Meine Karawane auf dem Marsche. Nach Zeichnung von Pesa mbili (s. S. 452).

Achtes Kapitel.
Marsch nach Süden. Meine Karawane.

Chingulungulu, Anfang August 1906.

Das Suchen auf der Karte nach meinem jetzigen Standort wird schon schwieriger; ich selbst habe Massassi und seine Lage auf dem Kartenblatt bereits seit vielen Jahren gekannt, aber von der Existenz dieses Ortes mit dem wunderlichen Namen, in dem ich seit ein paar Tagen meine Zeltpflöcke eingeschlagen habe, habe ich erst gehört, nachdem ich in den Dunstkreis der Binnenstämme eingetreten war.

In einem gleicht sich der Orient überall. Aus der Ferne gesehen sind seine Städte Wunderwerke menschlicher Siedelungskunst, tritt man aber in sie ein, so offenbaren sie sich meist als Schmutzgruben in des Wortes verwegenster Bedeutung, und an die Stelle begeisterter Illusionen tritt das Grau der Ernüchterung. Was hat mir Nils Knudsen nicht alles von Chingulungulu vorgeschwärmt! Eine herrliche Barasa, das Prunkstück negroider Baukunst im ganzen Osten; köstlich klares Wasser in Hülle und Fülle; Fleisch aller Art nach Belieben; Früchte und Gemüse von idealer Beschaffenheit. Dazu eine Bevölkerung, die sich aus lauter vornehmen Gentlemen zusammensetze, schöne Frauen und stattliche Häuser, und zum Schluß die Gelegenheit, nach allen Weltgegenden der ganzen weiten Ebene die bequemsten Rundtouren machen zu können. Ich bin noch zu kurze Zeit hier, als daß ich die so begeistert gepriesenen Vorzüge in allen ihren Einzelheiten schon hätte nachprüfen können, aber das habe ich doch schon heraus: ganz so paradiesisch wie der allerdings etwas lokalpatriotisch angehauchte Nils mir die Residenz Matolas II. gepriesen hat, ist weder Ort noch Bevölkerung.

Yao-Gehöft in Chingulungulu.

Doch alles zu seiner Zeit; zwischen Massassi und Chingulungulu liegt nicht nur ein großer Streifen Afrika, sondern zwischen dem Ende der Schilderung meines dortigen Aufenthaltes und dem Anfang dieses Kapitels liegt auch ein zeitlich ziemlich großer Zwischenraum, groß wenigstens für einen Mann, auf den die neuen Eindrücke in solcher Fülle und mit solcher Wucht einstürmen wie auf mich.

Der Aufbruch von Massassi ist früher erfolgt, als er ursprünglich geplant war. Es waren eine ganze Reihe von Übelständen, die unsern Weitermarsch als notwendig erscheinen ließen. Zu meinem großen Mißvergnügen mußte ich bei meinen späteren Photographier-, Sammlungs- und Zeichenbummeln bemerken, daß an die Stelle der ursprünglichen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit der die Einwohner uns das Betreten ihrer Grundstücke gestattet, und des Entgegenkommens, mit der sie in den Verkauf ihres Hausinventars gewilligt hatten, eine entschieden entgegengesetzte Stimmung getreten war; fast überall fanden wir verschlossene Türen und anscheinend völlig menschenleere Gehöfte. Auch diese Erscheinung gehört zum Kapitel der Rassenpsychologie; selbst wenn der Besuch eines Fremden ihm nur wirtschaftliche Vorteile bringt, will der Neger in seinen vier Pfählen nicht gestört sein.

Auch mit unserer Unterkunft in dem Rasthause erlebten wir auf die Dauer keine ungetrübte Freude. Knudsen, der in dieser Beziehung recht empfindlich war, behauptete, es sei feucht. Tatsächlich brauchte man nur ein klein wenig in den Boden zu graben, so kam das Grundwasser zutage; in ganz geringer Entfernung unterhalb des Hauses trat es als starker Quell an die Oberfläche hervor. Knudsen hatte bereits auf dem Marsche von der Küste aus vereinzelte Fieberanfälle gehabt; jetzt häuften sie sich derart, daß er kaum noch arbeitsfähig war. Rührend war dabei die Anhänglichkeit und Treue, mit der sein alter Diener Ali den kranken Herrn pflegte; er wich auch des Nachts nicht von seinem Bett. Ich selbst hatte bereits des öftern ein merkwürdiges Kribbeln auf meinem Haupte verspürt; jedesmal vorgenommene Untersuchungen hatten indessen über die Ursache keine Aufklärung erbracht. Eines schönen Tages nun eile ich, ein paar gewässerte Platten in der Hand, aus der Dunkelkammer zum Rasthaus hinüber. Da kribbelt es wieder äußerst intensiv in meinem spärlichen Gelock. „Moritz,“ rufe ich, „nimm mir mal den Hut ab und schau nach, was das ist.“ Moritz nimmt den Tropenhut her, besieht ihn außen, beschaut ihn innen, guckt hinter das Futter und wird dann aschfahl. „Wadudu wabaya“, bringt er mit sichtlichem Entsetzen heraus, „bösartige Insekten“. Jetzt interessiert der Fall mich doch etwas mehr; ich setze meine Platten ab und unterziehe Moritzens Fund ebenfalls einer genaueren Untersuchung. Es sind verschiedene kleine Tierchen, die sich hinter dem Futter meiner Kopfbedeckung tummeln; auch vereinzelte zeckenartige größere Lebewesen sind dabei. Nun ist es ein eigen Ding um die Beeinflussung des menschlichen Geistes durch bestimmte Vorstellungen. Über die Malaria und ihre Bekämpfung bin ich von Hause aus vollkommen beruhigt nach Afrika gegangen, ich schwöre auf Koch und fürchte nichts. Um so unangenehmer ist mir der Gedanke an Rückfallfieber. Was hat man mir in Daressalam nicht alles von dieser neuesten Entdeckung des großen Berliner Bakteriologen erzählt! Es werde durch ein kleines, unscheinbares, zeckenartiges Insekt hervorgerufen, das sich überall da, wo Eingeborene gewohnheitsmäßig lagern, in Erdlöchern einniste. Das Moskitonetz schütze zwar vor den ausgewachsenen Papassi, so heißen diese Zecken, nicht aber vor deren hoffnungsvollem Nachwuchs, der glatt und unbehindert selbst die feinsten Netzmaschen passiert. Und dann die Scheußlichkeit des Fiebers selbst; man sei zwar nicht schwer krank, doch auch niemals so recht gesund und arbeitsfähig, und nichts, weder Chinin noch irgend etwas anderes, nütze im mindesten gegen die Wiederkehr der alle paar Tage erfolgenden Anfälle. „Wadudu wabaya, und noch dazu von Zeckenform; das können doch nur Papassi sein“, fährt es mir blitzschnell durchs Gehirn. Auch ich bin sicher bleich geworden in diesem Augenblick, denn wenn so ein Rückfallfieber auch wohl nicht ans Leben geht, so bedeutet seine Erwerbung in diesem Augenblick nichts mehr und nichts weniger als das unrühmliche Ende meines kaum begonnenen Unternehmens. Gerade zu Arbeiten, wie ich sie tagaus tagein zu bewältigen habe, gehört eine absolute Gesundheit und eine vollkommen ungeschwächte Energie.

