Newala, Mitte September 1906.
Hurra, Unyago überall, an allen Ecken und Enden; es ist eine Lust zu leben! Mit dem reizvollen Fest von Akuchikomu scheint der Zauberbann gebrochen, der mir gerade die besten Wochen hindurch die Einsicht in diesen völkerkundlich so wichtigen und hochinteressanten Gegenstand verwehrt hat; an nicht weniger als zwei typischen Festfeiern habe ich in der kurzen Zeit meines Newala-Aufenthaltes bereits teilgenommen, und beide waren noch dazu Mädchen-Unyago. Und das hat mit seiner Güte Akide Sefu getan.
O du braver Sefu bin Mwanyi, du Zierde deiner Vaterstadt Ssudi, du Stolz und Perle deines Standes, wie soll ich dir danken, was du bereits an mir getan hast, täglich tust und fernerhin noch tun wirst! Du bist ein Mann von edlem Schnitt des Antlitzes, von hohem Wuchs und der Farbe der Nachkommen des Propheten; Negerblut hast du wohl kaum ein Tröpfchen in deinen Adern, sondern rein und unvermischt hat sich die Reihe deiner arabischen Ahnen durch die Jahrhunderte hindurch bis auf dich herab fortgeführt. Und sprachgewandt bist du, daß Nils Knudsens Ruhm schnell vor dir verblaßt! Bewahre dir dein Verständnis auch für die Ziele späterer Reisender, dann kann es an Früchten deutscher wissenschaftlicher Forschungsarbeiten nicht fehlen!
Wir hatten uns von dem schrecklich mühsamen Aufstieg, den die Steilheit des Plateauabsturzes gerade hier bei Newala bedingt, ein klein wenig erholt, hatten uns notdürftig in der gegen den gefürchteten Abendwind von Newala weit offenen Barasa in der Boma, der Palisadenumzäunung, dieses Ortes eingerichtet und uns gegen die geradezu arktische Kälte der ersten Newala-Nacht durch alle verfügbaren Decken zu schützen gesucht, da kam auch schon im frühen Morgengrauen der diensteifrige Akide herbeigeeilt, um uns nach dem Makondedorf Niuchi zu führen; dort sei heute das Schlußfest des ersten Mädchen-Unyago, da würde ich viel Neues sehen und hören. Eine Stunde später hatten meine Auserwählten, wozu in diesem Falle auch mein gutes, altes Maultier gehörte, und wir uns bereits durch eine tüchtige Portion urechten Makondebusches hindurchgewunden; mein Reittier hätte, selbst wenn es in seinem angeborenen Stumpfsinn dazu fähig gewesen wäre, sich durchaus nicht zu wundern brauchen, warum es denn heute die gewohnten 180 Pfund nicht zu tragen hatte, denn an Reiten war bei diesem Kampf mit Dorn und Busch, die selbst auf dem begangensten Makondepfade kaum 30, 40 Zentimeter eines halbwegs freien Raumes offen ließen, nicht zu denken. Gänzlich unvermittelt standen wir auf einem kleinen, freien Platz inmitten einiger Häuser und sahen mit ebenso großer Verwunderung auf einen stattlichen Haufen seltsam ausschauender Frauengestalten, die erschreckt zu uns herüberstarrten. Ich sah sofort, daß auch hier möglichste Zurückhaltung nur von Nutzen sein könne und verschwand mit all meinen Apparaten und Leuten hinter der Ecke der nächsten Hütte. Von dort aus habe ich ganz ungestört eine Summe von Vorgängen sich abspielen sehen, wie sie in dieser Eigenart bisher wohl selten einem Reisenden sichtbar geworden sind.
Es ist 8 Uhr morgens; im frischesten Grün schließt sich der Makondebusch fast über unseren Häuptern zusammen; nur ein Baum mitten auf dem Dorfplatz und einige wenige, ebenso stattliche Gefährten ragen über das Buschwerk und die niedrigen Makondehütten hinaus in die klare Morgenluft. Die wenigen Weiber, die bei unserer Ankunft den Platz mit Büscheln grüner Zweige sauber gefegt hatten, sind blitzschnell in den Schwarm der übrigen Frauen zurückgetaucht. Diese stehen wie eine Mauer um fünf andere, in schreiendes Bunt gekleidete Wesen, die in Hockstellung im Schatten eines Hauses kauern, sich mit den Händen Augen und Schläfen überdecken und durch die Finger unverwandt zu Boden starren. Da, ein schriller Ton; fünf oder sechs der Frauen eilen mit grotesken Sprüngen über den Platz, keck steht das Pelele, die Lippenscheibe von wahrhaft fabelhaften Dimensionen, in die Luft, unter ihm aber fliegt die weit vorgestreckte Zunge in raschen Horizontalschwingungen hin und her. Dies gehört nun einmal zu dem berühmten Frauentriller Ostafrikas; ohne dies ist er nicht kunstgerecht. Den ersten sechs folgen bald ein Dutzend andere Weiber.
