Newala, Anfang September 1906.
Ich lebe seit ein paar Tagen in einer andern Welt; ich bin dem Himmel nahe, denn ich sitze hier in einer Höhe von mehr als 700 Meter über dem Spiegel des Indischen Ozeans und schaue aus mehr als 500 Meter Höhe stolz auf das Graugrün der unendlichen Ebene im Westen hinab. Das heißt, dieser wundersame Anblick über jene Ebene zu meinen Füßen, über den Rovuma mit seinem breiten, gegenwärtig vom Wasser allerdings nur spärlich gefüllten Bett im Südwesten, auf die Bergkette von Massassi weit im Nordwesten, auf die zahllosen Inselberge in jeder Entfernung im Süden, Westen und Nordwesten, dieser Blick wird mir erst, wenn ich reuig wieder einen Kilometer westwärts von meinem jetzigen Ruhesitz schreite, da Newala nicht am jähen Steilrande des Plateaus liegt, sondern tausend Meter landeinwärts.
Und nun erst der klimatische Gegensatz, wenigstens gegen die Hölle Chingulungulu und das Fegefeuer Akundonde! Frisch ist’s hier wie auf dem Kamm des Thüringer Waldes, und eiligst haben wir Europäer nach unseren „Wintersachen“ gegriffen. Doppelte Decken des Nachts und eine warme Weste am Morgen und Abend genügen allein nicht; ich habe außerdem einen würdigen Überzieher aus vergangenen Semestern aus der Lade genommen, Nils, der Wikinger, aber wandelt in einem Überrock einher, von dem er behauptet, er sei erst vor reichlich einem Jahrzehnt von seinem Leibschneider in Treungen im fernen Nordland gefertigt worden; ich hingegen lebe der Überzeugung, daß diesmal zwar der edle Vasco da Gama unschuldig ist, daß aber einer von Nils’ wikingischen Ahnen vor tausend Jahren schon in diesem Gewande die nordischen Meere durchfurcht haben muß.
Doch bitte Schritt für Schritt! Zwischen unserem Abschied von Chingulungulu und unserem Einzug in die Boma von Newala liegen nur elf Tage, aber wieviel, oder richtiger wievielerlei haben mir diese anderthalb Wochen gebracht! Nie haben meine Träger vor lauter Lust und Ausgelassenheit so getobt und gelärmt, als zu jener Frühmorgenstunde, in der sie von der Untätigkeit bei Matola entbunden wurden. Stillsitzen ist nichts für Wanyamwesiträger; sie wollen laufen, wollen etwas Neues sehen; zu guter Letzt huldigen auch sie dem Grundsatz: „Andere Städtchen andere Mädchen“. Ich habe schließlich schwere Mühe gehabt, meine 24 rüstigen Kerle — die Rugaruga von Lindi habe ich schon in Massassi leichten Herzens entlassen — über die Gefahren dieses Kapua hinwegzubringen; sie wurden gewalttätig, vergriffen sich an Frauen und Mädchen und gaben auch zu sonstigen Klagen Veranlassung. Zur Ablenkung haben sie unsere Barasa mit den schönsten und längsten Tischen aus halbierten Bambusknüppeln ausstaffieren müssen; sie haben alle paar Tage uns beiden Weißen einen neuen Choo zu bauen gehabt, einen immer schöner und luxuriöser als den andern — nichts hat gefruchtet. Trotz ihrer Last von 60, 70 Pfund sind sie wie die jungen Kälber an jenem Morgen einhergesprungen, als wir dem Rovuma zuschritten.
Und wie freudig sind wir alle ausgeschritten! Im Handumdrehen liegt das schattenlose Pori von Chingulungulu hinter uns; eine scharfe Wendung des Weges aus seiner Westrichtung nach Süden, ein kurzer steiler Abstieg; wir stehen an den Fluten des Nasomba. Fluten ist etwas euphemistisch ausgedrückt, doch nach der wasserlosen, der schrecklichen Zeit kommt uns auch der dünne Wasserfaden, der dieses tiefe Tal durchzieht, wie ein schiffbarer Strom vor. Über abgeerntete, ausgedehnte Mais- und Hirsefelder, zwischen grünenden Bohnenbeeten und prachtvollen Tabakpflanzungen geht es vorwärts; hohe Termitenhügel künden alle Augenblicke, wie fruchtbar hier die Erde ist; auf hohen Pfählen angebrachte Wachthäuschen zeigen andererseits, daß Wildschwein und Affe, von hundert anderen Schädlingen zu schweigen, auch hier lüstern sind, der Segnungen menschlichen Fleißes teilhaftig zu werden. Längst ist Knudsen seiner Jagdleidenschaft gefolgt; von Zeit zu Zeit donnert eins seiner mehr oder minder ehrwürdigen Schießeisen über Hügel und Tal dahin. Ich habe inzwischen den fast gänzlich schilfverwachsenen Lichehesee passiert; nach der Karte muß ich demnach dicht am Rovuma sein. Auch die Vegetation kündet größeren Wasserreichtum an; wir kommen an Baobabs von gewaltigen Abmessungen vorüber; wir zwängen uns durch niedere Palmendickichte, und die Kronen stolzer Fächerpalmen rauschen zu unseren Häupten. Ich will gerade in ein neues Gebüsch eindringen, da reißt mich die nervige Faust Hemedi Marangas, meines neuen Gefreiten, zurück. „Mto hapa, Bwana,“ sagt er dabei, „hier ist der Fluß, Herr.“ Ein Schritt noch, und ich wäre die wohl 5 bis 6 Meter hohe, steile Uferwand hinuntergestürzt, an deren Fuß ich erst jetzt jene breite Wasserfläche erglänzen sehe, von deren Reizen mir Nils Knudsen hundertmal erzählt hat, ja, die selbst auf nüchternere Gemüter, wie das Ewerbecks, ihren Eindruck nicht verfehlt haben. „Hapana“ ist in meinen Ohren das schrecklichste Wort, ein Ausdruck, der mich allmählich nervös macht; das sonore „Hapa“ des Gefreiten habe ich damals gesegnet.
Was soll ich singen und sagen von jenen fünf oder sechs glücklichen Tagen an den Ufern und auf den Inseln dieses durch Livingstone geheiligten Stromes. Für den Ethnographen ist dort zurzeit wenig zu holen. Vor 40 Jahren noch, als Livingstone stromaufwärts zog, war es anders, da waren die Ufer des Rovuma dicht besetzt mit Ansiedelungen der Wamatambwe; die Fluten des Stromes trugen tausend Einbäume jenes rührigen Fischervolkes, und ein reges, fröhliches Leben herrschte überall. Doch wie ein Reif in der Frühlingsnacht sind auch hierher die Wangoni gekommen; von dem einst so stolzen, zahlreichen Stamm der Wamatambwe sind heute nur noch ganz spärliche Reste übrig geblieben, die sich regellos über die ungeheure Länge des Rovuma verteilen oder aber in den anderen Völkerschaften der Makua, Yao und Makonde aufgegangen sind. Der Reisende muß schon, wie ich das so gewohnt bin, Glück haben, um ein paar Angehörige dieses verlorenen Volkes zu Gesicht zu bekommen.