Noch ein drittes hygienisches Moment hat uns schließlich aus dem Orte vertrieben. Daß Massassi nichts weniger als der Hort aller Tugenden ist, hatte ich bereits früher bemerkt; unter den Soldaten des Polizeipostens war ein ziemlich großer Prozentsatz geschlechtskrank. Jetzt kam noch etwas für mich ganz Neues hinzu. Der Akide, ein früherer Schutztruppen-Unteroffizier, ist der glückliche Besitzer einer kleinen Rinderherde. Liebenswürdig wie der Neger nun einmal ist, übersendet mir der Beamte Tag für Tag ein kleines Töpfchen mit Milch, die ich mit aufrichtigen Dankgefühlen gegen den edlen Spender ebenso regelmäßig genieße. Da verbreitet sich, immer bestimmter auftretend, das Gerücht, der Akide habe den Aussatz. Damit war es natürlich um meinen Milchgenuß geschehen; der Beamte schickte sie zwar unentwegt weiter, und ich konnte sie ebenso selbstverständlich nicht zurückweisen; so kam sie mir gerade zum Fixieren meiner Bleistiftzeichnungen recht.

In ihrer Gesamtheit bedeuten alle die aufgezählten kleinen Übelstände nicht mehr als eine Summe von Nadelstichen; doch auch solche kleinen Eingriffe in das menschliche Wohlbefinden vermögen schließlich die Freude am Dasein merkbar herabzusetzen. In diesem Fall winkte uns überdies noch das Paradies Chingulungulu; was Wunder also, wenn zwischen dem ersten Auftauchen des Planes, nach Süden zu wandern, und seiner Ausführung nur ein paar kurze Tropentage liegen. Mit gewohnter affenartiger Fixigkeit verschnürten eines Abends meine Träger einen großen Haufen ethnographischer Lasten; ebenso rasch war an den kommandierenden Gefreiten Saleh und den Trägerführer Pesa mbili der Befehl ausgegeben: „Morgen früh 6 Uhr safari!“ Damit war unsererseits so ziemlich alles getan, was getan werden konnte.

Neben dem Yaohäuptling Matola von Chingulungulu wird niemand mehr im Lande genannt als sein erlauchter Kollege, der Yaohäuptling Nakaam von Chiwata auf der Nordweststrecke des Makondeplateaus. An der Küste, unter den Europäern ist man sich nicht einig, wer von ihnen der größere und bedeutendere sei; hier im Innern indes scheint es, als ob Matola sich eines weit größeren Ansehens der Leute erfreut als der Herrscher von Chiwata. Trotzdem hielt ich es für unumgänglich nötig, auch ihm und seinen Untertanen einen Besuch abzustatten. Eine festgebundene Marschroute besteht in meinem Reiseplan überhaupt nicht, sondern ich habe mir vorbehalten, stets das auszuführen, was unter den betreffenden Orts- und Zeitverhältnissen als am günstigsten erscheint. Ich muß mir in diesem Augenblicke freilich sagen, daß ich in Massassi wohl einen ganz hübschen Einblick in die materielle, die äußere Kultur seiner Bewohner gewonnen habe, daß mir aber unter der Ungunst der geschilderten Verhältnisse der zweifellos ebenso interessante Einblick in den andern Teil des Kulturbesitzes, in die Sitten und Gebräuche und die Anschauungen der Schwarzen über dies und das, in einem unerwünscht hohen Grade entgangen ist. Doch auch da hat Nils Knudsen rasch einen wirksamen Trost zur Hand. „Was wollen Sie, Herr Professor?“ sagt er. „Die Leute hier sind ja doch eine schrecklich zusammen- und durcheinandergewürfelte Gesellschaft, bei der alles Ursprüngliche verwischt und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen worden ist; verlieren Sie hier in dem greulichen Massassi doch keine Zeit mehr, sondern kommen Sie mit nach Chingulungulu; Sie können gar nicht ahnen, wie schön es dort ist.“

Der frühe Morgen des 31. Juli hat mir eine wundervolle geographische Überraschung gebracht. Die Barrabarra verläuft, wie ich schon einmal bemerkt habe, im Massassibezirk unmittelbar am Ostfuße der großen Inselbergkette. Dieser Fuß ist immerhin ziemlich erheblich mit Verwitterungsprodukten der großen Gneiskuppen aufgefüllt, so daß die Straße einen weiten Ausblick in die Ebene nach Osten und Süden gewährt. In die Ebene? Ein Meer ist es, was sich da vor unseren Augen ausbreitet, ein weißes, unendlich weites Meer, und ein an Inseln reich gesegnetes. Hier ein Eiland und dort ein anderes, und dahinten am verschwimmenden Horizont gleich ganze Archipele. Ziemlich hart am Strande dieses Ozeans wandert der lange Zug der Karawane dahin; auch wir befinden uns demnach wohl auf den Rändern einer solchen Insel. Und so ist’s. Es ist eben nur ein Nebelmeer, was sich da heute vor unseren Augen ausbreitet und über dessen Spiegel die unabsehbare Schar der Inselberge regellos die zackigen Häupter erhebt. Gleichzeitig ist dieses vor dem aufsteigenden Tagesgestirn rasch vergehende Gebilde ein wunderbarer Spiegel einer weitentlegenen Vergangenheit. So und nicht anders muß diese Gegend ausgesehen haben — einmal oder mehrfach, wer vermag das zu sagen —, wenn die blauen Wogen uralter Ozeane dort rollten, wo jetzt der blaue Rauch niederer Negerhütten zum Himmel aufsteigt.

Unser erstes Tagesziel war Mwiti. Nach der Einzeichnung auf der Karte zu urteilen, mußten wir eine stattliche Negersiedelung erwarten. Unmittelbar vor der Missionsstation Massassi biegt der Weg nach Mwiti rechts von der Küstenstraße ab. Ich lasse halten; die Kolonne schließt auf. „Wapagasi kwa Lindi, die Träger für Lindi!“ rufe ich laut in den frischen Morgen hinein. Wie ein Schiff der Wüste pendelt ein baumlanger Träger heran. Es ist Kofia tule, der älteste und gleichzeitig auch der längste meiner Träger, ein Mnyamwesi von ausgesprochenstem Massaitypus. Sein Name verursachte mir in der ersten Zeit unseres Zusammenwirkens manches Kopfzerbrechen. Daß Kofia Mütze hieß, wußte ich, aber auf den Gedanken, im Wörterbuch nach der Bedeutung des Wortes tule nachzusehen, kam ich merkwürdigerweise nicht; zudem nahm ich an, es sei ein Kinyamwesi-Wort. Daß es was Drolliges sein mußte, konnte ich mit einiger Sicherheit dem allgemeinen Gelächter der anderen entnehmen, sooft ich mich von neuem nach dem Sinn dieses Namens erkundigte. Schließlich haben wir es herausgebracht: Kofia tule heißt niedrige Mütze. Das ist an sich schon ein seltsamer Name für einen Menschen; als Bezeichnung für diesen schwarzen Übermenschen mit dem unglaublich unintelligenten Gesicht wirkt er doppelt lächerlich.

