Beduinenzelt am Euphratufer.

Sechstes Kapitel.
Unter Nomaden und armenischen Flüchtlingen.

Wenn Sturm oder Gegenwind mich zwangen, auch am Tage den Schutz steiler Uferwände aufzusuchen oder am Lande festzumachen, gaben mir diese meist unfreiwilligen Aufenthalte, die meine Geduld auf harte Proben stellten, gleichwohl willkommene Gelegenheit, meinen Proviant zu vervollständigen und dabei das Leben der Nomaden an den Ufern des Euphrat aus nächster Nähe kennen zu lernen.

Gleich am zweiten Tage der Stromfahrt mußten wir bei dem Zeltdorf Hammam längere Zeit liegen bleiben, und in Begleitung Kerits, der als arabischer Dolmetsch diente, und des Gendarmen Mahmud begab ich mich zu den zwanzig schwarzen Zelten am Fuß der Uferhöhe, die das Dorf bildeten. Drei halbwilde Hunde empfingen uns, die Einwohner selbst aber verschwanden wie Ratten in ihren Zelten. Fürchteten sie sich vor uns? Ja, erklärte Mahmud, „sie halten uns für Werber, die Rekruten sammeln“. Und mit dieser Vermutung schien er recht zu haben. Denn als ich auf das vornehmste Zelt, das des Häuptlings, zuging, traten mir zwei Araber in offenbarer Bestürzung entgegen, und diese wich erst, als sie hörten, daß wir nichts anderes im Schilde führten, als Eßwaren zu kaufen. Sie waren vom Stamm der Beni-Said-Araber, die in dieser Gegend sechzehn Dörfer hatten. Die Männer trugen weiße, weite Beinkleider, über den Schultern bunte Mäntel und auf den Köpfen schwarze Lappen, die von zwei weichen Ringen auf dem Scheitel festgeklemmt wurden. Auf Kissen und zerlumpten Matten saßen fünf würdige Weißbärte inmitten des großen länglichen Zeltes und rauchten Nargileh und Zigaretten, die sie selber drehten. Mit vornehmer Lässigkeit erhoben sie sich und luden mich ein, unter ihnen Platz zu nehmen. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten und uns gegenseitig mit gleichem Interesse angestaunt hatten, brachte ich mein Anliegen vor: ob sie uns Eier und saure Milch verkaufen wollten? Erst machten sie Schwierigkeiten und versicherten, sie brauchten ihren kärglichen Vorrat selber; die verführerischen Töne einiger türkischer Silbermünzen lockten aber bald die Frauen aus ihrem Versteck hervor. Ich tat natürlich so, als sähe ich sie gar nicht, sondern widmete meine ganze Aufmerksamkeit dem, was sie herbeischafften. Hier kam eine mit zwei, dort eine mit fünf, eine dritte mit einem ganzen Haufen Eier; ich kaufte fünfzig und bezahlte für je drei den verlangten Preis von zwei Metalliks. Andere brachten Milch und Joghurt in Büchsen, und es zeigte sich bald, daß die Leute viel mehr entbehren konnten, als wir brauchten.

Nomadenfrauen bei Hammam.
Beni-Said-Araber.

Der Frauen anfängliche Scheu war nach Abschluß des Handels spurlos verschwunden, und ich konnte nun sie und ihre grellfarbige, malerische Kleidung mit Muße betrachten. Ihre dunkelblauen Mäntel, die gewöhnlich ein bauschiger Stoffgürtel um den Leib hielt, waren nach vorn zu offen und ließen ein rotes oder weißes westenartiges Unterkleid vorschimmern. Füße und Arme waren frei. Die Armgelenke zierten hübsche Silber- oder Messingringe, den Hals wertlose Perlenschnüre. Ihr Haar war in starke Zöpfe geflochten, und um den Scheitel schlangen sich schwarze Turbanschleier. Alle Frauen hatten die Unterlippe blaugrün bemalt, ebenso das Kinn. Diese Bemalung entstellte sie keineswegs, im Gegenteil vermittelte das kräftige Blaugrün vortrefflich das Dunkelblau der Mäntel mit dem bronzenen Braun der Gesichter. Woher diese Sitte? Auf diese Frage antworteten sie nur: „Das ist bei uns von altersher so Brauch.“ Einige Frauen trugen kleine braungebrannte Kinder auf dem Rücken oder an der Brust. Unter den jüngeren fielen mehrere durch echte, ungepflegte Wüstenschönheit auf.

