eien Sie getrost,“ sprach Percy zu dem Unglücklichen, „bald ist Hilfe hier.“
„Es ist zu spät.“
„Glauben Sie wirklich, daß Sie jetzt sterben?“
„Ja.“
Percy sprach ein stilles Gebet zur Mutter Gottes.
„Wenn Sie wirklich sterben müssen,“ fuhr er dann fort, „so thäten Sie doch gut, an die andere Welt zu denken.“
Die Gesichtszüge des Unglücklichen verfinsterten sich wieder.
„Ich komme in die Hölle. Die letzten Jahre habe ich ein schändliches Leben geführt.“
Percy überdachte dieses Geständnis einen Augenblick.
„Aber Sie sind nicht immer böse gewesen?“ fragte er dann.
„Nein. Einst lebte ich brav, war zufrieden und glücklich.“ Bei der Erinnerung an schöne, bessere Zeiten schienen neue Kräfte in den abgezehrten Körper wiederzukehren. Der Mann erhob sich auf den Ellbogen und fuhr mit größerer Lebhaftigkeit fort. „Ich besaß eine vortreffliche Gattin, und ein liebes Kind, einen Knaben. Ich hatte damals einen höheren Posten in einer Fabrik und bezog einen ganz anständigen Lohn. Da traten Zerwürfnisse ein zwischen den Besitzern der Fabrik und den Arbeitern, deren Folge ein Ausstand war. Ich wurde gezwungen, ebenfalls die Arbeit niederzulegen. Der Ausstand hörte auf, aber ich erhielt meine Stelle nicht wieder. Ich sah meine Gattin vor Not und Elend hinsiechen. Ich gab mich zu den niedrigsten Arbeiten her, nur um ihr zu helfen; allein es wollte mir nicht gelingen, so viel zu erwerben, als sie bedurfte. Als sie in den letzten Zügen lag und mir noch einmal zulächelte, da war es aus mit meinem Glauben an Gott.“
„Armer Mann!“ sprach Percy mit Thränen in den Augen. „Es war hart. Aber Sie hätten um so mehr beten sollen, daß Sie Ihre Frau im Himmel wiedersehen. — Warten Sie, es ist zu anstrengend für Sie, sich auf den Arm zu stützen. Legen Sie Ihren Kopf auf meine Kniee.“
Percy setzte sich so, daß er dem Manne diese bequemere Lage möglich machen konnte.
„Sie sind sehr gütig. Gern möchte ich sprechen: ‚Gott segne Sie‘, allein das bedeutet in meinem Munde nichts. — Es verblieb mir also mein Söhnchen. Und wie liebte ich es! Ich arbeitete und plagte mich Tag und Nacht um den geringsten Lohn. Aber die Zeiten wurden immer schlechter; auch das Kind sah ich sterben. Da fluchte ich Gott.“
Ein sichtbarer Schauder überkam Percy. Während er der Erzählung weiter folgte, bewegten sich seine Lippen immerfort in leisem Gebete.
„Ich war nahezu wahnsinnig vor Schmerz. Von jener Stunde an haßte ich die Reichen, haßte Gesetz und Ordnung. Es war nicht recht, das wußte ich; ich war mit voller Überlegung schlecht. Von jener Stunde an war ich ein Dieb, ein Landstreicher, ein Räuber, bereit zu jeder Art Verbrechen. Allein das Sündenleben brachte mir wenig Glück. Mit jedem Monate geriet ich in tiefere Not. In Maurach habe ich die letzten acht Tage kümmerlich mein Dasein gefristet und wollte jetzt, da ich zum Fahren kein Geld habe, zu Fuß weitergehen. Ich glaubte nicht, daß meine Krankheit, die meine früheren Genossen von mir wegtrieb, so stark geworden sei, daß ich dieser Kälte keinen Widerstand mehr zu leisten vermöchte. — Ich leide nur, was ich längst verdient. Gnade giebt es für mich nicht. Meine Sünden sind zu groß. Ich gehe an jenen Ort, der für meinesgleichen geschaffen ist.“
Hatte Percy einen Protestanten oder einen Katholiken vor sich? Er beschloß, nicht darüber zu fragen. An ein Beichten war ja doch nicht zu denken. Das einzige, was sich thun ließ, war, den Mann zu einer vollkommenen Reue zu bewegen. Dieses Ziel allerdings hoffte er erreichen zu können. Es war ja schon ein gutes Zeichen, daß der Mann sein Unglück als wohlverdiente Strafe ansah.