Lager in Mwiti.

Also Kofia tule tritt langsam heran; hinter ihm ein halbes Dutzend weitere Wanyamwesi und mehrere Söhne des Landes selbst, die ich zur Fortschaffung der Lasten als Hilfsträger gedungen habe. Kofia tule soll sie alle als Mnyampara nach Lindi hinunterführen, allwo meine Sammlungsgegenstände in den Kellerräumen des Bezirksamtes bis zu meiner eigenen Rückkehr an die Küste lagern sollen. Er bekommt noch einmal meine Instruktion; dann kommandiere ich: „Ihr hier, ihr geht links; wir anderen gehen rechts. Los!“ Die Marschordnung will heute noch nicht so recht funktionieren; doch schließlich ist alles wieder in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick nach Norden hinüber lehrt uns, daß auch Kofia tule mit seinen Getreuen das richtige Safaritempo angeschlagen hat; da tauchen wir auch schon im unbesiedelten, jungfräulichen Pori unter.

Der Marsch in diesem lichten Urwald hat etwas Monotones, Ermüdendes an sich. Es geht bereits stark auf Mittag; schläfrig sitze ich auf meinem Maultier. Da, was ist das? Ein paar schwarze Gestalten, das Gewehr schußfertig in der Hand, lugen vorsichtig um die nächste Waldecke herum. Sind das Wangoni? — —

Seit Tagen schon umschwirren uns Gerüchte von einem Überfall, den Schabruma, der berühmte Wangoniführer im letzten Aufstand und der einzige Gegner, den wir auch bis heute noch nicht untergekriegt haben, gerade auf diese Gegend plant; er soll es auf Nakaam abgesehen haben. Gerade will ich mich nach meinem gewehrtragenden Boy umsehen, um mich in einen etwas verteidigungsfähigeren Zustand zu versetzen, da erschallt von hinten aus einem Dutzend Kehlen der Freudenruf: „Briefträger!“ Ich hatte bis dahin noch keine Erfahrung über den Betrieb unserer deutschen Reichspost im dicksten Afrika; nunmehr weiß ich, daß dieser Betrieb direkt mustergültig, wenn auch für die Unternehmerin keineswegs lukrativ ist; es mag wie eine Hyperbel klingen, entspricht aber trotzdem der Wahrheit, daß dem Adressaten jede Postsendung, und sei es eine einsame Ansichtskarte, unverzüglich zugestellt wird, ganz gleich, wo er sich im Bestellbezirk befinde. Für die schwarzen Stephansjünger oder Krätkemänner, wie man die schwarzen Läufer wohl zeitgemäßer nennen muß, erstehen damit ganz andere Bestellgänge als für unsere heimischen Beamten mit ihren wenigen Meilen am Tage. Briefe und Drucksachen in eine wasserundurchlässige Umhüllung von Ölpapier und Wachstuch verpackt, das Vorderladegewehr stolz geschultert, so zieht der Bote seines Wegs dahin; er legt ganz ungeheure Entfernungen zurück, Strecken, welche die einer gewöhnlichen Karawane oft um das Doppelte übertreffen sollen. Führt der Weg durch unsichere Gebiete, wo Löwen, Leoparden und feindliche Menschen den einzelnen gefährden können, so wächst der friedliche Botengang sich zu einer richtigen Patrouille aus, denn dann marschieren die Männer zu zweien.

Rasch sind die beiden schwarzen Gestalten herangekommen; stramm und exakt nehmen sie Gewehr bei Fuß und melden ganz ordnungsgemäß: Briefe von Lindi für den Bwana kubwa und den Bwana mdogo, für den großen Herrn und den kleinen Herrn. Solange der kaiserliche Bezirksamtmann Herr Ewerbeck bei uns weilte, war die Abstufung für die Neger nicht leicht gewesen; ich galt bei ihnen ja als ein neuer Hauptmann, und den konnten sie doch unmöglich als den Bwana mdogo bezeichnen. Jetzt aber sind sie aus aller Not; wir sind nur noch zwei Europäer, von denen ich einmal der ältere, sodann auch der Expeditionsführer bin; somit steht dieser im ganzen Osten üblichen Rangabstufung kein Hindernis mehr im Wege.

Es ist bereits weit über Mittag geworden; die vordem flachwellige Ebene hat längst einem starkzerschnittenen Hügelgelände Platz gemacht; silberklare Bäche kreuzen alle Augenblicke in senkrecht eingeschnittenen, für mein Reittier und die schwerbepackten Träger nur schwierig zu passierenden Schluchten unseren Weg. Die Vegetation ist dichter und grüner geworden; aber auch um so heißer und stickiger ist jetzt die Glut gerade in jenen schmalen Tälern. Trotzdem ist die Anhänglichkeit an die Heimat, an Weib und Kinder größer als die Sorge um die Fährlichkeiten des Weges; unbekümmert um die hundert starken Baumstämme, die sich quer über den schmalen Negerpfad gelegt haben, nicht achtend aus Dornen und Busch, versuche ich im Sattel meines träge dahinziehenden Maultiers den Inhalt der reichen Post zu genießen. Weit voran marschiert der Führer. Es ist Salim Matola, der schlanke Allerweltskünstler, den ich tags zuvor seiner zahllosen Tugenden wegen durch einen festen Kontrakt an meine Person gekettet habe; er ist feierlich und vor versammeltem Volk zu meinem Hof- und Leibsammler ernannt worden. Vollkommen konsequent hat er diese Tätigkeit damit zu beginnen versucht, daß er sogleich einen stattlichen Vorschuß erheischte. Ländlich sittlich. Leider zieht so etwas bei mir längst nicht mehr, dazu bin ich doch schon zu afrikaerfahren. „Zeig erst einmal, was du kannst,“ heißt es da recht kühl meinerseits, „dann kannst du nach einigen Wochen wiederkommen; und nun geh, aber etwas plötzlich!“