An den weiten Ufern des Euphrat genießen diese Nomaden eine unbegrenzte Freiheit. Wenn die Steppe rings um das Dorf abgegrast ist, ziehen sie mit Zelten und Herden zu neuen Weidegründen. Sie starren von Schmutz und Ungeziefer, Frauen wie Männer, und ihre buntscheckige Kleidung ist verschlissen und zerlumpt, voller Flecken von Fett und Schafblut und vom Ruß des Lagerfeuers geschwärzt. Das kümmert sie nicht. Abgehärtet von Wind und Wetter fühlen sie sich stark und gesund; ihre Bedürfnislosigkeit macht sie leichten und frohen Sinnes; doch der Neugier huldigten sie mit naiver Unbefangenheit, und selbst die Kinder waren uns wildfremden Gästen gegenüber gar nicht blöde; Knaben und Mädchen sprangen übermütig aus und ein und trieben ihren Scherz mit uns. Fähren wie die meinige sahen sie ja alle Tage vorbeitreiben; höchstens daß ihnen solch eine Hütte darauf neu war. Mehrfach schon hatte sie spielenden Knaben als Zielscheibe für ihre Schleuder gedient, und die kleinen barfüßigen Mädchen am Strande pflegten ohne Schüchternheit nach dem Woher und Wohin unserer Fahrt zu fragen. Nur einmal, bei dem Dorf Sedschere, am 15. April, machten wir Aufsehen und störten sogar ein Leichenbegängnis: das ganze Gefolge überließ den Toten sich selbst und eilte ans Ufer, um uns vorüberfahren zu sehen.

Die Zelttücher der Nomaden sind aus grober, schwarzer Ziegenwolle; sie ruhen auf mehreren in einer Reihe aufgestellten, senkrechten Stangen, fallen nach beiden Seiten ab und sind mit Stricken festgemacht. Ringsum ist das Zelt mit Reisigbündeln umgeben, die als Brennmaterial benutzt und immer erneuert werden. Das Innere ist durch Wände von Schilfmatten in verschiedene Räume eingeteilt. Der vornehmste, das Empfangs- und Konversationszimmer, liegt in der Mitte, links der Stall für Schafe und Kälber, rechts Vorratsraum und Küche. Dort bereitete eine alte Frau in einem Topf über dem Feuer das erfrischende Getränk „Airan“ aus Wasser und gegorener Milch. Die Milch wird in Ziegenfellen aufbewahrt, die an den Zeltstangen hingen. Milch und Brot ist die Hauptnahrung dieser Nomaden; seltener wird ein Schaf aus der Herde geopfert. Mit diesem ihrem Reichtum sind sie sehr sparsam, wie ich am nächsten Tage erfahren sollte.

Sale, ein Lamm an der Brust haltend.

Die Abenddämmerung hatte meiner Arbeit ein Ziel gesetzt, und ich ließ meine Fähre bei drei schwarzen Zelten am linken Ufer halten. Ihre Bewohner kamen uns entgegen und begrüßten uns auf europäische Art durch Handschlag. Wir folgten ihrer Einladung und ließen uns in einem der Zelte im Kreise um das Feuer nieder, das mit stachligen Rasenstücken genährt wurde, die draußen aufgehäuft waren. So oft ein neuer Arm voll in die Glut geworfen wurde, flammte die Lohe hoch empor und beleuchtete prächtig diese Kinder der Wüste, die wettergebräunten Hirten, die dunkelblauen Trachten der Weiber und das zerlumpte Durcheinander der lärmenden Kinder. Sie waren vom Stamme al-Murat; ihre Nachbarn auf dem anderen Ufer gehörten zum Stamm der Bobani. Der Winter 1915/16, erzählten sie, sei sehr hart gewesen, und es sei reichlich Schnee gefallen; vor fünf Jahren habe das Flußeis sogar Menschen und Tiere getragen. Unsere neugierigen Wirte wurden nicht müde, sich über unseren Besuch zu wundern, uns anzustarren und auszufragen, und als ich am Abend in meiner Hütte Tee trank, leisteten sie mir vom Ufer aus Gesellschaft. Ich kaufte von ihnen weiches Brot und Joghurt, aber ein Fettschwanzschaf wollten sie nicht herausrücken, d. h. sie verlangten dafür 150 Grütsch oder anderthalb türkische Pfund (fast 30 Mark), einen drei- oder viermal zu hohen Preis, der jeden Handel unmöglich machte.