„Gott verzeiht Ihnen sogleich, wenn Sie nur Ihre Sünden wirklich bereuen.“
Der Mann überlegte, während Percy aufmerksam seinen Blick auf das abgezehrte Antlitz gerichtet hielt. Da fing frischer Schnee zu fallen an, still und sanft.
„Ich darf es nicht mehr hoffen. Nein! Böse habe ich gelebt, und böse muß ich sterben.“
„Aber denken Sie an Jesus, der für Sie am Kreuze gestorben ist!“ drängte Percy milde. „Den letzten Tropfen Blut hat er für Sie vergossen.“
„Freilich. Aber ich habe es mit Füßen getreten,“ war die röchelnde Antwort.
In der Aufregung begann Percy laut zu beten.
„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich sagen, um diese unsterbliche Seele für Dich zu gewinnen. O hilf mir, daß ich ihn zu einem Akt der vollkommenen Reue bringe. — Mein Freund!“ wandte er sich wieder zu dem Sterbenden, „mein lieber Freund, als Jesus am Kreuze hing und so schrecklich litt, vergab er noch einem Räuber, der ein ganzes Leben voll Sünden hinter sich hatte, auf dessen Seele gewiß mehr Verbrechen lasteten, als auf der Ihrigen. Er vergab ihm und nahm ihn am gleichen Tage noch ins Paradies auf. Jesus ist gegenwärtig nicht weniger huldreich. Sprechen Sie zu Ihm, mein lieber Freund! Sie haben gesündigt, aber Er will Ihnen so gern vergeben. Schließen Sie Frieden mit Gott! Sie haben nur eine einzige Seele.“
Der Unglückliche lauschte aufmerksam.
Mit jeder Sekunde nahm die Blässe seines Gesichtes zu. Schon standen Schweißtropfen auf seiner Stirne.
„Glauben Sie wirklich, Gott könne mir vergeben?“
„O gewiß! Und er wird Ihnen vergeben. Er hegt schon deshalb ein so großes Mitleid mit Ihnen, weil Sie ja sterben wie er, unter freiem Himmel und von aller Welt verlassen.“
„O könnte ich nur bereuen! Aber es ist zu spät.“
Langsamer und beschwerlicher wurde das Atemholen. Dichter und rascher fiel der Schnee.
Percy aber überkam es wie ein Gefühl der Ehrfurcht, daß die unsterbliche Seele eines Mitmenschen in seine Hände gelegt sei; doch mit seiner Besorgnis wuchs auch das zuversichtliche Vertrauen, Gott werde sich wirklich seiner bedienen, um diese arme, verstoßene Kreatur in die Gesellschaft der Heiligen eingehen zu lassen.
Vor der Hand freilich wußte er nicht, was er thun oder sagen solle; er überlegte betend. Da erhellte sich plötzlich sein Gesicht. Er griff in die Tasche, und ein kleines, silbernes Kruzifix, das Weihnachtsgeschenk von einer seiner Schwestern, kam zum Vorschein.
„Küssen Sie das, mein Freund, zur Erinnerung an die Liebe unseres Erlösers, der für Sie am Kreuze gestorben ist.“
„Ich wage es nicht,“ seufzte der Arme und schauderte. „O mein Gott, ich bin so böse, ich bin durch und durch verdorben. Ich bin nicht wert, bei einem so braven Kinde zu sein. Gehen Sie weg von mir! Ich bin verflucht. Gehen Sie weg, daß ich Sie nicht mit in die Hölle reiße.“
Statt aller Antwort erhob Percy das Haupt des Sterbenden und drückte einen Kuß auf die erkaltende Stirne. „O mein Gott,“ flehte er dabei im Herzen, „habe Erbarmen mit ihm!“
Dieser Liebesakt vollendete das Werk der Gnade. Was dem Unglücklichen noch fehlte, die Hoffnung und Zuversicht, bei Gott Verzeihung zu finden, begann jetzt in seiner gequälten Seele zu erwachen.
