungen mit Westeuropa. Das bisherige Rußland — unter dem Zepter des Zaren — hat unser bloßes Dasein stets als einen erstickenden Druck empfunden; die Lehren des Weltkrieges haben diese Wahrheit nur bestätigt. Rußlands auswärtige Politik will diese Fesseln sprengen. Andrerseits kann die künftige Sicherheit Schwedens und der Türkei zu keinem billigeren Preise errungen werden, als durch Verwirklichung der Pläne Karls XII.! Denn die neue Staatsform, mit der Rußland soeben die Welt überrascht hat, gibt keinerlei Bürgschaft für die Zukunft. Nichts könnte törichter sein, als blind auf ihren Bestand zu vertrauen!
Die Stellung der Türkei zur westeuropäischen Frage im modernen Sinn ergab sich, als die Moskowiter ohne historisches Recht den Weg nach dem Bosporus und den Dardanellen einschlugen und ohne Umschweife erklärten, ihr Ziel sei „Zarigrads (Konstantinopels) Befreiung“! Zur selben Zeit wollte Karl XII. alle Kräfte sammeln zum gemeinsamen Kampf gegen einen Feind, dessen Charakter und Entwicklungsmöglichkeiten er wie kein andrer vor oder nach ihm mit prophetischem Blick durchschaute. Vergebens aber rief er Schweden, Polen und Türken auf. Sein Plan kam nicht zur Ausführung, nicht zum wenigsten weil westeuropäische Mächte den Russen Helferdienste leisteten. Nach Karls XII. Tode war Schweden wie Polen und die Türkei durch innere Zwistigkeiten geschwächt, die Rußland und England — damals wie jetzt in brüderlicher Eintracht — anfachten und schürten. Polen verschwand. Schweden wurde einstweilen durch Gustav III. gerettet. Den Türken aber öffnete der verhängnisvolle Vertrag von Kütschük-Kainardschi (1774) die Augen über die dunklen Pläne, die schon Zar Peter der Große im Schilde führte. Damals schon begann der Marsch über türkische Gebiete, die dem Vordringen Rußlands nach dem Mittelmeer im Wege lagen.
Der Plan der Entente, die Mittelmächte in dem jetzt tobenden Weltkrieg zu zerschmettern, hat seine Wurzeln in der Balkanhalbinsel. Über das Ziel der Russen waren die Osmanen im klaren: sie wußten, daß sich England und Rußland, um ihre Absicht durchzusetzen, über türkisches Gebiet hinweg die Hand reichen mußten, und daß alles aufgeboten werden sollte, sich freie Bahn zu erzwingen. Für beide Teile handelte es sich also um einen Kampf auf Leben und Tod. Als daher die Hohe Pforte vor der Wahl stand: Krieg oder Untergang? gab es für sie kein Bedenken mehr. Zum erstenmal nach zweihundert Jahren lebten Karls XII. Gedanken wieder auf, und aufs neue erhob sich das Ziel, an das er Schwedens ganze Kraft gesetzt hatte. Diesmal waren auch die Nachbarn im Westen auf dem Posten. Nur Karls XII. eigenes Land fehlte in der Reihe — vom Geist des Eisenkopfs war bei den Nachkommen seiner Helden wenig mehr zu spüren. Immerhin wirkte Schweden durch seine geographische Lage.
Tatsächlich hatten die Türken keine andere Wahl, wenn sie am Leben bleiben wollten. Die neutrale Türkei hätte dasselbe tragische Schicksal getroffen wie das verfolgte, ausgehungerte, erwürgte Griechenland, dessen einziges Verbrechen war, daß es dem weltzerfleischenden Kampfe fernbleiben wollte. Dann hätte Konstantinopel jetzt eine russische und englische Besatzung, wie sich Athen der englischen und französischen erfreut.
Hätte sich der Türkei im Laufe des Weltkriegs jemals eine Spur von Zweifel oder Ermüdung bemächtigt, so sorgte der russische Ministerpräsident Trepow in seiner Dumarede vom 2. Dezember 1916 dafür, daß sie aufs neue zu eisernem Widerstand zusammengeschmiedet wurde. Er gestand nämlich, eine mit Großbritannien, Frankreich und Italien im Jahr 1915 geschlossene Übereinkunft habe „definitiv Rußlands Recht auf die Meerengen und auf Konstantinopel festgestellt“. Sein oder Nichtsein stand also für die Türken auf dem Spiele.