Salim hat geschworen, den Weg ganz genau zu kennen; die Karte ist hier etwas unzuverlässig; nach unserer Berechnung müßten wir längst in Mwiti sein. Mit einem plötzlichen Entschluß hämmere ich meinem im schönsten Träumen dahinpendelnden Maultier die Absätze in die Weichen, so daß es erschreckt einen kurzen Galopp anschlägt, und sprenge zu dem mit langen Schritten weit voraneilenden Führer vor. „Mwiti wapi? Wo liegt Mwiti?“ herrsche ich ihn an. „Si jui, bwana, ich weiß es nicht, Herr“, kommt es jetzt ziemlich kläglich aus dem Munde meines Vertrauten. „Simameni, das Ganze halt!“ brülle ich, so laut ich kann, zurück. Großes Schauri. Von meinen Trägern ist keiner landeskundig; auch von den Askari und ihren Boys scheint keiner mit diesem durchschnittenen Gebiet vertraut zu sein. Ergebnis also: Marschieren nach der Karte, das heißt für uns kurz, aber wenig erfreulich: Das Ganze kehrt, marsch zurück bis zum Mwitibach und diesen aufwärts, bis wir an das gleichnamige Nest selbst kommen. Ziemlich spät am Nachmittag haben wir auch endlich das immer sehnsüchtiger herbeigewünschte Ziel erreicht. Salim Matola aber brachte mir jetzt unter Protest ein halbes Rupienstück zurück, von dem er behauptete, es sei „schlecht“. Es war nun keineswegs schlecht, sondern lediglich das Kaiserbildnis war ein ganz klein wenig verletzt. Des jungen Mannes Abgang ist in diesem Fall nicht gerade sehr langsam gewesen. Was doch ein energischer Griff nach dem Kiboko, der Nilpferdpeitsche, für Wunder tut! Aber so ist der Neger nun einmal.

Afrika ist der Erdteil der Gegensätze. In Massassi mit seiner Höhenlage zwischen 400 und 500 Meter war es im allgemeinen ganz angenehm kühl gewesen; die Niederung zwischen den Inselbergen und dem Makondeplateau hatte uns beim Durchmarsch halb gebraten; in Mwiti hätte man gerne einen recht dicken Pelz gehabt, so rauh und schneidend kalt fegt von Sonnenuntergang an ein sturmartiger Wind von dem kühlen Hochland mit seinem Luftdruckmaximum hinunter in die soeben noch sonnendurchglühte Ebene mit ihren stark aufgelockerten Luftschichten. Und gerade unser Lagerplatz war ein Windfang sondergleichen. Mit geradezu verblüffendem strategischem Scharfblick hat Nakaam als Bauplatz für sein hiesiges Palais die Nase eines langgestreckten Höhenzuges gewählt, der ganz steil auf drei Seiten zu einer scharfen Schleife des Mwitiflusses abfällt; nur nach Süden zu besteht ein bequemer Zugang. Wenn ich sage Palais, so ist das wirklich nicht übertrieben. Nakaam steht nicht nur im Ruf, der geriebenste aller Neger des Südens zu sein, sondern er muß auch für Negerverhältnisse ganz beträchtliche Barmittel besitzen, denn sonst hätte er sich doch kaum einen bewährten Küstenbaumeister leisten können. Der hat nun ein wahrhaft stolzes Haus mit vielen Zimmern unter einem steilen, hohen Dach errichtet. Die Zimmer sind nicht einmal dunkel, sondern besitzen wirkliche Fensteröffnungen. Wo sich aber der Harem des Negergewaltigen befindet, da sind diese Fensteröffnungen durch Jalousien verschließbar. Die Krone endlich hat der Baumeister seinem Werk dadurch aufgesetzt, daß er alles Holzwerk im typischen Küstenstil mit Kerbschnittarabesken verziert hat. Verwundert mustere ich von meinem Liegestuhl aus, in den ich mich ermüdet geworfen habe, die von breiter Veranda überschattete Fassade des in seiner Umgebung doppelt merkwürdigen Gebäudes. Mit einem Male reißt’s mich nach oben; über das Gewirr der Reisekisten und Blechkoffer, die von den Trägern soeben unter der Veranda niedergelegt worden sind, springe ich hurtig an eins der Fenster. Ei, was muß ich sehen! Eine Swastika, ein Hakenkreuz, das uralte Zeichen des Glücks, hier mitten im dunkeln Erdteil! „Auch mir sollst du Glück bringen“, murmele ich halblaut, doch immer noch höchst verwundert. In sauberer, aus Elfenbeinplättchen gefertigter Einlegearbeit tritt mir in der Tat ein Gebilde entgegen, das eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem bekannten Zeichen aufweist. Unmittelbar nach unserer Ankunft haben wir einen Eilboten nach Chiwata hinaufgeschickt mit dem Auftrage, Nakaam nach Mwiti einzuladen. Kaum vier Stunden später ist der Häuptling angelangt. Eine meiner ersten Fragen nach der üblichen würdevollen Begrüßung ist die nach Namen und Bedeutung des merkwürdigen Elfenbeingebildes in seiner Hauswand gewesen. Ich erwartete, den Ausdruck tiefster Symbolik zu vernehmen; um so größer war meine Enttäuschung, als Herr Nakaam mir schlicht und leichthin antwortete: „Nyota, ein Stern“. Die Swastika ist demnach hier beim Neger des Innern zweifellos etwas Fremdes und Uneingebürgertes; im vorliegenden Fall ist sie, wie auch das übrige Ornament, eine Einfuhr des Küstenbaumeisters.

Jalousie mit Swastika an Nakaams Haus in Mwiti.

In Mwiti sind wir anderthalb Tage und zwei Nächte verblieben. Für das Wachstum meiner ethnographischen Sammlung ist dieser Aufenthalt sehr wenig fruchtbar geworden, denn entweder hatte Nakaam wenig Einfluß auf seine Untertanen, oder aber die Zahl dieser Untertanen kann nicht übergroß sein. Beurteilen kann der flüchtig Durchreisende dies nicht, denn das stark gebirgige Gelände läßt immer nur ein kleines Gebiet übersehen. Bei der weitläufigen Wohnweise der hiesigen Stämme gibt das kein Bild vom Ganzen.

Um so mannigfaltiger und interessanter sind auch hier wieder meine psychologischen Beobachtungen gewesen. Nakaam selbst ist ein sehr behäbiger, untersetzter Mann in mittleren Jahren, ganz nach Suaheliweise in ein weißes Kansu, das hemdartige lange Obergewand, gekleidet. Über seine Stammeszugehörigkeit war ich bereits vorher unterrichtet worden; die bierfröhlichen Männer von Massassi hatten mir mit hämischem Grinsen erzählt, Nakaam gebe sich zwar aus Eitelkeit für einen Yao aus, er sei aber in Wirklichkeit doch „nur“ ein Makua.

