as trieb Percy an diesem Vormittag?
Still vergnügt saß er im Studiersaale an seinem Pulte. Gestern hatte er wieder stark gespielt und war so steif und lahm geworden, daß er ohne Schmerzgefühl nicht die geringste Bewegung machen konnte. Von allem, was im vorigen Kapitel erzählt ist, hatte er keine Ahnung. Seite um Seite las er ungestört ‚Dion und die Sybillen‘, und erst als die Glocke zum Mittagessen rief, schleppte er sich mühsam in den Speisesaal.
Der Nachmittag war einladend. Der helle Sonnenschein hatte die klare, reine Luft angenehm erwärmt. Daher beschloß Percy, nicht in den Studiersaal zurückzukehren, sondern seine Lesung im Hofe fortzusetzen. Von P. Middleton erbat und erlangte er die Vergünstigung, daß er sich mit Dion und den Sybillen vom eigentlichen Spielplatz in einen einsamen Winkel zurückziehen durfte.
Percy besaß die Fähigkeit, sich in eine Lektüre so zu vertiefen, daß seine Sinne für die Außenwelt gleichsam abgestorben waren. Tom Playfair hatte sich davon oft überzeugt, indem er sich von hinten an den Lesenden heranschlich, ihm die Taschen leerte oder auch mit Steinen füllte, oder indem er ihm die Krawatte in Unordnung brachte, was Percy regelmäßig erst nachher mit großer Überraschung bemerkte.
Auch jetzt war Percy wieder weit vom Lande der Wirklichkeit entfernt. Das Rufen auf dem Spielplatze, das Getöse eines vorbeifahrenden Zuges, das Geschrei der verspäteten Herbstvögel, und was sonst um ihn herum laut werden mochte, fiel nicht mehr in den Bereich seines Bewußtseins. Percy weilte unter einem fremden Himmel bei fremden Menschen. Daß der Lärm auf dem Spielplatze abnahm, weil die Zöglinge nach und nach spazieren gingen, und daß zuletzt ein Trupp, aus weniger Zuverlässigen bestehend, in Begleitung von P. Scott geräuschvoll das Pensionat verließ, störte ihn so wenig, als geschähe es am andern Ende der Welt.
Allein nicht alle Zöglinge waren ausgegangen. Zweien der Zurückgebliebenen müssen wir unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Sie haben sich gleich Percy vom Spielplatze entfernt. Eben jetzt sind sie von ihm kaum drei Schritte entfernt, seinen Augen aber durch einen Mauervorsprung verdeckt. Offenbar wollen sie nicht bemerkt werden und sind des Glaubens, ihr eifriges, sehr erregtes Gespräch, das sie halblaut flüsternd miteinander führten, werde von niemanden vernommen.
In Percy erwachte aber doch ein unbestimmtes Gefühl, er sei nicht mehr allein. Ihm war, wie jemanden, der im Traume ein wirkliches Geräusch hört, das in ihm nur ein dunkles Bewußtsein weckt, während er ganz in den Gebilden des Traumes weiter lebt. Auch hier gelangten die Worte der Sprechenden lange Zeit zu Ohren, welche ihrer Bedeutung nicht achteten. Noch immer hätte Percy mit Wahrheit sagen können, er habe von der ganzen Unterhaltung auch nicht eine Silbe gehört.
Mit einem Schlage kehrte er aus den Tagen Dions in seine eigene Zeit zurück; das Buch wäre beinahe seinen Händen entfallen.
„Sicherlich“ — das waren die Worte, die ihn aus dem Traume aufschreckten — „wenn Playfair eine ganze Nacht in Frost und Nebel daliegen muß, holt er sich eine schwere Krankheit. Sieh’ nur, wie klar der Himmel ist; es wird kalt. Nein, das Ding geht zu weit, es ist ein Verbrechen!“
Percy unterschied Skippers Stimme.
