a gab es nun viel Neues zu sehen, so viel, daß Frank nach rechter Kinderart seinen Trennungsschmerz bald vergaß.
„Komm’,“ sagte Percy, „ich will Dich gleich zu einigen Zöglingen führen, damit Du etwas bekannt wirst. — Dort hinten steht einer an dem Thore; der heißt Tom Playfair. Er ist der beste Junge auf der ganzen Welt.“
„Er ist aber sicher nicht besser als Du, Percy.“
„O, viel besser! mindestens so gut, wie hundert meinesgleichen.“
„Ich — ich,“ erwiderte Frank bedächtig, „ich glaube das nicht, bis es mir bewiesen ist. Papa sagt, man dürfe nichts glauben, ehe es bewiesen sei.“
Percy lachte und antwortete nicht. Tom Playfair aber hatte sein Vorhaben geahnt und kam den beiden schon entgegen.
„Tom, das ist ein neuer Zögling. Ich stelle Dir hiermit Frank Marschall vor.“
„Fröhliche Weihnachten, Frank!“ sprach Tom lustig, indem er Franks Hand ergriff. „Ich glaube fast, ich habe Dich schon gesehen.“
„Vielleicht. Ich ging bis jetzt in die Mauracher Stadtschule.“
„Richtig. Da habe ich Dich gesehen. Ich bin oft dort vorbeigekommen, um mir Schuhe zu kaufen, weil ich so viele durchlaufe. Percy halten sie viermal so lange. — Es wird Dir im Pensionate gefallen, Frank, glaube ich.“
„O sicher! Percy hier und dann Keenan und Donnel — ich meine, so heißen sie — sind ja so gute Jungen.“
Tom merkte jetzt, daß Frank jener Knabe sei, um dessentwillen Percy ‚sich geschlagen‘ hatte.
„Deine neuen Mitschüler werden Dir besser gefallen als die alten aus der Stadtschule, Frank.“
Da schoß es wie ein Blitz aus Franks dunkeln Augen.
„Die Jungen aus der Stadtschule?“ rief er entrüstet, stampfte mit dem Fuße auf den Boden und stieß leidenschaftlich hervor: „Ich hasse sie!“
„Frank, Du scherzest,“ sagte Percy verwundert.
„Nein, ich hasse sie! Hassest Du sie nicht?“
„Nein, wahrhaftig nicht!“
Jetzt war es an Frank, zu staunen.
„Nachdem sie Dich so mißhandelt haben?“
„Man darf ja niemals einen Menschen hassen,“ gab Percy sanft zur Antwort. „Es ist auch möglich, daß sie es nicht besser wissen.“
„Das kümmert mich nicht!“ entgegnete Frank, noch immer voll Aufregung, und ballte die kleine Faust. „Sie sollten es besser wissen! Hätte ich nur eine Flinte, ich ginge und schösse den abscheulichen Kracher sogleich tot. Das thäte ich sicher!“
„Langsam, langsam, Du Feuerteufelchen,“ erwiderte Tom lachend. „Du kommst schon bald zu andern Gedanken.“
„Nein!“ fuhr der Kleine zornig fort. „Ich wollte, sie wären alle tot, und begraben dazu. Und ich gönnte ihnen nicht einmal einen Leichenstein, nur einen alten hölzernen Sarg. Ich hasse sie! Ich hasse alle, die meinem Vater oder mir böse sind, und ich habe alle gern, die uns gern haben.“
Während des letzten Satzes wurde Franks Gesichtsausdruck ruhiger, und sein Auge richtete sich voll inniger Zuneigung auf Percy.
„Es ist aber nicht erlaubt, jemanden zu hassen,“ wiederholte Percy, den Blick entgegnend.
„Und weißt Du auch,“ fragte Tom in scheinbarem Ernste, „daß Du ein Erzjude bist, und gar kein Christ? Bei Dir heißt es: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn.‘“
„Ach, Tom,“ unterbrach ihn Percy und gab zu verstehen, daß er nicht im Scherze rede, „er weiß von Religion noch gar nichts!“
Tom pfiff, steckte beide Hände tief in die Taschen seiner Jacke und spreizte die Beine weit auseinander.
„Das ist wahr,“ bestätigte Frank, „aber ich will jetzt auch Religion annehmen. Ich will katholisch werden, wie Percy. Bist Du auch katholisch, Tom?“
Toms Erstaunen hatte sich indessen ein wenig gelegt. Er erwiderte ruhig:
„Ich meine. Ich bin so was von der Art. — Aber weißt Du auch, was Weihnachten ist, Frank?“
„O, da giebt es Mittags ein großes, feines Essen mit einem Puter, und oft auch viele, viele Geschenke.“
„O Du kleiner Jude!“
„Was ist ein Jude, Tom?“
Percy lächelte.
„Frank, willst Du wirklich erfahren, was Weihnachten ist?“
„Ich will alles lernen, was Du gelernt hast, Percy.“
„Prächtig, Frank!“ lobte Tom. „Du bist auf dem besten Wege. — Percy, am besten zeigen wir ihm jetzt die Krippe im Studium. Auf dem Wege dahin kannst Du ihm alles erzählen.“
Gesagt, gethan. Gespannt lauschte Frank dem Berichte von der Geburt des göttlichen Kindes, und betrachtete dann lange und aufmerksam die Gestalten der Krippe.