Wir haben unser erstes Lager hart am Strombett aufgeschlagen, ich, wie immer, am weitesten gegen den Wind unmittelbar am Wasser, daneben Knudsens Zelt; die Träger müssen weiter leewärts im Schutz einer überhängenden Uferwand unterkriechen. Derartige Wände sind hier allgemein; während und nach der Regenzeit schüttet der Strom, der dann in majestätischer Breite ungeheure Wassermassen dem Ozean zuwälzt, seine Alluvialebene immer höher auf; in der späteren Trockenzeit, wie gerade jetzt, liegt dagegen das 1 bis 1½ Kilometer breite Bett fast ganz trocken; wo sonst die gelben Fluten rauschen, dehnen sich jetzt unabsehbare Sand- und Kiesbänke. Zwischen ihnen irrt der Rovuma in der Trockenzeit unsicher hin und her, hier und da in einem geschlossenen Bett, das etwa so breit ist wie das der Elbe bei Dresden, meist aber in zwei, drei Arme aufgeteilt, die man bequem durchwaten kann. Doch trotz seiner Ohnmacht hegt der Fluß Angriffsgelüste; in starker Kurve schießt er auf die nächste Uferstelle zu; unheimlich brodeln und quirlen seine sonst so klaren Gewässer; stolze Bäume spiegeln ihre Wipfel am stillen Uferrand in diesem Wasser; doch wie lange noch? Dann kommt ein Tag, wo das Fleckchen Erde, das sie so lange verziert und verschönt haben, einem Bild der Verwüstung Platz gemacht hat: die stolzen Bäume sind gestürzt; die Wurzelenden hoch in der Luft, tauchen sie mit ihren Kronen tief in den Strom hinein. Der aber, ein gefräßiger Nimmersatt, gräbt weiter und weiter.
Es ist am späten Nachmittag; in einem ziemlich großen, enggeschlossenen Kreise stehen ein Dutzend Neger an einer flachen Stelle mitten im Bett des Rovuma; aufmerksam, fast ängstlich spähen sie umher, den Blick starr aufs Wasser gerichtet, als wollten sie es bis zum Boden des Stromes durchdringen. Was ist der Männer Beginnen? Hat etwa der weiße Herr kostbare Schätze verloren, die er durch seine Mannen suchen läßt? Des Rätsels Lösung ist weit einfacher. Schaut in den Kreis hinein: zwei Tropenhüte schwimmen auf dem Wasser; wenn sie sich über dessen glänzende Fläche einmal emporheben, seht ihr zwei Blaßgesichter, den beiden Wasungu Knudsen und Weule zugehörig, die voll Entzücken, dem ewigen Bad in der engen Gummiwanne mit ihrem halben Eimer Wasser enthoben zu sein, ihre schlanken Glieder in den belebenden Fluten des Stromes kühlen. Und die schwarzen Männer? Der Rovuma steht nicht umsonst in dem Rufe, einer der krokodilreichsten Ströme Ostafrikas zu sein; da ist es immer gut, eine kleine Postenkette aufzustellen; zudem ist es recht drollig, die ängstlichen Gesichter der schwarzen Helden zu bewundern, trotzdem das Wasser auf weite Entfernung hin kaum knietief ist.
Und es will Abend werden; ein steifer Westwind hat eingesetzt, der das breite Bett des Stromes mit ungehinderter Heftigkeit hinauffegt; selbst die magere Wasserader des Rovuma versucht einige kümmerliche Wellen zu werfen. Froh des ungewohnten Anblicks schweift das Auge flußabwärts; Totenstille ringsum, nichts von dem alten, frohen Wamatambwe-Leben der 1860er Jahre. Doch, was ist das? Fern in der letzten Strombiegung ein schwarzer Punkt, der rasch größer wird; unsere Schwarzen mit ihren Luchsaugen haben das Phänomen längst erspäht und starren wie wir beiden Europäer in gleicher Richtung. „Mtumbwi, ein Einbaum“, ertönt es wie aus einem Munde, als der Punkt sich bei einer Biegung des Fahrwassers zu einer schwarzen Linie entwickelt. Nach einer Viertelstunde ist das Boot heran, ein Einbaum einfachster Form, mit traurigem Inhalt: mehr tot schon als lebendig kauert in seinem Hintergrunde ein altes Weib. Mich dauert die Ärmste; ein Wink; ein älterer und ein jüngerer Mann springen gewandt ans Ufer. Ein paar Fragen. „Die ist sehr krank, die Bibi,“ heißt es, „sie wird wohl noch heute sterben.“ Ich sehe selbst, hier ist menschliche Hilfe zwecklos. Schon stehen die beiden Männer wieder an ihrem Paddelruder; nach zehn Minuten sieht man sie schräg oben am anderen Ufer anlegen; sie tragen ein unförmiges Bündel über die Sandbank weg in den Busch — ein Menschenschicksal hat sich erfüllt.
Nils Knudsen hatte mir in seiner gewohnten Weise wieder wahre Wunderdinge von dem Lagerplatz Naunge weiter oberhalb am Rovuma erzählt; „da müssen wir unbedingt hin, Herr Professor,“ hatte er wieder und wieder gesagt; „dort ist es zu schön“. So ganz unrecht hatte Nils diesmal nicht; der Platz mit seinem wilden Felsengewirr am und im Strom, die kleinen Katarakte zwischen den moosbewachsenen Steinen, das dunkle Grün der dichten Ufervegetation, alles das war in der Tat verlockend genug. Doch wie sah es dafür am Boden selbst aus! Zertreten die Grasnarbe, die Büsche zerzaust, dazu der unverkennbare Duft negroider Fäkalien überall. Danke, sagte ich, als ich hier, genau auf den Spuren des schottischen Missionars, stromaufwärts zog; Safari, vorwärts! Schon hundert oder ein paar hundert Meter vom Stromufer ab beginnt das lichte Pori. So bin ich mit einem viertel Dutzend meiner Askari gleichsam als linke Seitendeckung durch die Ufervegetation selbst stromaufwärts marschiert, unter unsäglichen Anstrengungen, aber doch froh des frischen Naturbildes, des Stromes mit seiner ewig wechselnden Szenerie. Endlich habe ich, was ich suche: mitten im Strombett, wohl 600 bis 700 Meter von uns ab, erhebt sich, steil und scharf wie der Bug eines Kriegsschiffes, eine Strominsel; mit den roten Wänden leuchtet sie weit über das Silbergrau der Sandbänke hinweg, oben aber ist sie von einer kompakten Masse saftigen Grüns überwuchert. Ein gellender Pfiff durch das Pori zu meiner Karawane hinüber, ein kecker Sprung in die Tiefe, und schon wate ich im tiefen Sande direkt auf jenes Eiland zu.