„Es ist zu spät,“ versetzte der andere, den Percy nicht erkannte. „Prescott hat herausgebracht, daß Playfair und Quip diesen Nachmittag einen Ausflug zum Paniflusse vorhatten. Kenny, Prescott und die meisten von den andern, die nicht allein ausgehen dürfen, sind jetzt mit P. Scott fortgegangen. Unterwegs wollen sie den Pater bitten, ein wenig vorangehen zu dürfen. So wollen sie sich von den übrigen ganz trennen, sich bei dem Steinwall, weißt Du, mitten auf der Prärie, verstecken und dort Quip und Playfair auflauern. Nachher wollen sie dann vorgeben, sie hätten sich verirrt und hätten den Hauptzug nicht wieder finden können.“
„O, ich will mit diesen Kerlen nie wieder etwas zu thun haben!“ versicherte Skipper. „Warum habe ich nicht eine kleine Andeutung gemacht, als es noch Zeit war? Aber wenn ich noch einmal in der Lage wäre, ich würde es gewiß abermals unterlassen. O, was für ein Feigling ich bin! — Doch warum soll denn Quip auch daran?“
„Kenny beabsichtigte es nicht, aber Prescott bestand darauf. Quip würde sonst alles gleich verraten. Prescott will auch, daß man ihnen den Mund verstopft. Sie sollen nicht einmal um Hilfe rufen können.“
„Ach, wenn sie sie nur nicht fänden! Vielleicht nimmt Tom für den Heimweg den Pfad am Bahndamm entlang.“
„Nein, das thut er nicht. Prescott hat das alles ausspioniert. Die beiden wollen bis vier Uhr am Paniflusse bleiben und dann auf dem kürzeren Wege mitten über die Prärie heimkehren. In der Nähe des Steinwalles haben sie ein paar Kaninchenfallen, nach denen sie noch sehen wollen. Diese weiß Prescott auch, und so kann er sich mit seinen Genossen leicht an einem Platze in den Hinterhalt legen, wo sie notwendig vorbei müssen.“
„Ich fürchte, es geht den beiden sehr schlecht,“ sprach Skipper traurig. „Jetzt sehe ich ein, daß ich mich mehr als einmal von ihm zu ähnlichen Grausamkeiten habe verleiten lassen, obgleich es so weit nie gekommen ist. Sie binden die armen Jungen jetzt sicher so fest, daß sie kein Glied rühren können. Dabei dürfen sie noch von Glück sagen, wenn man sie nicht erst halb tot schlägt.“
Mehr verstand Percy nicht; denn die Redenden, die sich keineswegs belauscht glaubten, entfernten sich jetzt in der Richtung zum Spielplatze hin.
Man denke sich nun Percys Entsetzen und Aufregung! Seine besten Freunde in Gefahr! Er selbst vermochte kaum einen Schritt ohne Schmerzen zu machen, und Tom und Harry waren stundenweit von ihm entfernt!
Allein er war gewohnt, in jeglicher Not seine Zuflucht zum Gebete zu nehmen.
„O mein Gott,“ flüsterte er auch jetzt mit beklommenem Herzen, „sende mir Deine Hilfe! Gieb mir Licht! Gieb mir Kraft! Heiliger Schutzengel, steh’ mir bei!“
Ein paar Augenblicke betete und überlegte er. Dann stand er auf, ließ Dion und die Sybillen allein auf der Bank zurück und schritt mühsam zum Spielplatze.
„Wenn ich nur Donnel und Keenan treffe,“ dachte er, „dann ist alles in Ordnung. Die werden schon Mittel und Wege ausfindig machen.“
Aber von Donnel und Keenan war keine Spur, und unter den Zöglingen, die er dort gewahrte, glaubte er keinen ins Vertrauen ziehen zu dürfen.
„P. Middleton,“ wandte er sich endlich an diesen, „können Sie mir nicht sagen, wo Donnel und Keenan sich jetzt wohl aufhalten mögen?“
„Irgendwo auf der Prärie,“ erwiderte der Angeredete lächelnd. „Bei solchem Wetter bleiben die nicht zu Hause.“
„Wann kommen sie denn wohl zurück?“ fragte Percy ängstlich.