Araberinnen vor einem Zelt.

Zwei Tage später hatte ich damit mehr Glück. Wir waren beim Dorfe Dibse vorübergefahren, dessen Ruine auch unter dem Namen El-Burdschi, d. h. die Burg, bekannt ist. Hier lag in alter Zeit die berühmte Stadt Thapsacus, die ehemals die Ostgrenze des Salomonischen Reiches bezeichnete (1. Buch der Könige, 4, 24). Gleich oberhalb des Ortes ist noch heute eine Kamelfurt, durch die seinerzeit der jüngere Cyrus und Alexander der Große den Euphrat überschritten. Hinter Dibse waren wir an einer Stelle gelandet, die den Namen Oasta führte. Hier wohnten die Araber des Oäldästammes. Ihnen gegenüber sollen die Hamidije-Araber ihre Weideplätze haben, und weiter abwärts am rechten Ufer folgt der Stamm Hamed-el-Feratsch. Hochgewachsene Männer in braun- und weißgeränderten, sackähnlichen Mänteln empfingen uns mit dem Gruße „Salam“. Sie erwarteten das diesjährige Hochwasser erst in vierzehn Tagen; nach zwei Monaten schrumpfe dann der Fluß zur Bedeutungslosigkeit zusammen. Ihre Schafherden scheren sie Mitte Mai; dann kommen die Händler von Aleppo hierher, um die Wolle aufzukaufen. Für klingendes türkisches Silber erstand ich hier ein prächtiges Fettschwanzschaf; einer der Araber zog sofort blank und schnitt mit einem Hieb die Weichteile bis zu den Halswirbeln durch, daß das Blut über das Gras spritzte. Kerit tauchte die Hand in das rauchende Blut und malte ein paar breite, rote Streifen über das Vorderteil der Fähre — jedenfalls ein uralter Opferbrauch, der die unheimlichen Mächte des Wassers besänftigen und den Schiffern eine glückliche Fahrt schenken soll. Mit sicherer Hand zog der Araber das Schaf ab, entfernte die Eingeweide und zerschnitt kunstvoll das Fleisch; Fett, Niere, Herz und Leber wurden für sich gelegt. Die Fleischstücke ließ ich an der Hinterwand meiner Hütte aufhängen, mit Ausnahme derer, die zum abendlichen Gastmahl meiner Besatzung bestimmt waren.

Araber am Euphrat.

Nachdem die uns begleitenden Araber zu ihren Zelten zurückgekehrt waren, machten meine Leute am Ufer Feuer, und nun begann ein emsiges Kochen und Schmoren. Für mich wurden die Schafsnieren am Spieß über der Glut gebraten. Jede Schafschlachtung ist in Asien ein festliches Ereignis. Die Männer bleiben länger als gewöhnlich sitzen, verzehren unglaubliche Mengen Fleisch, plaudern und singen und schweigen bloß, so lange sie essen. —

Neben den schwarzen Zelten der Araber zeigten sich an den Ufern des Euphrat oft Hunderte weißer Zelte. Das waren die Lager der armenischen Flüchtlinge. Mehrfach war ich diesen Unglücklichen schon begegnet, wenn ich tagsüber oder am Abend an Land ging. Einmal, in der Nähe der Festung Dschabar, hatte ich eine Schar von ihnen, meist Frauen und Kinder, die auf dem Wege nach Der-es-Sor und Mosul waren, mit allem bewirtet, was sich an Brot, Eiern und Fleisch an Bord meiner Fähre fand. Genauer lernte ich ihr Elend erst kennen, als ich am 18. April das Städtchen Rakka erreichte, das am Fuß einer isolierten, fünfgipfligen Gebirgspartie liegt.

