Kopfvignette des 14. Kapitels

14. Kapitel.
Wie die geretteten Freunde ihrem Retter helfen.

T

Tom kniet auf dem Boden und sieht besorgten Blickes in das Antlitz des Bewußtlosen. Endlich öffnen sich die Augen.

„Geht es besser, Percy?“

„Wasser!“ haucht der kaum Erwachte.

„Lauf schnell, Harry!“

Der tummelte sich nicht schlecht und kehrte bald mit einer Feldflasche voll Wasser zurück.

Der Trunk erfrischte Percy sichtlich; das erblaßte Antlitz zeigte wieder mehr Farbe und Leben.

„Trink noch einmal, Percy! Es thut Dir wohl. — So — in zwei Minuten bist Du wieder wie neugeboren!“

„O Tom!“ flüsterte Percy mit schwacher Stimme. „Ich war so nahe daran, Euch nicht mehr zu treffen.“

„Das warst Du allerdings. Hättest Du nicht einen so höllischen Lärm mit Deinem Pfeifen gemacht, Harry und ich wären schon halbwegs bis Maurach. — Aber jetzt laß hören, was Dich auf die Prärie herausgetrieben hat! Jeder vernünftige Junge mit Beinen, wie Du sie hast, wäre eher zu Bett gegangen. Du bist ja kaum imstande wieder heimzukommen. Und erst wenn Du uns nicht getroffen hättest!“

Percy erwiderte nichts.

„Es muß etwas los sein,“ fuhr Tom fort. „Hat Dich wieder jemand gequält?“

„O nein, Tom. Die meisten sind ja sehr freundlich gegen mich. Und selbst wenn sie mich einmal necken, weil ich noch so mädchenhaft bin, dann geschieht es immer mit so großer Gutmütigkeit.“

„O das kennen wir!“ warf Harry dazwischen.

„Ich wollte Euch nur bitten, nicht über die Prärie, sondern den Bahnkörper entlang nach Hause zu gehen.“

Tom pfiff.

„Und wir sollen glauben, Du hättest Deine armen Beine so mißhandelt und Dich in eine tödliche Ermüdung gerannt, nur um uns einen andern Heimweg anzuraten?“

„Doch, Tom. Prescott und — ich weiß nicht wer sonst, es sind ihrer aber mehrere — liegen auf der Prärie im Hinterhalt und lauern Euch auf. Sie wollten Euch binden und Euch dann auf der Prärie liegen lassen. Ich war so in Angst, ich möchte Euch verfehlen, und das wäre beinahe auch geschehen. Jetzt bin ich so froh, daß es gelungen ist. Gott sei Dank!“

Sprachlos starrten ihn die beiden Freunde an. Zum erstenmale seit langer Zeit füllten sich Toms Augen mit Thränen. Harry Quip aber brach in lautes Schluchzen aus.

„Percy,“ sprach endlich Tom mit einer Stimme, die zugleich Rührung und Nachdruck wiedergab, „wenn ich je gesagt habe, Du seiest kein rechter Junge, so war ich verrückt. Als wir Dich diesen Mittag sahen, konntest Du kaum einen Schritt thun, und jetzt läufst Du eine ganze Stunde um zweier armen Tröpfe willen!“

Er wischte sich verstohlen die Augen.

„O bitte, Tom! Macht nicht so viel Aufhebens davon. Es war gar nicht so schrecklich. Mir ist ja gar nichts Schlimmes passiert. Ich bin nur deshalb ohnmächtig geworden, weil ich eben die viele Bewegung noch nicht ertragen kann. Ich wollte von Herzen gern für jeden von Euch noch viel mehr thun.“

„Ich bildete mir immer ein,“ fuhr Tom unbekümmert um Percys Worte fort, „ich wüßte, was ein rechter Junge ist. Unsinn! Nichts wußte ich. Jetzt geht mir erst ein Licht auf. O Percy, Percy, wie konntest Du —“

Schnell erhob sich Percy.

