Kopfvignette des 29. Kapitels

29. Kapitel.
Der kleine Wißbegierige.

D

Der Tag vor Weihnachten brach an, hell und kalt. Im Lichte der späten Morgensonne funkelten Millionen von Diamanten an den Zweigen und Zweiglein der bereiften Bäume.

Die Zöglinge holten ihre Schlittschuhe hervor und schickten sich unter fröhlichem Gespräche an, das Haus zu verlassen. Percy aber, dessen Fuß noch nicht genügend hergestellt war, mußte zu Hause bleiben und saß bereits mit einem Buche zufrieden und glücklich an seinem Pulte. Da kam Frank herein und weinte, als ob ihm das Herz brechen sollte.

„Frank!“ sprach Percy erschrocken, „was fehlt Dir denn?“

„O ich wollte, ich wäre tot!“

Dieses Lieblingswort mancher eigensinnigen Kinder war in Percys Familie nie gehört worden. Er wußte nicht, daß diejenigen, die es am häufigsten aussprechen, es selten ernst meinen.

„Frank, Frank!“ erwiderte er mit großem Ernste. „Sage doch so etwas nicht. Es kann Dir ja nicht bedacht sein; es wäre viel zu böse!“

„Ja, es ist mir bedacht. Und ich bin auch böse. Das ist es eben, weshalb ich weine.“

„Es hat Dich wohl jemand geneckt.“

„Nein, alle sind freundlich. Aber sie lachen mich aus.“

„Wann haben sie Dich denn ausgelacht?“

„Diesen Morgen in der Kapelle redete ich meinen Nachbar an. Er antwortete keine Silbe, sondern lachte bloß. Dann setzte ich mich. Da lachten alle um mich her. O, ich sehe es jetzt. Tom Playfair hatte recht, daß er sagte, ich wäre ein Jude.“

Jetzt konnte sich auch Percy eines Lächelns nicht erwehren.

„Fränkchen, was ist denn eigentlich ein Jude?“

„Das weiß ich nicht. Aber es muß etwas sehr Schlimmes und Dummes sein.“

„Später wirst Du verstehen, was es ist. Jedenfalls bist Du kein Jude. Du glaubst das doch, wenn ich es Dir sage.“

„Ja, Dir glaube ich es, Percy,“ sprach Frank und wurde ruhiger. „Aber weshalb hat denn Tom Playfair gestern gesagt, ich wäre einer?“

„Er wollte bloß einen Scherz machen. Tom hat Dich sehr gern, Frank.“

„So?“ und Frank lächelte beglückt.

„Ja, ganz sicher. Er war heute Morgen schon bei mir und sagte, er wolle Dich mitnehmen aufs Eis.“

„O, ich gehe nicht aufs Eis,“ erklärte Frank, und das kleine Gesichtchen verfinsterte sich wieder. „Ich muß zu Hause bleiben und lernen. Ich will Religion annehmen.“

Percy sah voraus, daß P. Middleton Frank nicht gestatten werde, heute auf die Erholung zu verzichten, und wollte ihm deshalb diesen übereifrigen Vorsatz ausreden.

„Frank, kannst Du überhaupt Schlittschuh laufen?“

„Gewiß. Aber gerade deshalb will ich nicht gehen, ich will lieber etwas Neues lernen, das ich noch nicht kann.“

„Wirklich? Du kannst Schlittschuh laufen?“

„Natürlich!“

„Das freut mich sehr. Später kannst Du mir dann einen großen Gefallen thun.“

„Dir einen Gefallen thun?“ rief Frank, strahlend in freudiger Erwartung. „Womit?“

„Lehre mich Schlittschuh laufen!“

„Was? Was? Du kannst nicht Schlittschuh laufen?“

„Ich habe nie einen Schlittschuh am Fuße gehabt.“

Durch ein herzliches Lachen machte Frank seinem Erstaunen Luft.

„Wenn das nicht zum Lachen ist, Percy! Du bist doch größer und älter als ich. Ich bin aber sehr froh, daß ich Dich etwas lehren kann.“

„Gut. Dann geh’ heute auch Schlittschuh laufen damit Du es noch besser lernst und es mir noch besser beibringen kannst.“

Aller Trübsinn und alle weltschmerzlichen Gedanken waren jetzt verflogen. Das Bewußtsein, er werde einen viel älteren Zögling zum Schüler haben, machte Frank ein solches Vergnügen, daß er aus dem Lachen gar nicht herauskam.

