Kopfvignette des 34. Kapitels

34. Kapitel.
Tom begegnet zwei Gesellen, die er lieber nicht sähe.

T

Tom war unterdessen auf dem Wege zur Stadt. Eine Viertelstunde war er schon ohne Ermüdung vorangeeilt; denn die Anstrengung war für den starken, abgehärteten Knaben eher ein Vergnügen als eine Unannehmlichkeit. Die Ellbogen fest in die Seiten gestemmt, die Hände geballt, den Hut tief in Gesicht und Nacken gedrückt, wäre er für jeden Liebhaber athletischer Übungen ein erwünschter Anblick gewesen.

Jetzt hatte er die Stadt in Sicht.

„Vorwärts, alter Junge!“ sprach er zu sich selbst. „Noch eine Viertelstunde ist’s, aber wenn Du es nicht in zehn Minuten machst, geb’ ich keinen Heller für Dich! — Jawohl, auch in sechs muß es gehen!“

Da erblickte er gar nicht weit von sich zwei Gestalten.

„Wer mag das sein?“ fragte er sich. „Vielleicht sind es Freunde. Doch ich sehe es ja bald; sie kommen auf mich zu.“

Als sie sich hinreichend genähert hatten, erkannte er zwei Knaben, aber gerade diejenigen, die er für heute lieber auf den Mond als auf seinen Weg gewünscht hätte. Der eine war nämlich kein anderer als der berüchtigte Kracher, der zweite ein jüngerer, gleichgesinnter Genosse, Dick mit Namen, der die Ehre hatte, Krachers besonderer Freund genannt zu werden.

Auch sie erkannten in ihm sogleich einen Zögling des Pensionates, und Tom sah schon voraus, was kommen werde. Der Kleinere warf die Schlittschuhe, die er trug, auf der Stelle zu Boden und fing trotz der Kälte an, seinen Rock auszuziehen: die Vorbereitung zu einem Faustkampfe.

„Eine nette Geschichte!“ dachte Tom. „Ich soll dran, und ich bin doch gar nicht in der Verfassung, mich mit diesen Kerlen zu balgen. Ausreißen kann ich nicht; dann liefen sie mir nach und Kracher hätte mich bald eingeholt. Hätte ich nur einen rechtschaffenen Knüppel; dann wollte ich sie schon Mores lehren!“

Unmittelbar vor den beiden ging er langsamer, um ruhiger atmen und sprechen zu können. Allein der Altere überhob ihn der Mühe, das Gespräch zu eröffnen.

„Nach solchen Kinderchen wie Du sind wir gerade ausgegangen,“ sagte er.

„Komm’ her, Du Pensionatsknäblein!“ rief der andere. „Komm’ her, und zeig’ mal, was Du kannst! Vorwärts! mach’ Dich bereit!“ Dabei führte er eine Art Kriegstanz vor Tom auf, um diesem zu beweisen, wie mutig er sei.

Tom ergötzte dies dergestalt, daß er für einen Augenblick seine wichtige Sendung vergaß. Ein vergnügtes Zwinkern spielte um seine Augen, und die Gesichtsmuskeln zuckten ihm so stark, daß er nach seinem eigenen Geständnis und Ausdruck, es nur mit Mühe fertig brachte, sein „Schmunzeln nicht loszulassen“.

Dick gewahrte das, hielt es aber für Furcht; er ließ deshalb seiner ungeschliffenen Beredsamkeit vollends die Zügel schießen und erging sich in Ausdrücken der Verachtung, die hier nicht wiederzugeben sind.

Anfangs steigerte sich Toms Vergnügen nur noch. Plötzlich aber wurde sein Gesicht sehr ernst; denn der Schnee begann zu fallen, und erinnerte ihn an Percy und den Sterbenden.

„Hört,“ sprach er mit großer Ruhe und Freundlichkeit, „ich bin nicht auf einen Kampf gefaßt. Dort hinten liegt ein Mann, ein ....“

„Schwindel!“ rief Kracher. „Ob Du gefaßt bist oder nicht, das ist uns egal. Du nimmst es mit Dick auf! der ist nicht größer als Du. Sonst prügle ich Dich, bis Du nicht mehr weißt, wo Deine Knochen sind.“

„Nein, ich thue es nicht!“ erklärte Tom fest und entschieden.

„Nicht? ich habe mir doch gleich gedacht, Du wärest ein Feigling. Versetz’ ihm eines, Dick! Er soll!“

Dick folgte der Anweisung, stürzte sich auf Tom und führte einen Stoß gegen ihn. Tom erhob halb unschlüssig die Hände, um sich zu schützen, vermochte aber den Stoß nur teilweise abzuwehren und wurde im Gesichte getroffen.