ertönt es aus ihrer Mitte, zunächst solo, dann im Chor; Händeklatschen im strengen Takt, tänzelnde Schreitbewegungen über den Platz hin und her begleiten das Lied. Trennungsschmerz im wilden Osten, denke ich, als mir Sefu in rascher Gewandtheit den Text übersetzt hat. Da ertönt auch schon ein neuer Sang:
Auch der Vortrag dieses Sanges dauert eine geraume Zeit; dann steht alles plötzlich wieder in dichter Scharung um jene fünf Kleiderbündel herum. Aus dem Schwarm treten fünf ältere Gestalten hervor; mit Bündeln von Hirserispen schmücken sie das Haupt ihrer Schülerinnen, denn das sind jene buntfarbigen Wesen. Diese erheben sich jetzt, treten eine hinter der andern an, legen beide Hände auf die Schultern des „Vordermannes“, die Trommelkapelle setzt ein; alt und jung wiegt den Mittelkörper rhythmisch und meisterhaft zugleich im Bauchtanz.
„Das Chihakatu (eine kleine Korbschale) des Liwile wird früh aus dem Haus herausgetragen“, so erschallt es jetzt aus dem Chor heraus. Mit dem Chihakatu ist anscheinend der Ährenschmuck gemeint; der Neger liebt es, zu symbolisieren.
Endlich geht auch dieses Lied zu Ende, der Reigen löst sich auf; nach allen Seiten eilen die Frauen auseinander, kehren aber sofort zurück, um Hirse, Maniok, Kleidungsstücke u. dergl. vor den fünf Lehrerinnen niederzulegen. Diese haben sich inzwischen zu neuem Tun gerüstet; das erstaunte Auge des Weißen sieht, wie ein Ei zerschlagen und von dem Gelben den fünf Novizen etwas auf die Stirn gestrichen wird; ein anderer Teil dieser Masse wird mit Rizinusöl vermischt und den Mädchen auf Brust und Rücken gesalbt. Das ist das Zeichen der Reife und des beendeten Unyago. Überreichung von noch mehr neuen Stoffes an die Mädchen bildet den Schluß.
Damit scheint der erste Teil des Festes zu Ende zu sein. Sefu macht mich aufmerksam auf eine bestimmte Stelle des Festplatzes, an der ein einfacher Stock dem Boden entragt; unter diesem Stock seien Medizinen vergraben, die zum Unyago gehören; an einer anderen Stelle aber sei schon vor Monaten ein großer Topf mit Wasser in die Erde versenkt; dieser sei auch Medizin.
Noch während dieses Privatkollegs hat sich der Schwarm der Weiber von neuem geordnet. Nach einem Triller, der selbst uns Fernstehenden die Trommelfelle fast platzen macht, ein Emporfliegen aller Arme mit einem Ruck; im nächsten Augenblick sausen sie auch schon wieder hernieder, um von nun an mit jenem Händeklatschen, das in dieser Virtuosität nur den Anwohnern des Indischen Ozeans eigen zu sein scheint, folgendes Lied zu begleiten:
Zu deutsch heißt dies etwa: „Seht euch einmal das Mädchen an, sie hat einen Perlenschurz geliehen und versucht nun, ihn kokett und elegant zu tragen.“
O, ihr Weiber, knurre ich bei Sefus Übersetzung; ihr gleicht euch überall, eitel auf der einen, boshaft auf der andern Seite. Das Lied ist ein Spottgesang; es bezieht sich auf ein Fräulein Habenichts, die in geborgtem Putz erscheint. „Der wollen wir es anstreichen“, sagen, nein singen die anderen.