„Ich nehme alles zurück,“ sagte er. „Ich wollte nicht, ich wäre tot. Ich will am Leben bleiben und Dich im Schlittschuhlaufen unterrichten. Und es soll Dich gar nichts kosten.“

„Danke schön, Frank. Ich sehe immer klarer, daß Du kein Jude bist. — Kannst Du auch Ziellauf spielen?“

„O, und wie!“ rief Frank mit steigender Fröhlichkeit. „Kannst Du das auch nicht?“

„Nein,“ sprach Percy schmunzelnd. „Ich kann nur die leichtesten Bälle schnappen.“

„Tralala!“ jubelte Frank. „Ich lehre es Dich auch. O, dann haben wir ganze Wagen voll Spaß.“

„Heda, Frank, Du alter Sünder,“ rief jetzt Tom in den Saal, „wo bleibst Du denn? Die meisten sind schon fort.“

Frank eilte hinaus, nahm seine Schlittschuhe und schloß sich mit Tom Playfair dem Zuge an.

„Tom,“ sprach er nach einiger Zeit. „Was ist ein Sünder? Du hast mich vorhin einen alten Sünder genannt.“

„Das war nur im Scherz,“ erwiderte Tom, der merkte, daß sein kleiner Freund ein lustiges Wort hochernst auffassen könne. „Ein Sünder ist ein Mensch, der etwas Schlimmes thut. Du thust aber nichts Schlimmes. Deshalb bist Du auch kein Sünder.“

Frank überlegte wieder. Da kam eine neue Frage.

„Ist jemand, der andere Leute haßt und sich selber den Tod wünscht, ein Sünder?“

„Wenn er wirklichen Haß gegen sie hat, und wenn er sich ganz im Ernste den Tod wünscht, so ist er ein Sünder.“

„Dann bin ich ein Sünder,“ schloß ruhig der Denker von neun Sommern, „und Du hattest das Recht, mich so zu nennen. Aber es soll aufhören. Ich will mich bessern. Ich will Religion annehmen.“

„Du sprichst vom Religion-Annehmen, als wäre die Religion im Laden zu kaufen, und als ob man sie anziehen könne, wie Handschuhe,“ bemerkte Tom lachend.

Während der ganzen Dauer des Weges hatte er dann genug zu thun, alle Fragen seines wißbegierigen Gesellschafters zu beantworten. Das gemeinsame Abendgebet mit der Gewissenserforschung, dann Kreuzzeichen, Messe, Weihwasser und anderes, das Frank am Abend und Morgen beobachtet hatte, kam zur Sprache. Seine Seele, die noch nicht durch Laster verdorben war, hatte einen förmlichen Heißhunger nach dem Religiösen, und jedes Samenkorn fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden.

Ehe beide es dachten, waren sie schon am Ufer des Flusses angelangt, legten ihre Schlittschuhe an und genossen einige Stunden unter dem fröhlichen Schwarm ihrer Mitzöglinge die Freuden des Eislaufes.

Die Zeit des Rückweges wurde Tom abermals durch den kleinen Fragesteller verkürzt. Daheim aber veranlaßte Tom bei der nächsten Gelegenheit Percy, in seiner anziehenden Weise Frank die Hauptbegebenheiten aus dem Leben Jesu zu erzählen.

Frank lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.

„Ist es wahr,“ fragte er schließlich Percy, „daß Er auch die Kinder geliebt hat?“

„Gewiß. Er hat oft mit großer Liebe von ihnen gesprochen. Einmal wollten seine Jünger die Kinder von Ihm weghalten, weil Er so müde war. Allein er verwies es ihnen und sagte, wer nicht gleich den Kindern sei, komme nicht in den Himmel.“

„Dann will ich Ihn auch wieder lieben,“ versicherte Frank mit großem Ernste, „weil Er mich so geliebt hat.“

Im Laufe des Tages wußte Frank einen Augenblick ausfindig zu machen, um P. Middleton allein zu sprechen.

„Pater,“ begann er geheimnisvoll, „wollen Sie niemanden wieder erzählen, was ich Ihnen jetzt sage?“

„Nein, Frank.“

„Ich möchte gern hören, wie man weiß, daß es einen Gott giebt.“

„Ich denke, das kann ich Dir sagen,“ sprach der Pater lächelnd.

„Dann bitte, thun Sie das!“

Es war der Tag vor Weihnachten, für die Präfekten ein Tag unendlicher Mühe und Arbeit. Allein P. Middleton ließ sich doch nicht abhalten, dem wissensdurstigen Kleinen wenigstens in etwa zu genügen.