„Schwerlich vor halb fünf. Und jetzt ist’s kaum drei. — Aber was fehlt Dir denn, Percy? Du siehst so verwirrt aus.“
Percy zauderte mit seiner Antwort. An Tom, Harry und all seinen andern Freunden hatte er nie bemerkt, daß sie etwas bei den Vorgesetzten anzeigten, wenn sie es selbst, allein oder mit gleichgesinnten Kameraden vereint, in Ordnung bringen konnten. War das vielleicht auch hier der Fall? Ja, wären Donnel und Keenan zur Stelle, wie einfach würde sich alles abwickeln lassen! Aber jetzt! Blieb ihm denn ein anderes Mittel, als die Hilfe des Präfekten? —
Und doch, Percy entschloß sich zu schweigen. Er konnte ja schließlich selbst, wenn auch mit großer Mühe, die Bedrohten warnen. Zudem hatte er nur einen Teil der Unterredung gehört; es war also immerhin möglich, daß der Anschlag ihm entsetzlicher vorkam, als er in Wirklichkeit war. So schien es ihm wenigstens.
„Ja gewiß,“ dachte er, „ich kann ja nicht einmal mit voller Sicherheit sagen, was eigentlich im Werke ist.“
Thatsächlich wäre Percy zu einem rückhaltlosen Bericht des Gehörten verpflichtet gewesen, schon deshalb, weil ein Zögling wie Prescott ein wahres Unglück für das gesamte Pensionat war. Allein Percy wußte es damals nicht besser. Er wollte selber den Plan vereiteln, um seine Mitzöglinge keiner Strafe auszusetzen, eine Rücksicht, die wahrhaftig niemand von ihnen, am allerwenigsten Prescott, verdient hätte.
Einen Augenblick nur hatte es gebraucht, bis dieser Entschluß feststand.
„P. Middleton, ich bitte um die Erlaubnis, an den Panifluß zu gehen. Ich muß Tom und Harry etwas Wichtiges sagen.“
Der Präfekt ahnte, daß der Knabe wohl besondere Gründe zu diesem Ersuchen habe. Allein er glaubte nicht weiter in ihn dringen zu sollen; jedenfalls beabsichtigte Percy nichts Schlimmes. Daß er aber vom vorigen Tage her noch so gelähmt sei, entging P. Middletons Auge. Percy hatte sich ja eingewöhnt, ließ sich behandeln und wollte behandelt werden wie jeder andere Zögling.
„Gut, Percy! thu’ das nur!“
„O, ich danke Ihnen sehr, Pater. Sie sind immer so gut. Darf ich Sie noch bitten, mir, wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe macht, den nächsten Weg zu zeigen?“
„So, Du bist noch nicht da gewesen? Dann gebe ich Dir die Erlaubnis nur unter der Bedingung, daß Du mir versprichst, hin und zurück den Bahndamm entlang zu gehen. Da kannst Du Dich nicht verirren, und wenn Du Tom und Harry nicht treffen solltest, findest Du Dich auch allein wieder heim. Auf diesem Wege brauchst Du ungefähr eine Stunde.“
„Und jetzt ist es drei,“ sprach Percy und sah auf seine Uhr.
„Nein, schon fünf Minuten nach drei, Deine Uhr ist etwas zurück.“
„O weh, o weh!“ seufzte Percy leise, als er sich mit einer steifen Verbeugung entfernte.
Hastigen Schrittes eilte er der Pforte zu. Sein gefühlvolles Herz schlug heftig bei dem Gedanken, er komme vielleicht zu spät; seine Freunde könnten ja den Rückweg früher angetreten haben, als sie ursprünglich festgesetzt.
Schon hatte er das Thor erreicht, als er seinen Namen rufen hörte. Er wandte sich um und sah P. Middleton auf sich zukommen.
„Warte einen Augenblick, Percy! — Möglicherweise findest Du die beiden nicht gleich. Hier, nimm diese Pfeife mit; sie hat einen sehr hellen Ton, der weithin hörbar ist. Vielleicht ist sie Dir von Nutzen.“
„Aber Sie sind doch zu gütig,“ rief Percy, seine großen, ausdrucksvollen Augen voll inniger Dankbarkeit auf den Pater gerichtet. „O, P. Middleton, ich will für Sie beten, daß Ihnen Gott Ihre Freundlichkeit vergilt.“
Sinnend schaute P. Middleton dem Wegeilenden nach, bis er um eine Ecke seinen Augen entschwand. Was mochte der Knabe vorhaben?