Zwischen Inseln hindurch, die bald aus Schlamm bestanden, bald mit Gras bewachsen oder mit Flugsanddünen bedeckt waren, näherten wir uns dem größten Ort, den ich bisher am Euphrat angetroffen hatte. Bei Rakka erreicht eine Karawanenstraße von Urfa her den Strom, der hier sehr breit ist und so gerade läuft, daß die Ufer keine Erosionsterrassen haben. Diese entstehen nur bei Windungen, wo der beständige seitliche Druck des Wassers sie bildet. Auf dem rechten Ufer weidete eine Herde von etwa hundert Kamelen; wahrscheinlich war sie für die Transportkolonnen bestimmt, die die Verbindung mit der mesopotamischen Front aufrechterhielten.

Am linken Ufer waren zahlreiche Frauen bei der Wäsche beschäftigt, während Kinder im Wasser planschten, und Sakkas, Wasserträger, ihre Ledersäcke füllten und auf Eseln nach der Stadt beförderten, die einzige Wasserleitung, die Rakka besitzt.

Armenische Flüchtlinge bei meiner Fähre.

Mohammed und Hussein blieben bei der Fähre als Wache, während Mahmud, das Gewehr am Riemen über der Schulter, und Kerit mich nach der Stadt begleiteten. Sie liegt zwölf Minuten vom Ufer entfernt, damit das Hochwasser, dem das flache Land ausgesetzt ist, nicht bis zu den Häusern dringt.

Mein Ziel war das Amtszimmer des Kaimakam. Gendarmen empfingen uns am Tor und führten uns über den inneren, viereckigen Hof die Treppe hinauf zu einer Galerie oder Veranda und von dort in das Empfangszimmer des Gouverneurs. Es war mit einfachen Matten belegt und mit Sofas und Stühlen möbliert. Viele Besucher warteten, Militärs und Zivilisten. Der Kaimakam, ein alter Mann mit weißem Vollbart, klobiger Nase, freundlich träumerischen Augen und rotem Fes, saß vor einem mit Bergen von Briefen und Akten beladenen Schreibtisch. Sein Dolmetsch stand daneben wie ein angezündetes Licht.

Nachdem der Kaimakam meinen türkischen Paß durchgesehen, sich über meine Reisepläne unterrichtet und mir die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz mitgeteilt hatte, bat ich um die Erlaubnis, Antiquitäten von Rakka kaufen zu dürfen. Die kleine Stadt, die jetzt zum großen Teil von ihrem Handel mit den in der Umgegend wohnenden Anese-Arabern lebt, liegt auf dem Platz, wo ehemals die alte Festung Nicephorium stand. Als Avidius Cassius im Jahre 164 n. Chr. gegen das Partherreich vorrückte, fand er an der Euphratlinie hartnäckigen Widerstand, doch konnten Europus, Nesibin, selbst die Hauptstadt der Parther, Ktesiphon, und viele andere Städte, darunter die Feste Nicephorium, der überlegenen Kriegskunst der Römer nicht widerstehen. Rakka ist auch dadurch berühmt, daß der Kalif Harun-er-Raschid hier den Sommer zu verbringen pflegte. Meinem Wunsch nach Altertümern durfte übrigens der Gouverneur nicht stattgeben, da die Ausfuhr verboten ist.

Hauptstraße in Rakka.

Während ein alter Offizier mit dem Kaimakam eilige Geschäfte erledigte, unterhielt ich mich mit dem französischen Dolmetscher. Er war ein Armenier aus Konstantinopel und mit einer großen Schar von Landsleuten über Aleppo und Meskene nach Rakka gekommen, wo sie seit sechsunddreißig Tagen festgehalten wurden. Wir sahen ihre Zelte am rechten Stromufer, das von Frauen und Kindern wimmelte. Man schätzte ihre Zahl auf 5000; sie waren aus Gegenden an der kaukasischen Front ausgewiesen worden. Der Dolmetsch, der ein treffliches Französisch sprach, hatte dem Kaimakam seine Dienste angeboten und war sofort angestellt worden.