Tom war nun keineswegs leicht zu erzürnen, aber andererseits auch kein Engel der Sanftmut. Der plötzliche, so ganz ungerechtfertigte Angriff, sowie das Gefühl des Schmerzes ließen ihn jetzt sich selbst und seiner Aufgabe vergessen; er ballte die Faust und führte einen so kräftigen Stoß auf seinen Gegner, daß dieser nach rückwärts taumelte und fast zu Boden fiel. Wie der Blitz war Tom bei ihm, um ihn völlig niederzuwerfen. Allein die erhobenen Hände senkten sich: Tom gedachte des Unglücklichen, der mit dem Tode ringend auf der Prärie lag, dachte an Percy, der ohne genügende Kleidung diesem Wetter schutzlos ausgesetzt war. Inbrünstig betete er um Entschlossenheit und Mut. Und die Gnade kam in sein Herz, sanft und lieblich, wie die Schneeflocken, welche jetzt die Luft erfüllten.

„Wenn Ihr wollt,“ sprach er, indem er einen Schritt zurücktrat, „so schlagt nur beide auf mich los. Ich wehre mich nicht. Nur um eines bitte ich Euch. Nicht weit von hier liegt ein armer Mann auf der Prärie und stirbt vor Hunger. Wenn Ihr dann mit mir fertig seid, so geht doch hin, ihm zu helfen, oder verschafft ihm sonst Hilfe! Und Dich bitte ich von Herzen um Verzeihung, Dick, weil ich Dich in der Hitze geschlagen habe.“

Während dieser Worte hielt Tom mit seiner rechten Hand in der Jackentasche das Skapulier des göttlichen Herzens gefaßt, das er einstens Percy gezeigt hatte. Seine Wangen waren blaß, aber unerschrockenen Auges erwartete er den Ausbruch niedriger Rache, den er als unvermeidlich vorauszusehen glaubte.

Allein Gott war mit diesem guten Willen zufrieden. Seine Worte bewirkten etwas ganz anderes, als er gedacht hatte.

Dick errötete — oft mochte ihm das nicht passiert sein — und auch auf Kracher schienen Toms Worte einen sehr tiefen Eindruck gemacht zu haben.

„Ein armer Mann?“ sprach er und war sichtlich ergriffen. „Warum hast Du uns das nicht gleich gesagt? Dann hätten wir Dich nicht aufgehalten. Aber was können wir thun? Ich habe etwas Wein bei mir, den will ich gern hergeben.“

„Wein?“ rief Tom erfreut. „Gerade das Rechte. Aber es ist keine Zeit zu verlieren; er kann jeden Augenblick sterben.“

„Dann vorwärts!“ sprach Kracher.

„Kann ich nicht auch helfen?“ fragte Dick eilig.

Die Frage war an Tom gerichtet und in einem Tone gesprochen, der zugleich volle Verzeihung zusicherte.

„Gewiß, Dick, mein Freund, Du kannst sehr viel thun. Lauf’ zur Stadt und hole so schnell Du kannst einen Wagen oder Schlitten! — Wir sind Freunde, nicht wahr?“

Bei diesen Worten schob Tom ein Dollarstück in Dicks Hand. Der arme Junge mit den geflickten, dünnen Kleidern sah allerdings aus, als könne er eine materielle Unterstützung wohl gebrauchen.

Er wollte danken, aber die Ausdrücke für edlere Gemütsbewegungen waren ihm nicht geläufig. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und wandte sich ab, ohne ein Wort hervorbringen zu können.

Tom und Kracher eilten also zur Unglücksstätte zurück.


Der Schnee fällt in dichter Menge. Auf der weißgekleideten Erde liegt eine frische Leiche; ihr Antlitz ist durch ein letztes Gebet verklärt.

Zur Seite kniet ein betender Knabe, ohne Schutz gegen Schnee, Kälte und Wind.

Für Tom wie für seinen minder zartfühlenden Gefährten bedurfte es keiner Worte, um den Lauf der Dinge zu erklären. Einen Augenblick standen sie sprachlos vor dem ergreifenden Bilde. Dann knieten auch sie wie auf Übereinkunft neben dem Toten nieder, und im Gebete wurden alle eins.

Als der Wagen kam und die Leiche unter dem Dache von Segeltuch geborgen war, wandte sich Kracher zu Percy:

„Kennst Du mich noch?“

Percy schaute ihn an, nickte und reichte ihm lächelnd die Hand.

34. Kapitel, Schlussvignette