„Weißt Du auch,“ fragte Percy, indem er auf die Figur des neugeborenen Heilandes zeigte, „wie es ihm später ging?“
„Nein, wie denn?“
„Er ließ sich für seine Feinde unter schrecklichen Qualen töten.“
Frank schaute ihn stumm an, blickte dann wieder auf das Kind in der Krippe und versank in tiefes Nachdenken. Dann ergriff er plötzlich Percys und Toms Hand und sagte:
„Wenn ich zuweilen etwas sonderbar rede, nehmt es mir nicht übel; ich will sicher nichts gegen Eure Religion sagen.“
„Siehst Du?“ sprach Tom. „Du fängst schon an, Dich zu bekehren. Du bist schon kein Jude mehr. — Ah, da kommt P. Middleton.“
Bevor jedoch Tom oder Percy zu der Ceremonie des Vorstellens übergehen konnten, begrüßte P. Middleton bereits den neuen Zögling.
„Das ist wohl Frank Marschall,“ sagte er und ergriff freundlich die Hand des Kleinen. „Gut, daß ich Dich treffe. Du gehörst zu den Meinen, Frank. Ich hoffe, Du fühlst Dich hier bald zu Hause.“
Frank sah in das liebevolle Antlitz seines neuen Vorgesetzten empor.
„Ich hoffe das auch; hier sind ja alle so gut. — P. Middleton, warum tragen Sie einen so langen Rock?“
„Ich will alles gern anders haben, als andere Leute,“ erwiderte der Pater lächelnd. — „Percy, nimm Dich auch während des Abendessens seiner an. Er soll neben Dir sitzen; ich habe den Platz zu Deiner Linken frei gemacht. Nachher bringst Du ihn dann zu mir, damit ich ihm auch im Schlafsaal einen Platz anweise.“
„Darf er hier im Studium auch neben mir sitzen?“
„Er ist zu klein. Er soll dort vorn Nachbar von Granger werden. Das ist auch ein guter Junge, Frank. Percy, Du machst sie mit einander bekannt, nicht wahr?“
„Gewiß, Pater!“
„Er ist ein guter Mann,“ meinte Frank, als P. Middleton sich entfernt hatte. „Aber er scheint nicht reich zu sein.“
„O, Du bist doch noch ein Jude!“ scherzte Tom. „Aber weshalb glaubst Du, er sei arm?“
„Sein Rock ist ja so alt. Er sollte eigentlich schwarz sein, war aber an vielen Stellen ganz grün. Und erst das Ding, das er so — hier — so mitten um den Leib hatte, das war ja so grün wie eine Wiese.“
„Du hast ganz recht, Frank,“ erwiderte Tom. „Er ist sehr arm; er hat nicht einen roten Cent.“
„Dann giebt er wohl sein Geld gleich wieder aus, wenn er es bekommt.“
„Er bekommt gar kein Geld. Er thut alles umsonst.“
„Das willst Du mir aufbinden, Tom!“
Dabei wandte sich Frank mit einem fragenden Blicke an Percy.
„Es ist wahr,“ entgegnete dieser. „P. Middleton bekommt gar kein Gehalt.“
„Ist er verrückt?“
„O nein! Er arbeitet aus Liebe zu Gott.“
Es war nicht zu verwundern, wenn ihn Frank mit dem Ausdrucke völliger Ratlosigkeit ansah. So manche neue Ideen stürmten auf Franks Seele ein, daß es ihm nicht gelang, sich alles zu reimen. Einen Augenblick verharrte er in tiefem Nachdenken. Dann sagte er zu Percy:
„Zeig’ mir noch etwas anderes!“
Percy und Tom führten jetzt ihren kleinen Freund in den Spielsaal. Kaum waren sie dort angelangt, da erheiterte sich Franks Gesicht, er klatschte freudig in die Hände und rief:
„O, da sind sie! da sind sie!“
Zugleich eilte er davon, um Donnel und Keenan zu begrüßen.
„Guten Abend!“ begann er. „Ich bin so froh, Euch wiederzusehen. Ich bleibe jetzt hier im Pensionat. Mein Name ist Frank Marschall.“
„Guten Abend, Frank!“ erwiderte Donnel, der den Kleinen gleich wiedererkannt hatte. „Fröhliche Weihnachten!“ Er ergriff Frank und hob ihn empor. „Neulich hatte ich keine Zeit, Dich genauer zu besehen, deshalb halte ich Dich jetzt gehörig ans Licht. Ich heiße Johann Donnel.“
„Und ich heiße Keenan,“ fuhr Donnels unzertrennlicher Genosse fort, nahm Frank bei den Beinen und ließ ihn wieder auf den Boden herab.
Frank sah beide einen Augenblick überlegend an.
„Seid Ihr aus einer höheren Klasse, als Percy und Tom?“ fragte er dann.
„Jawohl,“ war die selbstbewußte Antwort. „Wir sind drei Klassen höher.“
„Dann möchte ich eine Frage an Euch stellen.“
„Ist sie schwer?“
„Nein. Haßt Ihr den Kracher?“
„O nein, gewiß nicht!“ erklärte Donnel.
„Und wenn Du sähest, daß er am Ertrinken wäre, würdest Du ins Wasser springen, um ihn zu retten?“
„Wenn ich sichere Aussicht hätte, ihn zu retten, thäte ich es.“
„Ist Dir das Ernst?“
„Natürlich. Thätest Du etwas anderes, Frank?“
Franks Auge flammte.
„Ich würde noch einen großen Stein auf ihn werfen.“