„Wenn Sie schon so gütig sind,“ sprach er bewegt, „dann muß auch Gott überaus gütig sein.“
„O ja, ja!“ versicherte Percy erfreut; „er ist unermeßlich gütig.“
„Aber er weiß auch“ — ein Anfall von Kraftlosigkeit zwang den Sprechenden wieder zu einer Pause — „er weiß auch alle meine Sünden, die Ihnen unbekannt sind.“
„Mein lieber Mann, wären Ihre Sünden noch tausendmal größer, als sie sind, er würde sie Ihnen doch verzeihen und würde Sie mehr lieben, als er Sie jemals geliebt hat in Ihrem ganzen Leben.“
Da bewegten sich die Lippen des Sterbenden, aber Percy verstand ihn nicht; er röchelte sehr stark. Als er sich jedoch niederbeugte, vernahm er deutlich das Wort ‚Kruzifix‘.
Hocherfreut hielt er es ihm an die Lippen und sah, daß der Mann es inbrünstig küßte.
„Gott sei Dank!“ flüsterte Percy. — „Jetzt, mein Freund, versöhnen Sie sich ganz mit Gott, damit Sie Ihre Gattin und Ihr liebes Kind im Himmel wiedersehen. Erwecken Sie vollkommene Reue über Ihre Sünden. Soll ich Ihnen dazu helfen?“
Der Mann nickte.
„Dann wollen wir erst ein wenig still zu Gott beten; denn es ist eine große Gnade.“
Eine kurze Weile schwiegen sie.
Um sie her schwieg die weite, weiße Prärie; schweigend sanken die zahllosen Schneeflocken in unsicheren Bahnen herab; nur in der Ferne ertönte der schrille Pfiff der Lokomotive durch die lautlose winterliche Stille.
Aus zwei Herzen aber stieg ein flehentliches Gebet empor zu Gott, dem Herrn der Menschenseele, der die Werke seiner Hände nicht vergißt und nahe ist denen, die ihn suchen. Es war, als ob durch die wirbelnden Schneeflocken Engelsgestalten lugten, mit Sehnsucht des Augenblicks harrend, da sie sich über einen büßenden Sünder freuen könnten.
„Küssen Sie das Kruzifix noch einmal!“ begann Percy wieder; er sah, daß der Tod schneller komme, als er erwartet hatte. „So — jetzt sprechen Sie mir von Herzen nach, was ich Ihnen vorbete.“
„O mein Gott — es thut mir leid gesündigt zu haben — weil ich weiß — daß Du so gut gegen mich bist — weil Jesus Christus sein Leben für mich geopfert hat — weil Du mich im Himmel selig machen willst — weil ich weiß — daß es nichts Größeres und Schöneres giebt als Dich. — O mein Gott — ich liebe Dich über alles. — Ich will Dich nie wieder beleidigen.“
Langsam und deutlich sprach Percy diese Worte und bemerkte an der Bewegung der Lippen, daß der Sterbende jeden Absatz nachsprach.
Das Getöse des Zuges war deutlich vernehmbar.
„O mein Jesus, Barmherzigkeit!“ sprach Percy abermals, und der Sterbende wollte es wiederholen. Allein es gelang ihm nicht. Ein heftiger Hustenanfall befiel ihn; aber er hatte zum Husten nicht mehr Kraft genug. Sein Atmen verstummte, das Auge richtete sich noch einmal auf seinen Wohlthäter, die Arme bewegten sich in der Not eines Erstickenden, das Gesicht nahm den Ausdruck der Todesangst an. Noch einmal sprach ihm Percy das kleine Schußgebetchen vor und glaubte zu bemerken, daß er es wiederhole.
Da rollte der Zug vorbei, und der Boden zitterte unter ihm, der Zug in seiner Kraft und Majestät, das Zeugnis von der Größe und Macht des menschlichen Geistes, der Zug mit so vielen reichen Menschen, deren Herz sich nie einem leidenden Mitmenschen in Liebe erschlossen, deren Auge nie das Elend geschaut, deren wohlgespickte Börsen sich nie zur Linderung von Not und Armut geöffnet hatten. Und während die stolze Wagenreihe vorüberflog, gab der verlassene, von der ganzen Menschheit hinausgestoßene Arme betend seinen gottentsprossenen Geist mit Gott versöhnt in die Hände seines Schöpfers und Erlösers zurück.