Und jetzt nehmen sie sogar mich vor:
singen sie. Dem Sinne nach heißt das etwa:
„Ihr, die ihr hier (bei der Unyago) zusammen seid, freut euch, belustigt euch. Wir, die wir hierher gekommen sind, wir wollen nicht mitspielen, wir wollen bloß zuschauen.“
Wenn Sefu recht hat, und dem scheint doch wohl so, so sind diese Worte als mir in den Mund gelegt aufzufassen; entweder sind sie dann ein Ausfluß meines Edelmutes: ich will durchaus nicht stören; oder aber sie sind eine captatio benevolentiae: bleib ja ferne, Weißer, wir fürchten uns sonst.
Ganz geheuer scheint den Teilnehmerinnen trotz meiner diskreten Zurückhaltung überhaupt nicht zu sein, denn sie singen nunmehr bis zur Erschlaffung:
Große Pause.
Der zweite Hauptteil des Programms bringt zunächst die Wiederholung einer Partie von Teil I: noch tiefer in ihre grellbunten Tücher vermummt, so daß von Gesicht und Armen nichts zu sehen ist, treten zuvörderst die Festjungfrauen an, wie vorhin in Reihen rechtsum; an sie gliedert sich in derselben Anordnung die ganze andere Gesellschaft an. Jetzt setzt auch schon die über gewaltigem Feuer neugestimmte Kapelle von frischem ein, und wieder beginnt das Dauerlied: „Chihakatu cha Ruliwile“ usw.; wieder fliegen die Mittelpartien der Körper im Bauchtanz. Das dauert eine geschlagene halbe Stunde lang; dann löst sich die lange Reihe auf, die älteste der Lehrerinnen tritt frei vor die übrigen hin, setzt eine kritische Miene auf und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Und es kommt. Wie ein schillernder Falter löst sich eins der bunten Zeugbündel aus der Masse heraus, tänzelt zierlich vor die Alte hin,
setzt der Chorus ein, von dem Kleiderbündel aber sieht der höchst erstaunte Weiße nur noch Kopf- und Fußpartie in einiger Ruhe, alles, was dazwischenliegt, verschwimmt zu einem unerkennbaren Etwas. Erst ein keckes Nähertreten erläutert mir das: die Kleine „zittert“ mit ihrer Beckenpartie, sie wirft sie so schnell hin und her, daß tatsächlich keine Körperlinie zu verfolgen ist. Die eine tritt ab, die anderen folgen der Reihe nach; Lob und Tadel werden aus hohem Munde auf sie herabgesprochen. Was der Liedertext aber bedeutet, kann mir auch Sefu nicht sagen.
Der dritte Teil folgt. Ebenso neugierig und erwartungsvoll wie ich selbst, blicken jetzt auch die fünf jungen, nunmehr mannbar gewordenen Mädchen auf den Festplatz; sie haben sich von ihrer Umhüllung befreit und fühlen sich inmitten der rechts und links von ihnen aufgestellten Mütter und Tanten anscheinend recht wohl. Da huscht in schnellem Trippelschritt ein neues Kleiderbündel aus dem Busch heraus; ihm folgt alsbald ein zweites, nach wenigen Augenblicken ein drittes und ein viertes. Aha, eine Quadrille, denke ich, aber diesmal habe ich mich getäuscht; richtiger wäre es schon zu sagen ein Pas de deux, denn die vier Masken — als solche stellen sich die Figuren bei einer Wendung heraus — haben sich sofort paarweise gegeneinander geordnet, um sich nunmehr in ganz ähnlicher Weise, wie ich es früher schon in Chingulungulu gesehen habe, zu bewegen; die mannigfaltigsten Evolutionen mit Armen und Beinen, Verdrehungen und Verbeugungen des Oberkörpers, Zitterbewegungen der Mittelpartie, kurz alles afrikanisch, ganz echt und ursprünglich. Insoweit bringen die Masken also nichts Neues; doch um so überraschender ist der An- und Aufzug selbst. Makondemasken sind heute in den größten ethnographischen Museen bekannt, in Gebrauch gesehen hat sie indes, wie es scheint, noch niemand, wenigstens ist das nirgends geschildert worden. Also mir Verwöhntem blüht nun auch dieses Glück. Die Masken sind aus Holz, zwei von ihnen stellen Männer dar, die anderen Frauen. Dies sieht man auf hundert Schritt an den prachtvoll herausgearbeiteten Pelele, deren Weiß sich aus der schwarzen, starren Fläche effektvoll heraushebt. Im übrigen ist der Anzug bei Männlein und Fräulein gleichartig; er verfolgt den Grundsatz, nichts Menschliches sehen zu lassen: Kattun überall, vom engumhüllten Nacken bis über die Finger und die Zehenspitzen hinunter.