Vor zwanzig Tagen, erzählte er mir, sei ein deutscher Offizier auf einem Schahtur angekommen und habe um die Erlaubnis gebeten, an die ärmsten Armenier 30 Pfund in Silber austeilen zu dürfen; der Kaimakam sei selber bei der Verteilung zugegen gewesen. Auf meine Bitte, dem Beispiel des Deutschen folgen zu dürfen, erwiderte aber der Kaimakam, er sei für das Angebot herzlich dankbar und habe an sich nichts dagegen. Aber er habe vom Wali in Urfa gerade ein Telegramm erhalten, das verbiete, ohne dessen Erlaubnis Gaben an die Ausgewiesenen zu verteilen.

Ich suchte nun den Basar auf, um meinen Proviant mit Brot, Käse, Apfelsinen und Salz zu bereichern. Ein armenischer Arzt aus Eriwan, der seit vielen Jahren in Rakka ansässig war, begleitete mich durch die staubigen Straßen der langweiligen Kleinstadt. Nach seiner Versicherung zählte die armenische Kolonie von Rakka gegen anderthalb Tausend Personen.

Auf unserem Wege folgte uns ein Heer armer Kinder und Frauen auf den Fersen, lauter Armenier, und als ich an einem Bäckerladen vorüberkam, auf dessen Tischen große Haufen frischer, runder Brote aufgestapelt lagen, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, den ganzen Ladeninhalt aufzukaufen und an die Hungernden zu verteilen. Sie stürmten von allen Seiten auf mich ein, stießen sich, schrieen, fielen zu Boden, traten aufeinander und zerrten an meinen Kleidern, um nur ihres Anteils nicht verlustig zu gehen, dann zerstreuten sie sich, jeder mit seinem Fang zufrieden. Es war eine Herzensfreude sie essen zu sehen, und mit schmerzlicher Teilnahme dachte ich an die Fünftausend, die auf dem anderen Ufer verschmachteten. Aber wenn ich auch alles, was ich hatte, an die Ärmsten verteilte — für so viele hätte es doch nicht entfernt gereicht.

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Holoß Bachmakdjan, 14jährige Armenierin aus Erserum.

Die Verfolgungen der Armenier, vor allem die Grausamkeiten gegen unschuldige Frauen und Kinder, gehören zu den dunkelsten Kapiteln des Weltkrieges. Sie übertrifft nur die Grausamkeit, mit der zwei Millionen in Rußland ansässiger Deutschen bei Kriegsausbruch in die Pesthöhlen Sibiriens verschleppt wurden, um dort das Schicksal der unglücklichen Opfer aus Ostpreußen zu teilen. Was aber die Engländer über die armenischen Massaker in die Welt hinausposaunen, ist ungeheuer übertrieben und fordert den Widerspruch heraus. In seiner Oberhausrede vom 6. Oktober 1915 behauptet Lord Bryce, die Türkei wolle ihre nichtmohammedanische Bevölkerung ausrotten, weil sie die Einheit des Staates störe und sich nicht immer der Unterdrückung füge. Die Türkei zählt über 21 Millionen Einwohner; mehr als ein Viertel davon sind Christen und Juden. Die Juden, die fast eine Million zählen, haben von den Türken nichts auszustehen gehabt, im Gegensatz zu Rußland, wo sie der empörendsten Verfolgung ausgesetzt waren, und die Christen in Syrien und anderen Teilen der Türkei leben mit den Herren des Landes in gutem Einvernehmen, sind wenigstens während dieses Krieges in keiner Weise von ihnen behelligt worden. Die Armenier bilden nur etwa den vierten Teil der gesamten Christenheit des türkischen Reichs.