Das Idyll, das ich für einige Tage als Einsiedler auf dieser wohl 8 Meter hoch senkrecht aufsteigenden Rovuma-Insel genossen habe, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Nils Knudsen ewig auf der Jagd, von der er stets mit saftigem Braten heimkehrt; unsere Leute infolgedessen in bester Stimmung, dabei weitab unter dem Winde; unsere Zelte tief unten in einer schmalen Sandschlucht am Fuß der Insel: ich selbst schließlich wie in einer grünen Laube einsam oben, erreichbar nur nach dem streng vorgeschriebenen Anruf „Hodi Bwana“. Nur meine Leibdienerschaft darf mir unangemeldet bringen, was Omari, der jetzt einige Gerichte passabel zu kochen weiß, Schönes und Gutes für seinen der Pflege bedürftigen Herrn hergerichtet hat. Es war herrlich!
Herrlich war auch unsere letzte Station am Rovuma. Es war die Einmündungsstelle des Bangala, jenes größten linken Nebenflusses unseres Grenzstromes, der sich auf der Karte so stattlich ausnimmt, der aber jetzt zur Trockenzeit gleichwohl nur ein Wadi war; man hätte mehrere Meter tief graben müssen, um zu seinem unterirdisch fließenden Wasser zu gelangen. Wir haben es gar nicht nötig gehabt, wir lebten und webten dort im klaren Wasser des Rovuma selbst, vor allem meine Leute, die ein geradezu amphibisches Leben führten. Wie rein und sauber schritten sie einher, seitdem sie wieder die tägliche Möglichkeit des Waschens und Badens vor sich sahen. „Msuri we! bist du schön!“ sage ich im Vorbeigehen anerkennend zu Chafu koga, dem Dreckschwein; so etwa nämlich läßt sich sein Name übersetzen. Das selbstgefällige Schmunzeln auf dem Bronzegesicht des Edlen war allein eine Reise nach Afrika wert!
Nur eins kann den Aufenthalt am Rovuma etwas verleiden; es ist der furchtbare Nachtwind, der gegen Sonnenuntergang anhebt, sich dann von Stunde zu Stunde bis fast zur Stärke eines Orkans steigert, um gegen Mitternacht abzuflauen. Gegen ihn hilft keine Schutzwand und kein Verkriechen hinterm Zelt; kein Windschützer rettet die Lampe vor dem Verlöschen; unweigerlich müssen Herr und Diener um acht Uhr ins Bett.
Und dann die kitzligen Nachtbesuche. Zwar die der Elefanten mögen noch hingehen; die Tiere sind hier sehr zahlreich, aber doch auch sehr scheu, sie umgehen das Lager in weitem Bogen. Nicht so der Löwe; er scheint es zu lieben, beim bleichen Mondeslicht zwischen meinen Leuten spazieren zu gehen. Am Bangala war er die Reihe meiner schnarchenden Leute entlang gewandelt und war schließlich, wie der Posten, der mit fertig gemachtem Gewehr in einiger Entfernung davon gestanden hatte, mit boshaftem Grinsen erzählte, zu Häupten meines Kochs Omari stehengeblieben. „Soll ich ihn fressen oder nicht?“ schien der König der Tiere bei sich zu überlegen. Lange stand er so; dann ein tiefes, verdrießliches Knurren, als wenn er sagen wollte: „Nee, du Kerl, du bist zu unappetitlich“, und langsam war er in den Wald getrottet.
Luisenfelde — ich weiß nicht, nach welcher Luise du genannt worden bist, aber ich werde deiner lange gedenken als eines Kulturgrußes inmitten des echtesten afrikanischen Pori. Schon der Name Bergbaufeld klingt so unternehmend und dabei doch anheimelnd. Zwar warst du mit deinen Granaten zu einem nur kurzen Dasein verurteilt, trotzdem der glückhafte Herr Vohsen, dein vormaliger Besitzer, den leuchtend roten Stein stolz Kaprubin benannte. Granaten sind zu billig, sie wachsen auch zu vielerorts. So ist nach kurzer Frist der Bedarf gedeckt gewesen, wie es der technische Ausdruck so schön besagt; Herr Marquardt, der konquistadorenhafte Leiter des Bergbaufeldes, zog heim, und Nils Knudsen, der Mann für alles, saß vergessen im Busch. Tatsächlich im Busch, denn das stolze Haus mit seinem Doppeldach — unter dem äußeren, schweren Strohdach liegt noch ein anderes aus Wellblech — blieb dem Norweger fortan verschlossen; er mochte in einem der beiden Wirtschaftsgebäude sein Unterkommen finden. Jetzt haben wir in Erinnerung geschwelgt; wir haben auf unserm Marsch vom Rovuma nordwärts eigens einen viertel Tag haltgemacht, um unser sonntägiges Mittagessen unter der Veranda des Herrenhauses einzunehmen. Ein doppeltes Memento liegt dort vor uns: mitten in dem langen, weiten Hofraum ein großer Haufen jener Kaprubine, für die der Markt nicht mehr aufnahmefähig war, und mit denen jetzt die Hand des jungen Negerkindes wie mit gewöhnlichen Murmeln spielt; im Vordergrunde aber das Grab von Marquardts einzigem Töchterlein. Dreijährig, zu den besten Hoffnungen berechtigend, ist es mit Vater und Mutter hier in die Einöde gekommen; nach nur stundenlanger Krankheit hat es im Sande der Rovuma-Ebene sein frühes Grab gefunden. Wir Europäer sind nüchtern und hart und glauben nicht an Vorbedeutungen, dem Neger war der jähe Tod der Kleinen schon längst vor seinem Eintritt kein Geheimnis mehr.
„‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Mit diesen Worten,“ so erzählt Knudsen, „tritt eines Tages einer der schwarzen Arbeiter aus den Granatgruben an mich heran. ‚Dummes Zeug‘, sage ich und jage den Burschen weg. Am nächsten Tage kommt er wieder: ‚Herr, hier wird einer sterben.‘ Wieder jage ich den Mann weg, aber trotzdem kommt er wieder. Nacht für Nacht sitzt eine Eule auf Marquardts Haus und schreit. Das geht eine Woche so fort und auch noch eine zweite; dann erkrankt plötzlich Marquardts Töchterchen, und wenige Stunden darauf ist es tot. Da ist der Vogel nicht wiedergekommen; sein Name aber ist Liquiqui.“
Die eine Geschichte löst andere aus; Matola hat uns beim trauten Schein der Abendlampe so manche erzählt. Hier ein paar von ihnen.