Dieses Übermaß der Umhüllung gibt auch den Schlüssel zum beabsichtigten Zweck des Ganzen: die Masken sollen schrecken. Junge Männer sind es, die sich solchermaßen verkleidet haben; sie wollen unerkannt sein und bleiben; sie sollen die Mädchen vor dem endgültigen Eintritt ins mannbare Alter noch einmal tüchtig ängstigen und einschüchtern. Dazu wählen sie ganz allgemein zunächst die Maske, im besonderen aber mit Vorliebe bekannte schreckhafte Gestalten: Porträts gefürchteter Männer, berühmter Krieger und Räuber, Darstellungen großer Tiere; zuletzt aber den Scheitani, den Satanas. Dieser tritt mit langen Hörnern auf und großem Barte und ist wirklich erschrecklich anzusehen.
Noch schwingen die vier Masken ihre Gliedmaßen und Körper auf dem Festplatz herum, bald vereint gegeneinander, bald sich trennend und mit allerhand Kapriolen den Kreis umtanzend, da gibt es schon wieder etwas Neues. Tap — tap — tap — tap steigt es heran, unheimlich, riesengroß; wild flattert ein ungeheurer Stoff im wehenden Morgenwind; gespenstisch lange Arme, ebenfalls flügelgleich mit Stoff besetzt, schlagen wie Windmühlenflügel in die Luft; ein totenstarres Antlitz grinst uns entgegen; fleischlos wachsen stangengleiche Beine meterlang nach unten. Den kleinen Mädchen wird jetzt wirklich angst, auch meiner Leibgarde scheint etwas „schwummrig“ zumute zu sein; den weißen Forscher aber darf so etwas nicht anfechten, er hat zu schauen, zu beobachten und zu knipsen.
Der Gebrauch von Stelzen ist innerhalb der gesamten Menschheit nicht übermäßig häufig; außer bei uns sind sie meines Wissens nur noch gebräuchlich im ostasiatischen Kulturkreis, dann merkwürdigerweise auf den Markesasinseln im östlichen Stillen Ozean und an einzelnen Teilen der westafrikanischen Küste. Wie unter diesen Umständen diese Schreitgeräte gerade hier auf die Berginsel des Makondeplateaus geraten, ist mir vorläufig ganz unerklärlich. Sind sie eingeführt? Und woher? Oder sind sie der Rest einer uralten Sitte, die einstmals vom Kap Lopez bis zu dieser gerade entgegengesetzten Stelle des dunkeln Erdteils gereicht hat, bei der aber die ganzen Zwischenglieder über das alte Tanzgerät hinaus fortgeschritten sind, während es sich im äußersten Westen und im äußersten Osten erhalten hat? Unwillkürlich bewegen mich solche Fragen, trotzdem es dazu eigentlich nicht Zeit ist, denn es gibt allerlei zu sehen.
Die Idee des Schreckenwollens tritt auch bei dem Stelzentänzer ganz offenkundig zutage; schon in der Art seiner Bewegung; mit wenigen Riesenschritten rast er über den ziemlich geräumigen Platz, entsetzt weichen die dort kauernden Schwarzen zurück, denn es sieht aus, als wolle das Ungetüm sie haschen oder zertreten. Doch schon hat es sich abgewandt und storcht weit am anderen Ende auf die fünf Festjungfrauen zu; kreischend sind diese und manches andere Wesen zurückgetaumelt. Und schon steht der Gewaltige vor meiner Kamera; „knips“, ich habe ihn. Fast möchte man das verblüffte Gesicht des Trägers durch die Maske zu sehen vermeinen, so überrascht zaudert sie einen Augenblick, um dann mit schnellen Schritten davonzueilen.