Lord Bryce leugnet, daß sich die Armenier jemals ungesetzlich gegen ihre Regierung gezeigt hätten. Aber eine Broschüre von Arnold J. Toynbee in Oxford, die eben jene Rede des Lords enthält, versichert, daß 250000 Armenier über die russische Grenze desertiert seien, die jetzt „die einzige Hoffnung und Stütze der armenischen Rasse“ bildeten! Die 750000 Armenier, die (nach einer andern Stelle derselben Broschüre!) in Transkaukasien leben und russische Untertanen sind, gehören wohl nicht zur armenischen Rasse? Nach der zuverlässigsten Bevölkerungsstatistik von Armenien in „Petermanns Mitteilungen“ (42. Bd. 1896) sind es sogar 958000. Lord Bryce will nur von „vereinzelten“ Deserteuren gehört haben und behauptet, das Freiwilligenkorps, das zu Anfang des Krieges dem russischen Heer so wertvolle Dienste leistete, habe nur aus russischen, im Kaukasus wohnenden Armeniern bestanden. Darüber können nur die türkischen Behörden zuverlässige Aufklärung geben. So harmlos, wie der Lord sie schildert, haben sich die Armenier bei früheren Gelegenheiten nicht erwiesen, weder im türkischen noch im russischen Asien. Die Massaker des Jahres 1896 verursachte der wahnsinnige Versuch der Armenier, die Ottomanische Bank in Konstantinopel zu stürmen, und das Blutbad, das 1903 die Tataren in Baku unter den Armeniern anrichteten, war die Folge der politischen Morde, die letztere an russischen Beamten verübt hatten. Die Tataren glaubten, sich durch Hinschlachtung der Armenier einen Dank von Rußland verdienen zu können; dieses ließ sie auch gewähren, und als es endlich eingriff, waren die Greuel schon vorüber. Als ich Ende November 1905 in Nachitschewan weilte, hatten die Armenier, wie ich in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ (1. Bd., S. 95 f.) berichtet habe, im Tatarendorf Ikran vierzig Männer, Frauen und Kinder niedergemacht, und in Nachitschewan selbst war ein Tatar von ihnen erschossen worden, als er unter freiem Himmel sein Abendgebet verrichtete. Darauf töteten die dortigen Tataren einen Armenier, und nun ging die Blutrache weiter.

Lord Bryce ist zweifellos ein Ehrenmann — so are they all, all honourable men! Aber was er von den schrecklichen Grausamkeiten bei Räumung des kaukasischen Kriegsgebiets vor der Besetzung durch die Russen erzählt, stimmt schlecht zu den übrigen Angaben der genannten Broschüre. 800000 Armenier, sagt Lord Bryce, hätten bei dem Transport nach südlicheren Gegenden den Tod gefunden. In der Broschüre aber heißt es (S. 15 der dänischen Übersetzung) von den 1200000 Armeniern des türkischen Reichs sei gut wie die Hälfte „systematisch niedergemetzelt“ worden. Wenn nun wirklich 250000 nach Rußland flohen und die Hälfte der Zurückbleibenden getötet wurde, so ergäbe das etwa 475000, aber keineswegs 800000! Ganz abgesehen davon, daß 5000 sich nach Port Said retteten und zahlreiche in türkischen Diensten blieben. Allein aus der Stadt Mersina sollen nach Lord Bryces Brief an die Presse vom 26. November 1915 25000 Armenier nach Süden verschickt worden sein! Nur schade, daß diese Stadt bei Kriegsausbruch bloß 22000 Einwohner zählte, unter denen — nach Baedeker und „Petermanns Mitteilungen“ — überhaupt keine Armenier waren!

Ebenso leichtfertig ist die Statistik, die das armenische Patriarchat der Kollektivnote der europäischen Gesandten beifügte, um nach Artikel 61 des Berliner Vertrags die Durchführung von Reformen in den von Armeniern bewohnten Wilajets zu erzielen. Darnach sollten in den betreffenden Gebieten ebensoviele Armenier (780700) wie Mohammedaner (776500) wohnen. Tatsächlich bildeten die ersteren nur den sechsten Teil der Bevölkerung.

Der Zweck dieser Falschmeldungen ist ja klar: die Deutschen sollen die Schuldigen sein! Sie haben ja niemals etwas gegen diese Grausamkeiten getan, obgleich sich die Türkei der Autorität Deutschlands ohne weiteres gefügt hätte! Woher weiß der Verfasser jener Broschüre, daß Deutschland niemals einen solchen Schritt getan hat? Ich kann ihm versichern, daß er in einem fürchterlichen Irrtum befangen ist, und ebenso falsch ist sein Glaube, als ob Deutschland in der Türkei nur so zu befehlen habe! Die Türkei ist aus eigenem Entschluß, ihrer eigenen Sicherheit wegen in den Krieg eingetreten, nicht Deutschland zu Gefallen. Die schändliche Behandlung Griechenlands beweist ja, daß sie beim besten Willen nicht einmal neutral hätte bleiben können!