Abends saßen Nakaam, Knudsen und ich unter der Veranda beim traulichen Schein der Tippelskirchlampe, deren lichtspendende Tätigkeit heute allerdings mehr als je gefährdet war. Wohl hatten wir alle verfügbaren Decken und Matten an der Windseite als Schutz anbringen lassen, aber dennoch verlöschte das Licht unter den Böen des vom steilen Plateaukamm herniederbrausenden Sturmes mehr als einmal. Mit Würde hat Nakaam zwei Flaschen sogenannten Yumbenkognaks, die sich in meinen Vorräten befinden, entgegengenommen. Die Unterhaltung hat sich bis jetzt um Chiwata, seine Lage, seine Bevölkerungszahl, deren Stammeszugehörigkeit und ähnliches gedreht. Wir haben festgestellt, daß Nakaams Untertanen vorwaltend Wayao sind. „Und du,“ fahre ich fort, „bist du auch ein Yao?“ „Ndio, jawohl“, klingt es sehr überzeugungsfest zurück. „Ja aber,“ kann ich mich nicht enthalten ihm zu erwidern, „alle Männer hier im Lande sagen, du seiest kein Yao, sondern ein Makua.“ Der Neger kann leider nicht rot werden, es wäre sonst zweifellos sehr interessant gewesen, festzustellen, ob auch dieser edle Vertreter jener Rasse diesem Reflex unterworfen war. So krümmte er sich eine Weile, und dann kam es in einem unnachahmlichen Tonfall heraus: „Vor ganz langer Zeit, da bin ich freilich einmal ein Makua gewesen, aber jetzt bin ich schon lange, lange ein Yao.“

Dem der Völkerkunde Afrikas Fernerstehenden wird diese Metamorphose etwas seltsam erscheinen; man kann sie auch nur verstehen, wenn man sich die Bevölkerungsvorgänge gerade dieses Erdenwinkels im Laufe des letzten Jahrhunderts vergegenwärtigt. Noch zu Zeiten Livingstones, also vor 50 und 40 Jahren, herrscht im ganzen Rovumagebiet eine himmlische Ruhe; die alteingesessenen Völker bauen ihre Hirse und ihren Maniok und gehen auf die Jagd, sooft es ihnen behagt. Da brechen vom fernen Südafrika her in verschiedenen Wellen feindliche Elemente ins Land; westlich und östlich vom Nyassasee wälzt es sich nach Norden. Reisige Scharen sind es, die in überraschendem, sich durch nichts verratendem Angriff die wenig wehrhaften alten Völker über den Haufen werfen und aufrollen. Erst in der Höhe des Nordendes vom Nyassa kommt die Flut zum Stehen; ein paar Sulureiche — denn Angehörige dieses kriegerischen, tapferen Volkes sind diese neuen Eindringlinge — werden gegründet, und man richtet sich ein.

Yaohäuptling Nakaam.

Doch welche Folgen hat diese Einrichtung für den ganzen Osten Afrikas gezeitigt! In immer und immer wiederholten Kriegs- und Raubzügen über viele Hunderte von Kilometern haben die neuen Herren des Landes aus dem alten, dichtbebauten Gebiet eine Einöde gemacht. Unter dem Namen der Masitu sind sie schon am Ende der 60er Jahre der Schrecken zwischen Nyassa und Tanganyika; unter dem Namen der Mafiti sind sie später, in den ersten Zeiten unserer deutschen Kolonialherrschaft, der noch weit größere Schrecken des ganzen riesigen Gebietes zwischen dem Nyassa und der Ostküste; unter den weiteren Bezeichnungen Wamatschonde, Magwangwara und Wangoni spricht man von ihnen an den Lagerfeuern der Karawanen mit unangenehmen Gefühlen. Heute indes ist dieser Schrecken kaum mehr gerechtfertigt, denn gerade im Laufe der letzten Jahre ist es auch mit der Vorherrschaft dieser Sulu zu Ende gegangen; die deutschen Hiebe sind doch zu nachhaltig gewesen. Nur ein einziger ihrer Führer, der bereits obenerwähnte Schabruma, macht mit einer kleinen Schar von Anhängern noch das Land unsicher; alle anderen haben sich unseren Friedensbedingungen rückhaltlos unterworfen.

Diese Wangoni-Einwanderung — Wangoni ist der Name, unter dem wir heute nach stillschweigender Übereinkunft alle diese eingewanderten südafrikanischen Elemente zusammenfassen — ist zunächst die Ursache für den folgenden seltsamen Vorgang geworden.

Die alteingesessenen Völker, soweit ihre Männer nicht von den Wangoni erschlagen, ihre Frauen und Kinder nicht in die kühlen, feuchten Gefilde am Ostufer des nördlichen Nyassa abgeführt und dem Stammestum der Wangoni einverleibt worden waren, sahen, daß der Mgoni mit seinem kurzen Speer, seinem ovalen Fellschild und seinem phantastischen Schmuck aus Geierfedern, Fellstreifen vom Leoparden, der Wildkatze und ähnlichem Getier, unwiderstehlich war. Daß diese Unwiderstehlichkeit nur zu einem sehr geringen Teil auf dem furchtbaren Äußern des Feindes beruhte, in Wirklichkeit vielmehr in der größeren Tapferkeit und dem geschlossenen Angriff der Kaffern mit dem kurzen, festen, im Handgemenge allerdings schrecklichen Speer bestand, haben die Leute hier nie begriffen. Sie nahmen den Schein für die Wirklichkeit, kleideten sich fortan wie die Wangoni und suchten auch deren sonstige kriegerische Ausrüstung nachzuahmen. In diesem Zustande befinden sich diese Völker auch heute noch. Biologisch läßt sich dieser ganze Vorgang als eine Art Mimikry auffassen, die auch deswegen überaus interessant ist, weil sie weiter im Norden der Kolonie, am Kilimandscharo und in den Gegenden westlich und südwestlich davon, ihr genaues Gegenstück gefunden hat. Dort haben die alteingesessenen Bantuvölker die Erfahrung gemacht, daß die Massai mit ihren Riesenspeeren, ihren großen, festen Lederschilden und ihrem phantastischen Kriegsschmuck ihnen weit überlegen waren; flugs haben auch sie ihre Schlüsse daraus gezogen, und heute trifft man alle diese Völker, die Wadschagga, Wapare, Wagueno, Wagogo usw. in einer Verfassung, die den ihnen beigelegten Spottnamen der Massai-Affen sehr gerechtfertigt erscheinen läßt.

Hier im Süden ist indessen mit der Nachäffung der Wangoni die Mimikry im Negerleben noch nicht erschöpft. Veranlaßt durch die ungeheuer weitgreifenden Wirren, die seit dem 1818 erfolgten Auftreten des Sulukönigs Tschaka den ganzen Osten des Erdteils nicht wieder zur Ruhe haben kommen lassen, sind auch andere Völkerschaften als die Sulu selbst von einer süd-nördlichen Wandertendenz ergriffen worden. Das sind vor allem die Makua und die Wayao; jene drängen aus ihren Ursitzen zwischen dem Rovuma im Norden und dem Sambesi im Süden langsam aber nachhaltig über den Rovuma hinüber ins deutsche Schutzgebiet hinein, die Wayao aber kommen ebenso unmerklich, doch vielleicht noch nachhaltiger aus dem weiter westlich gelegenen Gebiet am Südende des Nyassa aus südöstlicher Richtung zu uns herüber. So stoßen beide Völkerwellen gerade hier in meinem Forschungsgebiet im spitzen Winkel zusammen, und das ist gerade einer der Hauptgründe für mich gewesen, statt nach dem aufstanddurchloderten Iraku hier nach dieser entlegenen Ecke zu reisen. Nun scheint es den Makua oder doch wenigstens einzelnen von ihnen zu ergehen wie so manchem Deutschen im Auslande: er sieht sich und sein Volkstum als etwas Minderwertiges und Verächtliches an und hat nichts Eiligeres zu tun, als die letzte Erinnerung an Vaterland und Muttersprache zugunsten der neuen Nationalität abzustreifen. Hier im Lande sind, nachdem der Wangonischrecken seit den 1880er Jahren, dem Zeitraum der letzten Einfälle, im Bewußtsein der heranwachsenden Generation verblaßt ist, die Wayao die Vornehmen; was Wunder, wenn gerade eine so eitle Persönlichkeit, wie Nakaam es unzweifelhaft ist, sein eigentliches Volkstum glatt verleugnet, um als vollwertig und ebenbürtig zu gelten.