„Kommt! vorwärts! Es ist die höchste Zeit! Mir fehlt ja nichts! Ich bin wirklich noch nie so froh gewesen wie jetzt. Ich hätte nie geglaubt, Euch noch irgendwie nützlich sein zu können.“

„Das bist Du aber,“ erklärte Tom bewegt, „und bist es gewesen. Von Dir habe ich mehr gelernt als aus vielen, vielen Büchern.“

„Und ich,“ fügte Harry bei, dessen Erregung soweit nachgelassen hatte, daß er seine Dankbarkeit in Worte kleiden konnte, „ich hätte nie gedacht, ich könnte von Dir auch nur halb so viel lernen, als Du mir in diesen paar Minuten beigebracht hast.“

Eine Pause trat ein. Für beide Knaben, die, selber edelmütig und großherzig, Percys Opfermut voll und ganz zu würdigen verstanden, bedurfte es einiger Ruhe, bis sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Forderungen des Augenblicks zuwenden konnten.

„Wie sollen wir heimkommen, Tom?“ fragte endlich Harry. „Er hat sich kaum hierhin zu schleppen vermocht und kann unmöglich denselben Weg noch einmal zurücklegen.“

„O, ich bin ja noch ganz gut auf den Beinen!“ versetzte Percy entschlossen. „Nur wegen des Laufens bin ich so müde geworden. Gehen kann ich ohne Mühe.“

Schweigend schritten sie nun dem Bahnkörper zu.

„Wären nur Donnel und Keenan hier!“ knirschte Tom nach einer Weile und ballte die Faust. „Dann gingen wir sicher den andern Weg!“

„Es wird schon merklich kälter,“ sprach Harry. „Es giebt eine frostige Nacht. Und wie schneidend kalt der Wind ist! Huuu — — denk’ nur, was wir zittern und beben würden, wenn wir in diesem linden Lüftchen fein ruhig zu liegen hätten. Und eine ganze Nacht durch! Da verginge es uns schon, am andern Tage auch nur ‚Guten Morgen‘ zu sagen!“

„Auch wenn sie uns kein Schnupftuch in den Mund gestopft hätten,“ ergänzte Tom.

Percy erzählte dann mit schwacher Stimme, wie es ihm gelungen, hinter den abscheulichen Plan zu kommen. Allein unterdessen wurden seine Schritte immer unsicherer, während zugleich hin und wieder ein Ausdruck des verhaltenen Schmerzes über sein Gesicht glitt.

Mittlerweile war es fast halbfünf geworden, und die Strecke, die sie zurückgelegt, betrug noch nicht ein Viertel des Heimweges.

„Percy,“ sprach Tom, als die Erzählung zu Ende war, „Du bist ja fast außer stande, weiter zu gehen. Wenn ich Dir doch meine Beine wenigstens für einige Zeit abtreten könnte! Die würden sich freuen, endlich einmal in anständige Gesellschaft zu kommen.“

„Sorge nicht um mich, Tom! Ich bin ja ganz wohl. Allerdings fühle ich mich etwas gelähmt, das ist wahr. Es kommt aber nur davon, daß ich im Laufen gar keine Übung habe.“

„Gut, Percy, deshalb wollen Harry und ich Dir von unsern Beinen soviel leihen, als sich machen läßt. — Harry, nimm Du seinen rechten Arm; ich fasse ihn beim linken. Wir können ja denken, wir wären Polizisten und sollten diesen Burschen auf die Wache bringen.“

„O, ich wollte nur, ich wäre ein Polizist!“ versicherte Harry. „Dann hätte ich bald Hilfe herbeigepfiffen. — Nein, doch nicht! Ich ließe niemand helfen, so lange ich selber noch einige Kräfte hätte.“

Von den Freunden unterstützt, ja fast getragen, ging Percy wieder ein Weilchen voran. Doch es entging ihren wachsamen Augen nicht, wie trotz ihrer Hilfe immer häufiger ein heftiger Schmerz seinen ganzen Körper erschütterte.

„Und alles das für mich und Harry!“ dachte Tom, während sich abermals seine Augen heimlich mit Thränen füllten. „Wenn wir nicht mehr für ihn thun, zieht sich der arme Junge noch einen ernsten Schaden zu. — Hätte er nur von der ganzen Verschwörung nichts gehört! Wir hätten uns vielleicht doch noch durchgeschlagen. Und wenn nicht — ich wollte lieber die ganze Nacht da liegen, als den guten Percy in diesem Zustande sehen!“

„Wir wollen einmal einen Augenblick ausruhen!“ fügte er laut bei.