„Zwischen hier,“ so berichtete Matola in Chingulungulu, „und dem Nyassa liegt ein hoher Berg, Mlila mit Namen; an dem führt der Weg vorbei. Und am Wege stehen zwei Beile und eine Schaufel; und wer es versucht, sie wegzutragen, der bringt es nicht fertig. Lädt er sie auf seine Schulter, so erfaßt ihn alsbald das Gefühl, sie nicht mehr zu haben; er dreht sich um und sieht, wie Beile und Schaufel wieder auf ihren Platz gehen. Eigentümer der Beile und der Schaufel aber ist Nakale.“
Die andere Geschichte lautet folgendermaßen: „Beim alten Wayaohäuptling Mtarika hat man ein großes Wunder gesehen: Usanyekörner, die roten Früchte dieser Hirseart, weinten in dem Korbe, in dem sie standen. Und das kam so. Sie (die Leute) hatten die Usanye in der Schambe abgehackt und in den Korb gelegt. Und beim Zusammenpressen fingen die Körner an zu schreien und zu weinen, und sie jammerten im Korbe. Aber die Leute wußten nicht, woher das Geschrei kam, und warfen die Usanyekörner aus dem Korbe heraus, um in und unter dem Korbe nachzusehen. Aber sie fanden nichts; auch hörten sie jetzt nichts. Darauf taten sie die Körner wieder in den Korb; da ertönte das Geschrei von neuem. Und alles Volk lief erschreckt weg und holte Leute. Auch diese sahen nach, fanden aber auch nichts. Und alle gingen höchst erstaunt von dannen. Als sie aber heimkamen, siehe, da tanzte der Mörser; auch die großen Mbale, die großen Tonschalen, tanzten; und Yongōlo, der Tausendfuß, baute sich Häuser. Am nächsten Morgen liefen sie alle zusammen, um sich zu befragen, was das alles bedeuten solle. Und drei Tage danach starb Mtarika. Das war die Bedeutung.“
Wir haben Luisenfelde nur zum Teil aus Pietät berührt: hauptsächlich ist der Umstand, daß der Weg von der Bangalamündung nach Akundonde gerade hier vorbeiführt, die Ursache unseres Besuchs gewesen. Akundonde ist dann nicht mehr weit; ein anderthalb- bis zweistündiger Marsch im tiefeingeschnittenen Bett des Namaputa aufwärts, ein kurzer, steiler Aufstieg auf die Höhe der nächsten Hügelwelle, und wir stehen vor der typischen Negeransiedelung dieser Länder: einem mäßig großen, sorgfältig gesäuberten Platz mit dem Pfeilerbau der Barasa in der Mitte; um ihn herum ein halbes Dutzend Hütten im Rund- oder Viereckstil, alle mit schwerem, weitausladendem und bis fast zur Erde reichendem Strohdach; auf dem Kamm des Hügels entlang in weiten Abständen eine Reihe anderer Gehöfte. Akundonde behauptet, unseren Besuch erwartet zu haben; trotzdem ist er nur wenig entgegenkommend und zugänglich; ein Kater nach der Libation von neulich wird kaum die Ursache sein, denn dazu ist die Kehle des alten Sünders zu ausgepicht; näher liegt es schon, an sein wehes Bein zu denken. Ich habe gerade eine Flasche echten „alten“ Jumbenkognaks zur Verfügung, jenes berühmten Getränks, das wie Rosenöl duftet, dessen Geschmack ich aber nicht zu schildern vermag; ich spendiere sie dem alten Häuptling, lasse ihn aber sonst links liegen. Dies kann ich ohne Gefahr für das Gelingen meiner Expedition wagen, denn der junge Jumbe des Dorfes, ein fixer, nach landläufigen Begriffen stutzerhaft gekleideter Yao, an dessen Weste sogar eine dicke Uhrkette baumelt und der den dazugehörigen Zeitmesser alle zwei Minuten demonstrativ zückt, ist ein viel brauchbarerer Führer durch das Volkstum dieses entlegenen Bezirks als der griesgrämige alte Akundonde. Was hat uns der junge Mensch allein an autochthonen Kunstwerken vorgeführt! Wir brauchten bloß von Haus zu Haus zu wandern, um unter den verschwiegenen Dachtraufen alle Wände mit den schönsten Fresken bedeckt zu finden. Auch einen kleinen Friedhof konnte der Führer uns zeigen; ein paar Yaogräber, über denen ich nun zum ersten Male das niedrige Hüttendach mit den darauf befestigten Stoffen erschauen konnte. Fast stimmungsvoll nahmen sich in der kurzen Abenddämmerung diese schon halb verfallenen Zeichen der Pietät auch im barbarischen Afrika aus.
Bei Akundonde findet dieses Jahr Unyago statt. Dies wußten wir, und daher setzten wir alles daran, möglichst alles zu erfahren und alles zu sehen. Das Versprechen eines fürstlichen Honorars hat denn auch alsbald seine Schuldigkeit getan; nur meine Träger und Soldaten dürften nicht mit, meint der Jumbe, Moritz und Kibwana sei aber der Zutritt gestattet. Meine beiden Mohrenknaben haben das Feldleben schon herzlich satt, deswegen bedarf es erst einer kleinen Auffrischung ihres Diensteifers; dann aber trotten sie, wenn auch widerwillig, mit der Kamera hinter uns her.
Mit merkbarer Heimlichkeit hat der Jumbe uns zwei Weiße und die beiden Diener aus dem Bereich des Dorfes hinausgeführt; immer tiefer geht es in das schweigende Pori hinein, das hier mit seinen stattlichen Bäumen fast an einen deutschen Hochwald gemahnt; selbst das Grün ist hier frischer und allgemeiner, als es jenseits Chingulungulu zu finden gewesen war. In der erklärlichen Spannung des Forschers, der vor etwas Neuem, Ungeahntem steht, achte ich weder auf Ort noch Zeit; wir mögen eine halbe, aber auch eine ganze Stunde fürbaß geschritten sein; endlich brechen wir durch ein Gebüsch; wir stehen vor einer kleinen Hütte; wir sind am Ziel.