Höchst spaßhaft klingt es, wenn die Angehörigen der hiesigen Sprachen einen Begriff als etwas ganz Außerordentliches hervorheben wollen, z. B. als sehr hoch oder sehr weit entlegen, als sehr schön oder in ferner Zukunft erst zu erwarten, und dergleichen. Das tun diese Leute durch eine unnachahmliche Hinaufschraubung des betreffenden Adjektivs oder Adverbs zur höchsten Fistel. Ich werde später noch auf diesen sprachlich so ungemein interessanten Punkt zurückkommen; jetzt kann ich nur mit innigem Behagen an mein Lustgefühl zurückdenken, welches ich empfand, als Nakaam in seinem „Mimi Makua, lakini ya samāni, ich bin ein Makua, aber einer von ganz, ganz weitentlegener Zeit“, die beiden Silben „māni“ so lang dehnte und das „ni“ so in die Höhe schraubte, daß man fürchten konnte, er möchte den Rückweg zur Gegenwart nicht wiederfinden.

Also Nakaam war, wenn auch nicht gerade zu seiner freudigen Genugtuung, seiner eigentlichen Stammeszugehörigkeit überführt worden. Gerade wollten wir zu einem anderen, für ihn erquicklicheren Gesprächsgegenstande übergehen, da saßen wir plötzlich im Dunkeln. Das Brausen des Sturmes war im Lauf des Abends immer stärker, die Böen waren immer häufiger und heftiger geworden; jetzt umraste ein wirklicher Orkan Swastikapalais und Zelte; unsere Matten und Decken schlugen uns wie gepeitschte Segel um die Ohren. Das schwere Hausdach ächzte und stöhnte in allen seinen Bindelagern; unsere Zelte hielten nur mit sichtlicher Mühe dem riesigen Winddruck stand. Jeder Versuch, die Lampe wieder zu entzünden, wäre vergeblich und im Hinblick auf die ganze Umgebung auch im höchsten Grade feuergefährlich gewesen. So blieb denn nichts anderes übrig, als die Unterhaltung für dieses Mal gerade da abzubrechen, wo sie anfing interessant zu werden, und sich in sein Tippelskirchbett im Zelt zu verkriechen.

Mit dem Schlaf in Afrika ist es ein eigen Ding. Freilich, die riesenbreiten Eisenbettstellen der Küste gewährleisten einen Schlummer, wie er erquicklicher auch bei uns im kühlen Europa nicht gedacht werden kann; die Trogform des Safaribettes ist an sich schon weniger bequem; kommt nun zu dem Temperaturminimum etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, das den Schläfer stets erwachen und nach einer zweiten Decke greifen läßt, auch noch das Hustenkonzert einer größeren Karawane, dann ade süßer Schlummer! Bei unserem Marsch von Lindi bis Massassi hatte sich die große Schar der Polizeisoldaten stets im engen Kreis, die Köpfe nach außen, um unsere Zelte gelagert; dann war in den schneidend kalten Nächten von Nangoo und Chikugwe alsbald ein Gehuste und Gespucke losgegangen, daß man wirklich nicht wußte, ob man die unglücklichen frierenden Kerle draußen oder aber sich selbst mehr bedauern sollte. Hier in Mwiti hätte ich meine Leibgarde wie auch meine Träger sehr gern weit von unserem Zeltplatz untergebracht, aber der kommandierende Gefreite hat mir erklärt, daß das nicht gehe; die Wangoni seien im Anzuge. So hat sich mein Dutzend Krieger, denn so viel hat mir Herr Ewerbeck als Schutztruppe mitgegeben, wieder rings um uns herum gelagert; wieder tönt das Gehuste ohne Unterlaß in mein warmes Zelt hinein, so daß an Schlaf kaum zu denken ist; aber diesmal ist das Mitleid mit den Kriegern doch größer als der Ärger über die unausgesetzte Störung. Und es ist auch nur zu berechtigt. Die kleine Ebene vor Nakaams Palais, auf der wir lagern, ist fast baumlos; steil von oben, durch nichts aufgehalten, stürzt auf sie der eisigkalte Plateauwind herunter. Zwar hat sich jeder Soldat neben der Matte, auf der er liegt, und dem Pfahl, an dem Gewehr und Patronengürtel hängen, ein kräftiges Feuer gemacht, doch was nützt das den Männern, deren Körper durch das dünne Khaki trotzdem einer ungehinderten Ausstrahlung ausgesetzt sind.

Es begreife die Negerseele wer da kann. Ich habe am nächsten Morgen Soldaten und Träger versammelt und habe ihnen gesagt: „Kerls, ihr friert doch wie die Schneider; gleich geht los und baut euch Strohhütten, oder, wenn euch das zuviel ist, wenigstens Windschirme.“ „Ndio, Bwana, jawohl, Herr!“ hat die ganze Schar geantwortet; als ich mich aber am Nachmittag erkundigte, wo denn ihre Bauten seien, da kam’s heraus: ich marschiere, hieß es, doch bald weiter, da hätte es keinen Zweck, erst noch Wände zu bauen. „Gut,“ habe ich ihnen da sehr kühl erwidert, „dann friert ihr eben. Wer mir aber in den nächsten Tagen mit Katarrh kommt — fügte ich für mich in Gedanken hinzu —, den werden wir zur Abwechselung einmal nicht mit dem lieblichen Aspirin behandeln, sondern mit Chinin, notabene ohne Wasser, und kauen sollen die Burschen diese schöne, kräftige Daua vor meinen Augen.“ So verdirbt Afrika den Charakter, leider nicht nur den der Schwarzen.