Ein Vergnügen kann dies Stelzenlaufen im übrigen nicht sein; ermüdet hat sich der Mann an das Dach eines der Häuser gelehnt; er schaut nunmehr zu, wie wiederum die vier Parterremasken ihre Zeit für gekommen erachten und von neuem zum Tanz antreten. Doch auch das will nicht mehr so recht; eine bleierne Hitze lagert über uns allen, die Sonne ist inzwischen bis zum Zenit emporgestiegen; ein großer Teil der Festteilnehmer hat sich bereits verlaufen, auch die anderen sehnen sich sichtlich nach ihrem Ugaliberge. Rasch baue ich ab; ein kurzes „los“; von neuem zwängen wir uns durch Dickicht und Dorn des Makondebusches Newala zu.
Nur einen einzigen Tag hat mir der nimmer rastende Akide Zeit gelassen, die Eindrücke von Niuchi einigermaßen zu verarbeiten, da hatte er auch schon wieder ein großes Unternehmen in Aussicht. Sefu wohnt nur 30 bis 40 Meter von uns entfernt in einem Gebäude im Küstenstil. Er ist nicht wie Nakaam und Matola landeseingesessen, sondern ein, sagen wir, hierher versetzter Beamter der deutschen Kolonialregierung, oder, um einen Vergleich zu wählen, ein zünftiger studierter Landrat, während die anderen beiden Großgrundbesitzern gleichen, die man wegen ihres festen Fußens in Land und Volk mit diesem Amte betraut hat. Er hat etwas mehr Sinn für Wohnlichkeit als sonst seinen Rassengenossen eigen ist, denn er hat vor seiner Barasa, jenem in Ostafrika stets vorhandenen offenen Raum vor dem Hause, wo er seine Schauri abhält und wo er auch die Führer der durchziehenden Handelskarawanen mit großer Würde zu empfangen pflegt, ganz hübsche Sitzbänke aus Bambus herrichten lassen, sogar solche mit Rückenlehnen, beides hierzulande ein unerhörter Luxus. Sefu ist in allen seinen freien Minuten bei uns; schon am frühen Morgen tritt er an, und auch abends friert er mit uns um die Wette in unserem Windfang von Rasthaus, das wir wohl oder übel werden zubauen müssen, um den abendlichen Stürmen den Eingang etwas zu erschweren.
Also Sefu hat etwas Großes vor. Diesmal könne er mir ein Fest der Matambwe im Dorfe Mangupa zeigen; es sei zwar auch wieder ein Chiputu der Mädchen, also das Schlußfest des ersten Unterrichts, den diese 8- bis 11jährigen Kinder vorher mehrere Monate hindurch in einer besonderen Hütte genossen hätten; aber bei den Matambwe sei manches anders als bei den Yao und Makua; auch sei der Weg nicht weit; wenn wir 7½ Uhr am nächsten Morgen ausrückten, würden wir bei anderthalbstündigem Marsche gerade recht zum Beginn kommen.
Von dem berühmten Makondebusch hatte ich schon bei der Expedition nach Niuchi einen kleinen Begriff bekommen, aber doch noch nicht den ganz richtigen. Über diese Vegetationsform ist schon viel geschrieben worden, aber ich glaube, das Thema ist unerschöpflich. Nicht, daß dieser Busch außergewöhnliche ästhetische Reize aufwiese durch berückende Szenerien oder den lieblichen Wechsel zahlreicher Pflanzenarten; nichts von alledem, er ist vielmehr eine ganz gleichartige, kompakte Masse von dünnen Stämmen, Ranken, Zweigen und Blättern. Aber gerade das ist das Unangenehme; dieses unbeschreiblich dichte Gewirr läßt niemand hindurch, es sei denn, daß er sich erst mit Axt und Beil in mühseliger, blutiger Arbeit einen Weg geschlagen habe. Ach, wie oft haben unsere schwarzen Krieger dies allein im Laufe des letzten Jahrzehntes, insbesondere dem bösen Machemba gegenüber, durchzukosten Gelegenheit gehabt. Uns Epigonen ist es bequemer gemacht; unsere siegreichen Kämpfe gegen die vordem so unzuverlässigen und so oft unbotmäßigen Elemente des Südens haben zu der weisen Maßnahme geführt, daß jeder einigermaßen wichtige Ort mit allen anderen durch Wege verbunden ist, die ihren Namen Barrabarra, d. h. geschlagener Weg, in des Wortes eigentlichstem Sinn verdienen; zur Not könnte eine Sektion von vier Gliedern auf ihr marschieren, so breit ist diese allerdings auch hier stellenweise stark verwachsene Straße.