„Zwar bist Du im Grunde noch zu jung,“ sprach er, „um es ganz zu verstehen, ebenso wie es Dir schwerlich gelungen sein wird, einen Beweis für den Umlauf der Erde um die Sonne ganz zu erfassen. Ich will aber wenigstens den Versuch machen.“

P. Middleton schlug dann jenen Weg ein, den einst der Weltapostel Paulus wählte, um die Heiden zu Lystra vom Dasein des Einen Gottes zu überzeugen: ‚Gott hat sich nicht ohne ein Zeugnis gelassen, indem er den Menschen vom Himmel aus Wohlthaten spendete, Regen und fruchtbare Zeiten gab und mit Freude die Gemüter erfüllte.‘

„Ich will Dir später,“ so schloß er, „ein Büchlein geben, worin Du alles dieses viel schöner und deutlicher, als ich es Dir in der Eile sagen kann, beschrieben findest. Es ist die Geschichte eines Knaben, der etwa in Deinem Alter stand; er hieß ‚Heinrich von Eichenfels‘.“

„Ich danke Ihnen, Pater. Percy hat mir erzählt, es gebe einen Gott, aber ich muß alles ganz genau wissen. Jetzt sehe ich es ein. — Darf ich Sie noch um etwas anderes fragen?“

„Gewiß.“

„Ist es böse, jemanden zu hassen?“

„Ja, das ist böse, Gott liebt alle Menschen, und er will, daß auch wir alle Menschen lieben.“

„Glauben Sie nun, daß ein Kind, nicht älter als ich, schon böse sein und andere hassen könnte?“

„Warum nicht? Die Bosheit hängt nicht vom Alter ab, wenn auch meistens die Kinder nicht so böse sind, wie viele Erwachsene. Der heil. Augustinus, der ein sehr gelehrter und dabei ein sehr guter Mann war, ist in seiner Jugend böse gewesen. Er sagte selbst: ‚Ich war ein kleiner Knabe aber ein großer Bösewicht‘. Nachher hat er sich aber ganz gebessert.“

„Es freut mich, daß ich das höre. Ich habe immer geglaubt, niemand wäre so wie ich. O, ich bin schrecklich böse.“

P. Middleton lachte.

„Das ist wahr, Pater. Ich habe den Kracher gehaßt und wollte ihn totschießen. Und diesen Morgen wurde ich traurig und wünschte mir den Tod.“

„Aber jetzt, da Du gelernt hast, daß so etwas böse ist, thätest Du es nicht mehr.“

„Nein, aber ich wünschte es zu thun.“

P. Middleton erklärte nun zu Franks sichtlicher Beruhigung, daß die Neigung zu einem bösen Werke noch nicht böse macht, so lange unser Wille dagegen ist und wir ihr nicht nachgeben, sondern im Gegenteil gern von ihr frei sein möchten. Ein paar Beispiele halfen dem Verständnisse nach.

„Ich danke Ihnen, Pater. Von jetzt an will ich nie mehr böse sein. Wollen Sie mir nicht dabei helfen?“

„Von Herzen gern. Und morgen, wenn wir das Andenken an die Geburt des Jesuskindes feiern, bitte es auch, Dir zu helfen.“

„Das will ich thun. Percy hat mir schon erzählt, daß Es die Kinder so gern hat. Sobald mein Papa wiederkommt, erzähle ich ihm alles; und er soll den Heiland auch lieben.“

Der heilige Weihnachtstag brach an. Die Zöglinge hörten an diesem Feste, nach gutem christlichem Brauche, drei heilige Messen.

Der erhebende Gesang, die prächtigen Gewänder, der Schmuck des Altars und der ganzen Kapelle, die würdevollen Ceremonien, sowie der andächtige Ernst so vieler Knaben, welcher sich in Antlitz und Haltung kundgab: das machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf Frank. Was ihn aber am meisten fesselte, war die große Darstellung der Geburt Jesu in der Höhle zu Bethlehem, die allen sichtbar auf dem Chore stand. Unwillkürlich faltete er die Hände zum Gebet, wie er die übrigen thun sah, und bat das göttliche Kind, das die Kinder so geliebt hat, immer von neuem um Hilfe und Beistand, daß auch er alle Menschen lieben und vor allem seinem Heiland mit Gegenliebe vergelten möge.

Nach Schluß der Feier wartete er auf Percy.

„Glückseliges Weihnachtsfest!“ war Percys erstes Wort.

„O, es ist schon glückselig. Ich bin nie so froh gewesen, wie heute. Percy, die katholische Religion ist doch schön. — Jetzt, bitte, warte hier einen Augenblick, bis Tom, Keenan und Donnel kommen. Ich habe ihnen etwas zu sagen.“

Die Genannten fanden sich bald zusammen, alle in Feierstimmung und einstweilen noch voll Erwartung der Dinge, welche der Tag in seinem Verlaufe ihnen bescheren sollte.

Frank aber wurde sehr ernst. Als sie nach den ersten gegenseitigen Festgrüßen sich zu ihm wandten, sprach er:

„Ich habe zum Kinde Jesu gebetet und will jetzt ganz sicher Eure Religion annehmen. Ich will nie wieder wünschen, ich wäre tot, und wenn ich Kracher am Ertrinken sähe, so würde ich hineinspringen und ihn retten.“

29. Kapitel, Schlussvignette