Das Ziel ist des Erstrebens wohl wert gewesen. Bevor ich noch Größe, Bauart und Stil des länglichen Gebäudes habe mustern können, sind wir bereits von einer Schar halbwüchsiger Knaben umringt. Mit lautem Zuruf und energischer Handbewegung treibt der Jumbe sie zurück; ein älterer Mann tritt jetzt heran; er muß aus der Hütte selbst gekommen sein, denn er steht wie aus dem Boden gewachsen plötzlich da. Feierliche Begrüßung seitens des Wamidjira, denn diesen Oberleiter des ganzen Knaben-Unyago haben wir in der Person dieses würdigen Mannes vor uns: sodann ein leiser Wink mit seinen Augen zu den Knaben hin. Die stehen bereits in einer langen Reihe ausgerichtet, wundersam anzuschauen mit ihren großen Grasschürzen, die die schmächtigen Körper gleichsam wie die von Überballetteusen erscheinen lassen; am Munde jeder ein röhrenförmiges Instrument, dem sie nunmehr ihre Begrüßungsmusik entlocken. Auch jetzt wieder muß ich tief bedauern, so wenig musikalisch zu sein, denn das Spiel ist etwas Einzigartiges. Ich lasse die nicht unschöne Melodie zu Ende gehen; dann trete ich näher heran, um die Kapelle genauer zu besichtigen. Jedes der Instrumente ist lediglich ein Stück Bambusrohr, alle an Länge und Weite verschieden, alle aber unten mit dem natürlichen Internodium verschlossen und oben glatt abgeschnitten. Dergestalt verfügt jeder der kleinen Musikanten nur über einen Ton, doch das ist sein Ton, und den weiß ein jeder von ihnen so präzis und fehlerlos in das „Lied ohne Worte“ einzufügen, daß ein vollkommen harmonisches Ganzes entsteht. Moritz hat inzwischen seines Amtes als Finanzminister gewaltet; einzelne der Knaben haben es sogar über sich vermocht, mir hinter der Hütte die Wirkungen des chirurgischen Eingriffs, der bereits um einen Monat zurückliegt, bei dem einen oder anderen aber noch immer Eiterungen verursacht, zu zeigen. Doch jetzt treibt es mich in die Hütte selbst.
Luxus ist ein Begriff, dessen sich der Europäer in Afrika sehr bald auch für seine Person entwöhnt, den er bei den Eingeborenen aber gar nicht erst suchen darf; wie primitiv und anspruchslos jedoch diese für Monate berechnete Behausung der 15 Knaben ist, spottet jeder Beschreibung. Die Daggara, wie die Beschneidungshütte offiziell genannt wird, ist ein Bau von zirka 10 Meter Länge bei 4 Meter Breite, also ein an sich ganz stattliches Bauwerk; doch Schutz gegen die Unbilden der Nacht vermögen weder die aus krummen, ästigen Baumstämmen gebildeten Seitenwände, durch deren Lücken der Wind ungehindert hindurchpfeift, noch auch das ebenso luftige, schlecht gehaltene Strohdach zu gewähren. Türöffnungen sind zwar da, in der Mitte jeder Längswand eine, doch fehlt ihnen der Verschluß. Tritt man ins Innere selbst, so blickt das Auge zunächst nur auf ein Meer von Hirsestroh; es liegt auf dem Boden, mit Aschebergen durchmischt; es ragt an den Wänden empor; es breitet sich schließlich in unordentlicher Lagerung über 16 ursprünglich vielleicht ganz saubere Betten und Bettchen. Eins von diesen ist das Ruhelager des Meisters, die 15 anderen sind die Schmerzenslager seiner Jünger; auf ihnen haben die Ärmsten die schmerzhafte Operation ohne Narkose, ohne lokale Anästhesie, ohne Antisepsis und ohne Asepsis über sich ergehen lassen müssen, mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Dieser ist bei den tapferen Yao, diesen Spartanern des Ostens, verpönt. Übermannt den immer noch kindlich empfindenden, kleinen Mann trotz allen Heldenmuts der Schmerz, was ist die Folge? Er wird überbrüllt vom homerischen Gelächter der Anamungwi, seines Mentors, und seiner Gefährten.
Heute sind die 15 Betten schon arg mitgenommen; ein Teil von ihnen ist vollkommen niedergebrochen, auf anderen finden sich nur noch kümmerliche Reste des alten, sauberen Strohbelags; wir durch die Ordnungsliebe der deutschen Hausfrau verwöhnten Angehörigen einer hohen Kultur sehen mit einem Blick, daß hier das ordnende Walten der weiblichen Hand gänzlich fehlt. Dafür sprechen auch die großen Aschehaufen zwischen je zwei Betten; sie sind der Beweis, daß jeder der kleinen Patienten sich gegen die empfindliche Kühle der Tropennacht durch ein sorgsam unterhaltenes Feuer zu schützen sucht; dafür spricht auch vor allem die unmeßbar dicke Dreck-, Staub- und Aschenschicht, mit denen jeder der kleinen Kerle vom Scheitel bis zur Sohle überzogen ist. Das große gemeinsame Bad, das den Aufenthalt in der Daggara und damit auch die Novizenzeit der angehenden Männer beendigt, ist denn auch ein nicht nur langentbehrter Genuß, sondern direkt eine Notwendigkeit.
Doch was ziert die Mitte des Hauses? Ist es ein ins Afrikanische übersetzter Weihnachtsbaum mit seiner buntgefärbten Epidermis und seinem Behang von Fellstreifen, Tierschwänzen und Vogelbälgen, oder was stellt dieses merkwürdige Phantom sonst dar? Die Lupanda ist es, wie ich vom Meister vernehme, der Baumast, nach dem das ganze Mannbarkeitsfest der Knaben seinen Namen führt; Unyago ist die Bezeichnung für die Pubertätsfeste schlechthin, Lupanda der Name für die Knabenbeschneidung. Näheres kann oder, wohl richtiger, will mir der Alte nicht sagen; ich muß also sehen, einen anderen Gewährsmann für diese und so viele andere Fragen zu bekommen, insbesondere auch für das Mädchen-Unyago, das nach alledem, was ich raunen höre, zum mindesten ebenso interessant sein muß wie die Lupanda.