Hirten von Kal’at Rebei.

Von gleichen Widersprüchen wimmelt eine Denkschrift von 700 Seiten, die im Oktober 1916 dem englischen Parlament zuging: „The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire 1915–1916. Documents presented to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce“. Hier hören wir plötzlich aus dem Munde des amerikanischen Zeitungskorrespondenten Henry Wood — was Lord Bryce bei seiner Rede vom 6. Oktober 1915 keineswegs noch unbekannt war —, daß die Armenier in offenem Aufruhr gegen die Türken standen, Wan und mehrere andere Städte besetzt hatten und eine selbständige Regierung zu bilden beabsichtigten! Mit vollem Recht hatte die türkische Regierung die Kriegsgesetze gegen die Empörer angewandt, die sie obendrein noch vorher gewarnt hatte! Aus Erserum, Trapesunt, Siwas, Charput, Bitlis und Diarbekr sind nach jener Denkschrift (S. 12) etwa eine Million Armenier deportiert worden. Aber diese Wilajets hatten vor dem Kriege überhaupt nur gegen 600000 armenische Bewohner! Die Wilajets Erserum, Bitlis und Wan, die jetzt im Bereich der russischen Linien liegen, sollen nach den Untersuchungen des Patriarchats im Jahre 1912 580000 Armenier gezählt haben; tatsächlich waren es nur 331000! Im Mai 1916 soll es (nach S. 664 des Blaubuchs von Bryce) nur noch 1150000 überlebende Armenier gegeben und die Zahl der Hingeschlachteten mindestens 600000 betragen haben, also nicht mehr 800000, wie er ein Jahr vorher behauptete! Das armenische Patriarchat zählt insgesamt 2100000 Armenier im türkischen Reich, die türkische Regierung nur 1100000! Lord Bryce nimmt also einen Mittelwert von etwa 1600000 an, neigt aber mehr zu 2000000, weil er sie für seine obige Rechnung braucht! Nach der Schätzung von Lynch gab es aber in ganz Asien nur 2100000 Armenier; und nach der von Selenoy-Seydlitz aus dem Jahre 1896 2600000. Das ergäbe einen Mittelwert von 2350000. Davon müssen aber die 958000 Armenier, die in Rußland, und die 50000, die in Persien wohnen, abgezogen werden. Bleiben also für die Türkei nur 1350000 übrig. 150000 Armenier wohnen außerdem in Konstantinopel und Smyrna; diese Annahme Lord Bryces stimmt mit sicheren Quellen überein. Das ergäbe zusammen 1500000 Armenier im ganzen türkischen Reich, eine Ziffer, die auch in der Denkschrift von Lord Bryce (S. 11) angeführt wird und ganz mit der Berechnung Professor Philippsons im Jahre 1915 übereinstimmt.

Zieht man von dieser Gesamtzahl die der überlebenden 1150000 ab, so können nicht 6 oder 800000 oder gar über eine Million Armenier umgekommen sein, sondern nur etwa 350000. Die von den Engländern behaupteten Zahlen bestehen also in keiner Weise zu Recht. Nur das wollte ich damit bewiesen haben.

Schuschanik Pambuchian, 20jährige Armenierin aus Erserum.

Grausamkeiten sind verabscheuenswert, wo, von wem und warum sie auch verübt werden, und kein Ehrenmann kann sie billigen. Aber wenn man zu ihrer Beleuchtung die Statistik heranzieht, ist das wenigste, was man verlangen muß, deren Richtigkeit!