Wer nun geglaubt hat, das neue Rußland werde auf solche Kriegsziele verzichten, erlebte eine große Enttäuschung. Die erste Revolutionsregierung wenigstens verharrte bei dem Anspruch auf die Dardanellen und Konstantinopel, und der Minister des Äußeren Miljukow übernahm in unveränderter Form den „russischen Reichsgedanken“, den Trepow in die Worte gefaßt hatte: „Die Schlüssel zum Bosporus und zu den Dardanellen, Olegs Schild über dem Tor Konstantinopels — das ist der Jahrhunderte alte innerste Traum des russischen Volkes zu allen Zeiten seines Daseins.“
Die junge Türkei hatte also Grund genug, dem Umschwung der Dinge in Rußland, den sie — selbst ein Kind der Revolution — an sich mit Befriedigung begrüßt hatte, größtes Mißtrauen entgegen zu bringen. Als unlängst der Großwesir Talaat Pascha der Presse seine Gedanken darüber mitteilte, tat er das mit den wohlüberlegten Worten: „Wir sehen indes mit Bedauern, daß der Gedanke der Revolution von aggressiven Absichten durchaus nicht frei ist. Miljukows ‚ehrenvoller‘ Friede setzt eine Lösung der türkischen Frage zugunsten Rußlands voraus! Ob die russischen Liberalen diese alte Lehre von Angriff und Feindseligkeit billigen, wissen wir nicht. Wenn aber das russische Volk das verhängnisvolle Erbe des Zarismus als Richtschnur nimmt, dürfte es zwecklos sein, von Frieden zu reden.“ —
Was hat im übrigen die Türkei dadurch gewonnen, daß sie unerschütterlich den Kurs beibehielt, den sie bei Beginn des Krieges einschlug? Nun, sie hat ihr eigenes Dasein für eine Zeitspanne gesichert, deren Weite wir noch nicht überblicken können. Indem sie die Verbindung zwischen Rußland und England verhinderte, hat sie wirksam zum Zusammenbruch des Zarenreichs beigetragen. Rußlands Kraft ist in Auflösung begriffen — kein Staat kann zu gleicher Zeit mit Erfolg Krieg führen und eine Revolution durchmachen. In diesem ungeheuern Kampfe, der nun seinem Ende zugeht, können die Moskowiter die Osmanen nicht mehr aufs Knie zwingen. Auch die zufällige Überlegenheit Englands in Mesopotamien wird daran nichts ändern. Denn die Entscheidung des Weltkriegs fällt auf den Schlachtfeldern Europas; außerdem erzittert das englische Weltreich selbst in seinen Grundfesten. Der Dienst, den die Türkei indirekt Deutschland geleistet hat, muß daneben auch in Anschlag gebracht werden. Großbritanniens Zusammenschluß mit Rußland über die Dardanellen und den Bosporus hinweg war eine der Voraussetzungen für die Zerschmetterung Deutschlands. Bei Gallipoli wurde dieser Traum zuschanden.
Die russische Revolution verlief anders, als Englands Selbstsucht erwartet hatte. Damit war eine der letzten Karten ausgespielt — es gelang England nicht wie einst im Jahre 1808, Rußland auf Kosten anderer zu kaufen. Jetzt ist es zu spät! Die Legionen Großbritanniens verbluten vergeblich an der deutschen Westfront, immer drohender erhebt sich das Gespenst des Hungers aus den Wogen des Atlantischen Ozeans. Der Sturz des russischen Zaren besiegelte Englands Mißerfolg und entschied den Ausgang des Weltkrieges! Deutschland rechnet nicht mehr mit den Slawen, sie sind matt gesetzt. Das Riesendrama, das schon drei Jahre lang über die Weltbühne geht, beginnt seinen letzten Akt. Wir haben erlebt, wie Königreiche vernichtet, Kronen in Stücke zerschlagen und Verfassungen zerrissen wurden. Überall gärt es, auch in neutralen Ländern, die jetzt in der Stunde der Entscheidung besser täten, ihre Ruhe zu bewahren.
Mitten in diesem hoffnungslosen Durcheinander steht Deutschland unerschütterlich fest, wie der Fels im aufgewühlten Meer. Die Sturmwogen, die von allen Seiten hereinbrechen, zerschellen an seinen Klippen zu Schaum. Habt acht! Der Vorhang rauscht zum letzten Male empor. Hindenburg tritt auf. Dann wird die gewaltige Kampfgruppe, die seit dem Feldzug gegen Rumänien zu einer in der Weltgeschichte unerhörten Vollkommenheit ausgebildet wurde, ihre Ernte einbringen. Der Krieg wird zur Ruhe gezwungen werden. Frieden soll wieder auf dieser gemarterten, zerfleischten, vergrämten Erde herrschen! Stark und mächtig wird Deutschland der neuen Zeit entgegengehen. Dann darf auch das osmanische Volk des Dankes gewiß sein für seine ehrenvolle Teilnahme am Freiheitskampf der Germanen.