So habe ich an jenem Spätnachmittage im Pori westlich von Akundonde gedacht, ohne zu ahnen, daß kaum einen Tag später bereits ein Teil meines letztgeäußerten Wunsches in schönster Weise in Erfüllung gehen sollte. Hastig kommt der durch sein Honorar begeisterte Jumbe kurz nach dem Mittagessen zu Knudsen und mir in unser Lager. Dieses haben wir, mehr idyllisch als vor dem Abendwinde geschützt, auf dem höchsten Punkte des Hügels am Waldesrand aufgeschlagen; Knudsen hat wie immer für das Beziehen der Barasa plädiert, aber unser alter Feind, die Windhose, die uns selbstverständlich auch hier wieder gerade bei der Erbsensuppe überraschte, hat ihn sehr bald eines Besseren belehrt. Jetzt dämmern wir im Halbschlaf unter der Banda, jener Laube aus Zweigen und Gras, die jeder Trägerführer mit seinen Leuten im Nu zu errichten versteht, pressen uns aus Gewohnheit wegen der glühenden Hitze den schmerzenden Kopf und denken an nichts, die unfraglich beste Beschäftigung in diesen Breiten. Da trabt der Jumbe heran; in Akuchikomu sei Echiputu, ruft er schon von ferne, der Bwana kubwa und der Bwana mdogo könnten viel sehen, wenn sie hingingen; aber die Weiber seien scheu und furchtsam, und die Träger und Soldaten dürften deswegen auch jetzt nicht mit. Wenige Minuten später sind wir bereits auf dem Marsch; Moritz und Kibwana haben diesmal arg zu schleppen, denn zur großen Kamera habe ich auch noch den Kinematographen gesellt, der ach so lange schon zur Untätigkeit verdammt gewesen ist und von dem ich mir manches verspreche. Zudem ist der Weg noch länger als gestern; er führt erst nach Nordosten, immer den Hügelkamm entlang, biegt dann nach Westen ab und steigt in das grüne Tal eines munteren Baches nieder. Schon ehe wir dieses erreichen, gibt es Aufenthalt: ein ungeheurer Hüttenring sperrt uns den Pfad; Bauten allerprimitivster Art sind es; ein paar Stangen senkrecht und schräg in die Erde gerammt, darüber eine Querstange, das Ganze bedeckt mit dem 2 bis 3 Meter langen afrikanischen Stroh; das ist alles. Aber Hütte reiht sich an Hütte, in fast mathematisch genauer Kreislinie umzirken sie eine Fläche von wohl über 50 Meter Durchmesser. Dies ist der eigentliche Festplatz, doch nicht für die Mädchen, sondern für das Lupanda; hier beginnt der lange Festturnus der Knabenbeschneidung mit Tanz, Schmaus und Gelage, und hier findet auch, wenn die Knaben nach 3 oder 4 Monaten geheilt und in die Mysterien des Geschlechtslebens und den Sittenkodex des Stammes eingeweiht zurückkehren, das Schlußfest statt. Also schnell heraus mit Stativ, Kamera und Platte; vom Anfänger in der Lichtbildkunst bin ich längst ein Fundi, ein Meister, geworden, der im Handumdrehen seine 20, 30 Aufnahmen bewältigt; ein Blick noch auf die zwei kleinen Aschenhügel an bestimmten Stellen des Platzes, dann geht es auch schon weiter.
Es ist 2 Uhr mittags; die noch immer unangenehm hochstehende Sonne sendet ihre glühendsten Strahlen auf den freien Platz des elenden kleinen Makuadorfes hernieder, in das wir soeben eingetreten sind. Dorf ist schon viel zu viel gesagt, kaum den Namen Weiler verdienen die paar kläglichen Strohhütten, deren wenige Bewohner sich erkühnt haben, die ganze Umgegend zu Gaste zu laden. In der Tat ist viel Volks versammelt, vor allem Frauen und Mädchen; die Männer treten an Zahl sichtlich zurück. Schon daraus würde man entnehmen können, daß es sich um die Feier eines ausgesprochenen Frauenfestes handelt.
Kein Fest ohne den schmückenden Rahmen. Und was für einer ist es, der sich unserem erstaunten Auge darbietet! Ganz afrikanisch, nicht übergroß, aber vollkommen ausreichend ist der Festsaal, den die Gastgeber hier errichtet haben. Die Neger verstehen es meisterhaft, aus den billigsten Materialien, mit den einfachsten Hilfsmitteln in der größten Schnelligkeit zweckentsprechende und auch in Stil und Form ganz ansprechende Bauten herzustellen. Dieser hier ist kreisrund; die peripherische, aus Holzstangen und Hirsestroh gefertigte Wand ist etwa 2 Meter hoch, mit zwei einander gegenüberliegenden Türöffnungen; der Durchmesser beträgt etwa 10 Meter, das Dach wird von einem Mittelpfeiler getragen. Gerade jetzt ziehen die Weiber feierlich in den Festraum ein, aus dem bereits das bekannte Stimmen mehrerer Trommeln dröhnend und polternd ertönt. Der Hinweis des Jumben auf die Scheu der hiesigen Frauen ist sichtlich gerechtfertigt; wer von den Weibern uns sieht, nimmt schnell Reißaus. Erst nachdem es uns Fremden gelungen ist, uns ungesehen an die Außenwand des Festsaals heranzuschlängeln und dort inmitten eines dichten Haufens verständiger Männer einen sehr erwünschten Unterschlupf zu finden, beruhigen sich die Festteilnehmerinnen. Aber zeichnen läßt sich gleichwohl auch jetzt noch keine von ihnen. Ich habe die Gewohnheit, wo immer es geht, mit einigen wenigen raschen Strichen jedes malerische Motiv zu skizzieren; und wie malerisch sind gerade diese Motive! Lippenscheiben, Nasen- und Ohrpflöcke sind mir seit meinem Einmarsch über die Küstenzone hinaus ins Innere etwas Altes und Vertrautes geworden, doch Exemplare von solcher Größe und Rassentypen von so ausgesprochener Wildheit und Unberührtheit zu bewundern, habe ich bislang doch noch keine Gelegenheit gehabt. Und wenn so ein Frauenzimmerchen gar erst lacht! Das ist einfach unbeschreiblich; solange das Gesicht den normalen, ernsten Ausdruck bewahrt, steht die schneeweiß gefärbte Lippenscheibe ebenso ernsthaft horizontal in die Weite, notabene wenn ihre Trägerin noch jung und schön ist; verzieht sich aber dieses selbe Gesicht zu dem kurzen kichernden Auflachen, wie es nur der jungen Negerin eigen ist, wupp! mit einem kurzen, schnellen Ruck fliegt das Pelele nach oben, es richtet sich steil auf über dem elfenbeinweißen, noch völlig intakten Gebiß; strahlend schauen auch die hübschen braunen Augen des jungen Weibes in die Weite; unter dem Gewicht des schweren Holzpflocks gerät die um fast Handbreite vorgezerrte Oberlippe in ein rasches Zittern; das Baby auf dem Rücken des Weibes — sie haben fast alle ein Baby auf dem Rücken — fängt unter dem forschenden Blick des fremden Mannes jämmerlich zu weinen an — kurz, es ist ein Anblick, den man erlebt haben muß; zu schildern vermag ihn keine Feder.
Unser Platz ist gut gewählt, ungehindert können wir das ganze Hütteninnere überschauen. Die menschliche Psyche ähnelt sich überall, ob unter dem 10. oder 11. Grade südlicher Breite, oder aber in den Schneewüsten Sibiriens oder den Bankettsälen europäischer Festhallen: überall huldigt sie dem Grundsatz: Ehre, wem Ehre gebührt.
„Was sind das dort für drei Knirpse?“ frage ich den Jumben, der dienstbeflissen neben mir steht und mit zufriedenem Verständnis den Vorgängen im Innern folgt. Drei angehende Jünglinge sind es, die an einer reservierten Stelle des Saales auf Ehrenschemeln sitzen. Das sind die Ehemänner der Frauen, deren Echiputu heute gefeiert wird.