Mein zweiter Tag in Mwiti hat mir auch noch manches Lehrreiche geboten. Mir mußte das Fieber, von dem ich soeben erst erstanden bin, bereits in den Gliedern stecken; in merkwürdiger körperlicher Erschlaffung war ich vormittags in meinem Liegestuhl unter Nakaams Barasa sanft entschlummert. Klatsch — huuh; klatsch — huuuh; klatsch — huuuh, tönt es dem Erwachenden ans Ohr. Ein Blick nach links lehrt mich, daß der blonde Nils in seiner Eigenschaft als interimistischer Unterpräfekt wie ein zweiter Salomo als Richter waltet. Nun kenne ich zwar Gerichtssitzungen schon seit Lindi, aber sie sind hier immer interessant, und so war ich im nächsten Augenblick zur Stelle. Der Delinquent hatte unter bedeutendem Wehgeheul inzwischen seine fünf wohlgezählten Hiebe erhalten; er stand jetzt wieder aufrecht und rieb sich mit erklärlichen gemischten Gefühlen die wunde Stelle; doch frech sah er immer noch aus. Nach gegenwärtiger Landessitte etwas angesäuselt, hatte er sich im Verhör erkühnt, Nils Knudsen mit einem besonderen Namen, anscheinend dem Spitznamen des Norwegers bei den Negern, zu belegen; dies durfte natürlich nicht ungerochen bleiben, und daher die Exekution. Der Neger betrachtet sie übrigens als ganz selbstverständlich; er würde sich aufs höchste wundern, wenn nicht jede Ungebühr in dieser Weise und ohne Verzug gesühnt würde, ja er würde uns direkt für schlapp und keineswegs als seine Herren betrachten.

Hofinneres in Mwiti.

Einen ebenso tragikomischen Anstrich hatte auch der nächste Fall, zu dem ich ebenfalls erst am Schluß des Verhörs der drei Beteiligten hinzukam. Ich sehe, wie der Gefreite Saleh mit einem derben Kokosstrick, wie er von den Trägern benutzt wird, ihre Last durch Umschnüren mit ihm handlich zu gestalten, über den Platz eilt. Im selben Augenblick hat er auch schon einem vor dem Richter Nils stehenden schwarzen Jüngling die Arme stramm auf dem Rücken gefesselt. Dieser hat die Prozedur stillschweigend über sich ergehen lassen; nun aber erhebt sich ein unglaublich lebhaftes Gerede. Mit einer Art Lassowurf hat Saleh einem ebendort stehenden jugendlichen Frauenzimmer, an dem mir nichts so sehr auffällt wie die geradezu hottentottenhaft weit ausladende Gesäßpartie, das andere Ende des Strickes um die Hüfte geworfen; blitzschnell ist auch sie gefesselt und gefangen. „Nanu, was ist denn hier los?“ wage ich in den merkwürdigen Auftritt hineinzuwerfen.

„Sehen Sie sich nur einmal den andern an“, sagt der moderne Salomo. „Dieser hier und das Weibsbild sind Mann und Frau; mit dem andern aber hat die Frau, während der Mann verreist war, monatelang zusammengelebt. Und als der ahnungslose Ehemann zurückkommt und das Pärchen hübsch beisammen findet, da hat ihn dieser Halunke hier zum Überfluß auch noch in die Hand gebissen.“

„So, und zur Belohnung binden Sie das saubere Pärchen nun auch noch zusammen?“

„Zur Belohnung gerade nicht, aber die beiden müssen nach Lindi hinunter zu ihrer Aburteilung — ein paar Monate Kette wird er wohl schon kriegen — und da weiß ich wirklich nicht, wie ich sie anders transportieren soll.“

Ich habe selten ein paar so vergnügte Gesichter gesehen wie die Visagen dieses netten Pärchens, als sie abgeführt wurden.

Schon den ganzen Tag hatte ich einen meiner Träger um mein Zelt herumschleichen sehen. Am Nachmittag kam der Bursche näher; er wolle Daua, sagte er. Wofür? frage ich ihn kühl. Für eine Wunde, lautet die Antwort. Ich, in der Meinung, der Mensch habe sich eine Verletzung auf dem Marsch zugezogen, lasse den braven Stamburi holen, jenen Askari, dem ich die therapeutische Behandlung aller jener Fälle anvertraut habe, die ich nicht selbst behandeln mag. Stamburi befreit mit nicht geringer Mühe das fragliche Bein erst von einer fingerdicken Dreckkruste; neugierig bin auch ich näher getreten, doch was muß ich sehen! Eine uralte Wunde vorn auf dem Schienbein, wie eine Handfläche groß, stinkfaul und bis auf den Knochen durchgefressen. Entrüstet fahre ich Herrn Cigaretti — so heißt der Schmierlümmel — an, er habe mich betrogen, er sei kein Träger, sondern ein Kranker, der ins Hospital gehöre; seine Wunde sei nicht frisch, sondern schon Monate alt; er werde mit der nächsten Gelegenheit nach Lindi hinuntergeschickt werden. Sehr ruhig und frech heißt es darauf: Lindi hapana, Bwana, er sei für sechs Monate gedungen, und eher zu gehen fiele ihm gar nicht ein. Ich bin nun in einer etwas unangenehmen Lage, da ich die bezüglichen Bestimmungen nicht kenne; behalte ich den Burschen bei mir, so wird er eines schönen Tags selbst transportunfähig oder geht wohl gar ein; jage ich ihn aber in den Busch, so fressen ihn die Löwen. In jedem Fall ist es mir sehr interessant, zu sehen, wie einseitig das Rechtsgefühl dieses braven Mannes ausgebildet ist; er besteht auf seinem Schein, jedoch nur soweit er ihm zu seinem Vorteil gereicht.

Und dann dieses schreckliche Wort hapana! Man würde die ganze schwarze Rasse am besten mit zwei kleinen Wörtern charakterisieren können. Das eine ist „hapana“, wörtlich: es ist nicht, es gibt nicht, verallgemeinert: nein; das andere lautet: bado, noch nicht. Einen von den beiden Ausdrücken bekommt man unter hundert Fragen mindestens 99mal zur Antwort. „Hast du das und das getan?“ oder: „Ist das und das zur Stelle?“ fragt der Europäer. „Bado“ heißt es das eine Mal, hapana zum andern. Ich habe schon den Vorschlag gemacht, die ganzen Bantu-Idiome des Ostens unter dem Kollektivbegriff des Kihapana oder des Kibado zusammenzufassen. Zunächst macht die Sache dem Weißen Spaß, zumal besonders das bado dem Gehege der Zähne mit einem Schmelz entflieht, daß jede höhere Tochter der sprachberühmten Städte Braunschweig und Celle über eine solche Geziertheit der Aussprache des „a“ neidisch werden könnte; hat man indessen immer bloß bado und immer bloß hapana zu hören bekommen, und niemals ein „Ndio“ oder ein „Me kwisha, ich bin fertig“, so wird man wild und greift am liebsten zum Kiboko. —