Wir sind von der nach Ostsüdost auf Nkunya zu führenden Barrabarra sehr bald nach rechts abgeschwenkt und geraten immer tiefer in den Busch hinein. Reiten ist längst nicht mehr möglich, jeder einzelne kämpft vielmehr einen sehr vorsichtigen Kampf gegen die Upupu. Mir hat Nils Knudsen schon gleich nach unserer Ankunft in Newala ein sehr eindringliches Kolleg über dieses nette Pflänzlein gehalten, deshalb bin ich gewarnt; wehe aber dem Unglücklichen, der sich eines solch fürsorglichen Mentors nicht erfreut. Arg- und harmlos schreitet der Pionier europäischer Kultur durch den grünen Busch dahin; „eine neue Art von Bohnen“, denkt er und greift in hehrem Wissensdrang nach einer Handvoll dunkelgrüner Schoten, die von schlanker Ranke freundlich zu ihm herunternicken. Doch sein Wissensdrang wird dem Unglücklichen für lange Zeit vergällt sein, denn die Folgen dieses Griffs sind furchtbar; Knudsen behauptet, daß Juckpulver eine Annehmlichkeit dem Upupu gegenüber bedeute; daß der von ihm Betroffene fähig sei, für den guten Rat, wie er sich von dieser Höllenpein befreien könne, selbst einen Mord zu begehen; jedes Reiben, jedes Kratzen bringe ihn dem Wahnsinn näher, auch Baden und Waschen sei ganz zwecklos; lediglich Asche, feuchte Asche als Brei aufgetragen, nehme die feinen Giftkristalle nach kurzer Zeit hinweg. Wie sooft, liegt also auch hier das Gute so nah, nur muß man das Rezept kennen.
Punkt 9 Uhr stehen wir einer ähnlichen Festhütte gegenüber, wie wir sie seinerzeit in Akuchikomu gesehen haben, nur daß die hiesige Likuku, wie sie heißt, ein Zwilling ist; die Baumeister haben gleich zwei dieser runden, niedrigen Salons aneinandergebaut. Das Fest soll gerade beginnen, wie mir Sefu sagt. Ich bin hart und barbarisch genug, den Jumben dieses weltverlorenen Örtchens, dessen einer Fuß schon gänzlich in Fäulnis übergegangen ist, der infolgedessen die Gegend im weitesten Umkreis in entsetzlichster Weise verpestet, aber trotzdem das Gefühl hat, die Honneurs machen zu müssen, einen Kilometer weit unter den Wind transportieren zu lassen; dann baue ich mich mit meiner Kamera zur Seite eines Busches auf und harre der Dinge, die nun kommen sollen.
Eine Zeitlang hören wir nichts als den berühmten Frauentriller in vielfacher Variante, in Sopran und Alt, piano und fortissimo, gleichsam als ob die Weibergesellschaft, die in dichtem Klumpen hinter dem Doppelhaus steht, sich erst ein bißchen üben wolle. Inzwischen erglänzen die Weiber immer mehr; sie salben sich mit Rizinusöl ein, daß sie triefen. Und dabei haben sie Lippenscheiben von einem Ausmaß, wie ich es noch nimmer geschaut. Mit einem Male ändert sich das Bild: „die sieben Schwaben“, bemerke ich halblaut zu Nils Knudsen hinüber, ohne zu bedenken, daß dieser brave Norweger unmöglich mit unserem Märchenschatz vertraut sein kann. Doch das Bild stimmt: sieben Weiber an einer Stange von bedeutenden Abmessungen sind es, die sich aus dem Knäuel loslösen, um mit raschem Schritt den links von der Likuku liegenden Festplatz zu erreichen. Jetzt erst sehe ich, daß die Stange eigentlich eine Fahne ist, und zwar eine riesige: eine ganze Zeugbahn funkelnagelneuen, buntfarbigen Kattuns hängt von ihr in ihrer ganzen Länge herab. „Nini hii, was ist das?“ frage ich Sefu. Es sei das Unterrichtshonorar für die Lehrerinnen, an die es sehr bald verteilt werde, aber vorher wolle man das große Stück dem Volk erst in seiner ganzen Schönheit zeigen. Dies geschieht denn auch, immer unter dem Fortsingen jenes Liedes, das die sieben Schwäbinnen schon seit ihrem Hervorkommen aus dem Hintergrund gesungen haben:
„Watata wadihauye kuninga akalumbane kundeka unguwánguwe.“
Nach Sefu soll das heißen:
„Mein Vater hat mich schlecht behandelt, er hat mir einen schlechten Mann gegeben; der ist von mir gegangen, und ich sitze nun da.“ „Verlassen, verlassen, verlassen bin i“, singe ich in meiner übermütigen Laune mitten in den schon recht heißen afrikanischen Morgen hinein; doch wie sich Lied und Chiputu zusammenreimen, das bringe ich selbst mit Hilfe von Freund Koschat nicht heraus. Ich habe auch gar keine Zeit dazu, denn schon führt die ganze Gesellschaft eine Art Walpurgisnacht auf; so ähnlich würde wenigstens ein afrikanischer Goethe eine der Faustszene analoge Festlichkeit auf den Höhen des Kilimandscharo vermutlich darstellen! Besen, Mutterschweine und andere nette Attribute der ehrsamen Zunft fehlen zwar hier gänzlich, aber die schlohweiße Holzscheibe in der Oberlippe, die Riesenpflöcke in den Ohren, die Kämme im Kraushaar, die schweren Ringe an Arm und Fuß, schließlich das unglückliche Baby bei jeder jungen Hexe und merkwürdigerweise auch bei so mancher älteren, dies unterstützt die Illusion mehr als genug; trillernd und händeklatschend läuft, springt und tanzt der wüste Haufen wild durcheinander, daß mir Hören und Sehen vergeht.
Plötzlich tiefe Stille. Eng hintereinander geschmiegt, tief gebückt, den ganzen Körper in grellbunte, neue Tücher gehüllt, kommen aus derselben „Kulisse“ die Gestalten der fünf Novizen hervor. Man läßt sie bis an den Festplatz herantrippeln, dann aber bricht ein Lärm los, gegen den die Walpurgisnacht noch ein lindes Gesäusel war; jetzt wirbelt und donnert zu allem nämlich auch noch das halbe Dutzend Trommeln der unvermeidlichen Kapelle. Rasch hat sich das Chaos indessen zu einem großen Kreise geordnet; in der Mitte stehen die fünf mir nunmehr schon vertrauten Kleiderbündel wie in Niuchi so auch hier in tiefgebeugter Haltung da. Die Trommeln haben Ton und Tempo gemäßigt; im sattsam bekannten Takt gleiten und schieben die Frauen sich im Kreise herum. Schließlich wechseln die Rollen; auch hier tritt die Meisterin vor die Front, alles andere bildet Staffage, die Novizen aber zeigen auch hier jetzt ihre Kunst im Zittern der Gesäßpartie. Nun ist auch diese Prüfung beendet; fast scheint es, als gratuliere man ihnen, dann wälzt sich die ganze Masse der Zwillingshütte zu. Seltsamerweise schreiten dabei die fünf Novizen rückwärts; in dieser Richtung verschwinden sie mit den anderen im Dunkel jenes Doppelbaues. Doch während die erwachsenen Frauen in dessen Innern bleiben, erscheinen die fünf Mädchen schon nach wenigen Minuten wieder; eine im mäßigen Abstand hinter der andern, überschreiten sie den Festplatz, diesmal in normaler Gehweise. Husch, husch, sind sie auch schon im dichten Busch verschwunden.
Das Abtreten der fünf Mädchen muß wohl das offizielle Ende des Festes bedeuten, denn seitens der Frauen erfolgt nichts mehr; dafür treten jetzt die Herren der Schöpfung in Aktion. Für sie scheint nunmehr die Fidelitas zu beginnen; wie von einem Magnet angezogen, haben sie sich Mann für Mann auf die beiden Hütteneingänge zu bewegt, Mann für Mann verschwindet in ihnen, doch niemand kehrt wieder. Das interessiert mich sehr, und neugierig trete auch ich an den einen Hütteneingang heran. Ei, was muß ich sehen! Es fehlt nur noch, daß einer mit des Basses Grundgewalt das hehre Lied anstimme: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier“; in langen Reihen steht Topf an Topf! Gewaltige Gefäße würziger Pombe sind es in erklecklicher Anzahl, die hier ihres Endzwecks harren. Man hat uns leider nicht eingeladen, sicherlich nicht aus Mangel an Gastfreundlichkeit, sondern wohl mehr aus Scheu; daher sind wir rasch von dannen gezogen. Aber neidisch waren wir doch.