„Und Echiputu, was ist das?“ Das ist das Fest der ersten Menses; doch es ist eine lange Geschichte. Diese lange Geschichte jetzt zu verfolgen ist indessen keine Zeit; in dem bewußten, jedem Besucher Ostafrikas unvergeßlichen Takt, der bei allen Ngomen wiederkehrt, haben die Trommeln eingesetzt; im gleichen Augenblick hat sich der dichtgeballte Knäuel der schwarzen Leiber auch schon zu einem Reigen geordnet. In einer Art Bachstelzenschritt bewegt er sich rhythmisch wiegend und gleitend um den Mittelpfahl. Doch dieser ist nicht frei, sondern lieblich grinsend umstehen ihn drei alte Hexen.
„Wer ist das?“ frage ich.
„Das sind die Anamungwi, die Lehrerinnen der drei Mädchen, die heute den Lohn ihrer Arbeit ernten; sieh Herr, was jetzt passiert.“ Einstweilen passiert noch nichts; der Tanz geht weiter und weiter, zunächst noch in der alten Art, dann in einer neuen. Diese ist weniger afrikanisch als allgemein orientalisch, es ist der gewöhnliche sogenannte Bauchtanz. Endlich geht auch er zu Ende; der Reigen löst sich wieder zu einem wilden Durcheinander auf; die eine greift hierhin, die andere dorthin, dann sammelt sich alles wieder um die Anamungwi. Diese lächeln jetzt nicht mehr, sondern sehen recht hoheitsvoll drein; und sie haben ein Recht dazu. Eine nach der anderen überreichen ihnen die Frauen ihre Gaben: Stücke neuen Zeuges, Perlenschnüre, fertige Hals- und Armbänder aus Perlen und dergleichen. „Das ist alles recht gut und schön,“ scheint der Blick der Beschenkten zu sagen, „doch ist das etwa ein Äquivalent für die unsägliche Mühe, die uns die Heranbildung unserer Amāli, unseres Zöglings, seit Jahren gemacht hat? Da müßtet ihr uns schon ganz anders kommen.“ Doch die Festgesellschaft läßt sich durch diese stumme Kritik nicht im mindesten beirren, ganz wie anderswo in der Welt plappert alles durcheinander, und alles ist eitel Lust und Freude.
Eine neue Phase. „Hawara marre“, knurrt der Jumbe. Dies kann auch Nils Knudsen nicht übersetzen, denn es ist Kimakua, das er nicht versteht; aber der Jumbe ist vielsprachig wie alle Intelligenzen hierzulande; „Kisūwi mkắmŭle“ heiße es im Kiyao, „der Leopard bricht aus“. In diesem Augenblick geschieht auch schon etwas Unerwartetes: die drei jungen Kerle haben sich blitzschnell erhoben; ein lautes Gekrache und Geraschel — durch die leichte Strohwand sind sie nach außen gebrochen und entweichen in der Richtung auf die entfernteren Dorfhütten zu. Ich habe bis jetzt nicht klar ersehen können, ob diese jugendlichen Ehemänner selbst den Leoparden repräsentieren sollen oder ob sie als durch den imaginären Leoparden verfolgte Größen zu betrachten sind; in beiden Fällen jedoch kann unsereinem das behagliche Schlendertempo, in dem sie davonpilgern, wenig einleuchten und noch weniger imponieren, viel weniger jedenfalls als das mit ebensoviel Verve wie Ausdauer gesungene Lied „Hawara marre“ der Frauen, das in das sonnendurchglühte Pori noch hinausschallt, längst nachdem die drei Leoparden verschwunden sind.
Ein anderes Bild. Die Festhalle ist leer; dafür wimmelt es jetzt von buntfarbigen, abenteuerlichen Gestalten auf dem danebenliegenden, sauber gekehrten Platz. Jetzt erst sieht man, wie schön sich alles gemacht hat. Wie gleißend Gold erstrahlen die schweren, massiven Messingringe von mehr als Daumenstärke an Fuß- und Handknöcheln; in den leuchtendsten, reinen Farben erglänzen auch Schurz und Obergewand, beide soeben erst von dem galanten Ehemann auf eigens zu diesem Zweck ausgeführter Expedition vom Inder in Lindi oder Mrweka für teures Geld erstanden; weißer noch womöglich als sonst leuchtet schließlich der Lippenklotz in seinen wuchtigen Abmessungen zu dem staunenden Fremden herüber. Und wie glänzen die wolligen Krausköpfe und die braunen Gesichter unter der dicken Schicht frisch aufgetragenen Rizinusöls, dem Universalkosmetikum des ganzen Ostens! Wieder stehen die Anamungwi in hoheitsvoller Pose da; wieder drängt sich alles um sie. Diesmal kommt der materiellere Teil: Maiskolben sind es, Hirserispen und ähnliche, ebenso nützliche wie angenehme Dinge. Sie regnen in Massen in ihre Hände.
Und wiederum ein neues Bild. Die Kapelle hat noch sorgfältiger als gewöhnlich ihre Instrumente gestimmt; mit einem letzten Aufzucken sinkt das hellodernde Strohfeuer gerade in diesem Augenblick in sich zusammen. Bŭm, bŭm búm, bŭm bŭm búm, bŭm bŭm búm, setzt auch schon die erste von ihnen ein. Hei, wie fliegen dem Manne die Hände! Trommeln und Trommeln ist zweierlei, der Ngomenschlag indes ist eine Kunst, die gewiß nicht jeder lernt; es ist nicht gleichgültig, ob die Hand mit der ganzen Innenfläche oder den Fingerspitzen allein auf das pralle Fell niedersaust, oder ob die untere oder obere Knöchelreihe der geballten Faust den Ton hervorbringt; auch dazu gehört sicherlich eine gewisse Begabung. Wir Europäer sind nach ziemlich allgemeiner Annahme psychisch doch wesentlich anders organisiert und veranlagt als die schwarze Rasse, doch auch unsereinen lassen Takt und Rhythmus gerade dieses Ngomenschlags durchaus nicht kalt. Unwillkürlich fängt auch der Europäer an, mit den Beinen zu wippen und zu knicken, und fast möchte er in die Reihe der schwarzen Gestalten eilen, gälte es nicht das Dekorum der Herrscherrasse zu wahren und Auge und Ohr anzuspannen für alles, was da vorgeht.