Gegen Abend dieses denkwürdigen Tages ist es, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Mit keckem Schritt tritt ein kleines Bürschchen von 8 bis 9 Jahren an meinen Tisch heran, breitet auf mein „Karibu, tritt näher“, eine ganze Anzahl wunderhübsch verzierter, kleiner Kämme vor meinen Augen aus und bleibt in erwartungsvoller Pose stehen. Die Dinger sind in der Tat reizend; der eigentliche Kamm selbst ist aus feinen, gerundeten Holzstäbchen zusammengesetzt, der ganze Oberteil aber bedeckt mit buntfarbigem Stroh, das zu schönen geometrischen Mustern geordnet ist. „Wo werden die Dinger gemacht?“ frage ich den kleinen Kaufmann. „Karibu sana, hier ganz in der Nähe“, lautet die prompte Antwort. „Und wer macht diese Kämme?“ „Ein Fundi, ein Meister“, ertönt es daraufhin, etwas verwundert diesmal, denn der Weiße sollte doch billig wissen, daß hierzulande alles von Berufshandwerkern, von Fundi, gefertigt wird. Schnell werden wir handelseins, ebenso schnell habe ich meinen Tropenhelm mit dem leichten Filzhut vertauscht, habe noch Kibwana, der merkwürdig schnellfüßig mit einem rasch umgehängten Gewehr heranspringt, angeschnauzt, er solle seine Donnerbüchse nur ruhig wieder weghängen und so mitkommen, da sind wir auch schon mitten drin im schönen, grünen Urwald. Der kleine Mann eilt mit erstaunlich raschen Schritten fürbaß, 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. „Na, wo ist denn dein Fundi?“ frage ich ihn schon ungeduldig. „Karibu sana“, tönt es beschwichtigend zurück. Aus den 15 Minuten werden 30, werden 40; die Sonne ist schon hinter dem nächsten Bergrücken verschwunden. Auf meine Anfragen stets eine ausweichende Antwort: Dort, wo die Schambe ist, dort wohnt der Fundi, oder aber: Unmittelbar hier vor uns, da ist es. Schließlich springe ich den kleinen, flinken Führer unversehens von hinten an, indem ich ihn in Ermangelung eines anderen passenden Angriffspunktes bei beiden Ohren nehme. Strenges Verhör unter sanfter Nachhilfe an den Ohrläppchen. Da kommt es denn heraus: es sei reichlich noch einmal so weit, als wir schon gelaufen seien, und es sei hoch oben in den Bergen. Demnach wäre ich also frühestens zwischen 7 und 8 Uhr ans Ziel gekommen, in vollkommen dunkler Nacht, gänzlich unbewaffnet, ohne jede Unterkunft. So weit ging meine Begeisterung für das Studium der Negertechnik denn doch nicht; ich zog, unter Zugrundelegung unserer europäischen Ansichten über Nah und Fern, aber zur schmerzlichen Verwunderung des Autochthonen, diesem noch einmal die Ohren lang, entließ ihn dann mit leichtem Klaps und zog unverrichteter Dinge wieder heim. Damals war ich stark entrüstet über dieses unberechenbare Negervolk; heute muß ich zugeben, daß es bei uns doch eigentlich wenig anders ist; dem einen sind 20 Kilometer ein Katzensprung, dem andern die halbe Meile ein Tagemarsch. Das aber habe ich schon gemerkt: der Neger rechnet ganz allgemein mit viel größeren Entfernungen und auch mit größeren Marschleistungen als wir. —

Wieder brennt die Lampe mit unsicher flackerndem Licht unter Nakaams Barasa. Zwar ist diese besser abgedichtet als gestern, aber der Sturm braust heute ungleich gewaltiger wie den Abend vorher.

„Und 60 Millionen Menschen wohnen in Uleia?“ fragt mich Nakaam ganz verwundert. „60 Millionen? Aber was ist eine Million? Ist es elfu elfu elfu, 1000 mal 1000 mal 1000?“

Donnerwetter, denke ich, der geht aber in die vollen; 1000 mal 1000 mal 1000, das ist ja eine Milliarde! 60 Milliarden Deutscher, armes Vaterland! Es lebe die Bevölkerungsstatistik!

Doch soll ich den Nigger enttäuschen? Keinesfalls; wir haben an Prestige sowieso nicht viel mehr zuzusetzen. So antworte ich ihm denn: Ndio, elfu elfu elfu und belasse es bei den 60 Milliarden.

Und wieviel Askari hat der Sultani ya Uleia, der deutsche Kaiser?

Hier konnte ich ruhig bei der Wahrheit bleiben, denn in bezug auf unsere Wehrmacht sind wir Gott sei Dank einstweilen noch allen möglichen Gegnern über.

„Wenn wir keinen Krieg machen, haben wir 600000 Askari; wenn wir aber Krieg machen, dann sind es 6 Millionen.“

Nakaam ist keiner von denen, die sich leicht imponieren lassen, aber als er jetzt stumm nachrechnete: 6 mal elfu elfu elfu, da wuchsen wir in seinem Ansehen ganz offensichtlich. Doch er ist nicht nur kritisch veranlagt, sondern auch mit der Tagesgeschichte wohlvertraut.

„Nicht wahr?“ sagt er, „in dem großen Kriege zwischen den Russen und den Japanern haben die Russen Haue bekommen?“ Diese Tatsache konnte ich allerdings mit dem besten Willen nicht wegleugnen, doch hielt ich es für durchaus angebracht, meiner bejahenden Antwort in einem Atem hinzuzufügen, das wolle nichts bedeuten, denn wir, die Wadachi, wir seien viel stärker als sie alle zusammen, als die Russen, die Japaner und auch die Engländer. Nakaam setzte jetzt endlich eine überzeugte Miene auf; aber ob sie wirklich echt gewesen ist, wer kann das bei diesem schlauen Fuchs ermessen.

In der Geographie hatte bis vor kurzem mein Boy Moritz die beste Note; er hielt seinen Freunden, und auch wer ihm sonst zuhören mochte, lange Kollegien über Uleia und Amerika, sprach von Berlin, Hamburg und Leipzig und erklärte dem wißbegierigen Auditorium mit gleichbleibender Geduld, welchen Daseinszweck auf dieser Erde nun auch ich, sein Herr und Gebieter, dort im fernen Uleia habe. Ich sei der Bwana kubwa eines großen, großen Hauses, und in diesem großen Hause, da seien die Matten und die Stühle und die Töpfe und die Löffel und die Kokosreiber aller Völker der Erde, und ich sei hier ins Land gekommen, um nun auch von hier alle diese schönen Dinge nach Uleia zu bringen. Moritz war also, das muß man billig anerkennen, ein ganz guter Interpret meiner Ziele, aber sein Ruhm war verblaßt, als ein paar Tage vor unserm Abmarsch von Massassi Ali, der Weitgereiste, von Lindi herauf nach Massassi gekommen war, um von neuem in Knudsens Dienste zu treten. Jetzt verstummte Moritzens quäkige Stimme, denn nun konnte Ali berichten, was er mit eigenen Augen in Berlin und Hamburg gesehen hatte. Als Diener eines weißen Herrn war er in der Tat im fernen Deutschland gewesen. Nur daß er Leipzig nicht kannte, betrübte ihn.