Sogleich zog er dann seinen Rock aus; Harry verstand ihn und folgte seinem Beispiele. So bereiteten sie für Percy auf einem grasbedeckten Plätzchen ein Lager. Tom setzte sich an dem einen Ende desselben, den Rücken gegen einen Stein gelehnt flach auf den Boden und zwar so, daß er das Lager an seiner rechten Seite hatte.

„Jetzt, Percy,“ sprach er, „leg’ Dich hier nieder! Du bist von Deiner Anstrengung noch zu heiß und würdest Dich auf dem bloßen Boden erkälten. Ein Kissen haben wir leider nicht; deshalb mußt Du es Dir auf meinem Knie bequem machen.“

Ohne Widerrede that Percy nach Toms Anweisung, indem er beiden dankbar zulächelte. Kaum hatte er sich ausgestreckt, als seine Augen auch sofort zufielen, gerade als sänke er in eine plötzliche Ohnmacht.

Beide Knaben sahen mit lebhaftester Besorgnis in das ruhige, abgemattete Antlitz, das ihnen in ihrer Angst vorkam wie das Antlitz eines Toten.

„Harry,“ sprach endlich Tom im leisesten Flüstertone, „meinst Du wirklich, Percy könnte schneller gehen, wenn er etwas geschlafen hat?“

„Sicher nicht; wir müssen ihn so ganz langsam heimbringen, wenn wir auch eine Stunde zu spät kommen.“

„Ich will Dir was sagen, Harry. Zu Fuß kommt er nie nach Haus. Ich bleibe hier und warte, bis er erwacht; dann trage ich ihn, soweit ich komme. — Ach wäre ich doch nur für eine Stunde ein Mann! — Du aber rennst jetzt gleich, was Du rennen kannst, und holst Hilfe, am besten einen Wagen. — Wir wollen beten, daß alles gut abläuft.“

Ungesäumt eilte Harry davon, während Tom geduldig Percys Erwachen abwartete. Ängstlich lauschte er auf die schwachen Atemzüge des Schlafenden. Da schlug dieser die Augen auf.

„O, Gott sei Dank!“ rief Tom. „Wie fühlst Du Dich, Percy? Besser?“

Percy gewahrte die übergroße Bekümmernis seines Freundes.

„O gewiß!“ sprach er leise, indem er sich bemühte, frisch und wohlgemut dreinzusehen. „Ich glaube, ich komme jetzt bis nach Hause.“

„Sehr gut, Percy! Also voran!“

Tom half ihm aufstehen und zog dann seine Jacke an.

„Und Du kannst wohl Harrys Jacke tragen, Percy.“

„Sehr gern, Tom!“

„Gut, ich hänge sie Dir um wie ein Kriegsmäntelchen; das sieht ganz schön aus.“

Percy war zu sehr geschwächt, um seiner Überraschung noch Ausdruck zu verleihen, als ihn Tom jetzt ohne Umstände ergriff, aufhob und mit ihm weiter ging, als verstände sich das von selbst.

Zum Glücke für Tom war der Leidende, obgleich ein volles Jahr älter, sehr zart gebaut. Doch blieb er immerhin eine ansehnliche Last für den Zwölfjährigen. Aber Dankbarkeit und ein gewisser edler Stolz, sich an Großmut nicht übertreffen zu lassen, schienen Toms Kräfte zu erhöhen.

So schritt er dahin, schnellen und sichern Fußes. In seinen Mienen trug er eine möglichst große Gleichgültigkeit zur Schau, obwohl er bald anfing hastiger zu atmen.

„Keine Angst, Percy!“ sagte er, als dieser ihn einmal sehr besorgt anschaute. „Ich werde nicht müde. Du weißt ja, ich war immer darauf aus, meine Kräfte zu üben. Ich habe schon Schwereres gehoben. Ich könnte sogar mit Dir laufen, nur fürchte ich, anzustoßen und Dich unsanft auf den Boden zu setzen.“

Bald gewahrte er durch die schon tief herabgesunkene Dämmerung einen Reiter im Galopp heransprengen. Sollte das schon die Hilfe sein, die Harry schickte? Sein Herz schlug freudiger, je näher Roß und Reiter kamen.

„Hurra!“ rief er, als die Gestalt des Helfers einigermaßen kenntlich geworden. „Percy, hättest Du das gedacht? ich glaube, es ist P. Middleton.“

14. Kapitel, Schlussvignette