Ikoma heißt der Tanz, in dem die Frauen sich jetzt wiegen. Unser Auge ist zu wenig geschult für die feinen Unterschiede zwischen all diesen einzelnen Reigentänzen; deswegen ermüden wir auch schon vom bloßen Zusehen viel früher als der Neger im angestrengtesten Tanze. In diesem Falle tut auch die Sonne ein übriges; dem Knaben Moritz ist bereits schlecht geworden; wie er behauptet, von dem Dunst der Menschenmenge. Als wenn der Bursche nicht selbst mit duftete! Zwar habe ich ihn noch nicht wie seinen Kollegen Kibwana vorzeiten in Lindi unter Androhung von Peitschenhieben und Ohrfeigen in den Indischen Ozean zu jagen brauchen, weil dieser edle Vertreter des Wassegedjustammes so fürchterlich nach faulem Haifischfleisch roch, als wenn er selber schon monatelang im Grabe gelegen hätte; allzuviel Recht, sich über seine Landsleute zu mokieren, hat das Bürschchen Moritz gleichwohl kaum. Ich bin gerade im Begriff, meine Apparate abzubauen, da endlich ändert sich das Bild der im ewigen Gleichmaß durcheinanderwogenden schwarzen Leiber mit einemmal erheblich. Bis dahin ist alles, auch nach unseren Begriffen, höchst dezent vor sich gegangen, jetzt aber, was muß ich sehen! Mit rascher Gebärde fliegen die bunten Kattune hoch, Unter- und Oberschenkel und die ganze Gesäßpartie liegen frei; rascher schreiten die Füße, feuriger und lebhafter tänzeln die einzelnen Partnerinnen im Kreise umeinander. Und mich bannt, wovon ich schon lange gehört, was mein Auge aber vordem nie erschaute. Wuchtige Ziernarben sind es, auf Oberschenkeln, Gesäß und Rücken in den mannigfachsten Mustern eingeritzt und durch vielfaches Nachschneiden im Stadium der Verschorfung zu diesen dicken Wulsten herangebildet. Auch das gehört zum Schönheitsideal hierzulande.
Ich habe das Ende des Ikomatanzes zu meinem Leidwesen nicht abwarten können; einmal fühlten sich die Teilnehmerinnen trotz des kleinen Silberstücks, das ich freigebig an jede von ihnen austeilen ließ, durch die Anwesenheit eines Vertreters der weißen Rasse, die den meisten von ihnen bis dahin nur vom Hörensagen bekannt geworden war, sichtlich bedrückt, so daß die ungezwungene Fröhlichkeit des geschlossenen Festsaals hier draußen durchaus nicht aufkommen wollte, sodann gebot die Rücksicht auf Moritz, der vor Übelkeit schon ganz grau war, schleunigste Heimkehr.
Der Jumbe von Akundonde besitzt wohl den Vorzug der praktischen Führung, aber er ist kein Theoretiker; um von den Weistümern seines Volkes und der Makua viel zu wissen, ist er wohl noch zu jung. Auch Akundonde selbst schweigt sich aus, vielleicht bedarf es bei ihm immer erst eines stärkeren Reizmittels, wozu ich aber nicht in der Lage bin, zumal wir selbst hier gänzlich auf unsere Konserven, die üblichen mageren Hühner und ein paar von Knudsen erlegte alte Perlhühner angewiesen sind; von der reichlichen Pombezufuhr, wie sie in Massassi und Chingulungulu unser bierfreundliches Herz entzückt hatte, keine Spur. Leichten Herzens sind wir denn auch schon am vierten Tage von Akundonde aufgebrochen, um in dreitägigem Marsch das langersehnte Newala zu erreichen. Stationen: Chingulungulu, wo ein großer Teil unseres Gepäcks liegengeblieben war, sodann Mchauru, ein außerordentlich weitläufig gebauter Ort in der gleichnamigen Landschaft und am gleichnamigen Fluß in den Vorbergen des Makondeplateaus.
Mchauru ist in mehrfacher Beziehung interessant genug; zunächst in topographischer: wohl 20, ja 30 Meter tief in den lockeren Aufschüttungsboden eingeschnitten, zieht sich das Flußbett dahin, in südwestlicher Richtung, dem Rovuma zu; es ist eine wahre Kletterpartie, in diese Klamm hinunterzugelangen. Unten stößt man keineswegs direkt auf fließendes Wasser, sondern man muß auch hier erst noch mindestens 2 Meter tief in den reinen Sand hineingraben, bevor man das unterirdisch abströmende Naß erreicht. Damit rechnen auch die Eingeborenen, auf deren enge, tiefe Wasserlöcher der Wanderer alle Augenblicke stößt. Um so üppiger ist dafür die Vegetation im ganzen Gebiet; woher sie in diesem Gebiet des Regenschattens kommt, ist mir noch nicht ganz klar; möglich, daß der Humusgehalt hier größer ist als an den meisten Stellen der weiten Ebene.
Mchauru ist nicht nur landschaftlich schön, sondern auch ethnographisch berühmt im ganzen Lande; einmal durch einen Fundi, der die schönsten Ebenholznasenpflöcke fertigt und sie am geschmackvollsten mit Zinnstiftchen auslegt, sodann durch den Zauberer Medulla; dieser beiden Personen wegen habe ich überhaupt hier haltgemacht. Der Kipini-Fundi war nicht zu finden; er sei verreist, hieß es; aber Medulla war daheim.
Durch wahre Bananenhaine — für mich ein ganz neuer und ungewohnter Anblick — und ausgedehnte Fruchtfelder von Mais, Bohnen und Erbsen sind wir, d. h. wir beiden Europäer und die engere Garde mit den Apparaten, von unserm an der Barrabarra unter einem riesengroßen Baum aufgeschlagenen Lagerplatz eine kleine Stunde südwestwärts gezogen. Ab und zu führt der Weg im Flußbett entlang; dann ist es ein mühseliges Waten im unergründlichen Sande. Endlich heißt es: wir sind da. Wir klettern einen kleinen Hügel empor und stehen vor einer offenen, schuppenähnlichen Hütte. Ein Negergreis sitzt darin, nicht kauernd nach der Weise der Eingeborenen, sondern wie wir mit ausgestreckten Beinen auf einer Matte. Begrüßung; mein Anliegen: seine Zaubermittel soll er mir erklären und käuflich ablassen, fernerhin aber soll er uns etwas weben. Nur zwei Männer sind nach den Erzählungen der Eingeborenen im ganzen weiten Lande noch in der Lage, dem Fremdling und auch den eigenen Stammesgenossen diese unter der Wucht des eingeführten Kattuns bereits ausgestorbene Kunst vorzuführen. Den einen, einen zittrigen Greis, habe ich vor vielen Wochen in Mkululu kennen gelernt; der andere sitzt jetzt vor mir. Der Mkululumann hat mich arg enttäuscht; von Weben keine Ahnung, auch nichts vom Vorhandensein eines Webstuhls selbst; nur einen mäßig guten Baumwollfaden hat uns der Alte mit seiner Spindel zu bereiten gewußt. Das war alles gewesen.