Und haben obendrein nicht gerade die Engländer das Recht verwirkt, die Armenier vor der Welt zu vertreten? Lord Kitchener berichtete mir einst, wie er die Ruhe im Sudan nur dadurch herstellte, daß er die ganze waffenfähige Bevölkerung des Landes ausrottete, und französische Quellen enthalten haarsträubende Bilder von den Konzentrationslagern in Transvaal, wo Burenfrauen und -kinder zu Zehntausenden verhungerten! Und schreit nicht das Schicksal Irlands zum Himmel? In einem unbarmherzigen Krieg, der 150 Jahre lang dauerte, wurden zwei Drittel der irischen Bevölkerung ausgerottet. Nur ihre große Fruchtbarkeit rettete die irische Rasse vor völligem Untergang. „Als die Engländer“, sagte kürzlich der Ire Georges Chatterton-Hill in der Zeitschrift „Ord och Bild“ (1916, S. 561 ff.) „sie nicht durch direkten Mord vernichten konnten oder durch Gesetze, die die ganze Nation außer Landes treiben sollten, versuchten sie eine andere Methode, die sie auch in Indien erprobt haben: den organisierten Hunger. Und diese Methode erwies sich als sehr wirksam. In siebzig Jahren, von 1841–1911, sank die Bevölkerungsziffer Irlands von 8196597 auf 4381951! Während der drei Jahre der sogenannten großen Hungersnot (1846–1848) starben über eine Million Menschen in Irland an Hunger inmitten lachender Getreidefelder! In diesen drei Jahren wurde aus Irland an Nahrungsmitteln (Getreide und Rindvieh) für nicht weniger als 50 Millionen Pfund unter dem Schutz englischer Bajonette nach England ausgeführt, um Steuern für den englischen Staat und Pacht für die abwesenden englischen Grundbesitzer zu bezahlen. Die folgenden drei Jahre (1849–1851) starben weiterhin etwa 400000 Menschen an Entbehrungen.“

Wenn die angeblichen „Beschützer der kleinen Nationen“ unter den 380 Millionen Menschen, die durch die Laune des Geschicks unter ihren „Schutz“ gekommen sind, nicht genügend Spielraum für ihre menschenfreundliche Betätigung finden, so sollten sie doch wenigstens, statt bei den Mittelmächten, zuerst bei ihren nächsten Verbündeten anklopfen! In Rußland ist weit mehr zu bessern als in der Türkei! Das Telegramm, das der Generalsekretär des Verbandes der unterdrückten Völker Rußlands, Baron Friedrich Ropp, am 21. Dezember 1916 an Lloyd George richtete, fand diesen offenbar zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt! Vielleicht wird die revolutionäre Regierung Rußlands selbst auf diesen erschütternden Notschrei hören?

Vartiter Pambuchian, 18jährige Armenierin aus Erserum.

Auch in neutralen Ländern hat man Broschüren und Bücher über die Leiden der Armenier geschrieben und die Regierungen interpelliert. Ich zweifle nur, ob hier die reine, unverfälschte Menschenliebe am Werke ist. Denn diese macht keinen Unterschied zwischen Armeniern und Belgiern einerseits und — Ostpreußen, Polen und russischen Juden andrerseits! Neben der Religionsheuchelei ist nichts so verabscheuenswert wie der Schwindel, der unter der Maske der Barmherzigkeit nichts anderes als politische Geschäfte treibt und die Leiden anderer ruchlos ausbeutet, um politische Gegner, die Türken und ihre Verbündeten, verhaßt zu machen!

Die kriegerischen Vorgänge an der kaukasischen Front haben dazu gezwungen, die Zivilbevölkerung zu entfernen, besonders weil diese sich offen mit dem Feinde verbündete und gegen die eigene Regierung aufstand. Brutaler Eifer untergeordneter Behörden ist zu Grausamkeiten ausgeartet, zu denen — daran zweifle ich nicht — die Regierung in Konstantinopel keine Befehle gegeben hatte. Die gebildete Welt darf aber erwarten, daß die türkische Regierung weiterem Blutvergießen ein Ende macht, durch nachdrücklichen Schutz des unglücklichen armenischen Volkes sich unvergänglichen Ruhm erwirbt, ihre Feinde dadurch entwaffnet und ihre Freunde mit noch stärkeren Banden an sich knüpft. Sie muß dafür sorgen, daß die Klagen in den Bergen Armeniens verstummen.